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Full text of "Correspondenz Blatt Für Schweizer Ärzte 1888 18"

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COREESP ONI) ENZ-BLA TT 

für 

Schweizer Aerzte. 


Herausgegeben 

von 

Dr. E. Haffter 

in Frmnenfeld. 


Jahrgang XVIII. 


'1888 







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BABEL. 

BlNNO Schwade, Verlagsbuchhandlung. 

1888. 


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Register. 


I. Sachregister. 

(0 = Originalarbeiten.) 

.Abdominaltyphus, wiederholtes Erkranken an 294. 
— Behandlung 517. 

Absonderungsspitäler, Desinfeetion von 263. 
Accommodationsparese, einseitige, m. Mydriasishei 
inveterirter Syphilis 0 97. 

Accommodation, ungleiche, bei Gesunden u. Aniso- 
metropen 477. 

Acidum boricum, Wirkung, Application 159. 

— carbol-camphorat. 229. 

Acne, gegen chron. 773. 

Actinomycosis hominis 0 234. 

— drei Fälle 0 329, 371. 

— anat. Präparat 252. 

Aerztealbum, Verdankungen, jeweilen am Schlüsse 
der Nummer. 

Aerzte, Beschluss über fremde 483, 549. 
Aerztediplom 190, 263, 453. 

Aerzte, Fortbildungsunterricht für practiBche 533. 
Aerzte in Frankreich 456. 

Aerztetag, schweizerischer in Lausanne 1888 118, 
157, 262, 327, 376, 405 433. 

Aether gegen pediculis puois 646. 

Aethernarcose 64. 

— Zweckmässigkeit der 482, 578, 0 713. 
Agaricin gegen Schweiss d. Phthisiker 96. 
Atx-les-Bains 385, 417. 

Amazie 472. 

Ammoniak, kohlensaures, faulnisswidrig 615. 
Anästhesie, locale 96. 

Anaesthesirung schmerzhafter Wehen 455. 
Aneurysma aorta, doppelt 441. 

Antipyretica, moderne 0 553. 

Antipyrin, als Hämostaticum 327. 

— gegen Keuchhusten 710, 743. 

— Nebenwirkung 611. 

— toxische Nebenwirkung 0 681. 

Antisepsis, zur 90. 

Antiseptica 294. 

cn Antwort d. Bundesrathes an d. Engadiner Höte- 
liers, über die 261. 

An unsere Leser 233. 

Apoplectiformes Einsetzen neuritischer Erschei- 
> nun gen 0 425, 434. 

^ Asepsis, einfache Methode 0 3. 

Ataxie, anat. Localisation d. hereditären 251. 


Athmung künstliche, Einfluss auf <1. Blutdruck 277. 

— n. Kreislauf, Einfluss d. Bauchfüllung auf 632. 

Ausrottung der Kaninchen in Australien 158. 

Bacillus strumitifl Tavel, Producta des 79. 

Bacteriologiseher (’urs 514, 710. 

Bauchfüllung. Einfluss a. Athniung u. Kreislauf 632. 

Beilagen: Kreosot-Kapseln nach Sommerbrodt zu 
Nr. 4: Bad Rothenbrunnen zu Nr. t»: Phenace¬ 
tin zu Nr. 9; Eisenbitter v. Schürz ft Cie. zu 
Nr. 10: Kuranstalt Freihof in Heiden zu Nr. 
12: lllustr. Monatschrift d. ftrstL Polytechwk 
zu Nr. 12; Müller. Handhueli d. GeburtahtUffe 
zu Nr. 13: Imnan. Stahlbad U. Wasserheilan¬ 
stalt zu Nr. 14; Locarno zu Nr. 16; Biwa- 
peptonat-Essenz zu Nr. 2D: Schulsanatorium in 
bavos zu Nr. 20: Zweitel-Malaga zu Nr. 22. 

Berichtigung 296, 712, 768. 

Bibliographisches, jeweilen an der Spitze der In¬ 
seratenoeilage. 

Bieepssehne, Zerreiaanng der 49. 

Blasenmole, destruirende 541. 

Blasen riss 49. 

Blasentumoren, zur Caauiatik der 119. 

Blutdruck. Einfluss d. kiinstl. Athmung auf den 277. 

Borsäure. Vergiftung 743. 

Brüekeinklemmung 380. 

Bruatatirker von Largiader 52. 

Bursa pastoris 295. 

Oalomelinjeetionen hei Syphilis 295. 

Can. phenetner, z. Tranapovi des ist. 

Caput obatipnm. congenitaler 26. 

Caravane hydrologique frangaiae 666. 

Ca rbonnatronöfen 7 (3. 

Can inoma pylori, Reaeetien, Erfolg 316. 

Castration, Indication 473. 

Cerehrospinalmeningitis, Verhalten zu d. Infec- 
tionskrankh. 126. 

Chininin jeetionen, subeutane 360. 

ChloraLhydral 661. 

Chloroformpnaaer, antiaept Wirkung 32s. 

— \ n U endu ng 616. 

Chlorzinküt zungen, h. malignen Neubildungen 

— intrauterine 666. 

Che ae y a l en tar o efaanto , einseitige 171. 

Cholera. Schutzimptung *'>7!*. 

Codein 610. 


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IV 


Coffeininjectionen bei Herzschwäche 552. 
Collyrien, Missbrauch und Gebrauch 0 177. 
Concordat mit England 123, 190. 

Condurango, Extractum fluidum 456. 

Congresse: zum Studium d. Tuberculose 64, 517; 
deutscher C. f. Chirurgie 158; für innere Medi- 
cinl58; französischer für Chirurgie 158: inter¬ 
nationaler Ophthalmologencongrcss 294; für Fe- 
riencolonien u. Sommerpflege 390 ; 4. internst. 
Otologeuoongress 643. 

Coryza 63. 

Coxitis 49. * 

Creolin, neues Antisepticum 231. 

— interne Anwendung 679. 

Curpfuscherei 420. 

Darmeinklemmung 0 400. 

Darmresection wegen Littre’schen Bruches 436. 
Darmverletzungen, Erkennung u. Localisirung 583. 
Dermatosen, gegen juckende 773. 

Desinfection v. Absonderungsspitälern 263. 

— d. Instrumente 648. 

Desodorisirung d. Jodoforms 456. 

Diphtherie, über 0 102. 

Dissertationen d. medicin. Facultäten 515. 
Diureticum, Roob juniperi 741. 

Finbalsamiren 647. 

Encephalopathia saturnina, Tod 282. 
Entartungsreaction, über 206. 

Entzündung, Lehre von der 83. 

Enuresis nocturna et diurna 615. 

Epilepsie 152. 

Ernährung u. Dispcpsie im Säuglingsalter 0 193, 
472. 

Eröffnung d. Instituts Pasteur 775. 

Erysipel, Aetiologie u. Therapie 127. 

— Heilwirkung auf Geschwülste 391. 

— Behandlung 485. 

Etherisation de Juillard 6-41. 

Exstirpation d. äusseren knorpel. Gehörganges 22. 
Extensionsschlitten 474. 

Extrauterine Schwangerschaft, electrische Behand¬ 
lung 487. 

Fachexamen, medicin. 190, 262, 453, 677. 
Facultäten, medicin., Dissertationen 515. 

— — Frequenz der 63, 453. 

Fahne hoch: Auf nach Lausanne! 297. 
•Feriencurse, Münchener 769. 

Filzschienen z. Behandlung d. Klumpfüsse 474. 
Fingerankvlosen fälsche, Behandlung mittelst Mas¬ 
sage 43?. 

Fingernägelkauen 550. 

Folie ä quatre 504. 

Fortbildungsunterricht für pract. Aerzte 533. 
Fremdkörper, metallische, Nachweis mittelst tele¬ 
phonischer Hohisonde 631. 

— - zum telephon. Nachweis der 707. 

— Nachweis mittelst Electricität 733. 

Frequenz d. medicin. Facultäten 63, 453. 
Friedrich III., Kaiser: Krankheit 488. 
Frühgeburt, künstl., mit Accouchement force 188. 

— Erfahrungen über die Einleitung der künst¬ 
lichen 249. 

Frühjahrscatarrh 110. 


Gallensteine, Ursache der Bildung beim weibl. 
Geschlechte 486. 

Gallenwege, Chirurgie der 0 65. 

Ganglienzellen im Gyrus sigmoideus d. Katze 605. 
Gastroenteritis nach Schinkengenuss 59. 
Gastroenterostomie 0 457. 

Gastrostomie mit Sphincterbildung 345. 
Gaumenspalten, angeborene, Behandlung 0 521. 
Gebärmutterkrebs, Erfolge d. operat. Behandlg. 
des 0 746. 

Geburten und Sterbefälle 91. 

Geburtshülfe und Gynäkologie, Stellung als kli¬ 
nische Lehrfächer 0 618, 660. 

Geburtsperiode, dritte, Verhalten d. Arztes 248. 
Gefässbewegungen 507. 

Geheimmittelunwesen 485. 

Gehörgang, Exstirpation d. knorpelig, äusseren 22. 
Gelenkrheumatismus, acuter, Behandlung 550. 
Geschwüre, Behandlung torpider 294. 

Gesellschaft für Gynäkologie, deutsche 294. 
Gesundheitspflege u. Revision des schweizerisch. 
Volksschulwesens 0 131. 

— deutscher Verein für 31, 262. 
Gesundheitswesen, Organisation des eidgen. 118. 
Glycerin-Injectionen, Wirksamkeit d. rectalen 456. 

-Suppositoricn 423. 

Gonorrhce, abortive Behandlung 63. 

Gonorrhoische Allgemein-Infection 253. 

— Vaginitis u. Endometritis, Behandlung 63. 
Gummidrains, Desinfection u. Härtung 551. 
Gymnasialreform 145. 

Gypsbinden, gefettete 148. 

Gypscorsetts, abnehmbare 51. 

Hämatoma vagin® et vulv® 373. 
Hämatoporphyrin 313. 

Hämostaticum, Antipyrin 327. 

Harnblase, manuelle Entleerung 774. 

Harnruhr, zuckerige und einfache 0 394. 
Hautkrebs, Aetiologie 316. 

Hauttransplantation 469. 

Hautwarzen, gegen 774. 

Hebammen, Fortbildungscurse und Stellung 379. 

— Repetitionscurse für 485, 548. 

Hemicranie 296. 

Herniotomie in der Privatpraxis 0 76. 
Herzmittel, über moderne O 33. 

Herzschwäche, Coffeininjectionen 552. 

Heufieber, Behandlung 390. 

Hirnwindungen, Ursache der 50. 

Holzschnitte: Moderne Herzmittel 38, 39, 40; 
Gaumenspalten, Behandlung 527; Milzexstirpa¬ 
tion 650, 654, 656; Aethernarcose 717. 
Hülfskasse für Schweizer Aerzte: Beil, zu Nr. 2, 

4, 6, 8, 10, 12, 14, 16, 18, 20, 22; ferner 

5. 118, 224. 

Husten, nervöser, und seine Behandlung 518. 
Hydrargyrum salicylicum 296. 

Hygieine, Unterricht am eidg. Polytechnicum 118. 
Hypnotische Fälle 181. 

Hypnotismus, zur Behandlung d. Stotterns 353, 
387, 616. 

— practische ärztliche Seite des 728. 
«Jahreswende, zur 1. 

Immunität, Erzeugung durch lösl. Substanzen 454. 


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V 


Immunität, Stand d. modernen 0 489, 509. 
Impotentia generandi 519. 

In eigener Sache 192, 232. 

Infectiosität d. Fleisches u. d. Milch perlsüchtiger 
Kühe 581. 

Infectionskrankheiten in Basel, Bern, Zürich, in 
jed. Nummer. 

Instrumente, Desinfection der 848. 

Instrumente und Verbandtasche 224. 

Jodoform, Desodorisirung 458. 

Jubiläum 773. 

Kalköfenarbeiter, Immunität gegen Lungen¬ 
schwindsucht 878. 

Kinderdiarrhce, gegen 518. 

Kindersterblichkeit und Milchverso rgung 81. 
Klumpfuss 49. 

Kohlendunstvergiftung, Transfusion, Heilung 258. 
Kothsteineinklemmung mit Necrose d. Spitze d. 

proc. vermiformis o3. 

Kranken trän Sportwagen 51, 212. 

Krebs, zur Aetiologie d. Haut- 318. 

— d. Gebärmutter, Erfolge d. operat. Behandlg. 
des 0 746. 

Kreislauf, unblutige Entlastung d. kleinen 513. 
Kreosot, in Form v. Mineralwasser 582. 

— gegen Lungentuberculose 677. 

— Emulsion 742. 

Krümmungen der Wirbelsäule bei Scoliose 53. 
Kurzsichtigkeit, unmittelbare Ursachen 605. 

Lähmungen im Bereiche d. plexus brachialis 475. 
Lampe, electr., Retter in d. Noth 549. 
Langenbeckstiftung 677. 

Laryngitis hypoglottica acuta 0 562. 
Laryngo-Fissuren u. Larynx-Exstirpation 318. 
Larynxphthise, Heilbarkeit u. chirurg. Behand¬ 
lung 472. 

Laufstühlchen für Hüftleidende 475. 

Lichen ruber planus 80. 

Lipanin, Ersatzmittel für Leberthran 262. 
Lungenemphysem, Behandlung 377. 
Lungentuberculose, Behandlung mit Fluorwasser¬ 
stoff 142. 

— mit Kreosot 677. 

— Immunität von Kalköfenarbeitern gegen 678. 
Lytholyse, über 229. 

Kagenblutungen, heisses Wasser bei 582. 
Magendarmcatarrh d. Kinder 455. 
Magengeschwür, Behandlung d. runden 357. 

Mal perforant du pied 638. 

Mastitis, puerperale 486. 

Medicinalprüfnngen, eidg. 190, 262, 453, 677. 
Medicinische Facultäten, Dissertationen 515. 
-Frequenz der 63, 453. 

— Presse 294. 

— Publieistik 743. 

Medicinstudirenden, über d. Vorbildung der 566. 
Medulla oblongata, Entwicklung 604. 

Menthol, chirurg. Verwendung 112. 
Microorganismen, Untersuchung d. Luft auf 251. 
Migräne, gegen 680. 

MHchkochapparat für die Ernährung des Säug- 
Milchsäure, Antidiarrhoicum 615. 


Militärsanitätswesen, Curs für Sanitätsstabsoffi- 
ciere 449. 

— Ein Beitrag zum schweizer. 672. 

— Erkrankungen v. Militärs n. d. Dienste 422. 

— Operationscurs in Zürich 577. 

— Operationswiederholungscurs in Genf 771. 

— Versammi. Schweiz. Sanitätsstabsofficiere 321. 
Milzbrand 120. 

Milzexstirpation, glückliche 0 649. 

Molluscum contagiosum, ImpfverBucli mit 254. 
Mono^legia brachialis mit Sen si bi litätsstö rangen 

Morbus Bnsedowii 539. 

-Höhecuren bei 582. 

— Brighti acutus, Aetiologie 551. 

München 156. 

Muskelatrophie, progressive, hereditäre 603. 
Muskelerkrankung, seltene 121, 152. 

Myrtol, innerl. Gebrauch 709. 

Nagel, eingewachsener, Behandlung 422. 

Narcose, gemischte 582. 

— par rether 578. 

Nasenbluten, Terpentinöl als Hämostaticum 296. 
Necrologe: Roth, Dr. Gottlieb 89; Baader, Arnold 
129, 130, 161; Fetzer, Dr. A. 321; Jung, Dr. 
Joh. 352; Keiser, Dr. August 355; Eberhard, 
Dr. R. 385: Fontana, Dr. Justo 450; Girtanner, 
Dr. Carl 709. 

Necrose d. Spitze d. proc. vermiformis 53. 
Nervensystem, centrales, neuere Untersuchungs¬ 
methoden 0 498, 507. 

Neurasthenie, Begriffbestimmung und Therapie 
0 241, 271. 

Neuritische Erscheinungen, apoplectiformes Ein¬ 
setzen 0 425, 434. 

Neurologen und Irrenärzte, Versammlung 361. 
Neurosen d. Magens u. d. Darms 0 324. 

Obstipation habituelle, Behandlung 20, 0 168. 
Oel, graues 423. 

Oesopnagotomie 757. 

Operationscurs, militärischer 577. 
Ophthalmoscopie, Mittheilungen 344. 
Opiumvergiftung, acute 472. 

Opticuserkrankungen u. Gehirnaffectionen 254. 
Optische Leitungsbahnen u. Centren 346. 

Oreiller inhalateur 142. 

Otologen-Congress, 4. internat. 643. 

Ozaena, Behandlung 773. 

JPancreascysten 279. 

ParalyBis agitans 246. 

Paraphimose, Behandlung 774. 

Pasteur, Eröffnung d. Instituts 775. 

Pediculi, gegen 295. 

— pubis, Aether gegen 646. 

Personalien: 32, 90, 96, 125, 158, 192, 229,294, 
390, 453, 484, 485, 488, 515, 517, 615, 646, 
676, 677, 773. 

Petition 222. 

Pharmacopoe, schweizerische 676. 

Pharyngitis chronica, Behandlung 296. 
Photographien d. Auges bei Magnesiumblitz 295. 
Plattennant der Nase bei Hasenscharten, Modifi- 
cation 112. 


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VI 


Pleuritis chronica serosa 376. 

Plumbum causticum 615. 

Pocken 325. 

Poliomyelitis anterior acuta 247. 

Pravaz-Spritzen 552. 

Preisangaben: 32, 262, 515, 518, 582, 774. 
Psychiatrie, ä l’examen medical federal 505. 

— des Felix Plater 508. 

Puerperale Pyämie 186. 

Puerperalfieber, Jketiologie 646. 

Purgans, Glycerin 295. 

Pylorusstenose, traumat. narbige 317. 

Machencatarrh, Therapie 128. 

Redactionsartikel: Zur Jahreswende 1: In eigener 
Sache 192, 232; An unsere Leser 233; Berich¬ 
tigung 296; Fahne hoch! Auf nach Lausanne! 
297; Zur XXXVI. Versammlung d. ärztlichen 
Centralvereins 617; Rückblick 745. 

Reden (Toaste) Kocher 534. 

Rettungswesen 51. 

Revision d. Art. 69 d. Bundesverfassung 222. 
Richtigstellung, zur 125. 

Rindencentra, Erkrankungen d. corticalen 0 722. 
Roob juniperi, Diureticum 741. 
Rückgratsverkrümmungen, Messapparat für 52. 
Ruptur d. Sehne d. r. M. quadriceps femoris 0 


Salol bei Blasencatarrh 648. 

Sanitätscojnmission, Eingabe an 439. 
Sanitätsstab8officiere, Versammlung Schweiz. 321. 

— Curs für 449. 

Sanitätswesen, Schweiz., Organisation 118, 408. 

— Organisation des 674» 

Säuglingsalter, Ernährung u. Dyspepsie im 0 193. 
Schlangenbiss 0 592, 675. 

Schulhygieine 96. 

— Revision d. Volksschulwesens 739, 742. 
Schutzimpfung gegen Cholera 679. 

Schwämme, giftige u. essbare 0 690. 
Schwangerschaft, extra-uterine 487. 

— u. Geburt, Complication mit Tumoren der 
Beckenorgane 700. 

Schwielen u. Warzen, Behandlung 264. 

Scoliose, Behandlung 358. 

Sehnenruptur d. r. M. quadriceps femoris 0 298. 
Soci^td m4dicale de la Suisse romande 676. 
Somnambulisme hystdrique gu^ri par la Sug¬ 
gestion 290. 

Sozojodol 96. 

Speicheldrüsen, Entzündung 668. 

Spitäler, zwei Monate in Londons 638. 
Spondylitis u. Behandlung 442. 

— Behandlung mit d. Sayre’schen Gypsverband 
0 585. 

Spülmittel, antisept 744. 

Staar, Erblichkeit d. grauen 0 599. 

Stand der Infectionskrankheiten in Basel, Bern, 
Zürich, in jeder Nummer. 

Statistisches: Geburten u. Sterbefälle 91; Hülfs- 
kasse für Schweizerärzte 118, 224; Medicin. 
Facultäten, Frequenz 63, 453. 

Stenocaipin und Erythrophlaein 159. 
Stoffwecnsel, Einfluss der Uebung auf . den 629. 
Stottern, Behandlung durch Hypnotismus 353, 387. 


Sublimatfrage, zur 92, 125. 

Sublimatlösung 316. 

Sulfonal 392. 

Syphilis u. Behandlungsmethoden 64. 

Talcum bei Diarrhoe 648. 

Taschenetui, antiseptisches 86. 

Telephonische Hohlsonde z. Nachweis metallischer 
Fremdkörper 631, 707. 

Terpentinöl, Hämostaticum 296. 

Thermometer 148. 

Thrombus s. Hsematoma vaginse et vulvae 323. 
Toaste, Kocher 534. 

Trachealcanulen 474. 

Tracheotomie, zur 679. 

Transfusion bei Kohlendunstvergiftung 258. 
Transplantation, Haut 469. 

Trepanation bei Schädeifracturen 0 361. 
Trinker-Heilstätte EUikon 614. 

Trinkwasser, Desinfection durch Wasserstoffsuper¬ 
oxyd 551. 

Tuberculose, Behandlung 710. 

— Chirurg. Diagnose durch Meerschweinchen¬ 
impfung 314. 

— Congress z. Studium der 64, 517. 

— d. Kniegelenks 414. 

— d. Larynx, Heilbarkeit 472. 

— der Lungen, Behandlung mit Fluorwasserstoff 
142. 

-mit Kreosot 677. 

-Immunität von Kalköfenarbeitern gegen 

678. 

— Untersuchungen, experimentelle 423. 
Tuberkelbacillen, bacteriologisch-chemische Unter¬ 
suchungen auf 604. 

— Verbreitung durch Fliegen 518. 

Tumoren der Beckenorgane, Complication von 

Schwangerschaft u. Geburt 700. 

XJniversitz a Lausanne 449, 742. 

Untersuchung d. Luft auf Microorganismen 254. 
Urethroraphie 471. 

Vaginitis u. Endometritis, Behandlung der go¬ 
norrhoischen 63. 

Varicellen bei Erwachsenen 0 265, 303, 334. 
Versammlung d. deutschen Vereins für öffentliche 
Gesundheitspflege 262. 

— d. Schweiz, ärztlichen Centralvereins 293; in 
Lausanne 376, 405, 433; in Olten 696, 728. 

— deutscher Naturforscher u. Aerzte 294, 642. 
Volksschulwesen, Revision des 789. 

Wasserstoffgaseintreibungen ins Rectum 552. 
Wasserstoffsuperoxyd z. Desinfection des Trink¬ 
wassers 551. 

Wehen, Anästhesirung schmerzhafter 455. 
Winterstationen Andermatt, Davos, St. Beaten¬ 
berg 0 43, 71. 

Wirbelsäule, Krümmungen bei Scoliose 53. 

Zahncaries 551. 

Zahnschmerzbalsam 551. 


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VII 


U. Namenregister. 

Ambühl 116. 

Arnold 356. 
y. Arz 49, 224, 577. 

Baader 27. 

Bänziger 217, 218, 286. 

Behrens 26. 

Berdez 377. 

Bernhard 0 188. 

Bernoulli, D. 672. 

Bircher 49. 

Bleuler 25, 417, 480, 513, 573. 

Bloch 450. 

Böhi 121, 152. 

Bohny 449. 

Brandenberg, F. 611. 

Brunner, Conrad 361. 

Brunner, Gr. 444. 

Bueler 20, 0 168. 

Burckhardt, A. 479, 511, 738. 

Burckhardt, Director 507. 

Burckhardt, E. 478. 

Challand 505. 

Courvoisier, L. G. 0 65. 

Debrunner 511. 

Demme 87, 258, 482, 576. 

Dick 379. 

Dind 123. 

Dubois 206, 0 425, 434, 733. 

Dumont 26, 380, 382, 0 400. 415, 416, 447, 0 
713. 

Eichhorst, Prof. H. 0 33, 0 393. 

Egger 319. 

Egli-Sinclair 82, 86. 

Emmert, E. 110, 344, 605. 

Eehling, Prof. H. 248, 473, 700. 

Fick, A 477. 

Fischer 610. 

Flesch, Prof. 50, 186. 

Forel, Prof. 181, 504, 728. 

Fritsch 63. 

Fritzsche, F. 0 457. 

GarHi 24, 92,150, 258, 286, 321, 384, 454, 469, 
480, 487, 613, 582, 615, 636, 646, 678, 710, 
739, 744, 764, 774. 

Gaule 212. 

Gelpke, L. O 76, 119, 638. 

Gerster 64. 
de Giacomi 142. 

Girard 112, 344. 

Glatz, Dr. P. 152. 

Goldschmid 741. 

Goll 547. 

Greppin, L. 0 498, 507. 

Eaab, Prof. 253. 

Haffter, E. 31, 89, 382, 414, 416, 513, 545, 546, 
576, 608, 672. 705, 737, 743. 
Hagenbach-Burckhardt, Prof. E. 0 193. 

Hägler, C. 257, 609. 

Hammerschlag 604. 


Hanau 441, 668. 

Hegner 145. 

His, Prof. 604. 

Hosch, F. 0 97, 0 599. 

Huber, Armin 539, 0 553. 

Hürlimann O 131. 

v. Ins, A. 80. 

Kalt 548. 

Kappeier, O. 0 521. 

Kaufmann C. 116, 125, 183, 285, 287, 0 298, 
320, 349, 381, 0 592, 631, 638, 642, 766. 
Keller 580. 

Kerez 81. 

Kocher, Prof. Th. 0 3, 414, 0 349. 

Kollraann 257, 320, 448, 574. 

Kronecker, Prof. H. 277, 629, 632. 

Krönlein, Prof. 125, 316, 757. 

Kummer, Dr. E. 638. 

Kunz, James 79. 

Kürsteiner 674. 

H-adame 214, 290. 

Langhans, Prof. O. 329, 371. 

Laray 279, 436. 

Lichtheim, Prof. 603. 

Lindt, jun. 282. 

Loßtscher 117. 

Lotz 382, 479, 633. 

Ludwig, J. M. O 102, 483. 

Lüning 22, 51, 87. 

Meyer, H. 541, O 746. 

Meyer-Hüni, Dr. R. 478. 

Miniat 675. 
v. Monakow 346, 605. 

Müller, E. 325. 

Müller, H. 183, 0 681. 

Müller, Dr. J. 769. 

Münch, A. 88, 217, 0 234, 481, 704, 705. 
v. Muralt, W. 442, 474, 0 585. 

v. Nencki, Prof. 313. 

Niehans, P. 318, 320, 437. 

Oeri 249. 

Eackard 64. 

Pauly 767. 

Perregaux, E. 0 202, 323, O 722. 

Peyer, Alex. 0 624. 

Pfister 767, 771. 

Rahn-Meyer 566. 

Reiffer 550. 

Ringier, G. 353, 385, 417. 

Ritter 740. 

Rohrer 383, 514, 645. 

Ronus 616. 

Roth, Prof. 252. 

Roth 215, 256, 257, 285, 287, 319. 383, 384, 447, 
548, 573, 574. ' * 

Roux 0 578, 642. 

Rütimeyer 252, 547, 671, 703, 742. 

Sahli, H. 89, O 489, 509, 634. 

Sahli, W. 707. 


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VIII 


Schar, Ed. 606, 671. 

Schaerer 511. 

Schiess. Prof. 0 177. 

Schmid, Fr. 0 43, 71. 

Schneider, Th. 229, 0 690. 

Schnyder, Dr. 224, 671. 

Schüler, Dr. 29. 

Schulthess, W. 23, 52. 

ScllWwgult 472. 

Secretan, Bern i -376- 

Seitz, Joh. 26, 27, 54, r>8, 213, 0 265, 303, 334, 
479, 511, 543, 544, 572, 630, 706, 738. 
Siebenmann, F. D. 157, 186, 256, 417. 

Siegmnnd 59, 121, 151. 

Sigg 90, 261, 452, 484, 610, 637. 

Socin, Prof. 471. 

Sonderegger 130, 352, 408, 709. 
v. Speyr 26, 56. 

St. 38o. 

Stöcker, S. 258, 422. 

Streckeisen 247. 

Snchannek O 562. 

Tavel 120, 314. 

Trainer 544, 545, 576, 608, 609, 637, 705, 766. 
Trechsel 151, 218, 384. 479, 575, 636, 763. 

Vigier 63. 

Vogt, R. 51. 

Vögtli, C. 186. 

Wagner, R. O 241, 271. 

Welander 63. 

Widmer 472. 

Wieland 321. 

Wiesmann 55, 57, 184, 511, 549, 571, 634. 
Wille, Prof. L. 54, 55, 246, 416, 447, 508, 512, 
637, 638, 704. 

Wyder, Prof. 0 618, 660. 

Wyaa, Prof. 0 254. 

Ziegler 422. 

Zürcher 290, 350, 701. 

III. Aeten der Aerzte - Commission 
und gesetzliche Erlasse. 

Commission 612. 

Concordat mit England, Entwurf eines 118. 
Hülfscasse für Schweizer Aerzte. Beilage zu Nr. 
2, 4, 6, 8, 10, 12, 14, 16, 18, 20, 22; ferner 
S. 118, 224. 

Petition an das eidg. Departement des Innern 
betr. Organisation des hygieinischen Unterrichts 
und Unterstützung der Universitäten 222. 
Schreiben an den leitenden Ausschuss für eidg. 
Befähigungsausweise 58. 

-die ärztlichen Vereine der Schweiz, betr* 

Organisation des Sanitätswesens 612. 

IV. Vereinswesen. 

Schweizerische Vereine. 
Aerztlicher Centralverein, Einladung 293, 646. 
-Rechnung 155. 

-Versammlung in Lausanne 376, 405, 433. 

-in Olten 696, 728, 760. 

Aerztliche freie Versammlung in Aarau 49. 


Verein Schweiz. Irrenärzte 503. 

Schweizer, naturforschende Gesellschaft. Jahres¬ 
versammlung in Solothurn 356, 484, 603, 629. 

Cantonale Vereine. 

Aargau, cantonale Gesellschaft 142. 

Appenzell, ärztliche Gesellschaft 388. 

Basel, medicinische Gesellschaft 246, 469. 

Bern, medicinisch - chirurgische Gesellschaft des 
CantonB 533. 

— medicinisch - pharmaceutischer Bezirksverein 
20, 50, 79, 110. 142, 206, 277, 313, 344, 379, 
434, 509, 733. ' 

Zürich, Gesellschaft der Aerzte 22, 51, 81, 83, 
180, 181, 253, 316, 346, 441, 474, 539. 666, 
756. 

-des Cantons 144, 566. 

V. Correspondenzen. 

Schweiz. 

Aargau 321, 348, 672. 

Appenzell A.-Rh. 288, 549, 674. 

Basel 59, 186, 449. 

Baselland 119, 638. 

Bern 120, 321, 385, 417, 482, 638, 707. 

St. Gallen 352, 709. 769. 

Genf 152, 290. 

Glarus 27. 

Graubünden 188, 483, 549. 

Luzern 222, 258, 420. 

Solothurn 224, 577. 

Thurgau 29, 89, 121, 152, 513, 550, 610. 

Waadt 123, 323, 353, 387, 449, 578, 641. 675. 

Zug 355, 611. 

Zürich 90, 155, 261, 325, 450, 452, 484, 514, 
642, 643, 740, 741. 771. 

Ausland. 

Bayern 156. 

VI. Literatur. 

(Referate und Kritiken.) 

A.damkiewicz, Prof. Dr. A., Der Blutkreislauf d. 
Ganglienzelle 54. 

Ahlfela, F., Ab wartende Methode oder CrM^’scher 
Handgriff? 544. 

Arndt, Prof. Dr. R. u. August Dohm, Der Ver¬ 
lauf der Psychosen 26. 

Aufrecht, Dr., Die Lungenschwindsucht mit be¬ 
sonderer Rücksicht auf ihre Behandlung 186. 

Baranski, Dr. Anton, Anleitung zur Vieh- und 
Fleischschau 151. 

Bardenheuer, Dr. B., Der extraperitoneale Ex- 
plorativschnitt 287. 

— Die Resection des Mastdarms 571. 

Baumgarten, Prof., Lehrbuch der pathologischen 

Mycologie 286. 

— Jahresbericht über die Fortschritte in der 
Lehre v. patholog. Microorganismen 764. 

Benedikt, Prof. M., Kraniometrie und Kephalo- 
metrie 574. 

v. Bergmann, E., Zur Erinnerung an Bernhard 
v. Langenbeck 634. 

Bericht (14.) über das Kindenipital Zürich 149. 

Berliner Klinik: I. Ziele u. Wege d. ärztlichen 
Thätigkeit. II. Icterus, Entstellung und Be¬ 
handlung, von Prof. Senator 637. 


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IX 


Binswanger, Ueber die Beziehungen des mora¬ 
lischen Irreseins zu der erblichen degenerativen 
Geistesstörung 513. 

Birch-Hirschfeld, Prof. Dr., Lehrbuch der pathol. 
Anatomie 150. 

Bramsen, Dr. A., Die Zähne unserer Kinder 
während des Heranwachsens 546. 

Braun, D. J., Systematisches Lehrbuch d. Bal¬ 
neotherapie 116. 

Brass, Dr. A., Die niedrigsten Lebewesen, ihre 
Bedeutung als Krankheitserreger etc. 609. 

Brennecke, Beiträge zu einer Reform des Heb¬ 
ammenwesens 319. 

Broesicke, G., Curaus d. normalen Anatomie d. 
Menschen 185. 

Brosius, Dr. C. M., Altes aus neuen Anstalts¬ 
berichten 573. 

Bruck, Ignaz Philipp Semmelweis 447. 

Bruns, Prof. Dr. Paul, Beiträge z. klin. Chirur¬ 
gie, 3. Band 114, 284, 764. 

Bumm, Dr. E., Ueber Achsenzugzangen, Volkm. 
Vorträge 766. 

Bunge, Lehrbuch der physiolog. und patholog. 
Chemie 212. 

— Die Alcoholfrage 543. 

Burckhardt, Dr. A. E. und Dr. Schüler, Unter¬ 
suchungen über die Gesundheitsverhäitnisse d. 
Fabrikbevölkerung in der Schweiz 633. 

Burckhardt, Dir. Dr. G., 38. rapport annuel de 
la maison de sante de Pr^fargier 150. 

Buri, Th., Ueber das Verhältniss der Tuber- 
culose zu den Geisteskrankheiten 186. 

Oamerer, W., Zuckerharnruhr, Corpulenz, Gicht 
u. chron. Kierenkrankheiten 636. 

Chyzer, Dr. Kornel., Die namhafteren Curorte 
und Heilquellen Ungarns 117. 

Da Costa, J. M., Handbuch der speziellen medi- 
cinischen Diagnostik 88. 

Demme, Prof. L)r., 24. Bericht über das Jen- 
ner’sche Kinderspital in Bern 149. 

Derblich, Dr. W., Der Militärarzt im Felde 705. 

Dohm, Dr. August und Prof. Arndt, Der Verlauf 
d. Psychosen 26. 

Ebstein, Dr. W., Die Zuckerharnruhr, Theorie 
u. Praxis 27. 

Eichbaum, Dr., Ueber subjective Gehörswahr¬ 
nehmung 417. 

Eichholz, Dr., Diagnose u. Therapie der aty¬ 
pischen Uterusblutungen 609. 

Eisenberg, James, Bacteriologische Diagnostik 321. 

Erb, Prof. Dr. W., Die Thomsen’sche Krankheit 
(Myotonia congenita) 56. 

Erlenmeyer, Dr. A., Die Morphiumsucht und ihre 
Behandlung 54. 

— Die Principien der Epilepsie-Behandlung 214, 

Erni-Greiffenberg, Dr. H., Behandlung d. Ver¬ 
wundeten im Kriege gegen d. Atjeh 480. 

Fehling, Prof. H., Ueber die nicht auf directer 
Uebertragung beruhenden Puerperalerkrankun¬ 
gen 545. 

Ferdy, Die künstliche Beschränkung der Kinder¬ 
zahl als sittliche Pflicht 256. 


Fetzer, Dr. Max, Compendium der Augenheil¬ 
kunde 217. 

Fick, L., Phantom d. Menschenhirns 257. 

Filehne, Prof. D. W., Cloetta’s Lehrbuch der 
Arzneimittel- u. Verordnungslehre 479. 

Finger, E., Die Blennorrhoe der Sexualorgane u. 
ihre Complicationen 767. 

Fischer, Prof. Dr. H., Lehrbuch d. allg. Chirur¬ 
gie 480. 

Flechsig, Dr. R., Handbuch d. Balneotherapie 608. 

Fournier, A., Die öffentliche Prophylaxe d. Sy¬ 
philis 738. 

Fränkel, Dr. A., Kriegschirurg. Hilfsleistungen 
in dar ersten u. zweiten Linie 481. 

Fritsch, Prof. Dr. A., Zur Klärung in d. Puer¬ 
peralfieberfrage 545. 

Frölich, Major Dr. L., Einrichtung v. Ordonnanz¬ 
kriegsfuhrwerken z. Krankentransport 382. 

Gerhardt^ Handbuch d. Kinderkrankheiten. Die 
chirurg. Erkrankungen d. Kindesalters 415. 

Geissler, Dr. E. u. Moeller, Dr. J., Realencyclo- 
pädie d. gesammten Pharmacie 670. 

Glatz, Dr. P., Etudes techniques et pratiques sur 
PHydrotherapie 215. 

von der Goltz, Die präcipitirten Geburten in Basel 
1867—1885 285. 

Grechen, Gynäcologische Studien u. Erfahrungen 
286. 

Hagenbach, Dr. Carl, Ueber complicirte Pankreas¬ 
krankheiten 382, 572. 

Heryng, Dr. Th., Die Heilbarkeit der Larynx- 
pnthise 478. 

Hirsch, Dr. August, Handbuch der historischen 
geographischen Pathologie 54. 

Hirsenberg, Dr. M., Das Empyem der Gallen¬ 
blase 572. 

Hoch, Dr. J., Propädeutik für das Studium der 
Augenheilkunde 286. 

Hoffa, Dr. Albert, Fracturen u. Luxationen 183. 

Hopital cantonal de Geneve, rapport pour 1886 150. 

Huker, A., Klinisch-toxi sehe Mittheilungen 634. 

Hueter, C., Grundriss d. Chirurgie. III. Aufl. 88. 

Hünerfauth, Massage 55. 

•Jacubasch, Dr. H., Lungenschwindsucht u*. Höhen¬ 
klima 319. 

Jahresbericht der bernischen Anstalt Waldau 150. 

— der cantonalen Krankenanstalt Glarus 150. 

— der zürcherischen Heilstätte Aegeri 1886 150. 

Ichenhäuser, Dr. Justus, Beitrag zur Ueber- 

völkerungsfrage 576. 

Jenny, R.. Tracneotomie bei Diphtherie u. Croup 
im Kindesalter 635. 

Jonquifcre, Dr. G., Studer, jun., Demme, Berliner¬ 
blau, Vergiftung durch die Speiselorchel 606. 

Kallay. Dr., Illus! rirter Curorte-Almanach 117. 

Kalt, A., Ausübung des Hebaramenberufes 737. 

Kaltenbach, Antisepsis in d. Geburtshülfe. Volk- 
mann’s Vortr. 383. 

Kappeier, 0., Lehre v. d. Anaestheticis 417, 571. 

Kaspar, 0., Apothekerkalender 27. 

Kirchner, Dr. W., Handbuch d. Ohrenheilkunde 
383. 


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X 


Kisch, Dr. E., Die Fettleibigkeit 479. 

Kleinwächter, Dr. W., Amputationen u. Exarti- 
culationen i. Augusta-Hospital 1871—1885 415. 

— Prof. L., Die Georg Engelmann’sche trockene 
gynmcolog. Behandlung 766. 

Knies, Dr. M., Grundriss d. Augenheilkunde 767. 

Robert, Dr. R., Practische Toxicologie 511. 

— Arbeiten d. pharmac. Instituts zu Dorpat 576, 

Kpch, Dr. J. L. A., Leitfaden d. Psychiatrie 637. 

Köcher, Prof. Dr. Th., Krankheiten d. männlichen 

Geschlechtsorgiviu» 184. 

Köhl, Emil, Ueber die Ursachen d. Erschwerung 
d. Döcanulement nach Tracheotomie 24. 

Kohlschiitter, Ernst, Veränderungen d. allgem. 
Körpergewichts durch Krankheiten 511. 

v. Krafft-Ebing, Prof. Dr. R., Studie auf d. Ge¬ 
biete d. Hypnotismus 610. 

Krönlein, Prof. Dr. R., Gymnasial- u. Universi¬ 
tätsbildung 213. 

Kröche, A., Allgem. Chirurgie und Operations¬ 
lehre 24. 

Kähne, Dr. H., Anleitung z. Nachweis d. Bac- 
terien 636. 

Kühner, Die Kunstfehler d. Aerzte vor d. Forum 
d. Juristen 151. 

Kummer, Dr. E., Erkrankungen d. Ellbogen¬ 
gelenks 511. 

Kunze, C. F., Ueber d. Diät 479. 

linderer, Dr. A., Allg. chirurg. Pathologie und 
Therapie 384. 

Lange . Dr. 0., Topogr. Anatomie d. Orbitel- 
innalts 218. 

Lanjrenbuch, Dr. C., Die Sectio alta subpubica 

Langgard, Dr. A. u. Liebreich, Arzneiverord¬ 
nung 86. 

Leyden, Prof. Dr. E., Entzündung d. peripheren 
Nerven 706. 

— u. Dr. Jastrowitz, Localisation im Gehirne 704. 

Liebreich, Prof. Dr. 0., Historische Entwicklung 

d. Heilmittellehre 635. 

— u. Dr. A. Langgard. Arzneiverordnung 86. 

Lindner, Dr. A., Wanderniere der Frauen 320. 

Li^p, Prof. E., Beitrag zur Lehre der Varicellen 

Loebisch, Prof., Neuere Arzneimittel, Anwendung 
u. Wirkung 258. 

Lotz, A., Conjunctivitis crouposa 350. 

Mellinger, Carl, Magnetextractionen an d. Basler 
ophthalm. Klinik §50. 

Meyer, Dr. H., Pflege u. Ernährung d. Neugebor- 
nen 511. 

Milner-Fothergill, Therapeutisches Hülfsbuch für 
die interne Praxis 76o. 

Minnich, Dr. F., Croup u. seine Stellung z. Diph- 
theritis 685. 

Moeller, Dr. J. u. Dr. F. Geissler, Encyclopädie 
d. gesammten Pharmacie 670. 

Moos, S., PilzinvaBionen d. Labyrinths im Ge¬ 
folge v. Masern — v. einfacher Diphtherie 444. 

Müller, Prof.Dr. P., Handbuch d. Geburtshülfe 637. 

Naunyn, Prof. B. u. Nothnagel, Localisation d, 
Gehirnkrankheiten 445. 


Nauwerck, Prof. C. u. Prof. E. Ziegler, Beiträge 
zur pathol. Anatomie u. Physiologie 572. 

Nebel, Heilgymnastik u. Massage 318. 

Neukomm, l)r. M., Heustrich, Heilmittel u. In- 
dicationen 218. 

Nordmann, Statistik u. Therapie d. Placenta pr®- 
via 573. 

Norström, Dr., Traitement des raideurs arti- 
culaires par le massage 87. 

Nothnagel, Prof. H. u. Naunyn. Localisation der 
Gehirnkrankheiten 445. 

Oberstein, Dr. H., Hypnotismus 25. 

Oertel, Dr. M. J., Pathogenese der epidemischen 
Diphtherie 543. 

Ortloff, Gerichtlich-medicinische Fälle 214. 

Rartsch, E., Actinomycose d. Menschen 381. 

Pelmann, Dr. C., Nervosität u. Erziehung 672. 

Petersen, Dr. Jul., Entwicklung der medicinischen 
Therapie 575. 

Peyer, Dr. A., Microscopie am Krankenbette, At¬ 
las 183. 

-Die reizbare Blase oder idiopath. Blasen¬ 
reizung 671. 

Pflüger, Prof. Dr., Bericht über die Augenklinik 
in Bern 1884 - 86 150. 

— Kurzsichtigkeit u. Erziehung 217. 

Predöhl, Dr. Aug., Geschichte d. Tuberoulose 671. 

Revue des Sciences medicales 26. 

Richard, Dr. H., Geschwülste der Kiemenspalten 
447. 

Roux, Dr., Luxation habituelle de la rotule 705. 

Ruff, Dr. J., Znckerkrankheit, Erscheinung und 
Behandlung 26. 

Rumpf, Dr. Th., Syphilitische Erkrankungen des 
Nervensystems 416. 

Ruprecht, Gust ,Bibliotheca medico-chirurgica416. 

Sahli, Hermann, Moderne Gesichtspunkte in der 
Pathologie der lnfectionskrankheiten 706. 

Sallis, Joh. G., Hypnotische Suggestion, Wesen 
und Bedeutung 480. 

-Der thierische Magnetismus (Hypnotismus) 

und seine Genese 480. 

Schächter, Dr.M., Anlei tungz. Wundbehandlung 56. 

Schäublin, Constanz d. Kindeslagen bei wieder¬ 
holten Geburten 574. 

Schiess-Gemuseus, Prof., Jahresbericht d. Augen¬ 
heilanstalt Basel 150. 

Schiller-Tietz, Inzucht und Consanguinität 638. 

Schmid, Dr. F. A., Künstliche Ernährung des 
Säuglings 576. 

Schmiedeberg, Prof. 0., Arzneimittellehre 672. 

Schnee, Dr. Emil, Zuckerharnruhr 635. 

Schraut, Carl, Lustgas, chirurg. Verwendung 320. 

Schröder, Prof. Dr. C., Krankheiten der weibl. 
Geschlechtsorgane 705. 

Schuchart, Karl, Tuberculöse Mastdarmfistel 571. 

Schüler, Dr. F. u. Dr. A. E. Burckhardt, Unter¬ 
suchung über die Gesundheitsverhältnisse der 
Fabrikbevölkerung 633. 

Schulz, Dr. M, Impfung, Impfgeschäft u. Impf¬ 
technik 382. 

Seiffart, Die Massage in d. Gynäkologie 548. 


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Seitz, F., Der Abdominaltyphus 703. 

Senn, N., Four Months among the surgeons of 
Europe 349. 

-Chirurgie d. Pankreas, Versuche u. Beob¬ 
achtungen 638. 

— — An experimental Contribution to intestinal 
Surgery, especialy treatment of intestinaLob- 
struction 739. 

Siemerling, Dr. Ernst, Menschliche Rückenmarks¬ 
wurzeln. Anat. Untersuchung 512. 

Smitts, Dr. Jos., Beurtheilung der verschiedenen 
Methoden d Steinschnitts 636. 

Socin, Prof. u. Dr. Hübscher, Jahresbericht über 
d. chirurg. Abtheilung in Basel 149. 

Soutter, Albert, Etüde des r^sections atypiques 
dans les articulations 25. 

Stetter, Dr., Lehre von den frischen subcutanen 
Fracturen 513. 

Straumann, H., Ophthalmoscopischer Befund und 
Heredität bei Myopie 350. 

Sury-Bienz, Dr., »iiSchwefeldioxydvergiftung 544. 

Sutugin, Dr. Wassily, Mechanismus der Geburt 
bei Schädellagen 608. 

Thompson, Sir Henry, Die Stricturen u. Fisteln 
der Harnröhre 257. 

Topinard, Dr. P., Anthropologie 320. 

Tuchmann, Dr. M., Blasen- u. Nierenkrankheiten, 
Diagnose mittelst der Harnlei terpincette 487. 

U nna, P. G., Entwicklung d. Bacterienfärbung 609. 


Veit, Behandlung cL puerperalen Eklampsie 256. 

Van den Velden, Dr. R., Hypersecretion und 
Hyperacidität d. Magensaftes 256. 

Walter-Biondetti, Catalogue illustr4 27. 

Weidmann, H., Verletzungen des Auges durch 
Fremdkörper 701. 

Wellauer, F., Pfleget die Zähne 546. 

Wernich, Dr. A., Neueste Fortschritte in der 
Desinfectionspraxis 479. 

Widersheim, Dr. R., Der Bau des Menschen als 
Zeugniss für seine Vergangenheit 448. 

Wille* Prof. Dr., Bericht über die Irrenanstalt 
Basel 150. 

Winternitz, Prof. Dr. W., Pathologie u. Hydro¬ 
therapie des Fiebers 704. 

Wurster, Cas., Temperatur der Haut und deren 
Beziehung z. Stoffwechsel etc. 738. 

Äiegeler, Dr. G. A., Analyse d. Wassers 116. 

Ziegler, Prof. Dr. E. u. Prof. Nauwerck, Beiträge 
z. pathol. Anatomie u. Physiologie 572. 

v. Ziemssen, Die Neurasthenie und ihre Behand¬ 
lung 417. 

— Handbuch d. spec. Pathol. u. Therapie, V. Bd,, 
Krankheiten d. Lunge, 3. Aufl. 57. 

— Klinische Vorträge. V. Vortrag. Die Behand¬ 
lung d. abdomin. Typhus 57; VIII. Vortrag. 

' Die Aetiologie d. Tuberculose 384; IX. Vor¬ 
trag. Zur Diagnostik d. Tuberculose 547. 


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CORRESPONDENZ-BLATT 

Erscheint am 1. und 15. für Preis des Jahrgangs 

jedes Monats. 0 • k j Pr. 12. - für die Schweis, 

T . S^hWOlVDl* A AT»7| A Fr. 14.50 für das Ausland. 

Inserate kjv/U. W vJX^Iv?A lWj\. fl\Au% ^n e Postbureaux nehmen 

36 Cts. die gesp. Petitseile. Bestellungen entgegen. 

—~~. Herausgegeben von 


Dr. A. Baader 
ln Basel. 


und Dr. C. Garrö 9 

Doeent ln Basel. 


N! 1. XYI1I. Jahrg. 1888. 1. Januar. 


Inhalt: Zar Jahreswende. — I) Origlnalarbeitan: Prof. Dr. Theodor Kocher: Eine oinfache Methode zur Erzielung 
sicherer Asepsis. — 2) Vereinsberichte: MedicinUch»pb*rm*ceatiacher Bezirksrereia ron Bern. — Oesellschaft der Aerzte 
in Z&rich. — 8) Referate and Kritiken: A. Kröcht: Coropendiam der allgemeinen Chfrnrgie und Operationslehre. — Bmü 
Köhl: Ueher die Ursachen der Erschwerung des Ddcannlement nach Tracheotomie im Klndesalter wegen Diphtherie. — Prof. 
Dr. H. Obereteiner: Der Hypnotismus. — Alb. Soulter: Contribution k l'ätude des resections atypiques dans les articulations. — 
Prof. Dr. Rudolf Arndt und Dr. August Dohm: Der Verlauf der Psychosen. — Prof. George Bayern: Kerne des Sciences mddicales. 
— Dr. J. Ruff: Die Zuckerkrankheit, ihre Erscheinung und ihre Behandlung. — Dr. Wilhelm Kbstein: Die Zuckerharnruhr, ihre 
Theorie und Praxis. — 0. Kaepar: Schweiz. Apothekerkalender. — 0. Walter-Biondetti: Catalogue illostre — 4) Cantonale 
Cor resnonden sen: Glarus: Die Frage der Fabrikbygieino und der Fabrikgesetzgebung auf dem Wiener hygieinischen Con- 
gress. — Thurgau: X. Versammlung der schweizerischen Banit&tsstabsofflciere. —5) W och en her I cht: Der deutsche Verein fftr 
öffentliche Gesundheitspflege. —- Vierjähriger Preis für Entdeckungen : 1U00 Pfund Sterling. Pro 1887—1890. — 6) lnfeotions* 
krankhelten in Z (trieb, Bern und Basel. — 7) Briefkasten. — 8) Bibliographisches. 


Zur Jahreswende. 

Ueber den knisternden Schnee gleiten die Füsse, eilig die Einen, langsam 
die Andern — kräftig, elastisch die, müde und schlaff jene, immer der Ausdruck 
des Wollen8 und Könnens des Menschen, den sie tragen. 

So schreiten wir dem neuen Jahre entgegen, grundverschieden in unserm Sein, 
unserm Wünschen und Hoffen, aber Alle gleich wehrlos mit fortgetragen von den 
allmächtigen Wellen des Stromes, gegen den Keiner schwimmt, der Zeit, Ob 
wir fröhlich und ,we£t ausgreifend mitgleiten, ob wir uns dem Wogenschwall ent« 
gegenwerfen und die Wasser zurückstauen möchten, stets fugit interea, fugit 
irreparabile tempus. 

Und .das ist gut so! Was sollen wir vergangene Tage zurück wünschen?! 
Sie kehren nicht, wieder. Es lebe das Heute! Prosit Neujahr, liebe Collegen! 
Euern Familien, Euch, Euern Nebenmenschen, Euerm idealen und realen Streben 
unsere herzlichen Glückwüqpche! 

Wir möchten mit Epfll weiter leben und streben und scheuen uns nicht, unsern 
Wünschen Gestalt zu gelten. 

Zu^ unserer Freude hat sich die schweizerische Ae r zt e c om mi s- 
8 i o n reorganisirfc; sie hat sich gefestigt und wird nun, getragen von den drei 
nationalen ärztlichen Sammelvereinen, deren Macht wiederum in dem kräftigen 
Leben ihrer Zweigvercine liegt, noch umsichtiger und eindringlicher, als bisher, 
die Interessen der öffentlichen Gesundheitspflege und der ärztlichen Wissenschaft 
überhaupt, aber auch den Adel unserer beruflichen Stellung hochhalten können. 

Wir freuen uns, dass dieses Frühjahr wieder ein schweizerischer 
Aerztetag und zfaar in der romanischen Schweiz stattfindet und täuschen uns ge¬ 
wiss nicht, wenn wir der Zuversichtlichen Hoffnung Ausdruck geben, eine 

recht beträchtliche Anzahl der Herren Collegen der deutschen und italienischen 

l 


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2 


Schweiz werde im Mai alle Hindernisse überwinden, um durch ihre Gegenwart in 
Lausanne ihre Theilnahme an unsern gemeinsamen Bestrebungen thatsächlich zu 
beweisen. Die platonische Liebe, das phantastische Schwärmen fiir die in ungreif¬ 
barer Höhe schwebenden Ideale allein thun es nicht: die That nur soll uns loben! 
Wir müssen selbst dabei sein, gilt es doch, dort nun von breiterer, der 
allgemein vaterländischen Grundlage aus, die Organisation des schwei¬ 
zerischen öffentlichen Gesundheitswesens zu berathen. Wir Aerzte 
müssen selbst mit Hand an das Werk legen, wenn unser eidgenössisches Seuchen¬ 
gesetz wirklich ausgeführt werden, Früchte reifen, wenn in den guten Bau unserer 
eidgenössischen Aerzteprüfungen nicht Canton um Canton klaffende 
Breschen breöhen soll. 

Wir wollen wagen, zu gelten, wo es sich darum handelt, dem Unterricht in 
den Grundsätzen der Gesundheitspflege an der einzigen hohem 
eidgenössischen Schule und an unsern Hochschulen endlich 
einmal auch von Bundeswegen die eigentlich so selbstverständliche Anerkennung, 
aber auch die berechtigte Unterstützung zu erringen. Die Arbeit wird nicht klein 
sein — ergo viribus unitis! 

Neben diesen Hauptfragen haben wir zudem auf dem von uns selbst gewählten 
Arbeitsfelde einige bereits begonnene Aufgaben noch zu lösen: die H y g i e i n e 
der Schule, die physisch und technisch zu bessernde Stellung der Heb¬ 
ammen, die Ueberwachung der Lebensmittel, die schweize¬ 
rische Pharmacopoe und anderes mehr. 

Sie sehen, liebe Cullegen, wie reichhaltig unser „Neujahrswunsch“ ausfällt! 
Und doch sollte er zu bewältigen sein, ehe abermals die Parze vom Webstuhle 
der Zeit ein fertiges Jahresstück abschneidet, als lebendiges und perennirendes 
Zeichen, dass wir uns nicht mit dem platonischen „Das Gute gewollt zu haben“ 
begnügen. 

Das Erreichbare auch erreichen! Wir haben uns im verflossenen Jahre 
oft auf diesen Standpunkt gestellt, stellen müssen, wenn wir einsehen mussten, 
dass die Spitze, die wir eigentlich bezwingen wollten, für unsere Kräfte un- 
besteigbar blieb. 

So haben wir auch Stellung genommen gegen jene Herren Collegen des Aus¬ 
landes , welche in unserm Heimathlande die ärztliche Praxis zeitweise ausüben, 
ohne sich unsern Gesetzen, ja vielfach, ohne sich den Geboten der humanen 
Pflichten unseres Berufes zu unterziehen, unsere Kräfte allen Leidenden (und 
nicht nur den gut bezahlenden Curgästen) zu widmen: wir sind dabei von der 
hohen Warte des Cosmopolitismus der Wissenschaft und des allgemein humanen 
Strebens auf das tiefer liegende und beschränktere Gebiet der Nationalität herab¬ 
gestiegen, jedoch nie zu dem der Ungerechtigkeit oder des Sackpatriotismus, um 
mit einem vulgären, aber deutlichen Worte die Lage drastisch klar zu legen. 
Gleichwie die Schweiz unter dem harten und herzlosen Drucke des „primum 
vivere, deinde philosophari“ von dem weitherzigen Standpunkte des Freihandels 
trotz allem innern Widerstreben durch die erdrückende Macht der äussern Ver¬ 
hältnisse auf die fatale Abwehr durch Schutzzölle herabgedrückt wird, die sie aber 


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3 


nur als momentanen Rettungsanker aus der Noth betrachtet, so hoffen wir eben¬ 
falls, unsere kleine Heimath bleibe auch fernerhin die Wiege liberal, allgemein 
menschlich aufgefasster Institutionen. Nichts liegt uns ferner, als ein Eindämmen 
der Wissenschaft, der Humanität und ihrer practischen Ausübung in die Wälle, 
die von einem Grenzpfahl zum andern aufgeworfen werden. Schieben sich aber 
von aussen ringsum so schwere Riegel vor unsere, bisher weit offenen Thüren, so 
heisst es eben: Caveant consules! — einstweilen bessere Zeiten ab warten, und auf 
Erlösung hoffen. Der grundsätzliche Standpunkt wird nur momentan durch die 
leidige Opportunität gestört. Wir arbeiten uns schon durch und halten auch an 
diesem, idealen Standpunkt fest. 

. Und nun, liebe Colleges, zu ernster Arbeit, aber auch zu frohen Stunden 

Prosit Neujahr! 

Original-Arbeiten. 

Eine einfache Methode zur Erzielung sicherer Asepsis. 

Von Prof. Dr. Theodor Kocher in Bern. 

„Fort mit dem Spray 1“ hat vor einigen Jahren der hochverdiente, zu früh 
verstorbene Bruns *) gerufen und gerne hat man diese Last abgeworfen. Fort mit 
dem Protectiv! ruft in einem vortrefflichen Aufsatze über Wundbehandlung Ober¬ 
stabsarzt Storche *) aus. Aber damit, dass man sich Spray und Protectiv schenkt, 
hat man noch lange nicht genug beseitigt von den anscheinend unentbehrlichen 
Vorschriften der antiseptischen Wundbehandlung, um auch dem \p einfachem Ver¬ 
hältnissen practicirenden Arzte zu dem frohen Bewusstsein zu verhelfen, dass er 
die berühmten 7 Fehler von Nussbaum zu vermeiden verstehe. Das „Fort“ muss 
noch viel weiter tönen und wir sagen deshalb in allererster Linie: Fort mit 
dem Catgut! aber auch: Fort mit alP den präparirten Gazen, von 
der Lister- Gaze bis zu den neuesten Erzeugnissen der Verbandstofffabriken! 

Welchen Schaden das Catgut anrichten kann, darüber hat schon Vorjahren 
mehr als eine Mittheilung in mediciniscben Zeitschriften Aufschluss gegeben. Zu¬ 
nächst ist von Zweifel eine Mittheilung gemacht worden über Zersetzungsvorgänge 
bei Aufbewahrung von Catgut in Carbolöl nach Lister *s älterer Empfehlung. Andere 
Chirurgen haben die Erfahrung bestätigt, dass man durch Catgut in obiger Auf¬ 
bewahrungsweise Wunden direct inficiren kann und auch wir haben s. Z. einen 
Fall publicirt, wo eine Frau nach Excision einer Struma sarcomatosa in Folge 
Anwendung zersetzten Carbolölcatguts zu Grunde ging. 

Als dann Koch zeigte, dass die öligen und alcoholischen Lösungen der Anti- 
septica nichts werth sind, da diese Menstrua die Wirkung der antiseptischen Stoffe 
in hohem Maasse abschwächen oder ganz aufheben, da hatte man genügende Er¬ 
klärung für die Bedenken gegen das Lister 1 sehe Catgut und man wandte sich deshalb 
andern Zubereitungsweisen zu. Am meisten Zutrauen hat und geniesst noch das 

*) Beri. klin. Woebensohr. 1880, Nr, 43. 

*) Vortrag in der Berl. militärllrEtl. Gesellschaft. 


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Sublimatcatgut und es ist keine Frage, dass in der Regel ein 6—12stündiges Ein¬ 
legen von Catgut in l%o Sublimatlösung zu sicherer Sterilisirung ausreicht. Ob 
es ein Vortheil ist, das Catgut anhaltend in der Sublimatlösung liegen zu lassen, 
oder lange Zeit darin aufzubewahren, ist eine ungelöste Frage, da mit der Zeit 
Zersetzungen der Lösung stattfinden können bei Berührung mit einem Stoff un¬ 
beständiger chemischer Zusammensetzung. 

Ebenso sicher wie das Sublimatcatgut ist das von uns eingeführte Juniperus- 
catgut nach den Nachweisen von Dr. Tavel, *) und es ist nicht zu bezweifeln, dass 
auch das Chromsäurecatgut, zumal in der jetzt von England aus importirten Modi- 
fication, ein zuverlässiges Fadenmaterial ist. 

Bei alledem und trotz alledem ist man doch zu leichthin über die Thatsache 
hinweg gegangen, dass die durch das Catgut s. Z. bewirkten Wundinfectionen 
nicht etwa blos darin bestanden, dass die Heilung per primam intentionem ver¬ 
eitelt wurde, sondern zum Theil schwere Formen acuter Infection darstellten, welche 
rasch einen schlimmen Ausgang herbeiiührten. 

Das letzte Sommersemester hat uns nun darüber belehrt, dass das Catgut, 
Dank seiner verdächtigen Herkunft, unter Umständen in einer Weise inficirt und 
präparirt sein kann, dass dessen Desinfection mit den bis jetzt gebräuchlichen oben 
erwähnten besten Antiseptica nicht sicher zu Wege zu bringen ist. Noch Ende 
Wintersemesters waren die Wundheilungen auf unserer Klinik so tadellos, dass 
ein College nach einer Visite, bei welcher wir eine grössere Zahl von Operirten 
vorgestellt hatten, staunend fragte, ob wir denn gar keine Eiterung mehr kennen? 

Nun war es uns auf einmal im letzten Sommer beschieden, eine grössere Zahl 
von Infectionen tf>n Wunden zu erleben, welche alle so typischen Verlauf zeigten, 
dass an einer gemeinsamen Ursache für alle nicht zu zweifeln war: Die Wunden 
verklebten in der Regel tadellos mit feiner Narbe, die ersten Tage schien Alles 
völlig nach Wunsch zu gehen, dann trat Fieber auf, Anschwellung und Empfind¬ 
lichkeit im Bereich der schön verklebten Wunde, zur Zeit, als Naht und Drain¬ 
röhren bereits seit Tagen entfernt waren und von einer secundären Infection 
nicht mehr die Rede sein konnte. Es bildeten sich nicht nur grosse Abscesse mit 
regelrechtem Eiter, sondern es kam zu subcutaner Gasentwicklung mit Ansamm¬ 
lung stinkender Wundsecrete. Es ist selbstverständlich, dass sofort der ganze 
antiseptische Apparat einer Revision unterworfen wurde und nach den verschieden¬ 
sten Modificationen stellte sich mit Bestimmtheit heraus, dass nur das Catgut der 
Anstifter des ganzen Unheils war. 

Ich gebe eine kurze Uebersicht über die Fälle: 

a. Catgit-Zeit») 

1, A. Luxatio inveterata humeri, irreponibel. Resectio humeri am 5. 
Mai 1887. Am 8. Mai entzündliche Erscheinungen. Am 9. Mai Eiterung. Trotz Spal¬ 
tung, Drainage, desinficirenden Spülungen, 8timulantien etc. stirbt Patient am 21. Mai 
an Sepsis. 

*) Conf. Vortrag von Dr. Tatei vor Oantonalverein der BernerÄrste Sommer 1880. 

*) Die obige Zusammenstellung ist wie die unten wiedergegebene nach Aussügen der HH. Assi¬ 
stenten Dr. Tavel 9 Dr. Streit und Seholder aus den Operationstabellen ln chronologischer Reihenfolge 
hergestellt ohne Auslassung irgend eines Falles ausser unbedeutenden Operationen, welche nicht in den 
Tabellen aufgenommen sind. 


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5 


2. K. Colloid Struma. Partielle Exoisioo am 26.Juni 1887. (Krankengeschichte 
fehlt). Entlassung am 17. Juli 1887 geheilt. 

8. J. W. Hernia inguinalis. Radicaloperation. (Krankengeschichte fehlt.) 
Geheilt 

4. C. M., 48 Jahre alt. Gonitis tuberculosa mit periarticulären Abscessen 
und hohem Fieber. Ablatio femoris am 7. Juni 1887. Offene Wundbehandlung mit asep¬ 
tischer Tamponade. 8ecundärnaht am 15. Juni. Vollständige Heilung der Wunde 
am 80. Juni. 

5. G. M.. 18 Jahre alt Struma. Partielle Excision am 12. Mai 1887. 14. Mai: 

Wunde gut verklebt, ebenso Drainöffnuog. Koin Fieber. 19. Mai: Patient steht auf. 
20. Mai: Llngs der Hathlinie l&ngliche Schwellung, auf Druck empfindlich. Am untern 
Theil der Narbe entleert sich seröser Eiter. — Temperatur 89°. Am 4. Juni noch kleine 
Granulationen an der Eiterungsstelle, Patient entlassen. 

6. W., 56 Jahre alt. Struma. Excision rechts, Evidement links am 16. Mai 1887. 

— Am 17. Mai besteht etwas Fieber, das am nächsten Tag zunimmt Schwellung und 
Secretion. — Heilung am 14. Juni. 

7. J. K., 57 Jahre alt. Tendosynovitis tuberculosa der gemeinsamen 
Sehnenscheide der Hand. Exstirpation der tuberculösen Massen am 16. Mai 1887. — 
28. Mai: Secretion, einige Sehnen necrotisch. 2. Juni: ausgedehnte Sehnennecrose, starke 
Eiterung. — Bei der Entlassung am 19, August besteht noch eine kleine Fistel am 5. 
M etaoarpophalangalgelenk. 

8. J.L. Struma cystioa von erheblicher Grösse. Am 20. Mai 1887 Enudea- 
tion. Am 21. Mai Abends geringes Fieber und Scbluckbescbwerden. 28. Mai: Weg¬ 
nahme der Nähte, nachdem der Drain schon 2 Tage vorher entfernt ist W T unde per 
primam geheilt Es besteht’aber nooh Fieber und Kopfschmerzen. — 26. Mai: Beginn 
einer Infiltration und Abfluss einer eitrig serösen Flüssigkeit durch die Drainöffnung. 
Zunehmendes Fieber, die Eiterung wird stärker. Bei der Entlassung am 14. v Juni besteht 
noch geringe Secretion. W T unde oberflächlich noch granulirend. 

9. F. U., 14% Jahre alt. Struma. Excision am 23. Mai 1887. Entfernung des 
Drains am 2. Tag, der Nähte am 3. Tag. Wunde per primam verklebt Kein Fieber. 
26, Mai: Die Drainöffnung hat necrotisöhe Ränder bekommen. — 30. Mai: Hohes Fieber, 
gestörtes Allgemeinbefinden. — Am 2. Juni Nahtlinie geröthet; es entleert sich durch 
dieselbe ein dioker Eiter. — Vollständige Heilung erst am 26. Juni. 

10. N. L., 26 Jahre alt Struma. Excision am 27. Mai 1887. Am nächsten 
Tag bereits Fieber. Locale und Allgemeinbeschwerden, Athemnoth. — Am 28. Morgen¬ 
temperatur 89,2, Mittags 40,0. Bedeutende Schwellung der Wunde, die äusserlich per 
primam verklebt ist. — Die Incision entleert blutig-seröse Flüssigkeit und etwas Eiter. 
Patient wird am 14. Juli mit geringer 8ecretion entlassen. 

11. F. Gonitis f ungosa. Reseotio genu am 5. Juni 1887. Entfernung der 
Drains am 14. Juni. Gelinge Secretion. — Am 28. Juni Drainröhrenöffnung noch offen. 
Am 4. Juli steht Patient auf und wird am 7. Juli mit Verband und geheilter Wunde 
entlassen. 

12. M. H., 84 Jahre alt Sehr grosse rechtseitige Struma bei hochgradiger Anasmie. 

— Excision am 2 Juni. Collaps. Transfusion. Am 3. Juni Abends höheres Fieber. — 
Am 4. Juni Nahtlinie sehr schön, keine Infiltration, dem Anschein naoh vollständige Prima. 

— Patientin erhält die Erlaubnies aufzusteben. — Nach einigen Tagen (genaue Notiz fehlt 
in der Krankengeschichte) tritt Schwellung ein und es entleert sich ein Abscess aus den 
Drainöflhungen. Entlassung am 30. Juni mit einer kleinen Fistel. 

13. M. H. Gonitis tuberculosa. Arthrectomia genu am 2. Juni 1887. (Wei¬ 
tere Notizen fehlen in der Krankengeschichte.) — Die Heilung ist durch Eiterung zu 
Stande gekommen. 

14. F. J., 19 Jahre alt. Käsige Ostitis der ossa cuneiformia und zugehörigen 
Metatarsalknochen. Amputation der kranken Theile am 19. Juni, Secundärnaht am 28. 
Juni. Heilung am 14. Juli, so dass Patient ohne Schmerzen herumgehen kann. 

15. J. Struma. Excision am. 16. Juni. Heilung per primam am 20. Entlassung 
am 25. Juni. 

16. G. H., 80 Jahre alt. Pseud arthrosis antibrachii nach Fractur. Ein« 


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6 


legUDg von Elfenbeinstiften io die Markböhle der Uloa und Radius am 16. Juni. — Es 
tritt Eiterung ein, die am 2. Juli sehr stark ist uod am 27. Juli wird Patient mit fistu¬ 
löser Wunde entlassen. 

17. A. R, 62 Jahre alt. Intramurales Sarcoma uteri. Operation am 23. 
Juni 1887. Anlegung eines elastischen Schlauches, Abtragung, isolirte Unterbindung und 
Naht des UteruBsturopfes. — Am 2. Juli ist man genöthigt, die Wunde wegeu Ent¬ 
zündung uod Jauchung des Uterusstumpfes aufzumachen. Cauterisation des Uterus- 
stumpfes mit dem Thermocauter. Jodoformverband. — Allmälig stösst sich das necro- 
tische Gewebe los, so dass Patientin am 19. Juli mit granulirender Wunde entlassen 
werden kann. 

18. F. K , 66 Jahre alt. Struma. Excision des rechten Lappens am 6. Mai 1887. 
— Am 7. Mai vollständige Primaheilung. — Am 12. Mai tritt Entzündung im Bereich 
der Drainnarben ein uod am 13. Mai wird eine ausgedehnte Eiterung constatirt mit Fieber. 
Erst am 14. Juni ist die Wunde ganz geschlossen und kann Patient entlassen werden. 

19. 8cb., erwachsener Mann (die Krankengeschichte unvollständig). Strumitis. 
Excision der SchilddrÜsenbälfte. Secundärnaht nach 6 Tagen. — Eiterung, so dass erst 
am 22. Juli die Wunde vollständig geheilt ist. 

20. M. R., 16 Jahre alt. Retentio testium inguinalis, links mit Netzhernie. 
Operation am 31. Mai 1887. Abtragung der Netzhernie. Lösung beider Hoden und Ver¬ 
lagerung ins Skrotum. Am 1. Juni starkes Oedem. Am 4. Juni Entfernung der Nähte. 
Eiterung der Stiöhcanäle. Am 6. Juni stärkere Eiterung. Am 13. Juni Entleerung 
eines grössereu Skrotaiabecesses. — Am 1. Juli sind die Fisteln noch nicht ganz ge¬ 
schlossen. 

21. A. L., 12 Jahre alt. Käsig-tuberculöse Ostitis des Calcaneus. mit Er¬ 
krankung der ausstossenden Gelenke und Knochen. — Operation am 31. Mai 1887. Ent¬ 
fernung von Talus, Calcaneus und Cuboideum. Am 5. Juni Entfernung der Nähte. 
NahtabscessC , keine tieferen Eiterungen, doch kann erst am 6. Juni ein geschlossener 
Verband angelegt und Patientin entlassen werden. 

22. A. L., 12 Jahre alt. Tuberculöse Lymphome des Halses. Exstirpation 
am 22. Juui. Heilung per primam. 

23. Herr B., 40 Jahre alt. Stru ma cy s t i c a mit dicken Wandungen. Enucleation 
am 27. Juni 1887, 29. Juni: Entfernung von Nähten uod Drains. 30. Juni: Vollständige 
sehr schöne Primaheilung. 1. Juli: Oedem am untern Ende der Narbe, 3. Juli: Eine 
wegen zunehmender Schwellung gemachte Punction entleert stinkende Jauche. 4. Juli: 
Incision des AbBcesses. — 9 Juli: Entlassung. 

24. Mme. L. D., 49 Jahre alt. T u b o - O v a r i alc y ste links. Papillome 
ovarii rechts. Ovariotomie am 14. Mai 1887. Am 15. Brechneigung und Er¬ 
brechen. — Leib etwas aufgetrieben. 16. Juni: Entfernung der Nähte. Es tritt Koth- 
brecben ein. Laparotomie am 17. Mai. Leichte fibriuöse Peritonitis constatirt. Drainage. 
Am 19. Mai Collapserscbeinungen, stärkere Auftreibungen. Exitus am 22. Mai. Die 
Autopsie ergibt eine diffuse Peritonitis mit Abscess im Becken. 

25. Mme. D. Carcinoma mammae, im Privathause unter den günstigsten Ver¬ 
hältnissen operirt, zeigte nach zweimal 24 Stunden anscheinend tadellose Prima, aber 
einige Tage darauf entstand eine Phlegmone mit ausgedehnter Vereiterung der ganzen 
Wunde, so dass nur durch ergiebige Spaltungen die scbliessliche Ausheilung erzielt 
werden konnte. Die nähern Daten fehlen, 

26. Hr, St., 26 Jahre alt. Früherer Sehnen schnitt in der Vola manu8. 
Sehnennaht mit Vereinigung des Flexor superficialis und profundus des Zeigfingers und 
Daumens am 22. Juni 1887. Am 24. Röthung und Schwellung mit Eiterung. Eozem in 
der Umgebung der Wunde. Trotz Eiterung hält die Vereinigung der Daumensehnen und 
des Flexor superficialis des Zeigefiugers. Entlassung Mitte Juli, 

27. Frl. L. G., 26 Jahre alt. Neuralgie des Hautastes der Axillaris 
rechts. Excision dieses Nerven am 24. Juni 1887. Keine Drainage. Eintritt von 
Eiterung. — Langsame Heilung. 

28. Herr G. K., 38 Jahre alt Ostitis diffusa vasculosa tibiae. Aus¬ 
gedehnte Ausmeisselung der Tibia am 24. Juni 1887. Naht, Heilung durch Eiterung. 
Patient wird am 30. Juli mit einer kleinen secernirenden Fläche entlassen. 


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29. Frl. H., 16 Jahre alt Arthritis fuogo&a genu. Arthrectomia geou mit 
Exstirpation der Patella, Entfernnng der Knorpelschicbten und Ausräumung eines tuber- 
culösen Herdes im Condylus exterus femoris am 28. Juni 1887. — Am 1. Juli erscheinen 
die Wundränder gut verklebt. Keine Entsendung. Vom 4. Juli ab Temperatursteigerung, 
stärkere Schmersen im Knie. Am 6. ErÖffoung der Wunde. Eiterung in der Tiefe. Sehr 
hohes Fieber. Am 8. energische Desinfection der diffus eitrig infiltrirten Wunde. — Am 
12. Cauterisation derselben mit dem Tbermocauter. — Sehr langsame Heilung, so dass 
Patientin erst am 21. October mit geheilter Wunde entlassen werden kann. 

30. Charles H.. 27a Jahre alt. Palatum lissum. Operation. Entzündung der 
Wunde. Heilung blos partiell. Starke AllgemeinstöruDgen. 

81. Herr Jules F. J. Tuberculös-fungöse Oonitis rechts. Ostitis 
fungosa centralis capitis tibiae links. — Ausräumung links und resectio 
genu rechts am 17. Juli 1887. Ein Jodoformtampon ist in der Wuude übersehen worden 
und wird erst nach 8 Tagen herausgenomroen. — Bis dahin Temperatur normal. Am 27. 
wird wegen Temperatur-Erhöhung die Wunde aufgemacht. Diphtheritische Beläge der¬ 
selben. — Die Temperatur bleibt hoch, bis der Verband mit Salicylpulver gemacht wird. 
Von da ab Abfall der Temperatur, Reinigung der Wunde, doch müssen mehrere Abscesse 
aufgemacht werden. Da am 30. September 1887 noch immer Eiterung besteht, wird 
zur Ablatio femoris geschritten. Dieselbe , in die „Seidezeit“ fallend , ist in 2 Tagen 
durch vollkommene Verklebung geheilt. 

Von den 31 aufgeführten grossen Operationen in einem Zeitraum von 7 Wochen 
ist in den kurzen Notizen über Fall 2 und 3 von keinen Complicationen die Rede, 
1 Struma in der späteren Zeit dieser Sturmperiode operirt und ebenso eine 
Lymphomexcision am Halse sind laut Krankengeschichte per primam geheilt Bei 
der Struma ist im Operationsbericht ausdrücklich erwähnt, dass mit Seide unter¬ 
bunden worden sei. Der Fall gehört also eigentlich in die spätere Serie hinein. 
Es ist demnach factisch in dieser Periode nur ein einziger Fall, eine 
relativ kleine Operation betreffend mit wenigen Unterbindungen, da es sich um 
nicht verwachsene Lymphome bandelte, per primam geheilt. Das ist ge¬ 
schehen, nachdem vorher — wie schon erwähnt — die Primaheilung nur durch 
Ausnahmen unterbrochen war und während nachher, unter denselben Aussen- 
verhältnissen wieder Resultate erzielt werden konnten, die man sich nicht besser 
wünschen kann. 

Fall 4 und 19 dürften allenfalls noch ausgemerzt werden, weil bereits vorher 
Eiterung bestand, einmal bei einer Gonitis mit aufgebrochenen Abscessen und 
hohem Fieber, während das andere Mal bei einer vereiterten und bereits in’s peri- 
strumöse Gewebe durchgebrochenen Strumacyste operirt werden musste. Bei 
beiden Individuen kam die Secundärnaht zur Anwendung und erfolgte Heilung. 
Es bleiben also 25 Fälle. Bei 3 derselben ist die Heilung eine befriedigende. 
Aber es ist bemerkenswerth, dass bei diesen Fällen keine unmittelbare Primaheilung 
angestrebt wurde. Bei Fall 11 mit Resectio genu blieben die Drains 9 Tage 
liegen, bei Fall 14 wurde erst nach 9 Tagen eine Secundärnaht angelegt, bei 
Fall 21 wurden die Drains wahrscheinlich erst nach dem 5. Tage entfernt, da 
in der Krankengeschichte bemerkt ist, dass die Nähte erst am 5. Tage heraus¬ 
genommen wurden. 

Die übrig bleibenden 22 Fälle, bei welchen der den Verhältnissen nach voll¬ 
berechtigte Versuch einer Primaheilung gemacht wurde, haben alle zweifel¬ 
lose Infectionen durchgemacht, sei es blos in Form einfacher, sei es 


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jauchiger Abscesse, sei es umschriebener Phlegmonen, sei es diffuser necrosirender 
Vereiterungen. Und zwar ist mit wenigen Ausnahmen die mit Seide genähte 
Wunde so schön verklebt, dass man sich über die tadellose Prima freute, bis kurz 
oder gewöhnlich erst mehrere Tage, oft 8 Tage darauf locale Eutzündungserschei- 
nungcn in der Tiefe mit Schwellung, Druckempfindlichkeit und Fieber auftraten, 
um bis zur spontanen oder künstlichen Eröffnung der verklebten Wunde stetig 
zuzunehmen. Da wo diese Eröffnung zu spät vorgenommen wurde oder nur un¬ 
vollkommen möglich war, ist es sogar zum Exitus lethalis gekommen, so bei einer 
Resectio humeri eines alten Mannes und bei einer Ovariotomie. Aber selbst wo 
die Eröffnung der Wunde frühe und ergiebig vorgenommen wurde, schwebten die 
Patienten einige Male in Lebensgefahr und es bedurfte der energischesten Des- 
infection und langer sorgfältigster Behandlung, um endlich wieder den aseptischen 
Zustand der Wunde herzustellen. Das geschah, wie erwähnt, bei Fällen, wo die 
Hautwunden ohne Röthung und Schwellung heilten, sobald wir zur Naht wie ge¬ 
wöhnlich Seide benutzten. Wenn wir dagegen, wie bei den Fällen einer Palato- 
rhaphie, auch zur Naht Catgut anwandten, so eiterten die Stichcanäle und es kam 
von hier aus zu entzündlichen Schwellungen und diphtheritischen Belägen. 

Nach dieser primalosen, schrecklichen Zeit, während welcher die chirurgische 
Arbeit für eine Zeit lang verdreifacht, zum Theil verzehnfacht war, konnten wir 
uns der Thatsache nicht mehr verschliessen, dass es Catgut im Handel gibt, 
welches in einer Weise infectiÖ9 ist und in einer Form hergestellt wird, dass un¬ 
sere besten Antiseptica die vollkommene Sterilisirung nicht zu Wege zu bringen 
vermögen. Denn es kam sowohl Juniperus- als Sublimatcatgut zur Verwendung. 
Wir haben deshalb dem Catgut den Abschied gegeben und unsere sämmt- 
lichen Operationen seither blos mit feiner Seide gemacht und 
zwar haben wir einfachbeitsbalber in der Regel blos noch eine einzige feine 
Nummer in Gebrauch. Falls dieselbe z. B. zu Entspannungsnähten einfach zu 
schwach ist, benützen wir sie 2-, 3- und 4fach. Dadurch ist unsere Antisepsis 
ganz ausserordentlich vereinfacht worden und was die Hauptsache ist, die Resul¬ 
tate sind mit einem Schlage wieder andere geworden. Nicht nur sind die Wunden 
wieder per primam intentionem geheilt, sondern wir haben es wagen dürfen, noch 
viel grössere Ansprüche zu machen als früher und uns auf die Vollkommenheit 
unserer antiseptischen Maassnahmen völlig zu verlassen. Es wirkt wohl am über¬ 
zeugendsten , wenn wir auch hier unsere sämmtlichen Fälle nach einander auf¬ 
führen nach Auszügen unserer Assistenten. Sie sind zwar nicht zahlreich in An¬ 
betracht der Zeit, da wir in den Ferien gezwungen sind, unsere Abtheilungen zu 
leeren der finanziellen Nöthen des Spitals wegen, aber sie mögen doch qualitativ 
in die Wagschale fallen. 

b. Seide-Zeit 

1. R. Sch., 7 Jahre alt. Luxatio congenita femorie sinistri. Bildung 
einer neuen Pfanne mit dem Meissei und Reposition des Femurkopfes am 7. Juli 1887. 
Glasdrain. Naht. — Entfernung der Nähte am 13. Vollständige Prima. — Entfernung 
des Gypsverbandes am 22. Anlegung eines HeftpfUstersuges. Am 23. August kann die 
Patientin alle Bewegungen, wenn auch beschränkt, ausfübren. 

2. L. Hernia inguinalis incarcerata. Operation am 15. Juli 1887. Tadel¬ 
lose Heilung per primam, Naht am 13. entfernt. Entlassungstag nicht notirt. 


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8. H. Tuberculose des Calcaneus und der aostossenden Ge¬ 
lenke und Weichtbeile. Amputatio cruria am 7. Juli 1887. Entfernung der 
Nabt am 18. Vollständige Heilung. — Exitlaaaung am 28. 

4. M. M. Struma vasculosa von bedeutender Gröeae mit Baaedoweracheinnngen. 
Exciaio atrumee rechteraeita am 18. Juli. Heilung per primam. Entlassung am 26. 
Juli 1887. 

6. Fr. W.-E., 57 Jahre alt. Re tr om ax i 11 är es Angiolipom. Exciaion 

am 6. Juli 1887. Raaehe Heilung. (Nähere Angaben fehlen in der Krankengeachichte.) 
Entlassung am 11. Juli 1887. 

6. Rh. Oatitia pedia syphilitica-tuberculosa, — Ablatio cruria am 

15. Juli 1887. Ungestörte Heilung per primam. Patient entlassen am 28. Juli 1887. 

7. E. Pf., 18 Jahre alt. Struma haomorrhagica oolloidea. — Exciaion 
am 17. Juli 1887. Heilung per primam. — Entlassung am 26. Juli 1887. 

8. A. B. T. Struma colloides-cystoides. Exciaion am 14. Juli 1887. 
Heilung per primam. — Entlassung am 25. Juli 1887. 

0. S. K., 89 Jahre alt. Struma colloides von bedeutender Grösse. 
Excision des linken Lappens am 14. Juli 1887. Heilung per primam. Entlassung am 
23. Juli 1887. 

10. A. Ae., 66 Jahre alt. Heroiacruralie incaroerata liitrica. Hernio- 
tomie am 17. Juli 1887. Entlassung am 28. Juli 1887. 

11. L. Ae. Peritonitis tuberculo aa miliaris diffusa. — Laparotomie 
am 19. Juli 1887. Vollständige Primaheilung. Entlassung nicht notirt. 

12. H. B., 28 Jahre alt. Omarthritis fungosa. — Resectio humeri am 28. 
Juli. — Vollständige Prima. — Entlassung am 16. August mit lineärer Narbe. All¬ 
seitige active Beweglichkeit (wenn auch beschränkt) im Schultergelenk. 

18. Fr. L, 88 Jahre alt. Kiemeugangcysto am rechten Kieferwinkel. Ope¬ 
ration am 28. Juli 1887. — Heilung per primam. Entlassung am 2. August 1887. 

14. L. H., 27 Jahre alt. Struma colloides. Excision am 25. Juli 1887. Hei¬ 
lung per primam. Entlassung am 4. August 1887. 

16. Frau A., ca. 60 Jahre alt. Aneurysma der art. Anonyma. Ligatur der 
rechten Carotis und Subclavia am 25. Juli 1887. Heilung per primam. 

16. P. Z«, 65 Jahre alt. Struma permagoa colloides. Excision am 30. 
August 1887, Entfernung der Drainröhre am 1., der Nähte am 3. September 1887. Voll¬ 
ständige Prima. — Entlassung am 8. September 1887. 

17. E. K., ca. 40 Jahre alt. Hernia ventralis naoh früherer Laparotomie. 
Radicaloperation am 30. August 1887. Vollständige Prima. Entlassung am 19, Sep¬ 
tember 1887. 

18. L. H., 4 Jahre alt. Struma colloides. Excision am 19. September 1887, 
Entfernung der Nähte am 21. Vollständige Prima. Entlassung am 27. 

19. E. D, 27 Jahre alt. Atresia vaginae mit multipelnHaematoce- 
1 e n. Laparotomie am 19, September 1887 sur Orientirung über die Lage des Uterus 
und sur Ermöglichung sicherer Einführung eines dicken Troicarts in denselben von unten. 
Völlige Heilung der Bauchwunde per primam. — Wiedereintritt der Menses. — Entlas¬ 
sung am 22. October 1887, 

20. B, B., 54 Jahre alt. Fibrocystoma diffusum beider Mammae« 
Beidseitige Exstirpation am 22. September 1887. Entfernung der Nähte am 26, An 
einigen Stellen leichte Hautgangrän , im übrigen Prima. — Am 8. October völlige Hei¬ 
lung. Patientin wird entlassen. 

21. M. Sch. Hernia inguinalis incaroerata mit Gangrän des Darmes, 
Operation 24 Stunden nach Beginn am 2. October 1887. Reseotion von 21 cm. Darm. 
Naht der Wunde ohne Drain. Entfernung der Nähte am aweiten Tag. Vollkommene 
Prima. 

22. Dieselbe Patientin. Als Patientin entlassen werden soll, klemmt sich auf der an¬ 
dern 8eite eine Cruralhernie ein. Herniotomie mit radicaler Operation, naoh drei 
8tunden am 8. November 1887. — Naht ohne Drain, Entfernung der Nähte nach swei 
Tagen. Vollständige Prima. — Entlassung am 11. November 1887. 

23. A. V«, 18 Jahre alt. 8arcoma femoris. Exarticulatio cox® am 20. Oc- 


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tober 1887 mit sehr starker Blutung. Entfernung der Drains nach 24 , der Nähte nach 
48 Stunden. Vollständige Prima. Patientin steht nach 8 Tagen auf. 

24. A. Z., 53 Jahre alt. Carcinoma mammae mit ausgedehnter Erkrankung 
der AxillardrQsen. Excision mit Ausräumung am 3. November 1887. Entfernung des 
Draius nach 24, der Nähte nach sw eimal 24 Stunden. — Vollständige Primaheilung. Ent¬ 
lassen am 10. November 1887. 

25. F. A., 54 Jahre alt. Carcinoma mammae mit ausgedehnter Ulcerotion 
der Haut. Carcinom der AchseldrQsen. — Operation am 5. November 1887. Naht am 
6. November mit Transplantation mehrerer HautstQcke, da die Hautwunde wegen der 
grossen Defects sich nicht vereinigen lässt. — Vollständige Heilung per primam bis auf 
die Streifen der Wundoberfläche, welche nicht von Haut bedeckt sind. 

26. Frau H. Fibrinöse Entzündung eines Bruchsackes einer 
Schenkolhernie. Radicaloperation am 19. October 1887. Naht ohne Drain. — 
Entfernung der Naht nach zwei Tagen. Vollständige Prima. 

27. Miss O. Dermoid des rechten Ovarium mit starken Ver¬ 
wachsungen. Multiple Cysten des linken Ovariums. Doppelseitige Ovariotomie am 
21. Juni 1887. Ungestörte Primabeilung. 

28. Frl. v. W., 24 Jahre alt. Hernia cruralis omentalis dextra. Ra- 
dicaloperation am 22. Juni 1887. Entfernung der Näthe am 27. Collodialstreifen. Voll¬ 
ständige Heilung. — Entlassung am 1. August 1887. 

29. Mr. D., 48 Jahre alt Alte Fractur am Ellbogengelenk mit 
Dislocation und Kapselverknöcherung. — Totalresection des Ellbogengelenkes. 
Rasche Heilung. Die genauen Notizeu fehlen. 

30. Mme. A., 36 Jahre alt. Multiple Lymphome am Hals tuberculöser 
Natur. Operation am 1. Juli 1887. Tadellose Prima am 4., Entlassung am 9. Juli. 

31. Mme. P. Myxadenoma Mammae. Excision am 1. Juli 1887. Vollständige 
Prima ohne Drain. 

32. Fr. A. W., 21 Jahre alt. 8truma colloides der rechten Schild - 
drüseuhälfte. Excision am 19. Juli 1887. Vollständige Heilung am 22. Juli 1887, 
Entlassung am 28. mit lineärer feiner Narbe. 

38. Dieselbe Patientin mit einem grossen Colloidknoten in der linken 
Bcbilddrüsenhälfte. Enucleation am 25. October 1887. Am 27. Entfernung von 
Nähten und Drain. Am 31, steht Patientin auf. Entlassung am 8. November 1887 mit 
feiner lineärer Narbe. 

84. Mr. F. J., 58 Jahre alt. Bursitis olecrani fistulös a. — Excision 
am 26. Juli 1887. — Entfornung des Drain am 27. Juli 1887, der Nähte am 29. Voll¬ 
ständige Prima. 

35. Mr. H. C., 36 Jahre alt, Carcinoma labii inferioris. Excision am 
26. Juli 1887. Entlassung vollständig geheilt am 30. Juli 1887. 

36. Frl. A. B. R., 29 Jahre alt. Grosser kalter Abscess auf der 2. Rippe. 
— Exstirpation des Abscesses am 1. October 1887. Entfernung der eingelegten Jodo- 
formgasestreifen am 2. October, der Nähte am 3. October. Vollständige Primaheilung. 

37. Dieselbe Patientin. Tuberculöse Axillardrüsen. — Exstirpation der¬ 
selben am 21. October 1887. Entfernung von Nähten und Drain am 23. Vollständige 
Prima am 25. Entlassung am 29. October 1887. 

38. Frau V. R. f 51 Jahre alt. Cystoma ovarii sinistri mit ausgedehnten 
Verwachsungen namentlich gegen Coecum und 8. romanum, so dass die Muscularis des 
Darmes abgelöst und genäht werden muss. — Inhalt der Cyste vereitert. — Multiple 
Seidenligatur des Stiels. — Entfernung der Nähte nach zweimal 24 Stunden. — Absolute 
Prima. Entlassung nach 16 Tagen. 

39. Mme. P., 65 Jahre alt. Cystoma ovarii dextri mit blutigem Inhalt. — 
Breite Verwachsungen. Behandlung wie im vorigen Fall. Absolute Prima. Patientin 
steht nach 10 Tagen auf und wird wie die vorige Patientin naoh 16 Tagen entlassen. 

40. Mme. D., 32 Jahre alt. Neuralgia supraorbitalis. — Dehnung des 
Nerven am 24. September 1887. Absolute Prima nach zwei Tagen. 

41. Hr. F. Sch. Lipoma frontis. Excision am 24. September 1887. Heilung 
per primam. 


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42. Frl. F. 8ch., 87 Jahre alt. Lipoma dorsi. Excision am 23. 8eptember 
1887. — Vollständige Prima nach zwei Tagen. 

48. Mme. E. D., 63 Jahre alt. R e c i d i v e s Aohseldrtieencarcinom. — 
Exciaion mit Unterbindung der Vena axillaris am 4. October 1887. Drain nach 24, Nähte 
nach zweimal 24 Stunden entfernt. — Vollständige Prima. 

44. Hr. J. B., 20 Jahre alt. Struma cystica hämorrhagica. — Exciaion am 
8. October 1887. Sehr starkes Emphysem durch Einpumpen von Luft in das Mediastinum 
wegen hochgradiger Tracbeostenose. Kein Drain. — Nähte nach zweimal 24 Stunden 
entfernt. Vollständige Verklebung der Wunde trotz des Emphysem. — Entlassung des 
Patienten am 15. October 1887. 

45. Frl. B., 51 Jahre alt. Carcinom der Brust- und Achseldrüsen. 

— Exciaion am 21. October 1887. Entfernung des Drains nach 24, der Nähte nach 
zweimal 24 Stunden. — Vollständige Prima. 

46. Hr. B., 65 Jahre alt. Multiple maligne Lymphome der regio 
suprac'la vicularis dextra bis unter die Clavicula reichend. Excision der ganzen 
Masse am 21. October 1887. — Am 23. Drain und Nähte entfernt. Vollständige Prima 
am 25. Patient steht auf. — Entlassung am 29. October 1887. 

47. Mr. E. M. Struma maligna, seit einem Monat rapid gewachsen mit er¬ 
heblichen Beschwerden. — Exstirpation am 24. September 1887. Dauer der Operation 
37s Stunden. — Ein Trachealknorpel muss mitresecirt werden. — Am 26. Entfernung 
der Nähte. Am 29. Schwellung der Wunde mit tyropanitischem 8cball. — Die Eröff¬ 
nung derselben mit einer feinen Sonde entleert Luit und klare seröse Flüssigkeit. 

— Entfernung der Fäden am 8. October. — Sofortige Verklebung der Wunde. — Ent¬ 
lassung am 3. October. 

48. Frl. E. M., 15 Jahre alt. Pes varus inveteratus links. Totalexcision 
von Naviculare, Cuboideum und cuneiforme tertium am 29. September 1887. — Am 7. 
October Entfernung der Nähte. Etwas Hautgangrän entstanden. — Keine Spur von Ent¬ 
zündung oder Eiterung. Geschlossener Gypsverband. — Am 19. October Entlassung der 
Patientin. 

49. Frl. Sch., 63 Jahre alt. Carcinoma Mammae mit Erkrankung der Achsel¬ 
drüsen. Excision am 12. Juli 1887. — Entfernung der Nähte am 15. Ausgedehnte 
oberflächliche Druckgangrän. Bilduug eines Abscesses darunter. — Langsame Heilung, so 
dass Patient erst am 80. entlassen werden kann. — Die grosse Achselhöhlenwunde ist 
ttrotz der Gangrän per primam verklebt 

50. Fr. M. R., 45 Jahre alt Carcinoma Mammae und der Achseldrüsen. 
Excision am 17. September 1887. Bildung einer ziemlich ausgedehnten Phlegmone, wie 
sich später herausstellte durch Benützung eines Glases mit stark verunreinigten Schwämmen. 
Langsame Heilung. 

51. Mr. 8. D., 56 Jahre alt Adenoma sebaceum cutis. Excision am 26. 
Juli 1887. Entfernung der Nähte und Entlassung auf Wunsch des Patienten schon Am 
nächsten Tag. Patient soll zu Hause einen Abscess bekommen haben. 

52. Frl. H. B., 16 Jahre alt Angiofibroma plantae pedis. Excision am 
20. September 1887. Partielle Hautgangrän. Patientin wird am 29. entlassen. — Keine 
Eiterung, keine entzündlichen Erscheinungen. 

53. F. W., 13 Jahre alt; 54. A. N. # 13 Jahre alt und 55. L. B., 127a Jahre alt. 
Alle drei am 12. November wegen Struma colloides cystoides operirt mit 
partieller Excision. Naht ohne Drain, Wegnahme der Nähte nach zweimal 24 Stunden, 
vollständige Prima mit feiner Narbe. 

56. W. W., 31 Jahre alt. Ankylose des linken Ellbogengelenks nach 
Fractur des Capit. radii und condyl. ext. humeri. Partielle Resection mit totaler Ent¬ 
fernung des Radiusköpfchens am 10. November. Jodoformtampon mit partieller Naht, 
jener am 2., diese am 8. Tage entfernt. Heilung ohne weitere Wundsecretion mit voll¬ 
ständiger Verklebung. 

57. Schm., 29 Jahre alt. Faustgrosses Dermoid am Halse. Excision am 
14. November ohne Drain. Vollständige Heilung nach zweimal 24 Stunden. 

58. H., 8 Jahre alt. Sarcoma gerne, vom Corpus adiposum mal» ausgegangen, 
vom Arzte incidirt und daher inficirt und entzündet. Excision am 7. November. Voll- 


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ständige Prima in zwei Tagen. Nach dem Munde zu ist eine Oeffnung belassen worden 
zur Heilung einer bestehenden Speichelfistel, 

50. F. 8ch., 16 Jahre alt. Struma colloides. Excision am 11. November 1887. 
Nabt ohne Drain. Wegnahme der Nähte nach zweimal 24 Stunden. Vollkommene Verklebung. 

60. F. W. Struma colloides von Faustgrösse. Excision am 15. 
November. Wegen der Grösse der Höhle Drain für 24 Stunden. Nähte nach zwei Tagen 
entfernt. Vollkommene Prima. 

61. F. K., 28 Jahre alt. Gonitis caseosa tuberculosa. Resectio genu 
am 1. November 1887. Ein tiefer gehender Käseherd im Condyl. ext. tibi» wird aus- 
gehöhlt, Drains und Naht nach zweimal 24 Stunden entfernt. Völlige Verklebung der 
Nabtlinie. Bis zum 8. flieset aus dem oberen Drain des Quadricepsbeutels noch seröse 
Flüssigkeit, danach ist die Heilung vollständig. Dagegen fühlt man noch an der vor¬ 
dem Fläche des Femur eine Flüssigkeitsansammlung, aber ohne 8cbmersen, ohoe Infil¬ 
tration, ohne Temperaturerhöhung. Am 15. November vor Anlegung des definitiven Gyps- 
verbandes wird dieselbe punctirt und schwarzes, flüssiges, völlig aseptisches Blut entleert. 
Nach Anlegung des Verbandes vermag Patient am 18. November das Bein aus der Rücken¬ 
lage zu erheben. 

62. Frl. N. Cholecystitis pur ulenta in Folge von grossen Gallensteinen, 
welche die Gallenblase ulcerirt haben. Peritonitisohe Erscheinungen. Cholecysteotomie 
am 4. November 1887 mit senkrechtem Schnitt am Rectusrand von ca. 12 cm. Länge. 
Ausgedehnte Verwachsung der Gallenblase mit Netz und Därmen. Wegnahme der Nähte 
nach zweimal 24 Stunden. Vollständige Primaheilung. 

Wenn wir die eben skizzirten 62 Fälle den 81 Fälle der vorangegangenen 
Zeit gegenüberstellen, so wird man zugeben, dass zwar die Umwälzung, welche 
die erste Einführung von Lister 's Methode bezüglich der Mortalitätsverhältnisse 
nach Operationen ergeben hat, eine viel gewaltigere ist, dass aber kaum je ein 
frappanterer Umschlag bezüglich Wundverlauf in so kurzen, unmittelbar auf ein¬ 
ander folgenden Zeiträumen beobachtet oder wenigstens mitgetheilt worden ist seit 
Einführung der antiseptischen Wundbehandlung: Nahezu 2 Monate lang trotz gün¬ 
stigster Aussenverhältnisse, trotz sorgfältigster Behandlung, trotz langer und be¬ 
währter Vertrautheit des ganzen chirurgischen Personals mit den Erfordernissen 
der Antiseptik fast ausnahmslos Infection, Eiterung, Sepsis in Fällen, wo Alles 
darauf angelegt schien, eine Primaheilung zu ergeben; in der unmittelbar folgenden 
Zeit dagegen von einem genau bestimmbaren Momente an in allen Fällen, wo 
eine Primaheilung überhaupt in Frage kommt, die tadelloseste Heilung 
der Wunden, eine unmittelbare Verklebung bei den ausgedehntesten Verletzun¬ 
gen, so dass stets mit Wegnahme der Nähte die Heilung fertig ist, ohoe irgend 
eine Secretion, ohne Drainfistel, ohne irgend eine nachträgliche Störung! Wird 
man wohl noch ein Mehreres verlangen dürfen, als bei einer Exarticulatio femoris 
bei einem sehr heruntergekommenen, anämischen Mädchen die Drains nach 24, 
die Nähte nach 2 X 24 Stunden entfernen zu dürfen und die Wunde in ganzer 
Ausdehnung verklebt zu finden, ohne dass nachträglich die geringste Empfindlich¬ 
keit, Schwellung oder Ansammlung von Serum oder Blut einträte? Und wird man 
mehr verlangen dürfen, als dass man am selben Tage 3 Strumaexcisionen macht, 
die Wunden schliesst ohne Drain und nach 2 X 24 Stunden alle 3 Patienten ohne 
Störung per primam verheilt findet? An einer Serie von 11 Strumaexcisionen in 
der ersten Periode ist ersichtlich, dass blos eine ohne Abscedirung geheilt ist, bei 
16 der zweiten Periode ist nicht blos Eiterung in keinem einzigen Falle eingetre* 


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ten, sondern bis auf eine maligne Struma sind alle durch absolute Verklebung ge¬ 
heilt, mit und ohne Anwendung von Drainrohren. 

Dieser vollkommene Umschwung von der fast ausnahmslosen Störung des 
Wundverlaufs durch infectiöse Einflüsse zu der vollkommensten Art der Wund¬ 
heilung, welche derjenigen subcutaner Wunden völlig analog ist, ist zu Stande 
gekommen unter Beibehaltung derselben Aussenverhältnisse, desselben Locales mit 
seinen Einrichtungen, desselben Personals mit seinen menschlichen Unvollkommen¬ 
heiten, derselben Wundbehandlungsstoffe und derselben Antiseptica mit der ein¬ 
zigen Aenderung, dass Catgut wegblieb und Seide allein zu Suturen und Ligaturen 
verwendet wurde. 

Eine ganze Zahl von Chirurgen wird mir einwenden: Aber wir brauchen ja 
nichts als Catgut zu unseren Ligaturen und zu unseren Suturen und unsere Wun¬ 
den heilen uns auch per primam. Ich antworte ihnen: Es wird mir sehr lieb sein, 
wenn durch Publication einer genau chronologischen Reihenfolge von grösseren 
Operationen von verschiedenen Chirurgen die Thatsache erhärtet wird, dass wir 
jetzt wirklich da angelangt sind, wo wir practisch bessere Resultate der Antisep¬ 
sis nicht mehr verlangen dürfen und brauchen. Denn es wird durch diese Belege 
dem Gros der Aerzte zum Bewusstsein gebracht werden, dass es sich nicht darum 
handelt, stets nach neuern und bessern Antiseptica zu haschen, sondern die ge¬ 
botenen auf das Gewissenhafteste gebrauchen zu lernen. Aber ich möchte auf 
obigen Einwand noch das Weitere antworten: Auch ich habe so schöne Resultate 
gehabt mit Catgutanwendung! Auch ich habe ganze Serien von Fällen per primam 
geheilt, wo ich mit Catgut unterband und sogar nähte 1 Das thut indess der That- 
sache keinen Eintrag, dass ich auf einmal ein Catgut in die Hände bekommen 
habe, das durch die besten bekannten Mittel sich nicht hat desinficiren lassen und 
wenn ich deshalb meine Stimme gegen das Catgut erhebe, so geschieht dies, weil 
ich nicht einsehe, warum nicht genau dasselbe Missgeschick plötzlich diesen oder 
jenen der geübtesten Chirurgen auch zustossen könnte und weil ich meine Collegen 
vor den daherigen Unannehmlichkeiten bewahren möchte. 

Mit der Seide hat, so viel mir bekannt, Niemand ähnliche Erfahrungen ge» 
macht; man wolle beachten, dass selbst zur Zeit unserer Catgutinfectionen die 
mit Seide genähten Hautwunden die schönsten Heilungen ergaben und dass die 
Infection von der Tiefe aus erfolgt ist. 

Ich habe mir Mühe gegeben, mich über die Zubereitungsweise des Rohcatgut 
zu orientiren. Es ist mir aber noch nicht gelungen. Gemäss seiner Herkunft ist 
es aber von vorneherein ein höchst verdächtiges Material und wenn bei seiner 
Herstellung noch Factoren einwirken, welche den Zutritt von antiseptischen Lö* 
sungen und Mitteln überhaupt erschweren, so kann es kaum fehlen, dass wir mit 
dem Catgut die allergefäbrlichsten Infectionsstoffe in die Wunden einpflanzen. 
Denn dass mit der Impfung eines Infectionsstoffes auf eine Wunde mittelst eines 
Fadens unvergleichlich mehr Schaden angerichtet wird, als mit Auffallen der 
mannigfaltigsten Keime aus der Luft, das ist — seit Wundinfectionen experimentell 
studirt werden — zur Genüge bekannt. Es handelt sich hier um mehr, als um 
das was man bei Berührung der Wunden mit Händen, Instrumenten und Schwärn- 


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men als Confc&ctinfection bezeichnet hat. Es wird hier vielmehr dem infectiosen 
Material schon ein Nährboden mitgegeben, der in dem Brütofen des menschlichen 
Körpers die günstigsten Verhältnisse zu seiner Entwicklung findet. Man könnte 
hier von einer Incubationsinfection sprechen, oder von einer Implantations- 
infection. 

Offenbar ist diese Form der Infection die allergefährlichste, weil sie am läng¬ 
sten dauert, der directen Beobachtung entgeht, erst nach Tagen anscheinend gün¬ 
stigen Verlaufs in die Erscheinung treten kann und deshalb der nachträglichen 
Desinfection die grössten Schwierigkeiten bereitet. Wir müssen deshalb vollkom¬ 
men sicher sein, dass das Fadenmaterial, überhaupt Alles, was in die Tiefe der 
Wunde gebracht wird und dort verweilt, vollkommen sterilisirt wird und wie wir 
nicht mit Vorliebe eine Operation ausführen, welche eine Primaheilung erlaubt, 
mit Instrumenten, welche vorher mit infectiosen Stoffen beschmutzt sind oder 
Schwämme benützen, welche schon bei Eröffnung von Abscessen gedient haben, 
so sollten wir ein Material von so infectiöser Herkunft wie das Catgut ein für 
alle Mal verbannen. 

Bei der Seide liegt die Sache ganz anders. Hier ist der Rohstoff nicht schon 
mit Infectionsstoffen imprägnirt und wird nicht in einer Weise zubereitet, dass die 
antiseptischen Lösungen schwierig oder gar nicht einzudringen vermögen. Im 
Oegentheil dringt bei Seide die Lösung relativ leicht in die feinsten Maschen 
hinein und vermag ihre Wirksamkeit zu entfalten. — 

Einer Modifikation bei der Blutstillung müssen wir noch Erwähnung thun. 
Seit wir Seide zu Ligaturen benützen, zunächst in der Absicht, nicht gar zu grosse 
Quantitäten derselben in die Wunde zu bringen, haben wir nach Anlegung der 
Arterienzangen während der Operation, am Ende derselben die grosse Mehrzahl 
zumal kleiner Gefässe einfach torquirt und nur das unterbunden, was trotz der 
Torsion wieder blutete. Damit die Torsion die Blutung stille, muss das blutende 
Gefäss gut gefasst sein und vollständig abgedreht werden und zu diesem Behufe 
benützen wir die seit Jahren in unserer Klinik eingeführte Modification der köberle - 
Pean-Billroth 'sehen Arterienzangen, darin bestehend, dass wir am vordem Ende 
kleine Haken anbringen lassen nach Art der Hakenpincetten. So modificirt fassen 
die Zangen selbst in sehr derbem und strammem Gewebe vorzüglich. Im Interesse 
der Antisepsis sind die früher gerippten Zangen auf unsern Wunsch von Herrn 
Walter-Biondctti in Basel glatt gerinnt angefertigt worden; doch fassen die ge¬ 
rippten Zangen sicherer. 

Neben dem Faden sind es die Schwämme, welche zur Verhütung der Con- 
tactinfection die grösste Berücksichtigung verdienen. Wir haben versucht, die¬ 
selben in Sublimatlösung ähnlich wie die Faden aufzubewahren. Allein einerseits 
leiden hiebei die Schwämme zu sehr und die Sublimatlösung ist Zersetzungen zu 
sehr ausgesetzt. Auch die Erfahrung haben wir gemacht, dass es nichts werth ist, 
in Carbol aufbewahrte Schwämme nachher in Sublimatlösung zu bringen. Es bildet 
sich ein Niederschlag, der die Wunde verunreinigt und die Wirkung der Antisep- 
tica beeinträchtigt Deshalb gehen wir in einfachster Weise so vor: Die mit Seife 
und warmem Wasser gründlich gereinigten und mehrfach abgebrühten Schwämme 


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kommen in eine klare 5% Carbollösung. Vor der Operation werden sie sammt 
der Lösung in ein Emailgefäss ausgegossen und durch eine Rollpressmaschine 
ganz fest ausgepresst in ein desinficirtes Emailgefäss gebracht und so zugereicht. 
Die Schwämme sollen also die Wunde durchaus nicht desinficiren, sondern blos 
nicht inficiren und dass die Benutzung derselben in der erwähnten Weise dies 
leistet, beweist unsere Zusammenstellung. 

Die Instrumente, so weit sie glatt und polirt sind, lassen sich — wie 
Kümmel gezeigt hat — durch einfaches Abreiben und Einlegen in Carbollösung 
ohne Schwierigkeit aseptisch machen. Die complicirten Instrumente kochen wir 
2 Stunden lang in gewöhnlichem Wasser. 

Ueber die Desinfection der Hände hat sich in neuester Zeit Fürbringer aus¬ 
gesprochen und verlangt auf Grund seiner bacterioscopischen Untersuchungen 
gründliches Abseifen mit Bürste und warmem Wasser, danach Baden in Alcohol 
und zuletzt in 1%» Sublimatlösung. Förster in Amsterdam verlangt für die völlige 
Asepsis blosses Abbürsten mit Seife und Wasser und unmittelbare Desinfection 
mit 1%« Sublimat. Kümmel endlich findet nach dem Abseifen blos 5% Carbollösung 
und 50% Chlorwasser vollständig sicher wirksam. Unsere eigenen Resultate be¬ 
rechtigen uns, den Resultaten der Förster 1 sehen Untersuchungen beizustimmen. Wir 
haben noch vor Kurzem unmittelbar nach Beschmutzung unserer Hände mit dem 
Eiter einer acuten Osteomyelitis, reichlich den Staphylococcus pyogenes aureus 
enthaltend, eine Excision einer grossen Struma vornehmen müssen. Dieselbe ist 
in 2 X 24 Stunden durch vollkommene Verklebung geheilt. Nach Fürbringer'$ 
Versuchen selbst scheint es uns ungleich wichtiger, sich die Nägel kurz zu schnei¬ 
den, jeglichen Schmutz im Nagelfalz und Nagelrand mit dem Messer mechanisch 
gründlich zu entfernen und durch Abbürsten mit Seife und warmem Wasser jeg¬ 
liche Auflagerung auf die Epidermis zu entfernen, als mit Alcohol oder ähnlichen 
Stoffen, die doch schliesslich die Wirkung der wässrigen Sublimatlösung eher be¬ 
einträchtigen müssen, die Reinigungsvorkehren noch zu compliciren. Völligen Bei¬ 
fall möchten wir Fürbringer geben, dass es nöthig ist, dass das Sublimat die Finger 
recht benetzen könne. Das erreicht man aber ohne Alcohol dadurch, dass man 
nach gründlichem Abspülen der Seife mit warmem Wasser die nassen Hände so¬ 
fort in die Sublimatlösung taucht resp. mit dieser abbürstet. Förster hat vollkom¬ 
men recht, den Gebrauch eines Handtuchs zum Abtrocknen der Hände zu ver- 
pönen. Ich kann auch nur darüber erstaunen, dass Fürbringer dieses Abtrocknen 
ohne Schaden für die Asepsis zulässig hält. 

Herr Dr. Tatet hatte die Güte, bei mir und meinen Assistenten nach der von 
Fürbringer angegebenen Methode den Nagelschmutz zu untersuchen. Bei einer 
ersten Prüfung vor der Operation wuchsen sowohl bei mir als meinen 2 Assisten¬ 
ten in der Gelatine Colonien. Nach gründlicher Waschung mit warmem Wasser 
und Seife und Bürste in der Art, wie ich sie stets mache und nachheriger momen¬ 
taner Desinfection mit 1%» Sublimat, zeigte der Vorrath des unter den Nägeln 
und aus dem Nagelfalz herausbeförderten Materials sich bei mir und einem meiner 
Assistenten völlig steril und zwar bei Fortsetzung der Beobachtung während eines 
Monates, sowohl nach Benützung von Alcohol nach Fürbringer als ohne denselben. 


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Nur bei dem andern Assistenten traten in der Gelatine bei dem Versuch mit Wa¬ 
schung ohne Alcohol einige Colonien auf. Bei demselben Assistenten wurden 
übrigens auch hach der Operation nach mehrmaliger Waschung und Desinfection 
mit Sublimat die Gelatinegläser inficirt, während meine und des ersterwähnten 
Assistenten Hände und Nägel sich wieder völlig steril zeigten. 

Bei einem acuten Abscess, aus welchem Impfung eines Stückchens Muskel 
massenhafte Stapbylococcenculturen erzeugte und bei dessen Eröffnung ich mich 
mit Absicht recht verunreinigt hatte — übrigens mit so viel Erfolg, dass ich nach¬ 
her ein schweres Panaritium bekam — zeigte sich nach der oben erwähnten Art 
der Reinigung ohne Alcohol die rechte Hand steril, von dem Nagelschmutz der 
linken, besonders stark verunreinigten Hand wurde die Gelatine inficirt, aber nicht 
mit dom Staphylococcus des Abscesses. Ich darf also annehmen, dass unsere 
jetzige Methode des Fingerwaschens zur vollkommenen Desinfection genügend ist. 

Ist einmal dafür gesorgt, dass nicht durch Faden eine Implantationsinfection 
und nicht durch Hände, Instrumente und Schwämme eine Contactinfection der 
Wunde zu Stande gekommen ist, so hat die Luftinfection in passenden 
Operationslocalien eine geringe Bedeutung und lässt sich der daherige Schaden 
leicht gut machen. So weit sie durch Luftkeime nöthig geworden ist, wird zuletzt 
noch eine Desinfection der Wunde mittelst eines Gazebausches ausgefübrt, der mit 
17*9 Sublimatlösung getränkt in alle Recessus der Wunde hinein gepresst wird; 
dann wird jeder Rest von Flüssigkeit wieder ausgetupft und die Wunde zugenäht. 

Nach den günstigen Erfolgen, welche die fortlaufende Naht gegeben hat nach 
den Veröffentlichungen von Tiümanns^ Bakö, nach dem, was wir bei College Schede 
gesehen haben und besonders bei unserem Collegen Gtragd machen wir fast immer 
eine fortlaufende Kürschnernaht, abwechselnd tiefer und oberflächlicher greifend, 
eine Sutur, welche so gut liegt, dass ein vollkommener Schluss der Wunde me¬ 
chanisch gesichert ist. Dabei halten wir uns von allen complicirten Künsteleien 
fern und benützen zur Entspannung einige sehr tiefgreifende Knopfnähte, welche 
zuerst angelegt werden und die bequeme Anlegung der oberflächlichen Nabt und 
die Verhütung von Höhlenbildung unter derselben bezwecken. Wo letztere Wir¬ 
kung sicher sich erzielen lässt, wird gar nicht drainirt. Wo dies nicht der Fall 
ist, werden ausnahmslos Glasdrains benutzt. 

Wir haben wie viele andere Chirurgen im Anfang etwas Mühe gehabt, uns 
von den geschmeidigen Caoutchukdrains loszumachen und die richtige Anwendung 
der Glasdrains zu finden. Mit einiger Uebung in der Wahl der Stelle für den 
Drain und Bestimmung der richtigen Länge kommt man aber über diese Schwierig¬ 
keiten hinweg. Wir haben bei Herrn Mechaniker Hotz in Bern Glasdrains mit 
sehr grossen Drainöffnungen machen lassen, die sehr gut functioniren. Die Glas— 
drains haben den grossen Vottheil vor allen andern Drainröbren voraus, dass man 
sie vollkommen sicher sterilisiren kann durch Auskochen, ihre Reinheit jederzeit 
controliren und sie, ohne dass sie sich wie organische Stoffe imbibiren und Zer- 
setzungen der Aufbewahrungsflüssigkeit bei längerer Dauer veranlassen, in jeder 
beliebigen Desinfectionsflüssigkeit, am besten in l%o Sublimatlösung aufbewahren 
kann. 


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Es hat vielfache Vortheile, vereinfacht namentlich die Anlegung einer exacten 
Wundnaht wesentlich, den Drain durch eine kleine, eigene Oeffnung neben der 
Wunde in die Wundhöhle einzuschicben. Indess ist dieser Punkt nicht wesentlich 
und man lernt auch bei in der Hauptwunde liegendem Drain eine völlig sichere 
Naht anzulegen. Es gibt Fälle, wo die Anlegung kleiner Drainöffnungen neben 
der Wunde schwierig ist und zu Blutungen Anlass gibt, namentlich in ungeübteren 
Händen oder bei Aerzten, die mit der Anatomie nicht mehr vollkommen vertraut 
sind. 

Nun der Verband. Hier ist vor Allem nöthig, in die Confusion der Ver¬ 
bandstoffe, welche einem gelegentlich angeboten werden, etwas Ordnung zu bringen. 
Die Concurrenz hat die zahlreichen Verbandstofffabriken veranlasst, die allerver¬ 
schiedensten Stoffe antiseptisch zu imprägniren und zu Verbandmaterial zu ver¬ 
arbeiten. Verwenden Sie Waldwolle oder Holzwolle ? Moospappe oder Torf ? 
Jodoformgaze oder Wismuth ? wird man noch gar oft von Besuchern, die sich auf 
antiseptischen Studienreisen befinden, gefragt. Und doch ist all’ dieser Kram un¬ 
nütz für die sämmtlichen Fälle, wo man eine Heilung einer Wunde per primam 
intentionem anstreben darf und wo man die mechanischen Indicationen zu einer 
solchen zu erfüllen versteht, d. h. eine exacte Wundnaht angelegt hat. 

Ganz besonders möchten wir im Interesse der schwer durch die Kosten der 
Antisepsis heimgesuchten Spitalverwaltungen ein Wort einlegen gegen den Miss¬ 
brauch des Jodoforms und der Jodoformgaze. Das Jodoform gehört zu den kost¬ 
spieligsten Artikeln der Antisepsis und doch sieht man noch Chirurgen genug, 
welche es für nöthig halten, die ganze Umgebung einer Wunde in grösster Aus¬ 
dehnung mit Jodoformpulver zu bepudern oder mit Jodoformgaze zu bedecken. 
Das ist gut gewesen zur Zeit der Dauerverbände, aber über diese ist man jetzt 
hinaus. Mir imponirt es in keiner Weise, wenn mir eine Amputatio mammse ge¬ 
zeigt wird, welche unter einem einzigen Verbände in 8 oder 14 Tagen heilt, denn 
eine wirkliche Prima bedarf lange vorher schon keines antiseptischen Verbandes 
mehr; vollends will es nichts sagen, wenn eine Resectio genu 3—6 Wochen im 
gleichen Verbände liegt und bei Wegnahme des letztem — oft genug blos noch 
bis auf eine ganz kleine Granulation oder Fistel — geheilt ist. Wo Drainröhren 
8 und 14 Tage liegen bleiben, kann man von einer Heilung durch primäre Ver¬ 
klebung nicht mehr sprechen. Vielmehr soll es Regel sein, Abfluss von Wund- 
secreten nur so lange durch Drains zu bewirken, als die Schädigung der Gewebe 
durch die Operation selber nachwirkt und auch blos dann, wenn die Ansammlung 
dieser Secrete in einer kleinern oder grossem Höhle nicht vermieden werden kann. 
Wir lassen deshalb die Drains, wie auch in dem oben erwähnten Falle von Ex- 
articulatio femoris, blos 24 Stunden liegen und für so kurze Zeit wirkt eine Sublimat¬ 
lösung l%o in einem Gazekrüll genügend nach, um es zu keiner Zersetzung der 
imbibirenden serösen oder blutig-serösen Flüssigkeit kommen zu lassen. Nach 
Entfernung des Drains oder für die Fälle (s. oben), wo eine Drainirung gar nicht 
stattzufinden braucht, genügt vollends eine momentan sterilisirte Gaze, um Zer¬ 
setzungen der paar Tropfen Secret oder Blut hintanzuhalten, die sich noch zwi¬ 
schen weniger fest auf einander gepressten Stellen der Wundränder hindurch- 

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drängen. Für sehr nothwendig oder wenigstens wiinschenswerth halten wir es 
aber, das in den Verband dringende Secret zu rascher Verdunstung kommen zu 
lassen, d. h. nicht letztere zu hindern durch Application von Impermeabeln, von 
Watte etc., wie schon Slarcke vorzüglich betont hat: deshalb verdienen alle gut 
aufsaugenden und lockeren Kissen, die man überlegt, wenn man der Compression 
wegen solche überhaupt in Anwendung zieht, den Vorzug. Wir benützen mit Vor¬ 
liebe Waldwolle. Nach 2 X 24 Stunden werden die Nähte weggenommen und 
dann genügen zur Verhütung von Reibung und Zerrung an der frisch vereinigten 
Wunde beliebige Deckverbände, je nach Ausdehnung und Localität genügt ein 
Collodialstreifen. Es wird deshalb bei uns regelmässig am 1. und 2. Tage nach 
der Operation der Verband gewechselt und wegen der kurzen Dauer blos mit 
Gazekrüll verbunden, welche in 1%« Sublimatlösung gelegen haben und vor dem 
Auflegen sehr kräftig — bei uns durch eine Rollpresse — ausgedrückt sind. Wir 
haben uns überzeugt, dass jeglicher Gebrauch von nachhaltiger wirkenden Mitteln, 
wie Jodoform, Wismutb, Zink völlig überflüssig ist. 

Natürlich ist die Sache ganz anders, wenn eine Wunde schon eitert oder nicht 
ganz geschlossen werden kann, oder nachträglicher Infection ausgesetzt 
ist. Da bat Jodoformgaze und die andern erwähnten Dauer-Antiseptica ihre volle 
Berechtigung und sind bequeme Mittel, um tiefgehende und daher gefährliche Zer¬ 
setzungen von der Wundoberfläche her zu verhüten, ohne dass man genöthigt ist, 
einen häufigen Verbandwechsel eintreten zu lassen. Wo letzterer zulässig oder 
erwünscht ist, kann man auch hier jedes nur auf kürzere Zeit wirksame Antisep- 
ticum benützen. 

Wir haben noch im letzten Frühling einen berühmten Chirurgen, welcher die 
grössten Verdienste um die Antisepsis bat, sich äussern hören: „Es kommt schliess¬ 
lich nicht darauf an, ob ein paar Microorganismen in eine Wunde gelangen oder 
nicht, denn dieselben ganz auszuschliessen gelingt uns doch nicht. Nur das Quan¬ 
tum entscheidet und bei Uebersteigen einer gewissen Grenze tritt das ein, was 
wir Infection nennen. 44 Wir müssen derartige Dicta für gefährlich halten. Unsere 
Wunden heilen allerdings öfter bei sehr relativer Asepsis, aber neben einem Falle 
von absoluter Verklebung kommt ein anderer vor mit einem kleinen Fadenabscess 
und ein dritter mit 5, 8 und 14 Tage fistulös bleibender Drainöffnung und ein 
vierter mit nachträglicher Abscessbildung unter der Narbe. 

Im Gegensatz zu dieser Geratbewohl-Antisepsis gibt es eine andere, 
bei welcher eine Wunde wie die andere, die grössten und die kleinsten, die glatten 
und die unregelmässigen in ganzer Ausdehnung durch vollkommene Verklebung 
heilen, so dass, wie wir zeigten, auch eine Exarticulatio femoris in 2 Tagen geheilt 
sein kann. Und wenn mechanische Verhältnisse eintreten, welche die Verklebung 
unmöglich machen, wenn Höhlenbildung eintritt resp. Höhlen in der Wunde be¬ 
lassen werden, so sammelt sich flüssiges Blut oder klares Serum an, nach deren 
Entleerung die Höhle ohne Eiterung sich schliesst. Und wenn Gangrän der Haut¬ 
ränder durch mangelhafte Ernährung oder Druck oder Spannung zu Wege kommt, 
so heilt doch der übrige Tbeil der Wunde vollständig durch Verklebung und nur 
die nicht vereinigte Stelle durch Granulation, 


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Der beste Maassstab für das, was wir erreichen können und erreichen müssen 
mit einer wahrhaft aseptischen Wundbehandlung ist uns gegeben in der Heilungs¬ 
weise der subcutanen Verletzungen. Hier bleibt bei den schwersten mechani¬ 
schen Schädigungen Eiterung so gut wie immer aus. Wenn auch subcutane Ge¬ 
webe zertrümmert werden, so zerfällt das todte Gewebe und wird in der Regel 
durch Resorption weggesebafft. Wenn sich ausgedehnte Blutergüsse und seröse 
Ergüsse bilden, so treten zwar Schwellung, Röthung, Schmerzen und Druck¬ 
empfindlichkeit , ja Drüsenschwellungen und Fiebererscheinungen auf. Aber die 
Symptome haben ihre bestimmte Zeit, geben ohne Zuthun zurück und die ergosse¬ 
nen Flüssigkeiten werden durch Resorption weggeschafft. Und wenn einmal Blut 
oder Lymphe sich in einem grossem Hohlraume ansammelt, so kann es lange als 
fluctuirende Geschwulst bestehen bleiben, allein es macht keine anderen, als me¬ 
chanisch und chemisch erklärbare Störungen und mit der Entfernung der Flüssig¬ 
keit durch Punction sind die Erscheinungen beseitigt. 

Wir glauben, durch unsere Zusammenstellung zu zeigen, dass man genau den¬ 
selben Verlauf wie bei subcutanen Verletzungen auch bei Wunden durch die rich¬ 
tige Antisepsis zu erzielen vermag. Necrosen, blutige und seröse Ergüsse richten 
nicht mehr Schaden an, als wenn sie von vorneherein durch die intacte Haut nach 
aussen abgeschlossen sind. Man kommt höchstens dazu, wie wir bei Fall 61, einer 
Knieresection, gezeigt haben, das Blut durch Aspiration zu entfernen, ebenso eine 
grössere seröse Ansammlung, wie bei der geschilderten Excision einer Struma 
maligna. Selbst ausgedehntes Einpumpen von Luft, wie in dem Falle 44 von 
Strumaexcision bei hochgradiger Tracheostenose, hat ausser den intensiven Schmer¬ 
zen, für den Wundverlauf nicht den geringsten Nachtheil. Ja wir dürfen ruhig 
behaupten, dass die Wunden bei correcter Asepsis schöner heilen als die subcuta¬ 
nen gleicbwerthigen Verletzungen insofern, als wir die Blutung stillen können und 
so alle Folgen der Blut- und anderer Ergüsse verhüten und demgemäss eine viel 
raschere Verheilung unter viel geringeren Schmerzen herbeizuführen im Stande 
sind. Deshalb gewinnt auch bei den bisher am häufigsten subcutan ausgeführten 
Operationen, wie Tenotomien, die Ausführung von einem Schnitte aus gegenüber 
dem blinden Einfuhren spitzer Instrumente mehr Boden. 

Mit diesen Auseinandersetzungen ist die Frage, ob man darauf ausgehen solle, 
bei allen Wunden die Drainage wegzulassen, entschieden. Es ist diese Frage 
keineswegs so wichtig, wie sie von vielen Seiten angesehen wird. Bei unvoll¬ 
kommener Asepsis ist freilich Einlegen und mehr oder weniger langes Liegenlassen 
von Drainröhren unentbehrlich. Bei vollkommener Asepsis, von der wir sprechen, 
ist Drainage nicht nothwendig, selbst dann nicht, wenn Höhlen zurückgelassen 
werden, in denen sich nothwendig Serum oder Blut ansammeln muss. Aber trotz¬ 
dem ist die Heilung schöner und für den Patienten namentlich angenehmer, wenn 
diese Flüssigkeiten abgeleitet werden. Jede Ansammlung oder Infiltration der¬ 
selben macht mehr Spannung und Beschwerden, sogar Fieber, und in einzelnen 
Fällen ist die nachträgliche Entfernung durch Punction nothwendig. Man wird 
deshalb nur da auf die Einlegung einer Drainröhre für die ersten 24 Stunden ver¬ 
zichten, wo man keine sicher sterilisirten Röhren zur Verfügung hat, wo man 


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Grund hat., einen möglichst kleinen und einfachen Verband, z. B. einen einfachen 
Collodialverband vorzuziehen, endlich da, wo man durch die Naht oder eine nicht 
zu unbequeme Compression die Wunde in ganzer Tiefe zu schliessen im Stande 
ist. Jedenfalls ist mit Weglassen der Drainröhren eine der Gefahren nachträg¬ 
licher Infection ausgemerzt. 

Hauptsache ist und bleibt, dass man sich die Sterilisation 
der Wunden in dem Sinne, wie wir andere Nährboden steril 
halten, bei der Wundbehandlung zum Ziel setze. Nur diese 
ideale Antisepsis wird Resultate ergeben, wie wir sie oben 
verz ei ebnet haben. 

Zum Schlüsse möchte ich noch Antwort geberf auf die häufige Anfrage von 
Collegen, welche ausserhalb von Spitälern Operationen vorzubereiten haben: Was 
ist für die Wundbehandlung vorzukehren? 

1) Lassen Sie ein Zimmer im Haus leeren, gründlich mit warmem Seifen¬ 
wasser 1 ) an Dielen, Decken und Wänden abwaschen und abtrocknen, 3 ebenso 
gereinigte Tische hineinstellen, einen zur Lagerung des Kranken mit einem weissen 
Leintuch bedeckt, einen für Instrumente und Verband, einen für die Reinigungs¬ 
vorkehren. 

2) Sorgen Sie für 7a Dutzend ausgebrühte Schüsseln und ebenso viele Hafen 
und Flaschen zur Aufnahme der antiseptischen Lösungen, und für ein sehr grosses 
Quantum warmen Wassers, welches 2 Stunden lang gekocht haben muss« 

3) Bringen Sie Seife und Bürsten mit zur Abreibung von Haut, Haaren und 
Händen aller bei der Operation Betheiligten, sowie grosse glatte Impermeabel zur 
Bedeckung des Kranken und des Instrumenten- und Verbandtisches« 

4) Für Herstellung der nöthigen antiseptischen Lösungen beschaffen Sie eine 
concentrirte Carbollösung in titrirtem Gefäss und eine genügende Zahl Sublimat¬ 
kochsalzpastillen zu 1 grm. 

5) Ausser den Instrumenten beschaffen Sie ein Glas mit Glasdrains in l%o 
Sublimat, ein Glas mit feiner Seide auf eine Glasspule gewickelt in 1%* Sublimat, 
ein Glas mit Schwämmen in 5% Carbollösung, endlich eine sehr grosse Portion 
unpräparirten Gazetuchs nebst Gazebinden. *) 


V ereinsberichte. 

Medicinisch-pharmaceutischer Bezirksverein von Bern. 

Erste Sitzung im Wintersemester 1887/88, Dienstag den 8. November 1887, Abends 

8 Uhr, im Casino. 8 ) 

Präsident: Dr. Dübois . — Actuar: Dr. Dumont. 

Anwesend 22 Mitglieder und 1 Gast. 

1. Dr. Bueler hält einen Vortrag „Zur Behandlung der habituellen Obstipation“. 

(Erscheint in extenso.) 

*) Oder mit Brod nach Eimarch jnn. 

*) Unter dem Namen „hydrophiler Verbandstoff“ liefert in der Schweiz die internationale Ver¬ 
band atoffTabrik Scbaffhausen diese Gaze in vorzüglicher Qualität. 

*) Erhalten am 26. November 1887. Red. 


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In der Discussion bemerkt Dr. Niehans , dass es zur Beurtheilung der Wirkung der 
Massage bei der habituellen Obstipation sehr auf die Dauer der Erkrankung ankomme. 
Bei hereditären Obstipationen z. B. sei der Erfolg ein entschieden langsamerer, als bei den 
andern Formen der Krankheit. So glaube er, dass er im Anfang seiner Massagethätigkeit 
meistens mit hereditären, schweren Formen der Obstipation zu thun gehabt habe, indem 
er zu deren Hebung im Ganzen längerer Zeit bedurfte , wie der Vortragende. — Es 
gibt fernere Fälle von Obstipation, welche durch Briden bedingt werden und bei denen 
eine Massagebehandlung natürlicherweise nichts ab trägt. Er weiss sich eines Falles zu 
erinnern, bei dem der Patient nur angab, seit 10 Jahren an chronischer Obstipation zu 
leiden und vor 16 Jahren eine Brustfellentzündung durchgemacht zu haben. Der Patient, 
der unter den Zeichen der Darmeinklemmung ins Spital trat und kurz darauf starb, hatte 
bei der Section zwei Briden am Jejunum. Hier wäre natürlich für chronische Obsti¬ 
pation die Laparotomie am Platze gewesen. — N. hat weiterhin die von Sahli ange¬ 
gebene Kugel zur Massage des Unterleibes versucht. Er glaubt, dass fiir deren Wirkung 
auch der Kälte derselben eine gewisse Rolle einzuräumen sei. Er begrüsst dieselbe als 
ein neues Mittel zur Massage des Unterleibes, fürchtet aber, sie werde auf die tieferen 
Theile, z. ß. auf das Rectum, nicht so gut wirken, wie die richtig ausgeführte Massage. 

Dr. Schaerer hat die Massage des Unterleibes bei Perityphlitis mit gutem Erfolge 
angewandt, obwohl er sie nicht in dem Stadium ausführte, in welchem der Eisbeutel noch 
indicirt war. Ebenso hält er diese Behandlung sehr wirksam zur Bekämpfung der Schmerzen, 
welche hier und da ziemlich spät nach der Perityphlitis auftreten. 

Dr. Conrad ist mit dem Vortragenden darin einverstanden, dass die Erschlaffung 
der Bauchdecken als solche eine häufige Ursache der habituellen Obstipation bildet. — 
Bei sehr starker Dilatation und Erschlaffung des Rectum, bei welcher aber das obere 
Darmrohr gut functionirt, hat er mit Erfolg die Faradisation des Rectum angewandt, 
wenn die Massage nichts abtrug. — Was die Behandlung localer Peritonitiden mit Massage 
anbetrifft, so hält er dafür, dass vor Allem kein Fieber und keine zu grosse Empfindlich¬ 
keit der Gegend bestehen sollte. 

Dr. Bueler hat im Gegensätze zu Dr. Conrad die Erfahrung gemacht, dass wenn 
Faeces einmal im Rectum sind, sie ohne grossere Schwierigkeiten weiter befördert würden. 
Nach ihm liegt das Haupthinderniss vielmehr im S. Rom an um. 

Dr. Ost spricht die Meinung aus, es möchte sich bei dem von Dr. Niehans mitge- 
theilten Falle um eine Peritonitis vor der Geburt gehandelt haben. Solche Fälle, welche 
sehr leicht Briden und sonstige Verwachsungen zur Folge hätten, seien neuerdings in 
der pädiatrischen Litteratur mehrfach beschrieben. — Er hat betreffs Anwendung der 
Massage bei Kindern den Eindruck gewonnen, dass die damit erzielten Resultate meist 
vorübergehender Art seien, dass die Massage allein kaum genügt, sondern erst, wenn man 
damit das ganze Regime des Kindes ändert. 

Dr. Sahli glaubt, der Einwand von Dr. Niehans gegen seine Kugel sei dahinfallond, 
wenn man in den Fällen, in welchen dieselbe nicht tief genug wirke, einfach eine grössere 
Kugel anwende. — Was die Wirkung der Kälte dabei anbelangt, so ist dieselbe nicht 
nöthig zur Erklärung der Wirkung der Kugel. 

Dr. Niohans-Bovet hat die Ansicht, dass bei der Obstipation des Rectum eben die Bauch¬ 
presse fehle. Die Faradisation des Rectum, wie es Conrad angibt, hat wohl kaum 
genügt, sondern es sind dabei die Bauchdecken mit faradisirt worden und daher der 
Erfolg. 

Dem gegenüber hält Dr. Conrad fest, dass er mit einer Doppelelectrode gearbeitet 
habe, d. h. also, dass er beide Pole ins Rectum eingeführt hätte. Es konnte sich daher 
kaum um eine Betheiligung der Bauchdecken handeln. 

Dr. Niehans-Bovet meint, es wäre dies noch immer möglich, und zwar auf reflec- 
torischem Wege, ganz analog wie durch ein Clysma z. B. die Bauchdecken zu erhöhter 
Thätigkeit angehalten würden. 

Dr. j Dättwyler theilt in Bestätigung dessen zwei Fälle mit, bei welchen er weder 


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durch Electricität noch durch Massage das Rectum entleeren konnte und ihm dies durch 
Seifen-, einmal durch Oelclystiere recht gut gelang. 

Dr. Dubais nimmt gegenüber der Behandlung der chronischen Obstipation einen 
etwas skeptischen Standpunkt ein. Der Umstand , dass bei dieser Erkrankung so viele 
Behandlungsmethoden angepriesen werden, bürgt eben für die geringe Zuverlässigkeit der¬ 
selben. Bei allen diesen Methoden wirkt eben die Suggestion sehr viel. Er hat seit 
einer Reihe von Jahren kein anderes Mittel zur Behandlung der chronischen Obstipation 
als die Dressur, mit welcher er recht zufrieden ist. 

2. Wahlen : An Stelle des eine Wiederwahl ablehnenden Dr. Dubais wird zum 
Präsidenten des Vereines gewählt: Dr. Schaerer . 

Die Demission des Actuars wird nicht angenommen und derselbe einfach bestätigt. 


Gesellschaft der Aerzte in Zürich. 

10. Wintersitzung den 12. März 1887. 1 ) 

Präsident: Dr. H . v, Wyss . — Actuar: Dr. W ’. Schulthess. 

Dr. A. Lüning und Dr. W. Schulthess: Mittheilungen aus dem ortho¬ 
pädischen Institut und aus der Privatpraxis. 

Dr. Lüning demonstrirt: 1) Einen Fall von Exstirpalloa des kaorpligea lassen 
Gehffrganges mit Erhaltung der Ohrmoschei and der Fanctioa. Patient W. von Winter¬ 
thur, ein ca. 55jähriger, früher gesunder, robust gebauter Mann, consultirte am 31. März 
1886 Herrn Dr. M. Neukofmn wegen eines ca. thalergrossen Geschwüres, welches trich¬ 
terförmig die concha der rechten Ohrmuschel und die Apertur des äussern Gehörganges 
einnahm und den Gohörgang fast völlig verschloss, so dass Patient von sehr quälenden 
Ohrgeräuschen aufs äusserste geplagt wurde. Am gleichen Tage sah Vortragender den 
Patienten mit College NeuJcomm; es konnte keinem Zweifel unterliegen, dass es sich um 
eine etwas ungewöhnlichere und für die operative Therapie recht ungünstige Localisation 
des an den Rändern der Ohrmuschel ja nicht selten zu beobachtenden flachen Epithelial- 
Carcinoms handelte. Die Anamnese war die bei diesen Neubildungen gewöhnliche. Schon 
vor 5 — 6 Jahren bemerkte Patient nahe der Apertur einen kleinen Schorf, der sich auf 
Abkratzen stetig etwas vergrösserte und hie und da blutete. Lange Zeit wurde die 
Sache für irrelevant gehalten, später bei zunehmendem Wachsthum des Geschwürs ein 
Arzt consultirt, der Aetzungen vornahm, nachher wieder Hausmittel u. dgl. angewendet. 
Jetzt nahm das zerklüftete, leicht blutende ulcus, wie bemerkt, die ganze concha und die 
Apertur ein, griff seitlich auf tragus, antitragus, spina helicis und anthelix über (wird an 
einer Zeichnung demonstrirt), deren Contouren schon in dem Geschwür aufgegangen waren. 
Dagegen hatte die Ulceration noch nirgends den freien Rand des Ohres erreicht und auch 
die hintere Hautbedeckung des Ohres erwies sich als zweifellos gesund. Ein Einblick in 
den Gehörgang war wegen der Neigung zum Bluten nicht zu gewinnen; die Uhr wurde 
ä distance nicht gehört; keine Drüsenschwellungen. 

Die Exstirpation wurde am 3. April 1886 in der Weise vorgenomraen, dass 
nach Umkreisung des ulcerirten Gebietes der Hautschnitt rings herum durch den Ohr¬ 
knorpel hindurch vertieft, und dieser als zusammenhängender Trichter sammt der Neu¬ 
bildung von der Haut der Rückseite des Ohrs bis zum knorpligen Gehörgang abpräparirt 
wurde. Nach der queren Durchschneidung des letztem, etwa in seiner Mitte, erwies sich 
indessen die Auskleidung desselben noch als inflltrirt, so dass der Rest noch wiederholt 
isolirt und in Segmenten abgetragen werden musste, was von der grossen trichterförmigen 
Wunde aus nicht allzu schwer war. Der letzte — unverdächtige — Durchschnitt fiel 
unmittelbar vor den Uebergang in den knöchernen Gehörgang. Nun liess sich das Trom¬ 
melfell leicht übersehen; dasselbe war getrübt, aber nicht perforirt. 

Nun wurde, zur Verkleinerung des gesetzten Defectes, ein Keil mit breiter hinterer 
Basis aus dem restirenden hintern Integument des Ohres geschnitten und die dadurch in 

x ) Erhalten den 19. November 1887. Redact. 


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eine obere und in eine untere Hälfte gespaltene Ohrmuschel auf der Rückflächo wieder 
genäht. So gelang es ohne Verunstaltung der Form des Ohres (dasselbe wurde nur 
kleiner als das gesunde, was aber leicht zu maskiren), den Wundtrichter, der durch 
Granulation heilen musste , erheblich zu verkleinern und die Defectränder dem neu zu 
formirenden Narbenoanal, der sio mit dem Reste des Gehörganges verbinden musste, 
zu nähern; eine Tendenz zur Stricturbildung war ja ohnehin voraussichtlich zu be¬ 
kämpfen. 

Die Verbindung mit dem Reste dos Gehörganges wurde von Anbeginn bis zur Be- 
narbung durch Einlegen von Jodoformgazestreifen aufrecht erhalten; die Heilung erfolgte 
ohne irgend welchen Zwischenfall; die Benarbung war sogar eine auffallend rasche und 
in weniger als drei Wochen complet. Ernstliche Schwierigkeiten machte jedoch von da 
ab das Offenhalten des Narbencanals, der einigemal sich zu schliessen drohte; es wurden 
zu diesem Zwecke conische , später leicht geknöpfte, aussen mit einer kleinen Scheibe 
versehene Elfenbeinzäpfchen eingelegt, die ohne weitere Befestigung zuerst Tag und Nacht 
getragen, später allmälig für einen Theil des Tages weggelassen wurden. 

Jetzt, ca. 1 Jahr nach der Operation, ist keine Spur eines Rocidives zu finden. Das 
cosmetische Resultat ist sehr gut, das Ohr in der Form durchaus wohl erhalten, nur 1 1 /a 
cm. kürzer als das linke. Die narbig stenosirte Apertur des Gehörgangs ist natürlich 
eng, erlaubt aber doch die Inspection des naheliegenden, ganz zur Norm retablirten Trom¬ 
melfells mittelst eines engen Trichters. Die Zäpfchen muss Patient immer noch für einen 
Theil des Tages tragen. Die Einführung geht aber ganz leicht. 

Die Hörfähigkeit ist gleich der des gesunden Ohres, was für den Patienten um so 
wichtiger, als er einen sehr verantwortungsvollen Posten als Bahnangestellter bekleidet. 
Die Ohrgeräusche haben unmittelbar nach der Operation für immer aufgehört. 

Patient und Präparat werden demonstrirt. Letzteres erwies sich microscopisch als 
Epithelial-Carcinom. 

2) Zur Anatomie des congenitalen caput obstipnm. Vortragender behandelte mit 
Dr. W. Schulthess einen 5 Monate alten Knaben Schn., der im Sommer 1885 durch 
einen renommirten Geburtshelfer mittelst Zange entbunden worden war, und bei dem sich 
eine typische Contractur des rechten Kopfnickers ausgebildet hatte. Schon 5 Wochen p. 
part. constatirte der damals consultirte Dr. W. Sch. einen taubeneigrossen knorpelharten 
Tumor in der Mitte des rechten m. stemocleidomastoideus und deutliche Contracturstollung. 
Während der später eingeleiteten Behandlung, die in Manipulationen und Massago Seitens 
der Mutter bestand, bildeten sich bei dem scrophulösen Knaben Drüsentumoren zu beiden 
Seiten des Halses, die links zur Abscedirung führten. Von der fistulös gewordenen Inci- 
sionswunde aus aequirirte der Knabe, wahrscheinlich von seinem gleichzeitig an habi¬ 
tuellem Gesichtserysipel leidenden Vater, ein Wandcr-Erysipel, dem er erlag. 

Die am 22. December 1885 vorgenommene Section ergab nun einen unerwartqten Befund, 
der ein neues Licht auf die Aetiologie des rausc. Schiefhalses wirft. (Dio Be¬ 
obachter behalten sich eine eingehendere Darstellung in einer anderweitigen Publication vor.> 
Der spindelförmige Tumor im Muskel, welch’ letzterer nirgends Verwachsungen mit der 
Nachbarschaft oder entzündliche Veränderungen zeigte, war verschwunden, dagogen zeigte 
sich der rechte Kopfnicker um reichlich 2 cm. kürzer als der linke; ausserdem war der 
cleidomastoideus total sehnig, kreuzte sich mit dem sternomastoideus und hatte einen 
distinkten Ansatz am proc. mast., der viel deutlicher von der andern Portion separirt war, 
als links, wo die gewöhnlichen Verhältnisse Vorlagen. 

Diese Verhältnisse stimmen nicht zu der von Stromeyer aufgestellton und von 
Dieffenbach unterstützten Erklärung des cong. Schiefhalses durch Ruptur normaler 
Kopfnicker beim Geburtsacte. Nachdem schon früher der Geburtshelfer Busch aus der 
überwiegenden Häufigkeit der rechtsseitigen Contractur eine Beziehung zur Lage im Uterus 
(1. Hintorhauptslage) abgeleitet hatte, hat in neuester Zeit Peterscn (Archiv für kliniseho 
Chirurgie r. Langenbeck , XXX., S. 782) den Zusammenhang zwischen den häufig vor¬ 
kommenden Hämatomen der Kopfnicker und dem Caput obstipum überhaupt bestritten 


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und den Grund der Ruptur in einer schon vor der Geburt bestandenen 
Verkürzung des Muskels gesucht. 

Jedenfalls lassen sich die oben beschriebenen anatomischen Abweichungen nicht auf 
eine Ruptur allein zurückführen, zumal da auch solche Rupturen häufig sind 
(Carl Rüge unter 64 Sectionen extrahirter Kinder 18 mal) und nicht regelmässig zu 
Torticollis führen. Leider sind so gut wie keine Sectionsbefunde von ausgebildetem Torti- 
collis im Kindesalter vorhanden und wird deshalb der demonstrirte Fall von grosser Trag¬ 
weite für die Erklärung. Auch Volkmann (Centralblatt für Chirurgie, 1885, Nr. 14) 
fand bei seinen offenen Durchschneidungen so bedeutende anatomische Alterationen, dass 
sich dieselben schwer durch ein Trauma bei der Geburt allein erklären lassen. An¬ 
dererseits betont freilich neuestens Fabry (Diss. Bonn, 1885) die nicht zu leugnende 
Coincidenz von Torticollis und schwerem Geburtsvorlauf (unter 14 Fällen 8 Steiss- und 
4 Zangengeburten). 

Bei zwei andern jüngst im orthop. Institut beobachteten kleinen Kindern fand sich 
klinisch ein ganz gleiches Bild , grosse callöse Intumescenz im Kopfnicker mit deut¬ 
licher Contracturstellung. Beide waren Zangengeburten. 

Demonstration des Präparates und einer Abbildung. 

(Schluss folgt.) • 


Referate und Kritiken. 

Compendium der allgemeinen Chirurgie und Operationslehre. 

Von A . Krücke. 2. Auflage. Verlag Abel, Leipsig. 

Verfasser will in seinem Buche „das Wesentliche erläutern, Schlagwörter und Kunst- 
ausdrücke definiren und den Zusammenhang zwischen Theorie und Praxis vermitteln“. 
Die Theorie, die uns aber da gegeben wird, gehört der alten 8chule an, — freilich hie 
und da gespickt mit neuen und neuesten Brocken. Doch ist das Ganze nicht verarbeitet 
und zu einem einheitlichen Ganzen verschmolzen. Man lese z. B. das wichtige Capitel 
über Entzündung und gar den Auhang über „Verschwärung“. 

Die Operationslehre ist ebenfalls zu wenig klar und prägnant. Garre . 


lieber die Ursachen der Erschwerung des D6canulement nach Tracheotomie im Kindes¬ 
alter wegen Diphtherie. 

Zürcher Inaugural-Dissertation von Emil Köhl. Berlin 1887. 149 Beiten. 8°, nebst 1 Tafel. 

Verfasser hat als mehrjähriger Assistent im Kinder- wie Cantonsspital Zürich häufig 
Gelegenheit gehabt, die Schwierigkeiten kennen zu lernen, die sich nach der Tracheo¬ 
tomie der Entfernung der Canüle entgegenstellen. Er hat sich daher die Aufgabe 
gestellt, diese so unangenehme Complication der Tracheotomie genauer zu studiren. — 
Die Hauptursachen, welche das Ddcanulement erschweren, sind nach K. folgende: 1. 
Diphtherie 4 forme prolongde. 2. Recidivirende Diphtherie. 3. Chorditis inferior. 4. 
Granulombildung. 5. Verbiegung der Trachea; Formveränderung der Trachea und des 
Larynx, bedingt durch operatives Verfahren und Canüle. 6. Erschlaffung der vorderen 
Trachealwand. 7. Compressionsstenose von aussen. 8. Narbenstenose. 9. Primäre und 
secundäre diphtherische Lähmung des Kehlkopfes. 10. Gewohnheitsparese. 11. Furcht 
vor dem Döcanulement. 12. Spasmus glottidis. 

Bei allen diesen Ursachen werden theils aus den Spitälern Zürich’s, theils aus der 
medicinischen Litteratur die einschlägigen Krankengeschichten mitgetheilt und sehr ob- 
jectiv und gewissenhaft gesichtet. Bei jedem der oben angeführten Momente wird gleich¬ 
zeitig die Therapie angegeben. — Die Canülenfrago, die hier eine so wichtige Rolle spielt, 
wird zum Schlüsse durch eine Abbildung, auf welcher sich alle bisher bekannten und 
noch eine vom Verfasser selbst angegebene Canüle befinden, besonders erläutert. — Jedem 
Collegen, der in die Lage kommt, Tracheotomien ausführen zu müssen, wird die Lectüre 
dieser schönen Arbeit von grossem Nutzen sein. Dumont. 


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Der Hypnotismus 

mit besonderer Berücksichtigung seiner klinischen und forensischeu Bedeutung. Von Prof. 
Dr. H. Obersteiner . Klinische Zeit- und Streitfragen. 1887. Verlag von Breiftenstein, 

Wien. 1 M. 

Die wachsende Bedeutung des Hypnotismus für Therapie und forensische Medicio 
erlaubt es dem Arzte nicht mehr, denselben vollständig zu igeoriren. Obersteiner’a Schriftchcn 
bietet nun demjenigen, der nicht Zeit hat, die schon ziemlich umfangreiche Littcratur seihst 
nachzulesen, eine sehr gute Zusammenfassung unseres jetzigen Wissens, so weit sich 
eine solche auf 80 Seiten gehen lässt. Die Litteratur ist bis Anfang dieses Jahres be¬ 
rücksichtigt. (Eine detaillirte Uehersicht Uber die bisherigen Resultate der Forschung, 
allerdings mit geringer Berücksichtigung der deutschen Arbeiten , gibt auf 352 Seiten 
Cullerre (Magndtisme et Hypnotisme, Paris 1887, 3 Fr. 50) Noch mehr zu empfehlen ist 
Bernheim , de la Suggestion etc., Paris 1886, 416 8eiten, 6 Fr., obgleich dieses Buch die 
viel gerühmten Untersuchungen der Salpätriöre nicht berücksichtigt. Letztere sind zu¬ 
sammengestellt von Binet und Fere (Le Magnötisrae animal, Paris 1887, 283 Seiten, 6 Fr., 
haben aber noch wenig practisches Interesse.) Bleuler . 

Contribution k l’6tude des rdsections atypiques dans les articulations. 

Dissertation inaugurale par Alb . Soutier . Genöve 1887. 8°. 128 pages. 

Während vor wenigen Jahren noch die typische Resection der Gelenke von allen 
Chirurgen als eine höchst segensreiche Operation gepriesen wurde, kamen in der letzten 
Zeit immer mehr Stimmen auf , welche diesen Eingriff als einen zu weit gehenden be- 
zeichneten, der die an ihn gestellten Erwartungen nicht erfülle. Diese Ansicht, die zuerst 
in Amerika, dann in England ihren lebhaften Ausdruck in verschiedenen Publikationen 
fand , ist gegenwärtig bei vielen Chirurgen auf dem Continente verbreitet. — Der Ver¬ 
fasser obiger Arbeit hat sich nun in verdankenswerther Weise der Aufgabe unterzogen, 
diese Ansicht zu prüfen und an der Hand des Materiales der chirurgischen Klinik in 
Genf zu vertheidigen. Die sog. atypische Resection der Gelenke wird seit 1880 iu 
Genf von Prof. Juillard so ausgeführt, dass der erkrankte Thcil biosgelegt und dann mit 
Messer, scharfem Löffel, eventuell Thermocauter entfernt wird. Die Säge wird als 
ein zu verletzendes Instrument nicht benutzt. — Der Verfasser beleuchtet das Histo¬ 
rische der Frage sehr eingehend, bespricht dann die Indicationen zum Eingriff und dessen 
Ausführung und theilt 17 Krankengeschichten mit den Endresultaten (16 für das Knie 
und 1 für den Ellenbogen) mit, welche allerdings zu Gunsten dieser atypischen Gelenk- 
resectionen sprechen. Die Schlussfolgerungen, zu denen S. gelangt, sind folgende : 

1) Seit Einführung der Antisepsis hat die typische Geleckresection ihre Berechtigung 
verloren, indem es weniger darauf ankommt, rasch zu operiren, um die lnfection von 
der Wunde abzuhalten. 

2) Wenn die atypische Resection nicht mehr möglich ist, so ist es für die typische 
auch zu spät, und es bleibt nur dio Amputation übrig. — Auf der andern Seite kaun 
man — wenn für die eigentliche Resection noch zu früh — schon recht bald das Ge- 
leuk ausräumen , d. h. die atypische Resection ausführeu und so eine rasche und voll¬ 
ständige Heiluug erzielet. 

3) Durch Ausräumen und Auskratzen kann man das Erkrankte eines Gelenkes voll¬ 
ständig entfernen. 

4) Die atypische Resection ist absolut nicht gefährlicher als die typische. 

5) Die Gelenktuberculose bietet keine Gegenindication zur atypischen Resection, 

ebenso wenig als sie eine Indication zur typischen Resection abgibt. Im Gegcntheil ist die 
Gefahr der Autoinfection für den Kranken bei der letztem Operation noch grösser. 

6) Die fuuctionellen, wie die orthopädischen Resultate sind denen der typischen Re- 

section überlegen. 

7) Die wenigen ungünstigen Resultate bei den nach längerer Zeit wieder untersuchten 

Patienten sind weniger der Operatiousmethode, als vielmehr der Gleichgültigkeit und 
Nachlässigkeit der Patienten nach dem Austritte aus dem Spital zuzuschreiben. 

8) Die Patienten sollten — wenn irgend möglich — nach der Heilung noch einige 

Zeit im Spital beobachtet werden können oder man soll sie mit einem leichten Fix&tions- 
verbande ausstatten und sie zu regelmässigen Intervallen wieder bestellen. 


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9) Die nach der atypischen Hesectioo beobachtete Atrophie und Verkürzung der 
Extremität sind die directeu Folgen der Krankheit. Die Operation kann freilich dazu 
beitragen, aber in bedeutend geringerem Maasse, als die typische Resection. 

10) Die Atrophie und Verkürzung können aber nach der atypischen Resection des 

Gelenkes auch ganz fehleo. Dumont. 

Der Verlauf der Psychosen. 

Von Prof. Dr. Rudolf Arndt und Dr. August Dohm . Mit 21 Curventafeln. Wien und Leipzig, 

Urban & Schwarzenberg. 1887. 

Die Schrift will durch graphische Darstellungen erläutern, was im Lehrbuch der 
Psychiatrie von Prof. R. Arndt aufgestellt worden ist. Der Verlauf der Psychosen wird 
durch Curventafeln, welche in 14 bestimmten Fällen den Grad der „Ergotien“, „Aest- 
hesien“, „Parasthesien* sowie den specifiscben Charakter der Krankheitsbilder zur An¬ 
schauung bringen, versinnbildlicht, damit das Gesetzmässige in demselben dem allgemeinen 
Verständnisse näher trete. Diese Darstellungen beweisen nach den Verfassern, dass alle 
als so verschiedene angegebenen psychischen Krankbeitsformen dem Nervenerregungs¬ 
oder Zuckungsgesetze folgen, so dass in den übrigen Tafeln schematische Bilder des 
einheitlichen, wenn auch mehr oder weniger abweichenden Verlaufes der Psychosen können 
vorgelegt werden. Allein ich fürchte, dass von diesem interessanten Versuch gilt, was 
ein besserer Referent vom Arndt scheu Lehrbuch im „Correspondenzblatt" gesagt hat 
(Jahrgang 1888, p. 234): Dem Subjectivismus stebt auch in diesen Tafeln ein allzu 
grosser Spielraum offen. t>. Speyr, 

Revue des Sciences mädicales 

en France et k l’Etranger, dirigäe par George Hagem , Professeur de thärapeutique 4 la 
facultä de mddecine de Paris, avec 3 rddacteurs et 64 collaborateurs. — I6 me annäe. 

2 d fascicule 15 avril 1887. Par an 84 francs. 

11 n’existe certainement pas dans la littdrature mödicale une revue aussi complöte, aussi 
bien rddigde, que celle de Hagem. Cette revue, par l’dnorme quantitd d’analyses et de 
rritiques de toutes sortes de travaux, allemands surtout, franqais, anglais, amd- 
ricains, suisses, russes et italiens, est internationale, et peut remplacer tous les journaux 
possiblea. 

Paraissant tous les 3 mois, en recueil grand formst de plus de 400 pages, eile offre 
au mddecin praticien, comme au spdcialiste un aperqu des plus exacts de tout ce qui se 
passe, une mine de faits et d’observations. 

Chaque fascicule trimestriel est rddigd d’aprös le plan ordinaire. L’anatomie et la 
Physiologie d’abord, puis les diverses branches de la Science mddico-cbirurgicale. 

Une „revue gdndrale“, consacrde aux travaux originaux sans doute, se trouve k la 
fin. Cette fois c’est de l'hystdrectomie vaginale pour cancer dont il s’agit. Maurice Hache 
y traite des rdsultats opdratoires et thdrapeutiques, des indications, du mamiel opdratoire. 
8on travail est basd sur l'analyse de 495 observations d’hystdrectomie vaginale. La mor- 
talitd absolue de toutes les opdrations serait de 24,29% ; 24,47% pour cancer; 17,64% 
pour Autres causes. Sur 150 cas d’bystdrect. pour cancer revus’un certain temps aprds 
l’opdration, la rdeidive a dtd constatde 71 fois, et 79 fois on a constatd son absence. Sur 
100 opdrdes, 26 seraient encore bien portantes au bout de 2 ans, 23 succombent 4 
l’opdration, 28 rdeidivent dans le premier semestre et les autres du premier semestre 
k 2 ans. 

Des renseignements bibliographiques excessivement dtendus, sur toutes les nou- 
veautds, sur tous les sujets mddioaux possibles , par ordre alphabdtique, terminent cette 
magnifique revue. Behrens . 


Die Zuckerkrankheit, ihre Erscheinung und ihre Behandlung. 

Von Dr. J. Ruff * Badearzt zu Carlsbad. Tübingen, Laupp’sche Buchhandlung. 

Auf schönem Papier schön gedruckt, in populärer Form zusammengestellt, eine ein¬ 
leitende Schilderung des Stoffwechsels, welche durch vier Abbildungen erläutert ist und 
das Bekannte über die Zuckerkrankheit. Seitz. 


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Die Zuckerharnruhr, ihre Theorie und Praxis. 

Voo Dr. Wilhelm Ebstein in Göttingen. Mit 4 Holzschnitten. Wiesbaden, 

J. F. Bergmann. 1887. 

Aus Kalbsleber dargestelltes Glycogen wurde behandelt mit diastatiechen Ferment- 
lösuDgen, gewonnen ans Speichel, Harn, Speicheldrüsen, Pankreas, Muskeln, Nieren, Leber 
Blot. Eine Reihe von Versuchen stellte nun fest, dass Zuführung von Kohlensäure die 
diastatische Fermentwirkung hemme. Das bildet die Grundlage für den höchst beach- 
tenswerthen „Versuch, die Natur und das Wesen der Zuckerharnruhr unserem Verständnisse 
näher su rücken“ durch folgende Auffassung. Die Zuckerharnruhr ist eine selbstständige 
Krankheit Sie beruht auf einer angebornen, häufig vererbten krankhaften Anlage des 
gesammten Körperprotoplasmas. Dasselbe vermag aus dem kohlenstoffhaltigen Material 
nicht so viel Kohlensäure su bilden, als normaler Weise geschehen sollte. Die dia- 
statischen Fermente , die allenthalben im Körper verbreitet sind, sollen das ebenfalls 
allenthalben , am reichlichsten in Leber und Muskeln vorhandene Glycogen serlegen. 
Die Kohlensäure würde die Fermentwirkung hemmen. Jetst ist aber die Kohlensäure in 
allen Geweben zu spärlich vorhanden, die Fermente wirken um so energischer, das Gly¬ 
cogen wird übermässig reichlich verzuckert, der Zucker sofort im Uebermaasse ins Blut, 
die Säftemasse aufgenommen und durch die Nieren entleert Der Kohlensäuremangel lässt 
auch das Globulin su sehr verflüssigen und gibt es dadurch vermehrter Zersetzung Preis. 
Damit ist die Zuckerkrankheit gegeben : anhaltende Ueberzuckerung des Blutes und ge¬ 
steigerter Eiweisszerfall, ln hochgradigen Fällen verläuft der Stoffwechsel stets in solcher 
Weise. In leichtern Fällen rufen erst Gelegenheitsursachen die Erscheinungen hervor, 
indem sio Anforderungen stellen, denen das Protoplasma, welches für gewöhnlich seine 
Schuldigkeit thut, nicht mehr gerecht werden kann. Die Behandlung besteht in der 
Aufhebung der Zufuhr von Kohlenhydraten — ein Minimum ist jedoch aus Geschmacks¬ 
rücksichten rathsam in der Nahrung mit Fett und Fleisch, in körperlicher Anstrengung) 
Massage und Carlsbadercur. * Seitz. 

Schweiz. Apothekerkalender. 

Von 0. Kaspar . III. Jahrgang, 1888. Genf, Wyss & Ducbßne, 1888. 

Das kleine, handliche Büchleiu wird auch manchem Arzt willkommeu sein, besondere 
jenen, die selbst dispensiren. Doch haben verschiedene Capitel für jeden Arzt Werth, eo 
die „Darstellung, Eigenschaften und Anwendung der neuern Heilmittel“ (wobei nur die 
vielen durch Hinweisung auf Artikel der „Schweiz. Zeitschr. f. Pharm.“ entstandenen 
Lücken die Brauchbarkeit beeinträchtigen), „Poisous et contre-poieons“ , „Pflichten des 
Receptars und Generalregeln für die Receptur“, „Spccif. Gewichte und Gehaltsprocente 
der in der Pharm, helv. und deren Supplem. aufgenommenen Flüssigkeiten“ u. dergl. m. 
— Wir empfehlen den Kalender und trösten den Redactor , der sich über zu geringen 
Absatz beklagt, mit dem solamen est misero, socium habere malorum. A. Baader . 

Catalogue illusträ 

de la maison C. Walter, BÄle. Par C. Walter-Bionde Ui. Edition frangaise et allemande. 

B&le, Schweighauser 1888. 6 Fr. 

Auf 66 Seiten bringt uns dieser Catalog eine sehr grosse Anzahl recht guter Ab¬ 
bildungen aller möglichen mediciniscben Instrumente uud Gerätschaften, sehr practiscb 
und übersichtlich nach Disciplinen geordnet. Das Nachschlagen ist leicht, so dass der 
Catalog auch zum Anschaulichmachen der neuern Instrumente dient. Zugleich orientirt 
er recht gut für den Einkauf, da jedesmal die Preise notirt siud und fast immer eioe 
grosse Auswahl desselben Instrumentes in verschiedenen Formen vorliegt. 

Der Catalog präsentirt sich zudem sehr hübsch und wird den practiscben Aerzten 
willkommen sein. A. Baader . 


Cantonale Coirespondenzeu. 


Glarus. Die Frage der Fabrikhygielae nad der Fabrikgesetzgebung anf 
dea Wiener hygleinisehen Ceagress. Die Schweizer Aerzte haben sieh seiner Zeit 


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so lebhaft an der Schaffung unseres Fabrikgesetzes hctheiligt, dass wohl angenommen 
werden darf, sie werden mit Interesse auch die Entwicklung der Fabrikgesetzgebung im 
Auslaud verfolgen. 

Die Verhandlungen des Congresses haben in erfreulichster Weise gezeigt, wie die 
Erkenntniss der Nothwcndigkeit solcher Gesetze immer mehr sich Bahn bricht, wie aber 
auch vor Allem die Forderungen der Hygieine immer mehr Beachtung finden. 

Aus dem Correferat des Herrn Whymper, engl. Oberfabrikinspector, der seine hei¬ 
mische Gesetzgebung und ihre practische Durchführung einlässlich darstellte, ergibt sich, 
wie hygieinische Erwägungen vor mehr als 80 Jahren zu den ersten Anfängen der 
Fabrikgesetzgebung führten; wie sie auch zu den wichtigsten Verbesserungen der letzten 
Jahrzehnte den Anstoss gegeben haben. Aber der in England der Arbeiterschaft gewährte 
Schutz ist ein sehr beschränkter. Für Vermeidung maschineller Gefahren und reine Locale 
wird gesorgt; aber schon mit 10 Jahren kann das Kind in die Fabrik gesteckt werden; 
allerdings so, dass es die eine Hälfte des Tages der Schule, die andere der Fabrik an¬ 
gehört oder auch Tag um Tag zwischen Schule und Fabrik wechselt. Von 14—18 
Jahren an arbeitet die sogeo. „junge Person“ so lange wie die ebenfalls geschützten 
Frauen, d. h. 10 Stunden per Tag, am Samstag nur 6. Eine Haftpflicht findet für Un¬ 
fälle nur in sehr beschränktem Maasse statt. — Dänemark hat schon frühe dieses eng¬ 
lische Gesetz copirt. — Weniger weit ging Deutschland, das die Frauen schutzlos, 
Kinder von 12 Jahren an arbeiten lässt und zwar bis zu erfülltem 14. Jahr nur */, Tag, 
von da bis zum erfüllten 16. nur 10 Stunden mit halbstündigen Zwischenpausen Vor- 
und Nachmittag. 

Da that die Schweiz einen wackern Schritt vorwärts. Sie steckte der Arbeitszeit 
aller Arbeiter mässige Grenzen; sie sicherte Kinder und Frauen und in den meisten 
Fällen auch die Männer vor Nacht- und Sonntagaarbeit, schloss die Wöchnerinnen 8 Wo¬ 
chen von der Arbeit aus, statt Deutschland 3. Sie dehnte die Haftpflicht weiter aus, 
selbst auf innere Krankheiten — eine Fürsorge, worin sie 'freilich von Deutschland, das 
obligatorische Versicherung für Unfall und Krankheit eiugeführt hat, theilweise über¬ 
holt ist. 

Vor einigen Jahren folgte auch Oesterreich nach, die meisten Bestimmungen des 
schweizerischen Gesetzes adoptirend. Selbst Russland hat sein Fabrikgesetz und seine 
lnspection, an deren Schaffung unser Landsmaun, Prof. Erismann in Moskau, Bich eifrig 
betheiligte. Nur die romanischen Staaten sind auffallender Weise sehr zurückgeblieben. 
Frankreich hat manche gute Bestimmung, aber mit der practischen Ausführung scheint 
es schlecht zu stehen; Italien hat erst schwache Anfänge eines Fabrikgesetzes, das in¬ 
dustriereiche Belgien — horribile dictu — gar nichts, was der Rede werth wäre. 

In Wien stellte man sich die Aufgabe, sich darüber zu verständigen, was vom 
Standpunkt des Hygieinikers, allerdings unter Berücksichtigung der gegebenen socialen 
Verhältnisse, verlangt werden müsse. Man war einig darüber, dass man sich vor allzu 
vielem Theoretisiren hüten müsse; dass nicht allgemeine Vorschriften für den Bau, die 
Beleuchtung, Beheizuug der einzelnen Fabriketablissemente zu erlassen, sondern gewissen¬ 
haft der einzelne Fall zu studiren sei. Durch Einführung einfacher Untersuchungsmetho¬ 
den soll jeder einigermaassen Gebildete befähigt werden, sich ein selbstständiges Urtheil 
zu bilden und dadurch auch ein wirkliches Interesse an diesen Fragen zu gewinnen. Für 
unerlässlich aber wurde die Mitwirkung der Hygieiniker bei der Prüfung der Baupläne 
etc. erklärt — und nicht minder bei der Ausführung der Inspectionen. 

Für diese letztere erachtete der Redactor der englischen Lancet auch die Arbeiter 
geeignet, welche am besten das Leben in der Fabrik, die Umgehungen des Gesetzes und 
die Art, wie sie practicirt werden, kennen. Aber entgegen seiner Ansicht wurde eine 
tüchtige Bildung, das einzige Mittel zur Gewinnung eines weitern Gesichtskreises wie 
zur Erwerbung einer bei allen Ständen geachteten Stellung, unumgänglich nöthig erklärt 
und zugleich eine stärkere Vertretung des hygieinischen Elementes, resp. Beizug der 
Aerzte gewünscht. Ebenso wurde die Vornahme gewerbepathologischer und gewerbe- 
hygieinischer Studien und Versuche, der Unterricht in diesen Fächern an unsern hohen 
Schulen, die Anlage diesem Zwecke dienender Sammlungen gefordert. 

Ob in Fällen, wo man die Untersagung einzelner gefährdender Betriebsweisen 
(z. B. Zündholzfabrication mit gelbem Phosphor) für nöthig hält, internationale Verein- 


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barungen getroffen werden oder ob jeder Staat einzeln vorgeben soll , wurde lebhaft 
di&cutirt. Man befürchtete, dass die Regierungen, die Schwierigkeiten solcher Ueberein- 
kommen scheuend, sich hinter den Übeln Willen der andern Regierungen verstecken 
werden, wenn sie selbst nichts gethan. So werde nie etwas erreicht. Andere aber — 
die Mehrheit — betonten die Concurrenzschwierigkeiten, die aus einem einseitigen Verbot 
erwachsen. 

Bei der Frage der Kinderverwendung zeigte sich, dass immer noch bei manchen 
Industriellen der Wunsch besteht, Kinder unter 14 Jahren in den Fabriken au verwenden. 
Die Halbtagsarbeit wurde als wahrer Segen für die Kinderwelt hingestellt, die Fabrik 
als eine Erziehungsanstalt geschildert, welche den Geist lebhafter, den Körper gewandter 
und zugleich fähiger mache, den spätem nachtheiligen Einflüssen der ganztägigen Fabrik¬ 
arbeit zu widerstehen. Trotzdem sprach sich die Versammlung mit Euergie für Aus¬ 
schluss der Kinder bis zum erfüllten 14. uud Beschränkung der Arbeitsdauer und nament¬ 
lich Verbot der Nachtarbeit bis zum erfüllten 18. Jahre aus. 

Was den Schutz der Arbeiterinnen anbetrifft, stellte der Congress ungefähr dieselben 
Anforderungen auf, welche das schweizerische Gesetz erfüllen will. 

Ganz merkwürdig war der Umschwung der allgemeinen Stimmung bezüglich des 
Maximalarbeitstages auch für erwachsene Mannspersonen. Vor 10 Jahren noch durfte 
in unsern Nachbarstaaten kaum davon gesprochen werden, ohne dass man als „Socialist“ 
scheel angesehen wurde; heute votirte der Gongress folgende These: Die Gesundheit der 
erwachsenen Männer leidet häufig durch eine übermässig lange Arbeitszeit, sowie durch 
die Nachtarbeit. Beide übeo auch einen nachtheiligen Einfluss auf Moralität uud Intelli¬ 
genz des Arbeiters aus, Erfahrungsgemäss vermag sich dieser nur selten gegen eine 
solche Beanspruchung zu wehren und es liegt deshalb in der Aufgabe des um die Er¬ 
haltung einer tüchtigen Bevölkerung besorgten Staates, durch die Gesetzgebung vorzu- 
beugen. Den gegenwärtigen Verhältnissen dürfte, bei unvermeidlicher Tag- und Nacht¬ 
arbeit die Einführung von Schichtenwechsel vorausgesetzt, ein Maximalbetrag der wirk¬ 
lichen Arbeitszeit von 11—10 Stunden entsprechen. 

Dass volle Sonntagsruhe für den Arbeiter eine der dringendsten Forderungen der 
Hygieine sei, wurde einstimmig anerkannt, sowie auch früherer Schluss der Samstagsarbeit 
für Personen, die einen Haushalt zu besorgen haben, behufs Ermöglichung einer wirklichen 
Sonntagsruhe. 

So sind denn alle Hauptpunkte unserer schweizer. Fabrikgesetzgebung als Zielpunkte 
für die Bestrebungen der Hygieiniker .vom Congress hingestellt worden. Und man hat 
sich nicht damit begnügt, diese Beschlüsse in’s Protocoll niederzulegen — zu ewiger 
Ruhe — sondern dieselben sollen den Parlamenten sämmtlicher industrietreibender Staaten 
mitgetheilt und zu möglichst allgemeiner Kenntniss gebracht werden. 

Wir Schweizer dürfen uns dieses Erfolges freuen. 

Mollis. Dr. Schüler. 

Thurgau. X. Versammlung der schweizerischen Suititsstabsofliciere, Samstag 
den 26. November 1887 in Olten. 

Unter dem Präsidium von Herrn Oberstlieutenant Dr. Munzing er tagten in Olten 17 
schweizerische SanitätsstabBofficiere — eine bei diesen Versammlungen noch nie erreichte 
Zahl. Den Mittelpunkt bildete unser Oberfeldarzt. — Besondere Bedeutung erhielt die 
diesjährige Versammlung durch ein Schreiben des Schweiz. Militärdepartements, worin 
dasselbe im Anschluss an die vom statistischen Bureau bearbeiteten Resultate der ärzt¬ 
lichen Rekrutenuntersuchungen vom Herbst 1886 den Wunsch ausdrückte, es möchten 
diese Zusammenstellung und die darin gerügten Mängel bei einer Besammlung von höhern 
öanitätaoffleieren zur 8prache gebracht, besonders aber geprüft werden , ob sich nicht 
Mittel und Wege finden lassen, den starken Abgang von Eingotheilten (laut pag. 41 der 
Beilagen für den jüngsten Jahrgang — 1866 — 851 Mann, die definitiv als untauglich 
erklärt wurden) auf irgend eine Weise zu vermeiden. 

Die Einleitung zur Discussion, das Referat Uber die Publication des Schweiz, statist. 
Bureau, hatte Herr Oberstlieutenant Dr, Kummer übernommen. Allererst verwahrt er sich 
gegen den undelikaten und oft rücksichtslosen Ton, dessen sich der Statistiker in seiner 
Arbeit bedient und ist überzeugt, dass einige Vorwürfe ungerechtfertigt sind und auf 


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— 3Ö — 

Uukenntniss der Praxis des Rekrutirungsgeschäftes beruhen. Einlässlich bespricht er der 
Reihe nach die in der statistischen Arbeit hervorgehobenen Uebelstände.: 

1) Ueberbürdung der Tagesarbeit; 

2) eu häufiger Wechsel der Mitglieder der Untersuchungscommissionen; 

3) Missachtung der Vorschrift Uber die Notirung aller Gebrechen; 

4) Ungleichmässigkeit in der ßeurtheilung einzelner Gebrechen und ihrer Abschätzung 
auf Diensttauglichkeit oder -untaugiichkeit; 

5) Abrundung der Maasswerthe (Körperlänge, Brustumfang und Oberarm); 

6) mangelhafte Angaben über den Grad der Refractionsanomalien; 

7) ungenügende Ausscheidung der Kropfigen und 

8) unrichtige Specification der Gebrechen 

und beantragt, das Schreiben des Schweiz. Militärdepartementes zu beantworten, in der 
Antwort die Aussetzungen des Schweiz. Statist. Bureau auf ihren wirklichen Werth zurück- 
zuführen und zu betonen, dass die beim Rekrutirungsgeschäfte noch immer vorkommeuden 
Unzulänglichkeiten nicht durch die Sanitätsofficiere allein, sondern nur durch Zusammen¬ 
wirken mit den obern Behörden beseitigt werden können, 

Herr Oberst Ziegler , Oberfeldarzt, verdankt das Referat und theilt über die Resultate 
der diesjährigen (1887) Aushebungen Folgendes mit: 

1) Die Tauglichkeitsziffer entspricht ziemlich derjenigen von 1886. 

2) Die Ziffer der Categorie 2 A (aus der Rekrutenschule entlassen und bleibend un¬ 
tauglich erklärt), über deren Grösse das Schweiz. Militärdepartement sich aufhielt, ist 
bedeutend kleiner geworden, was den Schluss gestattet, dass im Herbst 1886 bei der 
Rekrutirung sorgfältiger verfahren wurde, als im Herbst 1885. 

Bezugnehmend auf die relativ bedeutende Anzahl der im Herbst 1886 definitiv ent¬ 
lassenen — aus Rekruteuschulen an die Untersuchungscommission gewiesenen — Eiuge- 
theilten, durchgeht der Oberfeldarzt die dabei aufnotirten Dispensationsgründe und tadelt 
namentlich die bedeutende Zahl der Lungen- und Herzkranken. Würde bei jedem Re¬ 
kruten der SpitzenBtoss untersucht und — falls derselbe nicht manifest innerhalb der 
Mammillarlinie liegt, eine genauere Untersuchung des Herzens vorgenommen, so müsste 
die letztere Ziffer sich verkleinern, 

Redner wünscht, dass die Berathungen der heutigen Versammlung dem Schweiz. 
Militärdepartemente mitgetheilt werden. Der betr. Bericht soll u. A. den Wunsch aus¬ 
sprechen, es möchten (wie die pädagogischen Experten) so auch die Divisionsärzte jeweils 
vor der Rekrutirung zusammenberufen werden zu gemeinschaftlicher Besprechung der ein¬ 
zelnen Bestimmungen des Reglements und der verschiedenen Auffassungsweisen, Diese 
Vereinigung würde am besten mit practischer Rekrutiruogsarbeit verbunden. Ferner soll 
der Bericht betonen, dass man vielfach zu wenig Zeit für die sanitarischen Aushebungen 
eingeräumt bekommt und dringend Abhülfe verlangen. Dass die Fehler, welche durch 
ungenügende Untersuchung entstehen, ungleich theurer zu stehen kommen, als die so 
nöthige Vermehrung der Rekrutirungstage, zeigt das einfache Rechenexempel: 

Ein Rekrutirungstag kostet den Bund ca. 150 Fr., ein ausgerüsteter Rekrut ca. 300 Fr, 

An der anschliessenden sehr regen Discussion betheiligen sich die Herren Oberst 
Ziegler , Oberstlieutenants: Albrecht, Bircher , Castelia , Kummer, Massini und Majore: Bovet , 
Häßler , Pelavel . Es sind folgende Vorschläge und Winke daraus hervorzuhebeo: 

Die Theilnehmer der Operationswiederholungscurse sollen anstatt langer theoretischer 
Erörterungen auf dem Gebiete der Augenheilkunde genaue practische Anleitung zur 
Untersuchung der Augen erhalten, wie sie bei der Rekrutirung gemacht werden muss 
(Massini ). 

Man soll den zur Rekrutirung sich Stellenden eindringlich mittheilen , dass sie vom 
Recursrecht Gebrauch machen können; dann werden die Recurscommissionen etwas mehr 
Arbeit haben, aber die Zahl der aus der Rekrutenschule Entlassenen wird sich bedeutend 
vermindern (Caslella), 

Die psychischen Qualitäten der Rekruten müssen mehr gewürdigt werden und 
bei der Beurtheilung schwer in’* Gewicht fallen ( Caslella , anlässlich Fall Httrsch). 

An den Schwankungen im Rekrutirungsgeschäfte sind weniger die Untersuchenden 
Schuld, als vielmehr die jeweils im Herbst von Bern her einlaufenden Weisungen, welche 
bald strengem, bald mildern Maassstab der Beurtheilung anempfehlen (Bircher), 


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Ein gutes Mittel sur Erzielung einheitlicher Resultate besteht darin, dass der Divi- 
sionsarst sämmtliche Präsidenten der Untersuchungscommissionen seines Kreises am ersten 
und letzten Rekrutirungstage zu gemeinschaftlicher Arbeit und Besprechung zusammen¬ 
beruft (Bircher). 

Der Prä ei di ren d e der Untersuchungscommission soll jeden Rekruten mit eige¬ 
nen Augen genau inspiciren und die endgültige Beurtheilung nicht den andern Aerzten 
überlassen; er muss während der ganzeu Dauer der Untersuchungen auf seinem Posten 
sein (Afbrecht). 

Kröpfe, die nicht stenosiren, beeinträchtigen, auch wenn sie ziemlich gross sind, die 
Diensttauglichkeit nicht, und verschwinden während der Rekrutenschulen hei passender 
Behandlung oft erstaunlich schnell (Albrechi). 

Mancher ausserdem gemachte Vorschlag wurde vom Herrn Oberfeldarzt unter Hin¬ 
weis auf’s Reglement als längst zu Kraft bestehend qualifleirt, so zwar, dass dem Protocoll- 
führer einerseits ein gewaltiger und* begründeter Respect vor dem in alle Details durch¬ 
dachten Regiemente aufging und anderseits die Ueberzeugung, dass dasselbe offenbar 
vielerorts zu wenig gelesen und verarbeitet wird. 

Nach dreistündiger Discussion beauftragte die Versammlung den Herrn Oberstlieute¬ 
nant Kummer mit der Abfassung einer Zuschrift an das Schweiz. Militärdepartement, worin 
u. a. folgende Punkte zur Sprache kommen sollen: 

1) Um das Rekrutiruogsgeschäft mit aller gewünschten Exactität besorgen zu können, 
brauchen wir mehr Zeit, mehr Rekrutirungstage. 

2) Zur Erzielung einheitlichen Verfahrens ist es wttnschenswerth, dass die Herren 
Divisionsärzte in dem vom Herrn Oberfeldarzt beantragten Sinne besammelt werden. 

3) ln einer öfficiellen Schrift, wie derjenigen des statistischen Bureau, und gegenüber 
Officieren dürfen wir berechtigt einen anständigem Ton verlangen etc. etc. 

Das 2. Haupttractandum bildete ein trotz vorgerückter Stunde mit gespanntem In¬ 
teresse gehörter Vortrag des Herrn Oberstlieuteuant Bircher über den Gang des Sanitäts¬ 
dienstes während den Gefechtsübungen der VI. und VII. Armeedivision. 

Rdsumd: 

1) Die Vorcurse sollten vom Divisionsarzt commandirt werden; nur auf diese Weise 
ist es diesem ermöglicht, seine Oificiere kennen zu lernen. 

2) Es fehlt an militärischem Auftreten der Sanitätsofficiere und ist in dieser Bezie¬ 
hung während der letzten Jahre ein entschiedener Rückgang zu verzeichnen. 

3) Es fehlt der Coutact zwischen Truppenführern und Sanitätsoificieren. Die erstem 
haben zu wenig sauitätsdieustliche, die letztem zu wenig tactiscbe Kenntnisse. 

Nach ä^stündiger ernster Arbeit vereinigte ein kleines Bankett Biehly’echer Qualität 
die Anwesenden, und es verliefen die noch bleibenden Stunden in behaglicher, kamerad¬ 
schaftlicher Gemüthlichkeit. Haffter . 


W ochenberielit. 

Ausland. 

Der deutsche Verein für Sffeutliehe Gesundheitsplege wird seine nächstjährige 
Versammlung in Frankfurt a. M. abhalten und zwar in den Tagen des 13. bis 
16. September 1888, unmittelbar vor der am 18. September beginnenden Natur- 
forscherversammlung in Köln. 

Die Tagesordnung verspricht eine hochinteressante zu werden. Die Frage der Rei¬ 
nigung und Unschädlichmachung der städtischen Abwässer, diese fUr die meisten deut¬ 
schen Städte z. Z. brennendste Frage soll auf Gruod der in den letzten Jahren mit den 
Kläranlagen in Frankfurt, Wiesbaden, Dortmund, Essen, Halle etc. gemachten Erfahrungen 
eingehend erörtert und sollen im Anschluss hieran die betr. Anlagen in Frankfurt und 
Wiesbaden besichtigt werden. — Ein kaum minder wichtiges Thema, das zur Verhand¬ 
lung kommen wird, sind Maassregeln zur Verbesserung der Wobnungsverhältnisse der 
ärmeren Volksclassen. Als weitere Themata sind in Aussicht genommen die Prophylaxe 
der Schwindsucht, der Einfluss der neueren Ansichten und Erfahrungen Uber Infections- 


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krankheiten auf die Anlage von Krankenhäusern, die Errichtung von Fabriken nur in be¬ 
stimmten ötadttheilen oder deren Ausschluss aus bestimmten 3tadttheilen, die hygieini- 
sehen Rücksichten bei Strassenbefestigung und Strassenreinigung u. A. — Ein Besuch in 
Bad Homburg und am Schlüsse ein gemeinschaftlicher Besuch des Niederwalddenkmals 
werden den Tagen angestrengter Arbeit einen heitern Abschluss geben. 

Frankfurt a. M. Dr. Alex. Spiess % 

ständ. Secret. d. D. Ver. f. Öff. Gesundheitspfl. 

Vierjihrlieher Preis f&r Entdeckungen: 1000 Pfand Sterling* Pro 1887—1890. 

Das Comitö der Grosshändlerzunft in London kündigt in Gemässheit des zu Grunde lie¬ 
genden Entwurfes der Zunft an, dass kein Bewerber nachstehende Aufgabe, für deren 
Lösung der erste Preis (1883—1886) ausgeschrieben wurde, gelöst hat: 

„Eine Methode zu finden, welche gestattet, das Vaccine-Contagium ausserhalb des 
Thierkörpers in irgend einem sonst nicht zymotischen Material zu cultiviren, so dass das 
Contagium unbegrenzt in immer neuen Generatioueft fortgepflanzt werden kann und das 
Product einer beliebigen Generation (soweit sich dieses innerhalb des zur Prüfung ver¬ 
fügbaren Zeitraumes bestimmen lässt) von derselben Wirksamkeit sich erweise, wie ächte 
Vaccine-Lymphe.“ 

Es musste deshalb auf Zurückhaltung des Entdeckungspreises erkannt werden , und 
dieselbe Aufgabe wird abermals zur Bewerbung ausgeschrieben. 

Der Preis steht der allgemeinen Bewerbung offen, sowohl in England als ausserhalb. 
Bewerber um den Preis müssen ihre resp. Abhandlungen bis zum 31. Dec. 1890 ein¬ 
reichen : die Arbeiten werden einem wissenschaftlichen Comitd zur Begutachtung unter¬ 
breitet. 

Alle hierauf bezüglichen Mittheilucgen und Anfragen sind zu richten an : The Clerk 
of the Grocers’ Company, Grocers’ Hall, London, E.C. 

— Als Nachfolger Runge’» ist Privatdocent Dr. Wyder (Berlin) aus Zürich zum ordent¬ 
lichen Professor der Geburtshülfe in Dorpat gewählt worden. Wir freuen uns dieser 
unserm Mitbürger gewordenen Beförderung und gratuliren von Herzen, 


Stand der Infections-Krankheftten« 



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Scharlach behauptet sich in Basel fortwährend auf epidemischer Höbe, ln den 
beiden Jahren 1885—1886 zusammen 150 Erkrankungen mit 5 Todesfällen ; jetzt in 3 
halben Monaten zusammen 200 Erkrankungen im Durchschnitt mit nicht schwerem Ver¬ 
laufe ; von den 74 neuen Anmeldungen betreffen 60 Grossbasel, 14 Kleinbasel. 


Briefkasten. 


Wir sind gezwungen, die Herren Mitarbeiter um etwas Geduld zu bitten: Einer nach dem Andern! 

Herrn Dr. Siegfr. Stocker t Luzern: Wir theilen gerne mit, dass Sie pag. 772, Zeile 22 statt 
„Lymphdrösen“ sagen wollten „Leistendrüsen“. Freundl. Gruss. — Herrn Prof. Dr. Löwenthal , 
Bruxelles: Sie machen uns darauf aufmerksam, dass in dem Ref. über Ihr Buch der Referent pag. 656 
irrthümlicher Weise der Schweiz nur ein Ordinariat für Hygieine znspricht, während Sie, den that- 
sächlichen Verhältnissen entsprechend, zwei genannt haben: Bern und Genf. Brief folgt. 

Herrn Dr. Hahn , Hottingen : Vielen Dank für die Photographie des sei. Collegen Dr. Carl Meyer- 
Wegmann lür das Album des Schweiz, ärstl. Centralvereins. A. B, 

Sohweighauserische Buchdruckerei. — B. Schwabe, Verlagsbuchhandlung in Basel. 


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Erscheint am 1. und 15. 


für 


jedes Monats. 
Inserate 

36 Gis. die gesp. Petitseile. 


Schweizer Aerzte. 

Herausgegeben von 


Preis des Jahrgangs 
Fr. 12. — für die Schweiz, 
Fr. 14.50 für das Ausland. 
Alle Postbureanx nehmen 
Bestellungen entgegen. 


Di*. A. Baader und Dr. C. Garrfe, 
in Basel. Dooent in Basel. 


W. 2. XVIII. Jahrg. 1888. 15. Januar. 


Inhalt: 1) Orif innlnrbeifcnn: Prof. Hermann Eichhorst: lieber moderne Herzmittel. — Fr. 8chmid: Meteorologische« 
tber die Wintontationnn Anderraatt, Dbtou und St. Beatenberg. — 2) Yereinsberichte: Freie Intliche Versammlung in 
Aarau. — Medidnisch-phannaceotischer Bexirksrerein von Bern. — Oeeellacbaft der Aerzte in Z&rich. — 8) Referate nnd 
Kritiken: Prof. Dr. JL Adamüewics: Der Blntkreielanf der Qanglienzelle. — Dr. AXbreckt Erlenmeytr: Die Morphiameeeht 
nnd ihre Behnndlang. — Prot Dr. Äug. Hirsch: Handbach der historisch-geographischen Pathologie. — Dr. 0. Hünsrfauth: 
Handbuch der Manu«. — Prof. Dr. Wilhelm Erb: Die Thomeen'eche Krankheit (Mjotonia congenita). — Dr. Jf. Schockier: 
Anleitung zur Wundbehandlung. — v. Ziemssen: Handbuch der speciellen Pathologie und Therapie. — e. Ziemssen: Klinische 
Vortriga. — 4) Cantonale Correeponden ton: Acten der aebweizerisohen Aerztecommiaeion. — Basel: Zwei Pille tob 
Gastroenteritis nach Genuss eines Schinkens. — 5) Wochenbericht: Unirersititen: Frequenz der medidn. Facultiten. — 
Abortive Behandlung der Gonorrhoe. — Behandlung der gonorrhoischen Yaginitis und Endometritis. — Oorjza. — Sammelforschung 
Iber Syphilis und ihre Behandlungsmethoden. — Heber die Aetheraarcose. — Frankreich; Congreee zur Forderung des Studiums 
der Tubercnloee. — 6) Infoctionskrankbeiten in Zftrioh, Bern und Basel. — 7) Hülfskasso für Schweizer 
Aerzte. — 8) Bibliographisches. 


Original-Arbeiten, 

lieber moderne Herzmittel. 

Von Professor Hermann Eichhorst in Zürich. 

(Vortrag in der canton&len Aerztevers&mmlung in Zürich am 8. November 1887.) 

Es gehört wohl zweifellos mit zu den häufigsten Aufgaben, denen wir in un¬ 
serer Praxis gegenüber gestellt werden, die gesunkene Kraft des Herzmuskels 
wieder zu heben oder dem Eintritte von Herzschwäche vorznbeugen. Erinnern 
wir uns der grossen Zahl fieberhafter Krankheiten, des ausserordentlich häufigen 
Vorkommens von Herzklappen-Krankheiten, der eigentlich degenerativen Verände¬ 
rungen des Herzmuskels, wer von Ihnen wollte da nicht meiner Behauptung bei¬ 
stimmen! Gerade wir Aerzte in der Schweiz aber haben ein noch grösseres In¬ 
teresse als manche andere Collegen, der Behandlung des Herzmuskels unsere 
vollste Aufmerksamkeit zuzuwenden, nicht nur, weil Herzklappenkrankheiten hei 
uns häufiger als an vielen andern Orten Vorkommen , sondern namentlich auch 
deshalb, weil Zustände von einfacher Herzschwäche oder einfacher Herzinsufficienz 
ohne sonstige organische Veränderung fast zu den specifischen Eirankheiten unseres 
gemeinsamen Wirkungskreises gehören. Ich verstehe unter dem Namen der ein¬ 
fachen Herzschwäche solche Fälle, in welchen sich cordiale, d. h. vom Herzen 
abhängige Stauungserscbeinnngen bemerklich machen, nicht weil der Klappen¬ 
apparat des Herzens oder der Herzmuskel oder sonst irgend ein Organ erkrankt 
und dadurch die Arbeitskraft des Herzens gemindert ist, sondern der Zustand der 
Herzschwäche hat sich als ein selbstständiges Leiden nnd als rein functioneile 

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Störung, frei von anatomischen Veränderungen, ausgebildet. Derartige Zustände 
entwickeln sich bei unserer mit harter Arbeit überbürdeten Berg« und Fabrik¬ 
bevölkerung gar häufig und bilden ein ausserordentlich dankbares Object für unsere 
ärztliche Kunst, wenn eben wir es verstehen, ihnen zielbewusst auf den Leib zu 
rücken. Freilich darf hier der günstige Augenblick nicht verpasst werden, und 
während der Eine glänzende Erfolge hat, wird ein Anderer, der planlos thera¬ 
peutisch umhertappt, seinen Patienten dem sichern Verderben anbeimfallen lassen. 

Selbstverständlich werden wir unter allen Umständen, wo auch immer wir 
Erscheinungen von Herzschwäche zu sehen bekommen,, die Prognose als ernst hin¬ 
stellen, denn von der Herzschwäche zu der Herzlähmung ist nur ein kleiner Schritt, 
und Herzlähmung heisst Tod. 

Nach dem bisher Gesagten wird es wohl kaum einer Entschuldigung bedürfen, 
wenn ich vor Ihnen die Behandlung des Herzmuskels, oder was dasselbe sagt, 
die Steigerung und Erhaltung der Herzkraft zum Vorwurf einer kurzen Ausein¬ 
andersetzung gewählt habe. Ich habe mich diesem Thema um so lieber zugewandt, 
als gerade in der letzten Zeit das Gebiet der Herztherapie durch schätzenswerthe 
diätetische und medicamentöse Vorschläge bereichert worden ist. 

Beschäftigen wir uns zunächst mit der Therapie des Herzmuskels im engsten 
Sinne des Wortes, mit der medicamentösen Behandlung des Herzens, 
so hat sich ohne alle Frage die Digitalis noch immer den ersten Platz und 
Vorrang zu bewahren gewusst. So oft man auch versucht hat, ihr den Vorzug 
streitig zu machen oder ihr wenigstens ebenbürtige Mittel an die Seite zu stellen, 
— alle Male hat sich die Hoffnung als trügerisch erwiesen, und es ist bis jetzt 
der Fingerhut das sicherste und wirksamste Heilmittel geblieben, wenn es gilt, die 
Kraft des Herzmuskels zu heben und seine Thätigkeit zu regeln. Aber dennoch 
haben sich in der Methode der Darreichungsweise der Digitalis 
manche neuere Anschauungen geltend gemacht und bewährt, welche wir hier nicht 
unerwähnt lassen wollen. Wer von Ihnen den Bestrebungen der internen Medicin 
ferner steht, der freilich wird sich vielleicht über diesen oder jenen Vorschlag eines 
Lächelns nicht erwehren und Dieses oder Jenes als übertriebene und gleichgültige 
Künstelei erachten; es liegt das eben im Vergleich zur Chirurgie und Geburts¬ 
hülfe in der ganzen Natur der innern Medicin: dort kommen die Fehler fast augen¬ 
blicklich an das Tageslicht, hier kann sich Ungeschick und Unkenntniss recht lange 
Zeit verborgen halten. 

Von ausserordentlich practischer Bedeutung ist die Anwendung der Digitalis 
im Verein mit Alcoholicis und Excitantien oder in unmittelbarem An¬ 
schlüsse an dieselben. Es kommt dergleichen in Fällen von Collaps in Betracht, wenn 
diese mit vorgeschrittener Cyanose gepaart sind. Gerade die Cyanose ist der be¬ 
stimmende Factor. Wir wissen, dass die Kohlensäure ein narcotisirendes Gift ist, 
welches die Erregbarkeit des Nervensystems berabsetzt. Kein Wunder, dass da¬ 
runter auch die Anspruchsfähigkeit des Vaguscentrums in der Medulla oblongata 
leidet. Damit wird aber der Digitalis ihr Hauptangriffspunkt genommen. Mögen 
wir unter solchen Umständen noch so grosse Digitalisgaben reichen, oder noch so 
viele Flaschen Fingerhutinfus auf einander folgen lassen, der Herzmuskel bleibt 


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dadurch unberührt und verharrt im Zustande bedenklicher Schwäche weiter. Aber 
das Bild wird sich ändern, wenn überhaupt noch eine Möglichkeit zur Aenderung 
besteht, sobald Sie der Darreichung von Digitalis einen Tag oder wenigstens 
einige Stunden lang grosse Gaben Alcoboles, am zweckmässigsten guten Cognacs, 
haben vorausgehen lassen. Dadurch führen Sie künstlich eine Anspruchsfahigkeit 
des Vaguscentrums wieder herbei, und die Digitalis ist nunmehr im Stande, ihre 
stärkenden und moderirenden Eigenschaften durch den Vagus dem Herzmuskel zu 
übermitteln. Es verhält sich also hier ähnlich wie bei der Anwendung von Brech¬ 
mitteln. Auch von diesen wird Ihnen bekannt sein, dass sie, wenn Cyanose über¬ 
hand genommen hat, nur dann wirken, wenn man das Vaguscentrum durch Cognac¬ 
gaben zuvor angeregt und künstlich aufgefrischt hat. Empfehlen wird es sich, 
wenn Sie bei Herzkranken Tage lang dem Digitalisinfus direct Alcohol hinzusetzen, 
etwa auf ein Infus von l: 200 30 Gramm oder statt des Alcoholes oder im Verein 
mit ihm ein Infnsum Valerianse mit dem Fingerhutaufguss mischen lassen. 

Noch immer ist die Medicinalformel des Infuses für die Digitalis die bei 
Weitem üblichste, aber dennoch muss man eingedenk sein, dass die pulveri- 
sirten Digitalisblätter da am Platze sind, wo man eines möglichst schnellen 
Erfolges sicher sein will. Dahin gehören vor Allem gewisse Formen der Urssmie. 
Ich erinnere Sie daran, dass die Ursachen für den Symptomencomplex der Urmmie 
sehr verschiedene sein können; denn während manche Fälle von Uromie auf einer 
primären rein chemischen Intoxication des Organismus beruhen, gehen andere von 
Zuständen von Schwäche des Herzmuskels aus. Der Herzmuskel erlahmt mehr 
oder minder schnell in seiner Kraft, die Herztöne werden leise, der Puls klein und 
schwach, die Harnmenge sinkt unter die Norm, ja es besteht mitunter längere 
Zeit fast vollständige Anurie und dadurch wird secundär der Körper mit harn¬ 
fähigen Auswurfstoffen überladen und ursemisch. Unter solchen Umständen ist kein 
Büttel mehr geeignet, die Gefahren der Urmmie abzulenken, als die Digitalis, und 
unter allen Anwendungsweisen werden Sie sich kaum einen prompteren und bes¬ 
seren Erfolg versprechen können als von derjenigen der gepulverten Digitalis¬ 
blätter, etwa 0,1—0,16, 2stündlich 1 Pulver. Bald wird sich der Puls wieder 
beben, die Herztöne werden lauter werden, an Stelle der Anurie tritt eine reich¬ 
liche Harnfluth und diese wiederum führt in vielen Fällen eine erstaunlich grosse 
Zahl von Nierencylindern mit sich, die mitunter auf dem Boden des Gefasses eine 
mehrere Bdillimeter hohe Sedimentschicht bilden und begreiflicherweise im Stadium 
bestehender Herzschwäche durch mechanische Verstopfung der Harncanälcben der 
Nieren zur Verminderung der Harnmenge wesentlich beitrugen« 

Noch zu einem anderen Zwecke würde ich die Anwendung der Digitalisblätter 
in pnlverisirter Form warm empfehlen, nämlich dann, wenn es sich darum handelt, 
aus der diuretischen Wirkung der Digitalis Vortheile zu ziehen. Ich muss mich freilich 
hier insofern corrigiren, als die Digitalis bekanntlich ein eigentliches Diureticum 
gar nicht ist. Ja 1 man hat sogar erfahren, dass sie bei Gesunden die Diurese 
direct beschränkt. Nichts desto weniger aber sehen wir sie am Krankenbett auf 
indirectem Wege, d. h. unter Vermittlung des Herzmuskels und durch Steigerung 
des Blutdruckes die Harnausscheidung vermehren, und diese ihre Eigenschaft 


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nimmt gewaltig zu, einmal wenn Sie die Digitalis in pulverisirter Form reichen, 
namentlich aber, wenn Sie noch die Digitalisblätter mit grösseren 
Gaben Calomels zu einem einzigen Pulver mischen. Ich habe dabei nicht 
allein die Hydropsien der Herzkranken im Auge, sondern.auch die hydropischen 
Ansammlungen der Empbysematiker, Bronchitiker, Marastischen und die Bauchhöhlen¬ 
wassersucht der Leberkranken. 

Wenn wir bisher Gelegenheit genommen haben, der heilsamen Einflüsse der 
Digitalis und namentlich solcher feineren Kunstgriffe zu gedenken, durch welche 
jene befördert und begünstigt werden, so wissen wir dooh Alle, dass die Digitalis 
in der Hand eines Unerfahrenen zum Tod und Verderben bringenden Gifte werden 
kann. Ich habe dabei nicht einmal im Sinne, dass es sich um eine Darreichung 
von zu grossen Digitalisgaben handelt: was uns augenblicklich weit mehr interessirt, 
ist die Bedeutung der cumulativen Wirkung der Digitalis. Es 
ist uns allen bekannt, dass es sich bei der Darreichung der Digitalis ereignen 
kann, dass Tage lang keine Digitaliswirkung zum Vorschein kommt, plötzlich aber 
bricht dieselbe mit solcher Vehemenz herein, dass der Herzmuskel nicht gestärkt 
wird, sondern in die Gefahr kommt, gelähmt zu werden. Es gilt daher bei vielen 
Practikern als Regel, nach dem Gebrauche von 2—3 Flaschen eines Digitalis- 
infuses eine Pause von mehreren Tagen eintreten zu lassen. Es wäre selbstver¬ 
ständlich thöricht von mir und hiesse den Thatsachen ins Gesicht schlagen, wollte 
ich die cumulative Wirkung der Digitalis irgendwie in Abrede stellen; aber das 
kann mich nicht verhindern, meine aus vielen Erfahrungen gewonnene Ueber— 
zeugung unumwunden auszusprechen, dass man die cumulative Wirkung der Digi¬ 
talis am Krankenbett vielfach übertrieben und überschätzt bat. Hätte ich die 
Digitalistherapie bei meinen Patienten immer nach jeder zweiten oder dritten 
Flasche Digitalis abbrechen wollen, wie Viele unter ihnen wären der Segnungen 
dieses Heilmittels untheilhaftig geblieben! Wie oft habe ich erst nach der 6. 9 
8. Flasche und mitunter selbst erst nach noch mehr Digitaliswirkung auftreten 
gesehen, und wie häufig blieb dieselbe auch dann in regulären Bahnen, wenn der 
Digitalisgebrauch selbst dann noch einige Zeit fortgesetzt wurde. 

Es führt mich dies auf eine für die Praxis sehr wichtige Frage, die ich kurzweg 
als Digitalismus bezeichnen will. Ist es irgendwie berechtigt, so fragen wir, 
den Gebrauch der Digitalis über Wochen oder gar über Monate fortzusetzen? 
Diese Frage würde ich nach meinen Erfahrungen unbedingt unter gewissen Vor¬ 
aussetzungen in bejahendem Sinne beantworten. Wenn es sich um geringe fettige 
Degeneration Herzmuskels handelt, oder um wenig umfangreiche Schwächen 
des Herzmuskels, oder namentlich um Zustände von toxischer Herzmuskelschwäche, 
beispielsweise in Folge von Alcohol oder Tabak, kurz und gut, wenn die Kraft 
des Herzmuskels zwar für längere Zeit geschwächt, aber immerhin reparations- 
fähig ist, dann sind meines Erachtens die Bedingungen dafür gegeben, in der zeit¬ 
lichen Darreichung der Digitalis nicht zu engherzig zu sein, sondern das Mittel 
lange Zeit und eventuell ohne Unterbrechung fortgebrauchen zu lassen. Freilich 
liest man häufig genug, dass der Herzmuskel sich bald an das Stimulans gewöhnt 
habe und demselben dann nicht mehr weiter gehorche, — solche Herzen kommen 


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37 


vor, aber sie sind keineswegs ungewöhnlich häufig und stossen nicht meine 
Empfehlung des Digitalismus um. Ist doch aus der deutschen Litteratur eine Be¬ 
obachtung bekannt, in welcher eine Frau seit sechs Jahren anhaltend Digitalis ge¬ 
brauchte und jedes Mal die heftigsten Entziehungsqualen bekam, wenn sie den 
Versuch machte, dem Mittel zu entsagen. 

Die Bemühungen, die wirksamen Bestandteile der Digitalis rein 
darzustellen und unter ihnen namentlich das D i g i t a 1 i n practisch zu verwerthen, 
haben leider bisher zu einem brauchbaren Ergebniss nicht geführt. Es liegt dies 
zweifellos theilweise daran, dass eine wirkliche Reindarstellung dieser glycosid- 
artigen Körper noch nicht gelungen ist, wessbalb ihre Wirksamkeit eine sehr un¬ 
gleiche und unzuverlässige ist. 

Gehen wir von der Digitalis zu andern modernen Herzmitteln über, 
so muss ich hier nochmals hervorheben, dass ein ihr gleich kommendes Medica- 
ment nach meinen Erfahrungen bisher noch nicht gefunden ist, ja! manche unter 
den in Vorschlag gebrachten Heilmitteln haben sich als so unzuverlässig er¬ 
geben, dass ich Sie nicht einmal mit ihrer Nennung behelligen möchte. Wenn ich 
Ihnen die Präparate, die meines Erachtens allein in Frage kommen könnten, 
zunächst in historischer Reihenfolge vorfübren darf, so kämen Convallaria majalis, 
Adonis vernalis, Coffeinpräparate, Strophantns und Sparteinum in Betracht Aber 
die eben aufgezählte Folge wird sofort eine andere, wenn wir die genannten Mittel 
nach ihrer pharmako-dynamischen Werthigkeit ordnen, denn dann kommen Stro- 
phantus und Spartein als die sichersten in erster Linie zu stehen, während sich 
daran Coffein und zuletzt Convallaria und Adonis anschliessen. 

Die Präparate des Stropbantus hispidus, einer aus Afrika stammenden 
Apociness, haben seit kaum länger als einem Jahr die Aufmerksamkeit der prac- 
tischen Aerzte auf sich zu ziehen angefangen. Auch die Bekanntschaft mit der 
einfachen Drogue ist jüngern Datums, indem erst in den fünfziger Jahren unsers 
Jahrhunderts die Afrikareisenden, Gebrüder Livingstone, dieselben anbahnten. 
Benutzt werden von der genannten Pflanze gewöhnlich nur die Samen, zumal Fraser 
fand, dass das wirksame Princip — Strophantin genannt — in den Samen weit 
reichlicher vorhanden sei, al9 in den Stengeln und Blättern. Versuche mit dem 
Strophantin selbst liegen zwar am kranken Menschen vor, doch haben dieselben 
bisher manche Unannehmlichkeit im Gefolge gehabt, namentlich führen subcutane 
Einverleibungen ähnlich wie diejenigen von Digitalin zu so heftigen örtlichen Reiz¬ 
erscheinungen , dass das Strophantin aller Wahrscheinlichkeit nach ebenso wenig 
Eingang in die ärztliche Praxis finden wird wie die Digitalinpräparate. Man hat 
daher fast ausschliesslich die weingeistige Tinctur des Strophantussamens benutzt. 
Leider sind zur Zeit die Samen verhältnissmässig schwer zu haben und dem¬ 
zufolge noch recht theuer. Diejenige Strophantustinctur, welche ich Ihnen hier 
herumgebe, hat unser Cantonsapotheker, Herr Keller , selbst verfertigt und alle meine 
Erfahrungen beziehen sich ohne Ausnahme nur auf dieses Präparat. Wenn Sie 
von demselben etwas kosten wollen, so werden Sie sofort bemerken, dass die 
Tinctur von intensiv bitterem Geschmacke ist, doch ist derselbe wohl kaum her¬ 
vorragend unangenehm, und unter einer grossem Zahl meiner Kranken fanden sich 


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doch nur zwei Männer, beide mit Mitralklappeninsufficienz, welchen das Mittel un¬ 
mittelbar nach seiner Einnahme so heftigen Widerwillen und so grosse Uebelkeit 
erregte, dass man es, weil es mehrfach zu Erbrechen kam, auszusetzen gezwungen 
war. In Bezug auf das Aussehen der Stropbantustinctur möchte ich noch kurz 
bemerken, dass ihr Aussehen je nach den verschiedenen Bezugsquellen wechselt. 
Herr Cantonsapotheker Keller hat wie immer das Präparat mit grosser Sorgfalt dar¬ 
gestellt und dadurch wohl auch ein besonders wirksames Medicament producirt. 

Fragen wir uns nun, welche pharmaco-dynamischen Eigenschaften entfaltet eine 
wirksame Strophantustinctur, so lautet die Antwort darauf: wir erreichen mit ihr 
dasselbe, wie mit der Digitalis. Sie verlangsamt und regelt die Herzbewegung 
und sie steigert den Blutdruck und fördert dadurch die Diurese. Auch hat man 
behauptet, dass sie mit der Digitalis die Eigenschaft theilt, die Körpertemperatur 
zu erniedrigen, allein wird schon — nach unserm Dafürhalten mit Recht — die 
genannte Eigenschaft der Digitalis abgesprochen, so trifft das nach unsern Er¬ 
fahrungen noch sehr viel mehr für den Strophantus zu. 

Die heilsamen Wirkungen der Strophantustinctur lassen sich begreiflicherweise 
leicht verfolgen. Leute, die einen unregelmässigen, ungleichen und jagenden 
Puls gehabt haben, bekommen nach dem Gebrauche von etwa 3 Mal täglich 15 
Tropfen Strophantustinctur einen regelmässigen, langsameren und kräftigeren Puls« 
Die Zunahme des Blutdruckes in der Radialarterie lässt sich direct mit dem von 
Basch 'sehen Sphygmomanometer nachweisen. Auch in dem Pulsbilde Bpricht sich 
deutlich die wachsende Grösse der Pulswelle und die zunehmende Spannung im 
Arterienrohr aus. Ich will Ihnen hier zunächst die Pulscurve eines 53jährigen 
Mannes herumgeben, welcher 6 Wochen lang ununterbrochen unter dem Einfluss 
von Strophantustinctur gestanden hatte. Wenn Sie sich des Aussehens der Puls¬ 
curve eines Gesunden erinnern wollen, so wissen Sie, dass wir an dem abstei¬ 
genden Schenkel der Pulscurve drei Unterbrechungen oder Elevationen unterscheiden, 
von denen die mittlere den Namen der Rückstosselevation führt, während die obere 
und unterste erste und zweite Elasticitätselevation heissen. Während die Elasti- 
citätselevationen um so ausgesprochener sind, je grösser der Blutdruck ist, gewinnt 
gerade die Rückstosselevation eine um so mächtigere Ausbildung, je niedriger der 
Blutdruck ausfällt. Fassen Sie nun daraufhin diese exquisite Strophantuspulscurve 
(vgl. Fig. 1) ins Auge, so werden Sie sofort wahrnehmen, dass die Elasticitäts- 
elevationen in ganz ungewöhnlicher Deutlichkeit entwickelt sind, mithin, dass sich 



Fig. 1. Pulscurve nach 8 wöchentlich am Strophantusgebraucb bei einem ÖSj&hrigen 
Manne mit Schrumpfniere und Hershypertrophie. 


während des längeren Gebrauches von Stropbantustinctur der Blutdruck auf einer 
sehr beträchtlichen Höhe gehalten hat. Dieses Ergebniss wird um so augenfälliger, 
wenn Sie mit dieser ersten Curve eine andere Pulscurve von demselben Kranken 


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vergleichen, welche aufgenommen wurde, nachdem man die Strophantustinctur aus- 
gesetzt und durch die möglichst indifferente Phosphorsäure ersetzt hatte, (vgl. 
Fig. 2.) Um nun jede Zufälligkeit auszuschliessen, erhielt der Kranke einige Zeit 



Fig. 2. Pulscurve von demselben Manne, nachdem 7 Tage lang nur Phosphors&ure gebraucht 

war (5,0 : 200, 2 stdl.). 

später von Neuem Strophantustinctur, und Sie erkennen, dass die Pulscurve sofort 
wieder der zuerst demonstrirten Strophantuscurven gleicht. (vgl.9Fig. 3.) 



Fig. 3. Pulscurve von demselben Manne; seit 7 Tagen wieder Strophantustinctur gebraucht 

Wenn Sie mir gestatten wollen, die Wirksamkeit der Digitalis und des Stro- 
phantus auf Grund meiner bisherigen Erfahrungen gegen einander abzuwägen, so 
würde ich die Ergebnisse ungefähr in folgende Sätze zusammenfassen: 

1) Digitalis und Strophantus, sie beherrschen den Herzmuskel beide in gleicher 
Weise, indem sie seine Thatigkeit verlangsamen, regeln und steigern und dadurch 
unter gegebenen Umständen die Diurese erhöhen. 

2) Die Digitalis entfaltet ihren Einfluss schneller, auch im Ganzen sicherer, 
als der Strophantus und wird daher in den meisten Fällen noch immer dasjenige 
Heilmittel bleiben, von dem man zuerst Gebrauch machen wird. 

3) Der Strophantus ist der Digitalis darin überlegen, dass er keine cumu- 
lativen Wirkungen entfaltet und, wie ich dies an den Ihnen vorgewiesenen Puls- 
curven gezeigt habe, trotz langen Gebrauches seine günstigen Einwirkungen auf 
den Herzmuskel ununterbrochen fortsetzt 

Lassen Sie mich diese, wenn ich so sagen darf, Hauptsätze noch mit einigen 
Erläuterungen begleiten; Was zunächst die Gaben der Strophantustinctur anbe- 
trifft, so verordneten wir in der Regel 3 Male täglich 15 Tropfen. Es war das 
eine Dosis, wie sie gut von den Patienten vertragen wurde und zur Hervorrufung 
der specifischen Wirkungen genügte. Man bat übrigens, so viel wir gesehen 
haben, keinen Grund, bei grossen Gaben toxische Einflüsse von der Stropbantus- 
tinctur besonders zu fürchten. Eine der ersten Kranken, welche mit Strophantus¬ 
tinctur behandelt wurde, war eine 24jährige Frau, welche an Mitralklappeninsufß- 
cienz und hochgradigen Stauungserscheinungen litt. Sie debutirte damit, dass sie 
einen unbewachten Augenblick benutzte, um sich die 10 grm. der verschriebenen 
Flüssigkeit von ihrem Tischchen berunterzuholen und auf ein Mal auszutrinken. 
Es war dies Vorgehen nicht nur gegen die ärztliche Verordnung, sondern auch 
gegen die Ordnung der Klinik, weil die Kranken die Medicinen jedes Mal abge- 


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40 


messen aus der Hand der Wärterinnen empfangen. Ich muss offen gestehen, dass 
mir, als ich von dem Ereigniss erfuhr, nicht besonders gut zu Muthe war; aber 
ich kann Sie versichern, dass der Vorfall der Patientin selbst besser bekam als 
mir, denn während ich mich wegen der Folgen und drohenden Intoxication ab¬ 
ängstigte, traten bei der Patientin ausser einer leichten vorübergehenden Uebelkeit 
keine anderen Störungen zu Tage. Sonderbarer Weise blieb auch die Herzaction 
bei ihr fast ganz unbeeinflusst, während dieselbe späterhin bei Darreichung der 
üblichen Strophantusgaben geregelt und gekräftigt wurde. 

Ich darf es nicht unerwähnt lassen, dass ich mehrfach Kranke behandelt habe, 
bei welchen die Strophantustinctur günstiger als die Digitalis wirkte. So begeg¬ 
neten mir einzelne Patienten, welche Digitalis auch in kleinen Gaben absolut nicht 
vertrugen und namentlich sofort über Uebelkeit und Brechneigung zu klagen hatten, 
während ihnen der Strophantus ausgezeichnet bekam. Bei Andern übte die Digi¬ 
talis nur einen sehr geringen kräftigenden und regulatorischen Einfluss aus, wäh¬ 
rend sich der Strophantus als weit wirksamer erwies. Als Exempel reiche ich 
Ihnen hier zwei Pulscurven.herum, beide von derselben Person bei gleichem Feder¬ 
druck des Dudgori sehen Sphygmographen gewonnen, die eine mit niedrigen Eleva¬ 
tionen unter Digitalisgebrauch, die andere mit höheren unter der Einwirkung des 
Strophantus (vgl. Fig. 4—6). Berücksichtigung verdient, dass, während bei Morbus 



Fig. 4. Hochgradiger arrhythmiacher und inmqualer Puls bei einer 24jährigen Frau mit Iosufflcienz 
und Stenose der Mitralis, trotz längeren Gebrauches von Digitalis (1 : 200, 2 stdL). 



Fig. 5. Dasselbe nach 2tägigem Gebrauch von Strophantustinctur. 



Fig. 6. Dasselbe nach lOtägigem Gebrauch von Strophantustinctur. 


Basedowii die Digitalis wohl ausnahmslos ausser Stande ist, die beschleunigte 
Herzaction zu verlangsamen, der Strophantus zwar nicht absolut sicher, aber doch 
in manchen Fällen eine solche Wirkung herbeiführt. Ich will endlich noch erwäh¬ 
nen, dass es mir bei einem jungen Mädchen, die wegen eines seit der Kindheit 
bestehenden Ascites bereits öfter als 30 Male punctirt worden ist, durch kein an¬ 
deres Mittel als durch Strophantus gelungen ist, die Diurese von 500—600 ccm. 


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täglich auf 1000—1400 ccm. zu vermehren und auf dieser Höhe lange Zeit zu er¬ 
halten. Somit glaube ich, dass Sie mit mir den Eindruck gewonnen haben werden, 
dass wir in dem Strophantus bispidus in den Besitz eines mächtigen Herzmittels 
gelangt sind, welches der Digitalis ernste Concurrenz machen wird. 

Sehr viel weniger als die Strophantustinctur dürfte das Spartein um sul- 
furicum geeignet erscheinen, sich der Digitalis einigermaassen ebenbürtig an die 
Seite zu setzen. Auch hat man es bei ihm nicht etwa mit einem wirklich moder¬ 
nen Heilmittel zu thun, denn der Besenginster, Spartium scoparium, ist von eng¬ 
lischen Aerzten schon seit langer Zeit als Diureticum empfohlen worden, und das 
Spartein ist eben nichts anderes als ein Alcaloid oder nach Anderen eine glycosid- 
artigo Substanz der genannten Pflanze. Seine Empfehlung als Herzmittel freilich 
ist neuen Datums und rührt von See in Paris aus dem Jahre 1885 her. Sie haben 
das Sparteinum sulfuricum in diesem kleinen Fläschchen vor sich. Sie erkennen, 
dass es sich um ein aus feinen weissen Krystallnadeln zusammengesetztes Pulver 
handelt, welches — wenigstens für meine Zunge — einen sehr unangenehm und 
nachhaltig bitterft Geschmack besitzt. Man thut daher gut daran, dieses Mittel in 
Oblate nehmen zu lassen, da es andernfalls lästige Uebelkeit und Erbrechen hervor¬ 
ruft. Das Präparat ist wie alle Alcaloide nicht billig, aber als Alcaloid freilich 
gehört es keineswegs zu den kostbarsten. Man reicht es in Dosen zu etwa 0,1 
und selbst darüber, 1—4 Male am Tage. 

Wollte man den Angaben von See folgen, so sollte man meinen, dass das 
Spartein der Digitalis zum mindesten gleichwerthig, ihr womöglich überlegen 
6ei. Davon kann nach meinen Erfahrungen gar keine Rede sein. Ich gebe 
gerne zu, dass es vielleicht zur Regelung und Kräftigung der Herzthätigkeit bei¬ 
trägt, aber der Einfluss ist denn doch ein sehr unbedeutender, was sich nicht nur 
an der Pulscurve ausspricht, sondern auch darin, dass die Diurese in der Mehrzahl 
der Fälle unbeeinflusst bleibt. •' Ich gebe Ihnen hier die Pulscurve eines 57jährigen 



Fig. 7. Pulscurve eines 57jährigen Mannes mit idiopathischer ilerzhypertrophie, ohne Medication. 



Fig. 8. Dasselbe nach 12tägigem Sparte'fngebrauch. 



Fig. 9. Dasselbe nach 7tägigem S tro p ha nt u s tinctu r g e br o u ch. 


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Mannes herum, welcher an Herzbypertrophie und Nierenschrumpfung auf arterio- 
sclerotischer Basis leidet« Trotzdem dieser Kranke seit 2 Wochen unter der Wir¬ 
kung von SparteYn stand, so ist dennoch sein Puls unregelmässig, klein und von 
niedriger Spannung geblieben« während er sich nach dem Gebrauch von Stro- 
phantustinctur in günstigster Weise änderte (vgl. Fig. 7-9). Dagegen gab gerade 
dieser Kranke Gelegenheit, eine andere günstige Eigenschaft des Sparteins zu er¬ 
kennen, dass es nämlich sehr geeignet ist, asthmatische Zustände der Herzkranken 
zu mildern und selbst zu beseitigen. Da ich nun auch bei andern Kranken die 
gleiche Erfahrung gemacht habe, so würde ieh Ihnen die Verordnung des SparteY- 
num 8ulfuricum gerade bei solchen Herzkranken empfehlen, welche von den qual¬ 
vollen Zuständen des Asthma cordiale heimgesucht werden. 

Was die Coffeinpräparate anbetrifft, so darf ich mich da wohl* kurz 
fassen, da die meisten unter Ihnen über eigene Erfahrungen verfügen werden. Auf 
der Klinik und in der Privatpraxis wurde von mir fast ausschliesslich das Coffei¬ 
num Natrio-benzoicum oder das Coffeinum Natrio-salicylicum benutzt. Es lässt 
sich ja nicht in Abrede stellen, dass auch dem Coffein regulatorfsche und stär¬ 
kende Wirkungen auf den Herzmuskel zufallen, aber dieselben sind noch geringer 
als diejenigen des Sparteins. Dagegen hat das Coffein vor dem Spartein einen 
Vortheil voraus, dass es nämlich ein vortreffliches harntreibendes Mittel ist. 

Von der Adonis vernalis und Convall&ria majalis mache ich seit 
der Bekanntschaft mit dem Strophantus, Spartein und Coffein keinen Gebrauch 
mehr. Ihre Einflüsse auf das Herz sind zu gering, ihre diuretischen Wirkungen 
unzuverlässig, und dazu erregen sie sehr häufig Uebelkeit und Erbrechen. 

Fassen wir unsere Erfahrungen über die medicamentöse Behandlung des 
Herzmuskels in wenige Worte zusammen, so gelangen wir zu folgendem Resultat: 
Unter allen Herzmitteln steht die Digitalis an Schnelligkeit und Sicherheit der 
Wirkung obenan; ihr am nächsten kommt die Strophantustinctur. Das Spartein 
empfiehlt sich namentlich dann, wenn es nach dem Gebrauch der beiden eben ge¬ 
nannten Mittel sich darum handelt, asthmatische Zustände zu bekämpfen, während 
die Coffeinpräparate dort den Vorzug verdienen, wo es gilt, die Diurese zu 
steigern. 

Wer etwa glauben sollte, dass das ganze Geheimniss der Herztherapie in Me- 
dicamenten beruht, dem freilich werden grobe und vielfache Enttäuschungen in der 
Praxis nicht erspart bleiben. Hand in Hand mit der eigentlich medicamentösen 
Behandlung muss ein vernünftiges diätetisches Regimen gehen. Ich will 
Ihre Aufmerksamkeit, verehrte Herren Collegen! nicht zu lange Zeit in Anspruch 
nehmen, denn die Diätetik des Herzmuskels ist ein umfangreiches Capitel. Lassen 
Sie mich zum Schluss nur noch einen einzigen Punkt kurz berühren, nämlich das 
sog. Oerlel 'sehe Heilverfahren. Es ist Ihnen bekannt, dass vor wenigen Jahren 
Prof. Oerlel in München eine Behandlungsmethode der Herzkrankheiten angegeben 
hat, deren Principien wesentlich darauf hinauslaufen: Wasserentziehung durch 
Nahrung und gesteigerte Hautperspiration und methodisches Gehen zur Kräftigung 
und Regeneration des Herzmuskels. Diese Methode hat viel Aufsehen gemacht, 
und man darf wohl sagen, dass der Enthusiasmus anfangs ein fast allgemeiner 


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war. Allmälig ist man wieder etwas kühler geworden, und es haben sich directe 
Gegner gegen das Oertef sehe Heilverfahren erhoben. Wenn ich Ihnen kurz meine 
Ansicht über dieses Thema andeuten darf, so gehöre ich zwar nicht zu den un¬ 
bedingten Verehrern der angeführten Methode; aber ich erkenne doch gerne ihre 
sehr guten Seiten an, namentlich wenn man sie individualisirend zu gebrauchen 
versteht. Für alle Formen von Herzschwäche halte ich es in der That auch für 
werthvoll, nicht die Einfuhr von Flüssigkeit direct zu entziehen, aber sie doch — 
wenn nöthig — einzuschränken. Man controlire also die Harnausscheidung und 
trage dafür Sorge, dass die Menge der eingenommenen Flüssigkeit niemals die¬ 
jenige des ausgesebiedenen Harnes übersteigt. Man wird andernfalls nur schwer 
darauf rechnen dürfen, den Kreislauf zu entlasten und bei Hydropischen eine Re¬ 
sorption der wassersüchtigen Ansammlungen anzubahnen. 

Mit den körperlichen Bewegungen dagegen sei man sehr vorsichtig. Herz¬ 
klappenkranke sog. Terraincuren machen zu lassen, halte ich im Allgemeinen 
direct für einen Kunstfehler, der durch Ueberanstrengung und Ueberdehnung des 
Herzmuskels Ursache plötzlichen Todes werden kann. Ebenso wenig erachte ich 
es für richtig, Kranke mit ausgedehnten Schwielenbildungen im Herzmuskel Berge 
steigen zu lassen, denn das hätte begreiflicherweise nur dann Sinn, wenn es er¬ 
wiesen wäre, dass danach die Schwiele allmälig schwindet und durch gesunde 
Muskelmassen ersetzt wird. Genau das Gleiche gilt nach meiner Ueberzeugung 
für die eigentliche Fettdegeneration der Herzmuskelfasern. Anders dagegen steht 
es bei jener Form von Fettherz, bei' welcher es sich um eine übermässige An¬ 
häufung von subepicardialem Fett handelt, welches den Herzmuskel in seinen Be¬ 
wegungen hemmt Hier wird man durch methodisches Gehen das Fett nach und 
nach zum Schwinden bringen und das Herz aus seiner Gefangenschaft befreien, und 
so sehen Sie, dass die Oarfefsche Methode ihren guten Kern hat, wenn wir uns des 
Satzes erinnern und ihm gemäss handeln wollen: 

„Prüfet Alles und das Beste behaltet. tt 


Meteorologisches 

Ober die Winterstationen Andermatt, Davos und St Beatenberg. 

Von Fr. Schmid, Arzt in Luzern. 

Im Jahrgang 1883 dieser Blätter findet der Leser einen von mir in summari¬ 
scher Kürze abgefassten Bericht über die klimatologischen Verhältnisse von An¬ 
dermatt, wie ich sie während meines dortigen Aufenthaltes, der sich auf etwas 
mehr als Jahresdauer erstreckte, tbeils durch eigene Beobachtung, theils an Hand 
der officiell vorgenommenen meteorologischen Aufzeichnungen kennen gelernt hatte. 
Veranlasst wurde jene Publication theilweise durch den Umstand, dass im voraus-. 
gegangenen Spätsommer (September 1882) 20 Militärärzte sich 2 Tage lang in 
Andermatt aufhielten, wo das ganze Urserenthal in dichtem Nebel lag. 
Es wurde zwar an jenen Tagen telegraphisch der Beweis erbracht, dass es ander¬ 
wärts (Dsvob) nicht besser war. Aber der eine oder andere der Herren Collegen 


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mochte sieb doch unter dem ungünstigen Eindruck, den ihm jener Aufenthalt in 
Andermatt bereitete, ein etwas düsteres Bild von dem Winter im Urserenthal aus¬ 
gemalt haben. 

Aus den damaligen Zusammenstellungen konnte ich im Gegentheil hervor¬ 
heben, dass der Winter in Andermatt ungleich günstigere meteorologische Ver¬ 
hältnisse darbiete, als der Sommer, dass hinsichtlich der Gleichmässigkeit der 
Temperatur, der Häufigkeit, Richtung und Stärke der Winde, ferner hinsichtlich 
Bewölkung und Nebelbildung die kalte Jahreszeit in Andermatt sich vortheilhaft 
vor dem Sommer auszeichne. 

Wenn ich heute an dieser Stelle etwas ausführlicher und an Hand objectiven 
Materials auf die damals nur flüchtig skizzirten klimatologischen Verhältnisse des 
Winters von Andermatt zurückkomme, so muss ich vorausschicken, dass die Ver¬ 
öffentlichung dieser Arbeit auf Wunsch der ärztlichen Gesellschaft 
von Luzern, wo ich dieses Thema im December 1886 zum Gegenstände eines 
Vortrages machte, geschieht. Aeussere Umstände verhinderten damals eine end¬ 
gültige Fertigstellung und Einsendung des Manuscriptes. Inzwischen ist eine 
Arbeit, zum Theil ähnlichen Inhaltes, aus der Feder des derzeitigen Curarztes von 
Andermatt erschienen (Dr. Neukomm , Andermatt als Wintercurort. Zürich, Orell 
Füssli & Cie, 1887), eine Arbeit, deren meteorologischer Abschnitt sich auf einen 
Vergleich zwischen Andermatt und Davos stützt. Der Verfasser derselben 
ist dabei zu Resultaten gelangt, welche in den meisten Punkten mit den Ergeb¬ 
nissen meiner Untersuchung übereinstimmen ,* welch 1 letztere einen kleinern Zeit¬ 
raum umfasst, dafür aber mehr in’s Detail geht. Die Veröffentlichung dieser 
meiner Untersuchung, welche sich überdies, neben dem von Dr. Neukomm zum 
Vergleich beigezogenen Da vo s, noch auf einen dritten Höhencurort erstreckt, 
nämlich St. Beatenberg im Berner Oberland, der in den letzten Jahren zu 
Bedeutung gelangt ist, dürfte manchem der Leser dieser Blätter, der weder Zeit 
noch Lust hat, sich in den meteorologischen Originaltabellen selbst zurecht zu 
finden, einigermaassen willkommen sein. 

Objectiv nannte ich das dargebotene meteorologische Material. Absolut 
zutreffend ist dieses Wort freilich nicht. Denn einmal sind die Beobachtungs- 
Stationen durchaus nicht unter ganz gleiche Bedingungen gesetzt. Sodann ist bei 
einigen meteorologischen Factoren dem Beobachter , der die Aufzeichnungen von 
amtswegen vornimmt, trotz genauer Instruction von der Centralanstalt aus, ein 
nicht zu vermeidender Spielraum subjectiver Auffassung belassen. Von der per¬ 
sönlichen Auslegung desselben hängt es ab, ob eine locale Dunstansammlung über 
einem Walde oder an einem Bergabhang oder über einem Flussbett bei sonst 
klarer Witterung als Nebeltag einzutragen sei oder nicht Auch hinsichtlich der 
Bewölkungsintensität spielt die Subjectivität der Beobachtung eine Rolle; die 
photographische Aufnahme des Firmamentes behufs Darstellung der jeweiligen 
Bewölkungszonen existirt meines Wissens bis jetzt nicht und es ist lediglich eine 
annähernde Bestimmung, welche entscheidet, ob beispielsweise der Grad der Be¬ 
wölkung mit 4 oder 5 Zehntel bezeichnet werden soll. Aehnlich verhält es sich 
auch mit den Angaben über die Windstärke. Es kann füglich ein Beobachter, 


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wenn die Intensität z. B. zwischen 0 und 1 liegt, eine Calme eintragen, während 
der Andere dieselbe mit erster Stärke bezeichnet, und Keinem kann man sagen, 
er habe unrichtig aufgezeichnet. Absolut zuverlässige Angaben würde nur ein 
Anemometer liefern können. 

Diese Unsicherheiten in der Beobachtung muss man stets im Auge behalten, 
und es wäre nach meiner Ansicht unrecht, wenn man kleinen Differenzen irgend 
welches Gewicht beilegen wollte. 

Wir müssen unseren vergleichenden meteorologischen Beobachtungen eine Be¬ 
richtigung vorausschicken, indem wir bemerken, dass Davos 1560 und nicht, wie 
bei Gsell-Feh an verschiedenen Stellen zu lesen ist, 1652 M. ü. M. gelegen ist. 
Andermatt liegt 1448, Beatenberg 11 50 M. ü. M. 

Bei der nun folgenden Zusammenstellung der meteorologischen Daten, wie 
ich sie aus einem Zeitraum von 5 Jahren, 1877—1881, für die drei Stationen an¬ 
führen werde, habe ich mich lediglich auf die 6 Wintermonate Januar, Februar, 
März, October, November, December beschränkt, und das Sommerbalbjahr ganz 
ausser Betracht gelassen. 

Es sei erwähnt, dass von den 3 Tages-Beobachtungen an den sämmtlichen 
3 Stationen eine Morgens 7 Uhr, die zweite Mittags 1 Uhr gemacht wurde, die 
Abendmessung in Davos und Beatenberg um 9 Uhr, in Andermatt aber um 8 Uhr 
geschah. 

Die barometrischen Schwankungen, als für unsern Zweck nicht von beson* 
derem Belang, bei Seite lassend, beginnen wir mit einer tabellarischen Darstel¬ 
lung der Temperaturverbältnisse, wie sie als Durchschnittswerthe für die einzelnen 
Wintermonate der fünf Jahrgänge resultiren. Die Monatsmittel der Temperatur 


betrugen: *) 


1877 

Ander¬ 

matt 

Davos 

Beaten- 

berg 

1878 

Ander¬ 

matt 

Davos 

Beaten- 

borg 

Januar 

— 8,99 

-4,21 
— 8,79 

+ 0,98 

Januar 

— 9,60 

— 9,16 

— 8,98 

Februar 

— 8,82 

— 0,08 

Februar 

— 5,69 

— 4,60 

+ 0,60 

März 

— 8,47 

— 8,91 

— 0,43 

Märe 

— 4,18 

— 4,49 

— 0,72 

October 

+ 1,58 

+ 1,54 

+ 4,69 

October 

+ 4,88 

+ 4,40 

+ 7,69 

November 

0,00 

— 0,89 

+ 3,28 

November 

— 2,85 

— 8,87 

— 0,63 

— 3,71 

December 

— 6,68 

— 6,86 

— 2,10 

December 

— 7,48 

— 8,39 

Mittel des 

Mittel des 


Winterhalb¬ 




Winterhalb¬ 




jahres 1877 

— 2,65 

— 2,94 

+ 1,06 

jahres 1878 

— 4,07 

— 4,33 

— 0,12 

1879 

Ander« 

matt 

Davos 

Beaten- 

berg 

1880 

Ander¬ 

matt 

Davos 

Beaten- 

barg 

Januar 

— 5,12 

— 6,57 

— 1,40 

Januar 

— 9,78 

— 9,02 

— 8,88 

Februar 

— 2,91 

— 4,63 

— 0,62 

Februar 

— 3,36 

— 8,85 

+ 1,24 

März 

— 0,96 

— 1,85 

+ 2,61 

März 

+ 0,35 

+ 0,07 

+ 8,10 

October 

+ 2,80 

+ 3,80 

+ 6,69 

October 

+ 4,61 

+ 6,08 

+ 7,62 

November 

— 5,22 

— 4,86 

— 1,66 

November 

— 0,07 

+ 0,27 

+ 2,65 

December 

— 10,88 

— 9,86 

— 4,64 

December 

— 1,86 

— 2,07 

+ 2,41 

Mittel des 

Mittel des 


Winterhalb¬ 




Winterhalb¬ 




jahres 1879 

— 3,17 

— 8,98 

— 0,00 

jahres 1880 

— 1,60 

— 1,60 

+ 2,51 


*) Es sei hier bemerkt, dass sämmtllche Tabellen dieser Arbeit von amtlicher Stelle geprüft and 
richtig gefanden worden sind. D. Verf. 


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46 


1881 

Andermatt 

Davos 

Beatenberg 

Januar 

— 8,24 

— 8,70 

— 4,47 

Februar 

— 3,66 

— 8,89 

+ 1,24 

Märe 

— 0,88 

— 0,10 

+ 8,59 

October 

+ 0,51 

4- 1,66 

+ 2,84 

November 

+ 1,01 

+ 2,20 

+ 4,77 

December 
Mittel des Winter¬ 

— 5,18 

— 3,90 

— 0,26 

halbjahres 1881 
Öjäbriges Mittel der Winter¬ 

— 2,66 

— 2,04 

+ 1,28 

halbjahre 1877/1881 

— 2,94 

— 2,96 

+ 0,96 


Aus dem Endergebnis* vorstehender Ziffern-Uebersicht, wie es sich in dem 
5jährigen Temperaturmittel kundgibt, ersehen wir eine bis fast zu völli¬ 
ger Congruenz gehende Uebereinstimmung zwischen Davos und Andermatt, 
während Beatenberg ein erheblich abweichendes Resultat zeigt. Der Durch¬ 
schnittswerth der Wintertemperatur beträgt in Davos — 2,96, in Andermat't 
— 2,94, während diejenige von Beatenberg mit + 0,95 beträchtlich differirt und, 
was besonders zu beachten ist, über den Gefrierpunkt zu liegen kommt. Auch 
in Bezug auf die Mitteltemperatur der einzelnen Jahrgänge lehnt sich 
Andermatt an Davos an, während Beatenberg wiederum ein ganz differen¬ 
tes Ergebniss aufweist. Es zeigt sich nämlich, wenn wir die einzelnen Jahrgänge 
in’s Auge fassen, die, wie mir scheint, wichtige Thatsache, dass in Andermatt 
und Davos die Mitteltemperatur der 6 Wintermonate in jedem Jahrgang unter 
Null steht, während dies in Beatenberg nur 1 Mal (1878) der Fall ist. 

Und wiederum in Bezug auf die Monatsmittel finden wir eine sehr auffallende 
Uebereinstimmung zwischen Andermatt und Davos, im Gegensatz zu Beaten¬ 
berg. Es stehen die mittleren Monatstemperaturen über Null: in Andermatt 
7 Mal, in Davos 8 Mal, in Beatenberg dagegen 16 Mal, also in mehr als 
der Hälfte aller 30 Beobachtungsmonate. Abstrahiren wir vom October, rechnen 
wir auf den Winter blos 5 statt 6 Monate, so bekommen wir das Resultat, dass 
in Beatenberg 11 Mal, in Davos 3 Mal, in Ander matt sogar blos 2 Mal 
das Monatsmittel der Temperatur während des eigentlichen Winters über Null zu 
stehen kommt. 

Die hohen Wintertemperaturen Beatenbergs gegenüber denjenigen von Davos 
und Andermatt, die ja blos 300—400 Meter höher gelegen sind als jenes, verlieren 
ihr Auffälliges, wenn man die topographischen Verhältnisse dieser 3 Orte be¬ 
trachtet Die beiden letztgenannten Stationen liegen in der Sohle von Hoch- 
thälern, Beatenberg an einem Bergabhange. Erstere Lage bedingt an und für 
sich kältere Wintertemperaturen, während letzterer milde Winter eigen sind, so¬ 
bald nur der Ort über der stationären Nebelschicht liegt. Für Beatenberg ist 
speciell noch die den wärmern Luftströmungen völlig zugängige Lage in Berück¬ 
sichtigung zu ziehen. 

Wollen wir uns gestatten, aus obigen Daten eine Schlussfolgerung zu 
ziehen, so ist es die, dass in Davos und Andermatt der Winter, wenn wir 
dies der Kürze halber so ausdrücken dürfen, eine grössere Stabilität zeigt, dass 
Thauwetter in diesen beiden Hochthälern seltener ist als in B e a t e n b e r g. 


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47 


Jedenfalls ist diese Voraussetzung mit der Erfahrung in Einklang zu bringen, 
wonach in Andermatt wie in Davos von Mitte November bis in den April 
hinein eine Schneedecke liegt, die selbst unter den Strahlen einer wärmenden 
Wintersonne nicht einmal an der Oberfläche schmilzt, eine Beobachtung, die für 
Manchen, der in Andermatt oder Davos im Winter ohne Ueberzieher im Freien 
spaziert, ihr Befremdendes hat, während sie sich leicht erklärt für Denjenigen, der 
die diathermane Luftbeschaffenheit in der Höhe kennt und daher sich ganz gut 
zu deuten weiss, dass in der Sonne der Thermometer auf 30° C. und darüber 
zeigen kann, während die Lufttemperatur unter Null steht 

Von Interesse dürfte es sein zu untersuchen, wie sich an den 3 Stationen die 
Differenz zwischen der Mittagstemperatur, gemessen um 1 Uhr, und den beiden 
anderen Tagesbeobachtungen gestaltet Für 1 Uhr Mittags ergibt sich folgende 
durchschnittliche Temperatur: 


Wioter Andermatt 

Davos 

Beatenberg 

1877 

4- 0,44 

+ 1,20 

+ 3,42 

1878 

— 0,85 

+ 0,01 

+ 2,42 

1879 

— 0,44 

+ 0,87 

+ 2,38 

1880 

+ 1,50 

-f~ 3,34 

+ 5,18 

1881 

+ 0,61 

+ 2,79 

+ 3,84 

Öjähriges Mittel 
76/1881 1 Uhr 

+ 0,23 

+ 1,64 

+ 8,45 


Fassen wir die fünfjährigen Durchschnittsziffern der Mittagstemperatur in’s 
Auge, so sehen wir, dass zwischen Davos und Andermatt, welche beide 
Orte, wie wir eben gesehen haben, sich hinsichtlich der mittleren Wintertempera¬ 
tur, d. h. hinsichtlich der Mittel, wie sie aus sämmtlichen 3 Tagesbeobachtungen 
resultiren, bis zu fast völliger Oieichheit verhalten, ein entschiedener Unter¬ 
schied bezüglich der Mittagstemperatur sich kundgibt, insofern diejenige von 
Davos beinahe l 1 /» 0 sich höher beziffert als die von Andermatt. Hieraus 
folgt, da die sämmtlichen 3 Tagesmessungen an den beiden Orten dieselben Durch¬ 
schnittszahlen ergeben, dass Davos neben relativ höheren Mittagstemperaturen 
tiefere Morgen- und Ab end temperaturen haben muss. Mit andern Worten: 
die im Verlaufe des Tages erfolgenden Temperaturschwan¬ 
kungen sind in Andermatt g eringer als in Davos. 

Aehnliches wie von Andermatt gilt auch von Beat en berg. Auch hier 
sind die täglichen Schwankungen der Temperatur weniger beträchtlich als in 
D a v o 8, d. h. die Mittagstemperatur ist relativ niedriger, die Morgen- und Abend¬ 
temperaturen sind entsprechend höher. Also auch hier grösseres Gleichmaass in 
der zeitlichen Temperaturvertheilung. Es stellt sich sogar, wenn wir die Zahlen 
genau in Untersuchung ziehen, das Verhältniss für Beatenberg um ein, frei¬ 
lich unbedeutendes Plus günstiger als in A n d e r m a 11. 

Von Wichtigkeit für den Meteorologen ist es ferner zu erfahren, wie es an 
unsern 3 Beobachtungsstationen um die Maximal- und Minimal temperatur 
steht, wie die Angaben der durchschnittlichen und der absoluten 
positiven und negativen Extreme lauten. Wir sind hierin zu Ergebnissen gelangt, 
die wir (unter Beifügung der betreffenden Monatsangaben mit römischen Ziffern) 
in folgender zusammenfassender Uebersicht wiedergeben: 


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48 


Andermatt 




Minimum 

Maximum Schwankung 



1877 

• — 22,9 (III) 

+ 14,6 (X) 

37,4 



1878 

— 23,6 (III) 

+ 17,7 (X) 

41,3 



1879 

— 27,4 (XII) 

+ 16,4 (X) 

42,8 



1880 

- 26,7 (I) 

+ 16,7 (X) 

41,4 



1881 

-24,7 (1) 

+ H,3 (X) 

36,0 



Mittel 1877/1881 — 24,9 


+• 14,9 

89,8 



D a v 

o s. 


Beatenberg. 





Schwan¬ 


Schwan- 


Minimum 

Maximum 

kung 

Minimum 

Maximum 

kung 

1877 

— 21,7 (III) 

+ 16,7 (X) 

38,4 

1877 — 15,5 (III) 

+ 14,3 (X) 

29,8 

1878 

-26,3 (I) 

+ 20,0 (X) 

46,3 

1878 — 16,7 (I) 

+ 16,8 (X) 

33,6 

1879 

— 26,3 (XII) 

+ 18,4 (X) 

44,7 

1879 — 19,8 (XII) 

+ 14,1 (III) 

33,4 

1880 

- 26,9 (1) 

-f- 19,2 (X) 

45,1 

1880 — 15,1 (I) 

+ 19,7 (X) 

34,8 

1881 

- 22,7 (I) 

+ 14,7 (X) 

37,4 

1881 —16,6(1) 

+ 17,8 (III) 

32,8 

Mittel 




Mittel 



1877/81 

— 24,6 

+ 17,8 

42,4 

1877/81 — 16,4 

+ 16,4 

32,8 


Auch aus dieser Ziffer-Darstellung erhellt zunächst hinsichtlich der Minima 
eine grosse Uebereinstimmung zwischen Andermatt und Davos, an welch" 
beiden Orten die durchschnittliche Minimaltemperatur in gerader Zahl ausgedrückt 
auf 25° unter Null lautet. Der Unterschied beträgt blos s /&o° zu Gunsten des letzt¬ 
genannten Ortes, während Beatenberg mit —16,4 durchschnittliche Minimal¬ 
temperatur von den beiden Hochthälern bedeutend differirt. Anders verhält es 
sich mit den durchschnittlichen Maxjaia der Temperatur. Hier gehen Änder¬ 
nd a 11 und Davos um fast 3 Grad auseinander, währenddem Beatenberg sich so 
ziemlich in die Mitte zwischen beide stellt 

Was nun die absoluten Extreme betrifft, so lesen wir aus vorhin an¬ 
geführter Tabelle folgende Angaben über absolutes Maximum und Minimum 
heraus: 

Andermatt weist die absolut tiefste Temperatur auf mit — 27,4° im De- 
cember 1879, dann folgt Davos, dessen Minimaltemperatur zweimal (im Januar 
1878 und December 1879) auf — 26,3° sank. In Beatenberg zeigte der Thermo¬ 
meter nicht unter —19,3°, welche Minimaltemperatur im December 1879 zur Be¬ 
obachtung kam. 

Eigenthümlich verhält es sich mit den positiven Extremen. Wir erwarten 
das höchste Maximum in Beatenberg, dessen milde Minimaltemperatur auf ein 
entsprechend hohes positives Extrem hineuweisen scheint. Doch finden wir mit 
der absolut höchsten, diejenige von Beatenberg allerdings nur um ein Geringes 
überragenden Wintertemperatur Davos verzeichnet, dessen Temperatur im Oc- 
tober 1878 auf 20° stieg, während Andermatt (zur nämlichen Zeit) blos 17,7° 
als höchstes Extrem aufweist, Beatenberg aber im October 1880 auf 19,7°, also 
nicht ganz so hoch wie Davos zu stehen kommt. 

Auch hinsichtlich der Grösse der absoluten Schwankungen steht wiederum 
Davos obenan, während Beatenberg am besten sich stellt. Die Differenz zwischen 
dem höchsten Maximum und dem tiefsten Minimum im Zeiträume 1877/81 betrug 
nämlich, wie sich aus obigen Ziffern deduciren lässt: 


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49 


In Davos 

46,3» 

in Andermatt 

45,1® 

in Beatenberg 

39,0» 


Es liegen die im Vorhergehenden hervorgehobenen geringen Temperatur¬ 
schwankungen Beatenbergs zweifellos mit dessen topographischer Lage in 
Zusammenhang, indem Bergabhänge wie durchschnittlich milde Wintertemperaturen 
(was wir oben für Beatenberg gesehen), so auch überhaupt geringe Temperatur¬ 
schwankungen aufweisen. 

(Schloss folgt) 


V ereinsberich te. 

Freie Ärztliche Versammlung in Aarau 

Samstag den 10. December 1887. 

Die nach kleinern oder grossem Intervallen gewöhnlich in Olten stattfindende Ver¬ 
sammlung umwohnender Collegen tagte dies Mal zur Besichtigung der neuen Kranken¬ 
anstalt in der Residenz des Culturstaates. Trotz der stürmischen Witterung der letzten 
Tage fanden sich aus den Cantonen Luzern, Solothurn und Aargau gegen 20 Collegen 
ein. Ein Qang durch die verschiedenen Abtheilungen des Spitals bot des Interessanten 
viel, sowohl was Zweckmässigkeit der Einrichtungen als Reichhaltigkeit des Materials 
anbelangt. 

Auf der chirurgischen Abtheilung hielt Director Dr. Bircher einen gerundeten Vor¬ 
trag über Cexltls und ihre Behandlung mit Krankenvorstellung. Er betont dabei, dass 
man gewöhnlich bei der tuberculösen Hüftgelenkentzündung zu lange exspectativ und con- 
servativ verfahre und so den richtigen Moment des therapeutischen Eingriffe verpasse. 
Nach der exspectativen Behandlung, Ruhe und Gewichtsextension, die in frischen Fällen 
von sehr guter Wirkung sein können,, bespricht er des Weitem die operative Therapie 
und unterscheidet dabei eine conservative (Ignipunctur, Injection, Evidement, Resection) 
und eine radicale (Exarticulation). Bei allen Categorien werden einschlagende Fälle de- 
monstrirt. Nach P. Bruns hat Injection von 3—5 Gramm einer alcohol. Jodoformlösung 
(Jodof. Glycerin und Alcoh. absol. ää) ins erkrankte Gelenk oder in den Abscess injicirt 
antibacilläre Wirkung und liefert nach heftiger Reaction oft überraschende Resultate. 
Ueber Injectionen mit phosphorsaurem Kalk kann der Vortragende noch keine eigene Er¬ 
fahrungen mittheilen. Zeigt sich bei der Resection, die möglichst früh unternommen 
werden muss, die Zerstörung des Femur zu ausgedehnt, um eine gute Function erwarten 
zu lassen, so nimmt Bircher die Exarticulation nicht unmittelbar, sondern erst nach 8 
bis 14 Tagen vor, wenn Patient sich wieder etwas erholt hat. Dem einzeitigen Cirkel- 
schnitt schickt er die Unterbindung der Art. fern, voraus. 

Erwähnung verdient ferner ein Fall von Zerreissnng der BIcepssehBe, wo Bircher 
die abgerissene Sehne längere Zeit nach der Verletzung unterhalb des Schultergelenks an 
das straffe Bindegewebe annähte, wobei die Function wieder eine ganz gute wurde. 
Monks (vide „Centralbl. f. Chir. Ä Nr. 49) räth neuerdings ebenfalls, von einer Wieder¬ 
vereinigung der Sehne abzusehen, da sich durch Behandlung mit Bandagen etc. gute 
Brauchbarkeit des Armes wiederherstellen lässt. 

Auf der KinderabtheiluDg werden die verschiedenen Stadien des Klnpfosses und 
ihre Behandlung besprochen. Bircher zieht bei Kindern Schienenverband mit Fussbrett 
und äusserer Schiene (mit oder ohne Tenetomie) dem Gypsverbande vor. 

Dr. von Arx zeigt das Präparat von einem Blmsearlss, herstammend aus dem Can- 
tonsspital in Olten, von einem Heizer , der zwischen Locomotive und Rampe in einem 
Spatium von 14 cm. eingeklemmt wurde. Das nach vollständigem Bruch aller 4 Aesto noch 
hinten dislocirte und nachher in normaler Lage zum Theil wieder festgekeilte Schoossbein 

4 


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hatte die starkgefüllte Blase zwischen Sphincter und Prostata vollständig abgerissen und 
5—6 cm. vom Blasenhals getrennt. Aeusserlich keine sichtbare Verletzung. Lapara- 
tomie. Starke extraperitoneale Blutung. Drainage. Verweilcatheter. Tod nach 34 Stun¬ 
den. Diese Art Verletzung war nur bei prall gefüllter Blase möglich. 

Den Schluss unserer Arbeit bildete die Besichtigung des Oeconomiegebäudes der An¬ 
stalt mit seinen trefflichen Heiz- und Wasch Vorrichtungen und der Küche. 

Dr. von Arx, Olten. 

Medicinisch-pharmaceutischer Bezirksverein von Bern. 

Zweite Sitzung im Wintersemester 1887/88, Dienstag den 22. November 1887, Abends 

8 Uhr, im Casino. 1 ) 

Präsident: Dr. JE. Schaerer. — Actuar: Dr. Dumont . 

Anwesend 23 Mitglieder und 1 Gast. 

1. Prof. Dr. Flescli hält einen Vortrag „lieber die Ursache der Hirnwindungen“. 
Nach einem Hinweis auf die practische Bedeutung des Studiums der Hirnwindungen be¬ 
handelt er in ausführlicher Kritik die existirenden Theorien über die Ursache ihrer Ent¬ 
stehung. Weder die Anordnung der Gefässe, noch die Einwirkung der umschliessenden 
Schädelkapsel, noch auch die Wachsthumsenergie der grauen Substanz für sich allein 
vermögen das typische Bild der Hirnfurchen ursächlich zu erklären. Bezüglich des Ein¬ 
flusses der Gefässe wird das Vorkommen normaler Windungsanordnungen bei hochgradigen 
Gefässanomalien angeführt; gegen die ursächliche Bedeutung der Umschliessung des Ge¬ 
hirnes von der Knochenkapsel spricht das Auftreten von Furchen am Gehirne notence- 
phaler Missbildungen. Zuckerkand? s Beobachtung anomaler Furchen bei intrauteriner 
Compression des Kopfes in Folge Mangels des Fruchtwassers beweist nicht, was sie soll, 
weil (nach den Abbildungen) das betreffende Gehirn theilweisen Balken-Mangel zeigt. Die 
grössere Wachsthumsenergie der grauen gegenüber der weissen Substanz wird vermuthlich 
zu Oberflächen-Verschiebung oder zu bis in die Höhlen eindringenden Totalfurchen führen, 
die Regelmässigkeit und typische Anordnung der Furchen, die Verschiedenheiten bei ver¬ 
schiedenen Ordnungen finden dabei keine ausreichende Begründung. Seite' & Theorie, welche 
die Furchen als Nährschlitze auffasst, ist schliesslich nur ein anderer Ausdruck der alten 
Gefässtheorie: 3ie lässt unerklärt, warum relativ grosse Felder (Lobus pyriformis bern. 
Gyrus hippocampi) der Nährschlitze entbehren können. Krause's Annahme, dass die 
Furchenanordnung von der Gestaltung der embryonalen Gefassvertheilung und damit von 
dem Verschwinden einzelner Gefässmaschen im Laufe der Entwickelung beeinflusst sei, 
wird direct durch Thatsachen widerlegt: Die Entstehung der Parietooccipitalspalte auf der 
Convexität bei niederen Thieren (Ursus), ihr Wandern auf die mediale Fläche bei Pri¬ 
maten , bis sie schliesslich bei dem Menschen primär auf der medialen Fläche erscheint 
(nach Untersuchungen des Vortragenden, die in einer A. Köllilcer gewidmeten Festschrift 
publicirt sind) ist auf dem von Krause verfolgten Weg nicht zu begründen. Zudem 
zeigen uns balkenlose Gehirne ( Onufrowicz , u. a.), bei welchen — was bisher nicht 
betont worden ist — die primitiven radiären Furchen der medialen Hemisphären-Fläche 
erhalten geblieben sind, dass der longitudinale S. fornicatus in Folge des Balkenmangels 
nicht zur Ausbildung gekommen ist, dass also in der Bildung des Balkens die directe Ur¬ 
sache für die Entstehung des S. fornicatus gegeben ist. 

Diese letzte Beobachtung kann den Ausgangspunkt für eine andere Theorie über die 
Ursache der Furchung geben. Es muss, wie dies schon Heschl versucht hat, der Aus¬ 
bildung der Fasersysteme der weissen Substanz eine grössere Rolle zugewiesen werden, 
als es gewöhnlich geschieht. Einen directen Beweis bildet die Existenz longitudinaler 
Furchen — ausser den beiden Hauptfurchen — im weissen Mantel des Rückenmarkes 
bei Kindern; dieselbe zeigt sich in Gestalt einer cannelirten Contour des Rückenmarks¬ 
querschnittes , welche erst im Laufe des Wachsthums abzunehmen und zu verschwinden 

1 ) Erhalten den 8. December 1887. Redact, 


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scheint; es hat zuerst Hervoust auf dieselbe aufmerksam gemacht. Der Vortragende hat 
dieselbe ausser bei Rindern auch bei Thieren gefunden. Das Schwinden derselben beim 
Erwachsenen scheint direct von der Ausbildung der Hirnbahnen (Pyramiden, GolV sehe 
Stränge, Kleinhirnseitenstränge) abzuhängen. Jedenfalls kann bei dem Rückenmarke mit 
seiner centralen grauen Substanz eine Theorie, welche der Oberflächenspannung der grauen 
Substanz die Hauptstelle zuweist, nicht Anwendung Anden. Die Auffassung des Vor¬ 
tragenden , dass die Ausbildung typischer Furchen von der Entstehung der Associations¬ 
systeme, überhaupt der Fasersysteme der weissen Substanz abhinge, ist geeignet, die Ur¬ 
sache der typischen Verschiedenheiten bei verschiedenen Ordnungen zu erklären; es muss 
ja die Ausbildung dieser Systeme, je nach den verschiedenen Gewohnheiten, Verrichtungen 
und Apparaten der Thiere sich ändern und, da innerhalb der Ordnungen diese Apparate 
u. s. f. im Ganzen übereiustimmen, gleichartigen Furchen-Charakter bei einer Ordnung 
bedingen. 

Vor Allem zwingt uns aber die Correlation in dem Auftreten bestimmter Anord¬ 
nungen an weitentlegenen Himbezirken, den verbindenden Fasersystemen eine Rolle zu¬ 
zuschreiben : es besteht eine, wie es scheint, constante Beziehung in der Weise, dass 
mit dem Auftreten der Parietooccipitalspalte sich die Centralspalte zu selbstständiger Be¬ 
deutung (Gehirn des Menschen, des Affen, des Pferdes, des Bären) gestaltet, während der 
S. cruciatus und gleichzeitig die obere Bogenfurche aufhören, ihre bei den einfachen 
Carnivoren-Gehirnen so charakteristische Gestalt zu zeigen. Dementsprechend kommt der 
Vortragende zu dem Schlüsse, dass für die Anlage eines wesentlichen Theiles der typischen 
Kernfnrchen die Ausbildung der Faser-Systeme ausschlaggebend sei; während die Ent¬ 
stehung secundärer Furchen durch das Nährbedürfniss, die Richtung der Furchen-Systeme 
durch die Beziehungen zur Schädelcapsel geleitet werde. 

An der Discussion betheiligen sich die Herren Dubois, Sahli, Conrad, Flesch. 

2. Dr. R. Vogt bringt einen Antrag zur Anschaffung eines Krankentransportwagens 
für die Gemeinde Bern. Er motivirt seinen Anzug durch die Thatsacbe, dass der 
hiesige Samariterverein, der hauptsächlich aus Arbeitern besteht, durch die vielen Kran¬ 
kentransporte so sehr in Anspruch genommen werde, dass er einfach allen Anforderungen, 
die an ihn gestellt würden, nicht mehr entsprechen könne. Auf der andern Seite hätten 
sich in andern Schweizerstädten (er erinnert z. B. an Zürich, Genf) diese Krankentrans¬ 
portwagen so gut bewährt, dass er die Anschaffung eines solchen für die Stadt Bern 
lebhaft wünschen müsse. Für heute möchte er nur beantragen, dass man aus der Ver¬ 
einsmitte eine kleine Commission wähle , welche sich mit der Frage des Modelles des 
Wagens, der Kosten, etc. zu beschäftigen und baldmöglichst dem Vereine darüber Rechen¬ 
schaft zu geben hätte. Der Verein als solcher würde dann später nach gefasstem Be¬ 
schlüsse vor den Gemeinderath treten. 

Nachdem Dr. Schaerer verschiedene höchst interessante Mittheilungen über das 
Bettugswesen gemacht, wie er dasselbe an der letzten internationalen Wiener Ausstel¬ 
lung gesehen, und nachdem noch DDr. Wyttenbach , Dubois, Ziegler, de Giacomi und 
Christener das Wort ergriffen, wird in der Abstimmung der Antrag Vogt angenommen 
und die Commission für Anschaffung eines Krankentransportwagens bestellt aus den Herren 
DDr. jR. Vogt, Wytteribaeh und Christener . 


Gesellschaft der Aerzte in Zürich. 

10. Wintersitzung den 12. März 1887. 

Präsident: Dr. H. v. Wyss. — Actuar: Dr. W. Schulthess. 

(Schluss.) 

Dr. Lüning demonstrirt ferner : 

3) Abnehmbare Gypscorsets nach Sayre . Die bekannten Nachtheile der langen 
Immobilisirung haben die ursprünglichen inamoviblen Sayre' sehen Corsets nur ausnahms¬ 
weise für die Scoliosen-Therapie geeignet erscheinen lassen, während Leder-Cürasse für 


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die meisten Fälle zu theuer und schwer sind, die Filzjakets aber zu schnell ihre Form 
verlieren und im Sommer kaum erträglich sind. 

Die nach den Angaben von Sayre von den Vortragenden angefertigten abnehmbaren 
Gypscorsets sind leicht (1—2 Pfund), dünn und porös, deshalb auch im Sommer nicht 
zu heiss, schmiegen sich den durch Extension oder anderweitig corrigirten Körperformen 
genauer an, als irgend ein anderer Apparat, können zum Turnen, Baden und Nachts ab¬ 
gelegt werden und sind viel billiger, haben auch ein eleganteres Aussehen und tragen 
fast gar nicht unter den Kleidern auf. Sie müssen selbstverständlich in Extension (eine 
vereinfachte und billige Vorrichtung dazu wird vorgezeigt) an- und ausgezogen werden. 
Die extendirende und corrigirende Wirkung dieser Corsets geht daraus hervor, dass sie 
die Körperlänge um 1—2 cm. vermehren, was sich leicht constatiren lässt. Die Haltbarkeit 
beläuft sich durchschnittlich auf 3 Monate, nach Ablauf welcher Zeit bei noch wachsen¬ 
den Patienten ohnehin eine Erneuerung indicirt ist. 

Vorweisung solcher, neuer und verschieden lang getragener Corsets für verschiedene 
Grade von Scoliose, (ausgeheilte) Pott 1 sehe Kyphose, sowie einer aus demselben Material 
verfertigten Stützcravatte für leichtere Spondylitis cervicalis. 

4) Brests tirker von Largladfer. Vortragender hält denselben für ein gutes Zim- 
merturngeräth für den Gebrauch einzelner, namentlich kräftigerer Individuen, den 
Gummisträngen auch durch seine Haltbarkeit überlegen, aber nicht practisch für das 
Zusammenturnen Vieler in geschlossenem Raume. Für die meist muskelschwachen 
Scoliotischen eignet sich der Apparat weniger, da er belastet und die Gewichte wegen 
der sich ändernden Hebelverhältnisso nicht den gleichen continuirlichen Widerstand im 
Verlaufe einer bestimmten Bewegung darbieten, wie die aus gutem Gummi gefertigten 
Stränge, z. B. die Zürcher' sehen, deren sich die Vortragenden in ihrer Anstalt mit Vor¬ 
liebe bedienen. 

In der Discussion äussert Prof. Krönlein , dass eine Stenose des äussern Ge¬ 
hörganges bei dem demonstrirten Patienten jetzt noch zu befürchten sei. Ein Präparat 
wie das vorliegende von Torticollis hat er nie gesehen und möchte sich angesichts des¬ 
selben , besonders in Anbetracht der starken Verkürzung am ehesten der Ansicht von 
Petersen anschliessen. Auch Verkürzungen im Gebiete der Scaleni, welche nach Teno- 
toraie kein vollständiges Redressement gestatten, sprechen für congenitalen Ursprung des 
Leidens. Allerdings fand Prof. Er. in einer Zusammenstellung von 100 Torticollisfallen 
anamnestisch fast immer schweren Geburtsverlauf angegeben. 

Dr. v . Monakow ist der Ansicht, es könnte unter Umständen auch bei Torticollis 
an eine Entbindungslähmung gedacht werden. 

Prof. Krönlein hält eine Läsion des in sehr geschützter Lage verlaufenden Acces- 
soriu8 für unwahrscheinlich. 

Dr. W. Schulthess hält in Bezug auf die Aetiologie des Torticollis, besonders durch 
das vorliegende Präparat veranlasst, eine angeborne Verkürzung des Muskels für das 
wahrscheinlichste. 

Dr. Lüning möchte sich nur deshalb nicht definitiv für die Peterseri* sehe Ansicht 
aussprechen, weil doch noch einige gut beobachtete Fälle sich nicht damit vereinbaren lassen. 

Dr. Nüscheler spricht sich sehr zu Gunsten des Largiadör’schen Bruststärkers als 
Zimmerturngeräth aus, gibt aber auch zu, dass er für Abtheilungsturnen nicht zu 
brauchen sei. 

Dr. W. Schulthess demonstrirt einige Verbesserungen am Mess- und 
Zelchnnigsapparat für Bflckgretsverkr ttauanng ei (beschrieben im Centralblatt für ortho¬ 
pädische Chirurgie, 1887, Nr. 4). 

Seit der letzten Demonstration in dieser Gesellschaft, im December 1885, wurde an 
dem Apparat eine Einrichtung angebracht, welche die Uebertragung der aufgenommenen 
Längsprofile auf die Zeichnungsfläche noch genauer geschehen lässt als früher. Eine 
ähnliche Einrichtung, aber in anderer Form, zeigt das Ausstellungsexemplar (W. Ausstel¬ 
lung der 59. Naturforscherversammlung, Catalog 342.) 


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53 


Ferner gestattet jetzt der Apparat auch noch die Aufnahme von horizontalen Halb- 
contouren. 

Einzelne mit dem Apparat angefertigte Originalzeichnungen werden demonstrirt und 
an der Zeichnungssammlung des Institutes, welche hier die Stelle der Krankengeschichten 
vertritt, gezeigt, wie man damit Fortschritt, Stillstand oder Rückbildung der Deformitäten 
verfolgen kann. 

Derselbe spricht über das Verhalten der physiologisches Irlungei 
der Wirbelsäule bei Seellose« «Jd 

Durch die oben besprochenen Aufnahmen der Patienten ist Vortragender in den 
Stand gesetzt worden, eine statistische Zusammenstellung der auf dieses Verhältnis be¬ 
züglichen Curven, d. h. der seitlichen Abweichung der Dornfortsatzlinie mit der Ab¬ 
weichung in sagittaler Richtung zu machen. Diese Zusammenstellung belegt zum Theil 
recht demonstrativ die in der Litteratur ganz zerstreut vorhandenen, hierhin zielenden 
Bemerkungen. Bei ganz schweren Scoliosen findet man eine sehr starke Dorsalkyphose, 
bei einer grossem Zahl weniger schwerer Abflachung, ja sogar Andeutung von Umkehrung 
der physiologischen Krümmungen, entsprechend den Experimenten Hermann von Meyer'B. 
Je schöner die Ausbildung der physiologischen Krümmung, desto mehr verschwindet im 
Allgemeinen auch in den Zusammenstellungen der Curven die seitliche Abweichung der 
Dorafortsatzlinie. Es ist schwer, die Veränderungen der Sagittalkrümmung für die einzelnen 
Fälle in primäre und secundäre zu trennen, d. h. zu entscheiden, ob die schlechte Aus¬ 
bildung der physiologischen Krümmung die Ursache oder die Folge der Scoliose sei. 
(Eine ausführliche Mittheilung hierüber folgt in einem Fachblatte.) 

Derselbe demonstrirt ein eben gewonnenes Präparat von Necrose der Spitze 
des processus vermiformis durch Kothstelnelnbleiiiitang , Tod durch diffuse 
Peritonitis. 

Die Patientin, ein löjähriges Mädchen, war acut unter Auftreten von heftigen 
Schmerzen im Leib und mit Erbrechen erkrankt. Aerztliche Hülfe wurde erst am 8. 
Tage in Anspruch genommen. Die erste Untersuchung constatirte eine auf die Ileocoecal- 
gegend beschränkte, aber schon ziemlich ausgebreitete Peritonitis. Nachdem Patientin in 
einem unbewachten Augenblick während der nächsten Nacht vor übergrossem Durst aus 
der Eisblase getrunken, erfolgte vermehrtes Erbrechen und Collaps mit Auftreten ge¬ 
waltiger Spannung des ganzen Leibes. Die nun bestehende diffuse Peritonitis führte in 
2 Tagen zum Tode. 

Prof. Krönlein hat die Patientin consultativ gesehen nach Auftreten der diffusen 
Peritonitis, abstrahirte aber von einer Laparatomie. 

Die Section ergab ausser eitriger Peritonitis das im Titel angedeutete Präparat. 
Der Kothstein steckte im äussersten Ende des noch erhaltenen Rests des processus vermi¬ 
formis, dessen Schicksale hier deshalb so gut verfolgt werden konnten, weil er der ganzen 
Länge nach am Coecum adhärent war. Ausserhalb der Einklemmungsstelle fand sich 
ringförmige Necrose des processus. 

Das Präparat scheint dem Vortragenden eine Aufforderung mehr zu sein, bei Peri¬ 
typhlitis stets auch die operative Therapie im Auge zu behalten, wenn er sich auch die 
in Frage kommenden, heute noch unüberwindlich scheinenden diagnostischen Schwierigkeiten 
nicht verhehlt. 

Discussion. Prof. Krönlein legt dem Zeichungsapparat insofern eine Bedeutung 
za, als damit nicht nur die Therapie oontrolirt werden kann, sondern auch ein genaueres 
Studium der Deformitäten der Wirbelsäule möglich wird. Die Patientin, von der das 
Präparat stammt, hätte er trotz des desolaten Zustandes im Krankenhaus operirt, während 
ihm im Privathaus die Antisepsis eine zu unsichere scheint. Er glaubt, dass man in Zu¬ 
kunft sich viel eher entschlossen werde, derartige Fälle zu operiien. als bisher, denn 
solche Präparate fordern geradezu zur Operation auf. 


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Referate und Kritiken. 


Der Blutkreislauf der Ganglienzelle. 

Von Prof. Dr. A. Adamkietvicz . Berlin 1886, Verlag von Aug. Hirschwald. S. 65. 

Der Verfasser, der durch eine Reihe von Arbeiten im Gebiete der Nervenlehre eich 
vorteilhaft bekannt gemacht hat, gibt im Obigen eine Fortsetzung seiner Arbeiten Ober 
„die Vertheilung der Blutgefässe im menschlichen Rückenmarkes Er veröffentlicht darin 
seine Untersuchungen über die feineren Circulatiuns- und Ernährungsverhältnisse der 
centralen Nervensubstanz und kommt zu ganz neuen, überraschenden und wichtigen Er¬ 
gebnissen , die er auf vier dem Schriftchen beigedruckten , sorgfältig und sehr instructiv 
ausgeführten Tafeln veranschaulicht. Der Inhalt des Schriftcheus, das auch der bewährten 
Verlagsbuchhandlung durch seine musterhafte Ausführung zur Ehre gereicht, lässt sich 
nicht in Kürze auszieheo. Jeder, der sich darum interessirt, muss vom Ganzen Einsicht 
nehmen. In wieweit die Ergebnisse der Arbeit als bleibendes Gut unserer Wissenschaft 
einverleibt werden können, muss bei der Neuheit und Wichtigkeit derselben anderweitigen, 
ebenso gewissenhaft angestellten Untersuchungen überlassen bleiben. L. Wille. 


Die Morphiumsucht und ihre Behandlung. 

Von Dr. Albrecht Erlenmeyer . Mit 22 Holzschnitten, 8. Auflage. Berlin-Leipzig-Neuwied, 

Heuser’s Verlag. 1887. 

Das ist ein Buch für die Spritzenmänner, welche stolz in dem Hochgefühl herum¬ 
wandeln, dass ihre Seitentasche das Mittel birgt, mit welchem jedem eigenen und fremden 
Schmerz sofort gründlichst abzuhelfen ist. „Die Frage, ob es möglich sei, die Morphium¬ 
sucht zu verhüten oder doch wirksam einzuschränken, hat eine sehr grosse Berechtigung.* 
„Ich gebe mich keiner trügerischen Hoffnung hin ; ich bin der Ansicht, dass es nicht nur 
so bleiben wird, wie es jetzt ist, sondern dass es noch immer schlimmer werden wird.* 
Es bleiben nur zwei Wege übrig. „Der eine ist die peinlichste Vorsioht in der Verab¬ 
folgung von Morphium durch die Aerzte, die dasselbe nur in wirklich dringenden Fällen 
anwenden, und die seine Anwendung, besonders in Form von subcutanen Einspritzungen, 
nie aus der Hand geben sollten; der andere ist der Weg öffentlicher Warnung und Be¬ 
lehrung von berufener Seite. Diejenigen Recepte des Arztes taugen am wenigsten, die 
am meisten Morphium verschreiben. Morphium ist fast niemals ein Heilmittel, fast immer 
nur ein symptomatisches, ein Betäubungsmittel; seine Verordnung bedeutet eben so häufig 
ein testimonium paupertatis der Diagnose.* Seilt. 


Handbuch der historisch-geographischen Pathologie. , 

Von Dr. Aug, Hirsch , Prof, der Medicin in Berlin. 3. Theil. Stuttgart. Verlag 
von Ferd. Enke. 1886. 8. 557. 

Die 3. Abtheilung des obigen Werkes behandelt die Organkrankheiten. Am Schlüsse 
findet sich das Register über alle 3 Abtheilungen. Der specielle Inhalt umfasst: die 
Krankheiten der Athmungs- und Verdauungsorgane, der Milz, der Circulationsorgane, der 
Harn- und Geschlechtsorgane, des Nervensystems, der Haut und der Bewegungsorgane. 
Unter den Krankheiten des Nervensystems Bind auch die psychopathischen Epidemien in 
Kürze berücksichtigt. Die grossen Vorzüge, die ich in den 2 ersten Theilen des Werkes 
fand und gebührend in eingehender Weise hervorhob, finden sich auch in dieser Ab¬ 
theilung wieder. Ueberall macht sich das den Gegenstand, den er behandelt, geradezu 
erschöpfende Wissen des gelehrten Verfassers, die ruhige, sachliche, überlegene Kritik, 
eine elegante, stets anregende Darstellungsweise , also mit einem Worte die völlige Be¬ 
herrschung des Materials in Inhalt und Form geltend. Es sind dies Eigenschaften, die 
bei der gegenwärtig oft bis zur Beschränktheit reichenden Einseitigkeit der Behandlung 
wissenschaftlicher Aufgaben, bei der den Charakter der Unwissenheit tragenden Ver¬ 
nachlässigung früherer Forschungen, wie sie sich unter dem Namen der exacten Forschung 
immer mehr breit machen, einen höchst wohlthuenden Einfluss ausüben. Es bandelt sich 
bei den im vorliegenden Bande behandelten Krankheiten weniger um Vorkommnisse, die 
entweder nach Art gewaltiger Naturereignisse, wie die acuten Infectionskrankheiten, die 
Menschen und Völker überfallen und decimiren, oder nach Art der schleichenden Gift- 


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Wirkung die Generationen heimlich und langsam zu Grunde richten. Es sind vielmehr 
locale Störungen , Krankheiten der einzelnen Organe, bei denen diese Arten des Auf¬ 
tretens nur mehr ausnahmsweise Vorkommen. Immerhin fesseln sie unser Interesse 
und verdienen es in gleicher Weise als wie die in den frühem Bänden behandelten 
Krankheiten. Ich weise nur auf einaelne besonders interessante und practische Capitel 
hin, wie die Über Keuchhusten, Croup, Diphtherie, Lungenentzündung, Lungenschwind¬ 
sucht, Ruhr, sporadische Cholera, Meningitis cerebro-spinalis epidemica und Hitzschlag. 
Es sind dies Krankheiten, die ebenso sehr das Interesse des Practibers beanspruchen, 
als sie Gebiete vertreten, in denen die streitigen Tagesansichten zum vollsten und 
schärfsten Ausdruck gelangen müssen. Da beweist es nun einen hohen Grad von Geistes- 
stärke, wenn der Verfasser, unentwegt dem Lärm des grossen Haufens gegenüber, die 
Fahne ruhiger, objectiver, auf völliger Durchdringung und Beherrschung des Stoffes be¬ 
ruhender Kritik aufrecht erhält, statt sich in dem modernen Hexenstrudel der sich über¬ 
stürzenden Coccen- und Bacillenentdeckungen widerstandslos mit fortreissen zu lassen. 
Auf Einzelheiten einzugehen, würde bei der ungeheuren Masse des Stoffes zu Veit führen. 
Wir Aerzte schulden Verfasser und Verleger grossen Dank, dass sie unsre Litteratur mit 
einem so bedeutenden und nützlichen Werke bereicherten und dasselbe auf der Höhe der 
Zeit erhalten. Wir Aerzte haben hinwiederum die Pflicht, durch fleissiges Studium des¬ 
selben unsre Dankbarkeit zu bezeugen, woraus wir nur selbst den grössten Nutzen ziehen 
werden. L . Wille. 


Handbuch der Massage. 

Von Dr. G. Hünerfauth . Leipzig, bei F. C. W. Vogel. 1887. 

Der Verfasser, ein warmer und eifriger Vorkämpfer für die Massagetherapie, aber, 
in Folge einer reichen , in seiner 8tellung als Badearzt in Homburg gesammelten prac~ 
tischen Erfahrung auch mit einem nüchternen Urtheil ausgerüstet, und zugleich über eine 
bedeutende Litteraturkenntniss verfügend, gibt uns in dem 265 Öeiten umfassenden Buche 
eine klar angeordnete und sehr vollständige Uebersicht über das, was mit dieser uralten, 
vielfach wieder vergessenen und erBt in der neuesten Zeit wieder zur Geltung gekom¬ 
menen Behandlungsmethode erreicht werden kann. 

Nach einer historischen Einleitung werden die Lehrsätze der Physiologie besprochen, 
welche der Massage als wissenschaftliche Basis dienen. Bekanntlich waren es die Mosen - 
yrifschen Versuche, welche zuerst der Massage eine wissenschaftliche Unterlage gaben 
und sie aus dem Zustand der blossen Empirie zur wohlbegründeten Methode erhoben. 

Der Technik der Massage ist eio weiteres Capitel gewidmet. So eingehend aber 
auch die Technicismen geschildert und durch Holzschnitte erläutert werden , so müssen 
wir doch dem Verfasser beistimmen, wenn er selbst gesteht, dass das Massiren eigentlich 
nur durch Anschauung gelernt werden könne, und begrüssen daher seine Anregung, dass 
den 8tudirenden Gelegenheit geboten werden sollte, Massage practisch zu erlernen. Ver¬ 
fasser verlangt, dass die Behandlung stets durch den Arzt selbst stattflnde und nicht 
Berufsmasseuren, die er sammt und sonders als Curpfuscher bezeichnet, überlassen werde. 

Im speciellen Theil werden die verschiedenen Gebiete behandelt, in denen die Mas¬ 
sage ihre segensreiche Wirkung entfalten kann. Nach dem Verfasser gibt es kaum ein 
Hauptgebiet der Medicin, wo dieselbe nicht unter Umständen indicirt sein könnte. Innere 
Medicin, Chirurgie, Gynäcologie müssen die Massage in ihr Repertoir aufnehmen und auch 
bei Augen-, Ohren- und Hautkrankheiten kann sie zur Anwendung kommen. Von be¬ 
sonderem Interesse war uns der chirurgische Abschnitt, obwohl wir nicht überall mit dem 
Verfasser einverstanden sind und bei Fracturen z. B. uns vorläufig noch lieber an den 
bewährten Gypsverband halten möchten. 

Die Indicationen für die Massagebehandlung werden genau präcisirt und auch die 
zur Unterstützung derselben nothwendigen Ageotien: Heilgymnastik, Electricität und 
Bäder gebührend gewürdigt. Zahlreiche und sorgfältig geführte Krankengeschichten, meist 
aus des Verfassers eigener Praxis, illustriren die theoretischen Auseinandersetzungen. 

Das Buch ist so compendiös und doch dabei so klar und übersichtlich, dass dessen 
Studium dem practischen Arzt, der sich über den Werth der Massagebehandlung ein Ur- 
tfaeil bilden will, bestens empfohlen werden kann. Wiemam, 


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Die Thomsen’sche Krankheit (Myotonia congenita). 

Studien von Prof. Dr. Wilhelm Erb . Mit 2 Tafeln. Leipzig, F. C. W. Vogel. 1886. 

Der Verfasser gibt uns zuerst einen Ueberblick Ober die Geschichte der im Jahre 
1876 von Thomsen beschriebenen Krankheit und ihre Nomenclatur, sowie einen Auszug aus 
Bämmtlichen bis jetzt veröffentlichten Beobachtungen. Er stellt, von den ursprQnglichen 
Thomsen'Bchen abgesehen, welche nicht näher beschrieben worden sind , 25 reine, 
typische Fälle zusammen, im Gegensatz zu 11 ähnlichen, jedoch mehr oder weniger 
zweifelhaften und einigen ganz andersartigen Krankheitsformen, wo das Hauptsymptom 
der Thomsen'achen Störung wohl nur eine Nebenerscheinung war. Dann schildert er drei 
Kranke, die er selbst beobachtet und genau untersucht hat. 

Bei diesen Untersuchungen hat Erb nun gefunden, dasB charakteristische Erschei¬ 
nungen ausser der wohl bekannten myotonischen Störung der willkürlichen Bewegung bis 
jetzt entweder völlig Obersehen oder nicht gehörig gewürdigt worden sind. Denn die 
Erregbarkeit der motorischen Nerven und der Muskeln war keineswegs, wie bis jetzt 
fast durchgängig angegeben worden , normal; sondern er wies eine ganz bestimmte, 
freilich ffir Nerv und Muskel verschiedene, ungewöhnliche Reaotionsweise nach. Diese 
Gontractionsform, für welche der Verfasser die Bezeichnung „myotonische Reaction“ vor¬ 
schlägt, ist von der Entartungsreaction wie von der Reaction bei Tetanie und bei Pseudo¬ 
hypertrophie der Muskeln verschieden, welche Krankheiten Oberhaupt von der Thomsen'Bchen 
wohl zu unterscheiden sind, und ist der Letztem eigenthOmlich, so dass diese dadurch 
leicht und sicher objectiv nachzuweisen ist. 

Ferner erhielt Erb , entgegen den frQhern negativen Untersuchungen, einen positiven 
anatomischen Befund: Die Muskelfasern Bind, wie es die beiden Tafeln zeigen, beträcht¬ 
lich hypertrophirt, ihre Kerne stark vermehrt und ihre feinere Structur verändert, während 
das Bindegewebe nur mässig vermehrt ist. Dieser Befund unterscheidet sich wieder 
wohl von den Erscheinungen bei der Pseudohypertrophie oder der degenerativen Atrophie 
der Muskeln. Damit scheidet die geschilderte Störung aus der Reihe der functionellen 
Krankheiten. 

Doch trotz dieser Entdeckung und obschon er in diesen Veränderungen das Wesent¬ 
liche und die Ursache für die myotonische Muskelstörung zu sehen geneigt ist, äussert 
sich Erb über das Wesen der Krankheit vorsichtig. Er weist bei der Beurtheilung der 
Meinungen über den myo- oder neuropathischen Ursprung des Leidens darauf hin, dass 
der ursprüngliche Sitz trotzdem wohl im Nervensystem beruhen könne, wenn auch eine 
Erkrankung in den Muskeln und bis jetzt nur in diesen, nicht auch in den — ihm über¬ 
haupt nicht zugänglichen Nerven nachgewiesen sei. Er ist sogar eher geneigt, hier 
eine Trophoneurose der Muskeln anzunehmen, doch behält er sein Urtheil bis auf genauere 
Kenntniss vor. 

Nachdem der Verfasser noch der myotonischen Reaction mehr oder weniger ähnliche 
Erscheinungen aus der Muskelphysiologie verschiedener Thiere angeführt, und die Aetio- 
logie, Prognose und Therapie berührt hat, über welche ihm seine Beobachtungen nichts 
Neues boten, schliesst er mit einer Gesammtskizze der Krankheit, wie sich dieselbe nun 
nach seinen Untersuchungen darstellt. v. Speyr. 

Anleitung zur Wundbehandlung. 

Von Dr. M. Schächter in Budapest Wiesbaden, J. F. Bergmann. 1887. 

Der Verfasser hat, wie er in der Vorrede sagt, nicht die Absicht, eine Lücke in der 
so reichen deutschen Litteratur über diesen Gegenstand auszufüllen, und müssen wir in 
der That gestehen , dass uns dieses Gefühl beherrscht hätte, auch ohne dass dies von 
dem Verfasser ausgesprochen worden wäre. Trotzdem können wir nicht leugnen, dass 
uns die Lectüre des 888 Seiten starken Bandes recht befriedigt hat. Der Grund dafür 
liegt namentlich in der Nüchternheit, mit der die sich noch vielfach widersprechenden 
Ansichten auf diesem Gebiete gewürdigt werden. 

Was zunächst die stoffliche Anordnung anbetrifft, so geht der Verfasser aus von dem 
Wundheilungsprocess und seinen verschiedenen Modifikationen, schildert dann die den¬ 
selben störenden Einflüsse und die davon abhängigen, unter dem Namen der Wundkrank¬ 
heiten bekannten Erscheinungen. 

Die Microorganismenfrage unterliegt einer eingehenden, auf eine reiche Litteratur- 


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kenntniss gestützten Betrachtung. Ob Microben oder Ptomaine, oder beide zusammen 
die eigentliche Noxe der Wundkrankheiten seien , diese Frage wird an der Hand der 
Fachlitteratur sorgfältig studirt; doch kommt der Verfasser der Natur der Sache gemäss 
nicht für alle Wundkrankheiten zu einem endgültigen Abschluss. Daran schliesst sich 
die Besprechung der Aufgaben, welche der ärztlichen Kunst zufallen, um einen möglichst 
ungestörten Heilungsverlauf zu sichern, und die sich unter der Bezeichnung Asepsis und 
Antisepsis zusammenfassen lassen. 8ehr klar und entschieden tritt der Verfasser dafür 
ein, dass es ein verhängnisvoller Irrthum ist, auf den Chemismus, auf die parasiticide 
Wirkung der angewendeten Mittel den Schwerpunkt der Wundbehandlung zu legen ; mit 
Recht stellt Verfasser die minutiöseste Sorgfalt in der Ausführung t und die Beobachtung der 
scrupulösesten Reinlichkeit in den Vordergrund. 

Diese nüchterne Auffassung tritt namentlich in dem dritten Theil der Arbeit zu Tage, 
in welchem das bald unübersehbare Heer der Antiseptica Revue passirt Mit grossem 
Fleisse sind dieselben zusammengestellt und auf ihren Werth geprüft. Selbstverständlich 
werden die Coryphäen unter denselben, Car bol, Jodoform und Sublimat besonders aus¬ 
führlich besprochen, während die zahlreichen Eintagsfliegen kürzer wegkommen. Mit 
Freuden unterschreiben wir den Satz des Autors am Schlüsse dieser Zusammenstellung: 
„einen Auswuchs der antiseptischen Wundbehandlungsepoche bildet das fortwährende 
Jagen nach neuen Antisepticis.* 

Ein weiteres Capitel hat die Anwendung der modernen Wundbehandlungsmethoden 
auf die verschiedenen Körperregionen und die einzelnen Categorien von chirurgischen 
Operationen zum Gegenstände. Auch dieser Abschnitt ist mit grosser Sachkenntniss und 
Klarheit durchgeführt. Freilich konnten wir uns am Schlüsse unserer Lectüre des Ge¬ 
dankens nicht erwehren, dass auch das sorgfältigste Studium eines solchen Werkes die 
eigene Anschauung, die methodische Schulung, wie sie nur im Spitaldienst erworben werden 
kann, nicht zu ersetzen vermag. Für denjenigen aber, dem eine solche Schulung nicht 
zu Theil geworden, oder der das Bedürfniss hat, das im Spitaldienst Gelernte theoretisch 
wieder aufzufrischen, mag das vorliegende Buch immerhin eine werthvolle Lectüre sein. 

Zum Schlüsse müssen wir noch gestehen , dass es uns immer unangenehm berührt, 
wenn der Autor mit der Orthographie der wissenschaftlichen Ausdrücke ein bischen auf 
dem Kriegsfuss steht; heisst es doch nicht Ex-udat, nicht Menynx, nicht Dispnoe u. s. w. 

Wiemann (Herisau). 

Handbuch der speciellen Pathologie und Therapie. 

Von v . Ziemssen . 8. Auflage. Fünfter Band. Krankheiten der Lunge. 1., 2. und 3. Theil. 

Leipzig, F. C. W. Vogel, 1887. 

Klinische Vorträge. 

Von v. Ziemssen. Fünfter Vortrag. III. 2. Die Behandlung des Abdominaltyphus. 

Leipzig, F. C. W. Vogel, 1887. 

Der Zufall, der beide Werke als Recensionsexemplare gleichzeitig mir in die Hand 
spielte, hat mir ein grosses Vergnügen bereitet und ich zweifle nicht daran , dass jeder 
Leser , der gelegentlich in ähnlicher Weise die Arbeiten mit einander durchgeht, nicht 
minderen Genuss haben wird. Sie geben ein recht interessantes Zeitbild aus der mo- 
dernen Medicin. 

Bewegt sich die von Hertz geschriebene Abtheilung auf Gebieten, wo das Meiste 
ziemlich sichern Boden hat oder zu haben scheint — Anämie, Hyperämie, Oedem, 
H&morrhagie, Embolie, Atelectase, Atrophie, Hypertrophie, Emphysem, Gangrän, Neu¬ 
bildungen der Lunge, Neubildungen im Mediastinum, thierische und pflanzliche Parasiten der 
Lunge — so ist Jürgensen der Theil der Lungenkrankheiten zugefallen, der noch in leb¬ 
haftester Gährung sich befindet; Rühle wird die Aufgabe gestellt, einen der grössten 
Fortschritte in der medicinischen Wissenschaft aller Zeiten ins rechte Licht zu stellen; 
und Ziemssee! s Vortrag hat zum Gegenstand die Behandlung einer der wichtigsten Krank¬ 
heiten, bei der die Medicin entschiedene Erfolge aufweist. 

Die Pneumonie ist mit ausserordentlicher Zähigkeit stets als Erkältungskrankheit 
angesehen worden. Jürgensen hat nicht zum wenigsten dazu beigetragen , dass sie jetzt 
als eine Pilskrankheit anerkannt ist und, und er stellt hier reichlich die zwingenden Gründe 
zusammen, welche die Auffassung stützen : die fibrinöse Pneumonie ist eine Infections- 


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kraukheit; verschiedene Arten von 8paltpilzen sind ihre Ursache; der specifische Parasit 
kommt meist suerst direct in die Lungen und kann von da aus den ganzen Körper be¬ 
siedeln ; in selteneren Fällen gelangte der EnteQndungeerreger von vornherein ins Blut 
und von da aus erst in die Lungen und in die andern Organe. Die Aufgabe der Be¬ 
handlung heisst Erhaltung der Kräfte im Allgemeinen , Abwehr der Hersschwftche im 
Besonderen. 

Je klarer die typische fibrinöse Pneumonie durchschaut ist, um so leichter und ent¬ 
schiedener werden die oft doch etwas schwer abgrenebaren andern Formen der Lungen¬ 
entzündung, Catarrhalpneumonie, Hypostase und interstitielle Pneumonie, sich bestimmen 
lassen. Das um so mehr, da jetzt durch die Erkennung des Tuberkelbacillus auch von 
der andern Beite her diese Gruppen ihre Marken gefunden haben. 

Rühle hat die Lungen Veränderungen durch den Tuberkelbacillus zu beschreiben und er 
thut dies in einer des hochwichtigen und hochinteressanten Gegenstandes würdigen Weise. 
Voll und ganz Koch's Lehre vertretend, zeigt er sich auf jeder Beite als der Kliniker, der 
mitten im Leben stehende Beobachter, der zum Lindern und Heilen berufene Arzt, be¬ 
scheiden durch die Erfahrung und eben so sehr durch die berechtigte Hoffnung sich 
haltend. Ich denke Allen den besten Gefallen zu erweisen, wenn ich sie auf das genuss¬ 
reiche Buch selber verweise. 

Ist bei der Phthisis so zu sagen immer und allenthalben in jahrelangem Kampfe der 
eine Grundton in der Behandlung: Kräftehebung, Gewichtsvermehrung, Abhärtung, so bat 
beim Typhus vielmehr für kurze Zeit eine allseitige 8chlauheit Platz zu greifen. Ziemssen'a 
Aufsatz gibt das in schönster Weise wieder. Da kommt gleich im Anfang schon eine 
der pikantesten modernen Fragen: wie den Bacterien beikommen? und dann die: sind 
wir eigentlich nicht dieselben Thoren — pardon, es sind nicht die Worte im Texte — 
wie die alten Aderlass-Würger? Diese bildeten sich ein, mit Absapfen des Blutes alles 
Uebel auszutreiben. Wie lachen wir jetzt über diese saignäes coup sur coup! Wenn 
aber einmal ein späteres Geschlecht über uns reden würde: die Tröpfe haben nicht ein¬ 
mal gemerkt, was schon die Alten wussten, dass das Fieber das beste natürliche Heil¬ 
mittel ist; gerade der Verbrenner der vom 19. Jahrhundert heraus microscopirten Alles 
verschuldenden Microben! 

Ins Wasser mit den Typhuspatienten, warm, kühl, ganz kalt oder nicht? Jedenfalls 
nicht mehr Digitalis und Veratrin. Wie den nähren, der nichts mag und nichts verdaut? 
Stopfung unstillbarer Diarrhoe und unangreifbarer Blutung! u. 8. w. 

Auf den vierzig 8eiten ist Alles eiofach, klar und schön erwogen und beurtheilt, wie 
es nur reiche und denkende Erfahrung zu thun vermag. Seitz. 


Cantonale Correspondenzen. 

Acten der schweizerischen A erztecommission. 

Die schweizerische Aerztecommission an den leitenden Ausschuss 
für Eidg. Befähigungsausweise. 

8t Gallen, den 29. December 1887. 

Herr Präsident! Herren Collegen ! 

Vor zwei Monaten hatten wir dem Eidg. Departement des Innern ein Gutachten ab¬ 
zugeben Über einen Freizügigkeitsvertrag zwischen den Aerzten Englands und der 8chweis. 
Bei den Acten lag eine neue Medical Act des englischen Parlamentes. Wir erklärten 
dem h. Bundesrathe einstimmig, dass wir dafür halten, es sei auf diesen Vertrag nicht 
einzugehen, und das aus folgenden Gründen: 

1) Von dieser Freizügigkeit werden voraussichtlich nur Engländer, ganz ausnahms¬ 
weise aber Schweizer Gebrauch machen können. 

2) „Ein englischer Arzt 0 ist eine sehr variable Grösse. Persönliche Erfahrungen 
und Erkundigungen haben uns gezeigt, dass das drastische Wort von Billroth („Lehren 
und Lernen der medicinischen Wissenschaften 0 pag. 498) buchstäblich wahr ist, welches 
sagt: „Die Differenzen der militärischen Bildung zwischen einem General und einem 
Unterofficier sind nicht grösser, als die wissenschaftlichen Bildungsgrade zwischen den 
verschiedenen Arten von graduirten Aerzten Grossbritanniens. 0 

3) Wir Schweizer geben mit dem Eidg. Befähigungsausweise etwas Reelles, em- 


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pfangen aber mit der blossen staatlichen Praxisberechtigung für England etwas nur 
Scheinbares, da in England bekanntlich nicht das staatliche Patent, sondern die Mitglied¬ 
schaft bei den alten Zünften oder Collegien: Royal College of Physicians, Roy. Coli, of 
Surgeons und so weiter wenigstens 23 Mal 1 beim Publicum den Ausschlag geben. Ohne 
dieses R, C. 8. oder R. C. P. u. s. w., ohne die Membership oder Fellowship bei einer 
der 28 anerkannten Zünfte ist der fremde Arzt, trotz seiner staatlichen Licenz thatsäch- 
lich „ein Wilder“ vor seinen Collegen und vor dem, in solchen Rang- und Titelfragen 
sehr empfindlichen englischen Publicum. 

Wir erklärten deshalb diesen Vertrag als einen leoninischen, hei welchem die 
Schweizer nichts zu gewinnen und nur zu verlieren haben. 

Es bestehen jetzt schon Uebelstände gegenüber fremden Aersten, deren Heimath- 
länder uns ganz und gar kein Oegenrecht halten, und wir möchten es nicht verantworten, 
diese Uebelstände, welche aus Gründen der Cantonalpolitik und durch die Macht einzelner 
Höteliers aufgekommen sind, auch noch sanctioniren und befestigen zu helfen. Wir glauben 
vielmehr, dass die vornehme Leichtfertigkeit, mit welcher ärztliche Fragen von einzelnen 
Wortführern abgethan werden, auch ein Ende nehmen könnte, und dass ehrliche Gegen- 
rechtsverhältnisse auch für unsern Beruf einmal möglich sein sollten; unterdessen hält es 
die schweizerische Aerztecommission für ihre Pflicht, auf die bisherige Rechtlosigkeit 
und Schutzlosigkeit der im Auslände lebenden Schweizerärzte aufmerksam zu machen und 
sich dagegen möglichst zu wehren. 

Es liegt uns daran, in dieser, zunächst dem Ausschuss für Eidg. Befähigungsaus¬ 
weise zustehenden Frage mit Ihnen in Uebereinstimmung zu sein und deshalb beehren 
wir uns, Ihnen über unsere Ansicht Rechenschaft zu geben, und ersuchen wir Sie, bei 
allfälligen Meinungsverschiedenheiten uns die Gelegenheit zu collegialischer Vereinbarung 
zu gewähren. 

In hochachtungsvoller Ergebenheit Im Namen der sohweiz, Aerztecommission 

Der Präses: Dr. Sonderegger. 

Der Schriftführer: Dr. de C&renviUe. 

Basel. Zwei Fälle von Gastroenteritis nach Genuss eines Schinkens. Unter 
obigem Titel hat Herr Dr. Tavel in Nr. 14, 1887, dieser Zeitschrift eine Arbeit veröffent¬ 
licht, worin er zwei im Frühjahr 1886 nach Genuss von rohem Schinken in Basel vor¬ 
gekommene schwere Krankheitsfälle, von welchen der eine sogar letal endete, auf Milz¬ 
brand zurückführt 

Meine Stellung als oberster Fleischschaubeamter der Stadt Basel macht es mir zur 
Pflicht, meine diesbezüglichen Anschauungen öffentlich kund zu geben. Da nun Tavel 
seine Untersuchung rein bacteriologisch durchgeführt hat, auf welchem Gebiete ich mich 
zur Abwehr nicht stark genug fühlte, musste ich das Urtheil von anerkannten Bacterio- 
logen abwarten, bevor ich die Vertheidigung meiner Position übernehmen konnte. Daher 
die verspätete Abwehr! 

In Nr. 10, II. Band, des „Centralbl. für Bacteriologie etc.“ hat nun C. Fraenkel in Berlin 
eine kurze Kritik der fragliohen Tavet sehen Arbeit gebraoht, worin die Tbierversuche 
Tauet s als „wenig geeignet“ zur Sicherung der Diagnose Milzhraod bezeichnet werden, 
und in Nr. 11, 1887, u. ff. der „Zeitschrift für Fleischbeschau“ eto. hat Dr. Schmidt-Mülheim, 
der wohl in Sachen als Autorität gelten darf, die gleiche Arbeit eingehend besprochen ; 
es wird daher vom bacteriologischen Standpunkte aus genügen , wenn ich einen Auszug 
der hauptsächlichsten Argumente dieser letztem Arbeit hier anführe. 

„....Da der Verfasser ohne jede Reserve erklärt, cb handle sich im vorliegenden 
Falle um Milzbrand , so haben wir uns bei der Tragweite dieser Behauptung für ver¬ 
pflichtet gehalten, alle Facta, welche sich auf die Fleischvergiftung beziehen, mit tbun- 
lichster Vollständigkeit zu sammeln, um kritisch zu prüfen, ob die Schlussfolgerung des 
Herrn Tauei duroh die vorliegenden Thatsachen gerechtfertigt soheint oder ob nicht eine 
andere Deutung des bedauerlichen Vorkommnisses weit näher liegt 

Am 27. December 1885 brachte der Handelsmann A. W. einen grössern Transport 
österreichischer Mastschweine Über Wien nach Basel. Die Eisenbahnreise währte vier 
Tage. 8ämmtliche Öchweine waren an der Bchweizergrenze untersucht und gesund be¬ 
funden , auch lagen Über ihre Abstammung aus einer seucheofreien Gegend vorschrifts- 
mässige Gesundheitsatteste vor. Die Thiere wurden direct auf den Basler 8chlachtvieh- 


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markt gebracht, der erst vor Jahresfrist io Betrieb gesetzt war und auf dem sich niemals 
ein Fall von Milzbrand ereignet hatte. Hier wurden sie im Laufe der näohsten vier Tage 
abgeschlachtet, ohne dass auch nur eios der Thiere, die sämmtlich sowohl im lebenden 
alB im geschlachteten Zustande einer tierärztlichen Untersuchung unterworfen wurden, 
die geringsten Erscheinungen des Milzbrandes gezeigt hätte. 

Herr Schlachthaus-Director Siegmund wählte auf Wunsch seines Bruders, der dem 
Verwaltungsrathe der gemeinnützigen Basler 8peiseanstalt angehört, aus einem Trupp 
von 46 Stück zwei völlig gesund erscheinende Schweine aus, die dann am 28.December 
auf Rechnung der Speiseanstalt geschlachtet wurden. Der Sohlachthaus - Director hat 
speciell auch diese Schweine am Tage der Schlachtung sowohl im lebenden als im todten 
Zustande untersucht und vollkommen frei von krankhaften Erscheinungen gefunden. 

Blut, Leber, Milz etc. dieser Thiere wurden alsbald zu Blut- und Leberwürsten ver¬ 
arbeitet, welche, wie auch das leicht abgesottene Kurzfleisch, frisch in der Speiseanstalt 
verzehrt wurden und vorzüglich mundeten. Das übrige Fleisch wurde sofort gesalzen. 
Hinsichtlich der Behandlungsweise der Schinken konnte ermittelt werden , dass selbige 
ca. 15 Tage im Pökel und dann 10 Tage im Rauch verweilten. 

Am 29. Januar 1886 kaufte der bereits genannte Bruder des Herrn Siegmund die 
Schinken des kleineren Schweines , welche je 4 kg. wogen und verschenkte sie an die 
ihm befreundeten Familien der Herren A. und B. Der erBtere 8chinken wurde innerhalb 
8 Wochen von den Familiengliedern theils roh, theils gekocht verspeist und schmeckte 
vortrefflich. Deo andern Schinken, der Anfangs Februar von Herrn und Frau B., sowie 
einigen Gästen fast zur Hälfte verzehrt wurde, fand Herr B. zu leicht geräuchert, wes¬ 
halb er ihn in den Küchenkamin brachte und ihn dort einige Wochen lang der wechseln¬ 
den und für die Conservirung von Fleisch durchaus ungeeigneten Temperatur des Küchen- 
feuers aussetzte. 

Während nun der Genuss des ganzen Fleisches der beiden Schweine bisher auch 
nicht die geringsten Nachtheile für die Consumenten im Gefolge hatte, veranlasst© der in 
vorstehender Weise hygieinisch misshandelte Rest des Schinkens die auf pag. 418, J. 
1887, geschilderten Erkrankungen und den Tod der Frau B. 

Der Rest des eingetrockneten, doch weder verfärbten ndch übelriechenden 8chinkens 
wurde Herrn Prof. Nencki zur Untersuchung zugeschickt, der, wie gemeldet, aus 250 gr. 
kein Ptomain zu isoliren vermochte und daraus folgert, dass die Vergiftungen unmöglich 
von einem löslichen Gifte herrühren können. Diesem Schlüsse würde man eine gewisse 
Berechtigung nicht absprechen können, wenn wir sicher wüssten, dass bei den Zersetzun¬ 
gen des Fleisches, die zur Bildung von Giften führen , stets die ganze Fleischmasse 
gleichraässig ergriffen und von den Ptomalnen durchsetzt wird. Aber gerade das Gegen- 
theil ist bekannt und es ist vielfach beobachtet worden, dass weit weniger voluminöse 
Fleischmassen als Schinken, z. B. Würste, sich nur an bestimmten Stellen giftig erwiesen, 
während andere Stellen derselben Würste ohne jede Schädigung der menschlichen Gesund¬ 
heit genossen werden konnten. Ueberträgt man diese Erfahrung auf den vorliegenden 
Fall, so handelte es sich in diesem um die untere Hälfte eines Schinkens d. h. um eine 
Fleischmasse, die zum grössten Theil durch Schwarte uud Fett vor dem Eindringen von 
Bacterien geschützt war und die während ihres anhaltenden Verweilens in der wechseln¬ 
den Temperatur und Atmosphäre eines Küohenkamins doch nur an der Schnittfläche 
günstige Bedingungen für eine Invasion von Bacterien bieten konnte. Dass aber an dieser 
Stelle und deren Nachbarschaft das Fleisch in der That einen nicht ungewöhnlichen Grad 
von Verderbniss, die schon nach Aussen erkennbar war, besessen haben muss, lässt sich 
ohne Weiteres daraus folgern, dass die Dienstboten den Genuss desselben verschmähten. 
Herr Nencki hat nur Fleisch aus den tiefem Schichten des Schinkens untersucht, das sehr 
wohl einen normalen Zustand zeigen konnte; sein Befund gestattet deshalb auch nicht 
den geringsten Schluss auf die Beschaffenheit desjenigen Fleisches, welches die Kata¬ 
strophe herbeigeführt hat. 

Die Untersuchungen des Herrn Tavel sind bei den ausserordentlichen Schwierigkeiten, 
mit denen die bacteriologische und experimentell-pathologische Diagnose des Milzbrandes 
unter Umständen zu kämpfen hat, viel zu mager und in ihren Ergebnissen zu trübe, als 
dass sie die Diagnose auf Milzbrand genügend rechtfertigen könnten. 

Zugegeben muss werden, dass es Herrn Tavel geglückt ist, eine ganze Anzahl von 


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61 


Todesfällen an seinen Versuchstbieren zu beobachten; von 18 Tbieren starben 10. 
Von diesen 10 Tbieren hat indessen nach des Experimentators eigenen Angaben die 
Hälfte notorisch nicht an Milzbrand gelitten. Wenig vertrauenerweckend ist sodann die 
Thatsache, dass die fünf Versuchsthiere, welche überhaupt an Milzbrand gelitten haben 
sollen, zu sehr verschiedenen Zeiten — 3, 4, 12, 14 und 32 Tage — nach der Einver¬ 
leibung des Impfmaterials verendeten und dass diese Zeiten sehr verschieden sind von 
den Fristen, die bei der Verimpfung abgeschwächten Milzbrandgiftes bis zum Eintritt des 
Todes gewöhnlich verstreichen , und welche nach den sehr zahlreichen und sorgfältigen 
Untersuchungen von Robert Koch , Gaffky und Löffler höchstens 6 Tage betragen. Auch der 
mioroscopische Befund bei den verendeten Thieren zeigt keine genaue Uebereinstimmung 
(vergl. 1. o.). Ganz besonders aber müssen wir betonen, dass Herr Tavel einfach bemerkt, 
Bacillen bei den fünf genannten Tbieren angetroffen zu haben, er beschreibt diese weder 
hinreichend genau, noch bringt er durch einwandsfreie Kultur- und Impfversuche mit 
Material seiner verendeten Versuchsthiere den Nachweis , dass die bei der Obduction 
gefundenen Bacillen mit den in den Gulturen enthaltenen identisch sind, d. h. dass zwi¬ 
schen dem Tod der Mäuse und der Impfung ein ursächlicher Zusammenhang besteht. 
Bei dieser Sachlage kann man selbst die Möglichkeit nicht als ausgeschlossen betrachten, 
dass nicht nur fünf, sondern alle zehn Versuchsthiere an nicht näher festgestellten Todes¬ 
ursachen verendeten und dass die Anwesenheit von Bacillen im Blute von fünf Thieren 
einen rein zufälligen Befund bildet. 

Vernimmt man aus Tavel s eigenem Munde: „Der Bectionsbefund war auch nicht 
immer der bei virulentem Milzbrände gewöhnliche. Die Milz war nicht immer so stark 
vergrössert, wie man es bei virulentem Milzbrand sieht, die Fäden hie und da im Milz¬ 
saft etwas spärlich und im Lungensaft reichlicher, währeod das Verhältnis gewöhnlich 
ein umgekehrtes ist etc. 0 , so muss man staunen über die Sicherheit, mit der Herr Tavel 
die Diagnose auf Milzbrand stellt. 

Und doch war hier ganz besondere Vorsicht am Platze, denn einmal lehrt die Ge¬ 
schichte an zahllosen Beispielen, dass gerade beim Milzbrände die Bacteriologie viel¬ 
fach auf Wege gerathen ist, die zu den schwersten Irrthümern geführt haben und 
dann auch spreohen im vorliegenden Falle alle Thatsachen dafür, dass das Schwein, 
von dem der verhängnissvolle Schinken stammte, nimmermehr an Milzbrand gelitten 
haben kann. a 

Schmidt verweist u. a. hier auf die Büchner' sehen Umzüchtungsversuche, die Fleisch¬ 
vergiftung in Lauterbach, die Bostr&m für Milzbrand erklärte, Johne aber diese Auffassung 
als irrthümlioh widerlegte, ferner auf Bordoni' s neueste Mittheilung über einen für Menschen 
und Thiere pathogenen, dem Milzbrandbacillus in Form und Wirkung ähnlichen Micro- 
organismus. 

„Alle diese Thatsaohen beweisen, dass es eine grosse Anzahl von Bacillen gibt, 
welche den Milzbrandbacillen in der Form ganz ausserordentlich gleichen und auch dem 
Milzbrand ähnliche Krankheitsprocesse erzeugen. 0 

Sch. gibt zu, dass Milzbrand beim Schweine vorkommt, doch ist das sehr selten 
und wie es scheint nur dann, wenn Schweine Blut oder Organe milzbrandiger Thiere 
(Rinder) verzehrt haben. Das betreffende Schwein aber stammte aus einer seuchenfreien 
Gegend, während des Eisenbahntransportes ist eine Infection kaum jemals gegeben und 
auf dem neu eingerichteten Basler Viehhof war noch kein Milsbrandfall vorgekommen, 
und überdies muss betont werdon, dass sich bei der mit der erforderlichen Sorgfalt aus- 
geführten Fleischbeschau weder zu Lebzeiten des betreffenden Thieres noch nach dessen 
Tode irgendwelche krankhafte Erscheinungen gezeigt hatten. 

„Wir sahen im Vorstehenden die Behauptung des Herrn Tavel weder durch die che¬ 
mischen, noch durch die bacteriologischen Befunde, noch durch die Erfahrungen der Thier- 
medicin irgend gestützt und betonen, dass die Taveteche Annahme auch nicht durch das 
Ergebniss einer pathologisch-anatomischen Untersuchung oder durch einen wohl charak- 
terisirten klinischen Befund irgend welche Begründung erfährt 

Unter solchen Verhältnissen von Milzbrand zn sprechen , müssen wir in Anbetracht 
der Tragweite eines solchen Ausspruches für die mit der Beaufsichtigung des Viehmarktes 
und die Ausübung des Schlachthausdienstes beauftragten SanitätBbeamten mindestens für 
leichtfertig erklären. 


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Fragen wir ans, wie denn das Basler Vorkommniss am ungezwungensten su deuten 
ist, so lautet unsere Antwort darauf: Die Basler Fleischvergiftung zählt su jenen Ptomain¬ 
vergiftungen , wie sie so häufig nach dem Genüsse mangelhaft behandelter Fleischcon- 
serven beobachtet werden. 

Dieser Auffassung steht das ganze Krankheitsbild , welches die Patienten zeigten, 
nicht entgegen, 1 ) sie wird aber vor allen Dingen gestützt durch die Thatsache, dass das 
gesammte übrige Fleisch des Schweines, von welchem der verhängnissvolle Schinken 
stammte , in keinerlei Weise die menschliche Gesundheit schädigte und dass auch der 
betreffende Schinken sich so lange völlig unschädlich zeigte, bis er duroh die hygieinische 
Misshandlung im Küchenkamine des B. seinen gesundheitsgefährlichen Charakter annahm.* 

So Schmidt - Mülheim. Ich selbst, seit 17 Jahren mit der Fleischchau im Basler 
8chlachthause betraut, wo alljährlich mehrere Tausend Rinder und Kleinviehstücke, lebend 
und todt von mir untersucht werden, darf mir gewiss ein maassgebendes Urtheil in Sachen 
Vieh- und Fleischschau erlauben. Speciell Milzbrand habe ich während meiner amtlichen 
Thätigkeit schon zu verschiedenen Maien bei Rindern und Kälbern constatirt in Fällen, 
wo andere Thierärzte dessen Vorhandensein nicht anerkennen wollten. Das hier in Frage 
kommende 8chwein habe ich aber (wie ich durch Zeugen beweisen kann) persönlich lebend 
und todt untersucht, ohne die mindeste patholog. Veränderung daran zu finden ; es war 
mir daher schon im ersten Augenblicke, als ich vom Tavetschen Befunde Kenntniss er¬ 
halten hatte, klar, dass derselbe nur auf Irrthum beruhen könne. 

Ein vollkommen entwickelter Milzbrand, und nur um einen solohen könnte es sich 
im vorliegenden Falle handeln, der keine macroscopisch erkennbaren pathologischen Ver¬ 
änderungen der Gewebe hervorruft, ist undenkbar und auch noch niemals , weder beim 
Menschen noch beim Thiere, constatirt worden. Es wäre zwar, gerade beim Schweine, 
sehr leicht möglich, dass nicht voll entwickelte Milzbranderscheinungen mit andern patho¬ 
logischen Veränderungen, wie z. B. mit der Schweineseuche oder auch der durch Miss¬ 
handlung auf der Reise entstandenen sog. Ueberhitzung verwechselt würden. In unserm 
Falle ist aber auch eine solche Verwechslung absolut ausgeschlossen, denn die oben ge¬ 
nannten krankhaften Zustände des Schweines, wie überhaupt alle, die allenfalls mit Milz¬ 
brand verwechselt werden könnten, zeigen ausnahmslos Hyperämie theils der Schwarte, 
theils des Unterhautbiudegewebes resp. des Speckes, theils innerer Eingeweide, wie der 
Leber, der Nieren und selbst der Milz. Solche Fälle kommen in der Basler Schlacht¬ 
anstalt alljährlich zu Hunderten vor, geben sehr oft Anlass zur microscopischen Blutunter¬ 
suchung und führen jeweilen mindestens zur amtlichen Confiscation sämmtlicher Einge¬ 
weide der betreffenden Thiere. In vorliegendem Falle konnte aber von all' Diesem keine 
Rede sein, weshalb ich auch das ganze Schwein mit sämmtlichen Eingeweiden anstandslos 
dem Consum übergab und zwar dem Consum durch eine Speiseanstalt, deren Verwal¬ 
tungsmitglied , mein eigener Bruder, mich um sorgfältige Auswahl durchaus schöner und 
gesunder Schweine gebeten hatte« (Ich hatte die Auswahl unter 46 Schweinen, die zwei 
Tage lang meiner Beobachtung unterstanden.) 

Wer daher irgend einen richtigen Begriff von practisch - wissenschaftlicher Fleisch¬ 
schau hat und eine natürliche Schlussfolgerung ziehen will, bedarf wohl keines Brütofens, 
um in dieser Sache das Richtige und Wahre zu finden. 

Sollte dagegen die Richtigkeit des Tavet sehen Befundes angenommen werden, d. h. 
wollte man annehmen, es könne eine so gefährliche Thierkrankheit, wie infectiöser Milz¬ 
brand , selbst durch einen auf der Höhe seines Berufes stehenden Fleischschauer, unter 
Umständen nicht erkannt werden, dann könnten die Sanitätsbehörden die für Fleischsobau 
auszugebenden Summen für Nützlicheres sparen und dürften sich die Metzger die arge 
Belästigung durch die amtliche Fleischuntersuchung verbeten, denn dann wäre die Ein¬ 
richtung der Fleischschau zwecklos. 

Dass dem nicht so ist, weise jeder Gebildete , wer aber daran zweifeln sollte, den 
kann ich durch das Confiscationsbuch der Basler Schlachtanstalt belehren. 

Basel. Siegmund . 

l ) Es ist Angesichts der Wichtigkeit dieses Falles höchst bedauerlich, dass die Autopsie der 
Frau B. verweigert wurde, obschon die Aerzte mit der Diagnose nicht im Klaren waren und Herr B, 
noch nicht genesen war. Sitgmund. 


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63 


W oohenbericht. 


Schweiz. 


Universitäten. 

Fr 

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Winter- 

semester 1887/88. 

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Aus andern 






Canton 

Cantonen 

Ausländer 

Summa 

Total 


M. 

w. 

M. 

w. 

M. 

W. 

M. 

W. 


Basel Winter 1887/88 

29 

— 

85 

— 

8 

— 

122 

— 

122 

Sommer 1887 

88 

— 

72 

— 

8 

— 

113 

— 

113 

Winter 1886/87 

26 

— 

95 

— 

10 

— 

131 

— 

181 

Sommer 1886 

25 

— 

84 

— 

12 

— 

121 

— 

121 

Bern Winter 1887/88 

58 

— 

94 

1 

32 

48 

184 

49 

233 *) 

Sommer 1887 

57 

— 

97 

1 

26 

81 

176 

32 

212 

Winter 1886/87 

55 

— 

100 

1 

30 

41 

186 

42 

227 

Sommer 1886 

58 

— 

80 

1 

40 

29 

173 

30 

203 

Genf Winter 1887/88 

20 

— 

66 

— 

35 

8 

121 

8 

129 ’) 

Sommer 1887 

22 

— 

58 

— 

35 

5 

110 

5 

115 

Winter 1886/87 

28 

— 

47 

— 

32 

5 

102 

5 

107 

Sommer 1886 

26 

— 

54 

— 

82 

7 

112 

7 

119 

LraSMIie Winter 1887/88 13 

— 

5 

1 

— 

— 

18 

1 

19 3 ) 

Sommer 1887 

14 

— 

6 

1 

1 

3 

21 

4 

25 

Winter 1886/87 

17 

— 

8 

1 

— 

3 

25 

4 

29 

Sommer 1886 

8 

— 

6 

— 

1 

1 

15 

1 

16 

Zürich Winter 1887/88 

65 

6 

109 

4 

47 

34 

221 

44 

265 <) 

Sommer 1887 

68 

8 

105 

4 

67 

25 

240 

87 

277 

Winter 1886/87 

70 

5 

88 

4 

47 

27 

206 

86 

241 

Sommer 1886 

52 

5 

85 

4 

46 

24 

183 

33 

216 


Total der Medicin-Btudirenden in der Schweis im Wintersemester 1887/88 = 768, 
davon 666 Schweizer. 

Ausserdem zählt l ) Bern 1 Anscnltant; *) Genf 16 Aaseultanten und 36 Schüler der zahnärzt¬ 
lichen Schale, meist Hörer in Medioin; *) Lausanne 5 Externes, worunter 2 Frauen; 4 ) Zürich 10 
Auditoren, worunter 2 Frauen. 

Ausland. 

— Abortive Behandlung der Gonorrhoe. Welander (Stockholm) empfiehlt ein Ver¬ 
fahren , das andern derartigen Empfehlungen gegenüber zum mindesten den Vorzug der 
„ratio ft hat und den Herren Collegen ruhig zur Prüfung empfohlen werden darf. Selbst¬ 
verständlich ist nur da ein Erfolg zu erwarten, wo der Tripper noch ganz frisch ist, zum 
mindesten sein 1. Stadium nicht überschritten hat. 

W. wäscht, nachdem der Patient Urin gelassen, den vordem Theil der Harnröhre 
mit einem Wattebäuschchen an einem Tamponträger mehrere Male energisch ab, bis 
einige Tröpfchen Blut sich zeigen. Nach Abtrocknung derselben wird die Harnröhre mit 
2°/ 0 Lapislösung tüchtig bepinselt; sodann spritzt man von derselben Höllensteinlösung in 
die Urethra und lässt sie einige Minuten darin verweilen. Auf die Weise hat W. in ver¬ 
schiedenen Fällen in kaum 8 Tagen vollkommene Heilung erzielt, was durch die Controle 
mit dem Microscop festgestellt wurde. (Monatshefte für pract. Dermatologie, 1887.) 

— Behandlung der gonorrhoischen Vaglnltls and Endometritis. Fritsch empfiehlt, 
die Patientin zu veranlassen, sich zweimal täglich liegend, auch während der Menstruation 
8cheidenausspülungen mit einer i°/ 0 igen 30° R. warmen Chlorzinklösung zu maohen. Ver¬ 
fasser verschreibt Chlorzink und Wasser zu gleichen Theilen und lässt von dieser Lösung 
20 gr. einem Liter Wasser zusetzen. Der Fluor hört nach kurzem Gebrauoh des Mittels 
gänzlich auf. 

Sind das Endometrium des Cervix und des Uteruskörpers mit ergriffen, so wird die 
Uterusinnenfläohe mit starken Chlorzinklösungen geätzt und ein Jodoformstäbchen mehr¬ 
mals eingelegt. — Gute Erfolge dieser Methode werden auch von anderer Seite bestätigt. 

(Ref. Therapeut Monatshefte 1887.) 

— Bei Coryza soll naoh Vigier eine Mischung von Amylum pulv,, Tct Benzoös und 
Acid. boric. zu gleichen Theilen von gutem Erfolg sein. 


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64 


— Sammelfersehang; Uber Syphilis and Ihre Behandlungsmethoden wird von einer 
an der 60. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte zu Wiesbaden 1887 ge¬ 
wählten Commission, deren Obmann Prof. Köbner io Berlin ist, ins Werk gesetct Die 
Herren Collegen und Vorstände von Krankenanstalten werden sur Mitarbeit eingeladen, 
ln zwei gegebenen Schemata sind die Hauptpunkte , auf die das Augenmerk der Unter¬ 
sucher gerichtet werden soll, notirt und man hofft mit Zugrundelegung der gleichen Grund- 
sätse bei der Untersuchung, durch Anregung methodischer Aufzeichnungen den bisherigen 
Fehlerquellen der klinischen und poliklinischen Statistik und der Unzulänglichkeit des 
publicirten Materials in qualitativer Hinsicht abzuhelfen und damit nicht nur einen Zu¬ 
wachs unserer wissenschaftlichen Erkenntniss, sondern auch einen therapeutischen Nutzen 
für die Kranken zu erzielen. 

Man hofft auf zahlreiche Mitwirkung erfahrener Collegen und die Commission wird 
sich auf einen später zu publicirendeo Termin das bis dahin aufgezeichnete Material 
erbeten. 

— (Jeher die Aethernnreose sprachen sich die Amerikaner Gerster und Packard aus. 
Behufs Vornahme kleiner Operationen brauche man nur einen mit diesem Anästheticun» 
getränkten Schwamm 1—2 Minuten dem Patienten vor die Nase zu halten, ln ganz kurzer 
Zeit tritt das Stadium der Insensibilität ein. In 2—3 Minuten ist alles vorüber, der 
Patient bleibt frei von jeder Gefahr und kann entlassen werden. 

Bei Nierenaffectionen soll die Aetheraowendung zu verbieten sein; dagegen sei Aether 
dem Chloroform vorzuziehen bei Abnahme der Herzenergie, bei Herzschwäche, bei grosser 
nervöser Aufgeregtheit und Furcht vor der Operation. 

Wir erinnern daran, dass J. L. Reverdin in Genf ausschliesslich Aether zur Narcose 
nimmt und wie aus Referaten (vide „Corr.-Blatt“, Sanitätscurse 1887) hervorgeht, damit 
sehr zufrieden ist 

Frankreich. Congress zur Förderung des Studiums der Tabercnlose findet 
vom 26.—31. Juli 1888 in Paris unter dem Präsidium von Chauveau statt. Es sollen fol¬ 
gende Fragen besonders discutirt werden : 

1. Gefahren bei Consumation von Fleisch und Milch tuberculöser Thiere. 

2. Empfänglichkeit verschiedener Menschen und Thierrassen für Tuberculose. 

3. Eingangspforten und VerbreitungBweise im Körper. Prophylaxe. 

4. Frühzeitige Diagnose. 

Andere Fragen, deren Studium angeregt wird, betreffen: die Heredität, directe Ueber- 
tragbarkeit, verschiedene Entwicklungsformen, Mischinfection, Therapie etc. 


Stand der Infeetiona-Krankheiten. 


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Zürich 
n. Aosscngcm. 


Bern 


Basel 


1 18. XII.-24. XII. 7 
26.X11.-81.XII. 4 

1. I.- 7. I. 1 

18. XII.-24.XII. 2 
26. XII.-31. XII. — 
26. XII.87-10.1.88 98 


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Unsere Scharlach - Epidemie nimmt immer noch zu; die 98 neuen Fälle vertheilen 
sich: Grossbasel 55, Kleinbasel 39, KleinhUningen 4. 32 Fälle betreffen Schüler der 

Primär- und Mittelschulen, 12 Fälle Kinder aus Kleinkinderschulen, von denen mehrere 
geschlossen wurden; 37 kracke Kinder besuchten noch gar keine Schule; 17 Fälle be— 
treffen Erwachsene. — Als Curiosum ist ein angezeigter Fall zu erwähnen, wo das gleiche 
Kind am 19. Dec. mit Mumps, am 25. Dec. mit Varicellen und am 26. Dec. mit Schar« 
lach erkrankte. Von den 28 angezeigten Diphtheriefällen sind gewiss einzelne auf Schar- 
lachinfection zurückzuführen. 


Schweighauser ische Buchdrnckerei. — B. Schwabe, Verlagsbuchhandlung in Basel. 


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Erscheint am 1. und 16. 


für 


jede« Monat«. 
Inserate 


Schweizer Aerzte. 


35 Cts. die gesp. Petitzeile. 


Herausgegeben von 


Preis des Jahrgangs 
Fr. 12. — für die Schweiz, 
Fr. 14.50 für das Ausland. 
Alle Postbnreanx nehmen 
Bestellungen entgegen. 


Dr. A. Baader und H>r. C. Garrfe, 
ln Buel. Dooent in Basel. 


N“ 3. XVIII. Jahrg. 1888. 1. Februar. 


Iah Alt: ItOriginalarbeiten: Dr. L. 0, Courvoieier: Ueber die Chirurgie der Gallenwege. — Fr. Schmidt Meteorolo¬ 
gisches aber die Winterstationen Andennalt, Davos und St. Beatenberg. (Schluss.) — Dr. L. Oelpke: Die Herniotomie in der 
Privatpraxia. — 2) Vereinsberichte: Medicinisch-phamaceutischer Bezirk »verein von Bern. — Gesellschaft der Aerete in 
Zürich. — 8) Referate und Kritiken: Dr. Oscar Liebreich und Dr. A. Langgaard: Compendium der Anneiverordnung. — 
Dr. Norström: Traitement des raideurs articnlaires (fausses aukyloses) au rooyen de la rectiflcation forede et du massage. — 
C. Butter: Grundriss der Chirurgie. — J. M. Da Costa: Handbuch der speciellen medidnischen Diagnostik. — 4) Cantonale 
Correspondenxen: Thurgau: Dr. med. Gottlieb Roth +. — Zürich: Zur Antisepsis. — 5) Wochenbericht: Rück¬ 
tritt des Herrn Prof. Dr. Frankenhäuser. — Quartalbnlletin des eidgen. Statist. Bureau über die Geburten und Sterbeftlle in 
den grösseren städtischen Gemeinden der Schweiz. — Zur Sublimatfrage. — Ruf des Prof. Naunyn nach Strassburg i. E. — 
Schulhygiene. — Locale Anästhesie. — Agaricin gegen .Schweins der Phthisiker. — Sorojodol. — 6) ln f ecti onskrank- 
beiten in Zürich, Bern und Basel. — 7) Bibliographisches. 


Original-Arbeiten. 

Ueber die Chirurgie der Gallenwege. 

Von Dr. L. 6. Courvoisier. 

Vortrag, gehalten in Olten den 29. October 1887. 

Bis vor Kurzem begnügte sich das chirurgische Können — beinahe darf man 
sagen : das chirurgische Wollen — angesichts der Erkrankungen des Gallensystems 
mit vereinzelten und schüchternen Eingriffen; mit Extraction von Gallensteinen 
aus spontan entstandenen Gallenblascnfisteln, die man etwa zuvor unblutig oder 
blutig erweitert batte; mit Incisionen in vereiterte und wohlweislich sicher mit 
der Bauchwand verlöthete Gallenblasen — kurzum mit Hülfeleistungen, welche 
höchstens schwierigen Abscesscröffuungen gleichkamen. Ein classisches Memoire 
von J. L. Petit , 1743 erschienen, gab specielle, wohldurchdachte Vorschriften für 
die Technik solcher Operationen und blieb mit den darin niedergelegten Grund¬ 
sätzen maassgebend für den folgenden Zeitraum von 120 Jahren, also bis in die 
neueste Zeit hinein. 

Freilich haben seither ab und zu weitblickende Experimentatoren — so Uerlin 
1767, Ccmpaignac 1826 — durch wohlinstituirte und theilweise gut gelungene Thier¬ 
versuche über Incision und Excision der Gallenblase den Anstoss zu geben ver¬ 
sucht zu einem kühneren Vorgehen der practischen Chirurgen. Ihre Arbeiten, 
ihre Erfolge blieben fast gänzlich unbeachtet. 

Sodann haben seit Ende letzten Jahrhunderts manche chirurgische Schriftsteller 
begonnen, laparotomische Operationen an der frei beweglichen Gallenblase wenig¬ 
stens in Erwägung zu ziehen. Aber keiner derselben konnte sich dabei auf per- 

ö 


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66 


sönliche Erfahrungen am Lebenden berufen. Und so tragen ihre Vorschläge allzu 
sehr das Gepräge des hinter dem Schreibtisch Ersonnenen. 

Der Umschwung von dem „dolce far niente“ früherer Zeit zu der wohl etwas 
fieberhaften Thätigkeit, welche wir jetzt auf diesem Gebiet beobachten, kam plötz¬ 
lich und zwar auf Grund der Wiedergeburt, welche die Peritonealchirurgie über¬ 
haupt mit der allgemeinen Einführung der Antisepsis erlebt hat. Denn diese 
glänzendste Errungenschaft unseres Zeitalters hat ja erst das Schreckgespenst 
zum Weichen gebracht, das noch unseres Gedenkens drohend am Bette jedes 
Laparotomirten gestanden und die besten ärztlichen Bemühungen vereitelt hat: die 
septische Peritonitis. 

Immerhin ist interessant, dass die erste mittelst Bauchschnittes im engem Sinn 
ausgeführte Gallenblasenoperation noch der vorantiseptischen Aera angehört. 1867 
nämlich eröffnete der sonst kaum bekannte Amerikaner Bobbs bei einem nicht ge¬ 
nauer diagnosticirten Tumor die Bauchhöhle, entdeckte, dass es sich um die er¬ 
weiterte Gallenblase handle, incidirte diese, entleerte aus ihr ca. 50 Steine, nähte 
sie offen in die Bauchwunde ein und hatte das Glück, die Patientin dauernd von 
ihrem Leiden zu befreien. 

Das also war die Erstlingsprobe einer Methode , die seither in zahlreichen 
Fällen sich bewährt hat. Wir nennen sie den G a 11 en b 1 as e n s c hn i 11, in 
wörtlicher Uebersetzung nach Sims: Cholecystotomie, oder, wenn damit die 
Entfernung von Concrementen verbunden wird, nach Ransohoff: Cholelithec- 
t o m i e. 

Vor 3 Jahren waren erst 10 solche Operationen gemacht, davon 2 auf 
Schweizerboden (die dritte von Kocher , die zehnte von m i r). Seither sind, soweit 
ich die einschlägige Literatur kenne, neu hinzugekommen 62. 

Am häufigsten operirt hat Lawson Taif in Birmingham, nämlich 30 Mal. Dann 
folgen: Bardenheuer mit 5, Keen mit 4, Parkes mit 3, Robson , Küster und ich mit 
je 2, endlich 24 andere Chirurgen mit ebenso viel einzelnen Fällen. 

Indication gab immer Cholelithiasis mit ihren Folgezuständen, Hydrops, Em¬ 
pyem der Gallenblase u. dergl.; 2 Mal bestand Complication mit Carcinom der 
Leberpforte. 

Gestorben sind von den 72 Operirten direct in Folge des Eingriffs 14. Das 
gibt, wenn wir hier überhaupt schon in Procenten rechnen , eine Mortalität von 
20%« Sie werden mit mir finden, dass das viel zu viel sei und dass es so nicht 
weiter gehen dürfte. Aber die Statistik zeigt in diesem Punkt bedeutende Un¬ 
gleichheiten auf: Wenn Tait auf seine 30 Fälle nur 1, Bardenheuer auf 5 nicht 1, 
Keen dagegen auf 4 : 3 und Parkes auf 3 : 2 tödtliche Ausgänge beklagt, so kann 
man sich hier der Vermuthung nicht erwehren , dass die zwei Erstgenannten in 
mancher Beziehung vorsichtiger operirt haben dürften, als die zwei Letztgenannten. 
— Ferner stellt sich heraus, dass von den 14 Todesfällen 6 durch Complicationen 
bedingt waren, weiche zu vermeiden gewesen wären, nämlich 5 durch Peritonitis, 
1 durch Nachblutung. 

Hinsichtlich der Technik sind 2 Hauptverfabren der Cholecys totomie 
zu erwähnen. Aelter, am meisten angewandt, von einzelnen Chirurgen ausschliess- 


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67 


lieh befolgt ist da 9 , was Tait die „natürliche“ Cholecystotomie nennt. Der 
Name ist nicht glücklich gewählt, insofern als mit der Operation ziemlich un¬ 
natürliche Verhältnisse geschaffen werden. Dieselbe gipfelt nämlich mit der Ein- 
nähung der offenen Gallenblase in die Bauchwunde, also in der Herstellung einer 
Gallenblasen-Bauchfistel. Sie kann ein zeitig oder zweizeitig ausgeführt 
werden. Im letzteren Fall wird in einer ersten Sitzung die Blase mit der Bauch- 
wand durch einen Kranz von Serosa-Näbten vereinigt, in einer zweiten Sitzung 
etwa 8 Tage später, wenn man annebmen darf, dass genügende Adhäsionen sich 
gebildet haben, incidirt und entleert man die Blase. Die zweizeitige Modification 
ist bis jetzt 7 Mal zur Anwendung gekommen , zuerst 1878 durch Kocher . Ein¬ 
zeitige und zweizeitige Operation machen sich übrigens einstweilen den Rang noch 
streitig. Jede hat ihre Vorzüge und Nachtheile. Entschieden ist hier noch nichts. 

Der „natürlichen“ Cholecystotomie steht gegenüber die von Bemaye so genannte 
„ideale“. Sie endet mit der Naht und Versenkung der eröffneten Gallenblase, 
vermeidet eine Gallenblasenfistel und stellt somit viel „natürlichere“ Verhältnisse her, 
als die „natürliche“ Cystotomie. Immerhin passt sie, wie bald soll gezeigt werden, 
nur für besondere Zustände. Sie ist bis jetzt 8 Mal ausgeführt, 4 Mal mit tödt- 
lichem Ausgang. Daraus zu schliessen, die Operation sei überhaupt allzu gefähr¬ 
lich, wäre aber voreilig. Denn die 4 Todesfälle waren bedingt durch Complica- 
tionen, welche bei jeder andern Laparotomie immer noch Vorkommen, nämlich je 
2 Mal durch Peritonitis und Collaps. 

Ehe wir die Cholecystotomie verlassen, sei rasch zweier Fälle (von Länderer 
1884 und Thomlon 1887) gedacht, wo besonderer Umstände wegen der Zugang zu 
Gallenconcrementen durch dicke Lebersubstanz mit Thermocauter oder Messer 
gebahnt und Heilung erzielt wurde. Wir müssten solche Operationen somit als 
Hepatotomie bezeichnen. 

Kehren wir jetzt zu den Anfängen der modernen Gallenblasenchirurgie zurück, 
so stossen wir neben der Cholecystotomie 1882 auf 2 ebenso neue, wie originelle 
Methoden. 

Nusebaum hatte einst geäussert, bei permanentem Verschluss des Choledochus 
könnte man der gestauten Galle Abfluss verschaffen und sie doch der Verdauung 
erhalten, wenn man zwischen Gallenblase und Dünndarm einen künstlichen Ver¬ 
bindungsweg herstelle. — Diesen Gedanken hat Winiwarter zuerst aufgegriffen und 
in einem entsprechenden Fall verwirklicht. Allerdings bedurfte es nicht weniger 
als 6 verschiedener Laparotomien während der Jahre 1880 uud 1881, um das von 
Arzt und Patient mit gleich unerbittlicher Beharrlichkeit verfolgte Ziel zu erreichen. 
Der Enderfolg war aber in der That: dass die bisher vom Darm ganz abgesperrte 
Galle auf dem neuen Weg durch den Cysticus in die Gallenblase und aus dieser 
durch eine Fistelöffnung in eine Ileumschiinge sich ergoss. Patient erlangte wieder 
normale Verdauung. 

Eine solche Operation ist als Gallenblasen-Darm-Fistelbildung 
oder Cholecysto-Enterostomie zu bezeichnen. Sie ist seit Winiwarter erst 
ein Mal wieder ausgeführt. Wir Alle haben mit höchstem Interesse kürzlich in 
unserm Correspondenz-Blatt den prächtigen Fall von Kappeier gelesen. Der Fa- 


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68 


tient litt längst an Erscheinungen vollständigsten Choledochusverschlusses, der, 
wie die Laparotomie lehrte, durch einen Tumor der Porta verursacht war. Es 
gelang in einer Sitzung eine gut functionirende Gallenblasen-Dünndarm-Fistel an¬ 
zulegen. 

Die zweite Neuerung des Jahres 1882 ist ein erster Fall von Gallenblase n- 
Exstirpation, ausgeführt am 15. Juli durch Langenbuch in Berlin. Bei der äus- 
serst heftigen, hartnäckig allen andern Mitteln trotzenden Cholelithiasis war nur 
noch von Entfernung der kranken Gallenblase Heilung zu erwarten. Diese gelang 
auch vollkommen und auf die Dauer. 

Langenbuch taufte die Operation passend: Cholecy.st-Ectomic. Sie ist 
bis jetzt 26 Mal ausgeführt und zwar nicht weniger als 12 Mal von ihrem Erfinder, 
6. Mal von schweizerischen Operateuren (nämlich je 2 Mal von Socin , Krönlein und 
mir), ausserdem 2 Mal von Thiriar in Brüssel und 6 Mal von ebenso viel andern 
Chirurgen. 

Anlass dazu gab 24 Mal Cholelithiasis mit ihren Folgen, 1 Mal, im Fall von 
Dixon , Ruptur der Gallenblase, 1 Mal, im Fall von Bardenheuer , Krebs der Gallen¬ 
blase. 

Von den 26 Operirten sind direct dem Eingriff erlegen 7; 2 durch Collaps, 
einer durch Peritonitis in Folge von Perforation eines im Choledochus zurück¬ 
gelassenen Steins, einer (der Patient von Dixon) angeblich durch Nephritis, die 3 
letzten durch Gallenerguss in die Bauchhöhle und Peritonitis. 

Ich vermeide hier absichtlich, auf eine Menge von Fragen cinzutreten, welche 
sich an die Exstirpation der Gallenblase knüpfen, ihre Erledigung aber besser vor 
einem speciell chirurgischen Forum finden. 

Wohl aber sei die wichtigste Frage berührt, welche zu entscheiden bleibt: 
nämlich die, ob die Gallenblaso einfach entbehrlich, also schadlos exstirpirbar sei 
oder nicht. Man bat hier im Sinne der Entbehrlichkeit argumentiren wollen mit 
gewissen Wirbelthieren, denen die Gallenblase überhaupt fehlt, mit Menschen, 
welche diesen gleichen Defect angeboren aufwiesen oder durch Krankheiten ihrer 
Gallenblase verlustig gegangen waren. Das sind aber keine vollgültigen Beweise. 
Streng beweisend sind überhaupt nur Beobachtungen an Menschen,* die operativ 
ihrer Gallenblase beraubt worden sind. Da kann ich nun sagen, dass meine beiden 
1884 und Mitte Sommers 1886 Cholecystectomirten sich einer Verdauung erfreuen, 
welche sich von derjenigen vieler Gesunden kaum unterscheidet. — Trotzdem 
wird man die Operation auf Notbfälle versparen. Davon noch ein paar Worte 
später 1 

Wenden wir uns noch zu einer letzten Operation am Gallensystem. 

Die Logik erfordert, dass wenn ein Stein einen Gallengang verstopft, man in 
erster Linie das Hinderniss selber wegschaffe, eingreifendere Maassregeln aber 
erst anwende, wenn jenes nicht gelingt. In diesem Sinn hat 1886 Laweon Tait die 
Hoffnung ausgesprochen, dass es gelegentlich wohl möglich sein dürfte, obstruirende 
Concremente in situ durch die Canal wände hindurch zu zerquetschen und so ihr 
Abgehen in kleinen Trümmereben herbeizuführen. 

Diese Idee hat zuerst Langenbuch realisirt In einem Fall von permanentem 


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69 


Verschluss des Choledochus zerdrückte er mit passendem Instrument auf die an¬ 
gegebene* Weise den festsitzenden Stein. Nachher exstirpirte er noch die stein¬ 
haltige Gallenblase. Zum Beweis für die erreichte Wegsamkeit des Gallengangs 
erbrach die Kranke nach der Operation gallig. Leider erlag sie der letztem bald 
im Collaps. 

Eine solche Gallenstein Zertrümmerung oder Cholelithothripsie 
hatte ich selbst Gelegenheit unter ähnlichen Umständen, nur mit mehr Glück aus¬ 
zuführen. Der wissenschaftlich und practiscb gleich interessante Fall soll bald 
veröffentlicht werden. Hier sei nur bemerkt, dass es mit den grössten Schwierig¬ 
keiten gelang, den voluminösesten und am meisten darmwärts gelegenen von 5 
Steinen im sehr erweiterten Choledochus mit gepolsterter Zange zu zermalmen, 
dass der Patient dadurch von verschiedenen heftigen Beschwerden befreit wurde 
und dass, als er kürzlich — ein Jahr nach jener Operation — secirt wurde, nicht 
ein einziges Concrement mehr bei ihm zu finden war. — Damit ist der Beweis 
erbracht für die Ausführbarkeit und den vollen Erfolg eines Verfahrens, das, weil 
an sich wohl gefahrlos, vielleicht dazu bestimmt ist, mehr als eine Cbolecystotomie 
oder gar Cholecystectomie zu ersetzen. 


Bleiben wir noch einen Augenblick bei den Indicationen zu den verschie¬ 
denen Operationen stehen! Mit wenig Ausnahmen werden diese Indicationen ge¬ 
geben sein durch die Gallensteinkrankheit und ihre Folgezustände. Ich 
kann es Ihnen und mir ersparen, hier die Beschwerden und Gefahren aufzuzählen, 
welche der einzelne und namentlich der wiederholte Anfall oder gar das jahre¬ 
lang hingezogene Siechthum bei Cholelithiasis mit sich bringen kann. Im Allge¬ 
meinen wohl unschuldiger Natur, macht das Leiden doch zuweilen geradezu be- 
rufsunfähig und bedroht auch nicht selten und auf mannigfache Weise direct das 
Leben. 

Construiren wir uns ein paar solcher — selbstverständlich als schwer anzu¬ 
nehmender — Fälle; zuerst einen der am häufigsten zu beobachtenden: Ein 
Concrement bleibt im Ductus cysticus stecken. Hinter ihm ent¬ 
steht Hydrops oder Empyem der Gallenblase. Hier dürfte wohl in erster Linie 
die Litho thripsie durch die Cysticuswand zu versuchen sein. Gelingt das 
nicht, so kann zunächst palliativ geholfen werden durch Cbolecystotomie, 
welche die Gallenblase entleert. Aber vielleicht sogar definitiv. Denn mehrmals 
war es schon möglich, von der eröffneten Blase aus den obstruirenden Stein aus 
dem Cysticus, sei’s in toto, sei’s in Stücken, zu extrahiren. In einem solchen Fall 
kann man die Gallenblase vernähen und versenken, also die Cbolecystotomie 
als ideale vollenden. 

Ist das Hinderniss im Cysticus nicht zu beseitigen, dann ist TaiC 8 natürliche 
Cbolecystotomie angezeigt, d. h. die Einnähung der jetzt überflüssig gewor¬ 
denen Gallenblase in die Bauchwand, also Anlegung einer Gallenblasen-Baucbfistel 
— oder man kann die Exstirpation der Gallenblase erwägen, welche die 
Heilungsdauer wesentlich abkürzen wird. Dass die Cholecystectomie auch berech- 


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70 


tigt sei bei offenem Cysticus, wenn die Gallenblase hochgradig alterirt ist, wurde 
früher schon angedeutet. 

Setzen wir einen weitern, in der Praxis auch nicht seltenen Fall: vollstän¬ 
dige und andauernde Verlegung des Choledochus mit allen Folgen 
der Gallenstauung. Ist das betreffende Hinderniss ein Stein, so dürfte auch hier 
vor Allem die Lithothripsie zu versuchen sein. Schlägt sie fehl, oder beruht die 
Obstruction auf narbiger Verwachsung — dann ist zweifellos indicirt die An- 
legung der Gallenblasen-Darmfistel. Denn eine Cholecystotomie nach 
Tait z. B. würde, wenn sie auch die Gallenstauung aufliöbe, doch gleichzeitig 
den vollständigen Abfluss der Galle nach Aussen berbcifübren. Und ob der 
Organismus auf die Dauer der Galle gänzlich entbehren kann, wie von ge¬ 
wisser Seite behauptet wird, das bleibt noch zu beweisen. Nach den Erfahrungen 
an Gallenfistel-Thieren wenigstens dürfte a priori eher das Gegentheil anzu¬ 
nehmen sein. 

Stellen wir uns noch eine Möglichkeit vor, welche bei Cbolelithiasis bekannt¬ 
lich öfters auftritt: acute ulcerative Perforation eines Gallengangs 
durch einen Stein; als Folge davon Bildung eines Abscesses oder beginnende 
eitrige Peritonitis. Heutzutage dürften wir einen solchen Patienten nicht mehr 
seinem Schicksal, d. h. dem fast sichern Tod überlassen. Vielmehr scheint mir 
folgender Versuch zu seiner Rettung geboten: Bauchschnitt, Aufsuchen der Per¬ 
forationsstelle. Ist sie am Ductus cysticus, dann Ligatur seines peripherischen 
Theils und nachfolgende Exstirpation der Gallenblase. Ist sie am Choledochus, 
dann Doppelligatur desselben peripherisch und central von dem Durchbruch und 
nachfolgende Anlegung der Gallenblasen-Darmfistel. 

Ausnahmsweise können neben Cholelithiasis noch chirurgische Eingriffe am 
Gallensystem veranlassen : Verletzungen. Sie sind sehr selten. Daraus erklärt 
sich wohl, dass bis heute erst ein Mal in einem traumatischen Fall operirt worden 
ist, nämlich in dem vorhin erwähnten von Dixon. Dort musste wegen weitgehen¬ 
der Ruptur die Gallenblase excidirt werden. In einem weniger schlimmen Fall 
könnte wohl auch die Nabt der Wunde genügen. — 

Bei Ruptur der Gallengänge hätte man in gleicher Weise zu verfahren, wie 
bei ihrer ulcerativen Perforation. 

Endlich wäre noch der Störungen der Gallenabfuhr durch Neubildungen 
zu gedenken. Meist sind das Carcinome der Porta, des Ligamentum hepato-duo- 
denale, ausgegangen von Pylorus oder Pancreaskopf. Hier kommt als Palliativum 
die C h o 1 ecy st o - En te r o st o m i e nach Kappeier in Betracht. 

Geschwülste der Gallenblase sind ebenfalls gewöhnlich krebsig, greifen aber 
rasch auf die Lebermasse über. Es ist also wenig Aussicht vorhanden auf häufi¬ 
gere Operationen in solchen Fällen. Bis jetzt ist erst ein Mal von Bardenheuer 
operirt. Die Patientin starb am Herzschlag. Der Fall ist leider noch nirgends 
ausführlich mitgetheilt. 

Ich selber habe bei einer Frau , die früher sicher an Gallensteinen gelitten 
hatte und nun mit beträchtlichem Gallenblasentumor in meine Behandlung trat, 
die Probelaparotomie gemacht, es aber bei dieser bewenden lassen müssen, weil 


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71 


sich die Erkrankung als sehr diffuses Neoplasma erwies. Die Section bestätigte 
einige Monate später die Annahme eines primären Gallenblasenkrebses. 

Durch die kurze und — wie ich gern zugebe — auch lückenhafte Uebersicht 
hoffe ich immerhin Ihr Interesse an der Gallenblasenchirurgie geweckt oder, wo 
es schon vorhanden war, vermehrt zu haben. Dieses Interesse verdient sie wie 
alles in der Entwicklung Begriffene; und selbst an ihr mitzuarbeiten, erscheint mir 
als eine lohnende Aufgabe, nicht etwa trotzdem, sondern gerade weil an ihr 
Manches noch aufzuklären und zu verbessern ist. 

Uebrigens bin ich weit entfernt davon, mit einem amerikanischen Operateur 
ohne Weiteres erklären zu wollen: „Die Erkrankungen des Gallensystems gehören 
dem Chirurgen.“ Darüber mag eine spätere Zukunft entscheiden! Einstweilen 
dürfen wir auf Grund der vorliegenden Erfahrungen nur das behaupten, dass eine 
Anzahl schwerer Fälle von solchen Erkrankungen, gegen welche jede medicamen- 
töse Therapie sich machtlos erweist, ein Gebiet darstellt, auf welchem die Chi¬ 
rurgie immer noch schöne Erfolge erzielen kann. Weiter zu gehen, muss als An- 
massung erscheinen. Wir haben hier nicht als Gallensteinschneider, sondern als 
Aerzte zu urtheilen und zu bandeln. Vor Allem thun uns sichere Diagnosen Noth. 
Wer selber schon mehrere derartige Operationen ausgeführt hat, weiss wohl, 
welche Ueberraschungen man in dieser Beziehung erleben kann. Das lehrt Be¬ 
scheidenheit und spornt an zu immer gewissenhafterer Benützung aller zu Gebote 
stehender Hülfsmittel der Krankenuntersuchung. 

Losgelöst vom immergrünen und lebenskräftigen Baum der allgemeinen medi- 
cinischen Wissenschaft müsste das jetzt noch schwache und schwankende Reis der 
Gallenblasenchirurgie gar bald verkümmern; fest mit ihm verbunden, aus welchem 
allein es gesunde Nahrung ziehen kann, muss es ebenso sicher und rasch zum 
fruchtreichen Zweig erstarken. 


Meteorologisches 

Ober die Winterstationen Andermatt, Davos und St. Beatenberg. 

Von Fr. Schmid, Arzt in Luzern. 

(Schloss.) 

Wir gehen zu einem zweiten wichtigen meteorologischen Element über, zu 
den Windverhältnissen unserer 3 Stationen. 

Wenn wir hier, wie wir es auch bei den Temperaturen gethan haben, eine 
Zusammenzählung sämmtlicher Daten vornehmen , so unterläuft dabei eine kleine 
Ungleichheit, deren Ursache darin liegt, dass die Methode der Windnotirung im 
Jahre 1881 eine verschiedene war von den vorhergehenden 4 Jahren. Im Jahre 
1881 wurde nämlich bei den Windaufzeichnungen nur die Windrichtung, nicht 
aber auch die Intensität berücksichtigt, während in den vorausgebenden Jahren 
zugleich auch die Intensität, nämlich 0 als Calme und 1—4 als Grade der 
Windstärke eingetragen wurde. Ueberall bedeutet in den nachfolgenden Ta¬ 
bellen die Ziffer der Calmen die Anzahl der Beobachtungen von Windstille. Des- 


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72 


gleichen entsprechen im Jahre 1881 die den verschiedenen Windrichtungen bei¬ 
gegebenen Zahlen nur der Häufigkeit dieser Windrichtungen, nicht aber der 
Intensität derselben, währenddem in den Jahren 1877/80 die den Windrichtungen 
beigefügten Zahlen nicht etwa blos die Anzahl der Beobachtungen dieser Wind¬ 
richtung, sondern gleichzeitig die Summe der Intensitätsgrade aller Beobachtungen 
dieser Windrichtung angeben. Wenn wir in unsern Berechnungen diesen letztem 
Modus angewendet haben, so geschah es aus dem Grunde, dass bei Beurtbeilung 
eines Curortes nicht so sehr die Windrichtung als besonders die Heftigkeit 
gewisser Winde von Bedeutung ist. Es ist übrigens fast selbstverständlich, dass eine 
Windrichtung häufig sein muss, wann die Summe der Intensitätsgrade eine hohe ist. 

Es würde zu viel Raum beanspruchen und zugleich dem Leser, der seine 
Geduld daran vergeuden wollte, wenig fruchtbringend sein, wenn wir die Zahlen 
8ämmtlicher 30 Monate, die wir in Rücksicht gezogen, mittheilen wollten. Es 
dürfte genügen, die Durcbscbnittswerthe der einzelnen Jahrgänge hier an¬ 
zuführen. Wir erhalten dabei folgende Tabelle. 


Andermatt. 


Winter 

Calm. 

N. 

NE. 

E. i) 

SE. 

s. 

SW. 

w. 

NW. 

1877 

347 

104 

27 

2 

10 

9 

111 

15 

9 

1878 

362 

87 

19 

6 

19 

8 

73 

37 

17 

1879 

433 

55 

2 

1 

2 

31 

16 

22 

22 

1880 

443 

49 

8 

1 

2 

5 

27 

44 

5 

1881 

898 

54 

6 

2 

— 

1 

21 

47 

17 

Total 1877/81 

1983 

349 

62 

12 

33 

54 

248 

165 

70 

Durchschnitt per 

Winterhalbjahr 398,6 

69,8 

12,4 

2,4 

6,6 

10,8 

49,8 

38,0 

14,0 

Winter 

Calm. 

N. 

NE. 

Davos. 

E. SE. 

3. 

SW. 

W. 

NW. 

1877 

228 

11 

245 

111 

4 

7 

67 

1 

2 

1878 

159 

11 

208 

162 

21 

24 

88 

2 

6 

1879 

321 

— 

26 

132 

51 

10 

64 

2 

— 

1880 

484 

— 

4 

42 

8 

3 

17 

2 

— 

1881 

430 

— 

1 

67 

14 

1 

31 

2 

— 

Total 1877/81 

1622 

22 

484 

514 

98 

45 

267 

9 

8 

Durchschnitt per 

Winterhalbjahr 324,4 

4,4 

96,8 

102.8 

19,6 

9,0 

53,4 

1,8 

1,6 

Winter 

Calm. 

N. 

Beaten 
NE. E. 

borg. 

SE. 

S. 

8W. 

W. 

NW. 

1877 

15 

1 

2 

5 

61 

77 

31 

24 

402 

1878 

13 

1 

2 

4 

45 

73 

41 

20 

387 

1879 

7 

— 

4 

3 

61 

72 

40 

9 

399 

1880 

9 

1 

3 

1 

107 

59 

8 

11 

885 

1881 

25 

1 

2 

3 

63 

76 

11 

2 

368 

Total 1877/81 

69 

4 

13 

16 

337 

357 

131 

66 

1936 

Durchschnitt per 

Winterhalbjahr 

13,8 

0,8 

2,6 

8,2 

67,4 

71,4 

26,2 

13,2 

387,2 


Bei Beurtbeilung eines Curortes nach den Windverhältnissen wird man einer¬ 
seits das Augenmerk auf die Intensität der Winde überhaupt oder, besser gesagt, 
auf die Häufigkeit der Calmen , andererseits auf die Windrichtungen lenken 
müssen. 


l ) E. ist die officielle meteorol. Beseichnung für Ost. D. Verf. 


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73 


Es geht aus vorstehenden Tabellen sofort hervor, dass Beatenberg weit¬ 
aus am meisten Wind hat, dass die windstillen Tage geradezu eine ausserordent¬ 
liche Seltenheit sind, indem es bei 2733 Beobachtungen nur 69 Mal Windstille 
verzeigt, wonach annähernd in ßeatenberg auf 40 Beobachtungen eine 
einzige Calme verzeichnet wäre. Andermatt hat t / b weniger Wind 
als Davos, indem es mit seinen 1983 Calmen um 361 über Davos (1622) steht. 
An letzterem Orte betragen die Calmen 3 /s der Beobachtungen, in Andermatt aber 
beinahe V 4 . 

Es hat jeder Ort 2 Hauptwindrichtungen in ziemlich entgegengesetzter Direc- 
tion, nämlich eine nördliche (NW. bis E.) und eine südliche (SE. bis SW.). Von 
der ersteren Qualität hat Beatenberg 1639 NW., Davos als NE. und E. zusammen 
997, Andermatt dagegen nur 349 als N. Von südlichen Luftströmungen hat 
Beaten berg eine extensivere Vertbeilung, nämlich von SE. bis SW. zusammen 
825, Andermatt als SW. und W. im ganzen 413, währenddem D a v o s blos 267 
SW. hat. Wir würden es nicht als richtig erachten, wollte man auf die Namen 
der einzelnen nördlichen oder südlichen Windrichtungen zu grosses Gewicht legen. 
Der gleiche Wolkenzug kann über mehrere Punkte hinwegziehen, und trotzdem 
zeigt die Windfahne der Beobachtungsorte verschiedene Richtung. Es hängt 
das von ganz localen Umständen ab. Ein treffendes Beispiel können wir aus dem 
Urserenthale citiren. In Andermatt ist von nördlichen Windrichtungen fast 
nur der reine N. verzeichnet, aus dem einfachen Grunde, weil einem östlichen 
oder nordöstlichen Wolkenzug dort kein Wind von derselben Richtung entsprechen 
kann, da die Oberalp entgegensteht; es muss daher ein von Osten oder Nordosten 
herkommender Wind seine Richtung um den Berg herum nehmen, und weht vom 
sogenannten Urnerloch her als Nord gegen das Dorf hin, während der ganz gleiche 
Wind in Hospenthal (V* Stunde entfernt) als NE. und in Realp (l 1 /* Stunden) als 
E. auftritt. 

Die oben nach den Jahren aufgestellte Windtabelle leitet uns betreffend Davos 
noch auf einige Auffälligkeiten hin, die wir kurz erwähnen müssen. Während dort 
nur vereinzelte Male bis zum Sommer 1879 die monatlichen ’) Calmen die Ziffer 
40 erreichten, einmal sogar auf 6 (März 1878) zurückblieben, der NE. aber und 
auch der E. häufig 40, 50 und sogar 60 aufweist, steigt mit einem Male vom 
Sommer 1879 an die Zahl der Windstillen auf 70 und 80, und ergibt nur einmal 
blos 60, während in noch grösserem Verhältniss der NE. nachlässt, so dass er in 
6 Wintermonaten des Jahres 1880 zusammen nur die Ziffer 4, und während der 
gleichen Zeit 1881 sogar nur 1 erreicht, gegenüber 245 und 208 in den Wintern 
von 1877 und 1878. In ähnlichem , wenn auch nicht so auffälligem Verhältnisse 
hat der E. abgenommen. Es ist mir nicht möglich, diese so auffälligen Erschei¬ 
nungen zu erklären. Ob das Klima von Davos betreffend Wind so colossal wech¬ 
selnd ist, oder ob die Windfahne versetzt worden, ist mir unbekannt. Der Be¬ 
obachter ist der gleiche geblieben. In Andermatt und Beatenberg sind die Zahlen- 


*) Das Einfügen einer Tabelle sftmmtlicher Monate der 5 Winterhalbjahre würde zu viel Raum 
in Anspruch nehmen, und überdies wenig lohnend sein. Der Verf. 


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74 


Verhältnisse dieser Periode, wenn sich auch einigermaassen zu Gunsten der letzten 
Jahre gestaltend, doch im Allgemeinen die gleichen geblieben. 

Ueber die Zahl der Nebeltage gibt folgende tabellarische Zusammenstellung 
Aufschluss: 

Andermatt. 



1877 

1878 

1879 

1880 

1881 

Total 

Durchschnitt 

Januar 

— 

— 

— 

1 

1 

2 

0,4 

Februar 

3 

2 

— 

3 

1 

9 

1,8 

März 

2 

1 

2 

2 

3 

10 

2,0 

October 

7 

l 

4 

7 

16 

35 

7,0 

November 

— 

1 

1 

6 

2 

10 

2,0 

December 

5 

1 

2 

3 

9 

20 

4,0 

Total 

17 

6 

9 

22 

82 

86 


Durchschnitt 

2,83 

1,00 

1,50 

D 

3,67 

a v o s. 

5,33 


2,87 


1877 

1878 

1879 

1880 

1881 

Total 

Durchschnitt 

Januar 

— 

— 

3 

_ 

6 

9 

1,8 

Februar 

1 

1 

3 

1 

2 

8 

1.« 

März 

— 

— 

1 

— 

4 

5 

1,° 

October 

1 

3 

5 

6 

8 

23 

4,6 

November 

— 

1 

1 

7 

1 

10 

2,0 

December 

3 

2 

3 

3 

l 

12 

2,4 

Total 

5 

7 

16 

17 

22 

67 


Durchschnitt 

0,83 

1,17 

2,67 2,83 

Beatenberg. 

3,67 


2,23 


1877 

1878 

1879 

1880 

1881 

Total 

Durchschnitt 

Januar 

6 

9 

11 

10 

14 

60 

10,0 

Februar 

9 

2 

11 

2 

4 

28 

6,6 

März 

14 

12 

4 

2 

7 

39 

7,8 

October 

9 

2 

6 

6 

13 

36 

7,2 

November 

7 

11 

11 

12 

5 

46 

9,2 

December 

16 

12 

13 

3 

11 

65 

11,0 

Total 

61 

48 

56 

85 

54 

254 


Durchschnitt 

10,17 

8,00 

9,33 

5,83 

9,00 


8,47 


Wir sehen daraus, dass das Resultat für Beatenberg, wir glauben sagen 
zu müssen, ein sehr ungünstiges ist, um so ungünstiger, als die höchsten Zahlen 
55 und 50 auf December und Januar fallen, welche Monate für Wintercuren be¬ 
sonders in Betracht kommen. Wir wollen übrigens anerkennen , dass die gefun¬ 
denen Zahlen nicht immer eigentliche Nebeltage bedeuten, sondern dass theilweise 
nur das Vorüberziehen der aufsteigenden Nebel, die sich im Winter sehr häufig 
auf dem in der Thalsohle gelegenen Thunersee bilden, damit verstanden ist. An¬ 
dererseits dürfen wir auch nicht vergessen, das9 die in den Hochthälern gezählten 
Nebeltage ebenfalls vielleicht blos in einem leichten Nebelstreifcn des Morgens 
oder des Abends bestanden haben. Während von 30 Monaten Andermatt 5 und 
Davos 7 Mal gar keinen Nebel haben, geht Beatenberg nie leer aus. Am günstig¬ 
sten für letzteres ist der Februar, der aber immer noch schlechter ist als die 
schlechtesten Monate an beiden anderen Orten, mit einziger Ausnahme des ver- 
hältnissmässig nebelreichen Octobers in Andermatt. Der günstigste Monat in 
Andermatt ist der Januar, der während 5 Jahren zusammen nur 2 Nebeltage 
verzeichnet. In Davos stellt sich der März am besten, der in fünf Jahren im 


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75 


Ganzen 5 Mal Nebel aufweist Nicht nur in Anderm.att, sondern auch in 
Davos ist, wenn auch nicht in demselben Verhältniss, der October der nebel¬ 
reichste Monat. Lassen wir diesen Monat, der in mehrfacher Hinsicht noch nicht 
zur Wintersaison zählt, ausser Betracht, so entfallen in Davos durchschnittlich 
9, in Andermatt 10 Nebeltage auf die eigentliche Winterzeit. Die beiden Orte 
kommen sich also auch in dieser Hinsicht nahezu gleich, während allerdings 
Beatenberg sich sehr abweichend verhält, insofern Nebelbildung während der 
eigentlichen Winterszeit daselbst ungleich häufiger ist als in den gedachten Hoch- 
thälern. 

Ein letzter Punkt, dem wir unsere Aufmerksamkeit schenken wollen, betrifft 
die Bewölkung und die Zahl der hellen und trüben Tage. Bezüglich der 
ersteren sei bemerkt, dass ganz klarer Himmel mit 0, ganz bedeckter mit 10 und 
die verschiedenen Intensitäten der Bewölkung mit den entsprechenden Zahlen 1—10 
bezeichnet werden. 

Ein Tag fällt unter die Rubrik „ h e 11 u , dessen durchschnittliche Bewölkung 
nicht mehr als 2, unter „ t r ü b “, wenn dieselbe 8 oder mehr beträgt. 

Durchschnittliche Bewölkung. 


Winter 

Andermatt 

Davos 

Beatenberg 

1877 

6,03 

4,45 

6,27 

1878 

6,98 

4,65 

6,00 

1879 

5,78 

4,08 

5,53 

1880 

4,87 

4,13 

4,87 

1881 

5,57 

4,20 

5,48 


Durchschnitt per Winterhalbjahr 5,64 4,28 5,63 

Andermatt Davos Beatenberg 



Zahl der Tage 

Zahl der Tage 

Zahl der Tage 

Winter 

hell 

trüb 

hell 

trüb 

hell 

tröb 

1877 

89 

77 

49 

34 

33 

85 

1878 

35 

77 

59 

41 

40 

74 

1879 

5 

72 

72 

38 

53 

67 

1880 

58 

53 

74 

40 

62 

52 

1881 

46 

62 

65 

32 

48 

68 

Total 

223 

341 

319 

18Ö 

236 

346 

Durchschnitt 







per Winterhalbjahr 

44,6 

68,2 

63,4 

37,0 

47,2 

69,2 

Nach vorstehenden Ziffern 

würden 

Beatenberg 

und 

Andermatt sich 

erheblich schlechter stellen als Davos, 

sowohl 

was Bewölkung als was Zahl der 

hellen Tage betrifft. Für 

Andermatt 

ist dies 

um so 

auffallender, als hinsicht- 


lieh der Seltenheit der Nebelbildung eine grosse Uebereinstimmung mit Davos 
sich zu erkennen gibt. Es dürfte hiebei der Umstand in Betracht fallen, dass 
unsere Beobachtungszeit von 5 Jahren eine relativ kurze ist. Erwäbnenswerth ist 
jedenfalls, dass nach der ebenfalls auf amtlich geprüften Daten basirenden, einer 
Beobachtungszeit von 17 Jahrgängen entnommenen Zusammenstellung Neukomm's 
die Durchschnittszahl der hellen Tage sich für Andermatt genau gleich hoch be¬ 
ziffert wie für Davos, nämlich auf 57 per Winterhalbjahr. 

Eine Besprechung der hygrometrischen Verhältnisse müssen wir unter¬ 
lassen, da in Andermatt erst seit dem Neujahr 1884 diese Messungen regelmässig 
gemacht werden. _ 


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76 


Die Herniotomie in der Privatpraxis. 

Von Dr. L. Gelpke in Gelterkinden. 

Die nachfolgenden Zeilen haben hauptsächlich den Zweck, diesen oder jenen 
Collegen zu veranlassen, seine einschlägigen Fälle ebenfalls zu veröffentlichen; 
denn da der Natur der Sache entsprechend der grössere Procentsatz von Bruch¬ 
operationen in der Privatpraxis gemacht wird, so ist hier hauptsächlich der Platz, 
die gemachten Erfahrungen auszutauschen, um einen Ueberblick über den Stand 
der Operation zu gewinnen, eventuell die Methoden zu verbessern. 

Wenn sich daher aus den anzuführenden Fällen, 19 im Ganzen, im Zeitraum von 
6 Jahren ausgeführt, selbstredend keine Statistik machen lässt, so dürfte man doch, 
wenn erst von anderen Seiten reicherer Erfahrung eine grössere Anzahl von Fällen 
beigetragen sind, zu annähernd folgenden Schlüssen gelangen: 

Die Herniotomie ist seit Einführung des antiseptischen Verfahrens und der 
Combination mit der Radicaloperation mit Recht die populärste Operation, die es 
überhaupt gibt. 

Der Eingriff erfährt von Seiten des Patienten, dessen Aussichten auf der einen 
Seite der qualvollste Tod, auf der andern Seite gänzliche Beseitigung des Bruch¬ 
leidens sind, selten mehr den geringsten Widerspruch. Die Patienten segnen nach 
der Operation den anscheinend verhängnisvollen Umstand, welcher zur Einklem¬ 
mung führte. 

Die Operation ist im Allgemeinen da auszuführen, wo der Unfall passirt ist; 
die a priori bedenkliche Saluhrität der entlegenen Hütte schadet dem Erfolg des 
Eingriffs weniger, als ein stundenlanger Transport in den Spital. 

Der Procentsatz von Heilungen nach Herniotomie dürfte ein merklich höherer 
sein, als gewöhnlich in den Lehrbüchern angegeben wird; (DanzeU Canslatt's Jahres¬ 
bericht 1851, von 517 Fällen 33% Heilungen); er dürfte etwa auf 80% au schätzen 
sein: die vorliegende allerdings geringe Anzahl von Fällen ergiebt einen Procent¬ 
satz von annähernd 100% Heilungen nach Herniotomie. 

Unter den 19 Fällen befinden sich I. 15 Herniotomien wegen Einklemmung, 
wobei mit Ausnahme der zwei ersten Fälle stets gleichzeitig die Radicaloperation 
ausgeführt wurde; II. 3 Radicaloperationen ohne Einklemmung und III. 1 Lapa¬ 
rotomie wegen innerem Darmverschluss (Volvulus). 

Von den 15 Herniotomien wegen Einklemmungen sind alle ohne weitere 
Zwischenfälle geheilt mit Ausnahme eines (unten zu besprechenden) Falles, bei 
welchem nach Operation des eingeklemmten Bruches eine zweite nicht vorauszu- 
sebende innere Einklemmung den Tod verursachte. 

Das Alter der Operirten variirt zwischen 15 und 76 Jahren, die Dauer der 
Einklemmung zwischen 6 Stunden und 4 Tagen. 8 Mal handelte es sich um In¬ 
guinal-, 7 Mal um Cruralhernien. 3 Mal fand sich im Bruchsack blos Netz, 3 
Mal blos Darm. 2 Mal war das Netz gangränös und wurde partienweis resecirt; 
Verlauf ohne Reaction. Gangrän des Darmes wurde in keinem Falle beobachtet. 
2 Mal wurden grössere Stücke Netz, wegen klumpiger Hypertrophie desselben, 
abgetragen. 


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77 


Id einem Falle — l&jähriger Knabe P. G. in W. — war der einklemmende Ring 
nicht die Bruchpforte , sondern die mittlere Einschnürung einer sanduhrförmigen Hernie 
(hernie en bis&c). 

Bei der 48jäbrigen Frau ß. in W. war der Bruchinhalt, federkieldüoner Netzstrang, 
erst nach langem Suchen zu finden, trotzdem die Einklemmungserscbeinungen (Schmerzen 
und Brechen) recht stürmisch gewesen waren. In diesem Falle musste wegen allzu 
grosser Enge der Bruchpforte, welche die Kuppe des kleinen Fingers nicht eindringen 
Hess, das däbridement externe gemacht werden. 

Das meiste Interesse bietet auch hier der ungünstig verlaufene Fall des 25jährigen 
Mannes Sch. in M., bei welchem das eigentümliche Zusammentreffen zweier verschiede¬ 
ner Einklemmungen, einer äussern und einer inuern, die richtige Diagnose beinahe un¬ 
möglich machte und so den richtigen Eingriff verhinderte. Der Verlauf ist kurz folgender : 

Stürmische lucarcerationserscheinungen bei einem sehr kräftigen Landarbeiter. Die 
vollständige retentio alvi et flatuum licss auf eine Einklemmung auch des Darmes schlies- 
sen; trotzdem fand sich bei der Operation blos incarcerirtes Netz ; dieser Umstand hätte 
bereits stutzig machen sollen. Entgegen den besten Hoffnungen dauerten denn auch 
andern Tags die Incarcerationserscheinungen fort und als der Verdacht einer zweiten 
innern Einklemmung aufstieg, war Patient bereits derart collabirt, dass au einen zweiten 
operativen Eingriff (Laparotomie) nicht mehr zu denken war und der Tod, unter unauf¬ 
hörlichem Erbrechen, binnen wenigeu Stunden eintrat. 

Bei der Section fand sich in der Bauchhöhle und zwar einige Centimeter von der 
Brucbpforte entfernt, eine wagentaschenähnlicbe Einstülpung des Bauchfelles, in welcher 
eine blauschwarz gefärbte Darmschlinge lag : Iiernia properitonealis nach Krönlein . 

Von dieser eigenthümlichen und verhängnisvollen Corabination , einer innern und 
einer äussern Incarceration , sind mir seither 3 ähnliche Fälle durch Collegen raitgetheilt 
worden. ( Bardeleben , Handbuch der Chirurgie, erwähnt zweier ähnlicher Fälle, bei welchen 
sich aber die peritoneale Tasche im Bruchcanal selbst und nicht innerhalb der Bauch¬ 
höhle befand.) Somit scheint die Umgebung des abdominalen Endes des Brucbcanals 
eine Lieblingestelle für Stränge und Taschenbildungen zu sein und es würde sich deshalb 
empfehlen, in einem analogen Falle, wo nach gelungener Herniotomie das Fortbestehen 
der Incarcerationserscheinungen auf ein zweites, inneres Hioderniss scbliessen lässt, den 
Bruchscbnitt einfach gegen die Bauchhöhle, etwa in der Richtung gegen den Nabel zu 
verlängern, indem hier die grössteu Chancen sind , das Hindernies zu finden (Hernio- 
laparotomie). 

Bei der weitern Inspection der Bauchhöhle fiel die enorme Ueberfüllung des Venen- 
systems auf und erklärte den fadenförmigen Puls und den rapiden Verfall des herkuli¬ 
schen Patienten. Man könnte diesen Zustand mit einer innern Verblutung vergleichen. 

Was die innere Hernie — hernia properitonealis — anbetrifft, so fiel auf, dass ein 
leichter Zug an einer benachbarten Schlinge genügte, um das eingeklemmte Stück zu lösen. — 

Von den übrigen 14 Fällen von Herniotomie wegen Einklemmung ist, wie oben 
bemerkt, keiner gestorben. Das Verfahren der Operation war kurz folgendes: 
Das Hauptgewicht wurde auf minutiöse Desinfection des Operationsfeldes gelegt und 
alles dessen, was mit der Wunde in Berührung kommen sollte. In allen Fällen 
wurde vorher ein Bad gegeben und im Bade die Schamgegend rasirt. (Es wird 
sonst das Operationsfeld mit Haaren überschwemmt.) — Meist fehlte fachmännische 
Assistenz, ein Mangel, der sich hier viel weniger unangenehm fühlbar macht, als 
z. B. bei der Tracheotomie. 

Die Bruchdecken wurden schichtenweise auf der Hohlsonde incidirt; über die 
Hauptschwierigkeit: die richtige Diagnose des Vorliegenden, orientirte am besten 
das abfliessende Bruchwasser. 

Der biosgelegte Bruchinhalt wurde mit erwärmter Jodoformgaze bedeckt. Nach 
der Reposition wurde der ganze Bruchsack stumpf abgelöst, was meist sehr leicht 


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78 


gelang, der Bruchbals mit einem starken Catgutfaden (mit Durchstechung) unter¬ 
bunden und hierauf der Bruchsack abgeschnitten. 

In drei Fällen wurde auch die Bruchpforte mit Catgut vernäht. 

Was nun die Hauptsache, den Erfolg der Radicaloperation anbetrifft, so wurden 
in den letzten 14 Tagen (Ende November und Anfang December 1887) bei allen 
14 Fällen (11 Radicaloperationen wegen Einklemmung und 3 ohne Einklemmung) 
Erkundigungen eingezogen und constatirt, dass bis jetzt in einem einzigen Fall 
(die ersten Fälle sind 6 und 5 Jahre alt) ein Recidiv eingetreten ist, trotzdem die 
Meisten schwere Arbeit ohne Band verrichten. (Obiges Recidiv betrifft den 30- 
jährigen Landarbeiter Sch. in R, operirt vor 3 Jahren wegen Einklemmung einer 
grossen 1. Leistenhernie; das Recidiv trat schon 1 Jahr post operat. ein.) 

Im Anschluss hieran sei noch des oben citirten Falles von Darmverschluss 
wegen volvulus kurz Erwähnung gethan: 

Es handelte sich um den 48jährigen Bauern Hrch. G. in M., welcher seit Jahren an 
einer grossen, linksseitigen Leistenhernie litt. Er erkrankte plötzlich unter heftigen Er¬ 
scheinungen von Darmverschluss bei leicht reponibler Hernie. 

Nach vergeblicher Anwendung der üblichen Maassnahmen (Klyamata, MagenausspQ- 
lungen etc.) wurde am 8. Tage des bestehenden Ileus die Operation (Laparotomie) vor- 
geBchlagen, aber verweigert, weil Patient schon früher an ähnlichen Erscheinungen ge¬ 
litten hatte und wieder genesen war. 

Am 7. Tage, bei andauerndem Kothbrechen, wurde die Operation von Seiten des 
Patienten dringend verlangt und gemeinschaftlich mit den Collegen Dr. Fetzer , Dr. Müller 
und Dr. Frey ausgeführt. Unsere Hoffnung stützte sich auf den relativ guten Kräite- 
zustand des Patieuteu, welcher ohne Stütze vom Bett zum Operationstisch gehen konnte, 
und auf seine Behauptung 2 Mal während der 7 Tage flatus gehabt zu haben , so dass 
an eine voiübergehende Unterbrechung des Darmverschlusses gedacht werden konnte. 

Die Vorbereitungen zur Operation konnten mit aller Umsicht und Müsse getroffen 
werden. 

Zur Desinfection des Zimmers dienten Daropfsprays etc., so dass von dieser 8eite 
eine Beeinträchtigung des Erfolges nicht zu fürchten war. — Bei Eröffnung der Bauch¬ 
höhle zeigte sich die Kuppe einer langgestreckten DUnndarmschlinge in der Nähe der 
oben erwähnten Bruchpforte mit der Bauchwand verwachsen. An ihrer Basis war die 
Darmschliuge durch eine Achsendrehung abgeschnürt. Die Verwachsung und Achsen- 
drehung konnten leicht gelöst und so die Passage des D&rminhalts wieder frei gemaoht 
werden; hingegen war der Dünndarm, oberhalb des Hindernisses, an 6 weit auseinander 
liegenden 8tellen gangränös und der gauze Darm von einer derart brüchigen Beschaffen¬ 
heit, dass an eine regelrechte Resectiou gar nicht zu denken war. Pat. starb kurz nach 
Beendigung der Operation. 

Wir waren alle darin einig, dass die Operation am 8. oder 4. Tage (als sie sum 
ersten Mal vorgeschlagen wurde) ausgeführt, wahrscheinlich ein gutes Resultat gegeben hätte. 

Bei diesem Anlass wurde auch folgende beherzigenswerte Frage aufgeworfen. 
Bei der relativen Häufigkeit solcher Fälle wie der vorliegende tritt an den Land¬ 
arzt heutigen Tags öfters die Pflicht heran, eine Laparotomie zu machen, wenn 
die Evacuation des Kranken in eine Klinik aus irgend einem Grund unmöglich 
ist. Niemand kann aber von dem practischen Arzt verlangen, dass er die Uebung, 
noch viel weniger den Instrumentenapparat besitze, welcher zu einer solchen Ope¬ 
ration gehört; es sollten sich daher einige Aerzte für solche Fälle einrichten, den 
nötigen Apparat in transportabler Form anschaffen, um vorkommenden Falls auf 
telegraphische Anfrage dem bedrängten Collegen (natürlich unentgeltlich) zu Hülfe 
zu eilen, eine Art fliegender Ambulancen. 


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V ereinsberichte. 


Medicinisch-pharmaceutischer Bezirksverein von Bern. 

Dritte Sitzung im Wintersemester 1887/88, Dienstag den 6. Dezember 1887 , Abends 

8 Uhr, im Casino. 1 ) 

Präsident: Dr. Schaerer. — Actuar: Dr. Dumont. 

Anwesend 24 Mitglieder und 3 Gäste. 

1. Apotheker James Rune bringt aus dem Laboratorium von Prof. Dr. v. Nenclci 
? Bacteriologischo Mittheilungen“ über: 

a. Produete des Bacillus Strumitis Tavel. Derselbe wurde im Grossen in zucker¬ 
haltiger, schwach alcalischer Gelatine gezüchtet. Um das von diesem Bacillus gebildete 
Gas untersuchen zu können, wurden Culturen in besonders dazu hergerichteten Kolben 
angelegt. Das Gas erwies sich als Kohlensäure. Die mittelst Barythydratlösung titri- 
metrisch bestimmte Menge derselben zeigte an, dass 140,0 Gelatine, welche nur 2°/o 
Traubenzucker enthalten, und welche nach der Inficirung nur 3 Tage lang bei Zimmer¬ 
temperatur und zuletzt 12 Stunden bei 32° gestanden hatte, 15 Milligramm oder 7 ccm. 
reine Kohlensäure producirt hatten. Da die Culturen lebhaft sauer reagirten, so musste 
auch noch eine Säure gebildet worden sein. Der Masse wurde nun etwas HCl hinzu¬ 
gefügt, um gebildete Salze zu zerlegen, und so viel Wasser, bis sie flüssig blieb. Hier¬ 
auf wurde erwärmt, filtrirt und mit Aether ausgezogen. Der Aether hinterliess nach 
seinem Abdunsten eine gelbliche Flüssigkeit und eine ganz geringe Menge einer krystal- 
linischen Substanz, welche bei der Analyse sich als aus Fettsäuren bestehend erwies. 
Die gelbe Flüssigkeit wurde mit Zinkoxyd gekocht, filtrirt und zur Krystallisation ein¬ 
geengt. Die Krystalle zeigten bei ihrer Prüfung, dass sie aus Zinklactat bestunden. 
Nach öfterem Umkrystallisiren, wobei ein guter Theil verloren ging, wurde der Krystall- 
wasaergehalt bestimmt, nach welchem hier die gewöhnliche Gährungsmilchsäure oder Aethy- 
lidenmilchsäure vorlag. In grösserer Menge erhält man die Milchsäure, wenn man den 
Bacillus in einem Substrat züchtet, das au9 0,25 Pepton, 0,125 NaCl, 5,0 Traubenzucker 
und 100,0 Wasser besteht und welchem zur Bindung der Säure Calciumcarbonat bei¬ 
gegeben ist. 

Die nach Brieger's Methode ausgeführte Untersuchung auf Ptomaine ergab nur 
Spuren eines Körpers, welcher mit Phosphormolybdänsäure gefüllt wurde und mit 
Platinchlorid und Picrinsäure ein amorphes Doppelsalz bildete. Die Platinbestimmung 
ergab 31,l°/ 0 Pt. 

b. Die Farbstoffe des grünen Eiters. In Reincultnren des betreffenden Ba¬ 
cillus konnten nicht nur die beiden im blauen Eitor angetroffenen Farbstoffe Pyocyanin 
und Pyoxanthose isolirt werden, sondern es wurde noch ein dritter Körper nachgewiesen, 
welcher bei auffallendem Licht eine schön grüne Fluorescenz darbietet. Dieser Körper 
ist nur in Wasser und verdünntem Alcohol löslich und wurde vorläufig Pyofl uo re sein 
genannt. 

c. Das phosphorescirende Bacterium Pflügeri. Dasselbe scheint in flüssigen Nähr¬ 
medien gar nicht zu wachsen, weder bei Zimmer- noch bei Bruttemperatur. Auf zucker¬ 
haltiger Nährgelatine wächst dasselbe ebenso gut, wie auf gewöhnlicher, bildet dabei 
Blasen, phosphorescirt aber nicht. 

d. Eine nöue Nährlösung, welche den Vorzug hat, dass sie keine Peptone ent¬ 
hält, welche die Untersuchung von Bacterienculturen auf Ptomaine so sehr erschweren. 
Dieselbe enthält hauptsächlich Amidosäuren und ist fast farblos, so dass man das 
Wachsen der Microben sehr leicht wahrnimmt. Sie wird durch Digeriren von Eiweiss, 
Ochsenpancreasdrüsen und Wasser bereitet. 

e. Die von Bujwid und Dunham vor Kurzem vorgeschlagene Cholerareaction, 

*) Erhalten den 22. Deoember 1887. Redact. 


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80 


welche zur Diagnostik der Cholerabacterien dienen sollte. Dieselbe wurde sowohl mit 
Choleraculturen, wie auch mit Jodol und salpetriger Säure demonstrirt. 

In der Discussion macht Prof. v. Nencki darauf aufmerksam, dass, seitdem wir 
wissen, dass das Choleraroth für den Cholerabacillus nicht charakteristisch ist, diese Re- 
action des Cholerarothes für die Diagnostik auch von geringer Bedeutung ist. 

2. Dr. A. v. Ins demonstrirt einen Fall von Lichen ruber planus, der fast über 
den ganzen Körper der 23jährigen Patientin ausgebreitet ist in der Form von flachen 
mohnkorn- bis fast linsengrossen, wenig prominirenden, rothen, wachsglänzenden, lange 
bestehenden Knötchen, welche sich nie weder in Bläschen, noch Pusteln, noch nässende 
Flächen umwandeln. Sie vereinigen sich an ausgedehnten Stellen zu bohnen- bis flach¬ 
handgross sich rauh anfühlenden Scheiben, die auf dunkelrothem, wenig prominirendem 
Grund mit weissen festhaftendon Schuppen bedeckt sind. Diese Stellen sind einer alten 
Psoriasisfläche nicht unähnlich; es fehlen aber die der Psoriasis eigenen Symptome. Der 
Vortragende sah die Krankheit hier recht selten und noch nie in dieser Ausdehnung. 
Die microscopische Untersuchung der Knötchen sei noch nicht fertig, so dass er nicht 
über Anwesenheit oder Abwesenheit der von Lassar bei Lichen gesehenen Microben be¬ 
richten könne. 

Bei der Therapie erwähnt der Vortragende der von Hebra sen. eingeführten Cur 
mit grossen Dosen Arsenik, welche fast immer eine gute Heilung zu Stande bringe, aber 
allerdings erst nach Wochen und Monaten; er zieht deshalb die von Unna empfohlene, 
raschere Besserung und Heilung versprechende Sublimat« Carbol-Schmiercur vor, welche 
darin besteht, dass der Kranke, bei vorsichtiger Mundpflege, täglich zwei Mal am ganzen 
Körper mit der Salbe eingerieben und zwischen wollenen Decken ins Bett gelegt wird. 
Die Salbe besteht bekanntlich aus 4°/o Carbol, 4°/oo Sublimat auf ein passendes Salben- 
constituens, meist Ungt. Zinc. benzoat. oder Ungt. Diachyl. Hebrse. Der Billigkeit wegen, 
könnte nach Unna , statt obiger Salben, als Constituens auch ein mit Bolus passend 
eingedicktes Kalkliniment versucht werden. 

Der Vortragende behält sich vor, auf diesen Fall vielleicht im Zusammenhang mit 
andern zurückzukommen. 

In der Discussion frägt Prof. v. Nencki an, ob der Vortragende versucht habe, von 
den Knötchen auf Nährgelatine zu züchten. Da es sich bei dieser Hautaffection wahr¬ 
scheinlich um eine parasitäre Krankheit handle, so wären solche Versuche entschieden 
sehr fördernd. — Im Uebrigen begrüsst es der Redner lebhaft, dass ein Neubau des 
äussern Krankenhauses in unmittelbarer Nähe des luselspitales und der damit verbun¬ 
denen wissenschaftlichen Institute beschlossene Sache sei, indem es so beiden Theilen 
(dem Practiker, wie dem Theoretiker) viel leichter sein werde, gemeinsam zu arbeiten. 

Auf die Frage von Prof. v. Nencki erwidert der Vortragende, dass er die Versuche 
noch nicht gemacht, sie aber austellen werde. 

Oberfeldarzt Dr. Ziegler sieht nicht ein, warum man bei der Behandlung des Lichen 
zwei so heftige Mittel: Carbol und Sublimat, gleichzeitig anwende. Er frägt sich , ob 
nicht das Eine der Beiden allein genügen würde. So weiss man nicht recht, auf welches 
der beiden Mittel die Wirkung fällt. Es scheint ihm dieses Vorgehen eine gewisse Un¬ 
klarheit in sich zu schliessen. 

Darauf antwortet Dr. v. Ins , dass nach den Versuchen von Unna sowohl Sublimat 
als Carbol einzeln, aber combinirt in viel höherem Grade gegen Lichen ruber wirksam 
seien. Auch er werde diese Medicamente theils einzeln, theils combinirt versuchen. 

Dr. Schaerer frägt an, ob man einen Lichen ruber nicht in ein Schwefelbad, z. B. 
Schinznach, schicken könne ? 

Dr. v. Ins glaubt nicht. Schon der alte Hebra hat gegen diese Krankheit die ver¬ 
schiedenen Schwefelmittel erfolglos angewandt. 

Dr. Sahli möchte im Anschluss an das Votum von Dr. Ziegler daran erinnern, dass 
man schon mehrfach versucht habe, zwei Mittel zu combiniren. Man sei dabei darauf 
ausgegangen, die beiden Mittel in ihrer Wirkung sich summiren zu lassen. Er weist auf 


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81 


die Arbeit von Lepine (Lyon) hin, welche über Combination verschiedener Antiseptica 
handelt. Derselbe hoffte durch diese Combination die antiseptische Wirkung zu sum- 
miren und die schädlichen Nebenwirkungen der Mittel auszumerzen. — Ob es sich bei 
der Behandlung des Lichen ruber nun auch um eine solche beabsichtigte Summation des 
Carbois und des Sublimats handle, könne er nicht angeben. 

Dr. Ziegler meint, dieses letztere werde kaum der Fall sein. Die Zusammensetzung 
der Salbe , wie sie Unna angibt, scheint die volle Wirkung der beiden Mittel zu er¬ 
warten. — Bei einer Hautkrankheit von der Dauer des Lichen glaubt er, es wäre immer 
vorsichtiger, zunächst eine Hautstelle mit dem einen, eine andere mit dem zweiten Mittel 
oder auch eine dritte mit beiden Mitteln zusammen zu betupfen und darauf erst die end¬ 
gültige Behandlung zu bestimmen. 

Apotheker W. Studer hält die Zusammensetzung der Unna' sehen Salbe für keine 
richtige in sofern, als durch das dabei in Anwendung gezogene Kalkliniment das Subli¬ 
mat gebunden wird und ausser Wirkung tritt. 

Dr. Dtdoit möchte betreffs Combination mehrerer Mittel an die Yerbandmethode von 
Lister erinnern, wie er sie im Laufe dieses Sommers bei ihm beobachten konnte. Der¬ 
selbe combinirt nämlich das Sublimat mit Carbolöl. 

8. Dr. Dumont demonstrirt das als Ersatzmittel der Carbolsäure neuerdings in die 
Medicin eingeführte Creolin (von Apotheker Hausmann in St Gallen). 


Gesellschaft der Aerzte in Zürich. 

11. Wintersitzung den 26. März 1887. *) 

Präsident: Dr. JET. v. Wyss. — Actuar: Dr. W. Schidthess. 

I. Das Präsidium widmet dem heimgegangenen Dr. Carl Meyer-Wegmann Worte 
der Erinnerung. In ihm haben die Zürcher Aerzte einen ihrer tüchtigsten Collegen ver¬ 
loren. Der Verstorbene, den vor Allem ein gerader und offener Charakter auszeichnete, 
war seinen Clienten ein gewissenhafter Rathgeber, seinen Standesgenossen gegenüber be¬ 
wahrte er strengste Collegialität. Stets hielt er wie kein anderer die Standesehre hoch 
und verdiente schon deshalb die Anerkennung der Collegen in hohem Maasse. 

Die Anwesenden ehren in üblicher Weise das Andenken des Verblichenen durch 
Erheben von den Sitzen. 

II. Dr. Wilh. v . Mur alt weist anlässlich der Erinnerungsworte des Präsidenten und 
mit Bezug auf den in einer der letzten Sitzungen von Herrn Dr. Brunner gehaltenen 
Vortrag drei Portraitstiche des berühmten Brunner von Diessenhofen vor. Sie gehören 
der Sammlung der Arztfamilie Meyer im Felsen egg an. Aus der ursprünglich Loch- 
mann’scheu Sammlung von Portraiten von Theologen, Staatsmännern, Philologen und 
Aerzten (von der etwas über 8000 Blätter der zürcherischen Stadtbibliothek geschenkweise 
einverleibt wurden), kam durch Erbschaft der medicinische Theil an Herrn Spitalarzt Dr. 
Meyer , den Grossvater unseres jetzt verstorbenen lieben Freundes, und wurde namentlich 
von ihm und .seinem Sohne, Herrn Dr. C . Meyer-Hoffmeister, aufs sorgfältigste gepflegt 
und vermehrt. Sie enthält zugleich ausserordentlich werthvolle biographische Notizen 
und ist jedem Collegen, der sich mit ärztlich-historischen Studien beschäftigt, sehr zu 
empfehlen. Diese Sammlung, die betreffend Reichhaltigkeit und Vielseitigkeit wohl einzig 
in ihrer Art ist, legt ein beredtes Zeugniss ab von dem idealen Streben, das durch Ge¬ 
nerationen hindurch die Familie unseres lieben Freundes beseelt hat. 

III. Dr. Seite theilt mit, dass der von ihm in einer früheren Sitzung dieses Winters 
vorgestellte Fall mit Varicellen keine Infectionen nach sich gezogen hat. 

IV. Dr. Keree: Kindersterblichkeit nnd Milehversorgnng. Auf den Wunsch 
von Dr. Keree , zuerst das Referat über Milch Versorgung anzuhören und dann über das 

*) Erhalten den 19. November 1887. Redaction. 

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Ganze zu discutiren, wird durch Abstimmung eingegangen, gegenüber dem Antrag von 
Dr. Zehnder , der die Discussion über den ersten Theil jetzt wünscht. 

Den Inhalt des Vortrages über Milchversorgung (s. „Correspondenzblatt* Nr. 24, 1887). 

Discussion. Es wird Eintreten auf die Discussion in zwei den Vorträgen ent¬ 
sprechenden Theilen beschlossen. 

In der Discussion über die Statistik lässt Dr. Zehnder Zweifel laut werden über 
die relativ hohe Sterblichkeitsziffer und erinnert an die Möglichkeit, dass diese Zahl durch 
Mitzählenderinden „Gesundheitsblättern“ unter den Krankheitsursachen figurirenden Todt- 
geburten beeinflusst sei, was auch zugestanden wird . l ) Ferner findet er, dass zum Ver¬ 
gleich mit Zürich kein gleichartiges Material gewählt worden sei. Z. B. ist Zürich inclu¬ 
sive Arbeiterquartier Aussersihl gegen übergestellt Basel ohne Arbeiterquartier. Die Genfer 
Statistik musste , aus relativen Percentverhältnissen , erst construirt werden und ist des¬ 
halb jedenfalls doch nicht ganz zuverlässig. Dr. Zehnder weist ferner an Zahlenreihen 
nach, dass Zürich einen ähnlichen Ueberschuss an Geburten aufweist wie Basel, einen 
bedeutend grossem als Genf und Bern. Da dieser nach seiner Ansicht direct auf die 
Salubritat einer Stadt schliessen lasst, so steht Zürich durchaus nicht schlimm da. 

Dr. Kerez hat zum Vergleich mit Zürich, Genf und Basel deshalb gewählt, weil 
diese nach Zürich die grössten und industriellsten Schweizerstädte sind. Der Einwand 
wegen den Arbeitergemeinden in Basel ist zwar richtig, aber Binningen und Birsfelden 
influenziren die Statistik nach den Mittheilungen von Dr. Lotz und dem eidg. stati¬ 
stischen Bureau so weit ersichtlich nur in geringem Grade. Binningen und Birsfelden 
hatten im Jahr 1886 bei 41,9°/oo Geburten, 22,6°/o Säuglingssterblichkeit, wobei die 
Enteritis in 44,l°/o der Gestorbenen als Todesursache figurirt. Es ist zu berücksichtigen, 
dass nach den Angaben von Dr. Lotz in Kleinbasel mit starker Arbeiterbevölkerung 
(20,503 Einwohner) die Säuglingssterblichkeit pro 1876—85 bei einer Geburtenzahl von 
37,4°/oo nicht mehr wie 21,0°/o betragen hat. Die hohe Enteritissterblichkeit glaubt 
Dr. Lotz nur auf eine Registrirung zurückführen zu müssen, welche, weil auch die secun- 
dären Fälle umfassend, genauer ist, als diejenige anderer Orte. Dass Zürich bei nie¬ 
drigerer Geburtenziffer eine höhere Säuglingssterblichkeit aufweist als Basel, ist eine Be¬ 
lastung für Zürich. 

Das Präsidium fragt darauf die Gesellschaft an, ob sie zur Frage der Milch Ver¬ 
sorgung Stellung zu nehmen, eventuell den Antrag des Referenten (UeberWeisung an eine 
Commission) anzunehmen gedenke. 

Dr. Seitz betrachtet die Sache als zu schwierig und zu weitgehend für die Gesell¬ 
schaft. Die Schwierigkeiten sind seiner Ansicht nach hauptsächlich technische, zu deren 
Ueberwindung ihm unsere Gesellschaft nicht geeignet zu sein scheint. 

Actuar nimmt den Antrag des Referenten auf, die Frage einer Commission zur 
Berathung zu überweisen. Die Commission soll die Competenz haben, sich durch ge¬ 
eignete Elemente zu vergrössern und soll der Gesellschaft über ihre Thätigkeit referiren. 

Dr. Kerez erwidert, dass er nicht der Ansicht gewesen sei, die Gesellschaft solle 
sich practisch bei der Milch Versorgung betheiligen: sie soll nur den Anstoss geben zur 
Einführung einer einheitlichen Milchbeschaffung, der sie das Protectorat verleiht. 

Dr. Seitz erklärt sich mit einer Commission, die präparatorisch vorgeht, einver¬ 
standen. 

Es wird zur Wahl der Commission geschritten. Gewählt werden die Herren Prof. 
0. Wyss, Dr. Egli, Dr. Kerez . 

V. Dr. Egli-Sinclair. Demonstration des Soxhlet'&chen und seines eigenen Mileh- 
Kochapparates für die Ernährung des Säuglings. 

Mit der Einführung der sog. Kindermilch in die Ernährungsweise des Säuglings ist 
immerhin ein Schritt vorwärts gethan worden. Doch hat der Arzt noch viel zu häufig 


l ) Die in Nr. 28 des „Correspondensblattes* enthaltene Veröffentlichung des Vortrages enthält 
die corrigirten Zahlen, 


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Ernährungsstörungen des Säuglings zu bekämpfen, die nur auf Fehler in der Behandlung 
und Verabreichung der Nahrung zurückzufuhren sind. Vortragender glaubt nun, dass 
die bacteriologischen Untersuchungen der Neuzeit auch für die künstliche Ernährung des 
Säuglings auf die richtige Spur geführt haben. 

Es ist daran zu erinnern, in erster Linie, einerseits, dass nach Lister die Milch im 
Euter frei von Microorganismen , dass es nach Escherich auch die Frauenmilch in der 
Brust ist, dass dagegen der gemolkenen Milch durch den Zutritt der Luft und die 
mechanische Verunreinigung beim Melken und den spätem Manipulationen, denen sie 
unterworfen wird, eine Menge Culturen von Gährungspilzen zugefiihrt werden; in zweiter 
Linie, dass nach Escherich im Milchkothe des Säuglings nur zwei obligate ßacterien- 
formen Vorkommen, während alle andern Formen nur inconstante , facultative, von der 
Nahrungsaufnahme abhängige Gährungserreger sind, und dass nach Sucksdorff auch beim 
Erwachsenen durch Aufnahme sterilisirter Nahrung der Bacteriengehalt des Kothes in 
sehr hohem Grade verringert wird. 

Können nun durch Verabreichung sterilisirter Milch jene Ernährungsstörungen beim 
Säuglinge nicht zum grössten Theil vermieden werden? 

Die seit über Jahresfrist durch Vortragenden gemachten Beobachtungen lehren, dass 
das wirklich möglich ist. Ausgehend davon, dass in offenem Gefäss gekochte Milch nur 
eine Temperatur von 84° C. erreicht, bei dieser Temperatur aber kaum alle Gährungs- 
erfeger zu Grunde gehen, hat Vortragender seit lange Kindermilch in verschlossenem 
Gefasse, in Flaschen mit Patentverschluss im Wasserbade kochen lassen, wobei die Milch 
99° C. erreicht und wenigstens vom rein practischen Gesichtspunkte aus sterilisirt wird. 
Um die Versuche nicht durch Vorurtheil und Ungeschicklichkeit zu trüben , liess Vor¬ 
tragender das Verfahren nur von ganz intelligenten Müttern, welche Kinder schon nach 
sonst landesüblicher Art ernährt hatten, beobachten. Das Resultat ist ein durchaus gün¬ 
stiges, wie an einigen Beispielen nachgewiesen wird. Im Laufe der Versuche ist dann 
Vortragender zur Construction seines Milch-Kochapparates gelangt, welchen er vorweist 
und zum Gebrauche erklärt. 

Anschliessend demonstrirt Vortragender den zu gleichem Zwecke erfundenen Apparat 
von Prof. Soxhlet (München). Vide Münchener medicinische Wochenschrift Nr. 15 und 
16, 1886. Vortragender tadelt am Soxhlet'sehen Apparate: 1) die Kleinheit der Flaschen: 
ein vorgerückteres Kind trinkt grössere Portionen; eine angebrochene zweite Flasche darf 
nicht zu wiederholtem Gebrauche zurückgestellt werden: der Ueberschuss des Inhaltes 
geht verloren; 2) die Verwendung von Saugschläuchen, denen Soxhlet nämlich den Vorzug 
gibt, die aber unmöglich rein zu halten sind; 3) die Complicirtheit wenigstens für die 
Durchschnittsintelligenz der Pflegerinnen und Mütter und 4) den entsprechend hohem 
Preis. Bei Wegfall dieser Nachtheile an seinem eigenen Apparate, glaubt Vortragender 
diesem noch besonders den Vorzug geben zu dürfen, weil sich dabei die Sterili- 
sirung auch auf die Saugspitzen erstreckt. 

Nachtrag. Es wird mir von gewisser Seite der Vorwurf gemacht, mein Apparat 
sei nur eine Nachbildung des Soxhlet'sehen. Ich muss das bestreiten und kann Soxhlet 
nur die Priorität der Publikation zuerkennen. Auch hat Soxhlet seinen Apparat als 
Chemiker, Milchtechniker, ich den meinen als Arzt am Kinderbette erfunden, und wenn 
übrigens Zehn sich an die Aufgabe gemacht hätten, so wären sicher Neun zu ganz ähn¬ 
licher Construction gelangt. Dr. E.-S. 

12. Wintersitzung Samstag den 23. April, 1 ) Abends 7 Uhr, im pathologischen Institut. 

Präsident: Dr. H ’. v. Wyss. — Actuar (in Vertretung): Dr. Lüning . 

Prof. Klebs berührt zunächst in einem historischen Rückblick die Lehre von der 
Entzttndug. Heute steht fest, dass bei derselben die Betheiligung der fixen Gewebs- 
elemente mit derjenigen der emigrativen sich oombinirt. Schwere emigrative Processe 

1 ) Erhalten 19. December 1887. Red. 


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(schwere Infectionen, z. B. septische) führen mehr zur Destruction, leichtere (als Beispiel 
dient die entzündliche Nephritis) zur cellulären Neubildung. Kommen nun aber Ent¬ 
zündungen vor, bei denen nur die fixen Gewebselemente eine Rolle spielen? Vortragen¬ 
der bejaht dies. Solche Processe im Sinne der alten FtVcAotfl’schen parenchymatösen 
Entzündung gibt es in der That (z. B. Keratitis parenchymatosa). Vortragender erwähnt 
nun einige hierhergehörige, auf dem Sectionstische von ihm beobachtete Fälle: 

1) Ein junger Mann mit multipler Darmperforation , auf der Krönlein 1 sehen Klinik 
laparatomirt. Die Perforationen befanden sich im obersten Jejunum, ein grösseres Ge¬ 
schwür war nicht vorhanden, Typhus sicher ausgeschlossen. Der microscopische Befund 
ergab Zerstörung der Zotten; der Rest der Darmwand, besonders in der Mucosa, war in 
ein zartes, grosszelliges Granulationsgewebe umgewandelt. Die zellige Emigration war 
sehr gering und lieferte nur Material für die parenchymatöse Neubildung. Vorzugsweise 
handelte es sich um hyperplastische Entwicklungen der feinen Bindegewebezellen , der 
Parenchymzellen, also um eine echte parenchymatöse Entzündung. Die gleich¬ 
zeitig, aber nur in den peritonitischen Auflagerungen gefundenen Microorganismen (Coccen), 
sind nur für die Erklärung der frischen entzündlichen Veränderungen maassgebend und 
entweder vom Darm aus oder, was weniger wahrscheinlich, bei der Operation hinein¬ 
gelangt. 

2) Aehnliche Formen finden sich in der Lunge in den Fällen, wo die croupöse 
Pneumonie übergeht in chronische interstitielle, wie das häufig bei Geisteskranken vor¬ 
kommt. 

3) Im centralen Nervensystem sind diese Formen der Entzündung durch zwei ver¬ 
schiedene Processe vertreten, welche von den beiden Arten der zelligen Elemente aus¬ 
gehen , die das Grundgewebe zusammensetzen, den Sternzellen, welche mit den Blut¬ 
gefässen Zusammenhängen und ein zusammenhängendes weitmaschiges Netz darstellen, 
welches seiner Anordnung gemäss entweder blos als Stützsubstanz dient, oder auch, wie 
der Vortragende annimmt, ein Saftcanalsystem darstellt, und den eigentlichen Gliazellen, 
welche die feinkörnige oder nach Gerlach feinfaserige Grundsubstanz bilden. Die er- 
steren gehören dem mittleren Keimblatte, die zweiten dem Epiblasten an und bilden die 
Matrix für die nervösen Substanzen des Centralnervenapparates. Vieles, was mit den 
Methoden von Golgi gefärbt wird, gehört der ersten, mesoblastischen Gewebsgruppe an; 
ihr Zusammenhang mit nervösen Elementen bleibt ein rein äusserlicher, dient vielleicht 
der Ernährung der Nervenzellen. 

Diese beiden Arten von Grundgewebe liefern, wie sie im normalen Organ gesondert 
sind, auch unter pathologischen Zuständen verschiedene Formen von Neubildungen, welche 
ihrem Verlaufe nach in das Gebiet der parenchymatösen Entzündung gerechnet werden 
müssen. Weitere Entwicklung der Sternzellen liefert die bekannten Formen der Gehirn- 
und Rückenmark-Sclerose, auf welche hier nicht besonders eingegangen werden soll; Prä¬ 
parate und Zeichnungen werden diese Zustände demonstriren. 

Dagegen gibt es eine zweite Form der Gehirnsclerose, die als diffuse bezeichnet 
werden kann, welche wesentlich an den eigentlichen Gliazellen abläuft und die Sternzellen 
gänzlich intact lässt. Ob alle Fälle diffuser Hirnsclerose hieher gehören, muss der Vor¬ 
tragende unentschieden lassen. Eine besonders prägnante Form fand derselbe in einem 
Fall von erblicher Chorea, welcher seither von Dr. Armin Huber in Virchow 1 s Archiv 
beschrieben worden ist. Klinisch ist dieselbe ausserdem durch die grosse Ausbreitung 
der choreatischen Bewegungen, sowie durch ihr Auftreten in einem späteren Lebensalter 
charakterisirt. 

Von einer solchen Familie, Wegmano, wurde schon ein Mitglied von Eberth secirt, 
ohne Befund. Bei einem andern, einem 25jährigen in Rheinau verstorbenen Frauenzim¬ 
mer, fand Vortragender ausgedehnte Pachymeningitis hsemorrh. mit Verkleinerung der 
ganzen Gehirnsubstanz und Erweiterung der Ventrikel. Die graue Substanz participirt 
nicht an der Verkleinerung, sondern nur die weisse. Bei der gewöhnlichen Chorea waren 
die Befunde bisher negativ. Hier fanden sich nur geringe Veränderungen von Consistenz 


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und Farbe, zum Tbeil scharf umschriebene, zum Theil verwaschene Herde. Mittelst 
Hmmatoxylin-Eosin-Färbung tingirte Schnitte zeigten in diesen Herden eine überaus 
mächtige Zellneubildung, 3—4 grosse und mehr kleine Zellen mit grossen Kernen in 
einem Haufen. Es sind dies keineswegs emigrirte Leucocyten, da die Gefasswand frei 
oder blos die Endothelien im perivasculären Raum hyperplastisch sind. Während bei der 
multiplen Sderose, mit der das klinische Bild gewisse Aehnlichkeiten aufweist, die Stern¬ 
zellenbildung ( Deiters) sehr mächtig ist, ist bei dieser Chorea die eigentliche epiblastische 
Neuroglia hyperplasirt. Weiter fand sich Verdickung einzelner Nervenfasern in der 
weissen Substanz, welche wohl als ein secundäres Phänomen aufzufassen ist, hervorge¬ 
rufen durch die Compression Seitens der verdichteten Zwischensubstanz, ebenso wie die an 
vielen Stellen mittelst der Weigert'sehen Methode nachweisbare Atrophie zahlreicher an¬ 
derer Nervenfasern. 

Einen weiteren, in diesem Falle von erblicher Chorea, ebenso aber auch, wenn gleich 
seltener, bei der multiplen Hirnsclerose gemachten bemerkenswerten Befund bilden hyaline, 
mit Eosin und Carmin sich roth färbende Thromben, welche in den Blutgefässen der 
weissen Hirnsubstanz Vorkommen. Dieselben bilden entweder kuglige oder maulbeerför- 
mige Körper, welche frei in den kleinsten Arterien und Capillaren liegen, ohne das 
Lumen derselben auszufüllen; seltener bilden sie längere Pfropfe, an deren Enden vielfach 
noch die Entstehung aus zusammenschmelzenden kugligen Massen wahrzunehmen ist. Der 
Vortragende nimmt an, dass dieselben aus einer Verschmelzung hyalin entarteter rother 
Blutkörperchen hervorgehen und eine durchaus locale Entstehung habon. (Bei der Unter¬ 
suchung des Hautblutes eines gleichfalls mit Chorea behafteten Bruders der Wegmann 
konnten sie von Herrn Dr. Huber nicht nachgewiesen werden.) Jedenfalls sind sie keine 
Erscheinung, welche der hereditären Chorea eigenthümlich ist oder gar die Ursache der¬ 
selben bildet. Vielmehr bleibt auch hier nur die Annahme übrig, dass sie aus localen 
Circulations8törungen hervorgehen, welche durch die Gefässcompression Seitens der schrum¬ 
pfenden Hirnsubstanz bewirkt werden. 

Ueber die Ursachen dieser echten parenchymatösen Entzün¬ 
dungen ist vor der Hand wenig zu sagen, da wir sie nur in ihrem späteren Verlaufe 
kennen. In ihrem ersten Anfänge mögen sie wohl ebenfalls zum Theil infectiöser Natur 
sein; sicherlich spielt aber bei ihnen eine Umwandlung der Gewebs-Vegetation eine be¬ 
deutende Rolle. Dieselbe kann ebenso wohl sich auf dem Wege erblicher Uebertragung 
fortpflanzen, wie sie im Anschluss an infectiöse Processe entsteht, vielleicht unter dem 
Einfluss nervöser Störungen, wie man aus dem bemerkten auffällig häufigen Vorkommen 
chronisch parenchymatöser (interstitieller) Pneumonien bei Geisteskranken schliessen 
könnte. 

Der Vortrag wird durch zahlreiche microscopische Demonstrationen unterstützt. 

Discussion: Dr. v . Monakow sah ähnliche Gewebsveränderungen bei einer 
Form von Blei-Psychose. Was die Spinnenzellen betrifft, so hält er sie nicht nur für 
Saftcanal-Elemente; zum Theil sind es wohl Artefacte oder Ganglienzellen in gewissen 
Stadien der Degeneration. 

Prof. Siebs stimmt mit letztem überein, betont aber ihre regelmässige Vertheilung 
( Golgi ) bei nomalen Gehirnen; dort kann man auch die Kerne nachweisen. — Im Ueb- 
rigen sind choreatische Erkrankungen gerade bei Metallvergiftungen beobachtet. 

Prof. 0. Wyss dankt dem Vortragenden für die strenge anatomische Auseinander¬ 
haltung von Chorea und multipler Sclerose, wie ja auch die klinischen Erscheinungen, die 
Art der Intentionsbewegungen, ganz verschieden sind. 

Prof. Siebs: Beides sind doch wohl partielle Unterbrechungen der Leitungsbahnen. 
Gerade bei multipler Sclerose fand Vortragender auch die hyalinen Massen in dem Ge- 
fässsystem. 

Dr. IL v. Wyss bemerkt, dass ausgesprochene Chorea bei chronischer Bleivergiftung 
und experimentell bei Hunden beobachtet ist. Er frägt an, ob jene hyalinen Thromben 
sich nicht als Plättchenthrombose deuten Hessen? Vortragender verneint dies. 


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Wegen vorgerückter Zeit verschiebt Hr. Dr. Suchanek seinen angekündigten Vor¬ 
trag auf eine andere Sitzung. 

Geschäftliche Mittheilungen des Präsidiums: 

Herr Dr. Meier in Thalweil nimmt seinen Austritt aus der Gesellschaft wegen Wegzug. 

Als Antwort auf die Anfrage von Prof. Herzen in Lausanne bezüglich Autoreferaten 
bald nach den Sitzungen wird beschlossen, die Initiative hiezu dem Anfragesteller zu 
überlassen. 

Revision der Vereinsrechnung: Der Revisor, Dr. Nüscheler, am Er¬ 
scheinen verhindert, berichtet schriftlich. Das Vereinsvermögen beträgt z. Z. Pr. 4114. 95. 
— Die Rechnung wird dem Quästor abgenommen und verdankt. 

Ein Schreiben des Herrn Ingenieur Rüge wünscht Stellungnahme des Vereins zum, 
resp. gegen das Tunnelproject für die Zürichbergbahn. Proff. Haab und 0. Wyss halten, 
namentlich im Interesse der das Kantonsspital und die Poliklinik aufsuchenden Patienten, 
die oberirdische Bahn für empfehlenswerter, welcher Ansicht sich das Präsidium und die 
Versammlung anschliessen. Auf Wunsch des Hm. Rüge wird diese Ansicht der Gesell¬ 
schaft der städtischen Gesundheitscommission mitgetheilt. 

Dr. Egli-Svnclair. Vorweisung eines von ihm zusammengestellten einfachen anti- 
septischeo Taschenetais. 

Unumgängliche Requisite zur Antiseptik sind Seife , Bürste und Antisepticum; das 
Antisepticum muss genau dosirt werden können und durch Färbung auffällig sein. 

Seife findet man in jedem Hause, die Nagelbürste fehlt oft in bessern Häusern. Das 
Etui enthält letztere und eine Flasche mit Sublimatlösung nach folgender Formel: 

Hydrarg. bichlor. corros. 40,0 
Aqu. dest. 200,0 

Ammon, chlorat. 8,0 

Nachtblau 0,1 

Die Dosirung geschieht im hohlen Stöpsel der Flasche; eine Stöpseldosis auf einen 
Liter Wasser ergibt eine 0,1 °/o wässerige, stark blau gefärbte Sublimatlösung, die jedem 
Laien auffällt. Vortragender gebraucht das Etui schon seit Monaten und empfiehlt es 
besonders Geburtshelfern und Hebammen. 

Dr. W. v . MurdU ist für die Angerer' sehen Pastillen wegen des Kochsalzgehaltes, 
die sich rasch lösen, damit man jedes beliebige, auch hartes Wasser brauchen kann, in 
dem sich Sublimat sonst schlechter löst, resp. ausfällt. In neuester Zeit werden dieselben 
mit Eosin roth gefärbt. 

Dr. Egli bestreitet die rasche, wenigstens für den beschäftigten Practiker genügend 
rasche Löslichkeit der Sublimatpastillen; ihre Lösung hat eine dem Laien durchaus nicht 
so auffallende Färbung. Ihr Gebrauch muss aus nahe liegenden Gründen absolut auf 
den Arzt, speciell den Chirurgen beschränkt bleiben. Dr. E . beharrt auf den Vorzügen 
seines Etuis für die tägliche Praxis der Aerzte und Hebammen. 

Vorstandswahlen: Auf Antrag von Dr. W. v. Muralt wird dem letzt¬ 
jährigen Vorstande der Dank für seine Amtsführung ausgesprochen und derselbe per 
acclamationem wiedergewählt 

Nach einem Rückblicke des Präsidiums auf die wissenschaftliche Thätigkeit des 
Vereins im abgelaufenen Vereinsjahre Schluss der Sitzung und II. Act in der Kro¬ 
nenhalle. 


Referate und Kritiken. 


Compendium der Arzneiverordnung. 

Von Dr. Oscar Liebreich und Dr. A. Langgaard. Medicinisches Recept-Taschenbuch. 2. Auf¬ 
lage, Abtheiluog 1—3. Berlin 1887. Fiacher’s medio. Buchhandlung (H. Kornfeld). 
Das vorliegende Werk ist kein Recept-Taschenbuch in gewöhnlichem Sinne. Es 


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gibt dem practischen Arzte eine sehr umsichtige Auswahl der bewährtesten, meist durch 
klinische Erfahrung geprüften Arzneiformeln und fügt denselben jedes Mal, und zwar in 
sehr übersichtlicher Weise, die wünschbareu Angaben über die Darstellung, die chemische 
Zusammensetzung und pharmacologische Wirkung , sowie die Dosirung der betreffenden 
Präparate bei. Neben den Vorschriften der deutschen haben auch diejenigen der öster¬ 
reichischen, französischen, englischen und amerikanischen Pbarmacopoen gebührende Be¬ 
rücksichtigung gefunden. In Ermanglung einer einheitlichen deutschen Areneitaxe wurden 
die Preise der betreffenden Recepte nach der von Schering ’s grüner Apotheke in Berlin nach 
der preuseiseben Taxe aufgestellten Berechnung, am Schlüsse des Werkes in einer tabel¬ 
larischen Uebersicht, beigefügt. 

Die alphabetische Anordnung der Bearbeitung, sowie die beigegebenen sehr voll¬ 
ständigen Sach- und Krankheitsregister ersparen beim Nachschlagen den bei anderer 
Anordnung des 8toffes oft so unliebsamen Zeitverlust. Es kann somit das vor¬ 
liegende Compendium der A r z nei v ero r dn u n g auch unsere schwei¬ 
zerischen Collegen als in jeder Beziehung zweckentsprechend 
empfohlen werden. Demme , Bern. 


Traitement des raideurs articulaires (fausses ankyloses) au moyen de la rectification 

forede et du massage. 

Par le Dr. Nor ström. Paris 1887. 187 p. 

Der bekannte Pariser Massage-Arzt (im Sommer in Ragatz), der sich schon mehr¬ 
fach als Schriftsteller auf dem Gebiete der Massage bethätigt hat, gibt in dieser grössere 
Arbeit einen einlässlichen Bericht über die Technik und die Resultate seines Vorgehens 
bei Gelenksteifigkeiten und unvollständigen Ankylosen; die knöchernen sind natürlich von 
dieser Therapie ausgeschlossen. Das Eigentümliche seines Verfahrens besteht in einer 
an das v. Langenbeck'sehe „Brisement forcö“ sich anlehnenden, aber auf zahlreiche Sitzungen 
vertheilten und ohne Narcose ausgeführten Correctur der Gelenkstelluog und successiven 
Zerrei sau og der intra- und extracapsulären Adhärenzen mit der Absicht, unter allen Um¬ 
ständen ein bewegliches Gelenk wiederherzustellen, weshalb auch immobilisirende Apparate 
(Gypsverbände) nur ausnahmsweise und für kurze Zeit zur Verwendung kommen. Die 
Cur wird unterstützt, meist auch schon eingeleitet durch energische Massage der ge¬ 
reisten Gelenke nnd atrophischen Muskeln; namentlich die in Folge der forcirten Stel- 
lungsveränderuogen (die Verfasser von den sonst üblichen „passiven Bewegungen“ unter¬ 
schieden wissen will) regelmässig eintretenden reactiven Anschwellungen der Gelenke und 
Weichtheile werden sofort der Massage unterworfen , ohne Anwendung weiterer Anti- 
pblogistika. Die Behandlung beansprucht durchschnittlich einige Monate; die Patienten 
werden von Anfang an zu activen Bewegungen angehalten. In dieser Combination von 
Massage und forcirter Bewegung sieht N. auch das Originelle und Erspriessliche seiner 
Methode, und ohne mit ihm darüber rechten zu wolleu, inwiefern ähnliche Verfahren auch 
anderwärts im Gebrauche sind, muss man dem Verfasser ohne Weiteres zugeben, dass 
wohl selten mit so viel Consequenz, Ausdauer und Geschicklichkeit gearbeitet wird; 
namentlich geht man gewiss vielfach in der Immobilisirung zu weit und verliert darüber 
die beste Zeit. Die mitgetheilten Resultate sind denn auch geradezu glänzende. 

Die beiden einleitenden Capitel geben einen Rückblick auf die historische Entwick¬ 
lung der Frage, besprechen die anatomische Natur der Ankylosen und die vorgeschlageneu 
unblutigen Heilverfahren. Ein drittes beschäftigt sich mit der Aetiologie der Gelenk¬ 
steifigkeiten (traumatische, rheumatische, skropbulöse). Unter den traumatischen Formen 
sind die Aussichten besser nach Gelenk wunden, Distorsionen etc.; schlecht nach intra- 
articulären Fracturen. Die rheumatischen hängen prognostisch sehr von der Dauer des 
Leidens und der Zahl der 8chübe ab ; weniger Chancen bietet die Arthritis sicca (defor- 
mana). Bei den falschen Ankylosen skrophulöser Herkunft (Tumor albus), will Verfasser 
den Ablauf der entzündlichen Erscheinungen, Vernarbung der Fisteln etc. abwarten, kennt 
aber alsdann keine Contraindicationen; die fungösen Gelenkentzündungen hält er nicht 
alle für bacillär. 

Im 4. Capitel werden zunächst die Verfahren von v. Longenbeck , Nussbaum und 
Bannet beschrieben, hierauf die technischen Maassnahmen des Autors und deren Aufein- 


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anderfolge im Allgemeinen geschildert. Die beiden leisten Abschnitte bringen das für 
den Fachgenossen Interessanteste, die genaue Beschreibung der Manipulationen und die 
Casuistik nach den verschiedenen Gelenken geordnet. Die Krankengeschichten sind exact 
und klar; nach Abzug von 14 aus der (meist ältern) Litteratur citirten bleiben 30 eigene 
Beobachtungen übrig, wovon in 25 Fällen die Function des Gelenks völlig wiederherge¬ 
stellt, io 5 erheblich verbessert wurde. Darunter betreffen 4 das Schulter-, 2 das Ell¬ 
bogen-, 5 das Hand-, 2 die Finger-, 3 das Haft-, 10 das Knie-, 2 das Fuss- und 2 
die Zehengelenke. 

Aetiologisch war die Steifigkeit bedingt: 7 mal durch Traumen, 2 mal durch acute, 
4 mal durch chronische Gelenkentzündungen, 3 mal durch acuten, 6 mal chronischen Ge¬ 
lenkrheumatismus , 2 mal Hydarthrose, 2 mal gonorrhoische Arthritis, 2 mal secundäre 
Contractur nach Muskelerkrankungen, 2 mal (abgelaufenor) Tumor albus. Gerade in den 
beiden letzten Fällen, beides Kinder, ist das erreichte Resultat ein frappantes , äusserst 
beachtenswertes. 

Nur drei der Patienten sind Kinder unter 10 Jahren; die Methode ist Anfangs sehr 
schmerzhaft und verlangt die ganze Einsicht und Willenskraft eines Erwachsenen; die 
Gründe, die N. gegen die Narcose anführt, scheinen indessen dem Referenten nicht stich¬ 
haltig. Erwünscht wäre ferner eine Angabe, ob Verfasser nie Misserfolge, Vereiterungen, 
Schlottergelenke, Recidive tuberculöser Frooesse erlebt hat, ob sein gesammtes Material 
yorliegt ? 

So bestechend die beiden erwähnten Resultate sind , so dürfte dooh, wenigstens in 
chirurgischen Kreisen, beim Tumor albus die Tendenz nach einer soliden Ankylose in 
guter Stellung ihre Vertheidiger finden. Dr. Lüning . 


Grundriss der Chirurgie. 

Von C, tiueter . Dritte Auflage. Ueberarbeitet von Prof. Dr. Hermann Lossen in Heidelberg. 
II. Band. Specieller Theil. Zweite und dritte, vierte und fünfte Abtheilung. Leipzig 

Verlag von F. C. W. Vogel. 1886. ’ 

Ueber den ersten, die allgemeine Chirurgie behandelnden Band dieses Lehrbuches 
sowie über die erste Abtheilung des zweiten Bandes, die specielle Chirurgie des Kopfes 
betreffend, haben wir bereits im Jahrgang 1886 des „Corr.-Blattes“ (pag. 393) referirt. 

Die beifällige Aufnahme , welche das Werk gefunden , zeigt sich am besten darin, 
dass es in kurzer Zeit bereits bis zur vierten Auflage gelangt ist. 

Die hier in dritter Auflage vorliegenden Abtheilungen (2—5 des II. Bandes) be¬ 
handeln die specielle Chirurgie des Halses, Rumpfes und der Extremitäten. Der Ver¬ 
fasser bat es mit Glück gewagt, sich von dem ursprünglichen, eng den Ifttiter’schen Stand¬ 
punkt wiedergebenden Plane der ersten Auflagen zu emancipiren, und die jetzt allgemein 
acceptirten Anschauungen neben denen seines Vorgängers oder an Stelle derselben zur 
Geltung zu bringen. 

Auch inhaltlich steht das Werk auf der Höhe der jetzigen Anforderungen , wie die 
zwar nicht sehr ausführlichen, für den Anfänger aber genügend gründlichen Capitel über 
die Chirurgie des Magens, der Leber, der Nieren etc. beweisen. 

Die Gynäcologie ist in diesem Grundriss mit Recht ganz bei Seite gelassen. 

Druck und Ausstattung des Buches sind vorzüglich , die Holzschnitte reichlich und 
sehr instructiv. Münch . 


Handbuch der speciellen medicinischen Diagnostik. 

Von J. M. Da Costa. Deutsch bearbeitet von H. Engel und C. Posner. II. Auflage nach 
der 6. Auflage des Originals. Verlag von Aug. Hirschwald, Berlin. 1887. 

Das vorliegende 487 Seiten starke Buch verfolgt eine ganz andere Tendenz, als s. B. 
die klinische Diagnostik von v t Jaksch oder die klinische Microscopie von Bizzozero. In den 
beiden letztgenannten Werken handelt es sich wesentlich um die Darstellung der Unter- 
suchungsmethoden. Das Da Costa 'sehe Werk dagegen setzt die Untersuchuogsmethode 
als bekannt voraus und befasst sich mehr mit dem Gedankengang, durch welchen im 
einzelnen Fall der Practiker die Diagnose macht. Wir haben es also hier mit der Lehre 
von der Erkennung der einzelnen Krankheiten zu thun. Dem entspricht auch die Ein- 


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theilung des Bucheß, die insofern an die Üblichen Eintheilungen der Handbücher der 
Bpeciellen Pathologie und Therapie erinnert, als z. B. ein Hauptabschnitt sich mit den 
Nervenkrankheiten, ein anderer mit Hautkrankheiten, ein dritter mit Infectionskrankheiten 
befasst u. s. f. Der principielle Unterschied liegt jedoch darin, dass innerhalb dieses 
RahmenB rein syroptoroatologisch gruppirt wird. Bo lauten, uro ein beliebiges Beispiel 
heraussugreifen , die Ueberschriften bei dem Capitel „Krankheiten des Darms und des 
Bauchfells 8 folgendermaassen: 

1. Krankheiten mit paroxysmalen 8chmerianfällen im Abdomen ohne Druckempfind¬ 
lichkeit und Fieber (Colik). 

2. Krankheiten mit Schmerzen am Abdomen, erhöhter Druckempfindlicbkeit und Fieber 
(Peritonitiden etc.). 

3. Krankheiten, bei denen 8tublverstopfung ein hervorragendes 3ymptom ist (Obsti¬ 
pation, die verschiedenen Ileusformen). 

4. Krankheiten, die durch pathologische Darmausleerungon gekennzeichnet sind. 

5. Krankheiten, die von Erbrechen und Diarrhoe begleitet sind. 

Dies Beispiel dürfte genügen, um einen ungefähren Begriff von dem Plan des Buches 
so gebeo. Der practisohe Werth des bis jetst, so viel Ref. weiss, io seiner Art allein 
stehenden Werkes wird durch die Thatsache bestätigt, dass dasselbe im Englischen 6 
und im Deutschen binnen 4 Jahren 2 Auflagen erlebt hat. Das Buch enthält 40 Holz¬ 
schnitte und ist in seiner 2. Auflage ungewohnter Weise nicht „vermehrt 1 *, sondern in 
seinem Umfang verkleinert. SakH (Bern). 


Cantonale Correspondenzen. 


Thurgau. Dr. U«4. htdlek B#tk, Amrisweil (Thurgau) +. Dem Freuode und 
Collegen, der vergangenes Frühjahr im schönsten Mannesalter von uns geschieden ist, 
sei nachträglich ein Kränzchen der Erinnerung aufs Grab gelegt. 

Rolh wurde im Mai 1852 in Wigoltingen geboren; der mit ungewöhnlicher Leichtig¬ 
keit lernende Knabe schien auch seinen Eltern für eine wissenschaftliche Berufsart prä- 
destinirt und kam schon mit 11 Jahren an die tburgauisohe Gantonsschule , deren Gym¬ 
nasium er bis im Herbst 1870 absolvirte. Nach bestandener Maturität bezog er als 
Studirender der Medicin die Universität Zürich, woselbst er — mit Unterbruch eines 
lebensfrohen Semesters in Heidelberg im Sommer 1871 — mehrere Jahre verblieb. In 
gesunder urwüchsiger Art verstund er es, die Poesie des 8tudentenlebens eu gemessen, 
ohne deshalb den Hauptzweck der Studienzeit aus dem Auge zu lassen. 3ein Humor 
war unbezahlbar, seine köstlichen Einfälle leben in Traditionen fort. 

Nach bestandenem Staatsexamen bekleidete er längere Zeit — beliebt bei Kranken 
und Vorgesetzten — das Amt eines Assistenzarztes am 8pital zu St. Gallen. Im alten 
Horte der mediciniBchen Wissenschaften — in Wien — vervollkommnet« er sein Wissen 
und Können, bevor er im Jahre 1877 sich in Märstetten als practisoher Arzt niederliess. 
Mit Bedauern sah ihn die dortige Bevölkerung nach wenig Jahren einen andern Wir¬ 
kungskreis beziehen und nach Amrisweil übersiedeln. Es war nicht anderB zu erwarten, 
als dass er auch dort in kürzester Zeit durch seine Tüchtigkeit und Pflichttreue sich das 
allgemeine Zutrauen und die Liebe seiner Kranken erwarb. Mit dem Abschluss eines 
überaus glücklichen Ehebündnisses floss sein vielbewegtes Leben in die ruhige Bahn einer 
behaglichen, stillen Häuslichkeit. Dabei war es ihm inmitten einer grossen Berufstätig¬ 
keit vergönnt, durch eine fleissige Arbeit — Zur Chirurgie der Gallenwege — zu zeigen, 
dass sein wissenschaftlicher Eifer unter dem Drucke der täglichen Geschäfte nicht Noth 
litt. Die Arbeit — mit welcher er in Basel promovirte — erfuhr in verschiedenen fach¬ 
männischen Zeitschriften sehr günstige Beurteilung (z. B. Corr.-ßl. 1887, Nr. 24). Die 
Nacht brach ein im Gemüthsleben unseres Freundes, als ihm seine vorzügliche Gattin 
durch den Tod eotrissen wurde. Früher der Fröhlichsten Einer, batte der schwere 
8chicksalssohlag fast menschenscheuen Trübsinn über ihn gebracht. Erst in der aller- 
leisten Zeit schien die Elasticität seines Geistes wieder Herr über die Verhältnisse zu 
werden. Da machte ein latentes somatisches Leiden, das sich bei der Obduction als 


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Carcinom des Netzes, Dickdarms und der Leber entpuppte — durch eine jähe Catastrophe 

— Perforativ-Peritonitis — seinem Lebeu ein Ende. Er starb vollständig klaren Be¬ 
wusstseins, ruhig und gelassen mit dem Gefühl, eine fürchterliche Last ablegeo zu können. 

— Wer den verstorbenen Freund von der richtigen Seite kannte, wird sein Andenken in 

Ehren halten. Haffler. 

Zürich. Zir Antisepsis« Die Jodoform-Wundbehandlung hat so viele Erfolge 
aufzuweisen, dass dieselbe für sich allein oder mit andern Antisepticis combinirt der 
Chirurgie dienstbar bleiben wird. Verbesserungen können aber stets noch gemacht werden 
und so glaube ich dass die Mittheilung des Nachstehenden auch weitere Kreise interes- 
siren dürfte. Für Höhlenwunden (Laparotomie, Necrotomie, Osteotomie, Evidement etc.) 
sind Jodoformgazestreifen im Gebrauch, die bald breiter, bald schmäler, bald einfach, bald 
mehrfach, bald von gewöhnlicher, bald von klebeuder (Billroth) Jodoformgaze geschnitten, 
bald lockerer, bald fester auf einander gestopft applicirt werden. Die Erfahrung bat ge¬ 
zeigt, dass solche Gazestreifen leicht ausfasern und dass durch Zurückbleiben einzelner 
Faden in den Wunden resp Höhlen unliebsame Complicationen eingetreten sind. Gersunny 
in Wien hat, um diesem Uebelstande austu weichen , den Jodoformdocht eingeführt und 
denselben namentlich bei Laparotomien mit Vortheil in Gebrauch gezogen. Gersunny 's 
Jodoformdocht besteht aus hydrophylen Garostrangen von ca. 0,5 m. Länge, an denen 
ca. 00 Faden von der Stärke mittelgroben Strickgarnes locker zusammengedreht und 
leicht mit Jodoform imprägnirt sind. Unwillkürlich muss sich der Verdacht einetellen, 
ob nicht das Lose, der gerioge Zusammenhang dieses Dochts gerade dazu angethan sei, 
dass sich *in der Wundhöhle ein Faden absoudere. Zurückbleiben und dadurch Unheil an- 
richten oder doch wenigstens Verlängerung der Heilungsdauer bewirken könnte. Meine 
seit Jahren vergeblich gemachten Nachfragen nach Binden aus hydrophylem Stoff mit 
gewobenem, also nicht ausfaserndem Rande waren endlich vergangenen 
Herbst von Erfolg, indem die Baumwollweberei Max Kermes in Hainichen (Sachsen) mir 
bydrophyle Gazebinden mit gewobenen Rändern, also Bande von beliebiger Breite (2 bis 
10 cm.) und Länge übersandte. Ich imprägnire diese Binden, nach vorausgegaugener 
Sterilisation, mit verschiedenen Procenten reinen (sterilisirten) Jodoforms und glaube in 
diesem Jodoformband ein ganz vorzügliches Material zur io Frage stehenden Wund¬ 
behandlung zu besitzen. 

Es wird der Technik ein Leichtes sein, dieses Jodoformband auf einer dpuhle auf¬ 
gewickelt in einem Behälter nach Art der Taschencentimetermaasse anzubringen, aus dem 
dann die verschieden nothwendigen Längen entnommen werden können. Es wird auoh 
möglich sein , Jodoformband bis auf 16—20 cm. Breite herzustellen , so dass dasselbe 
auch für Bedeckung vereinigter oder flächenhafter Wunden dient. Selbstverständlich ist 
es noth wendig, dass an den Schnittenden allfällige lose Faden ausgefasert werden, eo 
dass ein Abfallen und Zurückbleiben von Fasern in der Wunde absolut ausgeschlossen ist. 

Die Erfahrung lehrt, dass namentlich der meist allein stehende Landarzt auf Nie¬ 
mandes Hülfe rechnen darf, insofern die antiseptische Wundbehandlung ihm in Fleisch 
und Blut übergegangen ist und dass dadurch der Vorrath des Verbandstoffes (namentlich 
der Jodoformgaze) der Gefahr der Verunreinigung durch die blutigen Hände des Arztes 
selbst ausgesetzt ist, z. B. wenn rasch ein Jodoformgasestreifen etc. soll geschnitten 
werden. Diesem Uebelstande steuert das in einer Hülse (Büchse) aufgerollte Jodoform¬ 
band ganz ausgezeichnet. 

Die Kermes’schen Gazebinden werdou auch Jenen dienen, die sich an andere Anti- 
septica halten; Bismuth, Zink, Alembrottsalz u. s. w. 

Kl. Andelfingen. Sigg . 


W ochenberich t. 

Schweiz. 

— Herr Prof. Dr. Frankenhäuser , Director der geburtshülflichen und gynäkologischen 
Klinik in Zürich, wird auf sein Gesuch von seiner Stelle als ordentl. Professor ent¬ 
lassen und wird, wie wir hören, im Frühjahr von Zürich wegzieben. 


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St. Gallen 

Chaux-de-fonds 

Luzern 

Neuchätel 

Winterthur 

Biel 

Schaffhausen 

Fribourg 

Herisau 

Locle 


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Ausland. 

Zar SabllMtfirage. Voo Dr. Garte. 

„Nachdem der Sublimat in der Antisepsis alle anderen concurrirenden Mittel bie auf 
weiteres aus dem Felde geschlagen hat, ist es der Wunsch der Chirurgen, dies wichtigste 
HOlfsmittel überall und su jeder Zeit zur Öand zu haben. Es gilt als Regel, dass die 
SublimatlOsungen mit destillirtem Wasser hergestellt werden müssen, damit dieselben un- 
zersetzt und wirksam bleiben. Da es nun aber in manchen Fällen sehr unbequem, ja oft 
z. B. im Kriege geradezu unmöglich ist, eich mit dem nöthigen destillirten Wasser zu 
versorgen, ist von verschiedenen Chirurgen die Frage aufgeworfen, ob es denn wirklich 
nicht ausführbar sei, mit gewöhnlichem Wasser Sublimatlösungen herzustellen, welche 
den Anforderungen entsprechen. In Mönchen und Qöttingen hat die Frage schon experi¬ 
mentelle Bearbeitung gefunden und sind die Resultate durchaus befriedigend gewesen. 

Im Februar 1887 ersuchte mich Herr Prof. Sodn in Basel, auch mit dem Wasser 
der städtischen Wasserleitung in Base), dem harten Orellingerwasser, Versuche in der 
angedeuteten Richtung zu machen. Ich habe Ende Februar vier verschiedene 8ublimat- 
lösungen hergestellt und sind dieselben dann von Herrn Dr. Garte auf ihre Wirksamkeit 
untersucht worden. 

Nachdem die Lösungen von Ende Februar bis Anfang August in mit Korken ver¬ 
schlossenen, aber nicht mehr ganz gefüllten weissen Flaschen, also nicht gegen Licht 
geschützt, aufbewahrt waren, sind mir dieselben zur weiteren chemischen Untersuchung 
übergeben worden. 

Die vier Lösungen, welche zur Unterscheidung nur durch Nummern bezeichnet waren, 
hatten folgende Zusammensetzung: 

Nr. I. 0,2 Öublimat auf 200 cc. destillirtes Wasser. Die Lösung zeigte kein be- 
achtenswerthes Döpöt am Boden, dagegen war an der Stelle der Flasche, wo das Niveau 
der Flüssigkeit mit der Luft in Berührung gekommen war, ein Beschlag an der Flaschen¬ 
wandung su bemerken. Die filtrirte Lösung wurde dann auf den Gehalt an unzersetztem 
Sublimat untersucht. 

100 cc. gaben 0,116 Quecksilbersulfid , was einem Gehalt von 0,131 Quecksilber¬ 
chlorid entspricht, ln 100 cc. waren unser setzt vorhanden 0,0866 Hg CI,, Verlust 0,0145. 

Nr. II. 0,2 Sublimat und 0,2 Kochsalz in 200 cc. Wasser der Basler Leitung. Ddpöt 
unbedeutend, Beschlag an der Flaschenwandung deutlich, weise, crystallinisch. 

160 cc. gaben 0,102 Quecksilbersulfid, was einem Gehalt von 0,119 Quecksilber¬ 
chlorid entspricht. In 100 cc. waren unzersetzt vorhanden 0,0792 Hg Clj, Verlust 0,0208. 

Nr. 111. 0,2 Sublimat und 0,2 cryst. Essigsäure in 200 cc. Wasser der Basler Leitung. 
Döpöt ganz unbedeutend, kein Beschlag an der Flaschenwandung. 

160 cc. gaben 0,117 Quecksilbersulfid, was einem Gehalt von 0,136 Quecksilber¬ 
chlorid entspricht, ln 100 cc. waren unzersetzt vorhanden 0,0906 Hg CI), Verlust 0,0094. 

Nr. IV. 0,2 Sublimat in 200 cc. Wasser der Basler Leitung. Ddpöt unbedeutend, 
Beschlag an der Flaschenwandung wie bei 1. und n. 

160 cc. gaben 0,102 Quecksilbersulfid f was einem Gehalt von 0,119 Quecksilber¬ 
chlorid entspricht, ln 100 cc. waren unzersetzt vorhanden 0,0792 Hg CI*, Verlust 0,0208. 

Aus Vorstehendem ist ersichtlich , dass sich recht gut wirksame Sublimatlösungen 
unter Verwendung von gewöhnlichem Wasser hersteilen lassen. Ein Zusatz von cryst. 
Essigsäure, und zwar auf 1 grm. Sublimat 20 Tropfen 8äure, macht die Lösung sehr 
haltbar; eine solche übertrifft sogar diejenige mit destillirtem Wasser. Ein Kochsalz— 
zusatz übt keinen bemerkbar günstigen Einfluss aus, da die Zersetzung unter den gleichen 
Bedingungen genau so weit gebt, wie in der Lösung mit gewöhnlichem Wasser ohne 
jeden Zusatz. Es ist überdies ja wohl in keinem Falle erforderlich, dass sich Sublimat¬ 
lösungen fünf Monate lang activ erhalten. Für den gewöhnlichen Gebrauch und in Noth- 
fälleu lassen sich wirksame Lösungen mit gewöhnlichem Wasser hersteilen. Ist aber 
z. B. in Feldlazarethen und auf Verbandplätzen nur Wasser zu beschaffen, dessen relative 
Reinheit Bedenken erregt, dann wird es sich empfehlen, das Wasser vorher zu kochen 
und durch sterilisirte Baumwolle zu filtriren; zwei Operationen, die sich in den meisten 
Fällen gewiss ausführen lassen. Unbedingt erforderlich ist diese Maassnahine, wenn daa 


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Wasser Ammoniak enthalten sollte, weil dadurch Sublimatlösungen sofort zersetzt werden. 
— Aber auch in diesem Falle würde Essigsäure ein passendes Corrigens sein.“ 

Casimir Nienhaus . 

Vorstehender, sehr verdaukeuswerther Untersuchung des Herrn Apotheker Nienhaus 
füge ich bei, dass alle 4 Sublimatlösungen, auf ihre desinfectorische Kraft geprüft, 
durchaus befriedigende Resultate ergaben. Der Eitercoccus wurde nach kurzem Contact 
(5—15 Sec.) mit der Sublimatlösung ertödtet , selbst die äusserst resistenten Milzbrand- 
sporen vermochten nur wenige Miuuten der vernichtenden Kraft zu widerstehen. 

Aus einer Arbeit Fürbringer *s (Deutsche Medicinal-Ztg. 1886, Nr. 68) geht hervor, 
dass Sublimatlösungen mit Brunnenwasser 1 : 1000 angesetzt sich langsam zersetzen. 
Der Sublimst geht mit den in Wasser gelösten doppelkohlensauren alcalischen Erden un¬ 
lösliche Verbindungen ein, Hg Trioxychlorid — denen jede desinfectorische Kraft abgeht. Je 
mehr Kalk und Magnesia das Quellwasser enthält, d. h. je härter es ist, um so weniger 
eignet es sich zur Bereitung haltbarer Sublimatlösungen. 

Aus den oben angeführten Gründen der Bequemlichkeit und auch des Kostenpunktes 
halber versuchte man haltbare Sublimatlösungen mit Brunnenwasser zu gewinnen, indem 
man durch verschiedene Ingredienzien die alcalischen Erden des Wassers der Einwirkung 
auf das Quecksilberbichlorid zu entziehen suchte. 

So empfahl Prof. Angerer in München einen Kochsalzzusatz •) und zwar dem Ge¬ 
wichte nach entsprechend dem Sublimatgebalt (Chlornatr. und Suhl. äi). Dadurch erhielt 
er auch mit gewöhnlichem Brunnenwasser vollständig klare und haltbare Sublimatlösungen. 
Ueberdies wurden durch die bacteriologischen Untersuchungen Emmerich'* bestätigt, dass 
die antiseptische Kraft der Lösung durch diesen Sublimatzusatz nicht im geringsten be¬ 
einträchtigt wurde. 

Prof, ehern. K. Meyer stellte chemische Control-Untersuchungen *) hinsichtlich der 
Haltbarkeit dieser Kochsals-SublimatlÖsungen an und fand, dass allerdings das Koch¬ 
sais eine sehr bedeutend conservirende Wirkung auf die Lösungen in offenen und lose 
verschlossenen Gefässen ausübt, — dass es aber nicht gelingt, die Ausscheidung von Queck¬ 
silber bei gut verbundenem Gefässe im Göttinger Leitungswasser zu verhindern; ja bei 
verkorktem Gefässe wirkte auffallender Weise die von Angerer empfohlene Koohsalz- 
menge nur wenig conservirend Es waren nämlich nach 88 Tagen von 0,2 grm. Sublimat 
0,192 grm. in Lösung verblieben, oder 0,008 grm. ausgefallen, während ohne Kocbsalx- 
susats im günstigsten Falle (bei gut verkorktem Gefäss) 0,0087, also nur wenig mehr, 
ausfiel. 

Nach Nienhaus' Untersuchungen der verschiedenen Sublimatlösungen, die 5 volle Mo¬ 
nate verkorkt blieben, zeigte sich nach dieser Zeit, dass sowohl bei Kochsalzzusatz, als 
auch ohne denselben im Basler Leitungswasser der Ausfall an unlöslicher Quecksilber- 
verbindung sich genau gleich stellt, nämlich von 0,2 grm. ein Verlust von 0,0208 grm. 

Das günstige Verhältnis erklärt sich wohl aus der geringen Härte des Basler Lei¬ 
tungswassers — dessen kleinen Gehalt an doppelkohlensauren alcalischen Erden. Es 
erweist sich demnach der Kochsalzzusatz bei Sublimatlösungen, die mit Basler Leitungs¬ 
wasser hergestellt sind, als absolut nutzlos. Selbstverständlich gilt dies nicht für andere 
Qnellwasser — wie schon aus den Göttinger Untersuchungen hervorgeht, wo Meyer eine 
Differenz von 0,0007 grm. auf 0,2 grm. Sublimat fand — doch dürfte es für den pract. 
Arzt von Interesse sein, durch eine grössere Untersuchungsreihe die Verwendbarkeit ver¬ 
schiedener Quell- und Brunnenwasser zu Sublimatlösungen festzustellen ; eventuell kann 
diese direct aus dem Härtegrad annähernd berechnet werden. — 

Falls die Sublimatlösungen mit Leitungswasser unmittelbar nach ihrer Her¬ 
stellung zur Verwendung kommen, haben sie noch ihre volle antiseptische Kraft, denn 
die Ausscheidung der unlöslichen OxyChloride erfolgt in allmäliger Weise, erst nach 
Stunden. Das mag ein willkommener Trost für den pract. Arzt sein, der Sublimat in Substanz 
(vielleicht in Pulver zu 1 grm. abgetheilt) bei sich trägt und jeweilen nach Bedarf die 
Lösungen auf dem Lande mit Brunnenwasser sich herstellt. 

Fürbringer hat uns aber gezeigt, wie solche Lösungen in wenigen Tagen nicht nur 


•) Centralblatt für Chirurgie Nr. 7, 1887. 
•) l c. Nr. 24, 1887. 


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ihre antiseptische Wirkung völlig verlieren, sondern sogar in wenigen Tagen bei freiem 
Luftzutritt den hineinfallenden Luftkeimen geradezu als Nährboden dienen. Solche „so¬ 
genannte“ Sublimatlösung zeigte nach einer Woche auf den ccm. 73 entwicklungsfähige 
Keime, während das dazu verwendete Leitungswasser im gleichen Quantum nur 40 Bac- 
terien aufwies. 

Ausser dem Kochsalzzusatz wurden ferner auf Empfehlung von Fürbringer Säuren 
dem Wusser zugesetzt, um das Ausfallen unlöslicher Sublimatverbindungen zu verhindern, 
und zwar eignen sich nach seinen Angabeu hiezu „alle Säuren, die fähig sind, die 
kohlensauren Salze zu zersetzen und die gleichzeitig auf den Sublimat als solchen keinen 
Einfluss Üben, so die Schwefel-, Sale-, Salpeter-, Saiicyl-, Essigsäure etc.“ 

ln unseru Untersuchungen ist speciell auf die Essigsäure Rücksicht genommen. 
Nienhaus ’ Analyseo zeigen, dass bei einer Lösung von Sublimat mit cryst. Essigsäure zu 
gleichen Theilen in Leitungswasser nach 6 Monaten auf 0,1 grm. Sublimat nur 0,0094 grm. 
durch Ausfallen verloren gehen. Dies Resultat darf im Vergleich zu der Kochsalz- 
Sublimatlösung, in der 0,0208 grm., ja sogar gegenüber der Lösung in destillirtem Wasser* 
mit 0,0145 grm. Verlust aut dasselbe Quautum Sublimat als ein sehr gutes bezeichnet 
werden. Auch bei bacterioscopischer Prüfung zeigt sich diese Lösung den übrigen durch¬ 
aus äquivalent — was auch Fürbringer in seiner Arbeit hervorhebt. F fügt hinzu , dass 
solche Essigsäure-Sublimatlösungen da am Platze seien, wo die Natur hartes, aber reines 
Wasser spendet, besonders in der Armen- und kleineren Privatpraxis beim Bedarf grosser 
Quanta, zur Desinfection von Kleidern und Qeräthen, Waschen von Dielen und zur Des- 
infection der Hände. — 

Ich bin noch einen Schritt weiter gegangen und habe diese Sublimatessigsäurelösung 
direct zur Wundbehandlung benutzt und zwar sowohl zur primären Desinfection der 
Wunden, als auch zur Bereitung antiseptischer Verbandstoffe, ln beiden Beziehungen 
konnte ich mit dem Erfolg wohl zufrieden sein, indem sich gegenüber den mit destillir¬ 
tem Wasser hergestellten Subhmatlösungen kein Unterschied zeigte, und auch von Pa¬ 
tienten als nicht schmerzhafter (d. h. stärker brenueudj bezeichnet wurden. Meine ur¬ 
sprüngliche Befürchtung, dass durch das Auflegen von feuchten Verbandstoffen, die mit 
dieser Lösung getränkt waren , leicht Eczeme der Haut entstehen möchten (durch die 
quellenden Wirkungen der Essigsäure) , hat sich nicht bewahrheitet. Somit können wir 
solche Lösungen dem pract. Arzt zur Wundbehandlung ruhig empfehlen; — sie sind von 
Vortheil wegen der geringen Kosten, der leichten und raschen Herstellung und endlich 
der sichern desinficirenden Wirkung. — 

Dr. Stütz hat berechnet, dass bei einem maximalen Calciumoxydgehalt von'0,2 per 
Liter (entsprechend 20 Härtegraden) dem Wasser 0,446 grm. 96% Acid. acet. Ph. G. 11 
zugesetzt werden müssen, um die Bicarbonate unschädlich zu machen und mit Brunnen¬ 
wasser haltbare Sublimatlösungen herstelleu zu können. Also dürfte für alle Fälle die 
Vorschrift Acid. acet. couc. 0,5, Hydrarg. bichlor. cor. 1,0 Aq. font. 1000,0 genügen. 

Ziegenspeck empfiehlt zu gleichem Zwecke 0,5 grm. Citroneusäure pro Liter. Solche 
Lösungen werden seit Jahren auf der geburtshülflichen Klinik zu Jena mit Vortheil ver¬ 
wendet. 

Noch ein Wort über die Sublimat-Kochsalz-Pastillen. Prof. Angerer hat 
diese bekanntlich in der Praxis eingeführt. Doch höre ich von verschiedenen Seiten, 
dass sich dieselben nach einiger Zeit verfärben und der Sublimat darin zersetzt wird. 

Speciell macht Dr. H. Eckenroth in der Pharm. Ztg. darauf aufmerksam, dass bei der 
Darstellung der Sublimat mit Eisen (der Pressvorrichtung) in Berührung kommt und 
somit die Pastillen, in Folge der theilweisen Reduction des Salzes, a ) fast ohne Ausnahme 
ein graues bis schwarzes Aussehen bekommen. 

Dass das Publicum nicht gewohnt sei, Gifte in Pastillenform zu sehen , kann uns 
nicht so sehr erschrecken wie Dr. E ., denn die Pastillen sind einzig für den Arzt be¬ 
stimmt. 

Eine handliche und für den Arzt ganz practiscbe Zusammenstellung von l grm. 
Sublimatpulver in Carta cerata (mit besonderem Giftzeichen versehen) und dazu concen- 


•) Untersuchungen und Vorschriften über die Desinfection der Hände des Arztes 1888. 
*) Das Eisen entzieht dem Sublimat überdies auch langsam das Chlor, 


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trirte Essigsäure io Tropfglas (10 Tropfen auf 1 Liter) hat nun Herr Apotheker Nienhaus 
susammengestellt — ich mache die Herreo Collegen darauf aufmerksam. 

Der Sublimat wird io ausgiebiger Weise zur Desiofection der Hände benutzt. 
Es trägt eich nun , io wie fern sich der Gebrauch alcalischer Seifen mit den Sublimat- 
lösungen im Allgemeinen verträgt — ohne Rücksicht darauf, ob sie mit oder ohne Säure - 
susata hergestellt sind. Ziegenspeck *) und Liebreich 3 ) haben sich eingehend darüber ge- 
äussert. Bei Zusatz von Sublimatlösung zu concentrirter Seifenlösung entsteht ein wol¬ 
kiger Niederschlag, woraus Z. schliesst, dass eio Theil des Sublimat niedergeschlagen 
wird. Wenn auoh Liebreich dagegen ins Feld führt, dass dieser Niederschlag bei Ueber- 
schuss von Seife sich wieder löst, so bat das für die practische Seite der Frage keine 
Bedeutung. Nichtsdestoweniger leistet uns die Seife bei der Desinfectioo vorzügliche 
Dienste. Die Haut wird entfettet uod die Epithelien erweicht , was dem Aotisepticum 
erst zu seiner volleo Wirksamkeit verhilft. Nur sollen wir unsere Seife nicht mit dem 
8ublimat zusammenbringen, sondern das letztere erst nach Abspülen der Seife von den 
Händen oder dem zu desinficireuden Operationsfelde. 

Die Sublimatseifen von Unna, Geissler u. A., hergestellt durch Ueberschuss von freiem 
Fett oder von freien Fettsäuren sollen für längere Zeit (bis 4 Monate) den Sublimat un- 
zersetzt erhalten, — doch sind meines Wissens bisher nooh keine absolut haltbaren 
Sublimataeifen dargestellt, und so lange müssen wir uns hüten , durch vertrauensseligen 
Gebrauch solcher Präparate folgenschweren lllusiouen Uber deren eigentlichen Werth uns 
hinzugeben. 

Es mag des fernem für den pract. Arzt von Interesse sein, etwas zu hören von der 
aseptischen Beschaffenheit und der a n t i se p t i s c h e n Wirkung der 
Sublimat-Verbandstoffe. Es liegen uns hierüber Untersuchungen vor von 
Schlange, Lafßer und Laplace. 

Ersterer untersuchte die käuflichen Sublimat-Verbandstoffe und fand sie ausnahmslos 
bacterieohaltig — also nicht aseptisch. Auch die antiseptischen Eigenschaften erwiesen 
sich alt» sehr geringfügig, indem ein relativ kleiner Theil des in den Verband aufgenom¬ 
menen Wundsecretes speciell des Blutes genügte, um sämmtliches in 1*/,, Sublimatgaze 
enthaltene Sublimat in unlösliches Quecksilberalbuminat überzuführen. 

Lcefßer führte die gleichen Untersuchungen an den in der deutschen Armee einge- 
führten Sublimat-Verbandstoffen durch, die in 3—4%« Sublimat mit einem Zusatz vou 
167.7. Glycerin Eur Imprägniruogsflüssigkeit enthielten. 3 ) Das Glycerin verhindert das 
Ausstäuben des Sublimats nach Abdunsten des Alcohols uod des Wassers. Dementspre¬ 
chend erwiesen sich alle Präparate aseptisch. Auch hinsichtlich der antiseptischen Wir¬ 
kung hatte L. gute Resultate zu verzeichnen, indem nach seiner Berechnung 1 grm. Ver¬ 
bandstoff mit 0,004 Sublimatgehalt im Stande ist, ca. 2 grm. faulen Blutes zu sterilisiren. 

Mit anderer Verauohsanordnung erzielte Laplace 4 ) weniger günstige Resultate über 
die antiseptische Wirkung 1%« Sublimatlösuug. Er brachte nämlich Blutserum tropfen¬ 
weise in 1% # Sublimatwasser und fand, dass */, ccm. Serum bereits im Staude ist, 5 ccm. 
der Sublimatlösuag durch Ausfällen von natürlichem Quecksilberalbuminat seiner antisep¬ 
tischen Eigenschaften zu berauben. — Seine weitern Versuche, die Bildung des Albuminat- 
Niederschlage® zu verhindern, führten Laplace, der seine Arbeit unter ffocA’s Aegide aus¬ 
führte , zu interessanten Versuchen mit bemerkenswerthen Erfolgen. — L. fügte den 
Subiimatlösungen, die zur Imprägnirung der Verbandstoffe bestimmt waren , 2% Wein¬ 
säure hinzu. Die desioficirende Wirkung der Sublimatlösung in eiweisshaltigen 
Flüssigkeiten schieo damit um ein bedeutendes erhöht zu sein und nicht weniger 
die direct bacterientödtende Fähigkeit bei einem Zusatz voo 5%« Acid. tartar. 

Von gleich günstiger Wirkung war ein Zusatz von 2°/, Salzsäure — sowohl zu 
Sublimat- als zu Carbollösungen. Sublimat-Salzsäurelösungen zerstörten Milzbrandsporen 
in kürzerer Zeit, als dies gleichprocentige Sublimat- oder Salzsäurelösung allein zu voll¬ 
bringen im Stande war. — 

) Centralblatt für Gynaecologie 1886, Nr. 84 und 1887, Nr. 10. 

*) Therapeutische Monatshefte Nr 1, 1887. 

•) Die Vorschrift lautet: Sublimat 50,0, Spiritus 5000,0, Glycerin 2600,0, Aq. dest. 7600,0. 
Dieses Quantum soll für 10 Kilo Verbandstoff ausreicheu. 

4 ) Deutsche med. Wochenschr. Nr. 40, 1887, 


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Diese Versuche — für Acid. muriat. und tartar. durchgeführt — gelten wohl im 
Allgemeinen für die sauren Subliraatlösungen, und ich darf, ohne specielle Controlversuche 
hinzuzufügen, die sehr günstigen Resultate auch für die von mir in der chirurgischen Poli¬ 
klinik angewandte Sublimat-Essigsäurelösung in Anspruch nehmen. Zum mindesten 
sprechen die absolut günstigen practischen Erfolge biefür. 

— Sekllbygteiie« Das österreichische Unterrichtsministerium hat an sämmtliche 
Landessohulbehörden den Erlass gerichtet, den Gebrauch schlecht ausgestatteter Klassiker- 
texte an den Mittelschulen zu verbieten, die in Folge ihrer mangelhaften typographischen 
Ausstattung auf die Sehkraft der Schüler schädlich wirken. Durch diese Maassregel wird 
hauptsächlich die Reclam'sche Klassikerausgabe und ähnliche „augenmörderische“ Volks¬ 
ausgaben betroffen. 

— Geheimrath Prof. Naünyn in Königsberg i. Pr. bat den Ruf als Nachfolger Kuss» 
maut s in Strassburg i. E. angenommen. 

— Locale Aiastkesie. Statt der subcutanen Cocain inj ectionen bedient sich Wagner 
in Wien des constanten Stromes; die positive Electrode, mit 5%iger Cocalnlösung getränkt, 
wird auf die Hautstelle aufgesetzt. 

Das Verfahren wird neuerdings von Reynolds warm empfohlen , der vorzügliche Re¬ 
sultate damit erzielte und es der subcutanen Applicationsweise vorzieht. 

— Agaricin gegea Schweiss der Phthisiker. Lauschmann conatatirte recht gün¬ 
stige Wirkung bei Anwendung des Agaricins. Da dies Mittel aber leicht Diarrhoen her¬ 
vorruft, verabreichte er es in 0,005 bis 0,01 gr. stets mit Pulv. Doveri. Eine nachtheilige 
Wirkung auf Herzthätigkeit, Athmung oder Temperatur wurde nicht beobachtet. 

(Therap. Monatshefte, 1887.) 

— SozojodoL Ein neues Mittel, mit antiseptischer Kraft ausgestattet, wird vom Der¬ 
matologen Lassar in Berlin empfohlen. Es ist vom Hause U. Trommsdorff in Erfurt her- 
gestellt, frei von jedweder Beimengung und stellt eine Verbindung der drei wirksamsten 
Antiparasitica: Jod (42%), Phenol und Schwefel dar. Es bildet weisse, schuppenförmige 
Krystalle, ist geruchlos, zersetzt sich nicht durch Licht und ist leicht löslich in Wasser 
und Alcohol. Seine absolute Reizlosigkeit auf gesunder und kranker Haut, im Verein mit 
seiner antiseptischen Wirksamkeit, garantiren diesem neuen Mittel eine hervorragende 
Stelle im dermatologischen Arzneischatz. 

Lassar verwendet es rein oder gemischt wie Jodoform in 5% und 10% Streupul¬ 
vern und Pasten (mit der Grundlage Zink-Amylum-Vaselin) und beobachtete günstige 
Erfolge bei Ekzemen jeder Provenienz, Herpes, Impetigo — Hautmycosen, Beingeschwüren. 
Die Resultate umfassender Verauohe sollen später veröffentlicht werden. 

(Therap. Monatshefte, Nov. 1887.) 


Stand der Infeetione-Krankheiten« 


Zürich j 8. I.-14. 1. 

o. Ao9sengem. / 15. I.-21. I. 

I 1. 1.- 7. 1. 

Bern < 8. I.-14. I. 

_ (15. 1.-21. I. 

Basel li. I.-25. 1. 



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Scharlach hat etwas abgenommen, statt 98 nur 71 Fälle (Grossbasel: 52 Fälle, 
Kleinhesel: 19 Fälle). 30 Kinder mit Scharlach besuchen noch keioe Schule; 3 Kinder 
haben Kleinkinderschulen besucht; 21 Fälle entfallen auf die Primär- und Mittelschulen ; 
17 Fälle endlich betreffen Erwachsene. 


Briefkasten« 

Herrn Prot. Dr. Flesch , Berlin. Ihrem Wunsche gemäss notieren wir, dass pag. 60, Zeile 21 v. 
n., in lesen ist „besw.“, pag. 51, ZI. 1: Mervouet , ZI. 6: Hauptrolle, ZI. 22 : Hirnfurchen. Frdl. Grüsse. 

Schweighauserische Buchdruckerei. — B. Schwabe, Verlagsbuchhandlung in Basel. 


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Erscheint am 1. nnd 15. 


für 


jedes Monats. 
Inserate 


Schweizer Aerzte. 


35 Cts. die gesp. Petitzeile. 


Herausgegeben von 


Preis des Jahrgangs 
Fr. 12. — für die Schweiz, 
Fr. 14.50 für das Ausland. 
Alle Po8tbureaux nehmen 
Bestellungen entgegen. 


Dr. A. Baader 
in Basel. 


und Dr. C. Garrfe 9 
Dooent in Basel. 


n: 4. 






XYIII. Jahrg. 1888. 


15. Februar. 


Iahslt: 1) OrigLrtTi’fjVffe n: DW Fr, Hoech: Einseitige Accommodationsparese mit Mydrfuis bei inveterirter Syphilis. 

— Dr. J. M. Ludwig:weher Diphtherie. — 2) Yereinsberichte: Mediciniech-pharmacentischer Bezirksverein von Bern. — 
2) Beferatr^VtTi'MrProf. Dr. Paul Brun»: Beiträge znr klinischen Chirurgie. — Dr. 0. A. Zitgeier: Die Analyse 
des Wassyl. — Dr. J, Braun: Systematisches Lehrbuch der Balneotherapie, einschliesslich der Klimatotherapie der Phthisis. 

— Dr. JHmwi Chyter: Die namhafteren Curorte und Heilquellen Ungarns und seiner Neben länder. — Dr. Kaüay: Illustrirter 
Curorte-Almsnaeh. — Ctfo^onale Corresponden aen: Acten der schweizerischen Aerztecommission. — Baselland: Zur 
Casuistik der Blasentumoren. — Bern; Milzbrand. — Thnrgau: Drei Fälle seltener Muskelerkrankung. — Waadt: Concordat 
mit EngUtai. — 5) Wochenbericht: Prof. Dr. Wydtr, — Zürich: Zur Richtigstellung. — Zur Sublimatfrage. — Ueher das 
Verhaltender Cerehvoepinalmeningitis zu den Infectionskrankheiten. — Aetiologie und Therapie des Erysipels. — Zur Therapie 
des Rachen caUrfo. — InfecM ons krank hei ten in Zürich, Bern und Basel. — 7) Hfilfskasse für Schweizer 
Aerzte. — 8) Bibliographisches. 


Orijj^pfeiHArbeiteii. 

Einseitige Accommoda|ionsparese mit JMydriasis bei inveterirter Syphilis. 

^Von Dr. Fr. Hos^h in Basel. 

Von jeher war man Von ärztlicher Sfcite bestrebt, die Bewegungen der Iris 
und die damit in naher Verbindung' stehende Accominodation für die Diagnose 
und Prognose, namentlich der Nervenkrankheiten, zu verwerthen. In Folge dessen 
hat sich im Laufe der Zeit eine sehr ausgedehnte Literatur über diesen Gegen¬ 
stand angesammelt, von der jedoch heute, wo wir die anatomischen und physio¬ 
logischen Verhältnisse genauer kennen, relativ nur wenig sicher Constatirtes und 
wirklich Verwerthbares übrig bleibt Und doch ist es unzweifelhaft, dass noch 
manche, bis jetzt unaufgedeckte Beziehungen der Pupille und Accommodation zum 
centralen Nervensystem existiren, die eines Tages wohl erkannt und dann wesent¬ 
lich beitragen werden zur Erklärung der noch in so mancher Hinsicht dunkeln 
Affectionen jener wichtigsten Organe. 

Um hier nur von den einseitig auftretenden Abnormitäten der Pupille und Ac¬ 
commodation zu sprechen — wird z. B. die Ungleichheit der erstem bekanntlich von 
den Neuropathologen als ein sehr bedenkliches und auf beginnende Lähmungs¬ 
erscheinungen deutendes Hirnsymptom aufgefasst. 

Unzweifelhaft trifft dies auch in sehr vielen Fällen zu, namentlich wenn die 
fragliche Erscheinung von einem Auge auf das andere überspringt, also bald die 
eine, bald die andere Pupille die weitere ist, oder, wenn dieselbe Pupille abwech¬ 
selnd und in kurzen Zwischenräumen abnorm weit und wieder abnorm enge wird. 
Zahlreiche Mittheilungen und Statistiken zuverlässiger Beobachter beweisen dies 
zur Genüge. 

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Dagqga»- g e h en Piejenig cn sich er zu weit, welche jeder Fupillendifferenz diesen 
bedrohlichen Charakter beuegenN^llen. Nicht selten findet man nämlich ganz 
zufällig bei Leuten, die aus ganz^ätidern Gründen zur Untersuchung kommen, un¬ 
gleich weite, aber normal reagirende Pupillen, ohne dass irgend ein Grund vor¬ 
läge, an irgend ein tieferes Leiden zu denken. Meist haben denn auch die Be¬ 
treffenden nichts von dieser Abnormität gewusst oder geben an, dieselbe von jeher 
gehabt zu haben. Es ist entschieden fehlerhaft und gefährlich, geschieht aber 
trotzdem hie und da, solche Individuen einfach auf dieses Symptom hin als schwer 
krank zu betrachten und zu behandeln, ohne vorher über den Zustand der Accom- 
modation sich vergewissert zu haben. Ist diese in Ordnung, dem Alter ent¬ 
sprechend, so haben wir es voraussichtlich mit einem blossen Naturspiel zu thun, 
wie wir deren ja überall begegnen. Anders, wenn die ^ccdfcamodqtion mangelhaft 

oder aufgehoben ist. _ y ^ __^ 

Schon im Jahre 1874 bemerkte Mooren (ophth. Mittheilungen pag. 120), d^ss bei 
einseitiger Accommodationsparese mit Mydriasis in */ 3 der Fälle Syphilis voraus¬ 
gegangen sei. Nur ein einziges Mal waren aber noch Spuren davon zu cons&tiren. 
Die Behandlung (Jodkali, Electricität) blieben stets ohne Erfolg. ^ 

Im Jahr 1878 beschreibt Hutchinson (Med. Tim. and Gaz.) die fragliche Affection 
als Ophthalmoplegia interna und stellt sie der Qp hthalmoplegia externa, der Lähmung 
der äussern Augenmuskeln, gegenüber. Erverrl^t*'ihren Sitz, wenn sie rein, d. h. 
ohne Betheiligung äusserer Muskeln auftrftt, aus theoretischen Gründen in das Ciliar- 
ganglion. 1 ) U. beobachtete die Krankheit 8 mal, woruntoi' abei* nur 3 mal auf einer 
Seite. In 5 Fällen war Syphilis sicller zu constatirtfh, bei den übrigen wahr¬ 
scheinlich. \ 

In demselben Jahre theilt Alexander in^Aachen J^B&rl klin. Wochenschr.“ 1878, 
pag. 302) 28 Fälle — davon 7 in extenso — von einseitiger Accommodationsläh- 
mung mit Mydriasis mit und kommt dabei zu folgenden Schlüssen: Die Affection 
gehört zu den spätem und spätesten Erscheinungen der Syphilis und ist dann stets 
einseitig und wohl ausnahmslos centraler Natur. Gewöhnlich waren die frühem 
Symptome der Lues leichter und schnell vorübergehender Natur. Unter den 28 
Fällen lag 19 mal sicher, 5 mal wahrscheinlich Syphilis zu Grunde. Die Prognose 
ist in doppelter Hinsicht ungünstig; einmal erwies sich für das Augenleiden 
jede Therapie fruchtlos, während eventuell die andern syphilitischen Symptome 
schwanden; sodann folgte in 7, der Fälle psychische Störung nach. 

Seit mir die Mittheilung von Dr. Alexander bekannt geworden ist, habe ich der 
Sache meine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Vollständig uncomplicirt, d. h. 
ohne anderweitige Augenmuskellähmungen habe ich die fragliche Affection seither 
in fünf Fällen beobachtet, über welche ich Ihnen nun ganz in Kürze referiren 
möchte. 


1. Frau M., 40 Jahre, stellt sich am 21. Juoi 1882 vor mit der Angabe, dass die 
rechte Pupille seit ca. 10 Jahren weiter als die lioke sei, und dass die Gegenstände weit 

*) M&uthner (Vortrag Nr. 12, pag. 341) weist nach, dass das von Hutchinton gebrauchte „lenti- 
cular ganglion“ nicht, wie von deutschen und französischen Autoren geschehen, mit „Linsenkern“ au 
übersetzen ist, sondern dass unter dem ganglion lenticulare das in der Orbita liegende CUiarganglion 
au verstehen ist 


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vom rechten Auge weg müssten gehalten werden. Seit 1 Jahr leide sie viel an heftigem 
Kopfschmerz und Hirndruck.— Patientin hat 6 Mal gehöret): ein Kind kam todt zur Welt, 
das zweite starb am Ö. Tage, die drei andern leben und sind gesund. Seit der ersten 
Geburt leidet eie an Fluor albus. — Ferner gibt Patientin au, dass ihr Mann in den 
ersten Jahren der Ehe an „Flechten" gelitten habe, wogegen der Hausarzt Schmiercur, 
Holztrank , Jodkali verordnet habe; dass ohne bestimmten Grund ihre Gemüthsstimmung 
oft eine sehr gedrückte sei, und dass ihre Mutter geisteskrank gestorben sei. 

L. S. 1 E. — R. S. ’/, Hm. 1,0. Rechte Pupille 8 mm. i breit, starr. Accommo- 
dation stark herabgesetzt. Auf 1 Tr. Pilocarpinlösung (2%) tritt rasch Pupillenverengerung 
ein und wird geläufig feinster Druck in der Nähe gelesen. Zustand blieb sich seither 
gleich. 

2. Herr 8t., 26 Jahre, macht am 27. Märe 1884 zum ersten Mal beim Aufstehen die 
Bemerkung, dass die rechte Pupille weiter ist, als die linke, und dass mit dem rechten 
Auge gesehen nahe Gegenstände neblig erscheinen. Am folgenden Tage constatirte ich; 
R. 8. 1 Hm. 1,5 L. 8. x /i Hm. 0,5. Rechte Pupille 7,5 mm. breit, starr, linke von nor¬ 
maler Weite und Reaktion. Rechter Nahepuukt in 48 cm., linker iu 20 cm. 

Cervicaldrüsen auf der linken Seite ziemlich stark geschwellt. Patient leidet viel an 
Kopfweh, hat etwas empfindlichen Magen, will aber im Uebrigen ganz gesund sein, gibt 
an, inq Jahr 1879 sich iuficirt, doch nie einen Ausschlag gehabt zu haben. Ist seit ganz 
kurzer Zeit verheirathet. 

Pilocarpin wirkt auch hier wie im ersten Falle; beim Ausseteen desselben tritt die 
Accommodationsparese rasch wieder auf, und es kann kleinster Druck, der links mit blossem 
Auge gesehen wird, erst mit Convex 7,0 gelesen werden. 

Am 7. Januar 1885 kommt Patient mit der Angabe, dass vor 8 Wochen nach hef¬ 
tigem Blutbrechen eine Lähmung am linken Auge aufgetreten sei. Es wird vollständige 
Paralyse des linken Oculomotorius, auch des Lid-, des Pupillen- und des Accommo- 
dationsastes constatirt und der — auswärts wohnende — Kranke behufs Schmiercur an 
seinen Hausarzt gewiesen. Vom 22. Tage der Cur ab ging die Lähmung allmälig zurück; 
am 18. Märe war nichts mehr davon nachzuweisen. Dagegen war der Zustand des rechten 
Auges dadurch nicht im Geringsten beeinflusst worden. 

Bald nachher erfuhr ich.ganz zufällig, dass Patient sehr rasch und unerwartet ge¬ 
storben sei infolge eines „Hirnschlages". 

3. Frau 3cb., 27 Jahre, klagt mir am 2. Januar 1886, dass sie seit einiger Zeit mit 
dem linken Auge nicht mehr gut Bebe , während dasselbe früher wie das rechte Auge 
gewesen sei. 

E. S. 1, H. 0,5, L, 1, Hm. 1,5. Linke Pupille etwas weiter als rechte (6:5), reagirt 
gut. Rechts wird kleinster Druck mit Convex 1,0, links erst mit Convex 7,0 gelesen. 

Im 18. Jahr litt Patientin sehr an Chlorose und soll während eines ganzen Jahres 
Menstruation nicht mehr gehabt haben. Mit 22 Jahren normale Geburt eines noch leben¬ 
den gesunden Kindes. Bald nachher 2. Gravidität; während derselben starker Fluor. 
Im 7. Monat Geburt eines seit 2—8 Wochen todten Kindes. Gegen Ende der Schwan¬ 
gerschaft trat ein Ausschlag an den Beinen auf, wogegen der Hausarzt graue Salbe ein¬ 
reiben und später Jodkali brauchen liess. Seither nicht wieder gravid. 

Trotz längern Gebrauchs von Eserin blieb die Accommodations-Pupillen-Lähmung 
gleich. 

(Laut Bericht des Hausarztes hatte der Mann Ende 1888 Lues acquirirt und da¬ 
gegen 8cbmiercur gemacht. Die Pupillendifferenz wurde im Juni 1884 zum erateo Male 
bemerkt 

4. Herr B., 84 Jahre, kommt am 22. Juni 1886 mit der Klage, dass er seit 8 Wochen 
bei der Arbeit vor dem lioken Auge einen Nebel bemerke. 

R. 8. 1 E. L.8.1 E. Rechts wird kleinster Druck mit Convex 0,5, links erBt mit 2,0 
gelesen. Linke Pupille viel weiter als die rechte und fast reactionslos. 

Patient gibt an, vor 8 Jahren einen „Schanker", seither mehrmals „Tripper" gehabt 
zu haben. Eine Quecksilbercur sei nie gemacht worden. Ist seit 1 Jahr verheirathet. 

Patellarreflex fehlt beideeits. Zeitweise lancinirende Schmerzen io den Beinen. Eserin 
hat dieselbe — vorübergehende — Wirkung wie in den frühem Fällen. 

Eine Kaltwassercur auf Brestenberg blieb ohne den mindesten Einfluss auf das Leiden; 


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ebenso eine Schmierour (30 Einreibungen k 6 Gramm) in Aachen unter Dr. Alexander’* 
Aufsicht. 

5. Herr Ch., 30 Jahre, berichtet am 18. August 1887 , dass ihm vor ca. 4 Jahren 
ganz plötzlich die Spielkarten mit dem linken Auge verschwommen seien. Dies sei seither 
so geblieben ; nur habe sich io letzter Zeit Schwindel, Blendung, Gedächtnisschwäche, 
gedruckte Stimmung dazu gesellt. 

R. Sschw. 1 E., L. S. 1., Hm. 1,0. Rechts wird kleinster Druck in gewöhnlicher 
Entfernung mit blossem Auge, links erst mit Convex 2,0 gelesen. Linke Pupille etwas 
weiter als die rechte, reugirt gut. Aeussere Muskeln oormal. Keine Zeichen von Tabes. 

Patient gibt an, vor einigen Jahren im Militärdienst eine „Geschlechtskrankheit“ acquirirt 
zu haben. Der behandelnde Arzt habe deshalb Aetzungen vorgenommen, von einer all* 
gemeinen Cur aber nicht gesprochen. 

Bei sämmtlichen 5 Kranken ergibt die Anamnese eine früher vorhandene ve¬ 
nerische Affection, die gewöhnlich unter wenig bedrohlichen Erscheinungen verlief 
und darum wohl auch nicht energisch genug behandelt wurde. 

Auch der eine Theil der von Alexander gestellten Prognose, die Unheilbarkeit 
der Augenaffection, sowohl der allgemeinen als localen Therapie gegenüber, trifft 
für alle Patienten zu. 

Vielleicht gilt dies auch theilweise vom zweiten Theile derselben. Von 2 
Kranken wurde ganz spontan eine unwiderstehliche Neigung zu Schwermuth und 
zu Schwarzsehen angegeben: Bei Frau M. (Nr. 1) könnte diese psychische De¬ 
pression ihre Erklärung finden darin, dass sie von Haus aus neuropathisch dis- 
ponirt, hyperästhetisch und nervös, abnorm erregbar und widerstandslos ist Für 
Herrn Ch. (Nr. 5) dagegen lässt sich nichts der Art nach weisen. Bis zum Aus¬ 
bruch seiner Krankheit soll er lebenslustig und arbeitsfreudig gewesen sein, auch 
ein sehr gutes Gedächtniss gehabt haben. — Einen Dritten unserer Kranken end¬ 
lich (Nr. 2), bei welchem offenbar der krankhafte process rasche Fortschritte 
machte (Oculomotoriuslähmung der andern Seite), sahen wir in kurzer Zeit an 
einem „Hirnschlag“ zu Grunde gehen. 

Wohin haben wir nun den Sitz der Krankheit zu verlegen? 

Es kann dies offenbar nur eine Stelle sein, wo die Fasern für den Sphincter 
pupillae und den Ciliarmuskel nahe beisammen liegen und von den übrigen Zwei¬ 
gen des Oculomotorius genügend getrennt sind , um isolirt erkranken zu können. 
In allen Fällen haben wir ja die Parese des Irissphincter-Accommodationsmuskels 
auftreten sehen, ohne dass die vom Oculomotorius versorgten äussern Augen¬ 
muskeln irgend welche Abnormität erkennen Hessen. 

Durch die schönen Untersuchungen von Kernen und Völckere *) einerseits, von 
Kahler und Pick a ) anderseits ist festgestellt, dass die Ursprünge der Sphincter- und 
Accommodationsnerven den vordersten Theil des Oculomotoriuskerns einnehmen. 
Sie liegen unmittelbar hinter einander — und zwar das Accommodationscentrum 
am meisten nach vorn — im hintern Theile des Bodens des III. Ventrikels. Un¬ 
mittelbar darauf folgt dann das Innervationscentrum für den R. internus und die 
übrigen, vom Oculomotorius versorgten Muskeln. Ueber die Reihenfolge dieser 

1 ) j Renten-Vblckers. 1) Accommodatlonsmuskel, 2) Sphincter iridis, 3) R. internus, 4) K. Su¬ 
perior, 6) Levator palp. sup„ 6) R. inferior, 7) Obliquus infer. Troeblearis. 

*) Kahlsr-Pick . 1) Accommodationsmnskel, 2) Sphincter iridis, medial: 3) R. internus, 4) R. 

infer., lateral: 6) Lev. palp. sup., 0) R; supr., 8) Obi. infer. Troeblearis. 


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letztem weichen die beiden Schemata etwas von einander ab, während bezüglich 
der Centren für Accommodation, Iris und R. internus, wie bereits mitgetheilt, 
vollkommene Uebereinstimmung besteht. 

Diese Thatsache ist für die Localisirung der uns beschäftigenden Affection 
maassgebend. An keiner andern Stelle sind die Iris und Accommodation beherr¬ 
schenden Nerven zugleich so nahe beisammen und doch wieder von den übrigen 
getrennt. Wir gehen darum kaum fehl, wenn wir für die isolirte einseitige Ac- 
commodation8- und Pupillenlähmung, die Hutchinson* sehe Ophthalmoplegie interna, 
eine nucleare Ursache postuliren und dieselbe zunächst in den vordem Theil 
des Oculomotoriuskerns verlegen. Hier kann dieselbe isolirt bleiben, oder aber es 
können sich mit der Zeit durch Fortschreiten der Krankheit anderweitige Muskel¬ 
lähmungen hinzugesellen. 

Schwieriger ist es schon, eine bestimmte Ansicht über den pathologisch¬ 
anatomischen Vorgang zu formuliren. Sectionsergebnisse. die auf den besproche¬ 
nen Symptomencomplex gerichtet wären, gibt es nicht. Wohl tbeilt Alexander mit, 
dass 5 von seinen Kranken — meist in Irrenanstalten — gestorben seien; doch 
fehlt, mit Ausnahme eines einzigen Falles, jede Mittheilung über ein Obductions- 
ergebniss. Von diesem Falle aber ist nur gesagt, dass die Untersuchung multiple 
Erweichungsherde ergeben habe — eine Mittheilung, die kaum geeignet ist, unsere 
Kenntnisse wesentlich zu fordern. 

Der einzige, zur Section gelangte Fall stammt aus der Praxis von Hutchinson , 
kann jedoch an dieser Stelle darum nicht recht verwerthet werden, weil während 
des Lebens neben Lähmung von Pupille und Accommodation auch Zeichen von 
Ophthalmoplegia externa und anderweitige Complicationen bestanden hatten. Die 
von Gowers vorgenommene anatomische Untersuchung ergab in den Ursprungs¬ 
kernen und den Wurzeln der ergriffenen Gehirnnerven genau dieselben Verände¬ 
rungen , die man in den Vorderhörnern des Rückenmarks und den Wurzeln der 
Spinalnerven bei progressiver Muskelatrophie zu finden pflegt. 

Wernicke meint, dass das Krankheitsbild der eigentlichen nucleären Augen- 
mnskellähmung, der Ophthalmoplegia externa Hutchinson ’s, am besten erklärt sei 
durch Annahme einer primären Degeneration der in den Nervenkernen enthaltenen 
Ganglienzellen. Und es wird wohl am richtigsten sein, wenn wir diese Ansicht 
bis auf Weiteres auch für unsere Fälle, für die Ophthalmoplegia interna, gelten 
lassen. 

Warum der pathologische Process mit besonderer Vorliebe sich auf einen so 
kleinen Bezirk begrenzt, das bleibt allerdings vor der Hand noch unerklärt. 

Ich möchte diese auffallende Prädilection von functioneil mit einander ver¬ 
knüpften und zugleich nahe beisammen liegenden Kerngebieten in einer gemein¬ 
samen , gegen die Nachbarschaft jedoch strenge abgegrenzten Gefässversorgung 
suchen. 

Nun wissen wir durch die Untersuchungen von Duret , dass die aus der Art. 
basilaris zu den Nervenkernen aufsteigenden Arterienäste Endarterien sind. Ver¬ 
engerung oder Verschluss derselben muss also rasch auftretende Gewebsdegene- 
ration in den bisher von ihnen versorgten Gebieten zur Folge haben. 


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Durch üeubner haben wir ferner in der „syphilitischen Endarteritis“ eine 
Krankheit kennen gelernt, welche ganz besonders gerne an den Hirnarterien auf- 
tritt und zu beträchtlicher Verengerung, sogar zu vollständigem Verschluss der 
betroffenen Gefässe führt. Dass diese — erst in den spätem Stadien der Lues 
auftretendc — Gefässerkrankung nicht, wie der atheromatöse Process, ziemlich 
gleichmässig sich verbreitet, sondern gerne die Arterien fleckweise befällt, könnte 
zugleich erklären , warum Accommodation und Pupille nicht immer in gleichem 
Grade betroffen sind, sondern bald die eine, bald die andere mehr in Mitleiden¬ 
schaft gezogen ist. 


Ueber Diphtherie. 

Von Dr. J. M. Ludwig in Pontresina. 

Im Herbst 1886 schloss Collega Seitz seinen Vortrag in Olten mit dem R6- 
sum£: die Diphtherie ist eine ansteckende Krankheit und sollte wie die Pocken 
durch strenge Absperrung und Desinfection bekämpft werden. In seiner erwei¬ 
terten , höchst interessanten und lehrreichen Abhandlung (Nr. 2—6 d. Bl. 1887) 
sucht er jenen Gedanken zu begründen. 

Meine Erfahrungen haben mich zu andern Anschauungen geführt, deren Dar¬ 
legung ich aber erst einige Worte vorausschicken muss über die Diagnose der 
Diphtherie und zweier Krankheiten der Tonsillen, die folliculäre oder lacunäre 
und die „nicht specifische, oberflächlich necrotisirende“ Tonsillitis. Diese zwei 
Entzündungsformen der Mandeln befallen den Menschen auch acut, mit Fieber bis 
40°, oft epidemisch, besonders in Hausepidemien, das Fieber lytisch verlierend; 
die Halsdrüsen sind dabei stets angeschwollen und druckempfindlich. Eine Ver¬ 
wechslung mit Diphtherie kann bei der folliculären Form durch einen ausser- 
gewöhnlichen Belag der Tonsillen veranlasst werden; in den von mir beobach¬ 
teten Fällen konnte ich schon an der ganz weissen Farbe des Belages und an der 
normalen Schleimhaut, von welcher der Ueberzug mit Leichtigkeit abgehoben 
werden konnte, das Harmlose der Affection erkennen. Ich hätte die folliculäre 
Tonsillitis hier auch nicht erwähnt, hätte nicht E. Wagner im Jahrbuch der Kinder¬ 
heilkunde, XXIII, 4. Heft, einen Fall veröffentlicht, der zu gleicher Zeit mit 
ächten Diphtheriekranken aus dem gleichen Hause in’s Spital kam und mehrere 
Tage hindurch local nur die Erscheinungen der folliculären Amygdalitis darbot, 
die sich sogar durch die Section bestätigte. Da man jedoch bei der Section einen 
diphtherischen Belag auf der hintern Seite des Gaumensegels fand, so glaube ich, 
cs habe in jenem Fall eben die einfache Tonsillitis neben der Diphtherie bestan¬ 
den. Die folliculäre Tonsillitis kommt so häufig vor und so unabhängig von 
Diphtherie, dass mir diese Deutung des Falles als einzig mögliche erscheint. 

Die zweite Form, welche Wagner die „nicht specifische, oberfläch¬ 
lich necrotisirende Amygdalitis“ nennt, ist wohl dieAngine couen- 
neuse der Franzosen, die diphtheritic sore throat der Engländer; sie 
producirt auf den Tonsillen einen weisslicben, fest aufsitzenden Belag, der jedoch 
dünner, feuchter und glänzender als ein diphtherischer ist und fast nur 


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auf den einander zugekehrten Flächen der Mandeln liegt. Diese Pseudo- 
Diphtherie, wie ich sie lieber nennen möchte, befällt fast ausschliess¬ 
lich Erwachsene, setzt sich nie über die Mandeln hinaus fort 
und verläuft stets gutartig. Der Belag ist in 2—-4 Tagen verschwunden, 
wird in seltenen Fällen auch in kleinen Fetzen ausgespuckt. 

Die Pseudo-Diphtherie entsteht wie die folliculäre Entzündung hauptsächlich 
durch stinkende Abtritt- und Küchengruben, schlechte Drainage u. dgl. In Eng¬ 
land und Nordamerika hat sich diese Ansicht schon seit Jahrzehnten bei Aerzten 
und Laien festgewurzelt. Eigene Beobachtungen führten mich nach längerem 
Widerstreben zur gleichen Ueberzeugung. 

Ich habe während einer Reihe von Jahren jeden Sommer kleinere und grös¬ 
sere Hausepidemien in unsern Hötels auftreten sehen. Diese Epidemien zeigten 
sich nie vor August, meist erst Ende August, nachdem die Hötels also schon seit 
mehreren Wochen voll waren und durch Abtritte und Küche schon viel Unrath 
gegangen. Im Anfang der Saison kamen auch, jedoch ganz selten, vereinzelte 
Fälle vor. Die Hausepidemien ergriffen wiederholt bis 10% sämmtlicher Insassen. 
Vom Dienstpersonal waren die Küchenangestellten am meisten befallen; wir 
hatten mehrere Male förmliche Küchenepidemien. Einer der schwersten Fälle, 
den auch ein beigezogener, sehr bekannter Londoner Arzt nicht zu rubriciren 
wusste, kam in einem Zimmer vor, durch dessen Wand die rohgemauerte Abtritt¬ 
röhre zog. 

Einzelne Hötels hatten Jahr für Jahr ihre Hausepidemien, und zwar waren es 
gerade die hygieinisch am schlechtesten eingerichteten, während besser drainirte 
nur wenige Fälle zeigten, die sich ja bei Visiten in den schlechtem Häusern in- 
ficirt haben mochten. 

Seit wir bessere Einrichtungen besitzen, sind die Pseudodiphtherie und die 
folliculäre Tonsillitis ganz auffallend seltener geworden, die Hausepidemien in den 
Hötels haben ganz aufgehört. 

Merkwürdigerweise scheinen die Keime dieser beiden anatomisch leicht trenn¬ 
baren Entzündungen auf dem gleichen Boden zu gedeihen wie Diphtherie und sich 
auch im Menschen auf dem gleichen Boden, den Mandeln festzusetzen. Ich sah 
sie in jenen Hausepidemien bald bunt durch einander, bald eine Menge Erkran¬ 
kungen der einen Form mit ganz seltenen der andern. Wie bei der Pneumonie 
erleichtern Erkältungen die Infection. 

Da es auch unzweifelhafte Fälle äebter Diphtherie gibt, bei denen der Belag 
nur auf den Mandeln sitzt, so wissen wir oft nicht, ob wir es mit falscher oder 
wahrer Diphtherie zu thun haben. Zur Diagnose Diphtherie ist ein f e s t s i t z e n d e r, 
schmutzig-weisser Belag unerlässlich; eine catarrhaliscbe Form scheint 
mir nicht bewiesen zu sein. Bei Zweifeln zwischen wahrer und Pseudo-Diphtherie 
müssen das Alter, die hygieinische Geschichte de9 Wohnhauses, Familiendisposition, 
gleichzeitiges Vorhandensein oder Fehlen anderer Fälle entscheiden. Höher als 
Drüsenanschwellung und Fieber steht mir diagnostisch der Puls; ich habe selbst 
bei den leichtesten Diphtheriefällen eine zur Temperatur in keinem Verhältniss 
stehende, hohe Pulsfrequenz gefunden. Aber es werden uns bis zu weiterer Er- 


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kenntniss immer noch viele Fälle im Zweifel lassen: dann thun wir am besten, 
unserm Berufe treu Pessimisten zu bleiben. 

Ehe ich mich über die Aetiologie und Verbreitungsart der Diphtherie aus¬ 
spreche, will ich die an meinem Wohnort gesammelten Erfahrungen mittheilen. 

Wenn ich die zweifelhaften Fälle mitzäble , so kamen in Pontresina von 1870 bis 

1877 unter den Einheimischen keine, unter den Fremden drei sporadische, gutartige Fälle 
bei Erwachsenen zur Behandlung. Eine kleine Scharlachepidemie, die mit Diphtherie 
complicirt war, Ubergehe ich. Anno 1877 zeigten sich drei weitere sporadische, gut¬ 
artige, zweifelhafte Fälle bei fremden Erwachsenen. Der erste unzweifelhafte Fall betraf 

1878 den hiesigen Postmeister in seinem nicht gerade bygieinisch gehaltenen Hause; seine 
drei Kinder, alle unter 10 Jahren, blieben im gleichen Schlafzimmer unangesteckt. Woher 
der Vater seine Diphtherie bezogen, war nicht zu ermitteln. Dann kam 1879 und 1880 
je ein unsicherer Fall bei Fremden , 1880 auch ein solcher bei einem aus dem Militär¬ 
dienst ZurUckgekehrten, lauter Erwachsene. 

Bis 1884 kein neuer Fall; im Frühjahr 1884 erkrankte in meiner Abwesenheit ein 
78jähriger Greis; der ganze Rachen soll belegt gewesen und grosse Fetzen ausgespuckt 
worden sein; die fUnf ein bis dreizehn Jahre alten Kinder in derselben Wohnung blieben 
gesund. Am 81. Juli des gleichen Jahres erkrankte unser 12jähriger Depeschenträger, 
der Sohn des anno 1878 erkrankten Posthalters, und am 4. September der Briefträger. 
Im Zimmer des Depescbenträgers schliefen noch ein älterer Bruder und zwei jüngere 
Geschwister; im Zimmer des Briefträgers dessen einjähriges Kind. Alle diese Zimmer- 
genossen blieben gesund. 

Lässt man die zweifelhaften Fälle weg, so hätten wir bis Ende 1884 nur 4 Diph¬ 
theriefälle, von denen der jUogste 12 Jahre alt war; drei dieser Fälle betrafen PobU 
angestcllte (Post und Telegraph sind in zwei neben einander liegenden Zimmern), 

Die Diphtherie war in den umliegenden Ortschaften während einiger Jahre endemisoh 
und forderte, zumal zur Winterszeit, viele Opfer. Wir freuten uns unserer Immunität, 
bis wir im 8ommer 1885 ebenfalls eine kleine Epidemie erlebten. 

Am 6. Juni erkrankte der erste Fall, ein Kindsroädchen im Hause A., einem unserer 
schmutzigsten Häuser. Woher das Mädchen den Keim erhalten, blieb unaufgeklärt. Nach¬ 
dem es Zimmer und Gänge vollgespuckt hatte, wurde es am 8. Juni in unser Spital ge¬ 
bracht, von wo es Ende Juni nach schwerer Krankheit geheilt zu seinen Eltern (bei 
ThusiB) zurückkehrte. Das Haus A. wurde von Gemeindeangestellten von oben bis unten 
gefegt, Abtritt- und Stallmist entfernt, die Gruben, Zimmerböden, Wände, Wäsche best¬ 
möglich desinficirt. Trotzdem erkraukte im gleichen Haus Ende Juni ein Kind , Mitte 
Juli wieder cioes. Diese Fälle wurden weder angezeigt noch behandelt, die Kinder 
waren viel auf der Strasse, wo sie mit andern Kindern spielend diphtherische Membranen 
ausspuckten, wie mir die Mutter nachträglich selbst mittheilte, als sie mich zu ihrem zwei 
Jahre alten Kind rufen liess, das auf der Strasse von einer fremden Dame wegen seines 
geschwollenen Halses diphtherieverdächtig erklärt worden war. Dieses Kind starb am 
6. August im Spital, wohin es am 80. Juli gebracht worden. 

Eine italienische Vagantin, die ich am 1. August mit Diphtherie antraf, veranlasste 
in ihrer schmutzigen Herberge keine weitern Erkrankungen. 

Der nächste Fall betraf einen Engländer in der Döpendence des Hötel B., der am 
27. Juli nach Pontresina gekommen und am 81. erkrankt war. Bis zum 3. August wurde 
er von einem Landsmanne behandelt, am 4. liess ich ihn iu’s Spital transportiren, das er 
am 15. geheilt verliess. Mit dem Engländer wurde ein Zimmerkellner in’s Spital ge¬ 
schickt, der ihn im Hötel bedient batte und schon am 2. August belegte Mandeln zeigte, 
die ich für Pseudodiphtherie hielt und die auch später eine zweifelhafte Bedeutung hatten. 
Der Kellner kehrte am 12. August in’s Hötel zurück. 

Zwei leichte, zweifelhafte Halsaffectionen zeigten sich im gleichen Hause am 10. und 
16. August und zwei weitere ebenfalls nicht sicher zu diagnosticirende Fälle am 11. und 
14. August im Hötel B. selbst; diese 4 Fälle heilten alle leicht. Irgendwelche persön¬ 
liche Beziehungen mit dem ursprünglichen oder andern Diphtherie-Herden war für die 
Fälle des Hötel B. nicht nachzuweisen. 

Im Gegentheil: die kinderreiche Nachbarschaft, die mit den ambulanten Fällen des 


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zuerst ioficirteo Hauses A. io oahen und wiederholten Contact gekommen, blieb voll- 
ständig verschont, während dann Mitte August plötslich das Hötel C. schwer heimgesucht 
wurde, das vom Hötel B. und dem ersten Herd weit entfernt liegt und mit beiden Häu¬ 
sern keine nähern Verbindungen unterhielt. Am 15. August zeigte das zehnjährige Mäd¬ 
chen V. des Wirthes, das sich schon zwei Tage unwohl gefohlt hatte, tiefe, jauchig 
stinkeode Substanzverluste beider Mandeln, 8ofortige Evacuation der Geschwister in 
andere Zimmer. Am folgenden Morgen hatte das 12jährige Töchterchen L. diphtheri¬ 
schen Belag des Rachens und wurde nun mit ihrem kranken Schwesterchen im gleichen 
Zimmer verpflegt, während die vier übrigen Kinder, darunter ein Mädchen, das mit L. 
die letzte Nacht im gleichen Bett geschlafen, jetzt in ein anderes Haus gebracht wurden. 
V. starb am 22. August, L. genas, wurde am 25. August am ganzen Körper desinflcirt 
und aus ihrer Haft entlassen. Im Uebrigen wurden hier sicherlich keine der bekannten 
Vorsichtsmaassregeln vernachlässigt: Urin, Excremente, Ausgespucktes wurden in einem 
tiefen Loch in einer Wiese vergraben, nachdem sie erst mit Sublimat desinflcirt worden. 
Ebenso wurde in Bezug auf Wäsche, Betten, Zimmer, Personen alle mögliche Vorsicht 
angewandt Für pünctlicbe Ausführung des Angeordneten bürgte mir die Hausfrau, deren 
Intelligenz, Gewissenhaftigkeit und Aengstlichkeit mir seit bald 20 Jahren genugsam be¬ 
kannt ist. 

Am 24. August erkrankte im gleichen Hötel eine Wäscherin, am 1. September eine 
Saalkellnerin an verdächtigem Mandelbelag. Beide wurden sofort im Spital isolirt. 

Am 1. September kehrten die gesunden Kinder in's Hötel zurück, bezogen jedoch 
frische Zimmer, das ehemalige Krankenzimmer wurde seither von der Familie nie mehr 
benützt. Am 8. September erkrankte der 7jährige Knabe F <t am 8. October das 8jährige 
Töchterchen S. f beide an leichter, aber unzweifelhafter Diphtherie. Beide Fälle wurden 
sofort im Hause in besondern Zimmern isolirt und mit aller Vorsicht wie etwa bei Blat¬ 
tern verfahren. Damit hatte die kleine Epidemie ihr Ende erreicht und sind seither nur 
einzelne sporadische Fälle vorgekommen. Der erste dieser Fälle traf das jüngste, circa 
2 1 / a jährige Kind des Wirthes im Hötel C. Dasselbe erkrankte im Mai 1886, kurze Zeit 
nachdem die Familie wieder ihr sommerliches Esszimmer im Souterrain bezogen. Wäh¬ 
rend nämlich das Hötel sonst gute hygieinische Einrichtungen bat, erfüllt der Abzugs¬ 
canal der Pissoirs und Küche das Souterrain gelegentlich mit seinen Gasen. 

8either ist jene Familie von weiterer Erkrankung verschont geblieben. 

Im Sommer 1886 zeigten sich einige dubiöse Fälle bei Fremden. Der Winter 
1886/87 war ganz seuchenfrei, da erkrankte Ende Mai plötzlich una ohne nachweisbare 
Iofection das dreijährige Kind des Briefträgers an Croup, dem es in der Nacht vom 1. 
auf den 2. Juni erlag. Sein Vater hatte, wie oben erwähut, am 4. September 1884 im 
gleichen Hause Diphtherie durchgemacht, seither war dort kein Fall mehr vorgekommen. 
Am 23. Juni erkrankte das 2jährige Brüderchen des Verstorbenen an Diphtherie, von der 
es genas. 

Am andern Ende des Dorfes trat Anfang September der nächste Fall auf bei einem 
12jährigen Knaben, in einem Hause, wo früher nie Diphtherie gewesen. Der Knabe 
kam als Brodträger in fast alle Häuser des Dorfes. Seine beiden 18—20 Jahre alten 
Schwestern erkrankten etwa 14 Tage nach ihm, alle drei genasen. Die Familie ist weder 
ordnungsliebend noch reinlich. 

Am 19. September sah ich den letzten ächten Diphtheriefall bei einem 19jährigen 
Fräulein in einem bisher nie inficirten Haus, ohne alle nachweisbare Verbindung mit den 
andern Fällen. Ihr Bruder war vor etwa 7 Jahren in Thal an Diphtherie gestorben. 

Das sind in kurzen Zügen meine localen Erfahrungen über Diphtherie — denen 
die in der Umgegend gemachten nicht widersprechen. 

Wenn eine Epidemie in einer kleinen Ortschaft keine grossen Zahlen auf¬ 
weisen kann, so sind dafür die Fäden des Verkehrs übersichtlicher und man lernt 
Leute und Häuser näher kennen als an volkreichen Verkehrscentren. 

Unter meinen Fällen ist nicht ein einziger, der ausschliesslich auf Ansteckung 
durch Contagion zurückzuführen wäre. Keine mir bekannte contagiös-epidemiscbe 
Krankheit tritt so auf wie Diphtherie. Bei Masern, Scharlach, Blattern kommen 


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nicht so viele sporadische Fälle vor, deren Herkunft dunkel ist, und bei denen 
trotz reichlicher Gelegenheit keine Ansteckungen erfolgen. Wenn eine der ge¬ 
nannten contagiösen Krankheiten in einer Familie auftritt, so erkrankt in der Regel 
erst nur eine Person, nach Ablauf der Incubation werden fast immer mehrere 
Geschwister zu gleicher Zeit befallen, und haben diese die Krankheit durchge¬ 
macht, so ist die Hausepidemie erloschen. So ist das typische Auftreten einer 
contagiösen Krankheit, wenn keine Absperrungen stattfinden. Ganz anders bei 
der Diphtherie. Diese befällt gar nicht selten zwei, drei und mehr Personen zu 
gleicher Zeit in vorher immunen Häusern. Die nächsten Fälle folgen in allen 
erdenklichen Intervallen: nach wenigen Tagen, nach einigen Wochen, oft erst nach 
vielen Monaten. 

Contagiöse Krankheiten verbreiten sich am liebsten in die Nachbarhäuser 
oder zu Freunden und Verwandten, mit denen die Inficirten in regerem persön¬ 
lichem Verkehr stehen. Die Sprünge, welche die Diphtherie in Pontresina ge¬ 
macht hat, schliessen den persönlichen Verkehr als Ursache der Verbreitung fast 
ganz aus. 

Das Gleiche hat College J. Michel in seiner Preisschrift „Die Diphtheritis- 
epidemie 1876/77 in Malans“ dargethan. In seiner lebendigen Schilderung dieser 
fürchterlichen Epidemie erwähnt Michel auch der ersten Diphtherie-Epidemie, die 
Graubünden überhaupt heimgesucht hat; sie betraf das abgelegene, 1400 m. hohe 
St. Antonien, wo sie 1867 begann, l 1 /« Jahr dauerte und von 350 Einwohnern 22 
(7%) hinraffte; Er findet, dass auch dort gegen eine Contagion sprechen: „die 
paarweisen Erkrankungen in acht Häusern und Erkrankungen auf entlegenen 
Höfen t deren Bewohner nie mit Kranken oder deren Angehörigen in Berührung 
gekommen.“ 

Masern, Blatteift, Scharlach können durch rechtzeitige strenge Isolirung und 
nachfolgende Desinfection mit Sicherheit an weiterer Ausbreitung gehindert werden, 
bei Diphtherie sind diese Maassregeln erfolglos. 

Wer eine epidemisch-contagiöse Krankheit einmal durchgemacht hat, wird 
nur ganz ausnahmsweise wieder von der gleichen Krankheit befallen; bei der 
Diphtherie ist es gar nichts Seltenes, dass sie sich im gleichen Individuum zwei- 
und mehrmals entwickelt. 

Eine contagiöse Krankheit im gewöhnlichen Sinne hat eine bestimmte Incu- 
bationödauer, die nur wenige Tage variirt. Wer die Incubationszeit der Diph¬ 
therie zu nennen weiss, sagt uns eine grosse Neuigkeit. Solche Angaben sind 
zwar allerdings schon öfter gemacht worden, sie schwanken denn auch zwischen 
zwölf Stunden und drei Wochen! Nur in den seltenen Fällen einer directen Ueber- 
tragung oder besser einer Ueberimpfung durch Küssen, Aussaugen von Canülen 
u. dgl. können die Incubationstage gezählt werden und gibt Oertel für solche Fälle 
2—5 Tage an. 

Durch die verletzte Epidermis und wahrscheinlich durch die unverletzte 
Schleimhaut kann aber auch Syphilis übertragen werden, die wir deswegen noch 
nicht zu den contagiös-epidemiscben Krankheiten zählen. 

Da das Wort „contagiös“ ein vager Begriff ist, der auf Masern so gut wie 


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auf Krätze passt, so will ich meine Anschauung über die Ansteckungsfähigkeit der 
Diphtherie mit einem Beispiel präcisiren. 

Führe ein Ungeimpfter mit einem Blatternkranken zusammen in einem ge¬ 
schlossenen Wagen, auch ohne die Haut des Kranken direct zu berühren, so wäre 
eine Infection fast absolut sicher, während ein zur Diphtherie Disponirter unge¬ 
straft mit einem Diphtheriekranken zusammenfahren und ihm zum Abschied kräftig 
die Hand drücken dürfte, wenn er es vermeidet, dass ihm der Kranke Schleim 
auf seine Schleimhäute schleudert. In gleicher Weise wird auch ein Typhus¬ 
kranker seinen Wärter nur inficiren können, wenn letzterer typhöse Stuhltheile 
schluckt 

Einen directen Beweis gegen die „Contagiosität“ der Diphtherie ersehe ich 
aus der Thatsache, dass im Zürcher Cantonsspital bei 249 aufgenommenen Diph¬ 
theriekranken nur 2 Spitalinfectionen vorkamen, obgleich die Diphtherie-Zimmer 
mitten im Haus liegen. Das wäre bei ebenso vielen Scharlach-, Masern- oder 
Varicellenkranken undenkbar. 

Wenn auch Diphtherie überimpfbar ist, sei es direct von 
der Schleimhaut eines Kranken auf die eines Gesunden oder 
auf eine Wunde, so spielt in d er Ausbreitung der Krankheit 
die Ansteckung von Person zu Person sozusagen keine Rolle; 
die Krankheitskeime setzen sieb an geeigneten, wahrschein¬ 
lich schmutzig-feuchten Stellen in Gebäuden fest und in¬ 
ficiren von dort aus die Disponirten, die ihnen in die Nähe 
kommen. 

Für die Annahme eines solchen Hausmiasmas sprechen noch folgende Gründe: 

1) Es ist von allen Autoren anerkannt, dass einzelne Wohnhäuser stets wieder, 
wenn auch mit monate- und jahrelangen Intervallen Diphtherie erzeugen. Das 
hebt auch Seilz hervor (Corr.-Bl. 1887, Nr. 4, S. 106). 

2) Prof. E. Wagner iu Leipzig hat wiederholt beobachtet, dass eine Familie, 
die wegen Diphtherie ihre Wohnung verlassen , dieselbe der vermeintlich gründ¬ 
lichsten Desinfection unterworfen und sie monatelang unbewohnt gelassen, bald 
nach dem Wiederbezug derselben abermals von Diphtherie zu leiden hatte. 

3) College G . in Burgdorf beobachtete in ein und demselben Bett eines Privat¬ 
hauses mehrere Diphtheriefälle hinter einander. Bei näherer Untersuchung fand 
er hinter dem Bett eine schimmlige, modernde Tapete; diese wurde entfernt und 
es blieben weitere Erkrankungen aus. 

4) College E . in Chur behandelte in einer Familie wiederholt Diphtheriefalle, 
die stets im gleichen Zimmer krank lagen. Da die Erkrankungen immer wieder¬ 
kehrten, rietb er der Familie an, die Wohnung zu verlassen. In die verlassene 
Wohnung zogen neue Miethsleute ein und als in den Betten, die an der gleichen 
Wand wie die frühem Krankenbetten standen, wieder Diphtherie auftrat, Hess K. 
die Tapete wegreissen und da zeigte sich in der Wand des Zimmers eine alte 
Abtrittröhre. Nachdem diese weggerissen und Mauer und Tapete erneuert waren, 
hörten die Erkrankungen auf. 

5) Der Umstand, dass die Diphtherie sich primär — mit Ausnahme der In- 


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cubationsdiphtherie — auf den Mandeln, dem Kehlkopf, der hintern Velumwand 
oder der Nasenschleimhaut u. s. w. niederlässt, spricht dafür, dass die infectiösen 
Keime mit der Luft eingeathmet werden. 

Wenn nach Neukomtn zwei Drittel sämmtlicher Erkrankungen an Diphtherie 
auf den Winter fallen, so wird dadurch die Verbreitung durch Contagion nicht 
wahrscheinlicher als die durch ein Hausmiasma, da im Winter die künstliche 
Wärme die Bodenluft mehr in die Häuser zieht, die Wohnräume weniger gelüftet 
werden und Kinder wie Erwachsene mehr im Hause sind. 

Will man für die grössere Zahl weiblicher Patienten den grossem Umgang 
derselben mit Kindern verantwortlich machen , so kann der Nichtcontagionist mit 
ebenso viel Recht sagen, dass die weiblichen Individuen mehr zu Hause sind als 
die männlichen und durch ihre Hausarbeiten sich einem eventuellen Miasma mehr 
aussetzen. 

Da in Basel, wo in Folge schlechter Erfahrungen mindestens ebenso viel Vor¬ 
sicht wie im Zürcher Cantonsspital angewandt wurde, Diphtheriefälle im Kinder¬ 
spital selbst zahlreich auftraten, so ist die Annahme eines Hausmiasmas die natür¬ 
lichere , hat man doch in Basel trotz allem Bemühen die Art der Uebertragung 
von Kranken auf Gesunde nicht herausgefunden. 

Wie die Dipbtheriekeime in die Häuser gelangen, dafür habe ich keinerlei 
Anhaltspunkte. Dass Kranke ein Haus inficiren und zu einer bleibenden oder 
wenigstens langkeimenden Brutstätte machen können, liegt nahe. Möglich wäre es 
auch, dass durch Gegenstände aller Art Keime verschleppt werden, welche erst 
auf einem geeigneten Nährboden sich in infectiöse Formen um wandeln. Ich habe 
aber nirgends Beweise dafür gefunden. So habe ich auch umsonst nachgeforscht, 
ob Bezugsquellen für Milch, Fleisch, Brot, Gemüse, Obst zugleich Infectionsquellen 
sein könnten. 

Das Trinkwasser ist jedenfalls in Pontresina als unschuldig zu bezeichnen; 
wir besitzen eine ideale Wasserversorgung, unsere Quellen entspringen oberhalb 
aller Landwirtschaft und werden in gusseisernen Röhren unter einem Druck bis 
zu 10 Atmosphären in und durch das Dorf geleitet. 

Es war mir auch nicht möglich, irgend ein Hausthier der Infection zu be¬ 
schuldigen. Bei den abgelegenen Höfen St. Antöniens denkt man unwillkürlich 
an beflügelte Vermittler. 

Für die Sanitätspolizei ist die Art der Verbreitung der Diphtherie von 
fundamentaler Bedeutung. Contagionisten werden die Ausbreitung zu bekämpfen 
suchen durch strengste Absperrung der Kranken und Desinfection derselben und 
der mit ihnen in Berührung gekommenen Gegenstände. Miasmatiker werden in 
allererster Linie eine hygieinische Untersuchung des Hauses und eventuelle Ab¬ 
hülfe daselbst verlangen; sodann Unschädlichmachen alles dessen, was aus Mund 
und Nase und eventuell anderen erkrankten Theilen kommt. Für die gesunden 
Hausgenossen gibt es nur eine sichere Prophylaxe: die Wohnung auf immer zu 
verlassen. Wenn sich dies auch nicht oft ausführen lässt, so kann für kleine 
Kinder sehr disponirter Familien schon eine Entfernung bis zu einem widerstands¬ 
fähigen Alter lebensrettend sein. 


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Das Betreten der Wohnung eines Diphtberiekranken kann polizeilich nicht 
verboten werden , da es consequenter Weise für Jahre oder eigentlich für immer 
zu verbieten wäre; denn das Haus ist nach Genesung der Kranken gerade so ge¬ 
fährlich als während der Krankheit. Trotz aller Gesetze und Gewalt ist die öffent¬ 
liche Sanitätspolizei immer auf die Einsicht und den guten Willen der Bevölkerung 
angewiesen und sind deshalb alle unnöthigen Absperrungen im 
Interesse der nöthigen ängstlich zu vermeiden. Das Ausgehen 
kann man Diphtheriekranken gestatten, dagegen sollte ihnen das Betreten gesunder 
Wohnungen verboten werden. 

Als ich im Kränzchen der Oberengadiner Aerzte die Diphtherie zur Sprache 
brachte, machten die ältern Collegen, die vor bald 40 Jahren bei uns zu pract.i- 
ciren begannen, einige sehr interessante Mittheilungen. College A. Courtin berich¬ 
tete, dass Sils-Maria bis 1873 keine Diphtherie hatte; sie debütirte damals mit 
einem tödtlich verlaufenden Fall, dessen Herkunft dunkel geblieben. Obgleich 
weder abgesperrt noch desinficirt wurde, blieben die vier jüngern Geschwister des 
Patienten gesund und kam auch im Ort keine weitere Erkrankung vor. 

Eine höchst merkwürdige Erfahrung machte College Bernhard in Scanfs. Der 
erste Fall, den er im Engadin gesehen, kam Ende der 60er Jahre in Ponte vor 
und betraf eine Familie, die in Italien alle ihre Kinder an Diphtherie verloren 
hatte. Als sich die Frau wieder guter Hoffnung fühlte, kam sie, im 5. Monat 
ihrer Schwangerschaft, nach Ponte, um dort ihr Zukünftiges sicher zu haben; sie 
gebar zur rechten Zeit einen gesunden Knaben, der in Ponte Va Jahr alt an 
Diphtherie erkrankte und starb! Es ist mir nicht wahrscheinlich, dass die 
Familie in ihren Effecten die Diphtheriemicroben mitgebracht, da sie aus Angst 
vor der Krankheit, die sie floh, jedenfalls solche Reinigungen vorgenommen, die 
gegen eine contagiöse Krankheit genügt hätten. Der Fall ist ein neuer Beweis 
für die vielfach constatirte Familiendisposition, die bei Diphtherie eine wichtige 
Rolle spielt. 

Es wurde ferner von einem Kind berichtet, das ein Jahr, nachdem es Diph¬ 
therie durchgemacht hatte, diese wieder bekam, als es zum ersten Male wieder 
die Kleidung anzog, die es während der ersten Erkrankung getragen. Mir scheint 
hier ein Zufall gewaltet zu haben. Blieben Diphtheriekeime so lange in Kleidern 
ansteckungsfahig, so müsste der persönliche Verkehr sich in der Ausbreitung der 
Krankheit mehr geltend machen, als es wirklich geschieht. Vielleicht hatte das 
Mädchen auch den Ort, wo die Kleider aufbewahrt waren, so lange nicht mehr 
betreten. 

In unserm Kränzchen wurde ferner die Vorliebe der Diphtherie für schmutzige 
Häuser und die Abhängigkeit der folliculären Tonsillitis und der Pseudodiphtherie 
von schlechter Drainage bestätigt. 

Eis wäre zu wünschen, dass die Diphtherie, die dunkelste und schlimmste 
epidemische Krankheit, die unser Land heimsucht, in beständiger Discussion bliebe, 
und hoffe ich, meinerseits genügend zum Widerspruch gereizt zu haben. 


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"V ereinsberiehte. 


Medicinisch-pharmaceutischer Bezirksverein von Bern. 

Vierte Sitzung im Wintersemester 1887/88, Dienstag den 20. December 1887 , Abends 

8 Uhr, im Casino. 1 ) 

Präsident: Dr. Schaerer. — Actuar: Dr. Dumont. 

Anwesend 23 Mitglieder und 1 Gast. 

1. Dr. E. Emmert hält einen ophthalmologischen Vortrag über den Frftljahrs- 

Catarrh. 

Von dieser ziemlich seltenen, zuerst von Desmarres als Hypertrophie p ö r i - 
ceratique, von v. Gräfe als gallertige Verdickung des Limbas, 
von Hirschberg als Phlyctäna pallida, von Sämisch als Frühjahrscatarrh 
beschriebenen, und von Velsch und Homer , welcher 42 Fälle gesammelt hat, auch 
microscopisch untersuchten Erkrankung der Bindehaut, hat der Vortragende 29 Fälle aus 
den letzten 10 Jahren seiner ärztlichen Praxis zusammengestellt. 

Dieses im Frühjahr bezw. Sommer oft Jahre lang hintereinander wiederkehrende, 
sich bei heisser Witterung jeweilen verschlimmernde und bei Eintreten der kalten Jahres¬ 
zeit theilweise oder gänzlich verschwindende Leiden, sah E. am häufigsten in den Monaten 
Juni (10 Fälle) und Juli (6 Fälle), gar nicht in den Monaten Februar, März und April. 

Das Alter seiner Patienten schwankte zwischen 7 und 51 Jahren; die grösste Zahl von 
Fällen fand er im 12. Lebensjahre. Unter den 29 Fällen kamen 18 auf männliche, 11 
auf weibliche Individuen. 

Ausser durch einen gewissen Grad von Lichtscheu, Gefühl von Stechen und Brennen 
in den Augen, geringe Schleimsecretion, charakterisirt sich die Erkrankung durch einen 
eigenthümlich schläfrigen Ausdruck der Patienten, bedingt durch leichtes Herabgesunken¬ 
sein der oberen Lider, nicht selten auch eine gewisse Verdickung derselben; ferner durch 
Mattigkeit und fahles Aussehen der Conj. bulbi, mitunter auch verminderten Glanz der 
Cornea; durch mehr oder weniger starke Injection einzelner Blutgefässe der Conj. bulbi, 
vorzüglich im Lidspaltenbezirk; ganz besonders aber durch vereinzelte oder zahlreiche, 
kleinere oder grössere, auf dem Limbus conjunctivae, nicht selten auch theilweise auf dem 
Cornearand , am häufigsten im Lidspaltenbezirk sitzende, der Conjunctivitis phlyctänu- 
laris ähnliche, aber blasse, fast durchsichtige, knorpelharte und fest aufsitzende Knötchen. 
Aehnliche Bildungen findet man auch an der Innenfläche der oberen Lider, wo jedoch 
wegen des Druckes, mit welchem die letzteren auf dem Augapfel aufliegen, jene Wuche¬ 
rungen eine veränderte Form haben und mehr oder weniger flach gedrückte, blumkohl¬ 
artige, vereinzelte oder zahlreiche Gebilde mit dünnem Stiel darstellen. Dabei sieht die 
Conj. palpebrarum super, et infer. fast immer wie mit Milch übergossen aus. Diese Er¬ 
scheinung ist so charakteristisch, dass einzig aus dieser auf einen Frühjahrscatarrh ge¬ 
schlossen werden kann. 

Emmert unterscheidet je nach dem Ort des Auftretens drei Arten des Frühjahrs- 
catarrhs: solchen, wo nur die Conjunctiva bulbi, resp. der Limbus coqjunctivm. solchen, 
wo nur die Conj. palpebrarum superiorum oder inferiorum oder beider, und solchen, wo 
Limbus und Conj. palpebrarum ergriffen sind. 

Bei allen drei Formen können streifige Trübungen in der Cornea Vorkommen. 

In 8 der 29 Fälle war einzig die Conj. bulbi, resp. der Limbus erkrankt, ohne 
andere Veränderung der Conj. palpebrarum als milchartige Blässe, die jedoch in ein¬ 
zelnen Fällen kaum bemerkbar war; in 8 andern Fällen war nur die Conj. palpebrarum 
erkrankt, ohne jede andere Veränderung an der Conj. bulbi als Injection einzelner Blut¬ 
gefässe, besonders im Lidspaltenbezirk; bei 13 Fällen waren die Conj. bulbi und die Conj. 
palpebrarum ergriffen und bei 4 Fällen fanden sich streifige Trübungen der Cornea pa~ 


*) Erhalten 12. Januar 1888. Red. 


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rallel mit stärkeren Wacherangen im Limbasgebiete des Lidspaltenbezirks und in eigen¬ 
tümlicher Form längs dem oberen Cornealrand bei ausschliesslicher Erkrankung der Conj. 
palpebrarum superiorum. 

Die geographische Verbreitung der 29 von E. beobachteten und gesammelten 
Fälle zeigt die in hohem Grade auffallende Thatsache, dass 25 von den 29 Fällen, d. h. 
ca. 88 Procent auf einen gewissen Bezirk des Berner Oberlandes kommen, und 
zwar ca. 38% auf das rechte und ca. 50% auf das linke Aarufer, beziehungsweise auf 
die rechte und auf die linke Seite de3 Thunersee’s, während nur 1 Fall aus der 
Nähe von Burgdorf, 2 Fälle aus Oster mündigen bei Bern und 1 Fall aus einer Vorstadt 
Bem’s zu verzeichnen sind. 

E. fragt, ob denn da nicht unwillkürlich nicht nur an Temperatur-, sondern auch 
an Ortseinflüsse gedacht werden müsse, und ob vielleicht in der Nähe gewisser Gewässer 
diese Krankheit besonders verbreitet sei, ob nicht vielleicht auch Homer unter seinen 
42 Fällen Besonderheiten in Bezug auf geographische Verbreitung am Zürchersee ge¬ 
funden haben würde? 

Dass Ortsverhältnisse beim Frühjahrscatarrh eine wesentliche Rolle spielen müssen, 
beweist der Vortragende durch einen jungen Mann, der im 17. Lebensjahre mit gonz 
gesunden Augen nach Thun kam. Während seines 1 Omonatlichen Aufenthalts daselbst 
entwickelte sich Frühjahrscatarrh. Zum Zwecke der Erlernung der französischen Sprache 
während mehr als einem Jahre im Waadtland und an andern Orten, verschwand das 
Augenleiden gänzlich. Hierauf wieder nach Thun zurückgekehrt, brach die Krankheit 
in Form von zahlreichen, harten, pilzartigen Wucherungen an der Innenfläche der oberen 
Lider und einer eigentümlich geschweiften streifigen Trübung längs dem oberen Corneal¬ 
rand beider Augen von Neuem aus, im Sommer ziemlich heftig werdend und im Winter 
bedeutend abnehmend. Patient kam im Herbst 1885 zur Fortsetzung seiner Studien 
nach Bern, wo die Krankheit während seines ca. lYsjährigen Aufenthaltes nicht wieder 
auftrat und seit seiner seitherigen Niederlassung in Hochstetten auch keine Spur eines 
Rückfalles erkennen lässt. Die ehemalige Erkrankung hat keine Spuren hinterlassen, 
als eine auffallende Dicke der oberen Lider, die streifige Cornealtrübung und eine 
leichte stellenweise Atrophie der Conj. palpebrarum ohne wesentliche Farbveränderung 
derselben. 

Der Vortragende erwähnt noch einen Fall von Frühjahrscatarrh, welcher von dem 
gewöhnlichen Bilde abweicht. Er fand bei einem 21jährigen Mädchen, welches seit vielen 
Jahren bei Eintreten der warmen Jahreszeit an Erscheinungen von Frühjahrscatarrh litt, 
die ganze Innenfläche der unteren Lider, welche ein leicht milchiges Aussehen darbot, mit 
einer gleichförmigen, gegen den unteren Tarsalrand hin verschwindenden, gegen den Lid¬ 
rand dagegen immer dicker werdenden und daselbst ca. 0,75 mm. messenden, über den 
Lidrand ca. 0,25 mm. emporragenden, sehr festen, fast knorpligen Schicht bedeckt, in 
welche man unter Vergrösserung feine Capillargefasse vom Lidrand her eintreten sah. 
Das übrige Auge zeigte keinerlei Veränderungen; nur einzelne Gefösse der Conj. bulbi 
waren stärker injicirt. 

Bezüglich Prognose und Therapie schliesst sich Emmert den Anschauungen Horner ’s 
(vgl. Gerhardt, Handbuch der Kinderkrankheiten 1881, Bd. V., Ab. 2) an. Erstere ist 
günstig, weil die Krankheit allmälig heilt und dem Auge keine Gefahren droben. In 
der Mehrzahl der Fälle bleibt viele Jahre lang nur ein mehr oder weniger schläfriger 
Ausdruck der Augen zurück, und die eventuellen Hornhauttrübungen hindern das Sehen 
nicht und wachsen nicht. Therapeutisch kann wenig genützt werden, ausgenommen gegen 
die Schleimsecretion und bis auf einen gewissen Grad gegen die subjectiven Beschwerden. 
Auch Emmert sah wie Homer günstige Wirkungen vom Ausschneiden von Limbusknöt- 
ehen. An der Innenfläche der oberen Lider riss er die blumkobl- oder pilzartigen Wuche¬ 
rungen oftmals aus und sah an der betreffenden Stelle dieselben zwar wiederkehren, jedoch 
in kleinerer Form. 

Emmert zeigt microscopische Präparate vor und bestätigt die Befunde von Vetsch 


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und Homer. Die Knötchen der Conj. bulbi und palpebrarum tragen den nämlichen Cha¬ 
rakter. Das Wesentlichste ist die enorme Epithelwucherung, wodurch das Leiden eine 
gewisse Aehnlichkeit mit Carcinom bekommt, welchem aber alle andern für dieses charak¬ 
teristische Erscheinungen fehlen. Jene Wucherungen schliessen scharf ab gegen die Basis. 
Bindegewebshypertrophie und reichliche Gefässentwicklung sowie massenhafte karyokinetische 
Figuren in den Epithelschichten vervollständigen das gewöhnliche Bild. 

Die Bezeichnung Frühjahrscatarrh scheint dem Vortragenden in sofern nicht 
ganz zutreffend, als das Leiden eigentlich erst in die Sommermonate fällt und das Wesent¬ 
liche desselben nicht der Catarrh, sondern die Epithelwucherung ist. 

Ebenso kann Hypertrophie periceratique oder Phlyctäna pal- 
1 i d a oder gallertige Verdickung des Limbus nicht als ganz richtige 
Benennung angesehen werden, da alle diese Bezeichnungen den Begriff in sich schliessen, 
dass der Sitz der Erkrankung ausschliesslich der pericorneale Limbus conjunctivse ist, 
während dieselbe doch ebenso wohl einzig an der Innenfläche der oberen oder unteren 
Lider oder an beiden Orten localisirt sein kann. 

Hypertrophia epithelialis aestiva sive Epitheliale Som¬ 
merhypertrophie der Conjunctiva würde sowohl das Wesentliche des 
Leidens als die Jahreszeit seines Auftretens am Besten kennzeichnen. 

2. Dr. Girard bringt „Kleinere Mittheilungen 8 über 

I. Eine Modiflcation der Plattennaht der Nase bei Hasenscharten. 

Er wendet zur Annäherung des einen (bei doppelseitigen Hasenscharten der beiden) 
zu breiten und flachen, mitunter tiefer stehenden Nasenflügels eine Insectennadel an, welche 
quer durch die Nase durchgestochen wird und mit Bleiperlen und ziemlich dickwandigen 
resistenten Kautschukröhrchen versehen ist. 

Unmittelbar am Stecknadelköpfchen kommt eine freibleibende, durch das Köpfchen 
zurückgehaltene Bleiperle und darauf ein quer durcbgespiesstes Drainrohrstück. Mit der 
so beladenen Nadel sticht man durch beide Nasenflügel genau in der Nasolabialfalte ein 
und aus; die Nadelspitze versieht man wie das Kopfende mit Drainrohr und Bleiperle; 
letztere wird festgequetscht, nachdem die gewünschte Annäherung erreicht ist. 

Dieses Verfahren hat folgende Vorzüge gegen die früher üblichen: Die Kautschuk¬ 
röhrchen bilden zwei sehr elastische Kissen, welche auf die Haut zu liegen kommen und 
die erfahrungsgemäss leicht vorkommende Hautnecrose durch den Druck der Perlen resp. 
Platten vermeiden. 

Findet man nachträglich, dass die Annäherung eine ungenügende war, so kann man 
die noch frei gebliebene erste Bleiperle nach Belieben näher gegen die Nase schieben und 
dann festquetschen. Findet man umgekehrt, dass die Compression eher etwas zu stark 
sei, so lässt sich das Stecknadel köpfchen abkneifen, die freie Bleiperle etwas lateral wärts 
verschieben und dann über dem äussersten Ende der abgekneiften Nadel zusammen¬ 
quetschen ; die Entspannung beträgt so viel als die Dicke der Bleiperle. 

Die Insektennadeln sind dem Silberdraht vorzuziehen, weil man durch dieses starre 
Material das mitunter schwierig zu haltende gute Niveau des Nasenflügels besser 
sichern kann. 

II. Verwendung des Menthols in der Chirurgie. Die Versuche, welche mit der 
inneren Darreichung des Menthols bei Lungentuberculose in den letzten Zeiten gemacht 
wurden, regten den Vortragenden an, auch bei chirurgischer Tuberculose Versuche damit 
anzustellen. 

G . behandelte durch Einreiben, resp. Tamponniren mittelst eines Pulvers, aus Menthol 
und Jodoform Sä bestehend, eine Anzahl (14) von Operationswunden nach Auskratzung 
und Resection tuberculöser Knochen- und Weichtbeilherde. Er hatte bei dieser Serie von 
Fällen den Eindruck, dass der Wund- resp. Heilungsverlauf ein günstigerer gewesen ist, 
als er es nach der einfachen Jodoformbehandlung anderer ganz ähnlicher Erkrankungen 
zu sehen pflegte. 

Recidive von fungösen Granulationen traten nicht ein und mit Ausnahme von zwei 


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Patienten, welche noch in Behandlung stehen und welchen es auch sehr gut geht, sind 
sämmtliche Wunden rasch zur Heilung gekommen. 

Der Vortragende verkennt keineswegs, dass diese Zahlen viel zu klein sind, um 
bestimmte Schlüsse zu ziehen, namentlich ist er wohl bewusst, dass die Anwendung von 
reinem Menthol klarere Verhältnisse geboten hätte; wenn er es nicht machte, so war es, 
um die ersten Versuchsfälle der günstigen Einwirkung des Jodoforms nicht ganz ver¬ 
lustig zu machen. 

Der Zweck der Mittheilung war nur, die Collegen zu ähnlichen Versuchen anzu¬ 
regen. Es ist übrigens zu bemerken, dass das Menthol die Wunden nicht oder unwesent¬ 
lich reizt und den Wundschmerz wenig steigert; das Menthol ist endlich ein vorzügliches, 
vielleicht das vorzüglichste Desodorans für Jodoform. 

In der Discussion über letztem Gegenstand bemerkt Dr. de Giacomiy dass er nach 
den Angaben Mosenberg' s u. A. das Menthol bei verschiedenen Anlässen in Anwendung 
gezogen habe. 'Während er bei einer Affection, für welche das Menthol bisher nicht em¬ 
pfohlen worden, nämlich bei einem Lupus des Ohres einen recht befriedigenden Erfolg 
mit einer 20°/o-Lösung erzielt habe, könne er das Gleiche nicht von der innerlichen An¬ 
wendung des Mittels sagen. Hier hat er es grammweise zur Hebung des Appetites, aber 
ohne Nutzen verwandt. 

Dr. Dättioyler kann die letztere Beobachtung bestätigen ; er hat das Menthol auf 
seiner Spitalabtheilung mehrfach in Dosen von 3,0—5,0 pro die gebraucht. Die Patienten 
bekamen aber eher Ekel, als Appetit. 

Dr. Dumont hat die Ansicht, dass man bei der chirurgischen Behandlung tuber- 
culöser Erkrankungen weniger von einem speciüschen Mittel, als vielmehr von einer gründ¬ 
lichen Entfernung der ergriffenen Theile wird Erfolg erwarten dürfen. — Im speciellen 
Falle scheinen ihm die erzielten Resultate für das Menthol vielleicht nicht ganz beweisend 
zu sein insofern, als die Heilungsdauer nicht viel kürzer als bei Anwendung anderer 
Mittel war. — Da die innerliche Verabreichung des Mittels den gehegten Erwartungen 
nicht zu entsprechen scheint, so möchte er eher noch weniger an die Wirkung des Men¬ 
thols glauben. 

Dr. Girard erwidert, dass letzterer Grund kaum stichhaltig sei, indem man in noch 
höherem Grade das Jodoform anschuldigen könnte , welches innerlich noch weniger als 
Menthol vertragen wird und doch in der Chirurgie täglich ausgezeichnete Dienste leistet. 
— Was die Heilungsresultate anbelangt, so ist ihm weniger die Heilungsdauer des einen 
oder andern Patienten aufgefallen, als vielmehr die Thatsache, dass eine ganze Serie 
von Leuten mit tuberculösen Affectionen schneller heilten mit Menthol als mit andern 
Mitteln. 

Dr. Sahli hat zwar nioht Gelegenheit gehabt, das Menthol anzuwenden. Er glaubt 
aber vom theoretischen Standpunkte aus, dass die äusserliche Anwendung des 
Menthols mehr Aussichten bieten wird, als die innerliche, indem er auf die Unter¬ 
suchungen im Reichsgesundheitsamt hin weist, welche über das Pfeffermünzöl gemacht 
wurden und ergaben, dass dasselbe einer der kräftigsten Hemmungskörper und Anti- 
septica sei. 

Dr. Schaerer frägt an, ob man nicht im Campher auch ein weiteres analog 
wirkendes Präparat hätte? War ja doch seiner Zeit der Vin. Camphorat. sehr im 
Gebrauche. 

Dr. Girard hält den Vin. Camphor. für ein gutes Granulationsmittel, allein für kein 
Antisepticum, da der blaue Eiterbacillus darin sehr wohl gedeiht. 

Dr. Niehans hat auch früher Gelegenheit gehabt, den Campher anzuwenden; allein 
er bemerkte gewöhnlich, dass die Wunden livid, bald zu Blutungen geneigt wurden, so 
dass er es beim Auftreten des viel zuverlässigeren Jodoforms bei Seite Hess. 


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Referate und Kritiken. 

Beiträge zur klinischen Chirurgie. 

Herausgegeben von Prof. Dr. Paul Bruns. 3. Bd., 1. Heft. Tübingen, Laupp, 1887. 

163 Seiten. 

Dab vorliegende 1. Heft dee 3. Bandes der Brun $'&chen Beiträge enthält bo wichtige 
Arbeiten, dass dieselben ausführlicher referirt werden, sumal die meisten derselben nicht 
nur chirurgisches, sondern auch allgemein medicinisches Interesse haben. 

I. H, Bayha: Ueber L upuscarcinom. 42 Fälle (5 aus der Tübinger Klinik) 
werden sur Schilderung verwendet. Die Carcinombildung auf Lupusnarben wird unter¬ 
schieden von dem Garcinom auf floridem Lupus. 

1) Garcinom e auf Lupusnarben (11 Fälle). Sie gehören zu den „Narben- 
carcinomen“, treten schon im jugendlichen Alter auf, sind aber am häufigsten im gewöhn¬ 
lichen „Krebsalter“ und gehören stets der weichen, tiefgreifenden Form des Garcinom6 
an. 8its: 4 Mal die Wange, 1 Mal Orbita, 2 Mal Nase, 1 Mal rechter Ellenbogen. 

2) Garcinome auf floridem Lupus (81 Fälle). Als Ausgangspunkt dee 
Krebses werden\die Auswachsungen der interpapillären Eiusenkungen in den Lupus hinein 
bezeichnet, der Krebs greift also den Lupus an und bringt ihm den Untergang. Auch 
diese Garcinome können schon sehr frühe Auftreten (2 Pat. 23, 1 28 und 1 29 Jahr alt). 
Sitz: 11 Mal die Wange, 2 Schläfecgegend, 1 Gesicht, l Nase, 4 Oberlippe, 1 Oberarm; 
in 2 Fällen wurden 2 Garcinome an demselben Individuum beobachtet. Diese Carcinome 
sind sehr bösartig: von 10 operirten Fällen l dauernde Heilung, 7 rasch recidiv; von 3 
mit Aetsmitteln behandelten Fällen 1 Heilung. Also lndication für die Behandlung: Mög¬ 
lichst frühzeitige Exstirpation. 

II. TA. Weizsäcker: Die Arthropathie bei Tabes. Verf. verfügt über eine 
Gasuistik von 109 Fällen (2 aus der Tübinger Klinik) und liefert eine sehr ausführliche 
und lesenswerthe Arbeit. 

Arthropathien können sich während des ganzen Verlaufes der Tabes einstellen, bei 
ihrem typischen Auftreten sind sie aber eine Erscheinung der frühen Krankheitsperiode. 
Die Häufigkeit ist bei beiden Geschlechtern dieselbe. Bei 109 Individuen sind zusammen 
169 Gelenke erkrankt, davon das Kniegelenk etwa in der Hälfte aller Fälle, dann folgt 
Hüfte, Schulter, Fusswurzel, Ellenbogen, Fussgelenk. In 66 Fällen ist nur 1 Gelenk 
erkrankt, 2 Gelenke sind 34 Mal, 3 und mehr etwa 10 Mal erkrankt; in einzelnen Fällen 
ist der Reihe nach eine grosse Zahl von Gelenken befallen worden. 

Gharakteristisch für die tabetische Arthropathie ist das plötzliche Auftreten, ohne 
jegliche Gelegenheitsursache, der absolut schmerz- und reactionslose Verlauf, endlich die 
bedeutenden, in kürzester Frist sich bemerkbar machenden Gelenkveränderungen, gekenn¬ 
zeichnet durch die rapide Resorption ganzer Gelenkenden und die Zerstörung des Band— 
Apparates. Es kommt vor, dass ein Pat. während des Herumgehens zu Boden stürzt 
und unter hörbarem Krachen ein Bein nachgibt; Schmerzen bestehen dabei gewöhnlich 
nicht, dem Unfälle folgt leichtes Hinken oder eine Schwäohe des Beines. An dem affi- 
cirten Gelenke macht sich eine umfangreiche Schwellung, die bald über die ganze Ex¬ 
tremität sich ausbreitet. Auch bei liegenden Kranken entsteht das Gelenkleiden und wird 
etwa beim Umdrehen im Bette bemerkt, oder beim Aufstehen, indem die Kranken hinken 
oder das eine Bein kürzer geworden ist. Die rasch sich ausbildende Anschwellung ist 
die Folge eines Ergusses ins Gelenkcavum und in das periarticuläre Gewebe; in den 
umliegenden Weichtheilen bestoht ein hartes, resistentes Oedem, welches dem Fingerdruck 
widersteht. Die bedeckende Haut ist blassglänzend, nicht geröthet, von erweiterten Venen 
durchzogen, ohne Temperaturunterschied gegen die gesunde Seite. 

Nach den Veränderungen an den erkrankten Theilen und dem Verlaufe sind schwere 
und leichte Formen zu unterscheiden. Bei der leichten Form geht die Schwellung 
allmälig zurück, und es bleiben höchstens unbedeutende Störungen mit geringem Krachen 
bei Bewegungen; aber Recidive und Nachschübe sind nicht selten. Bei der schworen 
Form dagegen fehlt eine solche Restitution; die Schwellung bleibt und dazu gesellt sich 
die hochgradigste Destruction der knöchernen Gelenkenden und des BandapparateB. Es 
resultirt ein vollständiges §chlottergeleuk, welches die unnatürlichsten Bewegungen (late- 


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rale Hyperextension, Toreion) echmereloe ausführt („pathologische Cautschukmänner“). 
Zuweilen iet der Schwund der Gelenkenden mit Deutlichkeit zu constatiren, besondere an 
8chulter- und Hüftgelenk ; in andern Fällen entstehen Kalk- und Knocheneinlagerungen 
in die Gelenkkapsel und die mannigfachen Formen der Geleekkörper (Knie- und Ellen¬ 
bogengelenk). Bezüglich der genaueren pathologisch-anatomischen Veränderungen wird 
au! das Original verwiesen, ebenso bezüglich der Complicationen. 

Die Erkrankung ist eine eigenartige, die aller Wahrscheinlichkeit nach von der Er¬ 
krankung des Nervensystems direct abhängig, also neurotischer Natur ist. Die bis 
jetzt vorliegenden Erfahrungen sprechen am meisten zu Gunsten der Hypothese, welche 
die Gelenkaffectionen im Laufe von Tabes als die Folgen eines vielleicht selbstständig 
auftretenden Degenerationsprocesses im Bereiche gewisser peripherer 
Nervenstämme ansieht; dieser letztere bewirkt die geschilderten Veränderungen 
am Gelenkapparat, welche das Wesen der tabischen Arthropathie kennzeichnen. 

III. W. Göz: Ueber ausgedehnte Resection der Schädelknochen 
und das Regenerationsvermögen derselben. 

Im Anschlüsse an einen von Bruns erfolgreich operirten Fall von ausgedehnter syphi¬ 
litischer Necrose der Schädelknochen bei einem 17jährigen Mädchen, wo das rechte 
Scheitelbein und die rechte Stirnbeinhälfte fast vollständig, das linke Scheitelbein und 
die linke Stirnbeinhälfte theilweise entfernt wurden und resectionslose Heilung folgte, 
werden die bekannten Fälle von ausgedehnter ReBection der Schädelknochen zusammen¬ 
gestellt und danach die Frage der Regeneration von Defecten der Schädelknochen be¬ 
sprochen. Letztere selbst wird sowohl vom äusseren und inneren Perioste als auch von 
der Knoohensubstanz selbst und zwar namentlich von dem Diploö-Gewebe besorgt. Aus 
der Zusammenstellung der Endresultate nach grossen Schädeldefecten ergibt sich, dass 
die Regenerationsfähigkeit der 8chädelknochen eine entschieden grössere ist als gewöhnlich 
angenommen wird, und dass sie bei Defecten, die durch pathologische Processe bedingt 
sind, ziemlich dieselbe ist, wie bei traumatischen Substanzverlusten (Splitterbrüche mit 
8ubstanzverluBt, Trepanationslücken). 

IV. A. Heise: Ueber Schilddrüsentumoren im Innern des Kehlkopfes 
und der Luftröhre. 

4 Fälle der Struma intralaryngea und intratrachealis sind bis jetzt bekannt, 3 davon 
sind von Bruns beobachtet und operirt. Es handelt sich bei dieser seltenen Strumaform 
um aberrirte 8ohilddrüsenläppchen analog den von Streckeisen gefundenen Glandul» intra- 
hyoidese, den in das Zungenbein eingebetteten Schilddrüsenläppchen. 

Für die Diagnose der Struma intralaryngea und intratrachealis wichtig sind fol¬ 
gende Merkmale: 1) Der constante Sitz im unteren Kehlkopfabschnitt und im obersten 
Theil der Traohea, der stets fehlende Zusammenhang mit den Stimmbändern und die Be¬ 
ziehungen zur hinteren Kehlkopf- resp. Luftröhrenwandung. 2) Die charakteristische 
Gestaltung des Tumors, die walzenartige Form, die breite Basis und unversehrte Schleim¬ 
hautoberfläche. 8) Das allmälige Auftreten von Athembeschwerden ohne Störung der 
8timme bei Patienten im jugendlichen Lebensalter. Verwechslungen sind möglich mit 
Adenom und Enchondrom. 

Therapie: Bei nicht dringenden Fällen zunächst Jodbehandlung; für die übrigen 
Laryngo-Tracheotomie und Entfernung der Neubildung mit dem galvanocaustischen Messer 
oder mit Pincette und Scheere bei blutarmen Geschwülsten. Die 8 von Bruns operirten 
Fälle heilten rasch. 

V. P. Bruns und C . Nauwerck: Klinische und histologische Unter¬ 
suchungen über die antituberculöse Wirkung des Jodoform. 

Die Yerf. suchten in dieser Arbeit die 2 Fragen zu beantworten: 1) Vermag das 
Jodoform bei localer Anwendung tuberoulöse Processe zur Ausheilung zu bringen ? 2) Ist 
die Wirkung eine specifische, also antibacilläre ? 

Beide Fragen werden bejahend beantwortet; die erste an der Hand der Erfahrungen 
über die Resultate der Behandlung der kalten, tuberculösen Abscesse mittelst Jodoform- 
injectionen. Von 54 Fällen wurden an der Tübinger Klinik mindestens 40 erfolgreich 
behandelt und geheilt. 

Die zweite Frage wurde studirt an excidirten Abscessmembranen von durch wieder¬ 
holte Jodoforminjectionen bedeutend verkleinerten Abscessen. Die microscopischen Unter- 


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Buchungen sind von Nauwerck ausgeführt. Die anatomischen Veränderungen, weiche eich 
während der Ausheilung von mit Jodoform behandelten Abecessen vollziehen, lassen sich 
dahin zusammenfassen: 

Die Bacillen der tuberculösen Qranulationeschicht gehen zu Grunde; die tuberoulöse 
Gewebswucherung sistirt allmälig; es stellt sich eine sellenreiche Exsudation ein, welche 
das noch vorhandene tuberculöse Gewebe durchtränkt und lockert; zugleich entwickelt 
sich unter starker Wucherung der Spindelsellenachicht gesundes, äusserst gefässreiches 
Granulationsgewebe, welches die tuberkelhaltigen Theile, die der Verfettung und Necrose 
verfallen, immer mehr abhebt. Nach Schwund der Tuberkel obliterirt das Gefässsystem, 
die Granulationen verschwinden oder gehen mitsammt der Spindelselleuschicht in Binde¬ 
gewebe über, die Exsudation hört auf, der Abscessinhalt wird resorbirt, die Wandungen 
schrumpfen narbig zusammen. Kaufmann. 

Die Analyse des Wassers. 

Von Dr. G. A. Ziegeler. Stuttgart, 1887. F. Enke. Preis 8 Mark. 

Eigene Erfahrungen, besonders die Untersuchung des sehr schlechten Wassers der 
Stadt Stralsund, haben deu Verfasser bewogen, diese Anleitung den bereits vorhandenen 
zahlreichen Produoten ähnlicher Art beizufügen. 

Das Buch verdient alles Lob; es ist klar und übersichtlich angelegt und geschrieben. 
Es behandelt die Reagentien , welche zur Wasseruntersuchung nöthig sind , deren Be¬ 
reitung , Prüfung und Anwendung , dann die einzelnen qualitativen und quantitativen Be¬ 
stimmungen und Trennungen, die bacteriologische Untersuchung des Wassers, die micros- 
copische Untersuchung des Bodensatzes, und im Schlussabschnitt die Beurtheilung des 
Wassers nach dem analytischen und microscopischen Befunde in Bezug auf seine Ver¬ 
wendung als Trinkwasser, zu häuslichen und gewerblichen Zwecken. Zahlreiche, sche¬ 
matisch gehaltene, gute Holzschnitte erläutern Apparate und microscopische Bilder. 

Chemiker und Aerzte finden in diesem Buche, wenn auch nicht viel Neues, doch eine 
recht brauchbare Zusammenstellung der vom Verfasser selbst geübten und erprobten 
Methoden. Da Fischer und Kübel-Tilmann seit mehreren Jahren nicht mehr ueu aufgelegt 
wurden, füllt diese Anleitung im Momente eine Lücke ganz glücklich aus und darf des¬ 
halb bestens empfohlen werden. Ambühl (St Gallen). 

Systematisches Lehrbuch der Balneotherapie, einschliesslich der Klimatotherapie 

der Phthisis. 

Von Dr. J. Braun. 6 . Auflage, herausgegeben von Dr. B. Fromm . 706 Seiten. Braun - 

schweig, 1887. Harald Bruhn. 

Braun war der erste Badearzt, welcher die einzelnen dynamischen, wirksamen Mo¬ 
mente einer Bade-, Brunnen- und Luftcur streng auseinanderhielt und ihre möglichen 
Combinationen unter einander wissenschaftlich zu begründen suchte. Er stellte sich die 
schwierige und höchst heikle Aufgabe, io die auf dem theoretischen und practischen Gebiete 
der Balneologie herrschende Oberflächlichkeit und Unklarheit mit scharfleuchtender Kritik hin¬ 
einzuzünden, Willkürliches und blos Vermuthetes, ja zum Theil Dogmatisches und Mystisches 
von experimentell und klinisch Festgestelltem zu sichten. Dass solches reformatorisches 
Vorgehen mitunter zu scharfer Polemik verleiten musste, und hie und da ein allzu sub- 
jectiver, selbst schroffer und skeptischer Standpunkt eingenommen wurde, hat der geist¬ 
vollen, klassischen Arbeit nicht nur nicht geschadet, sondern sogar einen erhöhten Reiz 
verlieben. Dieses Lehrbuch erweckte schon beim ersten Erscheinen allseitiges Aufsehen 
und wirkte bald befruchtend auf die Balneologie ein , die endlich als jüngster Spröss¬ 
ling der practischen Medicin unter die Fittige der exacten Naturwissenschaften gebracht 
wurde. 

Nach dem Tode Braun' s, welcher innert 6 Jahren 3 neue Auflagen besorgte, ging 
die Herausgabe dos Werkes an Dr. B. Fromm , Badearzt in Norderney , über , von 
dem nun bereits die 2. reap. 5. Auflage bearbeitet worden ist. Derselbe hat mit 
pietätsvollem Geschick, ohne den Charakter des Werkes wesentlich zu verändern, das 
Gute und Anerkeonenawerthe der frühem Arbeit mit den Fortschritten der Neuzeit zu 
vereinigen gewusst. Namentlich aber hat das Capitel über die indifferenten Thermen und 
die Stahlbäder eine gänzliche Umarbeitung erfahren; andere Abschnitte sind bedeutend 


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ergänzt worden, so der physiologische Theil über die chemischen und thermischen Ver¬ 
hältnisse der Bäderwirkung, Über die Hydrotherapie, das Seebad, die Moorbäder etc. 

In dem Capitol „Klinische Balneotherapie“ sind die wichtigsten Krankheitsgruppen 
und die entsprechenden Indicationen mit grosser Sorgfalt und practischer Uebersichtlich- 
keit aufgefObrt. Der Abschnitt Ober „Klimatotherapie der Pbtbisis“, der in den frOhern 
Auflagen von Dr. Rhoden in Lippspringe bearbeitet worden war, ist nun von Dr. Fromm 
ganz den neuesten bacteriologischen Forschungen adaptirt und abgeändert worden. 

Eine sehr verdankenswerthe Bereicherung des Buches bildet die „Anleitung au klima- 
tologischen Untersuchungen“, welche aus der Feder von Prof. Dr. Köppen , Meteorologen 
der „Deutschen Sternwarte“ in Hamburg, stammt. Möge diese kurae, klar gefasste In¬ 
struction von den Curärzten fleissig benützt werden , damit wir endlich zu einheitlichem 
brauch- und vergleichbarem klimatologiscbem Material gelangen, dessen wir zur Lösung 
so mancher klimatologiscben Fragen noch so sehr bedOrfen. 

Die Zahl der Brunnen-, Bade- und Luftcurorte ist gegenüber den frühem Auflagen 
bedeutend vervollständigt worden, obschon die nicht deutschen Länder, speciell die Schweiz 
in Zukunft noch mehr Berflcksichtigung verdienten. 

Auch in formeller Beziehung verdient das Buch alles Lob: sowohl die chemischen 
Analysen sind einheitlich nicht mehr in Unzen-, sondern in Grammgewicht aufgeführt, die 
Temperaturangaben werden nach der hunderttbeiligen Scala (Celsius) gemacht und die 
Höhenlagen Ober dem Meer im Metersystem angegeben. Wir empfehlen dieses treffliche 
Lehrbuch allen Collegen bestens zum gründlichen Studium ! Loetscher (Eglisau). 


Die namhafteren Curorte und Heilquellen Ungarns und seiner Nebenländer. 

Von Dr. Komel Chyzer . Mit 30 phototypischen Tafeln und einer Karte. 231 8eiten. 

Stuttgart 1887, Ferd. Enke. 

Mit Ausnahme von einigen wenigen Mineralwässern, welche schon kürzere oder 
längere Zeit ins Ausland exportirt werden, wie z. B. die Budapest-Ofener Bitter¬ 
wässer und in der Neuzeit der Salvator - Säuerling, hat man in unsere ärztlichen 
Kreisen sehr wenig von den Gesundbrunnen Ungarns gewusst. Und doch welchen gross- 
artigen Reichthum an den mannigfaltigsten Mineralquellen hat dieses verhältnissmässig 
kleine Land aufsuweisen! Der Verfasser des vorliegenden Buches hat nun im Aufträge 
des ungarischen Cultus- und Unterrichtsministeriums die bedeutendem Curorte und Heil¬ 
quellen seines Heimatlandes, unter denen sich viele ebenbürtig an die Seite der berühm¬ 
testen anderer Länder stellen dürften, in sehr anziehender, aber durchaus wissenschaft¬ 
licher Weise geschildert und eine grosse Anzahl derselben durch schöne Phototypen illu- 
strirt. Zur Veranschaulichung des Ganzen ist eine sehr hübsche Bäderkarte beigegebeu. 
Auf Einzelheiten kann hier nicht eingetreten werden. Die Absicht des Buches, die vielen 
baineotherapeutischen Schätze Ungarns nach Gebühr ans Tageslicht zu ziehen und für die 
kranke Menschheit nutzbar zu machen, verdient die vollste Anerkennung. 

Loetscher (Eglisau). 


Illustrirter Curorte-Almanach. 

Von Dr. Kdüay . 147 Seiten. Troppau 1887/88. Aug. Strasilla. 

Dieses kleine Taschenbuch berücksichtigt mit Vorliebe die Heilquellen und Curorte 
der österreichisch-ungarischen Monarchie , während diejenigen deB Auslandes sehr man¬ 
gelhaft und stiefmütterlich behandelt werden. Die Temperatur-Angaben werden bald nach 
Röaomur, bald nach Celsius gemacht, für die Höhenlagen bald das Fuss-, bald das Meter- 
maass angegeben. Manches ist ganz unrichtig oder veraltet, so dass der Verfasser offen¬ 
bar aus ganz alten Literaturquellen geschöpft haben muss. Wie aber gar das Faulensee- 
bad am Thunsee (anstatt Thunersee) unter die Meerbäder gerathen konnte, ist schwer be¬ 
greiflich. Das weltberühmte Davos figurirt unter den alpinen Sommercurorten (Curzeit 
von Anfang Juni bis Ende 8eptember), Chernex dagegen unter den Wintercurorten!! 
Eogelberg wird unter den Wasserheilanstalten aufgeführt etc. etc. Die Illustration des 
Buches beschränkt sich auf drei Phototypen der DDr. Oertel , Eulenburg und Schwimmer , 
deren Biographien in Kürze beigefügt sind. Loelscher (Eglisau), 


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Oan tonale Oorrespondenzen. 


Acten der schweizerischen A erztecommission. 

Sitzung vom 17. December 1887 im Gasthof Victoria in Zürich. 

Präsident: Dr. Sonderegger , St. Gallen. Schriftführer: Dr. de drenviüe , Lausanne. 
Anwesend: A, Baader , Bruggiser, de Cerenville y Haffler ) Hürlimann, Lolz y Ndf y Sigg , Sonder egg er, ff. v. Wyss. 

Es entschuldigen sich: d'Espine , Kocher , Reo#. 

Der Präsident eröffnet die 8itzung um 2 1 /, Uhr, indem er Bericht erstattet über 
Alles, was seit der letzten Sitzung durch den engern Ausschuss erledigt worden ist und 
den Stand unserer übrigen Fragen. 

Traotanden: 

1) Entwurf eines Concordates mit England. Die Convention wäre leoninisch 
von Seiten Englands und ganz zu Ungunsten der Schweizer Aerzte. Eine wirkliche Re- 
ciprocität würde gar nicht bestehen und das eidgenössische Diplom hätte gar keinen 
Werth, um seinem Träger das Recht der Ausübung der Heilkunde in England zu sichern, 
so lange Letzterer nicht zugleich das Diplom einer der privilegirten Gesellschaften (Col¬ 
lege of physicians, surgeons etc.) besässe, welche in Wirklichkeit allein beim englischen 
Publicum die Anerkennung besitzen. Das Concordat kann deshalb nur unter der Be¬ 
dingung empfohlen werden, dass den Besitzern des eidg. Diplomes von England aus auch 
der Titel „Membre of Royal College of pbysicians a verliehen werde. 1 ) 

2) Eingabe, den Unterricht der Hygieine an eidg. PoIytochnicnHI betreffend. 
Seit unserm letzten Vorgehen hat die Universität in Zürich ein Laboratorium der Hy- 
gieine errichtet, das auch von der polytechnischen Sohule kann benützt werden. Es ist 
aber sehr zu wünschen, dass die Eidgenossenschaft an der Schöpfung von Sammlungen 
Theil nehme, welche Demonstrationsstücke, Modelte von Gerftthschaften u. dgl. enthalten, 
wie sie zum Unterrichte in der Hygieine gehören, 

A . Baader legt den diesbezüglichen Beschluss der Versammlung des ärztlichen Central¬ 
vereines *) vor und beantragt, an dem Unterrichte in der Gesundheitelehre durch einen 
Techniker am Polytechnicum (neben dem durch einen Mediciner an der Universität) uud 
an der ectiven Theilnahme des Bundes zum Zwecke der Ertheilung des hygieinischen 
Unterrichtes an den übrigen Universitäten festzubalten. 

Es wird beschlossen, zu diesen Zwecken zu gelangen 1) an das eidg. Departement 
des Innern, 2) an die Gesellschaft ehemaliger Polytechniker, 8) an die schweizerische 
naturforschende Gesellschaft, die in ähnlicher Weise Beschluss gefasst hat 

Der engere Ausschuss wird die Adresse formulireu und circuliren lassen. 

3) Organisation des eidg. Gesandheitswesens. Es wird beschlossen, die ganze 
Frage auf die Tractandenliste des nächsten schweizerischen Aerztetages (Frühjahr 1888) 
zu setzen und zwar auf der Basis des Vorschlages von A . Baader , wie er ihn an der 
Versammlung des ärztlichen Central Vereines gestellt hat.*) Der engere Ausschuss wird 
ein Circular erlassen, welches den drei schweizerischen Gesellschaften zugestellt und der 
allgemeinen Discussion zur Basis dienen wird. Dr. de Cerenville wird französisch, A. Baader 
deutsch referiren. 

4) Schweizerischer Aeretetag 1888. Das Präsidium legt einen Brief der 8ooidt6 
vaudoise de vnddeoine vor, welche eine gemeinsame Versammlung der drei schweizerischen 
ärztlichen Gesellschaften im März 1888 zu Lausanne wünscht. 

Dieser Vorschlag wird grundsätzlich angenommen , jedoch Vorbehalten, Bern zu 
wählen, wenn es sich in Folge von Nachfragen, die bei den verschiedenen cantonalen 
Gesellschaften zu erheben sind, heraussteilen sollte, dass in Folge der geographisch ez- 
centrisohen Lage von Lausanne die Frequenz einer allgemeinen Versammlung allzu sehr 
in Frage gestellt wäre. 

ö) Iftükkasse flr Schweizer Aerzte. Der Verwalter A. Baader erstattet einen 
summarischen Bericht und legt die Hauptbücher, sowie die Recbnungsbogen und Werth- 
schriften vor. 


*) Vide Corr.-Bl. f. Schweizer Aerzte 1888, pag. 58. 

*) Vide Corr.-Bl, f Schweizer Aerzte 1887, pag. 712, I und pag. 685, Zeile 1 und 2 von oben. 

*) Vide Corr.-Bl f. Schweizer Aerzte 1887, pag. 712, II. 


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Es 'wird beschlossen, bei der Anlage von Gapitalien absolut nur Hypothekar-, Staate-, 
Gemeinde- und Eieenbahnobligationen zu erwerben, insofern letztere von Cantonen oder 
dem Bunde garantirt sind, ganz so, wie es das Basler Waisenamt für die Anlage der 
Capitalien der Wittwen und Waisen gesetzliob bestimmt. 

Die alten XJnterctQtzungen dauern weiter; oine neue einmalige Gabe von 200 Fr. an 
eine Wittwe eines Arztes wird votirt, das Begehren um ein Anlehen von 1000 Fr. da¬ 
gegen grundsätzlich (wie schon früher) abgewiesen. 

Zu Rechnungsprüfern werden ernannt die bisherigen Herren Dr. Lotz und Oberstlieut 
fi. Isel St*, Seckeimeister der Basler gemeinnützigen Gesellschaft und an Stelle des erkrank¬ 
ten Herrn Prof. Dr. Fritz Burckhardt-Brenner Herr Prof. Dr. R. Masiini in Basel. 

6) Ueber die Hebauenfirage wird Dr. Haffler in nächster Sitzung Bericht erstatten. 

7) Das Lskeismittelgeselz soll in einer besondere Vorlage besprochen werden. 

8) Die Waadtländer mediciniscbe Gesellschaft bittet durch ein Schreiben die eidg. 
Aerstecommission, mit allen gesetzlich möglichen Mitteln dem Verkaufe der phamacea- 
tfseheB Speeialltitea, der zur wirklichen und bedauernswerten Calamität wird, entgegen- 
suwirken. Beschlossen, den Brief in empfehlendem Sinne an daB Berner Departement 
des Innern zu senden, welches im Aufträge der concordirenden Cantone die Frage des 
Verkaufes der Geheimmittel zu studiren hat. 

9) Der St. Galler ärztliche Cantonalverein protestirt schriftlich gegen den Versuch, 
das Privilegium 4er Amte ia Coaearssachea auch weiterhin anzuetreben. 

10) Es wird beschlossen, in Zukunft die Kasse der schweizerischen Aerstecommission 
von derjenigen des ärztlichen Gentralvereines zu trennen. 

Schluss der Sitzung um Ö Uhr. 


Baaellmmd. Zar Casaisük der Biaseatamerea. Frau A. B., VI Para, 80 Jahre 
alt, früher stets gesund, leidet seit 1 */, Jahren an intensiven „Blasenbeschwerden“ : be¬ 
ständigem, sehr schmerzhaftem Harndrang, der sie nöthigte, stündlich und öfter einen 
spärlichen, stark eitrigen Urin zu entleeren. Den Anfang des Leidens datirt Pat. 4 Wochen 
nach der letzten Geburt, nachdem das betr. „Wochenbett mit Ausnahme eines 2—8 Tage 
dauernden „Milchflebera“ ohne Störung verlaufen war“. 8eit dieser Zeit, etwa l 1 /* Jahre, 
war Pat. nie mehr arbeitsfähig gewesen; hatte beständig Schmerzen, keine Ruhe des 
Nachts wegen unaufhörlichen Harndrangs und war sehr heruntergekommen; es waren ihr 
gegen das „Blasenleiden“ innerliche Mittel und auch BlasenausspUlungen verordnet worden 
ohne Erfolg. 

Die Untersuchung ergab: sehr leidend aussehende Frau; der mit dem Gatheter ent¬ 
leerte Urin ist stark getrübt, enthält viel Eiter; von der Vagina aus fühlt man den Uterus 
stark nach oben dislocirt: zwischen Uterus und Blase ein starres parametritisches Ex¬ 
sudat, nirgends Fluctuation. Diagnose: Altes parametritisohes, starres Exsudat und Blasen- 
catarrh. Therapie: Heisse Vaginaldouchen und Blasenspülungen mit Borsäure. Als nach 
einigen Tagen keine Besserung eingetreten , wurde die Uretbra mittels der Hegor *sehen 
gläsernen Dilatatoren erweitert und die Blase für den Zeigefinger zugänglich gemacht, 
was ohne Mühe in einer 8itzung gelang. Die Kuppe des Fingers stiess an der hintern 
Blasenwand an einen pilzförmig aufsitzenden, scharf umschriebenen, etwa pflaumengrossen 
Tumor von weicher Gonsistenz , welcher mit Rücksicht auf das Alter der Pat an ein 
Papillom denken liess und welche Geschwulst selbstverständlich für die Ursache der 
Blaseneiteruog gehalten wurde ; dem entsprechend musste auch die Entfernung der Ge¬ 
schwulst die einzig rationelle Therapie sein. Als aber bei einer folgenden Untersuchung 
ia Narcose durch das Simon 'sehe Harnröhrenspeculum constatirt wurde, dass auf der Ruppe 
des Blasentumors eine Fistel mündete, welche auf Druck vom vordem Bcheidengewölbe 
aus reichlich Eiter entleerte, wurde der ganze dachverhalt auf einmal klar: zwischen 
Uterus und Blase befand sich ein starres, parametritisches Exsudat, welches einen Abscess 
einschloss, dieser war in die Blase perforirt und hatte sich an der hintern Blasenwand 
ein Granulationsfungus um die Fistelmündung gebildet, welcher eine Neubildung vor- 
Uoechte. Der Abscess war bei der manuellen Untersuchung von der Vagina aus deshalb 
nicht entdeckt worden, weil sich der Abscessinhalt auf Druck je weilen in die Blase ent¬ 
leerte und zwar so, dass sich bei oombinirter Untersuchung durch Blase und 8cheide die 
beiden untersuchenden Finger direot berührten, indem der zwischen den Fingern beflnd- 


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liehe Abscessinhalt nach oben auswich und sich in die Blase entleerte; aus diesem Grund 
verbot es sich auch, mit einem Troicart von der 3cheide aus den Abscess aufzusuchen, 
weil man sonst die Blase perforirt hätte, ich machte daher im vordem 8cheidengewölbe 
eine flache Incision und drang von hier aus stumpf mit dem Zeigefinger vor; ich ge¬ 
langte bald in eine Abscesshöhle, welche den grössern Theil der Blase von hinten und 
unten schalenförmig umgab ; ein eingelegtes Querbalkendrain sorgte für unbehinderten 
Abfluss des Eiters. 

Interessant ist, dass sich dieser kleine chirurgische Eingriff überaus dankbar 
erwies: wie mit einem 8chlag hörten die seit l 1 /, Jahren anhaltenden Harnheschwerden 
auf (die Granulationsgeschwulst bildete sich offenbar rasch zurück), und etwa 3 Wochen 
nach der Incision befindet sich Pat, vollständig wohl und kann als völlig hergestellt gelten. 

Bemerkenswerth ist ebenfalls, dass die Erweiterung mittels der Hegar' sehen Dilata¬ 
toren leicht und ohne Nachtheile (Incontinenz etc.) von statten gebt, so dass es a priori 
nicht unmöglich erscheint, einen mässig grossen Blasentumor durch die erweiterte Urethra 
nach aussen vor die Harnröhrenmündung zu befördern und hier zu excidiren. 

Gelterkinden. Dr. L. Gdpke. 

Hera* Milzbrand. Die (anderwärts erschienene) Kritik des Herrn 5cAmutt-Mülheim 
über meine Arbeit in Nr. 14, 1887, d. Bl. hätte mich schon früher zu einer Antwort be¬ 
wogen , wenn sie nicht eine derartige gewesen wäre, auf welche man vielleicht noch 
besser mit Stillschweigen reagirt. Nachdem sich Herr Siegmund dieselbe aber zu Gute 
macht und sie in extenso im Corr.-BL Nr. 2, 1888 als maassgebende Autorität veröffent¬ 
licht, zwingt mich dies doch zu einer Antwort. 

Da Herr Siegmund selbst zugibt, dass er im Gebiete der Bacteriologie kein eigenes 
Urtheil haben kann, und da ferner ich mich ebenfalls nicht stark genug fühle, um mit 
einem 8chlachthausverwalter über die Möglichkoit oder die Unmöglichkeit einer Ver¬ 
wechslung oder eines Uebersehens von Milzbrand hei Inspection eines Schweines zu dis— 
cutiren, so bleibe ich wie vorher auf dem Boden der bacteriologischen Untersuchung und 
richtet sich meine Antwort an die ScA.-M.-Argumentation. 

Ich bemerke nur noch, dass Herr Siegmund , wie es aus einem an Herrn Prof. Nencki 
adressirten Privatbriefe hervorgeht, das Vorkommen des Milzbrandes beim Schweine in 
Abrede stellt, so dass er wohl hei der Inspection sein Augenmerk nicht darauf gerichtet 
haben wird. 

Dass wohl Niemand die Auseinandersetzungen des Herrn &A.-M. zum Beweis, dass 
die Untersuchung des Herrn Prof. Nencki keinen Werth bat, ernst auffassen wird, setze 
ich voraus und gehe ich gleich auf das folgende Argument über , wo Herr &A.-M» die 
sehr verschiedene Dauer der Erkrankung als einen Grund betrachtet zur Unwahrschein- 
lichkeit der Annahme der Unität der Erkrankung. Zum Beweis gibt er dieselbe Beob¬ 
achtung von Koch) Löffler und Gaff kg) die ich zum Beweis des Gegentheils gab und passt 
sie seinem Zwecke an, indem er eine ungenaue Angabe macht. 

Er sagt nämlich, dass die Dauer der Erkrankung nach Koch 9 Löffler und Gaff kg „ höch¬ 
stens 6 Tage* beträgt, während Koch, Löffler und Gaffkg , wie ich es ausdrücklich hervor¬ 
hebe, Erkrankungsdauer vou 7 und sogar 14 Tagen beobachtet haben. 

Weiter citirt er einen Satz von meiner Arbeit, unterbricht ihn aber gerade da, wo 
durch die Fortsetzung sein Sinn vollständig geändert wird und sucht damit zu beweisen, 
dass meine Beobachtungen nicht mit meinen Schlüssen übereinstimmen. 

Ich gehe übrigens die wörtliche Wiedergabe : „Vernimmt man bub ToveC s eigenem 
Munde: „»Der Sectionsbefund war auch nicht immer der bei virulentem Milzbrände ge¬ 
wöhnliche. Die Milz war nicht immer so stark vergrössert, wie man es bei virulentem 
Milzbrand sieht, die Fäden hier und da im Milzsaft etwas spärlich, und im Lungensaft 
reichlicher, während das Verhältnis gewöhnlich ein umgekehrtes ist etc.“*, so muss man 
staunen Über die Sicherheit, mit der Tavel die Diagnose auf Milzbrand stellt.* 

Herr &A.-M. hütet sich, die Fortsetzung des Satzes anzugeben, die folgendermaassen 
lautet: „Die Fäden waren auch oft sehr viel länger als bei virulentem Milzbrände, nur die 
Gliederung und die scharfwinkligen Enden der Bacillen, sowie die Dicke waren immer typisch. 
Alle diese Eigentümlichkeiten: Immunität der Meerschweinchen, längere Dauer der Krank¬ 
heit, grössere Anzahl und Länge der Fäden im Lungensaft, weniger starke Sohwellung 
der Milz, stimmen überein mit dem Verlauf des stark abgeschwächten Milzbrandes etc. a 


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Eine Kritik, die mit derartigen Argumenten ausgeführt wird , braucht nicht weiter 
berücksichtigt zu werden, man muss nur staunen, dass Herr 5cA.-M. sich noch dazu 
erlaubt, einem den Vorwurf der Leichtfertigkeit zu machen, UDd es wird wohl der Leser seihst 
sich ein Urtheil Über den 'Werth einer Kritik machen, die solche Waffen braucht. 

Dr. E . Tavel. 

In seiner Replik auf meine Correspond enz in Nr/ 2 dieser geschfttsten Zeitschrift 
will Herr Dr. Tavel ein endgültiges Urtheil den Lesern überlassen, womit auch ich mich 
vollständig einverstanden erklären kann, besonders da meine Höflichkeit und die Achtung 
vor den Lesern des Correspondenzblattes, mir nicht erlauben, den Eindruck, den mir die 
Taverecbe Replik gemacht hat, niederzuschreiben. Ich fühle mich nur gedrungen, Herrn 
f. zu erinnern, dass ich nicht blos „3cblachthausverwalter tf bin, sondern durchaus voll¬ 
berechtigt , mich einen wissenschaftlich gebildeten Thierarzt zu nennen , dessen Urtheil, 
in Sachen der Fleischbeschau, bei den maassgebenden Behörden sicherlich höher geschätzt 
wird, als bacteriologische Spitzfindigkeit. Siegmund. 

Acta clausa. Redaction. 

Thurgau. Drei Fälle seiteier Moskelerkranbng. a. Muskelpseudo¬ 
hypertrophie— 2 Fälle; b. juvenile progressive Muskelatrophie — 
1 Fall. Von Dr. Böhi in Erlen. 

Diese eigentbümlichen und in mancher Beziehung noch immer räthselhaften Myo¬ 
pathien gehören bekanntlich der neuern und, was die zuerst von Erb beschriebene Form 
(„Deutsches Archiv für klin. Medicin a 1884) der juvenilen Muskelatrophie betrifft, der 
neuesten Pathologie an. 

Der erste in der Schweiz beobachtete Fall von Muskelpseudohypertrophie fällt in das 
Jahr 1864 zurück und wurde im Jahre 186Ö von Prof. Griesinger in Zürich im Archiv für 
Heilkunde veröffentlicht. Diesem Falle reihte er noch 4 andere an, mit denen das bis su 
diesem Zeitpunkte bekannt gewordene Material erschöpft war. 

Zwar reicht die Geschichte dieses seltsamen Leidens noch weiter zurück, hatten ja 
doch Coste und Gioja im Jahre 1838 in den „annali clinici dell'ospedale degli iocurabili di 
Napoli* 2 Fälle beschrieben und Meyron selbst einen Fall secirt, ohne das Wesen der 
Krankheit dem Verständnisse irgendwie näher gerückt zu haben. Und ebenso wenig 
lieferten die von Griesinger seinem Fallo zur Vervollständigung der Casuistik beigefügten 
4 Fälle von Jaksch in Prag, Schülzenberger in Strassburg, Oppolzer in Wien und Duchenne 
de Boulogne nach dieser Richtung hin einen Beitrag. Dies zu erreichen blieb Griesinger 
und BiUroth Vorbehalten. Dieselben excidirten aus den scheinbar hypertrophischen Muskeln 
kleine 8tückchen und coDstatirten unter Anwendung des Microscopes eine massige Wuche¬ 
rung des interstitiellen Fettgewebes auf Kosten der der Atrophie verfaty^nen Muskelfasern. 

Seither hat die pathologische Anatomie, wenn wir davon abseben, dass in vielen 
Fällen statt Lipomatose eine excessive Wucherung des Bindegewebes und in vereinzelten 
Fällen nebst atrophischen Muskelfasern auch einzelne hypertrophische nacbgewiesen 
wurden, nichts wesentlich Neues mehr beigebracht. Als vor einigen Jahren der ana¬ 
tomische Nachweis geliefert wurde, dass der progressiven Muskelatrophie ein degenera- 
tiver Process in den spinalen Vorderhornganglien zu Grunde liege und auch bei andern 
Erkrankungen dieser für die MuskelernähruDg so wichtigen Centren — ich erinnere an die 
Poliomyelitis-Gruppe und die amyotrophe Lateralsclorose — Muskelschwund als Folge¬ 
erscheinung in Scene trete, wurde auch bei der Muskelpseudohypertrophie nach einer 
anatomischen Läsion im Rückenmarke gefahndet. Allein die wenigen Beobachtungen 
(Gowers , Drummond , Bramwell) , die der Pseudohypertrophie eine spinale Basis zu geben 
schienen, vermochten einer ernstem Kritik nicht Stand zu halten und so wird dieselbe 
nach wie vor noch als primäre Myopathie angesehen. 

Eine ähnliche Stellung nimmt in der Pathologie die der lipomatösen Muskelpseudo- 
hypertropbie nahe stehende, zuerst von Erb unter dem Namen juvenile Muskelatrophie 
(Dystrophia muscularis progressiva) beschriebene Myopathie ein. Auch hier wickelt sich 
der pathologische Process sowohl intra- als auch intermuskulär ab, wobei mit dem pro¬ 
gressiven Vorwärtsschreiten der functionelle Ausfall Schritt hält. 

Was die Häufigkeit des Vorkommens dieser Erkrankungen betrifft, so mag die Zahl 
der von Pseudomuskelhypertrophie veröffentlichten Fälle 200 überstiegen haben, wenigstens 
hatte sie meines Wissens schon zu Anfang 1883 176 betragen, während die juvenile Form 


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der Muskelatrophie noch in einer weit bescheidenem Ziffer vor die Oeffentlichkeit trat; 
genau ist mir dieselbe ebenfalls nicht bekannt 

Ein eigentümlicher Zufall wollte es, dass mir innerhalb der Grenzen einer nicht sehr 
ausgedehnten Praxis 8 Fälle dieser Myopathien zur Beobachtung kamen; 2 Fälle von 
Pseudomuskelhypertrophie in den Jahren 1874 und 1888 und ein Fall von Erb *scher Mus¬ 
kelatrophie im Jahre 1886. Der Umstand, dass meines Wissens bishin noch keine der¬ 
artigen Erkrankungen im „Correspoudenzblatt“ veröffentlicht wurden, bewog mich, damit 
den Anfang zu machen, denn es ist wohl anzunebmen, dass manch’ hieher gehöriger Fall 
von meinen schweizerischen Collegen beobachtet — aber nicht zur öffentlichen Kenntnisa 
gebracht wurde. 

1. Pseudomuskelhypertrophie. C.H. von Heldsweil bei Erlen, 16 l j % Jahre 
alt, Bauernsohn, soll nach den Angaben seiner Mutter schon zu Ende des ersten Lebens¬ 
jahre» seine ersten Gehversuche gemacht haben. Dann erkrankte er an einer heftigen 
Pneumonie, die im Reconvalescenzstadium noch einen Nachschub zeigte. Darauf wurde 
er kurze Zeit nachher vom Keuchhusten heimgesucht und kam sehr herunter. Auf diese 
Weise war er erst mit 2 Jahren wieder im 3tande, seine durch rasch aufeinander folgende 
Kraukheiten sistirten Gehversuche aufzunehmen. Er lernte das Gehen dann wie andere 
Kinder und wurde auch an der Gangart selbst nichts Sonderbares beobachtet. 

Obschon er in den folgenden Jahren von Krankheiten verschont blieb, war er doch 
immer schwächlich und von blassem Aussehen. 

Seine Nahrung bestand in einfacher aber gesunder Kost. 

Vom Ö. Jahre an besuchte er die Schule und war ein Schüler von höchstens mittel- 
mässiger Begabung. 

Ohne den Beginn des Leidens genauer angeben zu können, glaubt die Mutter den¬ 
selben in das 9. oder 10. Altersjahr verlegen zu dürfen. Damals nämlich fing der Knabe 
an, über ein ungewöhnliches Gefühl von Müdigkeit und Schwäche im Rücken und in den 
Beinen zu klagen. Er musste sich allmälig von dem Spielplätze seiner Kameraden zurück¬ 
ziehen und vermochte ihnen beim Nachhausegehen aus der Schule nicht mehr zu folgen. 
Besondere Mühe verursachte ihm das Treppensteigen und musste er sich, wenn ihm keine 
Lehne zur Verfügung stand, die Hände auf die Kniee stützend, hinaufschleppen. Seit Jahren 
fiel die Dickezunahme beider Waden auf, nie zeigten sich fibrilläre Zuckungen, nie ab¬ 
norme Sensationen, mit Ausnahme eines vermehrten Kältegefühles in den Beinen. 

Sein Vater starb mit 07 Jahren an Herzleiden; die Mutter ist etwas anämisch, sonst 
gesund. Von 6 Geschwistern starben 3, 2 in den ersten Lebenswochen, das eine an all¬ 
gemeiner Schwäche, das andere an Diarrhoe, ein drittes mit 4 Jahren an Scharlach. Zwei 
Brüder im Alter von 13 und 24 Jahren leben und sind gesund. Eine ähnliche Erkraukung 
wie die dieses Patienten wurde in der Familie und deren Seitenzweigen nie beobachtet 

Status praesens vom 2. December 187 4. Körperlänge 146 cm.; früher 
auffallend mager, jetzt gedunsen. Hautfarbe schmutzigblass. 

Eigentümliche Körperhaltung: der Oberkörper stark rückwärts, die Lendengegend 
stark vorwärts (sattelartig) gebogen, was um so mehr frappirt, als das Gesäss mit seinem 
mächtigen Muskelpolster dadurch noch auffallender hervorgehoben wird. Die Brust ist 
abgeflacht, die Schulterblätter, besonders das rechte sehr vorstehend, auch tiefer wie das 
linke. Ausser dem nach rückwärts stehenden Oberkörper und der hochgradigen Lordose 
fallen besonders die dicken massigen Waden in die Augen, die sich prall anfühlen und 
plump und schwerfällig erscheinen. Während die Muskeln des Gesässes, der Ober¬ 
schenkel und besonders der Waden Volumszunabme zeigen, ist besonders au denjenigen des 
Schultergürtels und Rückens das Gegentheil zu constatiren. Die Maasse ergeben folgende 
Verhältnisse : Oberarm in der Mitte rechts 21,2, links 21 cm., Vorderarm an der dicksten 
Stelle rechts und links 22 cm., Oberschenkel in der Mitte beiderseits 34 cm., über’m Knie 
80, Wade an der dicksten Stelle rechts 32,5, links 33 cm., Unterschenkel über den 
Knöcheln rechts wie links 20 cm. 

Die Körperbewegungen sind schwerfällig und unbeholfen, die motorische Kraft in 
hohem Grade abgeschwächt und zwar gleichmässig auf beiden 8eiten. Der Gang ist 
breitspurig , unsicher, wackelnd ; ein leiser Stoss bringt ihn aus dem Gleichgewicht und 
macht ihn zu Boden fallen. Aus sitzender Stellung vermag er sich nur, wenn er sich an 
einem Gegenstände festhalten kann, zu erheben. Der Händedruck ist schwach; gestreckten 


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Armes vermag er nur einen kurzen Augenblick ein Gewicht von 1 f / a kg. eu halten; die 
Arme in die Höhe au heben ist er unvermögend. Lässt man ihn in sitsender Position 
die Zehen dorsal- und plantarwärts flectiren, so geschieht es langsam und nicht ausgiebig; 
ebenso ungelenk und unvollkommen sind die Bewegungen im Fussgelenke. Die Unter¬ 
schenkel können gegen die Oberschenkel nicht bis eu einem rechten Winkel erhoben 
werden, die Streckung ist noch unausgiebiger und besteht mehr in einem 8chleudern nach 
vorn, wobei dieselben gleich wieder in die frühere Lage surücksinken. Von der gleichen 
Unausgiebigkeit sind auch die Bewegungen in den Hüften. Beim Geben hebt er mit 
Mühe den Fuss vom Boden ab und wirft ihn nach vorn. 

Die electromusculäre Sensibilität hat keine merkliche Störung erlitten, dagegen liegt 
die Cootractilität darnieder in den Deltoidei, Tricipites braohii, den Flexoren des Vor¬ 
derarms, den Glut&i, Exteneoren und Adductoren der Oberschenkel sowie den Waden¬ 
muskeln. Hautsensibilität, Wärmegefübl und Raumsinn zeigen nirgends eine Störung. 
Die innern Organe sind gesund, die Verdauung gut, keine Blasenstörung vorhanden. 

Meine Znmuthung, dem Kranken ein Stückchen aus einem der erkrankten Muskeln 
excidiren eu dürfen , machte ihn fahnenflüchtig und sah ich ihn später nicht mehr. Er 
lebte noch 10 Jahre, wovon 8 Jahre im Bette, da er absolut nicht mehr su gehen vermochte. 

(Schluss folgt.) 

Waadt« Coieordat mit Englud. Le numdro du 16 Jan vier 1888 du Correspon- 
denzblatt publie, 4 la page 58, une lettre adressde par la Commission des mddetins suisses 
au comitd directeur des examens fdddraux. Gette lettre engage ce dernier 4 combattre 
vivement la conolusion de toute Convention anglo-suisse tendant 4 autoriser les mddecins 
diplömds dass l’un des pays contractants, 4 exercer leur art dass les deux dtats signa- 
taires du traitd. 

Au risque de m'exposer 4 des redites indvitables, je viens vous prier, Monsieur le Rd- 
dacteur, de vouloir bien accueillir dans votre eetimable journal les rdflexions qui suivent. 
La question vaut la peine d’ötre discutde, eile demande que le corps mddical s’en occupe. 
11 y a des intdröts de tous et non pas seulement de eeux de nos confr&res qui exercent 
leur profeasion dans des contrdee oü l'dldment anglais est largement reprdsentd. 8i la 
Convention anglo-suisse est signde, des traitda semblables pourront lier plus tard la Suisse 
aveo d'autres dtats qui en auraient fait la demande aux autoritds fdddrales. C’est 14 
une raison de plus pour que nous prdsentions, d&s maintenant, les argumenta qui militent 
contre la signature de la Convention anglo-suisse. 

J e c r o i s q u e t o u t lemonde admettra que pour qu’un contrat 
inetituant, en matidre d’exercice de la profession mddicale, 
la rdciprocitd des diplömes anglais et suisses ne soit pas 1 donin, 
il faut: 

A. que lavaleur des diplömes puisse ö t r e aisdment et süre- 
m e n t d d t e r m i n d e e t q u e , de plus, eile soit sensiblement dgale 
dans les deux pays, 

B. que, la proposition A dtant rdsolue, les ressortissants des deux pays 
contractants trouvent un avantage — si possible ögal — dans 
li condusioD et l’entrie en vigueur de 1 a c o n v e n t i o n. 

Je orois pouvoir ddmontrer que les desiderata dmis par les deux tbdees ci-dessus ne 
eont point rdalisables dans le cas donnd et je vais discuter les deux propositions. 

T h ö s e A. La valeur du diplöme de mddecin suisse — auquel habituellement 
s’ajoute le titre de Doctor medicio® d'une facultd sdrieuee — est facile 4 ddterminer. Ce 
diplöme n’est accordd qu'4 celui qui rdunit une sorome considdrable de connaissances 
thdoriques et pratiques. Les dtablissements d’dtudes sont placös sous la surveillance 
des cantons et la confdddration dirige les dpreuves dont eile dlabore le Programme. 

En Grande-Bretagne l’exercice de la mödeoine est libre (tous les pharmaciens 
ont des cabinete de consultation). Par contre on ne peut ötre re^u comme mddecin de- 
vant les tribunaux, dans l’administration, guerre, marine, que si Ton est porteur de l’un 
des diplömes suivants (on est alors „registered“): 

Compagnon, (Fellow) Membre, Licencid, Extra-Licencid, du R. C. P. London; 

Compagnon, (Fellow) Membre, Licencid, du R. C. P. Edinburgh; 

Compagnon, (Fellow) Licencid, du King & Queens’ Colldge P. Ireland; 


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124 


Compagnon, (Fellow) Membre, Licencid en Obstdtrique, du R C. S. England; 

Compagnon, (Fellow) Licencid, du R C. 8. Edinburgh; 

Compagnon, (Fellow) Licencid, Facultd de mdd. et de Chir. de Glasgow; 

Compagnon, (Fellow) Liceocid, R. C. 8. Ireland; 

Licencid de la socidtd des Apothicair de Londres ; 

Licencid de l’Apothecaries’ Hall de Dublin; 

Docteur en mddecine, Bachelier en mddecine, Licencid en mddecine, de® Uni- 
versitds de Londres, Oxford, Durham, Manchester, Aberdeen, Edinburgh, 
Glasgow, St. Andrews, Dublin, Royal University Ireland; 

Docteur en mddecine, gradud par l’archev&que de Canterbury ! 

Soit en tout 51 titres fixes auxquele il faut ajouter celui de 

Docteur en mddecine d’une Universitd coloniale ou dtrangdre pratiquant dans le 
Royaume depuis une dato antdrieure 4 1858 
et de plus celui de 

Bachelier en Chirurgie de toutes les Universitds anglaises. autorisdes i confdrer 
ce titre. 

Ce tableau contient nombre de titres sdrieux, enviables m&me, mais c’est l’exception; 
l’immense majoritd ne donne, k celui qui le porte, qu’un crddit presque nul. 

Sera-t-il possible — dans cette roasse de titres pompeux — de trier ceux qui sont 
rdellement dquivalents au diplöme suisse? Je ne le pense pas; c’est tout au moins trds- 
difficultueux et par ce fait la proposition A n’est pas rdsolue. 

T h d s e B. Les mddecine suisses qui se fixeront en Gran de-Bretagne y trouveront- 
iis des avantages semblables k ceux qui attendent les mddecins anglais qui se fixeront 
en Suisse? (Je dis Grande-Bretagne et non Empire britannique parce que la Convention 
que eignere l’ambassadeur de la Grande-Bretagne n’a de valeur forcde que pour ce pays; 
les colonies, le Cap exceptd, restant libres de Idgiferer comme bon leur semble). — As- 
surdment pas. Le diplöme suisse ne donnera pas k son porteur un prestige süffisant pour 
qu’il puisse se crder une position avantageuse et le nombre des mddecins qui se fixeront 
en ADgleterre, Ecosse ou Irlands sera t r d s-iestreiDt, probablement pas supdrieur 4 ce 
qu'il est aujourd’hui. 

En Suisse le dipldme fdddral donne k celui qui le possdde un crddit considdrable 
auprds de la population ; le mddecin aoglais bdodficiera de cette considdration et — pour 
qui connatt le chuuvinisme anglais — il est certain qu’il attirera k soi toute la clientdle 
anglaise que Ton rencontre dans nos Station® climatdriques et balndaires. 

De la discussion qui prdcdde il rdsulte que le mddecin suisse qui a des prestations 
d’office trds ondreuses — mddecine ldgale, eervice militaire — sera de plus redevable 4 
la bienveillante protection des autoritds fdddrales d'une concurrence redoutable sans que, 
d’autre part, il puisse jouir d'aocun bdndfice nouveau. 

Encore un point trds important: L’Anglais vivant höre de son pays se fait adresser 
de celui-ci tout ce qui peut ötre expddid (vötements, conserves , bidres); les costumes 
. . . pittoresques que nous les voyons porter viennent directement de Londres et noo de 
nos ateliers de confection. Pour les mddicaments il en est de m&me; il lui faut des 
spdcialitds anglaises. Ce sera un cbapitre nouveau 4 ajouter 4 la future pharmacopde 
suisse dont la naissance est ddj4 si laborieuse! Ce sera, du möme chef une concurrence 
de plus pour nos droguistes et nos pharmaciens. La police sanitaire sera encore plus 
difficile. Du möme coup la confdddration favorisera le charlatanisme (dont les spdcia¬ 
litds sont une des faces) quoique, 4 l’entendre, eile ddplore son extension 1 

Si la prospdritd de nos stations d’dtrangers et des höteliers — car c’est u n p e u 
d’eux qu’il s’agit — le demande, je ne craindrais pas d’accorder, exceptionnellement et sur 
le vu de diplömes sdrieux, 4 certains mddecins anglais l’autorisation d’exercer l'art de 
gudrir. Je le prdfdrerais de beaucoup 4 la Convention projetde. 

Mais je n’ose bien insister craignant de voir mes confrdres, MM. Lussi et Afory, partir 
en guerre oontre les cantons et le Cantönligeist! 

Excuses la longueur de ma lettre et recevez, M. le Rddacteur, Tassurance de ma 
considdration distingude. 

Lausanne, 28 Jan vier 1888. Dr. Dind . 


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W ochenbericht, 

Schweiz. 

Herr Dr. Wyder von Oberstrase in Berlin wurde zum Prof, ordin. für Geburtehülfe 
und Gynsecologie an der Universität Zürich ernannt. Wir freuen uns, dass Dr« Wyder, 
der, wie wir berichteten, in Dorpat gewählt war, nun der Heimat erhalten bleibt. 

Zttricll* Zar Riehtigstellaag. ln der Berliner klinischen Wochenschrift sowohl 
als in französischen medicinischen Journalen wird gegenwärtig über die Abstimmung am 
letzten internationalen Congresse in Washington betreffs Bestimmung des nächsten Con- 
gressortes gesprochen und dabei erwähnt, dass der Schweizer-Delegirte einzig 
gegen Berlin gestimmt hätte. 

Ich finde mich veranlasst als Besucher jenes Congresses zur Klarstellung des Sach¬ 
verhaltes hier Folgendes roiteutheilen: Der h. Bundesrath hatte als officielle schweize¬ 
rische Delegirte bezeichnet Herrn Prof. Kocher io Bern und Herrn Dr. Banga in Chicago. 
Letzterer war am Congresse aowesend, versicherte mich aber, dass er als amerikanischer 
Arzt den Congress mitmache und deswegen nicht Delegirter der Schweiz sein könne und 
wolle. Als sog. Sohweizer-Delegirter stimmte nun bei jener Abstimmung Herr Dr. Cordäs 

aus Genf. Ob er es mit oder ohne einen officiellen Auftrag 1 ) gethan , weise ich nicht. 

Ich batte einen solchen niemals erhalten und enthielt mich daher auch jeglicher Meinungs¬ 
äusserung. Dr. Kaufmann . 

Ausland. 

Zar Sabliaiatflrage. Von Prof. Dr. Krönlein in Zürich. 

Im Anschlüsse an die unter diesem Titel in der letzten Nummer des Corr.-Bl. von 
Herrn Collegen Dr. Garri in Basel publicirte Mittheilung über brauchbare Sublimatlöaun- 
gen erlaube ich mir, kurz diejenige Sublimatlösung hier anzufübren und zu empfehlen, 

welche nun seit bald einem Jahre in meiner Klinik ausschliesslich verwendet wird. Diese 

Lösung ist denjenigen Collegen, welche im September 1887 den Militär-Operationscurs 
in Zürich mitgemacht haben, bereite bekannt; ebenso kennen die Aerzte von Zürich die¬ 
selbe aus einem Vortrage, den ich am 17. December 1887 in der Gesellschaft der Aerzte 
über brauchbare Sublimatlösungen gehalten habe. 

Wenn es ein Verdienst ist, eine leistungsfähige Sublimatlösung vo.n unveränderlichem 
Titer ohne nennenswerthe Mühe und, so zu sagen, in allen Verhältnissen herstellen zu 
lehren, so gebührt dieses Verdienst meiner Ansicht nach ganz und gar Herrn Cantons- 
apotheker C. Keller , der mir seiner Zeit in einer brieflichen Mittheilung ebenso einfach 
wie überzeugend den Gedankengang klarlegte, welcher ihn zur Herstellung seiner Sublimat¬ 
lösung geführt hatte. Er schrieb damals: 

„Als 8ie vor circa 3—4 Jahren an hiesiger chirurgischer Klinik die Sublimatbehaud- 
lung einfübrten, ergab sich für die Cantonsapotheke die Nothwendigkeit, grosse Quanti¬ 
täten von Sublimatlösungen verschiedener Concentration darzustellen. 

Zur raschen und leichteren Bereitung dieser Lösungen war es für uns wünschens- 
werth, eine conoentrirte, z. B. 10% enthaltende Sublimatlösung vorräthig zu halten. 
Dem Umstande, dass Quecksilberchlorid sich bei mittlerer Temperatur erst in 18—20 
Theilen Wasser löst, war leicht abzuhelfen dadurch, dass man dasselbe in Form der 
leichtlöslichen Doppelsalze, welche es mit den Chloriden der Alkaliummetalle, Chlorkalium, 
Chlornatrium und Chlorammonium, bildet, in Verwendung zog. Aus practischen Gründen 
bevorzugte ich das Quecksilberchlorid-Chlornatrium. 

Eine zweite Schwierigkeit stellte sich der Bereitung klarer haltbarer Lösungen da¬ 
durch entgegen, dass unser Leitungswasser stark kalkhaltig ist, so dass sowohl reine 
Sublimatlösungen als auch solche des Quecksilberchlorid-Chlor¬ 
natriums sich in kurzer Zeit stark trübten. Die Verwendung von destillirtem Wasser 
in so grossen Quantitäten aber war schon des Kostenpunktes wegen ausgeschlossen. 

Der Gedanke lag nun sehr nahe, das Calciumcarbonat (resp. Calciumbicarbonat) des 


f ) Offidelle, d. h. von der schweizerischen Aerztecommlssion auf eine Anfrage der eidg. Dlrec- 
tion des Innern hin vorgeschlagene und vom hohen Bundesrath designirte Delegirte waren n ur die 
Herren Prof. Dr. Kocher , welcher nicht Theil nahm, und Dr. Henry Banga. Niemand ausser ihnen 
hatte das fischt, als schweizerischer Delegirter aufzutreten, oder gar zu stimmen. A. Baader . 


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126 


Leitungswassers durob Zusatz einer organieohen Säure in ein Calciumsalz überzufahren, 
welches auf die genannten Quecksilbersalze nicht mehr zersetzend ein wirkt. Ich über¬ 
zeugte mich, dass eine Lösung von Calciumacetat weder in concentrirter BublimatlÖsuog 
noch in Lösungen von Quecksilberchlorid-Chlornatrium Trübung oder Niederschläge her¬ 
vorbrachte. Nunmehr wurde eine concentrirte Lösung nach folgender Formel hergestellt: 


Hydrargyr. bichlorat. corros. 

600 

Natr. chlorst. 

250 

Acid. acetic. dil Ph. helv. (20,4°/*) 

250 

Aq. 

4000 

8. 10% Sublimatlösung. 



Mittelst dieser Lösung wurden dann die verdünnten Lösungen, wie sie in der 
Chirurgie zur Verwendung kommen, gewöhnlich 1*/», enthaltend, mit gewöhnlichem Lei- 
tungswasser hergestellt. 

Dieselben blieben vollständig klar und zeigten nur eine sehr schwach saure Reaction, 
welche ihre Verwendung in keiner Weise beeinträchtigte. 

Wie bereits bemerkt, ist dieser Modus procedendi von chemischen Gesichtspunkten 
aus so naheliegend, dass ich kaum daran zweifle, dass auch anderwärts die 8ublimat- 
lösuugen in gleicher oder ähnlicher Weise dargestellt werden.“ 

Diese vom 21. October 1887 datirte Mittheilung kommt jetzt zwar etwas verspätet. 
Gleichwohl dürfte sie auch jetzt noch ihren Werth haben, da mancher College, der exact 
arbeiten will, eine Sublimatlösung von bestimmtem Titer einer solchen von unsicherem 
Gehalte vorziehen wird und da in Folge dieser verspäteten Mittheilung eine längere kli¬ 
nische Erfahrung, bei Hunderten grosser Operationen und Verletzungen gewonnen, der 
Publication dieser Lösung empfehlend zur Seite steht. 

Endlich hat Herr Prof, ehern. Victor Meyer in G ö 11 i n g e n die Freundlichkeit ge¬ 
habt, die Keller'eche Lösung nach privater Mittheilung von meiner Seite einer Prüfung zu 
unterwerfen und mir unter dem 14. Januar c. Folgendes darüber mitzutheilen: „Lieber 
Herr College 1 Die nach Ihrer, bezw. Herrn Keller ’s Angabe bereiteten Lösungen habe ich 
recht haltbar befunden und zwar sowohl im Dunkeln wie am Lichte. Seit 26. November 
haben sich in geschlossenen Flaschen kaum wägbare Mengen bas. Trübungen abge— 
schieden. 14 Victor Meyer. 

Die parasiticide Wirkung unserer sauren Sublimat-Kochsalzlösung 
habe ich selbst nicht erproben können: ein bacteriologisches Laboratorium der chirurgi¬ 
schen Klinik ist zwar, so hoffen wir, seiner Schöpfung nahe, doch heute noch nicht vor¬ 
handen. Vielleicht gibt diese Mittheilung den Anstoss, die.Herren Bacteriologen zu einer 
solchen Prüfung zu veranlassen. Klinisch hat sich die Lösung durchaus bewährt. 

(Jeher das Verhaltes der Cerehrespiaalmeaiagitis za des Iifeetieaskraakheitea. 
F. Wolff (Hamburg) hat bei der Beschäftigung mit einem grossen Material von Meningitis- 
Kranken das Verhalten der Meningitis zu den Infectiouskraokheiten derartig gefunden, 
dass er schliesslich zu dem Resultat gekommen ist, eine wirkliche Complication der Me¬ 
ningitis mit einer lnfectionskrankheit sei so gut wie völlig auszuschliessen, die meniogiti- 
schen Erscheinungen liessen sich durch Localisation des betreffenden Inflciens erklären. 

Symptome von Rheumatismus, Endocarditis, Typhus, Pneumonie u. A. Anden sich bei 
Meningitis, meningitische Symptome bei allen diesen Erkrankungen — häufig in einer 
Weise, dass die Entscheidung unmöglich ist, welches Virus das am meisten hervortretende 
sei. Dabei ist das Bild der Meningitis sowohl klinisch wie anatomisch ein nicht ezact 
begrenztes: leichte Fälle der M. sind kaum zu diagnosticiren, pathologisch fehlt zuweilen 
jegliche grobe anatomische Veränderung. Die Bacteriologen fanden nur den Diplococcus 
poeumoni» Frdnkel als Krankheitserreger von Pneumonie, Endocarditis , Meningitis und 
zwar sowohl bei Combination zweier dieser Krankheiten, wie auch bei jeder einzelnen 
Erkrankung; bei Pneumonie und Endocarditis wurde nicht selten reichliches eitriges Ex¬ 
sudat in den Meningen gefuuden. Ein solches fehlte nach W. 1 s Erfahrungen trotz deut¬ 
licher meningitischer Symptome bei Typhus, Milzbrand und Tuberculose. Da bei letzteren 
beiden Infectionen trotz massenhafter Bacillen-Einwanderung in die Gentralorgane kein 
eitriges, oder auch gar kein Exsudat entsteht, ist der Schluss erlaubt, dass nicht alle 
Microorganismen oder deren Producte Exsudate dort zu erzeugen vermögen. Wie der 
Bacillus des Milzbrandes und der Tuberculose gehört dazu vermuthlich auch der des 


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127 


Typhus. (Cwrschmann konnte in einem Typhusfalle das Vorhandensein von Typhusbacillen 
im Rückenmark constatiren, fand dabei keine Spur von Exsudat.) — Vielleicht auch an¬ 
dere Organismen von lnfeotionskrankheiten (Rheumatismus?). Auf diese Weise lassen 
sich also ohne Zuhülfenahme einer zweiten Infection die meningitiseben Symptome der 
Infectionskrankheiten erklSren. 

Unter dieser Annahme findet sich auch eine Erklärung für die sog. sporadischen 
Fälle von Mening. cerebrosp. — Analog dem larvirten Rheumatismus Immermann'a, sowie 
der Mening. Tubercul. als eine auf die C.- Organe beschränkte Localisation der Allgemein- 
Infection ist eine larvirte Pneumonie mit pneumonischer Meningitis, larvirter Typhus mit 
typhöser Meningitis u. s. f. wohl ansunehmen, zumal die Darmbefunde des Typhus bei 
pneumonischen Veränderungen häufig erfahrungsgemäss sehr unbedeutend sind, namentlich 
auch in den mit meningitischen Erscheinungen verbundenen Fällen. Eine solohe Annahme 
findet durch Weickielbaum ’s Entdeckung des Dipl, pneum. als einen Krankheitsträger der 
Meningitis Bestätigung. 

Der Nachweis mehrerer Krankheitserreger für dies anatomische Bild der Meningitis 
Hesse sich ebenfalls in dieser Richtung verwerthen. 

Ob larvirte Formen verschiedener Infectionskrankheiten mit Meningitis wie bei der 
sporadischen, auch bei der epidemischen Form der Mening. cerebrosp. unterlaufen, bleibt 
dahingestellt; der Verf. weist auf die Möglichkeit hin, da Typhus häufig gleichseitig mit 
der Mening. epid. auftritt, da nach seinen Erfahrungen für Meningitis und Pneumonie die 
gleiche Disposition besteht, weil beim Rheumatismus und Meningitis die Heilmittel und 
die Aetiologie nach Ansicht mancher Autoren eine ähnliche ist. 

Bezüglich der Ausführung der kurx berührten Gedanken des inhaltsreichen Vortrags 
muss auf die im December 1887 in der Deutschen med. Wochen sehr, erschienene Original- 
Arbeit hingewiesen werden. 

AetMegie und Therapie des Erysipels. Die Aetiologie dieser Affection ist be¬ 
kanntlich durch Fehlei$en in befriedigender Weise geklärt worden, indem es F. gelang, in 
den Lymphspalten der erysipelatösen Haut, besonders am fortschreitenden Rande Strepto¬ 
coccen su finden. Diese konnten in Nährgelatine gesüchtet werden und erseugten noch 
in 13. Generation auf den Menschen übertragen typisches Erysipel. Veranlassung su 
solcher Impfung gaben Patienten mit inoperablen malignen Geschwülsten und die Recht¬ 
fertigung einer solchen nicht selten folgenschweren Inoculation lag in der vielfach be¬ 
stätigten Beobachtung, dass solche maligne Geschwülste, nachdem ein Erysipel darüber 
gegangen , durch fettige Degeneration einer rapiden Rückbildung anheimfielen. Es ist 
somit Folgendes sichergestellt: Das Erysipel ist eine Wundinfeotionekrankheit, d. h. ent¬ 
steht durch Verunreinigung einer Wunde mit einer bestimmten, wohl charakterisirten 
Bacterienart, dem Kettencoccus des Erysipels. Dieser Coccus wandert in den Lymph¬ 
spalten weiter, meist in der Richtung des Lymphstromes, selten demselben entgegen, und 
verursacht eine acute Dermatitis, verbunden mit schweren Störungen des Allgemein¬ 
befindens, besonders hohem Fieber. 

Nur selten bedingt diese Affection den Tod, meist tritt spontan Stillstand des Pro- 
cesses und Heilung in 2—3 Wochen, oft schon in wenigen Tagen ein. 

Die therapeutischen Maassnabmen, die empfohlen wurden — es sind deren Legion! 
— entziehen sich gerade des gewöhnlich spontanen und günstigen Abschlusses der Krank¬ 
heit halber einer eingehenden und einwurfsfreien Kritik. Einzig im Hinblick auf die 
Aetiologie können wir a priori nur günstige Einwirkung von Mitteln erwarten, denen ein 
ausgesprochen schädigender Einfluss auf die Bacterienentwicklung zukommt. Fehleisen 
zählt die vornehmsten Mittel auf in den Therap. Monatsh. 1887, Nr. 12. Schon bei den 
Alten wurde versucht den Allgemeinsustand günstig zu beeinflussen durch Brech- und 
Abführmittel, — was von mehreren Autoren der Neuzeit für den Beginn empfohlen wird. 
Bei Kopferysipel mit soporösem Zustande nimmt Volkmann zum Aderlass Zuflucht — all’ 
diese Mittel hielten einer genauem Prüfung nicht Stand — am ehesten dürfte vielleicht 
noch die von Pirogoff eingeführte Kamphercur zu versuchen sein , um bei schwerer ln- 
toxication dem Herzcollaps entgegenzuarbeiten. P. lässt das Mittel in grossen Meegen, 
bis zum Eintritt von Vergiftungserscheinungen (Delirien, Puls 55—50, Temperaturabfall) 
reichen — halbstündlich bis stündlich 0,1 p. os oder subcutan. 

Mit all’ den prächtigen Antipyretica waren ferner die Mittel gegeben, um gegen das 


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128 


hohe Fieber vorzugehen. Alle der Reihe nach wurden versucht, die Erfolge aber wenig 
ermuthigend. Die Gefahr für den Patienten liegt an und fQr sich nicht in der Höhe der 
Temperatur, sondern wie bei den meisten Infectionskrankheiten in der Schwere der Blut- 
intoxication — der Resorption der durch die Erysipelcoccen in den Lymphwegen abge- 
spaltenen Ptomaine. Die Temperatur ist freilich meist der directe Maassstab der Höhe 
dieser Vergiftung. — 

Da der letale Ausgang durch Herelähmung bedingt wird, so müssen wir noth- 
gedrungen den Schwerpunkt der innere Behandlung auf die Erhaltung der Kräfte legen, 
und bei drohendem Collaps energisch Excitantien anwenden. 

Die neueste Zeit hat Dank der Klärung der ätiologischen Fragen die 1 o c a 1 e Be¬ 
handlung in den Vordergrund gestellt. Die Anwendung der Kälte (Eiscompressen und 
Eisbeutel) wird von den Kranken meist angenehm empfunden und bei Kopfrose symptoma¬ 
tisch sehr su empfehlen; dann versuchte man die fortschreitende Entsündung eu coupiren 
durch Jod- und Arg. nitr.-Bepinselungen, doch wird hierüber ebenso wenig Ermutigendes 
berichtet, wie über die Terpenthineinreibungen, das Resorcin oder das Ichthyol. 

Bessere Erfolge hatte Hüter mit seinen bekannten Carbolsäureinjectionen : von einer 
S%igen Lösung wird am fortschreitenden Rande in Abständen von 6 cm. je 1,0 injicirt, 
so 12—16 Spritzen. Das Verfahren hat eine beschränkte Verwendung gefunden, da es 
im Gesicht nicht anzuwenden, bei ausgedehntem Erysipel nur partielle Beeinflussung er¬ 
wartet werden kann u. s. w. — An Stelle von Carbol wurden andere Substanzen: Acid.. 
salicyL, Ergotin, Chinin und Sublimat empfohlen — letzteres ist cutan beigebracht sehr 
schmerzhaft und führt oft zu Abscedirungen. 

Kraske will die Affection folgendermaassen coupiren: im ganzen Bereiche der Er¬ 
krankung werden bis 1 cm. lange 8cariflcationen (15—20 auf 1 □“) gemacht, die meist 
bis ins Corium, viele durch die ganze Cutis reichen. Die Schnitte werden ausgedrückt, 
mit 5% Carbolwasser berieselt und mit Carbolcompressen bedeckt. Riedel modifleirte das 
Verfahren, indem er an Stelle der Scariflcationen 6 —8 cm. lange eben blutende Incisionen 
von 7s cm * Distanz am Rand des Erysipels setzte, mit denen er andere im spitzen Winkel 
kreuzen liess. Darauf kommen Sublimatcompressen. ln 11 Fällen hatte er vollen Erfolg 
zu verzeichnen. 

Will man auf derartig eingreifende Therapie verzichten , so bedeckt man die kranke 

Stelle mit Watte, oder man wendet Puder und indifferente Salben an. Droht in Folge 

starker Spannung Gangrän der Haut, so soll man nicht zögern, Scariflcationen zu machen, 
— die zugleich die oft heftigen Schmerzen beseitigen. 

Zar Therapie des Raeheacatarrhs. Dr. Endler hat folgende Lösung 3 X täglich 
gurgeln lassen und verzeichnet sehr günstige Resultate : 

Sulfat. Zinci 5,0, 

Aq. menth. pip. 1000,0. 

Bei besonders empfindlichen Leuten wurden nur halb so starke Zinksulfatlösungen 
gewählt. (Berl. klin. W. Nr. 3, 1886.) 


Stand der Infectiona-Krankheiten* 


Zürich 
a. Aissengen. 

Bern 


22. L-28. 
29. I.- 4. 
22. 1.-28. 
29. I.- 4. 


I. 

U. 

I. 

II. 


Basel 26 . I.-io. II. 


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1 

8 

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'In Basel hat Scharlach wenig abgenommen (in den letzten Berichten 98 resp. 
71 Fälle), Grossbasel 41, Kleinhesel 23, Kleinkinderschulen 9, Primär- und höhere 
Schulen 18, Erwachsene 15. 


Sohweighauserische Buchdruckerei. — B. Schwabe, Verlagsbuchhandlung in Basel, 


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130 


i Dr. Arnold Baader. 


Auch Du, lieber Freund! Wir hätten es wissen können, dass Du uns bald ver¬ 
lassen wirst. Du hast es uns selber gesagt, mit der ganzen Schärfe Deines Urtheils 
und mit Deiner liebenswürdigen Resignation; noch vor wenigen Wochen, mitten in 
Deiner Arbeit. Wer Dich kannte, hat Dich geliebt als den unbesieglichen Idealisten, 
für welchen keine seiner kalten Schicksalsnächte so dunkel war, dass nicht noch sein 
Stern geschienen hätte; wer Dich kannte, hat Dich bewundert, den tauben Mann, der 
Alles hörte, und eine grosse ärztliche Praxis unter Schwierigkeiten bewältigte, die 
Andere lahm gelegt hätten. 

Ich habe viele Menschen kennen gelernt, zur grossen Mehrzahl gute, manche ge¬ 
niale, manche Helden, aber als einen der Besten den liebenswürdigen Baader, rastlos 
fleissig, geistig scharf und immer schlagfertig', gemüthlich weich und grenzenlos gütig. 
Wenn er nur helfen konnte, dann war ihm immer geholfen. 

A. Burckhardt-Merian und A. Baader, die beiden langjährigen Redactoren des 
Correspondenz-Blattes, die Begründer der Hülfskasse für Schweizer Aerzte, die allzeit 
rüstigen Arbeiter im Centralverein und in der schweizerischen Aerzte-Commission, sie 
waren ein geistiges Brüderpaar, wie man es in Generationen nicht wieder zusammen¬ 
findet, geschulte Geister und feinfühlende Herzen, vor Allem aber gute Bürger mit 
starkem Gemeinsinn. Sie haben ihre schweizerischen Collegen geeinigt, verbunden 
und auf dem Grunde einer verständigen, nüchternen Lebensanschauung den idealen 
Besitz, dfe Liebe zu ihrer Wissenschaft und zu ihren Mitmenschen gemehrt. Das hat 
sie den schweizerischen Aerzten lieb und unvergesslich gemacht. 

Der Mensch ist nicht mehr noch weniger als das was er thut, und es war eine 
grosse That dieser beiden, nun in Gott ruhenden Freunde, es in ihrem Leben darzu¬ 
stellen, dass die Medicin kein Gewerbe, sondern ein Beruf ist, eine Angelegenheit des 
Geistes Und des Herzens zugleich. Wie manchmal habt Ihr uns ermahnt und getröstet, 
angespornt und beruhigt, belehrt und begeistert! 

Mit dem Tode Baaderis schliesst eine Epoche in unserm schweizerischen Aerzte- 
leben ab, und auch der geistvolle Mitarbeiter, den er für sein Correspondenz-Blatt 
gewonnen, wird uns verlassen; wir müssen am Grabe unseres treuen Freundes uns die 
Hände reichen und uns geloben, in seinem Geiste weiter zu arbeiten. Die jugend¬ 
frische alte Universität, so hoffen wir, wird uns wieder Männer schenken, welche das 
gute Werk weiter führen. Der Geist des vollendeten Freundes mahnt uns, die Em¬ 
pfindung in Bewegung umzusetzen und das Andenken des Todten durch Thaten zu 
ehren, so lange es noch für uns Tag ist! 

Sonderegger . 


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131 


Oirig-iital-Arbeiten. 

Ueber Gesundheitspflege und Revision des schweizer. Volksschulwesens. 

(Eine Skizze.) 

Vortrag , gehalten an der Versammlung des schweizer, ärztlichen Centralvereines 
in Olten, 29. October 1887, von HUrlimann, pract. Arzt in Unterägeri. 

Die Resultate der pädagogischen und sanitarischen Recrutenprüfungen geben 
Anlass, sich ernsthaft mit dem Bildungsgrad und der Kraft und Gesundheit un¬ 
seres Schweizervolkes zu beschäftigen. 

Die folgenden Zahlen illustriren die Ungleichheit, welche in der angedeuteten 
Hinsicht in den verschiedenen Gegenden unseres Ländchens besteht. 


Ergebnisse der pädagogischen und sanitarischen Recrutenuntersuchungcn 
während den Jahren 1877—1884. 

Durchschnittszahl der pädagogischen Prüfungsresultate 


Bqsel-Stadt 

7,2 

Solothurn 

9,2 

Tessin 

10,2 

Genf 

7,6 

Aargau 

9,4 

Bern 

10,3 

Thurgau 

7,9 

Graubünden 

9,5 

Schwyz 

10,7 

Zürich 

8,0 

St. Gallen 

9,6 

Unterwald., Nidwald. 10,8 

Schaflhausen 

8,1 

Baselland 

9,7 

Freiburg 

11,4 

Waadt 

8,9 

Glarus 

9,7 

Uri 

11,9 

Zug 

9,2 

Appenzell A.-Rh. 

9,8 

Wallis 

12,1 

Unterwalden, 

Obwald. 9,2 

Luzern 

10,0 

Appenzell l.-Rh. 

12,6 

Neuenburg 

9,2 






Procentzahl der militärisch tauglichen 

Recruten 


Tessin 

76,5 

Thurgau 

63,8 

Solothurn 

60,4 

Waadt 

68,7 

Uri 

63,8 

Glarus 

59,3 

Genf 

68,7 

Basel-Stadt 

63,6 

Neuenburg 

59,0 

Schaffhausen 

66,9 

Schwyz 

62,2 

Aargau 

58,6 

Obwald. u. Nid wald. 66,6 

Zürich 

62,2 

Wallis 

56,6 

Zug 

65,5 

Luzern 

61,8 

Bern 

54,7 

St. Gallen 

64,3 

Appenzell 

61,7 

Freiburg 

48,7 

Graubünden 

64,3 






Hart ist der Kampf, den unser Ländchen gegenwärtig auf den verschiedensten 
Gebieten mit den grossen Staaten zu führen hat, und der Verlauf dieses Ringens 
ist zum grössten Theil abhängig von den Waffen, die wir unserer Jugend in die 
Hände drücken. 

Unsere Hoffnung kann einzig auf der Heranbildung eines 
starken, gesunden, bildungsfähigen, also concurrenzfähigen 
Geschlechtes beruhen. 

Diese Ueberzeugung bemächtigt sich immer mehr und mehr der maassgeben* 
den Kreise und führt nothwendig zu einem lebhaften Wetteifer der Cantone auf 
dem Gebiete des Erziohungsweseiis. 

Vorab sind es eine Anzahl grösserer Cantone, welche sich ernstlich mit der 


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132 


Revision der Volksschule beschäftigen und wir besitzen bereits aus zwei Canto¬ 
nen, Zürich und St. Gallen, Entwürfe, welche unsere Aufmerksamkeit als Aerzte 
und Bürger in hohem Grade verdienen. 

Dieser Wetteifer ist eine erfreuliche Erscheinung; aber dieselbe bedarf der 
vollen Berücksichtigung und Controle des ärztlichen Standes. 

Denn der Appetit, die Kinder auf Kosten des Körpers mit Unterrichtsstoff u. 
dergl. zu überladen, ist gross; klein aber ist die Berücksichtigung, welche man 
der Schulhygieine in vielen einflussreichen Kreisen schenkt 

Unter solchen Verhältnissen ist es, verehrte Herren 
Collegen, unsere Pflicht, in den Kampf zu ziehen und jetzt 
schon überall unsere Vorposten aufzustellen, welche dar¬ 
über zu wachen haben, dass das Gebiet der Hygieine respec- 
tirt und nicht ungestraft verletzt werde. 

I. 

Aut welcher Höhe steht denn eigentlich die Schulhygieine; ist sie allseitig ent¬ 
wickelt ; darf der Gesetzgeber mit ihr rechnen ? 

Allerdings ist die Schulhygieine eine ganz neue Wissenschaft, aber doch sehr 
reich an practischer Erfahrung. Nachdem dieselbe die Existenz von Schulkrank¬ 
heiten und die ursächlichen Momente klargelegt hatte, schritt sie rasch zur Auf¬ 
stellung von Postulaten, welche die Verhütung dieser Krankheiten zur Folge haben 
sollten. 

An der Hand reicher Erfahrung kam man zur Aufstellung von Grundsätzen 
über Lage und Einrichtung von Schulgebäuden und man ist heute im Stande, über 
Zahl, Form, Grösse, Construction und Einrichtung der Schulzimmer, über Be¬ 
leuchtung, Heizung und Ventilation sowohl grosser Bauten, als auch der einfach¬ 
sten Dorfschulstuben in jeder Hinsicht befriedigenden Aufschluss zu ertheilen. 

In ihrem Bestreben ist die Schulgesundheitspflege vom ersten Grundsatz der 
Pädagogie geleitet: die harmonische Entwicklung von Körper und Geist zu för¬ 
dern. Das ist denn auch der Gedanke, welcher alle Handlungen der Erziehungs¬ 
behörden und gesetzgebenden Beamten bei Revision des Volksscbulwesens durch¬ 
dringen sollte. 

Leider ist noch ein grosses Gebiet der Schulgesundheitspflege mangelhaft be¬ 
leuchtet: Die Hygieine des Unterrichtes. Doch winkt auch hier die erste Morgen- 
röthe besserer Erkenntniss. 

Von einer systematisch aufgebauten Unterrichtshygieine 
wird man eben erst sprechen können, wenn man die Noth - 
wendigkeit ärztlicher Controle anerkannt und die Gelegen¬ 
heit hygieinischer Mitwirkung geschaffen hat. 

Klein ist deshalb das Material, das uns zum Aufbau einer Unterrichtshygieine 
zur Verfügung steht, obwohl sich auch bei uns bereits eine Anzahl Schulmänner 
und Aerzte mit namhaften Vorarbeiten abgegeben haben und es wäre gewagt, an 
der Hand der wenigen Zahlen gegen ein ganzes System Sturm laufen zu wollen. 

Ueber das Maass von Anforderungen, welche die Volksschule an die verschie¬ 
densten Altersstufen und Geschlechter stellen darf; über die Methode, wie man 


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133 


den Kindern am leichtesten, am schonendsten, also am naturgemässestcn die grosse 
Menge von Unterrichtsstoff beibringt ; über die Reactioncn des Körpers bei den 
mannigfaltigsten Arbeiten unter den verschiedensten Verhältnissen, zu verschie¬ 
denen Tages- und Jahreszeiten — über alles das wissen wir wenig, viel zu wenig. 

Wenn auf irgend einem Gebiete des Erziehungswesens die Mitwirkung des 
Arztes unerlässlich ist, betrifft das den Unterricht im engern Sinn und es zeugt 
von mangelhafter Einsicht, wenn man gegenwärtig die 
wichtigsten pädagogischen Fragen ohne Mitwirkung der 
öffentlichen Gesundheitspflege zu lösen gedenkt und den 
ärztlichen Beistand bei Gründung einer Unterrichtshygieine — vorab aber bei 
Entwerfung eines Grundgesetzes für das Volksschulwesen — als nicht nöthig er¬ 
achtet. 

Der ärztliche Stand darf und muss aber mit aller Energie verlangen, dass bei 
einer Reorganisation der Primarschulen die wichtigsten Postulatc der Gesundheits¬ 
pflege ganz gewürdiget werden. 

Dieselben betreffen: 

a) Die ärztliche Ueberwachung der Schulen, 

b) den Schuleintritt (nicht vor zurückgelegtem 7. Jahr), 

c) die Entlastung der untern Unterrichtsclassen u. s. w. bezüglich Unterrichts¬ 
stunden. 

Diese Grundsätze dürfen getrost in jedes Gesetz über das Volksschulwesen 
aufgenommen werden; denn sie entsprechen nicht nur den Beschlüssen hygieini- 
scher Congresse (Genf, Wien u. s. w.), sondern auch der täglichen Erfahrung. 

Der St. Galler Entwurf über Volksschulen acceptirt im Princip die in Lau¬ 
sanne und Basel eingeführte ärztliche Schulcontrolle, während die Zürcher Vorlage 
selbst das Minimum der hygieinischen Anforderung ignorirt und namentlich die 
Mitwirkung des ärztlichen Standes unnöthig findet. 

Mit der gesetzlich anerkannten Mitberechtigung der Hygieine mit der Päda- 
gogie (im engern Sinne des Wortes) namentlich in Fragen des Unterrichtes, wird 
das Schweiz. Volksschulwesen in eine neue Phase der Entwicklung treten und 
manches Räthsel, von dem kurzsichtige Schulmänner geheimnissvoll sprechen, 
wird unter Mitwirkung der Schulärzte seine Lösung finden. 

Uns Aerzte aber würde der beständige Umgang mit der sich so wunderbar 
und rasch entwickelnden Jugend; das beständige Studium ihrer Entwicklung; der 
Verkehr mit der Lehrerschaft; die Berathungen mit derselben immer jung erhal¬ 
ten; denn es gibt nichts Erfrischenderes, nichts Schöneres 
auf dieserWelt, als das Gedeihen der Jugend beobachten 
und fördern zu helfen. 

II. 

Wie sind die hygieinischen Verschlige ven Seite der Techniker anfgenemmen 
werden? 

Es ist gewiss recht schwierig, diese Frage in Form einer Skizze zu behandeln 
* und es kann mir nicht einfallen, ein grosses Bild zu entwerfen. Dagegen sollen 
demselben wenigstens die Contouren nicht fehlen. 


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134 


Wir erinnern hier an die Ergebnisse der Landesausstellung von 1883 (Gruppe 
Erziehungswesen und Hygicine); wir erinnern speciell an die 219 ausgestellten 
Pläne über Schullocalitäten, welche die Bewunderung vieler Besucher erregten 
und vergessen wir hier namentlich nicht das grosse Werk über Schweiz. Schul¬ 
statistik, welche nach Schluss der Landesausstellung erschienen ist. 

Im Ganzen darf man sagen, dass die Lage der neuen Schulhausbauten 
und ihre äussere architectonische Gestaltung eine musterhafte ist, dass aber die 
innere Gliederung vieler Neubauten zu wünschen übrig lässt. 

Nur relativ wenige Schulhausbauten neuern Datums entsprechen in den wichtig¬ 
sten Punkten (Raum, Beleuchtung und Ventilation) den Anforderungen der Hygicine. 

Unter 219 ausgestellten Plänen von Schulzimmern konnte man das Princip 
der linkseitigen Beleuchtung nur bei 82 Zimmern nachwcisen und auch hier nicht 
immer in richtiger Anwendung. Mustergültige Schulhäuser treffen wir in Basel, 
welches wohl unter allen Städten Europas auf dem Gebiete der Primarschulen in 
hygieinischer Beziehung am meisten leistet. Auch in den Cantonen Waadt, Neuen¬ 
burg, in den Städten Zürich, Frauenfeld, St. Gallen u. s. w. treffen wir eine ziem¬ 
liche Anzahl gut eingerichteter Schulbausbauten. 

Im Grossen und Ganzen muss man aber leider constatiren, dass unsere Bau¬ 
meister und Architecten noch durchweg nicht auf der Höhe der Zeit stehen, wir 
könnten eine grosse Anzahl von Schulhausbauten neuesten Datums erwähnen, 
welche den Beweis für unsere Aussagen leisten. 

Neben der Aesthetik sollte die Hygicine die Werke unserer Baumeister als 
guten Geist durchdringen und ihren Leistungen nicht nur den Stempel des Edlen 
und Schönen, sondern auch den Charakter des Gesunden und Zweckmässigen ver¬ 
leihen. Das wären keine unerreichbaren Ideale, wenn man in leitenden Kreisen 
idealer denken und handeln würde. 

Gerade was den Schulhausbau anbetrifft, haben einige wenige Architecten in 
der Schweiz den Beweis geleistet, dass sich die Gesetze der Hygieine mit den 
Anforderungen der Architectur sehr wohl vertragen und unsere in sanitarischer 
Beziehung günstig eingerichteten Schulbauten (namentlich in Basel) sind zugleich 
wahre Muster prachtvoller architectonischer Gestaltung. 

Ganz Erfreuliches leisten die Techniker auf dem Gebiete der Ventila¬ 
tion und Heizung und es war erfreulich schon 1883 (anlässlich der Schweiz. 
Landesausstellung) zu constatiren , dass die meisten neuern, grossem Schulhaus¬ 
bauten mit centralen Ventilations- und Heizsystemen versehen waren. Luft-, Warm¬ 
wasser-, Heisswasser-, Niederdruckdampf-Heizsysteme (Beckem und Post) haben 
in den letzten Jahren einen hohen Grad technischer Vollkommenheit erlangt 

Auf die Fortschritte im Abtrittwesen, in welche sich verschiedene Bran¬ 
chen der Technik theilen, kann man hier nicht genau eintreten. 

Zwei Neuerungen haben in den letzten zehn Jahren guten Boden gefasst: 

a) Die Verlegung der Abtritte ausserhalb des Schulhauscs. 

b) Die Einführung des Tonnensystems (zur Verhütung der Verunreinigung des 
Untergrundes), wo ein Anschluss an ein centrales Abfubrsystem oder Schwemm¬ 
system nicht möglich ist. 


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135 


III. 

Heber die Bertieksiehtigang der Scbolhygieine von Seite der geselzgebeadea 
aad ErziebaagsbehSrdea ltsst sich Folgeades mitthellea: 

Es gab eine Zeit (in den 60er Jahren), wo man der Schulhygieine hauptsäch¬ 
lich in den grossen Cantonen die beste Aufmerksamkeit schenkte. Im letzten 
Jahrzehnt ist eine gewisse Stagnation eingetreten. Es ist auffallend, dass gerade 
da, wo ehedem die Schulhygieine blühte und gedeihte, heute am wenigsten Ver¬ 
ständnis herrscht. 

An der Spitze des Fortschrittes stehen Basel-Stadt und Lausanne mit der 
eingeführten sanitarischen Con trolle der Schuljugend, der Schullocale und 
deren Einrichtungen. Auch das kleine Zug hat einen bescheidenen Anfang ge¬ 
macht und wenigstens die Mitberechtigung der Hygieine in Schulangelegenheiten 
principiell anerkannt Die andern Cantone überlassen die Controlle Schulinspec¬ 
toren, Schulpflegern u. s. w., welche allerdings der Schulgesundheitspflege ihre 
Aufmerksamkeit schenken sollten, hiezu aber selbstverständlich meistens nicht ge¬ 
nügend befähigt sind. Ein Arzt schaut mit andern Augen als ein Laie und die 
schönsten hygieinischen Einrichtungen nützen nichts, wenn man sie nicht zu ge¬ 
brauchen versteht. 

Die Cantone Zürich, Bern, Freiburg, Basel, Scbaffhausen, Appenzell A.-Rh., 
St Gallen haben Schulbaunormalien aufgestellt; leider sind die Bestimmun¬ 
gen meistens veraltet, viele über 25 Jahre alt Da hat man eben nicht für 
Auffrischung gesorgt! Die neueste Schulbauverordnung besitzt St. Gallen 
vom Jahre 1887, verfasst vom Cantonsbaumeister Kohl. Fast alle Cantone ver¬ 
langen die Genehmigung der Baupläne durch den Erziehungs- oder Regierungs¬ 
rath; Luzern wünscht noch die Begutachtung durch den Sanitätsrath, im Canton 
Zürich hätten die Gesundheitsbehörden ein Wörtchen mitzusprechen. 

Einige Bestimmungen über Ventilation besitzen die Gesetze und Schul¬ 
verordnungen der Cantone Zürich, Freiburg, Basel-Stadt, Schaffhausen, Aargau, 
Neuenburg, Appenzell A.-Rh. 

Die meisten Verordnungen kennen den Werth linksseitiger Beleuch¬ 
tung noch nicht; Bern, Basel verlangen dieselbe, während viele Cantone dieses 
wichtige Postulat der Hygieine noch nicht würdigen. 

Wohl am meisten Berücksichtigung bat man der Bestuhlung geschenkt. 
Hier darf man sagen, dass mit jedem Jahre in allen Cantonen Fortschritte zu 
verzeichnen sind. In vielen Städten streitet auf diesem Gebiete das Gute mit dem 
Bessern. 

Die Cantone Zürich, Basel, Freiburg, Schaffhausen, Appenzell A.-Rh., 
St. Gallen haben genaue Vorschriften über Bau von Schulbänken erlassen, leider 
sind viele Bestimmungen veraltet, unrichtig. 

Die Hygieine des Unterrichtes findet am meisten Berücksichtigung 
in Basel-Stadt. In den andern Cantonen existiren zum Tbeil nur spärliche Be¬ 
stimmungen, welche den Schutz der Kinder (in hygieinischer Beziehung) während 
der Unterrichtszeit bezwecken. 

Den Eintritt mit 6 */> und 7 Jahren haben bis jetzt nur wenige Cantone 


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136 


durchgefübrt: Luzern, Obwalden, Nidwalden, Graubünden, Aargau, Wallis, 
Neuenburg. 

Einige Cantone anerkennen die Entlastung der untern Classen mit 
Unterrichtsstoff und Einschränkung der Unterrichtszeit; nur wenige 
Cantone haben Bestimmungen über Pausen, Erholungsstunden (na¬ 
mentlich Schwyz, Freiburg, Basel-Stadt, Schafthausen, Aargau, Thurgau). 

Ueber Hausaufgaben sprechen sich die Schulverordnungen der Cantone 
Zürich, Bern, Schwyz, Nidwalden, Freiburg, Basel-Stadt, Schafthausen, Aargau 
mit wenigen Worten aus. 

Auch einige Erlasse gegen Verbreitung von Epidemien durch die 
Schulen sind da und dort getroffen worden. Am exactesten sind die Anordnungen 
in Glarus. Ueber Impfung der Schulkinder beim Eintritt und Austritt hat Zug 
verfügt. 

Die obligatorische Beköstigung armer Schulkinder zwischen 
den Vor- und Nachmittagspausen haben Obwalden, Baselland und vielleicht einige 
andere Cantone eingeführt; die Privatarmenpflege leistet namentlich im Canton 
Zug durch eine zweckmässige Organisation das Nöthigste zur Winterszeit. 

Der zu grossen Ueberfüllung der Schullocale suchen die meisten Cantone 
vorzubeugen, allein in oft ungenügender Weise. Sogar in Zürich verlangt man 
eine Theilung der Classe erst bei einer Schülerzahl von 80 — 100 Kindern. Dieser 
Latitüde steht die Thatsache entgegen , dass sich für eine Schülerzahl von über 
60—70 Kindern überhaupt keine zweckmässigen Schullocale construiren lassen. 

Die Privatschulen stehen in allen Cantonen unter staatlicher Oberaufsicht; 
specielle mehr oder weniger exacte Vorschriften über Locale u. s. w. enthalten 
die Gesetze und Verordnungen der Cantone Zürich, Bern, Luzern, Zug, Freiburg, 
Basel-Stadt und Aargau. Leider ist hier die staatliche Controle laxer als gegen¬ 
über öffentlichen Schulen und wer etwa glaubt, dass die Gesundheitspflege in den 
meisten Privatschulen mehr Beachtung finde als in den Staatsschulen, irrt sich 
ganz gewaltig. 

Unser Urtheil über die sanitarischen Einrichtungen in Privatschulen, über 
Schullocale u. s. w. ist kein günstiges. 

Der Turnunterricht für beide Geschlechter ist in Zürich schon 
auf der Primarscbulstufe eingeführt; in Basel wird erst in der Secundarschule und 
der Töchterschule geturnt. In Luzern ist das Turnen für Mädchen Freifach, wohl 
auch im Canton St. Gallen. 

So viel über die Berücksichtigung der Schulhygieine von Seite des Gesetzgebers. 
Im Allgemeinen sind diese schulhygieinischen Bestimmungen sehr mangelhaft, oft 
recht nichtssagend. Es fehlt an der nöthigen Uebersetzung des todten Buchstabens 
in die lebendige Praxis. Wer soll die Uebersetzung besorgen? Die Schulcommission, 
welcher eine hygieinische Bildung fehlt; oder die Lehrerschaft, welche in mancher 
Hinsicht die Befähigung, das richtige Verständniss hiefür nicht besitzt. 

Unsere Lehrer sind über die Schulkrankheiten, über die Mittel zur Verhütung 
derselben nicht genügend aufgeklärt und doch verfügen sie über das herrliche Gut 
unserer Jugend während der Tageszeit fast frei und uneingeschränkt. Es fehlt uns 


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137 


hier weniger an Stoff als an Zeit, um über die Behandlung der Hygieine an unsern 
Lehrerseminarien zu sprechen. 

Im Allgemeinen kann man constatiren, dass im letzten Jahrzehnt in schul- 
hygieinischer Hinsicht eine gewisse Stagnation eingetreten ist. Da herrschte An¬ 
fangs der 60er Jahre ein anderes Leben. Einige wenige Arbeiten der Pfarrer 
Chrisiinger und Becker , der Aerzte GuiHaume , Fahrner u. s. w. und der Turner Ntggeler 
und Zürcher waren mit mächtigem Erfolge begleitet. 

Seit Mitte der 70er Jahre beklagen wir einen gewissen Stillstand, wie aus 
Dr. Funkhäuser' s trefflicher Arbeit „über Schulgesundheitspflege* 4 hervorgeht und 
wir Aerzte haben hoheZeit uns aufzuraffen, wennwirdie 
grossen Lücken, die wir durch unsere Unthätigkeit offen 
gelassen, wieder ausfüllen wollen. Es wäre tief zu bekla¬ 
gen, wenn uns die Erziehung unserer Jugend nicht mehr 
zu Herzen gehen würde. 

IV. 

NiBeitliek sind es die Zastftade an den Kleiakiaderscfcnlen, welche unsere 
ernste Aaflaerksaaikeit erfordern. 

In einigen Cantonen bilden sie factisch die untern Classen der Volksschulen. 
In Genf sind sie sogar obligatorisch und im Canton Waadt werden die Kinder 
oft genug von der gleichen Lehrerin vom 3., 4. bis 10.—12. Jahr unterrichtet. 
Allerdings bestehen in beiden Cantonen gesetzliche Vorschriften über Kleinkinder¬ 
schulen, welche aber nicht genügen; ähnliche Vorschriften bestehen noch in Tessin, 
Aargau. 

Die Verbreitung, welche die sogenannten Kindergärten genommen haben, sind 
so recht der Ausdruck socialer Nothlage. 

Schon im Jahr 1883 zählte man über 400 solcher Institute, in welchen Kinder 
vom 2., 3., 4. bis 6.—7. Jahr unterrichtet werden. 

Die „sogenannte Unterrichtszeit 44 per Tag schwankt zwischen 3—6 Stunden 
(Zürich, Bern, Basel bis 6 Stunden). 

Die jährliche Schulzeit beträgt durchschnittlich 40 Wochen (in Zürich bis 43 
Wochen). 

In den meisten Cantonen herrscht vollständige Freiheit bezüglich Localen und 
Organisation im Allgemeinen. Wie mag es wohl überall mit der Gesundheitspflege 
bestellt sein ? Genügen die Locale in Bezug auf Raum, Beleuchtung, Luft und 
Bestuhlung? Welchen Antheil übernehmen diese Kleinkinderschulen von den so¬ 
genannten Schulkrankheiten späterer Jahre? Ist hier nicht eine staatliche, sani- 
tarische Controlle dringend nöthig ? Und kann diese Aufsicht durch gebildete Laien 
erfolgen ? 

Wenn wir an die Reorganisation des Schweiz. Volksschulwesens denken, 
drängen sich diese Fragen ernsthaft auf; denn es kann der Volksschule nicht 
gleichgültig sein, in welchem körperlichen und geistigen Zustand die Kinder in 
die erste Primarclasse ein treten. Der St Galler Entwurf beschäftigt sich denn 
auch mit der staatlichen Oberaufsicht der Kleinkinderscbulen. 

Je mehr sich ein Arzt mit dem Studium der Verhältnisse an Kleinkinder- 


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138 


schulen beschäftigt, desto mehr kommt er zur Ueberzeugung, dass das Gute, das 
sie stiften, vielleicht doch durch das Nachtheilige, das sie im Gefolge haben, auf¬ 
gehoben wird. Wir vergessen das Bild der Kindergartenausstellung anlässlich der 
Schweiz Landesausstellung nicht mehr. Die dort ausgestellten Arbeiten verlang¬ 
ten von den Kindern oft eine höchst einseitige, lang andauernde, einförmige Be¬ 
schäftigung und wir dachten unwillkürlich an die Kleinen, welche bei diesen 
Arbeiten nach mannigfaltiger Hinsicht Nachtheile davon tragen mussten. Es 
konnte namentlich Niemandem entgehen, welche Anforderung diese Arbeiten an 
die Geduld der Kinder, an die Sinnesorgane derselben (namentlich der Augen) 
stellten. 

Die Kindergärten Fröbels haben eine seltsame Entwicklung durchgemacht und 
die anerkennenswerthen Leistungen der Schweiz. Kindergartenvereine werden nicht 
im Stande sein, den Gang der Verhältnisse zu stören. Aus den Fröbel-Kinder- 
gärten sind Kleinkinderschulen geworden. Und wirken da immer patentirte Klein¬ 
kinderlehrerinnen , welche die Fähigkeit besitzen, die Kleinen uaturgemäss zu 
leiten, zu überwachen ? 0 nein ! Die meisten Kinderlehrerinnen bestehen nur kurze 
Curse, in welchen nicht einmal das Dringendste zur Behandlung kommen kann. 
Wohl gibt es Ausnahmen, aber wer wollte mit denselben rechnen. Die meisten 
„Kinderlehrerinnen“ sind „Kindermädchen“ im eigentlichen Sinne des Wortes, 
denen nun die Aufgabe zukommt, das kindliche Gemüth zu erfassen und die gei¬ 
stigen Kräfte der Kleinen zu stärken. 

Es ist allerdings schlimm, wenn der nicht schulpflichtigen Jugend die Mutter¬ 
liebe mangelt, wenn sie ohne Ueberwachung umherschlendert; aber es ist doch 
auch recht traurig, wenn diesen Kleinen die glückliche Freiheit fehlt und wenn 
sie innerhalb 4 Mauern nach einer oft recht eigenthümlichen, militärischen Weise 
„abgerichtet“ werden. 

Man spricht von dem schönen Kinderfrühling, welcher den ärmsten Kleinen 
in den Kindergärten blühe; aber es ist recht fraglich, ob dasjenige, was man den 
Frühling nennt, nicht oft einem rauhen, Reif und Nebel bildenden Herbste gleicht! 

Ein grosser Pädagoge sagt: „Mit dem 4. Jahr ist das Schicksal der Erziehung 
besiegelt.“ 

Anspielend an dieses Citat könnte man vielleicht sagen: 

Die Gefahr, dass die Kinder in vielen Kleinkinderschulen 
schon mit 4 Jahren v er pfuscht sind, ist eine sehr grosse zu 
nennen. 

Wie unendlich gross ist da nicht das uncultivirte Gebiet der Hygieine! Wie 
nothwendig ist da nicht eine staatliche Controle, welche den Kindern das nöthige 
Maass von Freiheit rettet und dieselben vor körperlicher und geistiger Schädigung, 
vor allzu schädlichem Zwang behütet! Wie bedauernswerth wäre eine Revision 
des Volksschulwesens ohne Berücksichtigung dieser wichtigen Verhältnisse, wenn 
man bedenkt, dass die geschilderten Institute heute schon von über 30,000 Kindern 
besucht werden. 

Ist unter solchen Verhältnissen eine staatliche Oberauf¬ 
sicht nicht dringend nöthig? 


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139 


V. 

Eine grosse (lasse Arner sollen wir nicht vergessen: 

Die Tauben, Blinden und Schwachsinnigen. Nach der eidgenössi¬ 
schen Schulstatistik vom Jahr 1883 dürfen wir in der Schweiz ca. 10,000 schwach¬ 
sinnige Kinder rechnen, von denen etwa 30% die gewöhnliche Schule zu ihrem 
oder anderer Kinder Schaden während längerer oder kürzerer Zeit besucht 
haben. 

Während wir in den Cantonen Zürich , Obwalden, Basel-Stadt, Baselland, 
Thurgau, Neuenburg, Genf nur eine geringe Zahl, bis 2%, schwachsinnige und 
auffallend gering begabte Kinder treffen, steigt dieselbe in den Cantonen Aargau 
und Wallis auf 5—13% der gesammten Kinder- resp. Schülerzahl. 

Was lehren diese Zahlen? 

Sie illustriren die Nothwendigkeit staatlicher Fürsorge, sowohl im Interesse 
der geistig normalen, als auch der geistig schwachen Kinder. 

Diese bedauernswerthen Resultate zeigen uns, dass in der Schweiz mancher¬ 
orts sehr schlimme Verhältnisse existiren und ein Studium derselben nach Ge¬ 
meinden oder Kreisen erweckt die Ueberzeugung, dass ein Erziehungsgesetz mit 
diesen Verhältnissen nothwendiger Weise zu rechnen hat. 

Diese hohen Zahlen geistig schwacher Kinder weisen auch auf eine Abnahme 
der allgemeinen körperlichen Gesundheit in vielen Gegenden unseres Landes hin. 
Hand in Hand mit der körperlichen Degeneration geht die geistige Eutartung (Kropf 
im Wallis; siehe Dr. Bircher s Arbeiten). 

VI. 

Zum Schlüsse nur noch wenige Bemerkungen über 
zwei Volkssckalgesetzentwflrfe aus den Cantonen St Gallen und Zürich. 

Wir können der Versuchung, dieselben ein bischen zu kritisiren, nicht 
widerstehen. 

Nur in wenigen Cantonen ist „die Pflege der körperlichen Entwicklung der 
Schuljugend“ in der Bestimmung des Schulzweckes aufgenommen. 

Einzig die Cantone Bern, Nidwalden, Schaffhausen bezeichnen die gleich- 
massige Entwicklung von Geist und Körper als eigentlichen 
Schulzweck. Da nun einmal der Körper vom Geist nicht mehr zu trennen ist; 
da eine normale Geistesbildung nur durch gleichzeitige Berücksichtigung der kör¬ 
perlichen Entwicklung möglich ist, steht es einem Volksschulgesetz ganz wohl an, 
nicht nur die Heranbildung zu „geistig thätigen“ (Zürich) Menschen, sondern auch 
die „körperliche Entwicklung“ derselben zu betonen. 

Sehr anerkennenswerth billigt der St. Galler Entwurf im Princip das wich¬ 
tigste hygi e in isc h e P o s t u 1 a t: „die Berechtigung einer gewis¬ 
sen ärztlichen Control le.“ Wir leben in einer Zeit, wo in schulhygieini- 
schen Kreisen (an allen hygieinischen Congressen der letzten Jahre) über die Noth¬ 
wendigkeit einer Mitwirkung durch Aerzte bei Schulinspectionen nur eine Stimme 
herrscht. 

Nachdem sich'das System der sogenannten Schulärzte in der Schweiz (Basel, 
Lausanne und zum Theil in Zug) auch practisch bewährte und mit verhältniss- 


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140 


massig geringen Kosten durchführen liess (zum grossen Nutzen der Schüler und 
der Lehrerschaft), darf man von jedem neuen Volksschulgesetz verlangen, dass es 
wenigstens principiell die Organisation der Schularztstellen festsetze. 

Während der St. Galler Entwurf diesem Postulat der Hygieine Rechnung 
trägt, ignorirt die Zürcher. Vorlage dasselbe vollständig. 

In St. Gallen verlangt man das 7. Altersjahr für den Schuleintritt. Ueber die 
Berechtigung dieser Forderung müssen wir keine Worte verlieren. Hier herrscht 
zwischen hervorragenden Pädagogen und Aerzten Uebereinstimmung. Da uns 
keine Beispiele bekannt sind, dass sich die Zürcher Jugend auffallend schnell ent¬ 
wickelt, müssen wir die Bestimmung des zürch. Entwurfes (Schuleintritt mit 6 Jah¬ 
ren) tief beklagen. 

Die obligatorische Ernährung armer Schulkinder zwischen den Vor- und Nach¬ 
mittagsunterrichtsstunden, sowie deren Kleidung wird von der St. Galler Vorlage 
gefordert. Einem zürcher. Schulgesetz würden solche Bestimmungen ganz wohl 
anstehen. 

In St. Gallen will man die staatliche Controlle der Kindergärten, den Hand¬ 
fertigungsunterricht, Einrichtung von Schulgärten im neuen Schulgesetz berück¬ 
sichtigen. Um so auffallender ist es, dass der zürcher. Gesetzesentwurf sich mit 
den Kleinkinderschulen nicht befassen will. Die Beziehungen derselben zu den 
Primarschulen sind aber so innige, dass ein neues Schulgesetz auch die Klein¬ 
kinderschulen betreffen muss. Gegenwärtig ist denn auch die Controlle derselben 
im Canton Zürich eine in jeder Beziehung ungenügende. 

In St. Gallen anerkennt man es, dass das Maximum der Schülerzahl 60—70 
nicht übersteigen sollte; in Zürich gewährt die neue Vorlage mehr Freiheiten. 

Wir könnten diese Parallele noch lange fortführen; sie würde immer zu Un¬ 
gunsten des zürch. Entwurfes ausfallen. 

In demselben existirt ein einziger § 33, welcher ahnen lässt, dass es am Ende 
doch noch eine Schulhygieine geben könnte, indem dieser Paragraph bestimmt, 
dass der Erziehungsrath über Einrichtung, Instandhaltung und Reinigung der 
Schulhäuser Vorschriften erlassen werde. Man könnte uns einwenden, dass § 13 
der cantonalen zürch. Verordnung „betreffend die örtlichen Gesundheitscommissio¬ 
nen“ über Schulhäuser eine gewisse Controlle der Baupläne gestatte! Wenn aber 
auch diese Bestimmung überall gehandhabt würde, könnte der Einfluss nicht im 
Entferntesten die Lücken des Gesetzes ausfüllen. 

Wir wollen die Thätigkeit des zürch. Erziehungsrathes durchaus nicht be¬ 
mängeln, aber es will uns scheinen, dass im letzten Jahrzehnt auf schulhygieini- 
schem Gebiete mehr hätte geleistet werden sollen. 

Zwar besteht im Canton Zürich eine 27 Jahr alte Verordnung über „Erbauung 
und Einrichtung von Schulhäusern“ $ allein die Bestimmungen hierüber sind läng¬ 
stens veraltet. Dagegen besitzt die Stadt Zürich eine Schulverordnung vom Jahr 
1887, welche einige treffliche Bestimmungen über Gesundheitspflege enthält. 

Auf dem Lande draussen liegt noch Vieles in den „Windeln“ und all’ das 
Rühmliche, das geschehen ist, verdankt man meistens der Privatinitiative der 
Localschulcommissionen (und ärztlichen Mitgliedern derselben). 


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Mao hat diese Mängel in maassgebenden Kreisen zwar längstens gefühlt und 
es ist ein hauptsächliches Verdienst Prof. Horner s sei,, dass er die überlebten 
Verordnungen über Schulhausbauten und dergleichen betonte. 

Allein ein von ihm und andern Collegen und Schulfreunden ausgearbeiteter 
Entwurf vom Jahr 1883 ist heute noch Entwurf geblieben. 

Unter solchen Verhältnissen lässt sich der Gedanke, es möchten sich die 
Lücken eines neuen Volksschulgesetzes nur schwer durch allgemein verbindliche 
Verordnungen ausfüllen lassen, nicht unterdrücken und man wird gut thun« schon 
im Grundgesetz gewisse Minimalforderungen der Hygieine zu verwirklichen 
suchen. 

Wir bedauern, dass sich der neue zürch. Volksschulgesetzesentwurf in hygiei- 
nischer Hinsicht vom alten Schulgesetz vom Jahre 1859 in keinem wesentlichen 
Punkt unterscheidet. 

Unglaublich! 

Es will übrigens scheinen, dass die zürch. Vorschläge auch # unter abnormen 
Verhältnissen zu Stande gekommen sind und dass sich ausser Regierungs-, Er¬ 
ziehungsrath und der cantonsräthlichen Commission keine andern Behörden (z. B. 
Sanitätsrath), keine ärztlichen Vereine ausgesprochen haben. 

Vorerst ist zu wünschen, dass doch die ärztlichen Gesellschaften des Cantons 
Zürich anregend auf dem Gebiete der Schulhygieine wirken und dass sie die voll¬ 
ständige Ignoranz des ärztlichen Standes und seiner Postulate nicht dulden 
möchten. 

In keiner vorberatbenden Commission sass ein Arzt und doch gibt es eine 
Schulhygieine. 

Der Canton Zürich stand bisher an der Spitze aller zeitgemässen Bestre¬ 
bungen auf dem Felde der Jugenderziehung; um so mehr wäre es zu beklagen, 
wenn bei Reorganisation der Volksschule die schulhygieinischen Postulate nicht 
berücksichtigt würden. 

Und nun, verebrteste Herren Collegen, bitte ich um Entschuldigung, wenn 
ich stellenweise recht undiplomatisch geworden bin! Es kann uns Aerzten nicht 
gleichgültig sein, wie mit den 500,000 Kindern, welche die schweizer. Primar¬ 
schulen besuchen, umgesprungen wird ; es kann uns nicht kühl lassen , wenn die 
einschneidendsten Gesetze« welche die Zukunft ganzer Generationen so erheblich 
beeinflussen, schlechte Gesetze sind. 

Es ist unsere heilige Pflicht, auf dem Gebiete des Schul¬ 
wesens d e n G r u n d 8 ä t z e n der Hygieine zum Durchbruch zu 
verhelfen, damit unsere Jugend gedeihe an Körper und Geist. 
Nicht mindei nothwendig ist unser Entschluss, jedes Gesetz, welches 
die Forderungen der Hygieine ignorirt, zu bekämpfen und 
für dessen Verwerfung zu arbeiten. 


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142 


Vereinsberichte. 


Cantonal-ärztliche Gesellschaft des Cantons Aargau. 

Am 23. Januar versammelte sich die cantonal-ärztliche Gesellschaft zu ihrer ordent¬ 
lichen Jahresversammlung in der neuen Krankenanstalt in Aarau. Die Betheiligung 
war, die nordwestlichen und nördlichen Bezirke ausgenommen, eine rege, 28 Mann stark 
ohne das Anstaltspersonal. 

Die HH. Oberärzte Bircher und Kalt hielten Vorträge und Demonstrationen auf 
ihren Abtheilungen. Der erstere sprach auf der chirurgischen auf Grundlage von 20 von 
ihm operirten Fällen über Castration bei Franen, über Indication, Prognose, Operations¬ 
methode und Erfolg der Operation. Daran schloss sich die Demonstration von exstir- 
pirten Ovarien und von drei noch anwesenden Reconvalescenten. Da die Details hierüber 
im Anstaltsjahresbericht veröffentlicht werden sollen , so kann ich diesbezüglich auf den¬ 
selben verweisen. Auf derselben Abtheilung wurden von Hm. Zürcher einige im letzten 
Halbjahr in der Anstalt euncleirte Bnlbi vorgewiesen , von welchen insbesondere einer 
mit Melanosarcoma Chorioideae als schönes und seltenes Präparat Erwähnung verdient. 

Auf der innern Abtheilung führte Hr. Kalt einen Fall von tnbercnlftsem Hirntumor 
mit den äussern Erscheinungen einer Facialis- und Abducens-Lähmung vor mit zugleich 
bestehender Lungeninfiltration und nachgewiesenen Tuberkel-Bacillen. Im Weitern wurden 
Typhusbaeillen in hängenden Tropfen demonstrirt, die im Abtheilungslaboratorium aus 
Typhusstühlen auf Kartoffeln gezüchtet worden waren. Schliesslich wurden die Reactionen 
auf den Salzsänregehalt des Magens in Fällen von Carcinoma ventriculi und Dilatatio 
ventriculi vorgewiesen und die Aufhebung oder Beschränkung desselben bei Carcinom 
festgestellt. 

Zwischen die Demonstrationen auf beiden Abtheilungen war eine Pause mit Früh¬ 
schoppen in der Lingerie eingeschoben worden, der auf anerkennenswerthe Ordination des 
Vorsitzenden der Gesellschaft gereicht wurde. Das Mittagessen fand im Gasthof zum 
„Ochsen a statt, wo Hr. Director Schaufelbüel den HH. Oberärzten ihre Vorträge verdankte 
und der Vorstand mit Ausnahme des eine Wiederwahl ablehnenden Hrn. Dr. Isler für 
eine weitere Jahresdauer gewählt wurde. Es besteht derselbe nunmehr aus den HH. 
Schaufelbüel , Kalt und Müller von Lenzburg (letzterer neu als Actuar). — Mehrere 
Tischreden würzten das Mahl, wovon eine mit dem Motto „essen und vergessen“ die 
Signatur des Tages zu bezeichnen schien. Zürcher . 


Medicinisch-pharmaceutischer Bezirksverein von Bern. 

Fünfte Sitzung im Wintersemester 1887/88, Dienstag den 10. Januar, Abends 8 Uhr, 

im Casino.*) ' 

Präsident: Dr. Schaerer. — Actuar: Dr. Dumont. 

Anwesend 25 Mitglieder und 2 Gäste. 

1. Dr. de Giacomi spricht „lieber die Behandlung der Lungentubercnlose mit 
Fluorwasserstoff nach Seiler und Garem.* 

Obwohl die in den letzten Jahren angepriesenen Behandlungsmethoden gegen die 
Lungentuberculose nur Enttäuschungen gebracht haben , so bleibt es bei unserer Hülf- 
losigkeit gegenüber dieser Krankheit doch unsere Pflicht, jedes neue Mittel in objectiver 
Weise wieder zu prüfen, insofern es einige Berechtigung dazu in sich trägt. Diese Be¬ 
rechtigung scheint bei dem Fluorwasserstoff vorzuliegen. Nach den Versuchen , die in 
Frankreich angestellt wurden, hat sich der Fluorwasserstoff als wirksames Antisepticum 
herausgestellt und speciell die Wirksamkeit gegen den Tuberkelbaeillüs ist an Tuberkel- 


*) Erhalten den 26. Januar 1888. Redaction. 


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143 


bacillenculturen direct nachgewiesen worden. Wir haben also ein Mittel vor uns, das 
gegen die Tuberculose wirken kann, es liegt wenigstens die Möglichkeit vor. Diese An¬ 
nahme ist um so mehr berechtigt, als die Natnr des Mittels es gestattet, dasselbe direct 
auf die erkrankten Lungentheile ein wirken za lassen. 

Seiler und Garcin wurden auf dieses Mittel aufmerksam durch die Beobachtung, 
dass Lungenkranke in Werkstätten, wo Fluorwasserstoff verwendet wird , nicht Schaden 
leiden, sondern sich eher wohler befinden. Sie brachten deswegen die tuberculösen 
Kranken in kleine Zellen von 6 Cubikmeter Inhalt, welche zuvor mit Fluorwasserstoffgas ge¬ 
sättigt wurden. Die Sättigung der Luft mit Fluorwasserstoff erzielen sie durch den 
Luftstrom einer Pumpe, welcher über ein Gefäss von Guttapercha streicht, enthaltend eine 
Mischung von 100 gr. Fluorwasserstoff und 300 gr. Wasser. Die Kranken werden täglich 
während 1 Stunde diesen Inhalationen ausgesetzt. 

Referent modificirte das Verfahren für seine Controlversuche in der Weise, dass er 
die oben erwähnte Mischung einfach in einer offenen Bleischaale mittelst Spirituslampe 
erwärmte. Man erhalte dadurch eine gleichmässige und continuirliche Entwicklung von 
Fluorwasserstoffdämpfen, welche durch stärkeres oder schwächeres Erwärmen nach Wunsch 
regulirt werden können. Die Kranken sitzen um diese Schaale herum, die toleranteren 
naher, die empfindlicheren entfernter. Dieses einfachere Verfahren scheine keine Nach¬ 
theile gegenüber dem andern zu haben, sondern besitze eher den Vorzug, dass man 
damit gleichzeitig Kranke von verschiedener Empfindlichkeit im gleichen Raume den In¬ 
halationen aussetzen könne. 

Der Erfolg, den Seiler und Garcin mit dieser Behandlung erzielten, ist nach ihren 
Angaben ein ungewöhnlicher. Wenn nur ein kleiner Bruchtheil davon sich bewähre, so 
hätten die tuberculösen Kranken alle Veranlassung, ihnen dankbar zu sein. Unter 100 
Kranken beobachteten sie 35 Heilungen, 41 wurden mehr oder weniger gebessert, 14 
blieben ungebessert, 10 starben. Nach ihren Angaben nehmen in den günstigen Fällen 
die Hauptbeschwerden sehr rasch ab: der Appetitmangel, die Schlaflosigkeit, das Fieber, 
die Nachtschweisse, die Athemnoth der Kranken bessern sich, der Auswurf wird flüssiger 
und spärlicher, die Tuberkelbacillen vermindern sich und verschwinden schliesslich. 

Referent war bei seinen Control versuchen nicht so glücklich. Bei 6 von 8 Fällen, 
die er zu beobachten Gelegenheit hatte, war der Erfolg null. Der siebente zeigte eine 
vorübergehende Besserung des Appetits und der Athemnoth. Der achte Fall schliesslich 
erfuhr von dem ersten Tage der Anwendung des Fluorwasserstoffs an eine auffällige Besse¬ 
rung aller Symptome. Dieser Fall lasse jedoch die Deutung zu, dass diese Aenderung 
des Krankheitsverlaufes vielleicht auch ohne Fluorwasserstoff eingetreten wäre. 

Obwohl diese Versuche die gehegten Erwartungen nicht erfüllt haben, so «hat Referent 
doch den Eindruck bekommen, dass die Anwendung des Fluorwasserstoffs gegen die Lun- 
gentuberculose eine weitere gründliche Prüfung verdiene. 

Die Inhalation der Fluorwasserstoffdämpfo ist für den Kranken in keiner Weise un¬ 
angenehm. Die Manipulation mit der käuflichen Lösung der Fluorwasserstoffsäure er¬ 
fordere hingegen Vorsicht wegen der heftigen AetzWirkung auf die Haut. Man müsse 
sich auch darauf gefasst machen , dass die Fenster allmälig unter der Einwirkung der 
Fluorwasserstoffdämpfe sich trüben. 

In der Discussion bemerkt Dr. Collon, dass auch er die besprochene Methode bei 
zwei Fällen von Tuberculose angewandt habe. Beide Patienten waren hochgradig her¬ 
untergekommen, hatten hohes Fieber, so dass der Erfolg bei ihnen kein glänzender war. 
Dennoch schien es ihm, dass die erwähnten Inhalationen einen günstigen Einfluss auf den 
Schlaf der Patienten ausübten. Wie bei der Bergeon 1 sehen Methode, so wird es auch 
bei derjenigen von Seiler und Garcin darauf ankommen, günstige Fälle auswählen zu 
können. 

Dr. Dubois hält dafür, dass die in Umlauf gesetzte Temperaturcurve für den Erfolg 
der Methode nicht beweisend sein könne, insofern, als die Temperatur sofort am ersten 
Tago nach den Inhalationen sank. Ein so plötzliches Sinken hängt aber hier höchst 


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wahrscheinlich mit andern Nebenumständen zusammen. Wenn statt einer einzigen, eine 
Reihe solcher Curven sich vorfände, wäre natürlicherweise die Sache eine andere. 

Dr. Lindt hält den Fall für um so weniger beweisend, als die Patientin des Vor¬ 
tragenden zu gleicher Zeit mit der Phthise anch an pleuritischem Exsudat litt. Wie das 
Letztere abnahm , wurde die Patientin wohler. Der Fall ist eben nicht ganz rein. — 
Andere Patienten mit alleiniger Phthise zeigten keine wesentliche Besserung ihres Zu¬ 
standes. 

Dr. de Giacotni ist mit den Vorrednern einverstanden. Die angestellten Versuche 
sprechen aber auf der andern Seite nicht gegen die vorgetragene Methode, und daher 
hat man allen Grund, dieselbe weiter zu verfolgen. 

2. Dr. Beck demonstrirt: 

a) Immisch’s Patent-Unfall-Thermometer, 

b) die unter dem Namen „Alpha-Spritze 66 in den Handel gebrachte Irrigationsspritze 
mit continuirlichem Strahle. 

(Beide beschrieben und abgebildot im Novemberheft der „Illustrirten Monatsschrift 
der ärztlichen Polytechnik“, 1887.) 

c. Ein Kopfkissen für Inhalation medicameutöser flüssiger Substanzen in Bettlage 
(Oreiller iahalatenr) eines unbekannten französischen Erfinders, das bei der internatio¬ 
nalen Verbandstofffabrik in Schaffhausen zu beziehen ist. Das länglich viereckige Ross¬ 
haarkissen ist mit zwei kreisrunden, seitlich angebrachten Oeffnungen versehen, in welche 
die die Medicamente enthaltenden Büchsen amovibel, aber verlässlich und compendiös be¬ 
festigt eingebracht sind. Die Deckel der Büchsen sind mit radiären Oeffnungen versehen, 
welche mittelst einer Drehscheibe bequem verschlossen oder geöffnet werden. 

Im Anschluss an obenerwähnte Demonstration des ImmiscK sehen Thermometers, 
zeigt Prof. Demme das Sack' sehe Minuten-Thermometor, welches an der Wies¬ 
badener Ausstellung figurirte und mit dem er sehr wohl zufrieden ist. 


Gesellschaft der Aerzte des Cantons Zürich. 

Ordentliche Herbstsitzung den 8. November 1887 in Zürich. 1 ) 

Präsident: Prof. Dr. Goll. — Actuar: Dr. Lüning . 

Als Gäste sjnd anwesend: Hr. Dr. Bonus von Basel, Frl. Dr. Mary Hobart von Boston. 

Das Präsidium eröffnet die Versammlung um 10 ! /2 Uhr mit einem kurzen Begrüssungs- 
wort an die zahlreich (ca. 90) erschienenen Theilnchmer, in welchem er namentlich die 
Annahme des Alcoholgesetzes und die Revision des Krankenkassen Wesens als wichtige 
Ereignisse auf dem Gebiete der socialen Medicin berührt. 

Eine Anfrage des cantonalen Apothekervereins regt zu einer gemeinschaftlichen Ein¬ 
gabe betr. Revision des Medicinalgesetzes an. Nach Erkundigungen bei der Medicinal- 
direction ist dieselbe in Aussicht und Bearbeitung; es wird deshalb Nichteintreten be¬ 
schlossen. 

Seit der Frühjahrssitzung hat die Gesellschaft eines ihrer ältesten Mitglieder durch 
den Tod verloren, Herrn Dr. Mathice in Wülflingen. Das Präsidium verliest einen von 
befreundeter Hand verfassten Necrolog des Verstorbenen (vide Corr.-Bl. pag. 701, 1887). 

Prof. Dr. Eickhorst hält hierauf einen Vortrag: Ueber Boderne üerzBittel (in 
extenso in Nr. 2 des Corr.-Bl.). 

Discussion darüber: 

Dr. Herrn. Müller beabsichtigt nicht, ein wahrscheinlich doch gutes Mittel zu dis- 
creditiren, er will lediglich seine Erfahrungen über die Ttnct. Strophanti mittheilen. Er 
hat das Mittel seit Juni bei 15 Patienten fast durchwegs bei Klappenfehlern angewandt 
und aus seinen Beobachtungen ergibt sich zunächst das Resultat, dass bei 6 Privat« 


l .) Erhalten 31. Januar 1888. Red, 


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patienten das Mittel fast gänzlich wirkungslos blieb, trotzdem die Dosis bis auf 4 Mal 
20 Tropfen gesteigert wurde. Nur bei einer hydropischen Kranken mit Ins. Mitral, 
wirkte die Tinctur pulsverlangsamend, ohne den Exitus verhüten zu können. — Bei 
den 9 poliklinisch behandelten Kranken, welche das Mittel aus der Spitalapotheke 
bezogen, war der Erfolg auch nur ein theilweiser, in mehreren Fällen blieb er ganz 
ans. Bei einem 12jährigen Knaben mit Ins. Mitral, schien das Mittel auf das be¬ 
sonders lästige Asthma card. von überraschender Wirkung zu sein. In den kurzen No¬ 
tizen, welche zu Protocoll gegeben wurden, heisst es: „Die Anfälle von Beengung sind 
wie weggeblasen;“ aber wenige Tage später erfolgte plötzlich der Exitus. Einen ganz 
günstigen, dauernden Erfolg hatte das Mittel bei einer 57jährigen Frau mit Stenose der 
Mitralis, welche schon seit 2 Jahren mit verschiedenen Herzmitteln behandelt wurde. Die 
Frau hat seit 2 Jahren nie so gute Zeiten gehabt und verspürt ganz besonders Erleich¬ 
terung von der früher immer und immer wiederkehrenden hochgradigen Dyspnoe. Dieser 
Fall und die von Prof. Eichhorst viel genauer controlirten Beobachtungen ermuntern 
jedenfalls zu weiteren Versuchen mit Strophantus. 

Bezirksarzt Frey betont die Wichtigkeit des Alters und der Beschaffenheit der 
Digitalisblatter für die Beurtheilung ihrer Wirksamkeit. Mehr als 1 Jahr gelagerte 
Blätter taugen nach seiner Erfahrung nichts mehr. 

Prof. Schär ist auch der Ansicht, dass die zur Anwendung gelangende Digitalis oft 
zu lange gelegen ist; es kommt sehr auf die Präparation und Aufbewahrung derselben 
an; unter günstigen Umständen erhält sich aber die Wirksamkeit sehr lange. Redner 
spricht ebenfalls der Anwendung der Digitalis in Substanz das Wort, da nicht alle wirk¬ 
samen Bestandteile in’s Infus übergehen. Bezüglich Strophantus bemerkt er: Strophan¬ 
tin ist nach den neuesten Untersuchungen zweifellos ein Glykosid, nicht ein Alcaloid, 
wie früher geglaubt wurde. Die eigentlichen Herzgifte sind alle Glykoside, die darunter 
eingestellten Alcaloide sind keine reinen Herzgifte. Solche Herzgifte im eigentlichen 
Sinne kommen nur in 4 Pflanzenfamilien vor, nämlich bei den Scrophularieen, Apocyneen, 
Ranunculaceen und Liliaceen. Er demonstrirt die Strophantus-Samen und -Früchte von 
einer noch unbekannten Species von der Somali-Küste, nicht Str. hispidus, ferner ein von 
Dr. Hans Schins aus Südafrika mitgebrachtes Pfeilgift, bereitet aus einer Apocynee 
(Adenium). 

Dr. Hegner stellt an den Vortragenden die Frage, was er von der in neuester Zeit 
hervorgehobenen Wirksamkeit der Soolbäder für die Herztherapie halte. 

Prof. Eichhorst besitzt darüber einige sehr günstige Erfahrungen. In einem Falle 
von Mitralklappenfehler nach Gelenkrheumatismus verschwanden nach 2maliger Cur in 
Nauheim die Erscheinungen so vollständig, dass Pat. in die Lebensversicherung aufge¬ 
nommen wurde; bei einem 12jährigen Knaben mit Stauungserscheinungen in Folge von 
Mitral- und Aortenklappenfehlern hatte Nauheim ebenfalls sehr guten Erfolg. 

Prof. Göll demonstrirt hierauf ein Dynamometer für den Händedruck, von Ullmann, 
Maschinenconstructeur in Zürich. 

Prof. Dr. Klebs hält sodann einen Vortrag: Ueber die Entstehung einiger schwerer, 
in der Gravidität auftretender Krankheitszustände (Eclampsie, Leberatrophie), der durch 
zahlreiche microscopische Demonstrationen unterstützt wird. 

An der Discussion betheiligten sich die Herren Proff. Frahkenhäuser und Klebs . 

Prof. Dr. Kröhlein stellt den Antrag: Zur Beschleunigung der Publication der 
8itzungsprotocolle der Gesellschaft ist jeder Vortragende gehalten, binnen 14 Tagen nach 
der Sitzung ein Autoreferat dem Actuar einzusenden, falls er nicht selbst die Publication 
besorgen will. Im Falle der Unterlassung erfolgt nur eine kurze Notiz über das be¬ 
sprochene Thema. 

Dr. H. v . Wyss unterstützt den Antrag und wünscht Ausdehnung des Postulates 
auch auf längere Voten in der Discussion. 

Der Antrag wird mit diesem Zusatze zum Beschluss erhoben. 

Dr. Hegner erhält sodann das Wort zur Motivirung eines Antrages betr. Gymnasial- 

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reform* Dieselbe lautet: „Die Veranlassung zum heutigen Antrag geben mir die dia¬ 
metral entgegengesetzte Stellung, welche von den Rednern an zwei Versammlungen ge¬ 
bildeter Männer, am Stiftungstage der zürcherischen Hochschule und an der letzten Ver¬ 
sammlung des Hochschul Vereins einerseits, an der Naturforscher Versammlung in Wiesbaden 
anderseits zur Frage der Gymnasialreform eingenommen worden ist. — Am erstem Ort 
die Befürwortung der bisherigen Gymnasialprogramme auch in Bezug auf die alten 
Sprachen, am letztem das entschiedene Verlangen nach Reform im Sinne der Zurück- 
drängung der alten Sprachen und grösserer Berücksichtigung der deutschen und der übri¬ 
gen modernen Sprachen sowie der Naturwissenschaften und Physik. 

Hiezu kommt, dass die Gymnasialfrage durch die vor unsern Rathen liegende Neu¬ 
gestaltung des Mittelschulwesens zu einer Tagesfrage geworden ist. 

Die grosse Differenz der Ansichten unter Männern von Bildung über den Werth des 
bisherigen Gymnasiallehrplans ist eine auffallende Erscheinung. In beiden Lagern, sowohl 
für Beibehaltung des bisherigen Planes, wie für Reform, finden wir Männer von bestem 
Klange, denen wir die grösste Hochachtung zollen, bei den erstem unter Andern unsern 
hochverehrten Rector, Herr Prof. Krönlein , auf der andern Seite den vielgenannten Vo¬ 
tanten an der Naturforscherversammlung in Wiesbaden, Prof. Preyer, ferner, soweit mir 
bekannt, auch Esmarch und Virchow. 

Der Widerstreit erklärt sich zum Theil aus der Verschiedenheit der Gymnasial¬ 
programme und der Bedeutung der Maturität in Deutschland und in der Schweiz. 

In Deutschland ist ein Maturitätszeuguiss von einem humanistischen Gymnasium nicht 
blos für das Studium der Medicin unentbehrlich, sondern es ist auch die Conditio sine 
qua non zur Erlangung aller höhern Staatsämter, sowohl ira Justiz- als administrativen 
Gebiet. In unsern obersten Landesbehörden sitzen dagegen Männer, welche niemals ein 
Gymnasium besucht haben und denen trotzdem Niemand allgemeine Bildung und weiten 
Blick absprechen wird. 

Hiezu kommt, dass an den deutschen Gymnasien das Programm ein viel einseitiger 
sprachliches ist. Bei uns ist das Griechische facultativ, zudem kommen auf unsern Gym¬ 
nasien in 6 1 /a Jahrescursen auf ira Ganzen 207 wöchentliche Stunden 83 Stunden im 
Latein und Griechisch, 23 Stunden deutsch, 23 Stunden mathematische Fächer, 14 Stun¬ 
den Naturwissenschaft, Physik und Chemie. In Württemberg dagegen fallen in 9 Jahres¬ 
cursen auf im Ganzen 282 wöchentliche Stunden 144 Stunden Latein und Griechisch, 
26 Stunden Deutsch, 36 Stunden mathematische Fächer (Rechnen inbegriffen) und 9 Stun¬ 
den Naturwissenschaften und Physik und zwar 2 Stunden Physik in 9 Jahren! dagegen 
144 Stunden, also mehr als die Hälfte der ganzen Unterrichtszeit, todte Sprachen! — 
Das erklärt die immer wachsende Opposition gegen die dortigen Schulprogramme und das 
Verlangen nach Reform. Virchow soll sich auch geäussert haben, dass er mit einem 
schweizerischen, speciell dem Berner Gymnasialprogramm, sich ganz wohl befriedigt er¬ 
klären könnte. 

Aber auch bei uns dürfen wir fragen, ob nicht den alten Sprachen immer noch ein 
zu grosses Uebergewicht eingeräumt wird gegenüber dem Unterricht in modernen Sprachen 
und deren Literatur, ganz besonders im Deutschen und in den naturwissenschaftlichen Fächern. 

Es wird, speciell für den Mediciner, auf den durch die Kenntniss des Lateinischen 
und Griechischen erworbenen Vortheil der Etymologie unserer zahlreichen technischen 
Ausdrücke aufmerksam gemacht; aber dieser Vortheil ist theuer erkauft und ist schliess¬ 
lich nicht so maassgebend. 

Man rühmt den grammatikalischen Uebungen in den alten Sprachen die formale Be¬ 
deutung im Allgemeinen, besonders für die Erlernung der modernen romanischen Sprachen 
und die Disciplin des Denkens nach; der formale Vortheil für die neueren Sprachen ist 
mit der auf Erlernung des Lateinischen verwendeten Zeit viel zu theuer erkauft; denn in 
derselben Zeit kann man drei moderne Sprachen gründlich lernen und die Disciplin des 
Denkens wird doch wohl durch die deutsche Syntax oder durch mathematische und phy- 
sicalische Aufgaben kaum weniger geübt. 


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Und in der Behauptung, die Classiker allein bilden die ideale Denkungsart, liegt 
eine Versündigung gegen die deutsche Sprache und Literatur und gegen die Werke un¬ 
serer besten Dichter, eines Göthe, Schiller, Lessing, in denen sich ebenso viele Goldkörner 
der Weisheit und der Idealität finden, wie in den Werken der Alten, in einem Cicero 
und Livius. 

Um den Geist und die Weisheit der Alten zu erfassen, ist die Kenntniss des Origi¬ 
nals nicht nothwendig. Es stünde schlimm um die Christenheit, wenn die hohen Lehren 
des Christenthums nur von Denen richtig erfasst würden, welche das neue Testament im 
Urtext gelesen haben. Und haben Sie nicht selbst diejenigen Gesänge der Hiade, Odyssee, 
welche Sie in der guten Vossisehen UeberSetzung gelesen haben, mit derselben Begeiste¬ 
rung aufgenommen, wie die, welche Sie mühsam, das Lexicon zur Linken, aus dem Ori¬ 
ginal übersetzt haben? Und trifft das nicht auch bei Shakespeares Dramen zu? 

Mit alledem fallt auch der immer und immer wieder gehörte Vorwurf dahin, dass 
zum Wesen der allgemeinen Bildung die Kenntniss der alten Sprachen unerlässlich sei. 
Das war so im Mittelalter und bis in den Anfang des 18. Jahrhunderts. Damals war 
das Lateinische die Universalsprache der ganzen gebildeten Welt, und das hatte seine 
eminenten Vortheile. Aber das sind vergangene Zeiten, die Sie nicht mehr zurückrufen 
können, selbst wenn Sie es wollten; es ist auch nicht mehr nothwendig, seitdem die 
tausendköpfige Presse jedes bedeutende Erzeugnis sofort in alle modernen Sprachen 
übersetzt, und seitdem jeder Gebildete je länger je mehr mehrere moderne Sprachen 
kennen muss. 

Was ist überhaupt allgemeine Bildung? Unter allgemeiner Bildung oder Vorbildung, 
soweit sie auf den sogen. Mittelschulen, als Uebungsstadium zu einem Fachstudium auf 
der Hochschule erworben werden kann und soll, verstehe ich denjenigen Grad von Kennt¬ 
nissen, der den Träger befähigt, als auf einer guten Grundlage fussend ein specielles 
Gebiet des Wissens mit Verständnis zu cultiviren, und das ihm zugleich ein Verständnis 
ermöglicht für die Cultur der Gegenwart im weitesten Sinne. Das Letztere ist nun frei¬ 
lich nicht mehr ein Attribut der allgemeinen Vorbildung, sondern der allgemeinen Bildung 
überhaupt; diese wird erst im Leben erworben und ihre Aneignung ist nur noch wenigen 
ganz Bevorzugten möglich, denn dazu ist neben angeborenem Talent und Scharfsinn ein 
rastloser Fleiss unentbehrlich. 

Wenn Sie aber diese Definition der allgemeinen Vorbildung einigermaassen adoptiren, 
welchem Abiturienten, gleiche Anlagen vorausgesetzt, werden Sie dieses Attribut zuerken¬ 
nen , demjenigen, der fertig Lateinisch und Griechisch übersetzt, die Classiker seiner 
Muttersprache nothdürftig kennt und diese selbst mittelmässig spricht und schreibt, da¬ 
neben fast keinen Hochschein hat von den unsere Zeit regierenden Gewalten, den Natur¬ 
wissenschaften und der Physik; oder demjenigen, der weder Latein noch Griechisch ver¬ 
steht, dagegen in seiner Muttersprache sich gewandt, klar und formrichtig schriftlich und 
mündlich ansdrückt, die Geisteswerke der besten deutschen Classiker kennt, einige moderne 
Sprachen ohne Schwierigkeit liest und daneben ein Verständniss besitzt für die Grundzüge 
der Naturwissenschaften und die Gesetze der Physik. — Sie werden nicht lange schwan¬ 
ken in der Wahl. Auch die ideale Gesinnung der Jugend erleidet durch die Bevorzugung 
der letztem Richtung keinen Abbruch. Im Gegentheill Die Naturwissenschaften eröffnen 
ihm eine Ahnung von der Grösse und Schönheit der Schöpfung und die Physik weckt 
das Verständniss für die Gesetzmässigkeit alles Seins; unter beiden Anschauungen leidet 
der ideale Sinn nicht. 

Nun könnte man freilich die alten Sprachen an den Gymnasien in ihrem Rechte 
bestehen lassen, wenn sie nicht, wie schon angedeutet, wichtigeren und nothwendigeren 
Disciplinen den Platz versperrten. — Denn vermehren lässt sich der Unterrichtsstoff 
nicht, es ist so schon des Guten mehr als genug und die körperliche Erziehung wird an 
unsera Gymnasien jetzt schon viel zu stiefmütterlich behandelt und trägt dem Rechte 
nach harmonischer Entwicklung des ganzen Wesens des zukünftigen Mannes zu wenig 
Rechnung. 


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148 


Wenn also Neues in den Stundenplan eingefugt werden soll, so muss Altes Platz machen. 

Es liegt jedoch nicht in meiner Aufgabe, Vorschläge zu machen. Meine Absicht 
war vielmehr blos, die Frage aufzuwerfen, und kurz zu beleuchten, ob nicht der gegen¬ 
wärtige Zustand unserer Gymnasien noch einige Lücken aufweise, deren Ausfüllung im 
Interesse einer allseitigen Gymnasialbildung liegt. 

Wie Sie in Ihrer Mehrheit über die Sache denken, ist mir unbekannt; dass eine 
Anzahl Aerzte meine Anschauungen theilen,, weiss ich; dass auch die gegentheilige An¬ 
sicht ihre Vertreter in den berufensten Kreisen hat, ist Ihnen bekannt. Es will mir daher 
scheinen, es stehe gerade, Angesichts der Reform des Mittelschulwesens in unserm Canton, 
dem Collegium der Aerzte ganz wohl an, auch in seinem Kreise die Gymnasialfrage in 
eine allseitige, sachliche, wohl vorbereitete Berathung zu ziehen und wenn Sie es für 
opportun erachten, allenfalls Ihre Wünsche an competenter Stelle vorzubringen. 

Dass Sie Alle, als Männer von Bildung, zur Prüfung dieser Frage berechtigt und 
competent sind, habe ich schon nachgewiesen; dass allfällige Voten aus Ihrem Schooss 
an maassgebender Stelle nicht ignorirt würden, glaube ich als sicher annehmen zu dürfen. 

Ich erlaube mir deshalb den Antrag zu stellen: 

Es sei die Frage über eine eventuelle Reform des Lehrplans an den 
cantonalen Gymnasien als erstes Tractandum für die nächste Frühjahrs¬ 
sitzung aufzunehmen, und es sei der Vorstand beauftragt, Referenten zu 
bezeichnen und deren Thesen den Mitgliedern unserer Gesellschaft recht¬ 
zeitig zur Kenntniss zu bringen. 

Rector Prof. Rrönlem begrüsst den Antrag als einen gewiss zeitgemässen, wünscht 
aber dringend, dass eine eingehende Discussion der sehr schwierigen und umfangreiche 
Vorstudien verlangenden Materie für die Gesellschaft durch ein wohl vorbereitetes Referat, 
event. Correferat eingeleitet und dieselbe dadurch erspriesslich gemacht werde; die Gefahr 
liegt bei diesen Fragen sonst sehr nahe, dass man nicht aus den blossen Phrasen heraus¬ 
kommt. Ueber die einzelnen Deductionen des Vorredners will sich Prof. K. deshalb hier 
nicht äussern; er betont aber, dass auch die Philologen, soweit Aeusserungen in der 
Sache vorliegen, eine Reform der Gymnasien wünschen; es handelt sich nur um das 
Wie? d. h. positive Vorschläge. Von Interesse ist, dass bei einer Enquete in 
Preussen sämmtliche medicinische Facultäten bis auf 2 sich für die Reform auf classischem 
Boden ausgesprochen haben. 

Nach weiteren, die Ausführung des Antrages betreffenden Voten von Prof. Gott und 
Dr. Zehnder wird derselbe ohne Opposition angenommen und der Vorstand mit den nöthigen 
Maassnahmen betraut. 

Dr. jß is in Kloten (muss seine Mittheilungen wegen vorgerückter Zeit abkürzen) de- 
monstrirt: 

1) gefettete Gypsbinden. Durch das Einfetten des Bindenstoffes wird verhindert, 
dass der Bindenstoff WaBser aufnehme. Der damit angelegte Verband härtet etwas 
schneller, trocknet ziemlich schneller und ist bedeutend leichter zu fenstern und aufzu¬ 
schneiden; 8oll auch, wie 4 Patienten bisher übereinstimmend je verschiedene Male an¬ 
gegeben haben, wärmer halten, als gewöhnlicher Gypsverband, welchen diese selben Pa¬ 
tienten vorher getragen hatten; hat deshalb in folgenden Fällen gefetteten Gypsverband 
ohne Flanell bezw. ohne Watte angelegt, blos über gefettete Baumwollbinden. Zu haben 
bei Russenberger in Zürich. 

2) Thermometer von Usteri-Reinacher, Präcisionswerkstätte in Zürich, bezogen. Scala 
reicht von — 15 bis + 45, schöne Theilung, bequeme Länge, ovale Glashülse, welche 
auf dem Tisch nicht rollt; ungemein schnelles Steigen, welches von Anfang an sichtlich 
ist. Genaue Messung nach 7—10 Minuten; für mindere Genauigkeit kann bei einiger 
Uebung schon nach 3 Minuten abgelesen werden. Jenenser Normalglas; jedes Instrument 
trägt eine Prüfungsnummer, ftir Genauigkeit bürgt wohl der Ruf der Firma Usteri- 
Reinacher (Nachfolger von And. Goldschmidt, Hottingen), welche die Thermometer prüft. 
Preis Fr. 5. 


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Die Thermometer von Pack, sog. Minutenthermometer, steigen wohl noch bedeutend 
schneller, sind aber für Messung in der Achsel für seine Bequemlichkeit zu kurz; und 
haben keinen Nullpunkt, indem die Scala erst bei 35° beginnt. Glaubt nun zwar nicht, 
dass ein practischer Arzt oft sein Thermometer auf den Nullpunkt prüfen wird — aber 
es verleiht doch ein Gefühl der Sicherheit, dies nöthigenfalls thun zu können und Vortr. 
ziehe deshalb Usteri’s Thermometer vor. Es sind diejenigen, welche diese Firma bisher 
zu Herstellung von Psychrometern verwendet hat. 

3) Vorweisung eines Fosshaltors im Nebenzimmer. Derselbe ermöglicht auch un¬ 
gelenken Händen, den Fuss zur Anlegung des Gypsvcrbandes in bestimmter Lage ruhig 
zu halten. Beschreibung ohne Abbildung unnütz. (Kann erst vervielfältigt werden, wenn 
Bestellungen vorliegen.) 

Dr. Mohr er zieht aus dem oben erwähnten Grunde seinen angekündigten Vortrag 
zurück. 

Wegen Erkrankung des Quästors, Dr. Kerez , fallt das Referat über die Blätter für 
Gesundheitspflege aus; der Präsident ist aber im Falle, über das Unternehmen günstige 
Auskunft zu geben , da Abonnentenzahl und finanzielle Situation sich gebessert haben. 
Er schlägt vor, den Vertrag mit dem Redactor, Herrn Dr. CusteTj zu erneuern. Zu¬ 
stimmung der Versammlung. 

Zu einer Discussion führt schliesslich noch die Wahl des Ortes für die nächste Ver¬ 
sammlung. Auf Einladung und Antrag von Dr. Hegner wird schliesslich Winterthur mit 
Stimmenmehrheit in Aussicht genommen. 

Als Mitglieder sind neu eingetreten die Herren: DDr. Arthur Hanau und Adolf Fick, 
Privatdocenten in Zürich , Heinr. Wehrli in Neumünster, Herrn. Huber in Ohringen, 
Cappeler in Zürich. 

Während der Versammlung hatte das electro-technische Bureau von A. v. Wurstem- 
berger & Cie. in Zürich in einem Nebenraume eine grössere Collection von electrothera- 
peutischen und diagnostischen Apparaten, sowie eine Remington’sche Schreibmaschine zur 
Besichtigung und Prüfung ausgestellt. 

Die tractandenreiche Sitzung wird um 2 Uhr geschlossen; daran schloss sich das 
übliche Festmahl im Hötel Victoria, an dem sich ca. 45 Mitglieder betheiligten und das 
einen animirten Verlauf nahm. 


Referate und Kritiken. 

Jahresberichte von Spitälern und PflegeanstaKen, 

die der Redaction im Jahre 1887 sugestellt wurden, sind bereits einzeln in der Bibliographie 
notirt worden. Im Folgenden heben wir die wichtigsten uoch besonders hervor. 

24. medie. Bericht über die Thätigkeit des Jenner 9 sehen 
Kinderspitals in Bern, veröffentlicht von Prof. Bemme . 65 pag. 

Die Frequenz vom Jahr 1886 zeigt 818 Patienten der stationären Abtheilung und 
die enorme Zahl von 4882 poliklinisch behandelten Kindern. Die Drrnme’schen Jahres¬ 
berichte sind in wissenschaftlichen Kreisen sehr geschätzt, indem der Autor darin die 
interessantesten Fälle ausführlich beschreibt und mit epikritischen Bemerkungen versieht. 
Der Bericht stellt so gewissermaassen eine Sammlung kleiner Originalarbeiten dar. Wir 
finden darin einen Fall von primärer Tuberculose des Herzfleisches, von Hydrocephalus 
ebron. unilateral» (mit Abbildung) u. s. w., ferner therapeutische Excursionen über die 
Anwendung des Urethan, Salol und Antipyrin in der Kinderheilkunde. — 

14. Bericht über das Kinderspital Zürich; 
hauptsächlich ein Verwaltungsbericht; die Aerzte bringen nur statistische Angaben. Es 
wurden 272 Kinder behandelt, über die Poliklinik liegen keine Notizen vor. 
Jahresbericht über die chirurgische Abtheilung des Spitals 
zu Basel, erstattet von Prof. Soän und Dr. Btibecher. 166 pag. 

Der 17. Jahresbericht dieser Stelle. Wir erhalten da ein wahrheitstreues Bild der 


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150 


Arbeiten und Leistungen dieser chirurgischen Abtheilung, indem alle Erkrankungen und 
alle Fälle die gleiche Berücksichtigung finden. Gedrängte Auszüge aus den Kranken¬ 
geschichten orientiren den Leser Uber den Status, die Behandlung event. die Ausführung 
der Operation und die dabei befolgte Wundbehandlung, die Heilung mit event Compli- 
cationen und, was das wichtigste ist, über die Endresultate. 

Diese Berichte haben eine grosse Verbreitung erlangt, indem sie Dank der genauen 
Beobachtung und der Fülle des interessanten Materiales halber eine reiche Fundgrube für 
wissenschaftliche Arbeiten geworden sind. 

Vorliegender Bericht über das Jahr 1886 betrifft 757 Kranke mit 22,884 Verpflegungs- 
tagen, und 789 poliklinisch behandelte Patienten. Eine 8chlus8tabelle gibt Rechenschaft 
über 404 ausgeführte Operationen, 

2 3. Jahresbericht der Augenheilanstalt Basel 
von Prof. Schiess- Gemuseus. 66 pag. 

465 Kranke wurden verpflegt, darunter 71 Privatpatienten. Poliklinisch behandelt 
wurden 1886 die stattliche Zahl von 1872 Patienten, über die sorgfältige statistische 
Angaben vorliegen. Bei den klinischen Kranken wurden die interessantesten und lehr¬ 
reichsten Fälle jeweilen in kurzer Krankengeschichte geschildert und nicht selten höchst 
bemerkenswerthe allgemeine Angaben Uber Therapie, oder die Stellung der Erkrankung 
zu ähnlichen Affectionen u. s. w. beigegeben. 

Universitäts-Augenklinik in Bern. 

Bericht über die Jahre 1884 — 1886 von Prof. Pflüger . 

lu den 3 Jahren wurden 1202 Kranke verpflegt und 3201 poliklinisch behandelt. Der 
Bericht verbreitet sich Uber die Verhältnisse der neubezogenen Abtheilung im Inselspital 
(Beilage: ein Situationsplan'). Der Autor gibt in diesem Hefte einen erweiterten Abdruck 
seines an der 68. Naturforscherversarnmlung in Strassburg gehaltenen Vortrages Über: 
„Erregungen und Miterregungen im Bereiche homonymer Gesichtsfeldbezirke“. 

Bericht Über die Irrenanstalt Basel 188 6. Prof. Wille. 81 pag. 

Am 29. October 1886 wurde die neue Anstalt bezogen mit 115 Kranken. Der Be¬ 
richt erstreckt sich über administrative und Über sanitarische Verhältnisse, welch 9 letztere 
in 12 Tabellen übersichtlich zur Anschauung gebracht sind. 

Jahresbericht der bernischeu Heil- und Pflegeanstalt Waldau 
über 1885 und 1886. Ein vorwiegend administrativer Bericht. 

Gesammtbestand der Verpflegten 1885: 452 — 1886 475 Kranke, 46 mussten ab¬ 
gewiesen werden. 

Maison de santd de Pröfargier. 38 me rapport annuel 
par Dr. G. Burckhardt (1886). 86 pag. 

Krankenbestand während 1886 202. Die einzelnen Erkrankungsformen werden be¬ 
sprochen mit kleinen therapeutischen Excursen oder klinischen Bemerkungen illustrirt. 

Höpital cantonal de G e n 6 v e. Rapport pour l’annöe 188 6. 

Hauptsächlich Verwaltungsbericht. Die Maternitd zählte 272, die innere 1545, die 
chirurgische (mit Haut- und Geschlechtskranken) 1176 Kranke mit 241 Operationen. — 
Kosten der Verpflegung per Mann und Tag Fr. 2. 63 — ungefähr wie in Basel. 

6. Jahresbericht der cant. Krankenanstalt Glarus 188 6. 

Der Spitalarzt Dr. Fritsche hatte 468 Kranke in Behandlung. Das chirurgische Ma¬ 
terial ist vorwiegend, denn es wurden 190 Operationen nothwendig. 1095 Patienten be¬ 
suchten die poliklinische Sprechstunde. 

2. Jahresbericht (p. 1886) der zürcherischen Heilstätte Aegeri. 

Ein Comitöbericht mit einem Auszug aus dem ärztlichen Bericht von Dr. Hürlimann. 
Es wurden 73 rhachitUche und scrophulöse Kinder behandelt, von erstem 7ö°/ 0 , von 
letztem 77% gebeilt. Ueber die Behandlung, wobei der Speisezettel die Hauptrolle spielt, 
wird genau referirt. 


Lehrbuch der pathologischen Anatomie. 

Von Dr. Birch-Hirschfeld , Professor in Leipzig. Verlag von F. C. W. Vogel. 

II. Band, specielle pathologische Anatomie. 

Die erste Hälfte erschien im Juni 1887 und im October folgte bereits der Schluss- 
theil des Bandes. Es ist eine „dritte, völlig umgearbeitete Auflage", die, wir heben dies 


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151 


mit Vergnügen hervor, trotz des viel reichern Inhaltes bei Berücksichtigung aller wich¬ 
tigen Fortschritte des lotsten Jahrsehntes gegenüber der 1. Auflage von 1877 nicht 
sugleioh eine vermehrte Auflage geworden ist Dies spricht schon a priori su Gun¬ 
sten des Buohes — wir danken es dem Autor, der sich die Mühe genommen, den wach¬ 
senden Btoff su concentriren, ihn su verarbeiten und nicht einfach, wie es so häufig bei 
neuen Auflagen geschieht, durch Erweiterung der Capitel die Neuerungen und Fortschritte 
unter Dach bringt. — 

Entsprechend seinem Zwecke als Lehrbuch su dienen, sind dem Text treffliche Holz- 
schnitte beigegeben, was jedenfalls practischer ist als die in der 1. Auflage am Schluss 
angebefteten Tafeln. 

Wie im allgemeinen Theil bei der Aetiologie die Bacterien entsprechend Berücksich¬ 
tigung gefunden haben, so finden sich auch in diesem speciellen Theile die Forschungs¬ 
ergebnisse der Bacteriologie, insoweit sie der pathologischen Anatomie Neues und Er- 
spriessliches brachten, mit verwerthet 

Die Fülle des Materials, die der pathologischen Anatomie von heute sufällt, wird in 
übersichtlicher Weise in 10 Abschnitten abgehandelt, in gans gleicher Weise, wie dies 
schon in der 1. Auflage geschehen ist. Sehr angenehm ist su Beginn jedes Capitols — 
den Unterabtheilungen der Abschnitte — die wichtigsten Literaturquellen verseichnet su 
finden. — 

Auf Einselheiten einsugehen, erlaubt uns der Raum nicht. Wir empfehlen das Buch 
so eingehendem Studium, dem Arste sowohl wie dem Studirenden. Garte . 


Anleitung zur Vieh- und Fleischschau. 

Von Dr. Anion Baran$ki (Wien und Leipsig, bei Urban & Schwarsenberg, 1887) ist eine 
bedeutend vermehrte und auch verbesserte 3. Auflage der 1882 erschienenen zweiten des 
gleichen Buches, was wohl schon an und für sich den Werth der Arbeit documentirt. 

Die Geschichte der Vieh- und Fleischschau, mit welcher der Verfasser diesmal sein 
Handbuch einleitet, bildet eine sehr instructive Bereicherung desselben, woraus wir 
v. B. mit speciellem Interesse erfahren, dass schon im Jahr 1248 der Bischof Lütolf der 
Basler Metzgerinnung eine eigene Fleischorduung gegeben hat. Die wissenschaftliche 
Besprechung der Fleischschau bietet swar dem Fach manne nichts Neues und ist sehr oft 
fast su kure und bündig gehalten, dürfte aber für den Nichtfachmann desto leichter ver¬ 
ständlich sein; von grösstem Nutzen , auch für den Fachmann, sind hingegen die aus¬ 
führlich wiedergegebenen Fleischschau - Verordnungen verschiedener Staaten und Städte. 
Dem Physikatsarzte sowohl als dem Landärzte, der Mangels eines tüchtigen thierärzt¬ 
lichen Fleischschaubeamten wohl hin und wieder in den Fall kommen kann, in Sachen 
der Fleischschau ein Urtheil abzugeben, wäre die Lectüre des Buches wohl zu empfehlen. 
Der Preis von Fr. 6. 85 ist leider für eine 3. Auflage etwas hochgestellt, so dass kaum 
alle Besitzer der 2. Auflage sich entschliesBen dürften, der, zwar nicht unwichtigen, Ver¬ 
mehrungen und Verbesserungen wegen den erhöhten Preis zu bezahlen. Siegnmnd. 


Die Kunstfehler der Aerzte vor dem Forum der Juristen. 

Für Aerzte und Juristen gemeinverständlich dargestellt von Kühner . 

Frankfurt a. M., Gebr. Knauer, 1886. VI und 155 S. 

Wie mit dem Worte Gift, so steht es mit dem n Kunstfehler des Arztes“ : eine er¬ 
schöpfende Definition ist nicht zu geben. Es mag dies besonders daher rühren, dass die 
medicinische Thätigkeit noch nicht in jeder Hinsicht auf exacten wissenschaftlichen, 
überall gleichmässig su Recht anerkannten Grundlagen steht. — Die Kunstfehler sind 
naturgemäss aotive oder passive, insofern sie iu nicht zweckentsprechendem Handeln oder 
in Unterlassen des durch die Umstände gebotenen bestehen. Entschuldigungsgründe sind 
vielfach vorhanden: das allgemein geltende: errare humanum est besteht auch für den 
Arzt; das Verhalten des Kranken gegenüber den Weisungen des Letztem; äussere Ein¬ 
flüsse, für die derselbe nicht verantwortlich gemacht werden kann. — Es wird im Wei¬ 
tern die Eigenart der Stellung des Arztes, in specie des Gerichtsarztes, aber auch die 


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152 


des Richters besprochen, eine Eintheilung der Kunstfehler nach dem Gebiete, auf welchem 
sie Kur Geltung kommen, d. h. auf den verschiedenen Gebieten der Heilkunde beigegeben 
mit einer grössern Ansahl casuistischer Beiträge meist aus der Nfeuzeit, kritisch beleuchtet 
und häufig von grossem Interesse. — Wir haben den Eindruck gewonnen, dass nament¬ 
lich in der Schweiz, wo vielerorts der practische Arzt zugleich Gerichtsarzt ist, für diesen 
in manchen Fällen das Buch zu einem wahren Rathgeber werden kann und auch seiner 
grundsätzlichen Haltung wegen als belehrend einer grossen Verbreitung würdig ist. 

TrechseL 


Cantonale Correspondeuzen. 


Genf. Epilepsie. In einem Vortrag Uber Epilepsie (78. Versammlung der 
ärztlichen Gesellschaft der Centralschweiz) empfiehlt Herr Dr. Brun für die Behandlung 
der Epilepsie kleine, aber lang fortgesetzte Dosen von Kalium Bromatum. Nach unserer 
Erfahrung soll die Epilepsie (selbstverständlich die Neurose) mit starken Dosen von Bro- 
mures und gleichzeitiger Anwendung von kalten Douchen behan¬ 
delt werden. Diese Behandlung muss mit zeitweiliger Unterbrechung jahrelang fortgesetzt 
werden. Man muss hier als Hydrotherapie nur die kalte Brause in Anwendung bringen 
(18 & 10° C.) und immer von sehr kurzer Dauer (%— 1 Minute längstens). Wir ver¬ 
ordnen gewöhnlich einen Tag zwei Douchen, den folgenden Tag nur eine u. s. f., oder 
täglich ewei Douchen, wenn der Kranke, was meistens der Fall ist, keine Ermüdung in 
Folge der Behandlung empfindet. Die Epileptischen haben in der Tbat eine grosse Tole¬ 
ranz für die Douche. Bie vertragen sie immer gut, und erwarten sie nach einigen Tagen 
sogar mit Ungeduld. Die Druckkraft der Regeodouche muss 8—4 Atmosphären haben. 
Wir haben ausserdem bemerkt, dass die starken Dosen von Brom besser vertragen 
werden während der hydropathiechen Behandlung als vor derselben. Alle anderen hydro¬ 
therapeutischen Methoden (Einwicklungen, Halbbäder, piscines etc.) sind überflüssig und 
unnütz. Wir empfehlen dringend in Fällen von Epilepsie die Anwendung der Douche, 
bis jetzt wenig gebraucht und kaum erwähnt in den bekanntesten 3chrifteu über Nerven¬ 
krankheiten. 

Die polybromures scheinen mir nicht heilsamer als das einfache Brom. Da die Ka- 
liumsalze immer die Möglichkeit einer schlechten Wirkung auf das Herz haben können, 
so gebrauche ich nur noch Natrium Bromatum (4 4 10 grm. pro die, i / i Stundo nach 
dem Essen zu nehmen). 

Die Electricität, welche wir in sechs Fällen angewendet haben, hat uns nicht die 
Resultate gegeben, auf die wir gerechnet hatten , obgleich wir sie so rationell als mög¬ 
lich, wenigstens theoretisch, angewendet haben. Wir haben nach Erb y Ziemssen , Althaus etc. 
die positive Galvanisation der Medulla oblongata angewendet (Anode am Nacken, Kathode 
am plexus solaris), sowie auch die directe Electrisirnng des Gehirns: Galvanisation des 
Kopfes, grosse Electrode an den Schläfen, und schwacher Strom von der Stirne nach 
dem Nacken. Endlich Anode an den Schläfen, und Kathode am Nacken auf der ent¬ 
gegengesetzten Seite der Anode, um die grossen Hemisphären, die motorischen Regionen 
und die Medulla oblongata zu electrisiren. 

Vergl. hierüber meine Arbeit in der „Revue mädicale de la Suisse romande“ 
15. April 1886. 

Champel bei Genf. Dr. P. Glotz . 

Thurgau« Drei Pille seltener Moskelerkrankang. a. Muskelpseudo¬ 
hypertrophie— 2 Fälle; b. juvenile progressive Muskelatrophie — 
1 Fall. Von Dr. Böhi in Erlen. (Schluss.) 

2. Pseudomuskelhypertrophie. Robert H. von Rorschacb, vorübergehend 
in Sulgen, wo ich ihn zu beobachten Gelegenheit hatte, ist ein intelligenter Knabe von 
13 Jahren. Mit Ausnahme der Masern machte er keine Kinderkrankheiten durch und 
war überhaupt, das gegenwärtige Leiden abgerechnet, stets gesund. Mit */t Jahren machte 


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153 


er die ersten Gehversuche und erlernte das Gehen ohne Mühe, doch soll seine Gangart 
immer etwas Schwerfälliges gehabt haben. 8eine Mutter bezeichnet dieselbe als wie¬ 
gend. Diese Gehweise blieb ihm eigen; am besten soll er mit 5 und 6 Jahren gegangen 
sein. Dann wurde das Gehen auffallender, mehr schaukelnd und watschelnd. In den 
letsten 2 Jahren zeigte sich eine rasch zunehmende Schwäche in den Beinen, so zwar, 
dass er jetzt ohne Ruhepause nicht 5 Minuten zu gehen im Stande ist, während er früher 
2 Stunden Weges zurücklegte. Früher ging er noch ziemlich rasch, doch konnte er 
mit seinen Altersgenossen nicht concurriren; später flog er an zu straucheln, wenn er 
eine raschere Gangart einscblagen wollte. Jetzt tritt schnell Ermüdung ein; will er sich 
noch mehr anstrengen, so fällt er oft plötzlich in die Kniee und zu Boden, wobei er mit¬ 
unter ein leichtes Zucken in den Kniekehlen verspüren will. Sonst sind ihm Zuckungen 
oder andere Sensationen fremd. Die Handfertigkeit ist ihm noch zu eigen geblieben und 
führt er eine hübsche Handschrift. 

Sein Vater, Mechaniker, starb mit 69 Jahren an Herzleiden; auf väterlicher Seite 
wurden bei der Mutter und einem Bruder Geistesstörungen beobachtet; Starrköpfigkeit 
soll ein Familiencharakterzug sein. Die Mutter, Anfangs fünfzig, ist gesund. Aehnliche 
Kraokheitssymptome, wie bei dem Knaben, sind nach keiner Verwandtschaftslinie 
eruirbar. 

Status praesens vom 4. Mai 188 3. Körperlänge 131 cm.; etwas Kurz¬ 
kopf mit stark vortretender Temporalgegend ; ausdrucksvolles Gesicht; lebhafte Augen. 
Nie Kopfschmerz, kein Schwindel, kein Schielen ; Sehschärfe normal, keine Pupillendiffe¬ 
renz, Hautfarbe blass. Auffallend tritt am entblössten Körper die schlecht entwickelte 
Muskulatur der obern Extremitäten, der Schultern und des Thorax hervor. 8peciell sind 
atrophisch zu nenoen die musculi deltoidei, tri- und bicipitcs der Oberarme, die flexores 
und exteosores der Vorderarme, die pectorales, cucullares, latissimi und longissimi dorsi. 
Gut entwickelt, ja eigentlich hypertrophisch sind die musc. quadrati lumborum, die glutmi 
und die Muskeln der Oberschenkel, besonders aber die Wadenmuskeln. Die Messung er¬ 
gibt: rechter Oberschenkel in der Mitte 36, linker 36,5 cm., über den Knieen, rechts 29,5, 
links 30 cm.; Waden, rechts 30,5, links 32 cm.; Unterschenkel über den Malleoleo, 
rechts 18, links 19 cm. 

Die Waden fühlen sich etwas derb an ; am Morgen nach dem Aufstehen sollen sie 
weicher sein und oft ein bläulich-marmorirtes Aussehen zeigen. Charakteristisch ist auch 
in diesem Falle die Haltung und der Gang. 

Um zur Sicherung des Gleichgewichtes eine möglichst breite Basis zu gewinnen, 
steht er mit ausgespreizten Beinen da. Der Rücken ist in seiner obern Parthie stark 
nach hinten gebeugt, so dass ein von der vertebra prominens losgelassenes Senkblei 
kaum noch das Kreuzbein taugirt; die Arme und Hände legen sich an die Körperseiten 
an. Die sattelförmige Lordose in der Lendengegend ist äusserst prägnant, der Bauch ist 
mässig vorgewölbt. Die dicken Waden bilden zu dem magern Oberkörper einen selt¬ 
samen Contrast. Wird der Patieut angegangen, aus liegender Position sioh zu erbeben, 
so wendet er sich mit grosser Mühe bäuchlings um, stellt eich auf die Hände und strengt 
sich an, in die Höhe zu kommen ; allein umsonst Früher brachte er dies zu Stande, 
indem er sich, nach der Beschreibung seiner Mutter, zuerst auf die Hände stützte, dann 
mit der einen Hand den Unterschenkel auf der vorderen Seite fasste , mit der andern 
nachfolgte und den derselben entsprechenden Unterschenkel ebenfalls packte, worauf er 
sich Hand für Hand zu den Knieen emporarbeitete. Diese als Stützpunkte verwerthend, 
kletterte er gleichsam an den Oberschenkeln hinauf und schleuderte den Oberkörper, mit 
den Händen in der Nähe der Schenkelbeugen angelangt, in die Höhe, so dass er die oben 
geschilderte Stellung einnahm. Auch aus sitzender Position vermag er sich nur dann zu 
erheben, wenn er sich auf einen festen Gegenstand stützen kann. Der Gang ist watschelnd 
uod unsicher. 8itzt der Kranke, so gehen die Bewegungen im Fuss-, Knie- und Hüft¬ 
gelenke noch ziemlich ordentlich von Statten, doch fehlt die Ausgiebigkeit aus Mangel 
an Kraft. Der Händedruck ist vermindert. 

Der Patellarreflex ist subnormal, die Hautreflexe nicht abgeschwächt. Die eleotro- 
muskuläre Contractilität der erkrankten Muskeln ist abgeschwächt, ebenso, indess in ver¬ 
mindertem Grade, die electromuskuläre Sensibilität. Die Wadenmuskulatur bedarf zur 
Aushebung einer Contraction besonders starker Ströme. Hautsensibilität normal. 


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Auch dieser Patient kam mir bald aus dem Gesichtskreise und vernahm ich später, 
dass er kurze Zeit darauf sich zu Bette begeben musste, das er von da ab nicht mehr 
Verliese. Die Handfertigkeit sei ihm so lange geblieben, als er Oberhaupt noch Körper¬ 
kräfte besass. Nach 1 */, Jahren starb er an LuDgenphtbise. 

3. Juvenile progressive Muskelatrophie. August 8ch. von Hefen- 
hofen, 21 Jahre alt, Strumpfwirker, unverheiratet, soll in frühester Kindheit wiederholt 
an Gichtern gelitten und mit 6 Jahren 8charlach ohne Complicationen durchgemacht haben. 
Mit 8 Jahren wurde er von 8chwellung der Halsdrüsen — ohne Abscedirung — und mit 
10 und 12 Jahren von Augenentzündung heimgesucht. — Der Beginn der gegenwärtigen 
Krankheit lässt sich nicht genau bestimmen , doch dürfte er auf das 12. Jahr zurüokzu- 
fübren sein. Damals schon will er beobachtet haben, dass ihm das Aufstehen aus sitzen¬ 
der Stellung mehr Mühe verursachte als früher ; besonders erinnert er sich , dass ihm, 
zur Zeit als er die Sekundarschule besuchte v die Schwerfälligkeit, mit der er sich beim 
Turnen aus der Kniebeuge erhob, manche Rüge zuzog. Es fiel ihm diese Unbeholfenheit 
nm so mehr auf, als er früher leicht beweglich gewesen. Mit 16 Jahren erlernte er die 
Strumpfwirkerei und ging dann mit 17 Jahren auf die Wanderschaft, von der er nach 4 
Jahren zurückkehrte, ln den letzten Jahren verspürte er eine zunehmende Schwäche im 
Rücken, den Armen und den Beinen; derart, dass er schliesslich seinen Beruf aufgeben 
und nach Hause zurückreisen musste. Im Sommer 1886 legte er noch während 14 
Tagen täglich 4 — 6 Stunden zurück, allein schon im Herbst betrug das Maximum seiner 
Marschleistung 1 f / a —2 Stunden. Erst als er total arbeitsunfähig geworden war, wandte 
er sich an einen Arzt. 

ln seiner Familie sind ähnliche Erkrankungen nicht nachweisbar ; sein Vater zählt 
56, seine Mutter 50 Jahre; beide sind gesund und ebenso erfreuen sich seine beiden 
Brüder, von 20 und 24 Jahren, einer guten Gesundheit Mehrere Geschwister starben 
in den ersten Lebenswochen und Monaten. Weder auf väterlicher noch*auf mütterlicher 
Seite lassen sich ähnliche Krankheitszustände nachweisen. 

Status praesens vom 15. September 188 6. Patient klagt, mit Aus¬ 
nahme der genannten Schwäche , über keine abnormen subjectiven Empfindungen oder 
Schmerzen. Körperlänge 166 cm., Brustumfang 80 cm , Hautfarbe schmutzig blass, Haut 
mit reichlichen Acnepusteln besäet. Der Kopf weder nach Form noch Grösse abnorm ; 
kein Kopfschmerz, kein Schwindel; geistiger Zustand normal; Bulbi allseitig frei beweg- 
lieh, kein Schielen, gleichweite Pupillen von normaler Reaktion; Sinnesorgane über¬ 
haupt intact. 

Auffallend ist die Körperhaltung: die Beine sind gespreizt, die Wirbelsäule in der 
Lendengegend sattelartig eingebogen, die obere Rückenparthie stark nach rückwärts ge¬ 
bogen. Der Gang ist unsicher, steif und werden die Füsse nur mit forcirter Anstrengung 
vom Boden abgehoben, was besonders beim Treppensteigen auffällt. Eigenthümlich 
und in gewisser Beziehung charakteristisch ist die Art und Weise, wie er sich aus 
knieender oder liegender Position aufzurichten strebt, und die enorme Anstrengung, die 
hiezu benöthigt wird, spricht für die hochgradige lähmungsartige Schwäche der an diesem 
Acte tbeilnehmenden Muskelgruppen. Ohne sich an einem benachbarten, festen Gegen¬ 
stände halten zu können, bringt er es gar nicht zu Stande, sondern fällt bei jedem Ver¬ 
suche seitlings auf den Boden. Hat er es mit Benutzung fester Stützen endlich so weit 
gebracht, dass er mit den Händen die Oberschenkel fassen kann, so schleudert er den 
Oberkörper in die Höhe und rückwärts, um in dieser Weise die Aequilibrirung zu 
finden. 

Die Kraftleistung der verschiedenen Muskelgruppen variirt ausserordentlich und 
steht in proportionalem Verhältnisse zu ihrem Ernährungszustände. Der Druck der Hände 
ist beidseitig kräftig, da die Muskeln derselben, sowie diejenigen der Vorderarme normal. 
Dagegen vermag er die Arme nicht soweit in die Höhe zu heben , dass die Oberarme 
auch nur horizontal gestellt würden, geschweige . dieselben vertical emporzurichten. Und 
ebenso wenig ist er im Stande , die Arme in der Weise zu kreuzen , dass er mit den 
Händen die Schultern zu fassen vermöchte , kaum dass er mit den Fingerspitzen die 
vordere Wand der Achselhöhlen erreicht. Will er die Arme höher bringen, so muss er 
gleichsam einen Anlauf nehmen und sie emporwerfen, aber auch dann gelingt es ihm 
pur mangelhaft und für den Moment, sofort sinken sie wieder herunter. Die Schulter- 


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blätter stehen flügelartig vor und bildet sich auf diese Art eine stark ausgesprochene 
dorso-scapnlare ßuoht. Hebung, Senkung, Abdiiction und Adduction der Schultern und 
Arme sind in hohem Grade abgeschwächt und befinden sich die diesen Bewegungen vor¬ 
stehenden «Muskeln im Zustande hochgradiger Atrophie. Besonders gilt dies von den 
musc. deltoidei, bi« und tricipites hrachii, den pectorales majores und minores, cucul« 
lares, latissimi dorsi, serrati antici majores, rbomboidei, sacrolumbalis und longissi- 
mus dorsi. 

In geringerm Grade atrophisch sind die Muskeln der Oberschenkel, doch haben auch 
sie bedeutend an motorischer Kraft eiugebüsst. Patient beugt den Oberschenkel in der 
Hüftbeuge nur mangelhaft und ebenso verhält es sich mit der Streckung im Koie; über« 
haupt sind alle Bewegungen langsamer und weniger ausgiebig, auch tritt rasch Ermüdung 
ein. Sichtbar atrophisch sind die musc. glutasi und der extensor cruris; die Waden« 
muskeln sind prall und nicht atrophisch, aber auch nicht pseudohypertrophisch. Sie 
scheinen nur dicker im Vergleich zu den atrophischen Oberschenkeln. Die Messung er¬ 
gibt: Oberarm rechts 18,5 cm., links 19 cm., Vorderarm 21,5, links 2«, Oberschenkel 
rechts 31, links 81, Wade rechts 31,5, links 32,5. 

Der faradomusculäre Strom hebt in sämmtlichen afficirten Muskeln Contraotionen aus, 
doch sind diese abgeschwächt, und ebenso ist auch die electromusculäre Sensibilität her« 
abgesetzt. Die Wadenmuskeln reagiren auf iotcrmittirende Ströme in gleicher Weise 
wie die nichtafficirten. Dem constanten Strome gegenüber ist das Verhalten der erkrankten 
Muskeln ein ähnliches; nur quantitative Herabsetzung. Entartungsreaction fehlt voll« 
ständig. Der Patellarreflex ist rechts wie links erloschen; vasomotorische und trophische 
Störungen sind keine vorhanden ; kein fibrilläres Zuckei}, kein Tremor. 

Der Umstand, dass nech den Erfahrungen Erb* s bei dieser Form von Muskelatrophie 
durch andauernde Behandlung ein Stillstand des Krankheitsprocesses mitunter erreicht 
werden kann, bestimmte mich, den Patienten dem Spital zuzuweisen, wo er unterm 24. 
November 1886 Aufnahme fand. 

Unter Anwendung von Bädern, galvanischer und faradischer Behandlung, sowie Mas« 
sage, trat auch, wie es scheint, wirklich ein Stillstand ein, so dass der Chefarst des 
Spitales, Hr. Dr. Kappeier, der mir iu verdankenswerther Weise die Krankengeschichte zur 
Disposition stellte, bei der Entlassung des Patienten (13. März 1887), notiren konnte: 
„Es ist bei der Behandlung doch etwelche Besserung eingetreten. Patient ermüdet zwar 
noch leicht beim Gehen und ist der Gang derselbe schleudernde; dagegen geht er nach 
seiner Aussage doch sicherer, besonders beim Treppensteigen. Auch gelingt es ihm, 
Gegenstände vom Boden aufzuheben und , wenn auch sehr langsam und mühsam , aus 
liegender Stellung sich aufzurichten. tf 

Von hohem Interesse ist die microscopische Untersuchung excidirter Muskelstückchen, 
wie sie von Hrn, Dr. Kappeier vom Deltoides und Pectoralis major vorgenommen wurde. 
Unterm 7. December 1886 excidirte er ein Stückchen aus dem atrophischen linken Del- 
toideus und «fand an den frischen Zupfpräparaten mässige, trübe, körnige Degeneration 
einzelner Muskelfasern, mit Schwund der Querstreifung; an andern war die Querstreifung 
noch völlig erhalten. Das gleiche Bild boten die in Müller' scher Flüssigkeit gehärteten 
Präparate. Auf den Querschnitten zeigen sich die Muskelbündel von ganz verschiedener 
Dicke; das interfibrilläre Bindegewebe erscheint vermehrt, was aber wohl nur durch 
den Schwund der Muskelsubstanz bedingt ist. Am 10. Februar 1887 wurden auch 
Stückchen aus dem Pectoralis major entnommen und das eine davon in Müller' 1 scher 
Flüssigkeit gehärtet, das andere an der Luft getrocknet. Die microscopische Unter« 
Buchung ergab Vermehrung des interstitiellen Bindegewebes, daneben Atrophie und 
Schlängelung der Muskelfasern , die aber zum Theil ihre Querfaserung noch vollständig 
bewahrt haben. 

Zfirlch. Rechnung Aber Kasse der Schweiz« Aerzteeomnissiea 1887, erstattet 

vom Kassier Dr. J . H. Sigg in Kl.-Andelfingen. 

Einnahmen: 

1887 Januar 1. Saldo von 1886 Fr. 677. 30 

Zins der Sparkasse „ 24. 65 

Fr. 701. 95 


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156 


Ausgaben: 


Januar 

3. 

Drucksachen für Aerzte-Statistik 

Fr. 

6. — 

März 

1 . 

Rechnung für Album f ) 

9 

1. 85 

Mai 

20. 

„ für ein neues Album 

9 

34.. 50 


20. 

„ Schweighauser, Drucksachen 

9 

35. 90 

* 

20. 

9 » 9 

9 

10. 20 

9 

21. 

Local in Basel 

9 

5. — 

August 

25. 

Rechnung Fenner (neues Protocoll) 

9 

18. 50 


25. 

„ Buser (Copiatur) 

9 

1. 50 

November 

7. 

Localmiethe Olten und Porto 

9 

15. 25 

» 

18. 

Rechnung Thommen (Album) und Porto 

9 

2. 70 

December 

17. 

Local Zürich 

9 

5. - 

» 

21. 

Rechnung Schweighauser, Drucksachen 

9 

85. 90 

9 

24. 

n Dr.Sonderegger (Drucks., Copiat.) 

9 

30. — 

9 

31. 

Porti 

9 

1. 70 




Fr. 

204. — 



Kassensaldo 

9 

497. 95 


Fr. 701. 95 


Bayern« München ist seit Urzeiten als eine gemüthliche Bierstadt bekannt. 
Allgemach ist sie auch eine bedeutende Fremdenetadt geworden, dank den eminenten 
künstlerischen Bestrebungen seiner Bewohner und seines Fürstenhauses. Dass wir nun 
aber dieses Semester hier die grösste medio. Facultät unter allen Universitäten Deutsch¬ 
lands haben, dass dieselbe also an Zahl der Studenten (ca. 1200) sogar Berlin und Leip¬ 
zig überflügelt hat, — dieses Factum ist für Manchen unter uns etwas Neues, ganz Un¬ 
erwartetes. Billiges Bier, billiges Logis, freundliche Gesichter, eine glückliche Verquickung 
von Grossstadt und heimeligem Spiessbürgerthum, Kunstgenüsse der verschiedensten Art: 
das Alles findet der Studirende hier und das wissen auch die Norddeutschen recht wohl 
zu schätzen. 

Die Schweizer Juristen strömen schon seit längerer Zeit namentlich aus der Ost¬ 
schweiz in relativ grösserer Menge hieber ; es war besonders der verstorbene Prof. v. Brinz , 
welcher auch auf sie eine magnetische Kraft ausübte. Dagegen werden die Kräfte der 
medicinischen Facultät Münchens bei uns offenbar viel zu wenig gewürdigt. 

Es sind zwar alle Hörsäle überfüllt und wer in die v . Nussbaum'sehe oder t>. Ziemsen - 
sehe Klinik erst mit dem Schlage des academischen Viertels eintritt, der muss unter der 
Thüre stehen bleiben ; bei Prof. Winkel ’s Vorlesungen drängt man sich sogar noch in Vor¬ 
zimmern und Corridoren. 

Pathologisch-anatomische Demonstrationen bilden — wo ich mich auch umsah, 
Breslau ausgenommen — ein gern und oft geschwänztes Colleg. Hier in München findet 
das Gegentbeil statt. Und unter den sich hinzudrängenden Zuhörern von BolUnger , des 
ehemaligen Zürcher Professors, erblickt man nicht nur eine ungewohnte Anzahl Studenten, 
sondern auch ältere Colleges, bemooste zum Theil schon ergraute Häupter, die gespannt 
folgen dem ungemein schönen, rasch fliessenden Vortrage, in welchem reiches practisch- 
klinisches Wissen in die an und für sich ja ganz theoretische oder doch wenigstens todte 
Materie gewirkt und wodurch in der Folge ein wunderbar klares und scharfes Krankheits¬ 
bild vor dem leiblichen und geistigen Auge entrollt wird. 

Wie ist die Differentialdiagnostik ja oft ein recht heikles Ding, das nicht umgangen 
werden sollte, das aber in praxi ja so häufig — wenigstens für einige Zeit — in sus¬ 
penso gelassen werden muss ! Und wie wunderbar mächtig ist anderseits die Lehrkraft 
der eigenen erkannten Bünden. Der Arzt, der jahrelang keine Section mehr machen 
konnte oder durfte, gleicht eioem Kaufmann, der stets Geschäfte macht, ohne hinterher 
deren Rendite zu prüfen und die Bilanz zu ziehen. Allmälig gewöhnt man sich daran, 
sich als einen stets glücklichen, oder doch richtig handelnden Speculanten zu betrachten; 

*) Ich hoffe zuversichtlich, dass der Herr Kassier der Kasse der schweizerischen Aerzte- 
commission die sämmtlicheo, nur für den ärztlichen Centralverein gemachten Ausgaben 1888 rück¬ 
vergütet. A . Baader . 


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157 


der Arzt kommt schliesslich dazu, nicht einmal mehr sich selbst die begangenen Fehler 
einzugestehen. Ein wahrhaft wohlthuendes Gefühl erweckt uns da der pathologische 
Anatome, der (allerdings fremden) Irrthum schonungslos aufdeckt und dessen Zustande¬ 
kommen erklärt, dem Kliniker auf alle Abwege folgt, der seine Zuhörer (den Arzt) auf 
die richtige Fährte leitet, und der schliesslich den Beweis für alle seiue Behauptungen 
ad oculos demonstriren kann. Eine solche Differenzialdiagnose mit Hülfe der Kranken¬ 
geschichte, des betreffenden pathologischen Präparates und dann mit entsprechenden, zum 
Vergleich herbeigeeogenen Präparaten, welche ähnlich erscheinende Krankheitsbilder be¬ 
gleiten oder gar verursachen köonen — das spricht sehr eindringlich! 

Eis möge uns an dieser Stelle die ergebene Frage gestattet sein, ob es nicht sehr 
wünschenswerth und möglich wäre, imWiederholungsours für ältere Militär¬ 
ärzte ein solches Colleg einzuschalten. Die kurze Instruotionszeit ist allerdings schon 
jetzt von gar Vielerlei stark in Anspruch genommen und abetreichen lässt sieb nichts. 
Aber warum nicht 2—3 Tage zusetzen ? „Klein sind die Mühen, herrlich der Lohn etc. a 

München hat gute Specialisten, welche als Universitätslehrer die 2 sehr besuchten, 
leider aber auch räumlich getrennten Polikliniken (des Ambulatoriums und des Reisinger- 
ianums) leiten. Dio otologiscbe Poliklinik (unter Prof, ßezold) war letztes Jahr von 528, 
die laryngologische Poliklinik von Dr. Scheck von 374 Patienten besucht. Die laryngolo- 

gische Poliklinik von Prof. Oertel weist eine annähernd gleich grosse Zahl auf. Viel 

stärker frequentirt ist natürlich die chirurgische, medicinische und gynsecologisohe Poli¬ 
klinik. Von Herrn Prof. Rothmund wurden im verflossenen Jahre ca. 4400 unbemittelte 
Kranke ambulant behandelt. 

Die Zahl der Zuhörer ist für die otologische Poliklinik 7, für den Curs von Herrn 

Dr. Scheck ca« 35, bei Prof. Oertel ca. 5 — 6. Alle diese Docenten nehmen sich ihrer 

Zuhörer angelegentlich an. Sehr einfach, anziehend und instruotiv ist Dr. Scheck. Etwas 
weniger, aber dafür ausgewählteres Material sieht man bei Herrn Prof. Oertel; derselbe 
operirt mit seiner ungemein practischen, noch viel zu wenig bekannten Kneipzange wunder¬ 
bar gewandt. 

Als Curiosum aus diesem Curs und vielleicht als Pendant zu einem andern bekann¬ 
ten und berühmten Falle erwähne ich einen seit 4 Jahren an Carcinoma laryngis leiden¬ 
den Mann, dem Herr Prof. Oertel je nach Bedürfnis, d. h. früher selten, jetzt alle Wochen 
von den das Kehlkopfinnere ausfüllenden diffusen harten Geschwulstmassea mit Zange 
und Galvanocauter so viel entfernt, dass Pat. stets noch ohne wesentliche Dyspnoe athmen 
kann und er ein im Uebrigen ganz treffliches Aussehen behält. — Ein ungemein eifriger, 
anregender Lehrer, liebenswürdiger College und höchst gewissenhafter Arzt ist Herr 
Prof. Bezold . 

Man muss seine Borsäurebehandlung und deren Resultate an Ort und Stelle gesehen 
haben, um recht beurtheilen zu können, einen wie grossen Fortschritt ihre Einführung 
in die Ohrenheilkunde bedeutet und wie ungerecht und haltlos anderseits die Anschuldi¬ 
gungen sind, welche von Zeit zu Zeit (und erst neuerdings wieder in der Deutschen med. 
Wochenschrift) dagegen erhoben werden von gewissen 3eiten. 

Bezold ist ausgezeichneter Anatome; von seinen berühmten Corrosionspräparaten be¬ 
herbergt auch die Basler Sammlung im Vesalianum einige Originalexemplare. Zeit und 
Raum fehlen, auf alle diese Details noch weiter einzugehen. 

Ich möchte nur zum Schlüsse diejenigen Herren Collegen, welche in den nächsten 
Sommerferien ihr Wissen an einer auswärtigen Universität aufzufrischen gedenken, noch 
auf die zu jener Zeit hier stattffndenden Feriencurse aufmerksam machen. Wer zu 
genanntem Zwecke nicht unnöthig Geld und Zeit opfern will, der schweife nicht in die 
Ferne, so lange das Gute so nahe liegt. 

München, den 25. Januar 1888. Dr. ¥. Siebenmann. 


W ochenbericht. 

Schweiz. 

II. schwelzeriseker Aerztotag. Die FrUhjabrsversammlung wird nicht, wie gemeldet, 
im März, sondern im Mal stattffnden , und zwar wird der 19. oder 26. Mai als Ver¬ 
sammlungstag genannt. 


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II. schweizerischer Aerztetag in Lausanne. Präsident und Schriftführer des 
ärztlichen Centralvereines laden die Herren Präsidenten der Cnntonal- und 
Bezirksvereine durch ein Circular dringend ein, eifrig dahin zu wirken, dass sich die 
Herren Collegen der deutsch sprechenden Schweiz möglichst zahlreich am Aerztetage in 
Lausanne (Mai 1888) einfinden. Es ist eine Ehrensache, dass wir auch einmal zu den 
Collegen in die wälsche Schweiz gehen. Näheres später! 

Publicistfk. Die illustrirte Monatsschrift der ärztlichen Polytechnik und orthopädi¬ 
schen Chirurgie (Red. Dr. Beck in Born und Dr. Beely io Berlin) erscheint nunmehr auch 
in französischer Sprache. 

Bacteriologischer Cnrs für pract. Aerzte wird 7.— 28. Märe im Hygieine-Institut in 
Zürich, Rämistrasse 86, von Dr. 0 . Roth abgehalten. 

Ausland. 

Geheimrath E. Wagner , Professor der inoern Medicin in Leipzig ist gestorben. 

Prof. Rosenbach in Göttingen ist als Professor der Chirurgie naoh Jena berufen , als 
Nachfolger von Prof. Braune , der an Stelle des in Ruhestand getretenen Prof. Roser in 
Marburg tritt. 

Der deutsehe Congress Ar Chirurgie wird vom 4.—7. April in Berlin abgehalten. 
Am Vorabend wird eine Langenbeck-Uedenkteier abgehalten, die in der Auf¬ 
führung von Mozarts Requiem durch das philharm. Orchester und den Chor der Hoch¬ 
schule, und einer von Prof. v. Bergmann gehaltenen Gedächtnisrede bestehen soll. 

Der 7. Cangress Ar innere Mediein findet vom 9. bis 12. April 1888 zu Wies¬ 
baden statt. Folgende Themata sollen zur Verhandlung kommen: Die chronischen 
Herzmuskelerkrankungen und ihre Behandlung. Ref. Oertet , Lichtheim . — Der Weingeist 
als Heilmittel. Ref. Binz , von Jachsch. — Die Verhütung und Behandlung der asiatischen 
Cholera. Ref. Cantani t A. Pfeiffer . — Folgende Vorträge sind bereits angemeldet: Rumpf: 
Ueber das Wanderherz. — Unverricht: Experimentelle Untersuchungen über den Mecha¬ 
nismus der Athembewegungen. — Adamkiewicz: Ueber combinirte Degeneration des Rücken¬ 
markes. — Jaworski: Experimentelle Beiträge zur Diätetik der Verdauungsstörungen. — 
Stiller: Zur Therapie des Morbus Basedowii. — Derselbe: Zur Diagnostik der Nieren¬ 
tumoren. — E. Pfeiffer: Harnsäureausscheiduug und Harnsäurelösung. — Binswanger: Zur 
Pathogenese des epileptischen Anfalls. — Jürgensen: Ueber kryptogenetische 8eptiko- 
Pysemie. 

Der fruztolsehe Coigress Ar Chirurgie tagt vom 12.—17. März in Paris. Als 
hauptsächlichste Themata werden genannt: die Radicaloperation der Hernien , Schuss¬ 
verletzungen der grossen Leibeshöhlen, chronisch-eitrige Pleuritis. — An die Schweizer 
Aerzte erging eine besondere Einladung. 

Pastenr über die Aasrettaag der Kaninehea in Aastraliea« Vor Kurzem wurde 
mitgetheiU, dass die Regierung von Neu-Öüd- Wales einen Preis von 500,000 M. aus¬ 
gesetzt habe für ein Mittel zur Ausrottung der Kaninchen , die durch ihre unglaublich 
rasche Vermehrung dem Lande den grössten 8chaden zufügen, und dass Pasteur als hiezu 
geeignet die Verbreitung der Hühnercholera unter denselben vorgeschlagen habe. 

Dieser Vorschlag fand von verschiedenen Seiten, besonders von England aus, eine 
abfällige Kritik. Um so interessanter ist es zu hören, dass Pasteur schon jetzt in der 
Lago ist, über die glänzende experimentelle Bestätigung seiner Voraussetzungen Mitthei¬ 
lung zu machen (Annales de l’lnstitut Pasteur 1888, Nr. 1). 

Schon Versuche im Laboratorium Pasteur ’s, von Af. Loir ausgeführt, ergaben günstige 
Resultate; Kaninchen erhielteu Futter, das mit einer Reincultur von Hühnercholera be¬ 
sprengt war; nachdem dieses Futter aufgefressen war, wurden noch weitere Thiere in 
den gleichen Stall gebracht. Die ersteren starben alle, von den letzteren, die von dem 
inficirten Futter selbst nichts genossen hatten, fast alle. Die gleichen Versuche wurden 
mit 8chweinen, Hunden, Ziegen, 8chafen, Ratten, Pferden und Eseln angestellt. Keines 
dieser Thiere erkrankte. 

Ein glücklicher Zufall gab P. Gelegenheit, das Experiment mit Kaninchen im grossen 
MaasBBtabe auszuführen. Frau Pommery in Reims, die Eigenthümerin der bekannten 
Champagnerfabrik, hatte ein acht Hectaren grosses, von Mauern eingeschlossenes Grund¬ 
stück mit Kaninchen besetzt, uro ihren Enkeln eine Jagd daselbst einzuriohten. Die 
Thiere vermehrten sich aber so rasch und unterroinirten den Boden derart, dass es 


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wünschenswerth wurde, sie wieder auszurotten. Dies wurde jedoch vergeblich versucht, 
viel mehr musste mau, um su verhüten, dass die Thiere aus Hunger ihre unterirdischen 
Gäoge alltu tief ausdehnten und dadurch die unter dem Grundstück gelegenen Keller¬ 
gewölbe in Gefahr bräohten, ihnen noch täglich Futter reichen. Frau Pomraery, die von 
dem Vorschläge Pasteur ’s gehört hatte, stellte daher diesem das ganze Grundstück zu 
einem Versuche zur Verfügung. 

Der Erfolg dieses Versuches war überraschend. Am Tage nach der Inficirung des 
Futters mit einer frischen Cultur von Hübnercbolera zählte man 19 Leichen ausserhalb 
der Baue, am dritten Tage weitere 13 und von diesem Tage an wurde kein lebendes 
Kaninchen mehr auf dem Grundstück erblickt; auch als während der Nacht etwas frischer 
Schnee fiel, wurde keine Fussspur auf demselben bemerkt. Kaninchen sterben gewöhn¬ 
lich in ihrem Bau. Es war daher zu vermuthen, dass die aufgefundenen 32 Cadaver nur 
einen geringen Bruchtheil der wirklich verendeten Thiere darsteilen würden. Dies be¬ 
stätigte sich. Das Futter blieb unberührt, jegliche Fussspuren auf dem Schnee blieben 
auch in der Zukunft aus, dagegen fand man, wo immer man die Gänge aufgrub, Haufen 
von Leichen. Die Thiere, deren Zahl mehr als 1000 betragen hatte, waren in Zeit von 
drei Tagen von Grund aus vernichtet! Nach diesem Erfolge scheint das Genie Pasleur's 
in der That Chance zu haben, den grossen australischen Preis sich zu verdienen. 

(Münch, med. Wochenscbr. Nr. 5.) 

Stonoearpla ni Erythrephiaeln — zwei neue locale An»sthetica. 

Stenocarpin, ein Alcaloid aus den Blättern der Gleditschie triacanthos L. dar¬ 
gestellt, wurde vor s / 4 Jahren von Amerika aus empfohlen. In 2% Lösung 2—4 Tropfen 
m den Conjunctivalsack eingebracht, macht es Conj. und Cornea für 20 Minuten voll¬ 
ständig unempfindlich. Sogar auf die äussere Haut längere Zeit aufgelegt, erzeugt es 
locale Anästhesie. Der Preis ist zur Zeit noch exorbitant: 1 grm. = 50 Fr. 

Erythrophlaeiu, von Lewin neu entdeckt als vorzügliches Anssstheticum, wird 
aus Rinde, Hülse und Samen von Erythrophlaeum Guinense G. Don. gewonnen und stellt 
nach den mühevollen und verdienstlichen Untersuchungen von Lewin den Hauptbestandteil 
des Hayagiftes dar, das als Pfeilgift bei vielen afrikanischen Völkerstämmen gebraucht 
wird. Die Rinde des „Rothwasserbaumes“ oder Sassyrinde ist ein Handelsartikel. Es 
lässt sich daraus das Alcaloid Erythrophlaein extrahiren, dessen salzsaures 8alz in Pulver¬ 
form dargestellt, io Wasser leicht löslich ist. Das Er. hydroohloric. erwies sich in Lö¬ 
sungen von 0,1 : 100 Wasser von mässiger local ao&sthegirender Wirkung. 8 Tropfen 
Tnieren in den Conjunctivalsack eingebracht, erzeugten ohne Veränderung der Pupille 
und ihrer wesentlichen Reizerscheinungen eine 15—20 Minuten anhaltende Anmsthesie 
der Cornea und Conjunctiva. */,—l 1 /, mgr. subcutan injicirt erzeugt im Bereiche der 
Iojectionsstelle totale Unempfindlichkeit; ebenso in Wunden eingeträufelt. Versuche an 
Menschen haben in gleicher Weise ermutigende Resultate ergeben. — Nicht unerwähnt 
darf bleiben, duss dies Alcaloid ein Herzgift ist — in grössere Dosen wird der Puls 
verlangsamt, es tritt Brechen ein, 15 mgr. vermögen einen Hund an Herzlähmung zu 
tödten. Es ist also immerhin Vorsicht im Gebrauche su empfehlen, obschon, wie L. 
richtig sagt, jedes Gift in der Hand des Wissenden Segen, in der des Unwissenden 
Unheil schaffen kann. (Berl. kl. W. Nr. 4.) 

Dr. Goldschmidt in Nürnberg hat nach einer neuesten Mitteilung das Erytrophlaein 
zur Anmsthesirung der Conjunctiva bei Menschen angewandt. Einige Tropfen einer 
0,1 Lösung erzeugten nach 15 Minuten eioe 3—4 Stunden anhaltende Anssthesis des 
Auges. Ausser einer leichten conjunctivalen Reizung und dem Gefühl von Hitze und 
Brennen zu Beginn traten keine unangenehmen Nebenerscheinungen auf, keine Aenderung 
der Pupillenweite, der Accommodation, Sehschärfe etc., während das Cocain bekanntlich 
zugleich funotionelle Störungen vorübergehender Natur setzt. 

Auch G. konnte bei Thieren nach subcutaner Injection eine Anästhesie „von uner¬ 
hörter Intensität* beobachten. Wenn man z. B. einem Meerschweinchen 0,0000 unter 
die Bauchhaut injicirt, so kann es laparotomirt und wieder genäht werden, ohne irgend 
eine Schmersäusserung zu thun. 

Ueber Chlenlnkitzilgei bet Blügiei NeibiMllges. Manchem Arzte widerstrebt 
es, unthätig einem wenn auoh inoperablen Falle maligner Neubildung gegenüberzustehen; 
ond so mögen ihm und seinen Patienten die von Czerny angewandten, von Steinthal in den 


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Therap. Monatsh. 1887 empfohlenen Chlorzinkätzuogen willkommen sein und zwar um so 
mehr, als Czerny mitunter recht schöne Resultate zu verzeichnen hatte, meist freilich waren 
es nur vorübergehende Erfolge. 

Statt der alten Paste: Chlorzink und Amylum ää brauchte C. eine consistentere 
Masse nach folgender Vorschrift: 20 Th. Zinc. chlorat. werden mit gleichen Theilen 
Amyl. trit oder lö Th. farina trit. so lange unter Zusatz von einigen Tropfen Wasser 
zusammengerieben, bis eine teigförmige Masse entsteht. Dieser setzt man je nach dem 
gewünschten Härtungsgrad Zinc. oxyd. (meist ö Theile) zu und gibt der Paste die ge¬ 
wünschte Gestalt. Nötigenfalls kann die geformte Paste zur Einführung in Höhlen 
(Vagina, Rectum etc.) mit dem Messer noch geformt werden. Ihre Aetzwirkung ist sehr 
stark und entfaltet sich in 6 Stunden hinreichend. Nachher zerbröckelt die Paste leicht Die 
gesunden Partien der Umgebung werden durch stark eingefettete Tampons geschützt 
St. empfiehlt, die Paste selbst in ein Gazesäckchen einzusohliessen. — Die geätzten 
Stellen werden hart, lederartig, stossen sich bald ab und kräftige Granulationen kleiden 
die Wunde aus. — 

Frankreich. Add. borienm, seine toxische Wirkung, interne Application. 
Gaucher hat sich mit diesem Thema beschäftigt; — er hielt die Borsäure zur innern Dar¬ 
reichung als geeignetstes Antisepticura seines indifferenten Geschmackes und seiner nicht 
ätzenden Eigenschaft halber. 

Meerschweinchen, die tägliche Dosen von 0,50 Acid. bor. erhielten, gingen nach 14 
resp. 11 Tagen au Nephritis (?) zu Grunde. — Diese Dosis würde auf den Menschen 
berechnet 75 grm. täglich betragen. 

Aeusserlich empfiehlt G. die Borsäure bei Hautaffectionen aller Art, besonders in 
Salbenform bei Impetigo contag. 

Interne verabreichte er es Phthisikern zu 0,5—1,0 grm. pro die; es wurde gut er¬ 
tragen, eine cumulirende Wirkung trat nicht auf, denn es wird leicht durch den Urin 
ausgeschieden. Irgend welchen günstigen Einfluss auf die tuberculöse Affection liess sich 
nicht mit Sicherheit naobweisen. Hingegen war der Erfolg bei Cystitis interne zu 1,0 
p. d. sehr günstig. — 

Lavaux gelang es, übersättigte Lösungen von Acid. boric. darzustellen, die von vor¬ 
züglicher antiseptischer Wirkung sind. Bekanntlich ist Borsäure nur zu 4% iu Wasser 
löslich; L. setzte Vis Theil Magnesia calc. hinzu und konnte so sehr concentrirte Bor¬ 
säurelösungen (von 13—16 °/q) hersteilen — die er mit Vortheil bei Blasenspülung u. s. w. 
verwandte. (Bulletin mdd. Nr. 8, 1888.) 


Stand der Infectiona-Krankheitene 




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In Zürich ist der Blatternfall zugereist. 

In Basel nimmt Scharlach langsam ab (letzte Berichte 98, 71, 64 Fälle). Von 
den 52 Erkrankungen betreffen 12 das Nordwestplateau, je 14 Birsigthal und Kleinbasel. 
Von den Erkrankten sind 11 erwachsen, 20 im schulpflichtigen Alter, 21 unterhalb des¬ 
selben. / 

Briefkasten. 

Alle Correspendenzen erbitten wir ans Ten nnn u nnter der Adresse: 
„Redaction des Correspondenz-BIattes Basel“. 

Sohweighmuseriaohe Buchdruckerei. — B. Schwabe, Verlagsbuchhandlung in Basel. 


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Erscheint am 1. und 15. 


für 


jede« Monate* 
Inserate 

35 Cts. die geep. Petitseile. 


Schweizer Aerzte. 

Herausgegeben von 


Preis des Jahrgangs 
Fr. 12. — für die Schweis, 
Fr. 14.50 für das Ausland. 
Alle Postbnreanx nehmen 
Bettel langen entgegen. 


Dr. C- Garrö, 
Dooent in Basel. 


N! 6. XVIII. Jahrg. 1888. 15. März. 


Inhalt: Arnold Baader . — l) Original arbeiten: Dr. med. Bueler: Zar Therapie der Obatipatio chronica. — Prof. 
Schiese: Ueber Miaebranch and Gebranch Ton Collyrien. — 2) Vereinaberiehte: Gesellschaft der Aerzti» in Zürich. — S) Re¬ 
ferate and Kritiken: Dr. Albert Hefa: Lehrbach der Fractaren and Lazationen. — Dr. Alez. Ptyer: Atlas der Microscopie 
»■ Krankenbette. — BiBrotk & Lücke: Deutsche Chirurgie. — 0. Brasicke: Carsas der normalen Anatomie des menschlichen 
Körpere. — Dr. Aufrecht: Die Lungenschwindsucht mit besonderer Rücksicht anf die Behandlung derselben. — Th. Bur*: Ueber 
das Yerhiltnles der Tnhercnlose za den Geisteskrankheiten. — 4) Cantonale Cor res pon den aen: Basel: Ein eomplidrter 
Fall Ton puerperaler Pysmie mit 60 Schüttelfrösten ; Heilnng. — Graubünden. — 5) W oeh en ber i cht: Concordat mit Eng¬ 
land. — Kidg. Mediciaal-Prüfungen: Jahresbericht 1887. — Berichtigung. — 6) Inf ec ti o ns krank heit en in Zürich. 
Bern und Basel — 7) ln eigener Sache. — 8) Briefkasten. — 9)Hülfskasse für Schweizer Aerzte. — 
10) Bibliographisches. 


Arnold Baader, 

geb. 16. Februar 1842, gest. 25. Februar 1888. 

Fünfzehn Monate erst sind verflossen, seit Arnold Baader uns im Correspondenz- 
Blatte mit der ihm eigenen Herzenswärme das Bild Albert Burckhardt's gezeichnet 
hat, seines langjährigen Freundes, seines Genossen in der Redaction dieses Blattes und 
im Kampfe für alle socialen Bestrebungen der schweizerischen Aerzte. Und nun ist 
auch Er dahin und ist es an uns, mit liebender Hand noch einmal die Summe auch 
dieses zu früh geendeten Daseins zu ziehen. 

Baader ist einer Familie entsprossen, in welcher der ärztliche Beruf seit Gene¬ 
rationen heimisch war, und nicht nur im Berufe, sondern auch in der Art, wie er ihn 
auffasste und in den hervorragenden Eigenschaften seines Charakters ist er der Erbe 
seines Vaters gewesen. Glauben wir doch, es gelte unserem Freunde, wenn es von 
seinem Vater heisst,') er habe mit der .Energie eines Feldherrn* die „Liebenswürdig¬ 
keit eines Kindes* verbunden, wenn wir uns erinnern, wie derselbe neben umfassender 
Berufstätigkeit auch als Bürger in Gemeinde und Canton seinen ganzen Mann gestellt 
hat. Der Vater hat auch vor Jahrzehnten den ersten Impuls gegeben zur Gründung 
einer schweizerischen ärztlichen Gesellschaft, deren Vertreter nun aus allen Theilen des 
Vaterlandes herbei geeilt sind, nm in dankbarer Liebe einen Kranz auf das Grab des 
Sohnes zu legen. 

Im freundlichen Doctorhause zu Gelterkinden wurde Baader am 16. Februar 1842 
geboren und brachte dort als Aeltester unter zahlreichen Geschwistern eine fröhliche 

•) Corr.-BL 1879 pag. 194. 

11 


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162 


Jugend zu. Nachdem er die Schule seines Dorfes und die nahe Bezirksschule durch¬ 
laufen, zuletzt noch ein halbes Jahr in einer Pension in Lausanne zugebracht hatte, 
trat er im Frühjahre 1857 in das Pädagogium zu Basel ein. Im Frühjahre 1860 
begann Baader sein medicinisches Studium. Als ältester Sohn zum ärztlichen Berufe 
prädestinirt, hatte er doch in seiner Jugend eine starke Abneigung gegen denselben. 
Körperlich rasch aufgeschossen und zu Kränklichkeit disponirt, war er als Knabe auch 
in seinem Charakter etwas furchtsam und ängstlich; vor Blut und Schmerzäusserungen 
hatte er Abscheu und war lange nicht dazu zu bringen, seinem Vater bei kleinen 
Operationen behilflich zu sein. Aßer die ungewöhnliche Willenskraft, welche später 
der Mann in schwerem Schicksale siegreich bewährte, trat schon im Knaben zu Tage; 
er gewöhnte sich allmälig an das Abschreckende des ihm bestimmten Berufes, indem 
er krampfhaft an das Fenster sich anklammernd von aussen in das Operationszimmer 
seines Vaters hineinsah. Mit gleich bewusster Energie hat Baader später als Turner 
seine körperliche Ausbildung gefördert. 

So ist es kein Wunder, wenn im Kreise der Basler Commilitonen seine an Körper 
und Charakter kraftvolle Persönlichkeit rasch in den Vordergrund trat; er war nach 
einander Präsident der Pädagogia, des academischen Turnvereins, der Zofingia, Central¬ 
präsident der damaligen drei Basler Turnvereine. Ueber dem frohen Leben im Freundes¬ 
kreise wurde das Studium nicht vernachlässigt; ein leider nur bis zum Jahre 1863 
fortgeführtes Tagebuch Baader 's legt in schmuckloser Natürlichkeit Zeugniss ab vom 
redlichen Ernste seines innern und von der frugalen Einfachheit seines äussern Studenten¬ 
lebens. Nach vier Semestern in Basel folgten zwei in Würzburg und je eines in Prag 
und Bern. Am Schlüsse dieses letzten (achten) Semesters promovirte Baader; der 
Gegenstand seiner auf Anregung von Prof. Aeby verfassten Dissertation war: Ueber 
die Varietäten der Armarterien des Menschen und ihre morphologische Bedeutung. 

Nachdem Baader auch das Examen in Baselland bestanden hatte, trat er seinem 
Vater in dessen ausgedehnter Praxis hilfreich zur Seite. Neben der ärztlichen ent¬ 
wickelte er sofort auch eine lebhafte Thätigkeit in gemeinnützigen und vaterländischen 
Bestrebungen. Im Schul- und Armenerziehungswesen, in Schützen- und Turnvereinen, 
überall stellte er seinen Mann. Wie früher schon von Turnfesten, so kehrte Baader 
nun auch von Schützenfesten mit Preisen nach Hause zurück. Liebhaber der Jagd ist 
er bis an sein Ende geblieben; sie war fast die einzige Erholung, welche auch später 
der gesunde Baader sich gönnte; zu ruhigem far niente liess er sich nur durch Krank¬ 
heit nöthigen. 

Vor Allem lag ihm die Hebung des Turnwesens in Baselland am Herzen; er 
hielt Turncurse für Lehrer, wirkte zu Hause selbst als Vorturner, auch im Winter 
in zugiger Scheune. Katarrhe hatte er häufig, Schonung kannte er nie. Der Körper 

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war für ihn sein ganzes Leben lang nur das folgsame Werkzeug eines rastlos thätigen 
Geistes. 

So mag Baader selbst den Weg erleichtert haben für das Unglück, welches seit 
Jahren sich vorbereitet hatte und nun rasch wachsend über ihn hereinbrach: seine 


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Schwerhörigkeit. Schon in die Studentenzeit reichen ihre Anfänge zurück. „Meines 
schlechten Gehörs wegen“, schreibt Baader im Februar 1863 in Würzburg, „war ich 
bei TröUsch; es nützt aber nichts, was mir oft nicht geringe Sorge macht; wenn der 
Process weiter schreiten sollte, wäre es um mein ganzes Lebensglück geschehen.“ 

Er und seine Umgebung mögen sich an eine allmälige Verschlimmerung gewöhnt 
haben, so lange der Verkehr mit etwas laöter Stimme nicht beeinträchtigt war. In 
einer Militärschule in Luzern scheint eine rasche Steigerung eingetreten zu sein; wäh¬ 
rend vorher wesentlich nur das linke Ohr mangelhaft functionirte, erwachte Baader 
eines Morgens ohne besondere vorhergegangene Ursache fast ganz taub. Sofortige 
Curen in Basel und Würzburg (an letzterem Orte Strychnininjectionen bis zu Convul- 
sionen) brachten keine erhebliche Besserung; Diagnose und Prognose blieben gleich 
dunkel. Das wäre schon für eine stille Gelehrtennatur ein schwerer Schlag gewesen, 
um wie viel mehr für Baader , welchem Bethätigung nach aussen im Berufe und im 
öffentlichen Leben Existenzbedingung war. Wie Viele wären da nicht gebrochen ver¬ 
kümmert oder hätten in trotziger Verbitterung diesem Schicksale den Bücken gekehrt! 
Unsern Freund hat vor dem letztem eine liebende Mutter, vor dem erstem seine 
eiserne Energie bewahrt. 

In rastloser körperlicher und geistiger Arbeit ward Baader seines Schicksals 
Herr; gewiss hat er den Sieg nur spät und mühsam erkämpft; vielleicht hat er ihn 
sein Leben lang manchen Tag neu erringen müssen. Denn wie oft mag ihm immer 
wieder die Betrachtung aufgestiegen sein, wie viel ihm versagt blieb nicht nur in der 
vollen Bethätigung seiner Begabung, sondern auch in der freundlichen Gestaltung 
seines Daseins, ihm, der das Familienleben als das höchste Glück schätzte und die 
Kinder überaus liebte. Daher denn jene stete Kampfbereitschaft des Gemüthes, die 
in Baader' s Wesen zu Tage trat und die sich später auch im Correspondenz-Blatte 
so vielfach äusserte. Immer wieder ruft er es sich und uns zu: 

„Wird der Kampf auch noch so hart uns, 

Nie versumpfen, nie versanden!“ 1 ) 
oder: „Tu ne cede malis, sed contra audentior ito!“ 2 ) 

Sub hoc signo vixit et vicit. Muthig ging Baader , der eben noch hatte wissen¬ 
schaftlich reisen und sich für eine academische Laufbahn ausbiiden wollen, daran, auf 
den Trümmern aller seiner Zukunftspläne weiter zu bauen. In der ärztlichen Praxis 
sicherten ihm trotz aller Hindernisse sein Wissen und Können und seine gewinnende 
Persönlichkeit stets den Erfolg und ebenso unverdrossen arbeitete er in seiner gemein¬ 
nützigen Thätigkeit weiter. 

Während des deutsch-französischen Krieges besuchte Baader zuerst als delegirter 
Militärarzt den Kriegsschauplatz in der Umgebung von Metz; heimgekehrt brach er 
schon nach drei Tagen wieder auf, um mit einer in Winterthur ausgerüsteten schweizer 
Ambulance unter der Leitung von Albert Burchhardt nach Lure 9 ) zu gehen, wo er 

*) Corr.-Bl. 1875 pag. 23. ») Corr.-Bl. 1886, pag. 250. 

8 ) Feldcorresponiienz aus Lure, Corr.-Bl. 1871, pag. 129. 


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bis nach dem Friedensschlüsse blieb. Auf Grund seiner Erfahrungen wirkte er später 
mit bei den Berathungen über die Reform des eidgenössischen Militärsanitätswesens. 1 ) 

Im Frühjahre 1872 übernahm Baader mit seinem Freunde Albert Burckhardt 
die Redaction des Correspondenz-Blattes für Schweizer Aerzte. Der Erfolg hat den 
damals kühnen Griff glänzend gerechtfertigt. Unter der Leitung der beiden Männer, 
die selbst zu den treibenden Kräften des ärztlichen Centralvereins gehörten, ist auch 
das Correspondenz-Blatt der unentbehrliche litterarische Ausdruck des Zusammenhaltens 
der Schweizer Aerzte geworden. Was Baader von Anfang an bis zuletzt im Corre- 
spondenz-Blatte veröffentlicht hat, ist nicht aufzuzählen; das Inhaltsverzeichniss jedes 
Jahrgangs zeigt Originalarbeiten, 2 ) Beobachtungen aus der Praxis, Correspondenzen, 
Referate in einer Menge und Mannigfaltigkeit, welche nur durch die rasche Auffassungs¬ 
gabe Baader's und durch die Leichtigkeit, mit der er arbeitete, begreiflich wird. Auch 
mehrere Gedenkblätter an verstorbene Collegen stammen von seiner Hand (Ulrich Zehnder 
1877, Bider 1878, Erismann 1880, vor Allem der Nekrolog von Albert Burckhardt 1886). 

Während Baader aus dem Gefühle vielseitigen und erfolgreichen Wirkens wohl 
immer mehr auch für die Zukunft Muth schöpfen durfte, machte im Februar 1877 
eine Hämoptoö, welche ihn auf der Praxis befiel, aller Thätigkeit neuerdings ein Ende. 
Wiederholte profuse Blutstürze brachten ihn in Glion an den Rand des Grabes; lang¬ 
sam nur erholte er sich so weit, um im Spätsommer nach Weissenburg zu gehen; den 
folgenden Winter brachte er in Ajaccio zu. 

Nun konnte aber auf die Dauer seines Bleibens auf dem Lande nicht sein; ungern 
verliess er die Heimath wenige Wochen, bevor sein Vater starb. Wenn aber die 
Freunde, deren Rathe folgend Baader im Februar 1879 nach Basel zog, in der Stadt 
auf physische Erleichterung für ihn gehofft hatten, so war es ein gründlicher Irrthum. 
Rasch strömte dem Schwerhörigen eine Praxis zu, welche ihn den ganzen Tag, nur 
zu oft auch in der Nacht in Anspruch nahm; seine Thätigkeit erstreckte sich auf alle 
Kreise der Bevölkerung und war immer durchdrungen von einer über den ärztlichen 
Rath hinausgehenden menschlichen Theilnahme am gesammten Wohl und Wehe der 
Clienten; das war die Anziehungskraft, womit Baader die Herzen gewann. Nicht 
minder reichlich drängten sich andere Verpflichtungen an ihn heran. Die Wahl in den 
Grossen Rath lehnte er ab, ebenso eine Wiederwahl in die Synode, nachdem er ihr 
drei Jahre lang angehört hatte. Aber in kleinerem Kreise, wo er der Discussion folgen 
konnte, war er gerne thätig und die glückliche Mischung von nüchterner Urtheilskraft 
und idealer Begeisterung in Verbindung mit vielseitiger Sachkenntniss machte seine 
Mitwirkung stets anregend und Hess die Erschwerung des Verkehrs mit ihm vergessen. 
So gehörte er der Inspection der Mädchensecundarschule an, der Commission für 
Ferienversorgung, ferner einer Reihe von Commissionen für Schulhygieine und für das 
Turnen der Mädchen. Bei mehreren hervorragenden Schöpfungen hat er von der 

*) Corr.-ßl. 1871, pag. 297. 

*) Es seien aus der grossen Zahl nur folgende namhaft gemacht: Gerichtsärztliche Mitthei- 
lungen 1872, pag. 417 und 441: Zur Aetiologie des Erysipels 1877, pag. 70, 97, 136; Die Specifität 
der Varicellen 1880, pag. 613 und 649; Ueber Vererbung 1883, pag. 517. 


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Gründung an mitgewirkt, so bei den Handarbeitsschulen für Knaben, bei der Anstalt 
für erholungsbedürftige Kinder in Langdnbruck. 

Mit besonderem Eifer wirkte Baader für Alles, was mit den idealen Interessen 
des ärztlichen Berufes und Standes zusammenhing; als Redactor des Correspondenz- 
Blattes, als Mitglied der schweizerischen Aerztecommission trat er unermüdlich für 
die socialen Aufgaben der Medicin ein. Die Hülfskasse für Schweizer Aerzte verdankt 
ihre Gründung wesentlich seiner Triebkraft und die Förderung auf ihren jetzigen Stand 
seiner hingebenden Wirksamkeit als Verwalter. 

In frischer Erinnerung ist uns, was Baader der medicinischen Gesellschaft von 
Basel gewesen ist von seinem ersten Referate an «über den Entwurf einer Ordnung 
für die eidgenössischen Medicinalprüfungen“ im April 1879 bis zu seinem letzten Vor¬ 
träge „über das secret medical“ im Sommer 1887. 

Trotz aller Leichtigkeit des Arbeitens konnte Baader diese Summe von Leistungen 
nur bewältigen auf Kosten der Nachtruhe; selten vor Mitternacht, oft erst später 
hörte er zu arbeiten auf. Rechnet man dazu die Anstrengungen einer starken Praxis, 
so ist unverkennbar, dass der stets willige Geist fortfuhr, dem Körper zu viel zuzu- 
muthen. Selten gönnte sich der Gesunde eine Ausspannung, wie die Bootfahrt auf 
dem Rhein bis nach Rotterdam (1882), eine Reise nach Norwegen (1883); meist 
waren seine Ruhepausen erzwungen durch Krankheitsanfälle, schwere Katarrhe, einmal 
(1883) eine pyämische Infection, am Ende des vorigen Winters eine Pneumonie. Bei 
seinen Erholungscuren lernte Baader die verschiedenen Curorte für Brustkranke in 
weitem Umfange kennen; er war deshalb ganz besonders berufen, gegenüber cur- 
ärztlicher Schönfärberei über Davos und seine Licht- und Schattenseiten ein unparteii¬ 
sches Urtheil 1 ) abzugeben. Einen Theil seiner Eindrücke hat Baader in einer Reihe 
von Correspondenzen*) niedergelegt, welche uns mit anschaulicher Frische Lage und 
Klima der besuchten Curorte, wie das Leben und Treiben ihrer Bewohner schildern. 
Nicht minder lebendig tritt uns aber auch aus jenen Reisebriefen das Bild des Freundes 
entgegen, der bei allem Wechsel der Stimmungen und der Gegenden derselbe bleibt in 
seinem tapfern Humor. 

Für die Mahnungen seiner Freunde, die Kräfte nicht so schrankenlos auszugeben, 
hatte Baader stets nur ein skeptisches Lächeln; die Stelle eines Schularztes, welche 
ihm eine ruhigere Thätigkeit gewährt hätte, schlug er aus. Er wollte — vielleicht 
musste er — so sein, wie er war, oder nicht sein. Rascher noch, als wir gefürchtet 
haben, ist die Krisis hereingebrochen, rascher wohl auch als Baader selbst geahnt hat. 
Für die nächste Versammlung der schweizerischen Aerzte vereine hatte er noch ein 
Referat übernommen, für die Sitzung der medicinischen Gesellschaft am 1. März einen 
Vortrag; da, mitten in der gewohnten rastlosen Thätigkeit erkrankte er an Pneumonie; 
früh schon zeigten sich Erscheinungen von Herzschwäche und nach sieben Tagen 

*) Nochmals Davos. Deutsche med. Wochenschr. 1887, pag. 527. 

*) Gersau 1877, pag. 235 und 295; Glion 1877, pag. 562; Ajaccio 1877, pag. 718, 744; 1878 
pag. 89, 216, 471, 504, 661; Weissenburg 1878, pag. 117; Engelberg 1879, pag. 82, 118; Klosters- 
Davoc etc. 1880, pag. 689; Gotthard-Val Piora etc. 1881, pag. 627. 


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am Abend des 25. Februar trat das tödtliche Ende ein. Baadw selbst sah in den 
letzten Tagen mit ruhiger Klarheit dem Unabwendbaren entgegen; ja es klingt wie 
ein Schimmer resignirter Befriedigung aus seinen Worten: „Grüsst meine Freunde und 
sagt ihnen, Baader habe sich gewehrt, so lange er konnte.“ 

Die Theilnahme, welche sich bei Baader 's Tode kundgab, war eine lebhafte und 
allgemeine; bei aller Entschiedenheit seiner Gesinnung war er nie der Mann einer 
Partei gewesen. Nach Baader 's eigener Verfügung ruht seine Leiche in Gelterkinden, 
der fleimath, welche ihm immer lieb geblieben ist. 

Welche Lücke er in unsern Herzen und in unsern Bestrebungen hinterlässt, das 
drückt mit wenigen Worten ein hervorragender schweizerischer College aus, indem er 
uns schreibt: „Da stehen wir allein! Baader 's Tod hat uns in vielen Dingen zu Waisen 
gemacht; er war ein Vater für Viele und für Vieles.“ 

Ja, er hat gewirkt, so lange es Tag war und hat die Ruhe wohl verdient. Wohl 
ihm, dass ihm vergönnt war, nach Jahrzehnte langem Ringen mit einem tragischen 
Geschicke mitten im Kampfe unbesiegt, vom Siegen ermüdet zu fallen. An uns Allen 
ist es, nicht ihn zu ersetzen, aber doch in seine Fussstapfen zu treten. Die Erinnerung 
an Baader wird immer verknüpft sein mit dem Mahnrufe, „die Fahne hoch“ zu halten, 
mit gleichem Idealismus unsern Beruf aufzufassen, mit gleicher Energie für unsere 
Ideale einzustehen. 

Was an unserm Freunde irdisch war, ruhe in Frieden! Es lebe sein Geist! 

Anschliessend bringen wir die warmen Freundesworte, die am Sarge des Ver¬ 
storbenen gesprochen wurden. 

Dr. E. Haffter von Frauenfeld richtete folgende Worte an die Trauer¬ 
versammlung: 

„Verehrte Collegen! Es wird mir schwer — schwerer, als ich es sagen kann, heute 
die Pflicht zu erfüllen, welche mir, als derzeitigem Sprecher des ärztlichen Central¬ 
vereins zukommt. Wem die Seele voll Leid ist, der möchte — ihrem Zuge folgend — 
lieber stille sein und Trost und Erhebung bei Andern suchen. Aber bei wem? Wir 
trauern ja Alle und der Schmerz, der mich am Grabe des theuren Todten bewegt, ist ein 
gemeinschaftlicher, und der Hinschied des trefflichen Mannes ist nicht nur ein schmerzlicher 
Schlag für seine Familie und Nächststehenden, für seine Kranken, sondern auch für die 
ganze Corporation der schweizerischen Aerzte , speciell für den ärztlichen Central verein, 
dessen treuestes und eifrigstes Mitglied er war. In diesem Sarge bergen sie nicht nur 
einen edlen Menschen, einen vorzüglichen Bruder, einen Arzt und Collegen von seltener 
Aufopferungsfähigkeit und höchstem Adel der Gesinnung — sondern auch ein erfrischen¬ 
des und belebendes Element unseres Aerzte Vereins, dessen Ausfall wir schwer — schwer 
empfinden werden. Ich sehe ihn, den lieben Freund, dessen reine Seele sich stets auf 
dem freundlichen Gesichte spiegelte, im Geiste vor mir stehen und höre ihn rufen: 

„Fahne hoch! Es ist nur Einer, der fiel!“ 

Ja, es ist nur Einer, der fiel — aber dieser Eine vereinigte so viele seltene und 
vorzügliche Eigenschaften in seiner Person und leistete so Erstaunliches, dass Viele helfen 
müssen, um die durch ihn zurückgelassene Lücke zu schliessen. Hier ist nicht die Stätte, 
um seine zahllosen Verdienste um unsern Verein und um das schweizerische Medicinal- 
wesen überhaupt zu analysiren; hier wollen wir uns bescheiden, rückhaltslos dem Schmerze 
über den Verlust des Freundes und Collegen Ausdruck zu geben; aber aussprechen wollen 


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wir es : Die Hülle, die sie nun in die Erde versenken, barg eine grosse, eine herrliche 
Seele; was sie gedacht, gewirkt und angestrebt, wird nicht vergehen; und der Name 
Baader bleibt in der Geschichte des Schweiz. Central Vereins mit unauslöschlichen Lettern 
eingeschrieben, wie ja auch der ideale Gedanke der Schöpfung einer Hülfskasse für Aerzte 
und seine Verwirklichung auf diesem Namen aufgebaut ist. — 

Schlafe, lieber Freund! Ruhe aus von den Stürmen, die das Leben Dir brachte; 
lass’ es ruhen — Dein Haupt, das Du ungebeugt und frei und erhaben jederzeit über 
alle Wechselfalle des Schicksals getragen hast; Dein ganzes Leben war Arbeit und Sorge 
für Andere und Vorwärtsblicken nach höhern Zielen und Streben auf dem Boden reiner 
Menschlichkeit. Du besassest den Muth eines Helden, die Thatkraft eines Mannes, die 
Vaterlandsliebe eines ächten Sohnes unserer lieben Schweiz und — das Seltenste und 
Schönste — die Seele eines Kindes. Dein Bild wird uns Allen, die wir Dich zu kennen 
und zu lieben — denn Dich kennen hiess auch Dich lieben — das Glück hatten, zeit¬ 
lebens freundlich und erhaben vor Augen schweben und wir geloben hier an Deinem 
Grabe, vereint alle unsere Kräfte einzusetzen, um dem Ziele näher zu kommen, dem 
Dein ganzes Leben galt. Wir kämpfen weiter; Du, edler Streiter, ruhe aus vom 
Kampfe! 11 

Herr Prof. Massini ergriff sodann das Wort: 

9 Werthe Trauer Versammlung! Gestatten Sie auch einem Vertreter der Basler Aerzte 
einige kurze Worte des Abschiedes von unserm lieben Collegen Arnold Baader . Tief 
erschüttert begleiten wir zur letzten Ruhestätte unsern Freund, unsern liebwerthen Collegen, 
den treuen Arzt, dessen rastlose Thätigkeit und dessen idealer Sinn uns Allen stets ein 
Sporn und Vorbild war. Die Fackel edler Begeisterung, welche er hellleuchtend stets 
hochgehalten, sie ist erlöscht und wenn je von Einem, so gilt von ihm das Wort 9 aliis 
serviens ipse consumptus est Ä . Was wir Allo schon längst befürchtet, es ist nun leider 
viel zu früh hereingebrochen, die irdische Hülle ist den Anstrengungen und Strapazen, 
welche Arnold Baader ’s nie rastender Geist ihr zugemuthet hatte, erlegen, und trauern¬ 
den Herzens sehen wir diese Staunens werthe und vielseitige Arbeitskraft auf immer er¬ 
lahmt ; mit der Waffe in fechtender Hand ist der muthige und für seine Sache begeisterte 
Kämpfer gestorben, ein reiches Feld menschlicher und ärztlicher Wirksamkeit verwaist 
zurücklassend. 

Was Baader als treuer und besorgter Arzt und Berather für seine zahlreichen Kranken 
war, was er als Bürger auf den mannigfaltigsten Gebieten humaner Bestrebungen ge¬ 
leistet, ein Wohlthäter der Armen und ein Freund des Volkes im besten Sinne des Worts, 
was er als Redactor des „Correspondenzblattes für Schweizer Aerzte * in wissenschaftlicher 
Beziehung gearbeitet, was er uns Collegen gewesen ist als Mitglied und Schriftführer der 
schweizerischen Aerztecommission, als eifriger und unerschrockener Verfechter aller Inter¬ 
essen des ärztlichen Standes, als uneigennütziger Verwalter der schweizerischen Aerzte- 
kasse, als treues und unentwegtes Mitglied des ärztlichen Central Vereins und der Basler 
medicinischen Gesellschaft, das Alles brauche ich Ihnen, werthe Leidtragende, nicht weiter 
auszuführen, lebt doch des Verstorbenen Wirken in unser Aller Herzen fort und es wird 
uns stets unvergesslich bleiben. Die Lücke, welche der noch nicht verschmerzte Tod 
unseres Prof. Albert Burckhardt gerissen hat, ist durch den Hinschied Baader ’s erweitert 
worden und wird wohl nie ganz ausgefullt werden. Umsomehr möge Arnold Baader'% 
unermüdliche Arbeitskraft, es möge sein idealer Sinn, mit dem er sich über manche 
Widerwärtigkeiten des Lebens hinweghalf, es möge seine treue Hingabe an unsern 
schönen Beruf uns anspornen, seinem Beispiel zu folgen und dadurch sein Andenken 
zu ehren. 

Und nun lebe wohl, lieber College, ruhe sanft von Deiner Arbeit. Du hast einen 
guten Kampf gekämpft und Dein Andenken wird stets ein gesegnetes bleiben. Dir sei 
die Erde leicht!* 


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Original-Arbeiten. 

Zur Therapie der Obstipatio chronica. 

Vortrag, gehalten im ärztl. Bezirksverein Bern von Dr. mcd. Bueler, Bern. 

Tit.! In einer Zeit, wo mit Schweizerpillen und andern mehr oder weniger 
Geheimmitteln von nicbtärztlicher Seite immer noch Millionen verdient werden, 
mag es nicht unangebracht erscheinen, Ihnen, wenn auch nur in Form einiger 
Beobachtungen, ein Mittel zur Bekämpfung der Obstip. babitualis in Erinnerung 
zu bringen, welches an Sicherheit der Wirkung und Dauerhaftigkeit des Erfolges 
wohl die meisten andern in den Schatten stellt — nämlich die Unterleibsmassagc. 

Es ist dabei nicht meine Absicht, Ihnen eine abgeschlossene Besprechung 
dieses Heilverfahrens vorzufiihren, zumal dies im hiesigen Bezirksverein vor 3 Jah¬ 
ren schon von Dr. Niehans jun. geschehen; Zweck dieser wenigen Worte sei ein¬ 
fach, Ihnen einige persönliche Erfahrungen in diesem Gebiete mitzutheilen. 

Die Unterleibsmassage wurde schon von Alters her fleissig angewandt, aller¬ 
dings , wie ich gleich beifügen will, hauptsächlich zu geburtshilflichen Zwecken. 
Sie war der einzige geburtshülfliche Eingriff der Griechen und Römer und ist dies 
noch heute bei den Chinesen und Japanesen, den meisten andern Orientalen und 
bei sämmtlichen Naturvölkern (weshalb nach Penn bei letztem, d. h. den wilden 
Volksstämmen Amerikas und Afrikas auch nie ein Puerperalfieber zur Beobachtung 
kommen soll). 

Es lag nicht so fern, nachdem man im Gebiete der Geburtshülfe die Bauch¬ 
massage als gutes Expressionsmittel kennen gelernt, dieselbe auch gegen die chro¬ 
nische Obstipation anzuwenden. Aufzeichnungen über die Verwendung des Mittels 
zu letzterem Zweck finden sich jedoch bis auf unsere Tage nur sehr spärliche, 
was vielleicht daran liegt, dass dieses Leiden zum Theil eine Errungenschaft 
moderner Cultur, eines wenn auch mit mächtigem Fortschritt einhergehenden, uns 
doch zu vielem Sitzen verurteilenden Zeitalters. 

Immerhin finden wir schon bei einigen alten Schriftstellern Angaben, die für 
unser Thema nicht uninteressant sind. So erzählt uns Uippocrates , der Altmeister 
der Medicin, wie er in Elis die Frau eines Gärtners, welche an einer Verhärtung 
unter dem Nabel litt, durch starkes Reiben und Kneten mit der eingeölten Hand 
glücklich wiederherstellte. 0 

Galenus (131 n. Chr.) empfiehlt uns Frictiones der Bauchgegend als gutes Mittel 
gegen Icterus. 

Wahrscheinlich lassen sich auch im Mittelalter einschlägige Aufzeichnungen 
finden — ich will Sie jedoch nicht mit Geschichte belästigen; es genüge mir noch 
anzuführen, dass auch unser im letzten Jahrhundert berühmte Schweizerarzt Tissol 
in Lausanne (1780) die Unterleibsmassage als Mittel gegen Stublverstopfung kannte. 
Er sagt in seiner Gymnastique mödicale: „Wenn man sich alle Morgen im Bette 
auf den Rücken legt, die Kniee ein wenig in die Höbe hält und den Magen und 
den Bauch mit einem Stück Flanell reibt, so vermehrt man den Umlauf in allen 
Eingeweiden des Unterleibes.“ *) 

l ) Hünerfauth , Geschichte der Massage. 


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Methodisch wurde sie zur Bekämpfung unseres Leidens zuerst angewandt von 
Henrik, Ling (geb. 1776, f 1838), dem Begründer der schwed. Heilgymnastik. Der¬ 
selbe Hess nebst den gymnastischen Uebungen an solchen Kranken Reibungen, 
Knetungen, Walkungen und Erschütterungen des Unterleibes vornehmen. 

In den 60er Jahren bemächtigten sich besonders die Franzosen dieser Heil¬ 
methode. Laitne in seiner Schrift „Du Massage“ (1868 in Paris erschienen) sagt, 
man müsse dabei mit der einen, linken, Hand nach oben, mit der andern nach 
nnten reiben; dann das Jejunum und Ileum und schliesslich mit der vollen Hand 
den Dickdarm bearbeiten. Seither sind zahlreiche Publicationen über diesen Ge¬ 
genstand erfolgt, besonders von deutschen und österreichischen Aerzten, mit wel¬ 
chen ich Sie nicht hinhalten will. Mit jeder Publication wurde die Methode eine 
complicirtere; jeder Autor glaubte ein Lorbeerblatt zu pflücken, wenn er den alten 
einen neuen Handgriff, eine neue Bewegung zugesellte. Es genüge, Ihnen hier 
eine der neuesten technischen Beschreibungen der Unterleibsmassage, die von 
Reibmagr y anzuführen. Derselbe unterscheidet 5 Handgriffe: 

1) Mit den Fingerspitzen um den Nabel kreisrunde Scheiben beschreiben — 
bald stärker, bald schwächer eindringend. 

2) Das Gleiche mit dem Daumenballen; Handstellung rechtwinklig zum 
Vorderarm. 

Von diesen beiden Bewegungen nimmt er an , dass sie hauptsächlich reflee- 
torisch in die Tiefe wirken. 

3) Beim dritten Handgriff wird mit der flachen Hand gestrichen, wobei die 
linke unterstützend auf die erste Phalanx der rechten aufgelegt wird. Mehr zur 
mechanischen Wirkung in die Tiefe, besonders dem Colon entlang. 

Der vierte ist ungefähr gleich, nur werden die Streichungen mehr seitwärts 
gegen die Hüfte zu gemacht. 

Der fünfte endlich besteht in einem regellosen Durcheinanderkneten der Ein¬ 
geweide. 

Die neueste Veröffentlichung von Uünerfauth (Handbuch der Massage 1887) 
kehrt mehr oder weniger wieder zu den Manipulationen der Schweden zurück und 
lasst sich dabei: „Streichung, Knetung, Drückung, Klatschung und Erschütterung“ 
folgen. 

Befürchten Sie nun nicht, dass ich Sie etwa heute mit einer neuen Methode 
überraschen werde. Ich möchte mich im Gegentheil, und dies ist sogar der Haupt¬ 
zweck dieser wenigen Worte, als Gegner dieser complicirten Methoden aufwerfen, 
indem dieselben eine Schablonenarbeit begünstigen, welche in der Hand des Arztes 
und ganz besonders des Laien dem Heilverfahren als solchem nur zum Nachtheil 
gereichen kann. 

Will man rationell massiren, d. h. in verhältnissmässig kurzer Zeit mit wenig 
Mühe einen sichern Erfolg erreichen, so muss man hiebei ebenso scharf indivi- 
dualisiren, wie dies bei Anwendung aller übrigen Heilmittel der Fall ist oder 
wenigstens sein sollte. 

Mit andern Worten: „Es genügt nicht, die Diagnose „Obstipatio babitualis“ 
gestellt zu haben, um gleich nach irgend einer der bekannten Schablonen den 


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Bauch des Pat. zu bearbeiten, sondern wir müssen uns Rechenschaft geben über 
die Art, Ursache und eveut. Localisation des Leidens, um dementsprechend das 
Heilverfahren in seiner Anwendungsweise zu modificiren. 

Ich verfüge über ein allerdings nur kleines Material von ungefähr 20 ein¬ 
schlägigen, von mir mit Massage behandelten Fällen, aber ich glaube nicht, dass 
ich in 3 derselben das gleiche Recept befolgt habe. Es würde zu weit fuhren, 
Ihnen alle die Krankengeschichten hier mitzutheilen, erlauben Sie mir jedoch zur 
Illustration des Gesagten, Sie gleich an der Hand von zwei der Patienten in Mitte 
der Massagetherapie hinein zu versetzen. 

Frau N., 65 Jahre alt, litt seit Jahren an Btuhlverstopfung , so dass sie immer au 
Clysmeo ihre Zuflucht nehmen musste. Daneben, abgesehen von einigen Begleitsympto¬ 
men der Obstipatio, wie Kopfschmerzen, Wallungen etc., relatives Wohlbefinden. Pat. hat 
6 Mal geboren und will dabei immer viel Fruchtwasser und grossen Leibesumfang gehabt 
haben. Der objective Status ergibt ein nicht auf getriebenes , eher eingesunkenes Ab¬ 
domen, schlaffe, beinahe häutige Bauchdecke, welche weder auf Berührung noch thermische 
Einflüsse, ebenso wenig bei Lachen odor Pfeifbewegungen der Patientin sich gut contra- 
hiren. Die Recti sind kaum berauazufüblen. 

Dem gegenüber präsentirte sich mir Herr P., 60 Jahre alt, Bureaulist mit seit Jahren 
sitzender Lebensweise und ebenso lang an Verstopfung leidend. Dementsprechend hat 
Pat. auch seit langer Zeit mit geringen Unterbrechungen immer bald salinische, bald 
vegetabilische Abführmittel gebraucht. Objectiv liess sich eine starke Blähung der Därme 
constatiren. Das Abdomen contrahirt sich bei der geringsten Berührung bretthart, ist 
sehr musculös, die Recti in dicken Wülsten herauszuheben. — 

Ich mochte diese beiden Krankengeschichten als quasi Schemata für zwei der 
am häufigsten zur Beobachtung kommenden Formen der Obstipatio habitualis be¬ 
zeichnen. Die ätiologische Verschiedenheit der beiden Fälle ist eine augenschein¬ 
liche. Ich glaube, Sie werden mir beistimmen, wenn ich die Hauptschuld der 
Constipation beim ersten Patienten auf die mangelhafte Function der Organe 
schiebe, welche die sogen. Baucbpresse bilden, wenigstens gibt mir der objective 
Befund für keine andere Ursache Anhaltspunkte, während die Anamnese, die vielen 
mit starker Dehnung des Unterleibs verbundenen Geburten, meine Annahme kräftig 
unterstützen. — Wir finden zwar die mangelhafte Function der Bauchpresse in 
keinem einzigen Lebrbuche als selbstständige Ursache einer chronischen Obstipation 
angeführt und dennoch muss ich, gestützt auf mehrere unzweifelhafte Fälle, gerade 
bei ältern Frauen, die oft geboren, und auch bei Männern mit mehr oder weniger 
ausgesprochenen Hängebäuchen darauf beharren. Beweis dafür ist mir der ver- 
hältnissmässig sehr rasche Erfolg einer ausschliesslich auf die Kräftigung der 
äussern Bauchdecken abzielenden Behandlung. Ich betrachte deshalb, was ich 
gleich hier bemerken will, die noch heute von verschiedener Seite zur Geltung 
gebrachte Ansicht, dass auch die Obstipatio chronica wie sämmtliche Störungen 
in der Function des Darmcanals einzig auf secretorischen Anomalien beruhe, als 
nicht zutreffend; ebenso Definitionen, wie die von Hünerfauth gegebene, es sei die 
Obstipatio chronica ein Leiden, „dessen wesentlichste Ursache in der Atonie der 
Darmmusculatur liegt, in der Trägheit oder hochgradigen Herabsetzung der Darm¬ 
peristaltik, mit der sehr häufig eine Schwächung der Baucbpresse combinirt ist 44 , 
als zum allerwenigsten nicht richtig formulirt. 

Beim zweiten Patienten, der uns das Bild der Obstipation zeigt, wie Sie es 


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gewöhnlich bei Leuten finden, die sich wenig oder gar keine körperliche Bewegung 
gönnen , die vielmehr noch durch ein höchst unrationelles Sitzen die Eingeweide 
auf einen möglichst geringen Raum in der Bauchhöhle zusammenpressen (tiüner - 
faulh), glaubte ich die Ursache der Verstopfung auf Atonie des Darmes schieben 
zu dürfen. Die Erlaubnis hierzu verlieh mir einerseits der objective Befund, die 
deutlich aufgeblähten Därme und die in Folge compensatoriscben Eintretens für 
die mangelhaft sich contrahirende Darmmusculatur hypertrophisch gewordene 
Musculatur der äussern Bauchdecken, anderseits, und nicht in letzter Linie, die 
Krankengeschichte, welche uns sagte, Pat. habe während Jahren regelmässig 
Drastica und andere innerliche Abführmittel genommen. 

Nach dieser Verschiedenheit der Ursache für die Constipation musste auch 
die Behandlungsweise eine verschiedene sein — hier mehr auf die Kräftigung der 
Bauchpresse gerichtet, dort die Wiederherstellung einer bessern Function des 
Darmes im Auge haltend. 

Es wurde also bei Nr. 1 keine lange Zeit mit einer einleitenden Effleurage 
(— Erste Manipulation bei Reibmayr und tiünerfauth ), um damit die Bauchdecken 
an den Eingriff zu gewöhnen und recht in die Tiefe dringen zu können, verloren, 
sondern gleich von vorneherein die die Bauchdecken am empfindlichsten beleidi¬ 
genden Reize angewandt, d. h. Eindringen mit den Fingerspitzen in der Gegend 
der Linea alba mit kräftigen queren Streichungen, damit die Recti sich reflectorisch 
gegen unsern Eingriff wehren. Man dringt dabei mit den Daumen, auf die man 
das ganze Körpergewicht stützt, zwischen die Recti ein und sucht dieselben durch 
Streichungen nach aussen auseinander zu drängen, worauf sie mit Contractionen 
antworten etc. etc. 

Uebrigens werden wir uns in solchen Fällen nicht müde massiren, sondern 
dem Pat. Anleitung zu die entsprechenden Muskeln kräftigenden gymnastischen 
Uebungen geben, wie uns solche in unendlichen Variationen die schwed. Heil¬ 
gymnastik bietet. 

Daneben werden wir durch ausgiebige Inspirationen den Pat. einen tiefen 
Zwerchfellstand herbeiführen lehren und auf diese Weise, ohne dass wir uns stark 
geplagt haben, in kurzer Zeit, wie es bei meinen Pat. der Fall war, die definitive 
Heilung verzeichnen können. 

So ziemlich entgegengesetzt sind die Massagemanipulationen beim 2. Patienten. 
Hier muss jede brüske Bewegung der Bauchdecken geradezu ausgeschlossen werden, 
damit die kräftig sich entgegensetzende Musculatur unsere Arbeit nicht illusorisch 
mache. Nun kommt Reibmayr ’s erster Handgriff: eine leichte, langsam anzugewöb- 
nende und vorsichtig in die Tiefe dringende Effleurage, zu Ehren. Erst nachdem 
auf diese Weise Darm und Darminbalt mechanisch bearbeitet, schliessen wir eine 
mittelstarke Baucbklatschung an, um die glatte Darmmusculatur auf dem Reflex¬ 
wege direct zu Contractionen zu zwingen. 

Ausschliesslich mit diesen beiden Manipulationen wurden 3 meiner Fälle be¬ 
handelt, die, der eine in 3, die andern 2 in 4—5 Wochen bei 3 Sitzungen wöchent¬ 
lich zur Heilung kamen. 

Es resultirt aus dem angeführten Schema, dass diese Massageschablonen zum 


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Theil Manipulationen enthalten, die bei gewissen Formen der Obstipation geradezu 
contraindicirt sind, die unter Umständen einander entgegenarbeiten — wenn nicht 
schaden, also immerhin als überflüssig weggelassen werden können. 

Aber auch in anderer Richtung lässt sich die Methode jeweilen vereinfachen. 
3 meiner Patienten, bei welchen neben der Constipatio hauptsächlich dyspeptische 
Erscheinungen in den Vordergrund traten — bei einem derselben Hess sich sogar 
eine nicht unerhebliche Dilatatio ventriculi herauspercutiren — wurden einfach 
mit 2 Mal wöchentlicher Massage des Magens behandelt, der übrige Darmtractus 
blieb unberücksichtigt. Zwei der Fälle waren in Zeit von 4 Wochen von ihren 
Beschwerden befreit, ein dritter ist gegenwärtig noch in meiner Behandlung und 
geht langsamer der Heilung entgegen, weil dabei tiefere chronisch-catarrbalische 
Veränderungen dem Leiden zu Grunde liegen. 

Der Erfolg meiner dabei angewandten Therapie überzeugte mich, dass ich 
nicht mit Unrecht beim vorgelegenen Symptomenbilde die Ursache der Obstipation 
in mangelhafter Function des Magens suchte (Nothnagel , Leichterutern). Inwieweit 
die Effleurage des Magens die secretorische Thätigkeit beeinflusste, entzog sich 
hier meiner Controle, jedoch batte ich das Vergnügen, beobachten zu können, wie 
die Massage die mechanische Aufgabe des Magens, wenn nicht ganz ersetzen, so 
zum mindesten sehr kräftig unterstützen kann. 

Erlauben Sie, dass ich Ihnen meine diesbezüglichen, an dem Pat. mit Dilatatio 
ventriculi vorgenommenen Versuche kurz mittheile. 

Da der ungefähr 40 Jahre alte Pat. sehr aneemisch war, massirte ich jeweilen */, bis 
1 Stunde nach eingenommenem Frühstück. Der Magen war gewöhnlich bei Beginn der 
Massage noch vollständig angefüllt, was mir die absolute Dämpfung über demselben be¬ 
wies. Nach etwa 5 Minuten kräftigem, vom Fundus gegen den Pylorus gerichtetem 
Streichen Hess sich meist in der regio epigastrica schon tympanitischer Schall wahrnehmen 
und, was im Anfang nicht der Fall, bei Succussionen lautes Plätschern. Letzteres ver¬ 
schwand nach ungefähr 5—10 Minuten weiterer Massage, nach welcher Frist meist auch 
gar keine Dämpfung mehr vorhanden war. Das Ganze traf immer so regelmässig ein 
und war der Befund so deutlich, dass es sogar dem Patienten imponirte. Ich musste 
also annehmen, dass der Magen unter dem Einfluss der Massage sich entleert habe. Es 
interesairte mich nun, das Ganze auf allenfalls unterlaufende Täuschungen zu controliren. 
Zu diesem Zwecke entleerte ich an zwei verschiedenen Tagen den Magen unmittelbar 
vor der Massage (also ungefähr 1 Stunde nach dem Frühstück) und fand so ziemlich den 
grössten Theil der eingenommenen Mahlzeit vor« 

Dann machte ich an zwei darauf folgenden Tagen bei gleichem Regime zu der glei¬ 
chen Stunde den Versuch nach applioirter Massage und konnte jeweilen nichts wie un¬ 
gefähr 1 Dl. schleimiger Flüssigkeit zu Tage fördern, trotzdem ich beim zweiten Mal, 
um ja recht sicher zu gehen , eine Ausspülung des Magens anschloss 9 die mir exact 
wieder den Liter eingegossenen Vichywassers surückgab, aber auch genau bis zum Theil- 
strioh und keinen Centiliter mehr. Das gleiche Resultat erreichte ich mit einem dritten 
Versuche, bei welchem als Frühstück nur ein ganz eingedickter Haferbrei mit Ausschluss 
jeder Flüssigkeit erlaubt und genossen worden war; die Spülflüssigkeit bot noch den 
Geruch von Haferbrei, allein Haferreste waren nach der Massage keine mehr zu entleeren. 

Hiemit hatte ich den Beweis dafür, dass mit der Magenmassage es uns gelingt, 
in verhältnissmässig kurzer Zeit grössere Mengen Speisebrei durch den Pylorus 
zu befördern. 

Trotzdem gönnte ich mir noch einen Controlversuch, zu welchem ich durch die 
von Proff. Ewald und Sivers in der Augustnummer der therap. Monatshefte publicirten Ex- 


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perimeote angesporot wurde. Die genannten Autoren haben den Befund, dass das Salol 
im Magen sich nur bei alcaliacher Reaction, sonst aber gar nicht zersetzt, sondern erst bei 
Ucbertritt ins Duodenum, d. h. sobald es der Einwirkuog des Bauchspeichelsaftes oder 
anderer alcaliacher DrUsensecrete ausgesetzt wird, in Phenol und Salioylsäure sich spaltet, 
zu diagnostischen Zwecken bei Magenkrankheiten benützt. loh gab demgemäss meinen 
Pat. Salol in Dosen von 2,0 uod beobachtete, in wie viel Zeit nach Einverleibung des 
Medicamentes die Salicylursäure im Urin nachweisbar. Der Urin gab die erste Salicyl- 
reaction erst nach 1 Ä /a Stunden, also entsprechend der Dilatatio ventriculi verspätet, da 
Ewald bei Gesunden dieselbe durchschnittlich nach ’/j Stunden fand. Wurde nun der Magen 
des Pat. nach Einnahme des Salols während 10 Minuten massirt, so fand sich die Re* 
action bereits im erstgelassenen Urin vor, d. h. etwa 7a~~ s /t Stunden nachher» 

Aus diesen Beobachtungen erklärt sich nun vielleicht auch, wie bei obigen 
Pat. die alleinige Effleurage der Magengegend auf die Obstipatio chronica heilend 
einwirken konnte, indem ausser den erreichten regelmässigen Entleerungen des 
Magens, dessen Contractionen dann als rein mechanische Impulse den Darm zu 
weiterer Thätigkeit anreizten (van Braam-tioukgeesl). 

Auch in anderer Richtung können wir durch Kenntniss der localen Ursache 
unseres Leidens das Heilverfahren entsprechend vereinfachen. Ich erinnere Sie 
nur an die Fälle • wo regelmässig vorhandene Coprostasen in der Gegend des 
Coecum, oder am S. Romanum, d. h. über dem Anus tertius nach Nelaton Ursache 
der Obstipatio chronica sind — wie ich dies einige Mal beobachtete. 

Bei denjenigen Formen von chronischer Obstipation, welche auf cerebraler 
oder spinaler Neurasthenie beruhen — wie wir sie häufig bei Hypochon¬ 
dern und Hysterischen finden — zwei meiner Fälle — wende ich mit Vorliebe 
nur Hautreize an und bin damit zu gutem Resultate gelangt Es wird also in 
solchen Fällen die ganze Schablone nur durch eine kräftige Bauchklatschung und 
folgendes Reiben mit einem trockenen Flanell- oder Frottirtuchc ersetzt Es 
freute mich, für diesen Behandlungsmodus in einer Notiz von Prof. Bintwanger über 
das Weir-Mitchelhche Heilverfahren etwelche Uebereinstimmung zu finden, indem 
er sagt, dass „gleichmässige, mittelstarke Hautreize den Tonus der Magen-Darm¬ 
wandung befördere und die Verarbeitung des Speisematerials erleichtere.“ — 

Es sind dies übrigens die Fälle, welche auch für Hydrotherapie oder gal¬ 
vanische Behandlungsweise sehr dankbar sind. 

Die hartnäckigsten und auch auf Massage am langsamsten oder gar nicht 
reagirenden Formen der Stuhl Verstopfung sind die, welche ihre Entstehung einer 
vorausgegangenen allgemeinen oder localen Peritonitis verdanken, wo 
wir es meist mit vollkommener Lähmung einzelner Darmabschnitte oder dann mit 
ausgedehnten Adhäsionen zu thun haben. Ich habe diese Patienten nicht in meine 
Massagestatistik aufgenommen, weil ich dieselben eben nicht ausschliesslich mit 
Massage behandelte und die Erfahrung hat mich dabei gelehrt, dass auch die 
übrigen therapeutischen Eingriffe nicht mehr zu leisten im Stande sind, d. h. diese 
Kranken nur schwer zu heilen vermögen. 

Ich möchte deshalb hier empfehlen, so früh als möglich nach Schwund der 
acuten Peritonitissymptome mit einer leichten Effleurage zu beginnen. Die 
Gefahr dabei ist entschieden nicht so gross, wie es auf den ersten Blick scheinen 
möchte. 


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Dafür spricht mir ein Fall von Perityphlitis, wo bei einem 17jährigen Jüngling nach 
Genuss von 4 flf Trauben in Zeit von 3 Tagen unter heftigen Schmerzen und hohem 
Fieber Über der lleocoscalgegend eine handgrosse Dämpfung mit entzündlicher Infiltration 
der äussern Bauchdecken entstanden war, so dass ich an Abscedirung nach aussen dachte 
und bereits einen event. chirurgischen Eingriff überlegte. Am 5. Tag ging die Tempera¬ 
tur zur Norm zurück und als dann nach weiteren 8 Tagen der Dämpfungsbezirk trotz 
abnehmender Empfindlichkeit sich nicht verkleinern wollte, begann ich, allerdings sehr 
vorsichtig, mit einer ganz leichten Eifleurage der betreffenden Gegend, die ich jeden Tag 
ohne Schaden verstärken konnte, und war erstaunt, wie rasch unter dieser Behandlung 
das Exsudat abnabm. Nach 8 Tagen war jede Dämpfung verschwunden uud am 16. Tage 
seiner Krankheit verliess Pat. das Bett und hat seither nie über irgend welche Be¬ 
schwerden von Seite des Darmtractus zu klagen Anlass gefunden. 

Wenn ich diesen einzelnen Fall auch nicht als maassgebend für das Ein¬ 
schlagen eines neuen Behandlungsmodus aufstellen will, so halte ich doch für 
nicht unwahrscheinlich , dass eine grosse Menge von nach localen Peritoniten 
zurückbleibenden Verwachsungen und Darmparesen der allzu grossen Aengstlich- 
keit des Arztes, d. h. zu langem Liegenlassen des Eisbeutels und zu lang fort¬ 
gesetzter Darreichung von Opium ihre Entstehung verdanken. Wie die Massage 
bei acuten Gelenkentzündungen uns Adhäsionen und Verwachsungen verhüten ge¬ 
lehrt, so dürfte sie vielleicht einen Theil dieser Erfahrungen auch den localen 
Peritoniten zu gut kommen lassen. 

Dass diese Verlöthungen nach allgemeinen und localen Bauchfellentzündungen 
übrigens eine sehr häufige Ursache der Obstipation, bestätigt auch Hünerfauth , der 
sagte, er habe in 15% der ihm wegen chronischer Constipation zugewiesenen 
Patienten eine vorausgegangene Typhlitis als Ursache der Erkrankung gefunden. 
Auch er nennt den Erfolg der Massagebehandlung nur dann einen günstigen, wenn 
„nicht bereits zu lange Zeit nach der Primärerkrankung verflossen“. 

Einige, d. h. 3 der Pat. litten, wie dies ja sehr häufig mit der Obstipation 
sich combinirt, an Hämorrhoidalbeschwerden und da hatte ich besonders 
bei einem derselben, der starken Blutungen unterworfen war, Bedenken, ob nicht 
vielleicht die Massage mit den damit verbundenen localen Congestionen diesen 
Zustand verschlimmern könnte. Dies war jedoch nicht der Fall: die Hämorrhoidal¬ 
beschwerden waren bei sämmtlichen Pat. von der ersten Sitzung an wie weg¬ 
geblasen ; es traten während der Behandlung nie Blutungen auf. Die Knoten, und 
es befanden sich solche von Nuss- bis Halbeigrösse darunter, gingen innert 4 Wo¬ 
chen vollständig zurück und zwar, was mir auffiel, wichen diese Symptome, bevor 
die Obstipation geheilt war. — Diese Beobachtung hat mich so entzückt, dass ich 
in Zukunft bei Hämorrhoidariern in erster Linie eine Unterleibsmassage empfehlen 
werde. 

Noch eines, was ich gleich hier anschliessend bemerken möchte, hat mich der 
Erfolg meiner Therapie gelehrt, dass nämlich die Ursache der Obstipatio chronica 
nicht so häufig bei einem chronischen Darmcatarrbzu suchen ist, wie 
dies von Leichtenetern und Nothnagel hervorgehoben wird. Beweisend dafür ist mir 
die Thatsache, dass eben die meisten Fälle nach verhältnissmässig wenigen 
Massagesitzungen zur Heilung kamen und auch bis dato geheilt blieben und zwar 
ohne dass ich denselben je diätetische Verhaltungsmaassregeln, Anleitung zu fort- 


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gesetzter Gymnastik, Darmdressur etc. mit auf den Weg gegeben. — Würden hier 
chronisch-catarrhaüsche Veränderungen der Darmmucosa den Grund der Obsti¬ 
pation gebildet haben, so müsste einerseits analog wie bei chronisch-catarrbalisch 
afficirten Schleimhäuten anderer Organe die Ausheilung eine viel langsamere sein 
und anderseits bei Diätfehlern viel häufiger Recidive eintreten, als dies hier fac- 
tisch der Fall war. 

Diese Erfahrung könnten übrigens auch die Electrotherapeuten unterstützen, 
welche uns angeben, oft von wenigen Sitzungen dauernde Erfolge bei Obstipatio 
chronica beobachtet zu haben, so Erb , Rockwell , Stein etc. 

Im Ganzen wurden nun von den 20 mit diesen verschiedenen Modificirungen 
der für die Bauchmassage angegebenen Schablone behandelten Patienten 18 von 
ihrer Obstipation befreit und sind es bis jetzt geblieben. Ein Fall wurde nach 
2 Monaten recidiv. Ganz widerstand unserer Therapie der Pat. mit chronischem 
Magen-Darmcatarrh und Dilatatio ventriculi, wo die Obstipation noch fortbestebt, 
die Verdauungsbeschwerden jedoch durch die oben angeführte mit der Massage 
erreichte periodische Entleerung des Magens verschwanden. Die Heilung nahm 
durchschnittlich bei 3 Mal wöchentlicher Massage 4—6 Wochen in Anspruch, 
entsprechend 18—25 Sitzungen. Unangenehme Zufälle sind mir dabei nie vor¬ 
gekommen. Ich betone dies, weil bei der Discussion des Vortrages von Dr. Niehang 
über dieses Thema von verschiedener Seite auf die Gefahr der Klatschungen und 
starker Knetungen des Unterleibes aufmerksam gemacht wurde, indem man an den 
Goltz 'sehen Klopfversuch erinnerte. Ich habe trotz zum Theil sehr intensiver An¬ 
wendung dieser Manipulationen nie unangenehme Erscheinungen gesehen, obwohl 
ich zum Theil Pat. sehr hohen Alters damit behandelte. Wenn man übrigens 
mitangesehen hat, wie die Wänste dieser alten Kauf- und Rathsberren in den 
Instituten für schwed. Heilgymnastik nach Noten durchgebauen werden, so ver¬ 
liert man die Aengstlichkeit in dieser Beziehung. Es kommt eben darauf an, wie 
man klatscht. Wenn man dies mit der Schwerkraft des ganzen Armes thut, dann 
allerdings wird Ihnen schon der Pat. reclamiren, bevor ein Unglück geschieht; es 
soll die Klatschung aus dem Handgelenk geschehen und dies muss, so leicht das 
Massiren im Allgemeinen scheint, doch ein bischen gelernt sein. 

Nachdem ich so an der Hand dieser mit Erfolg behandelten Fälle glaube an¬ 
nehmen zu dürfen, dass der Endeffect der Unterleibsmassage nicht nur, wie Hüner - 
fauth behauptet, „durch die Gesammtheit der einzelnen Manipulationen“ erreicht 
werden kann, finde ich noch eine Hauptstütze für meine Annahme in der Analyse 
der in Frage stehenden Heilmethode. Wir müssen uns eben darüber klar werden, 
dass die Massage nicht ein einfaches Heilmittel, sondern eine Combination von 
mehreren das Leiden günstig, oder in gewissen Fällen auch ungünstig, beeinflus¬ 
senden Factoren ist, die sich zum Theil gesondert anwenden lassen. Es kommt 
dabei in Betracht und ich setze sie als die wichtigste voraus 

1) Die mechanische Wirkung. Dieselbe erstreckt sich nicht allein auf 
Magen- und Darminhalt, sondern auch auf die Weiterbeförderung resp. Entleerung 
der Secrete der grossen Darmdrüsen, indem Verstopfungen der Ausführungsgänge 
etc. etc. beseitigt werden. Diese mechanische Wirkung der Massage bedarf wobl 


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keines Beweises — sie ist von allen Autoren anerkannt — nur wird sie von den 
einen in erster Linie, von den andern erst nach der Reflexwirkung hervorgehoben. 
Zahlreiche Erfolge bei Coprostasen, bei Icterus, wo man Verlegung des Ductus 
cholcdochus angenommen (Busch, tiünerfaulh ), sogar bei Ileus ( Scabsky , Buch, Krön - 
leih), bei Invagination (Krönlein, Gilette) und Volvulus (Delpech, Zabludowsky) erhärten 
diese Thatsache. 

Ihr dienen das Kneten und die Streichungen oder Effleurage; ersteres, um die 
festsitzenden Kothmassen und eingedickten Drüsensecrete von der Umgebung zu 
lösen, letztere, um dem so beweglich gemachten Inhalte die natürliche Richtung 
zu geben. — Hauptsächlich der mechanischen Wirkung möchte ich auch die Kugel¬ 
massage von Dr. Sahli zntheilen. 

2) Kommt in Betracht die Reflexwirkung. Die Physiologie lehrt uns, 
dass bei brüsken Berührungen der Bauchdecken die glatten Muskelfasern der 
Darmwandungen sich contrahiren. Hünerfauth bezeichnet dies als Hauptwirkung 
der Unterleibsmassage. Sie wird hauptsächlich durch eine mittelstarke*Klatschung 
hervorgerufen und es gibt Fälle von Obstipatio chronica, die durch diese Mani¬ 
pulation allein zur Heilung gelangen. Ich erinnere mich z. B. eines Studenten, 
bei welchem die ungemein musculösen Bauchdecken durch ihre reflectorischen 
Contractionen jeden andern Eingriff unmöglich machten. Eine 3 Mal wöchentlich 
vorgenommene Klatschung befreite ihn in Zeit von 8 Wochen von seinem Leiden, 
welches er umsonst während 5 Jahren durch alle möglichen innern Mittel zu heben 
gesucht. Seither — es liegt ein Jahr dazwischen —hatPat. täglich seine normale 
Stuhlentleerung. — Inwiefern directe Drückung des Plexus coeliacus und hypo- 
gastricus, wie sie von einzelnen Autoren empfohlen wird , die Obstipation be¬ 
einflusst, habe ich als ungläubiger Thomas zu erproben unterlassen. — Der Be¬ 
fund von Burkart, dass bei Dyspepsia nervosa der Plex. hypogastr. sehr empfind¬ 
lich, dürfte vielleicht zu diesbezüglichen Versuchen anreizen. 

3) Haben wir einen thermischen Effect der Massage zu verzeichnen. Nicht 
nur hat der Pat. während und nach der Massage im behandelten Organ die Em¬ 
pfindung erhöhter Wärme, sondern es lässt sich diese locale Temperaturerhöhung 
auch objectiv constatiren. Es wurde von Mosengeil in Bonn mit dem Geissler' sehen 
Flächentbermometer festgestellt, dass sich durch das Massiren ein Steigen der 
Temperatur von */* ~ 3° C. erzielen lässt und dass diese vermehrte Wärme noch 
3—4 Stunden nach der Massage nachweisbar ist. Hat man den thermischen Effect 
im Auge, so massirt man trocken, d. h. ohne Einfettung der Theile oder noch 
besser auf Flanellunterlage oder mit Frottirhandschuhen. — Den thermischen Ein¬ 
fluss auf die Obstipation dürfte uns ein altes Volksmittel, d. h. warme Brei¬ 
umschläge auf den Unterleib nahelegen; hauptsächlich darauf möchte ich auch 
viele Erfolge der Hydrotherapeuten schieben. 

Endlich — und hier will ich Ihnen erlauben ein Fragezeichen beizusetzen — 
könnten wir vielleicht gerade bei der Bauchmassage noch von einem chemischen 
Effect sprechen. Wir wissen, dass durch die Massage, was ja auch die Temperatur¬ 
erhöhung beweist, rasche Verschiebungen des Blutgehaltes erfolgen. Das Mehr 
an einer Stelle bedingt ein Weniger anderswo. Gelingt es uns nun auf irgend 


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eine Weise, z. B. durch Erzeugung starker Hyperämie der Bauchdecken, Schenkel¬ 
rollungen, tiefe Inspirationen etc. eine arterielle Ansemie resp. venöse Hypermmie 
des Peritonäum zu erwirken, so muss durch das relative Ueberwiegen von CO 1 
eine vermehrte Peristaltik der Därme die Folge sein. Ein Analogon dafür ist uns 
die verstärkte Peristaltik schon bei einer leichten Compression der Aorta, bei 
psychischen Einflüssen, Angst, Furcht, Examen, wobei vom vasomotorischen Cen¬ 
trum ausgelöste locale Stauungen die Ursache sind; endlich die vermehrte Peri¬ 
staltik nach Infusionen und Transfusionen in die Venen, in der Agone etc. 

Sache des Arztes ist es nun, die jeweilen für die vorliegende Form der Ob¬ 
stipation geeigneten dieser Heilfactoren herauszusuchen, d. h. bald nur auf die 
Bauchpresse kräftigend, bald mehr mechanisch oder auf dem Reflexwerke oder 
endlich thermisch zu wirken. Wir können so durch Weglassen unnützer Manipu¬ 
lationen die Schablone der Unterleibsmassage bedeutend vereinfachen, ohne dass, 
wie meine Fälle es beweisen, die Heilung dadurch verhindert oder verzögert 
würde. 

Damit fallen die Haupteinwände, welche man bis jetzt der Bauchmassago ge¬ 
macht, dass sie dem vielbeschäftigten Arzt zu viel Zeit raube, ihn sowohl als 
den Pat. zu sehr ermüde, dahin. 

Ein Einwurf freilich wird ihr immer bleiben: dass sie keine elegante Heil¬ 
methode sei — glücklicherweise können wir Aerzte uns hiebei mit dem Loos der 
Diplomaten trösten: Man beurtheilt uns nicht nach dem mehr oder weniger schönen 
Mittel, sondern nach dem Erfolg und den dürfen Sie, meine Herren, für die Ob- 
stipatio chronica mit Vertrauen auf Seite der Massage suchen. 


lieber Missbrauch und Gebrauch von Collyrien. 

Von Prof. Schiess, Basel. 

Während man in der Medicin des Alterthums unter Collyrium eine zähe, 
salbenartige Masse verstand und Cel$u$ in seiner bekannten Schrift de medicina 
eine ganze Reihe von verschiedenen Collyrien besonders in der Therapie der 
Augenkrankheiten angibt, die nach Consistenz, Composition oder Autor verschie¬ 
dene Namen haben, pflegen wir heutzutage mit diesem Namen meistens wässerige 
Lösungen von Metallsalzen zu bezeichnen, wie sie schon seit Jahrhunderten zum 
Theil in der Therapie der Augenkrankheiten angewendet werden. — 

Im Allgemeinen werden diese Collyrien bei leichteren Augenaffectionen ver¬ 
schrieben und dem Patienten in die Hände gegeben, oft mit sehr vagen Vorschrifts¬ 
maassregeln. So kann es denn nicht ausbleiben, dass damit oft viel Schaden an¬ 
gerichtet wird und macht mir eine lange Erfahrung in Behandlung von Augen¬ 
kranken als Vorsteher einer grossen ophthalmologiscben Klinik und Poliklinik 
wahrscheinlich, dass bei vielen Collegen in der Auswahl und Application dieser 
Augenwässer der Zufall eine zu grosse Rolle spielt und über die bestimmte In- 
dication zur Application oder Nichtapplication von solchen Collyrien zu wenig 
bestimmte Regeln bestehen. Es ist aber für den betreffenden Patienten durchaus 
keine gleichgültige Sache, wann und wie und wie lange ein solches Collyrium 

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applicirt wird. Im Verlaufe einer und derselben Krankheit kann vielleicht für eine 
gewisse Zeit oder für einen gewissen Symptomencomplex ein Collyriura sehr gute 
Dienste leisten, während es vielleicht in einem spätem Stadium schädlich , ja 
eigentlich verderblich wirken kann. So mag es denn vielleicht den und jenen Col- 
legen erwünscht sein, einige Rathschläge zu vernehmen in einer Sache, die, wenn 
sie vielleicht einem oberflächlichen Blick wenig wichtig erscheint, doch für die 
Function eines so zarten Organes, wie das menschliche Auge, eine auch die Zukunft 
bestimmende entscheidende Bedeutung erlangen kann. 

Wenn wir hier nur die in der Schweiz autochthon auftretenden conjunctivalen 
Affectionen ins Auge fassen, so kommen wohl hauptsächlich 3 Metalle in Frage. 
Es ist das das Blei, das Zink und das Silber. Beim Blei ist es das essigsaure 
Salz, beim Zink das schwefelsaure und beim Silber das salpetersaure und in neue¬ 
ster Zeit auch die Chlorverbindung, die am meisten angewendet werden und mag 
man mutatis mutandis leicht das von mir Gesagte auch auf andere Salze derselben 
Metalle oder ähnliche Stoffe ausdehnen. In vielen Gegenden ist es wieder das 
Argent. nitr. und das Zinc. sulfur., die am häufigsten verschrieben werden. Mit 
diesen 3 Metallen bei verschiedener Dosirung, verschiedener Häufigkeit der Ap¬ 
plication kommen wir auch in der Regel völlig aus. — 

W o nun sollen Collyrien applicirt werden ? Oder wollen wir lieber fragen, wo 
nicht ? 

Also niemals im Beginn von Augenentzündungen, niemals bei acuter Con¬ 
junctivitis, so lange die Augen sehr roth sind, stark fliessen, besonders nicht, wenn 
der Augapfel selber roth ist. In dem Initialstadium der Conjunctivitis sind die 
Antiphlogosen und adstringirenden Umschläge am Platz. Ferner niemals, und das 
ist eine Hauptsache, wenn Hornhautaffectionen, d. h. frische Hornhautaffectionen 
da sind, also Infiltrate oder gar Geschwüre. Hier sind die Collyrien verderblich, 
und ich könnte abschreckende Beispiele anführen, wo Patienten, lange Zeit und 
mit den verschiedensten wechselnden Collyrien behandelt, mit ganz getrübter Cor¬ 
nea, ausgiebigsten hintern Synechien und noch floriden, tiefen, malaciscben Ge¬ 
schwüren zu uns kamen und erst wochenlange Mühe und Sorge endlich die Hei¬ 
lung d<jp Cornealleidens bewirkte und schliesslich nur eine Iridectomie noch ein 
erträgliches Sehvermögen zu Stande brachte. Man wird hier die Collyrien zu 
vermeiden haben aus zwei Gründen. — 

Sie reizen, vermehren den Schwellungszustand der Conjunctiva; Geschwüre 
heilen aber nur langsam oder gar nicht, so lange starke Schwellungszustände der 
Schleimhaut mit starker eitriger oder schmieriger Secretion vorliegen. Alles, was 
die conjunctivale Schwellung steigert, ist direct schädlich. Anstatt dies einzusehen, 
wird häufig, wenn das eine Mittel nicht wirkt, zu einem andern ähnlichen ge¬ 
griffen. — Es können aber die Collyrien noch einen andern Nachtheil haben: das 
Hornhautgewebe ist seines natürlichen Schutzes, der Epitheldecke, beraubt; es ist 
allen von aussen her kommenden Schädlichkeiten preisgegeben; die Lösung des 
Metallsalzes dringt in das Hornhautparenchym ein, kann sich dort zersetzen und 
ein Depot hinterlassen. Oft wird ein solches durch die vorhandenen Secrete ent¬ 
fernt, hinaus geschwemmt, es kann aber auch zurück bleiben und bleibende Trü- 


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bungen bedingen; bekanntlich haben die Bleisalze hauptsächlich das Renommü, 
solche „Incrustationen“ zu binterlassen; es können aber auch pflanzliche Farbstoffe, 
die den Collyrien früher sehr häufig und auch jetzt noch beigemischt werden, 
solche Verfärbungen hinterlassen ; ich nenne hier das Laudanum, das ein sehr be¬ 
liebtes Zusatzmittel zu den verschiedensten Collyrien war und in manchen Kreisen 
noch zu sein scheint. Ich muss daher jede Application eines Collyriums bei offener 
Hornhaut als einen Fehler bezeichnen. 

Für selbstverständlich halte ich es, dass ein gebildeter Arzt keine Collyrien 
bei tieferen Leiden, Erkrankungen der Iris, Choroidea etc. anwendet. — 

Das eigentliche Feld des Collyriums, des den Patienten in die Hand gegebe¬ 
nen Augenwassers, ist die chronische Conjunctivitis, der chronische Binde- 
hautcatarrb. Aber auch hier müssen wieder bestimmte Regeln der Applications- 
weise empfohlen werden; man soll das Augenwasser nicht nur dem Patienten in 
die Hände geben mit der Weisung, die Augen zu waschen« sondern ihm genau 
sagen, w i e er waschen soll und wie oft. Man muss sich dabei vergegenwärtigen, 
was man mit dem Mittel erreichen will; man will eine momentane Fluxion in den 
betreffenden Theilen hervorbringen, bei der sich Stauungen lösen, bei denen In¬ 
filtrationen zurückgehen sollen. Das wird nun erreicht, wenn der momentane 
Reizzustand nur kurze Zeit andauert und eine völlige Ruhepause von einer ge¬ 
wissen Zeitdauer eintritt Wird schon wieder ein neuer Reiz gesetzt, ehe der alte 
ausgeklungen, so wird das Uebel, statt gebessert, verschlimmert und die Rückkehr 
zur Norm, die wir selbstverständlich anstreben, niemals erreicht. Wie man durch 
tägliche Auspinselungen, wie sie gedankenlos noch in manchen grossen Poliklini¬ 
ken geübt werden, jeden Catarrb monatelang hinhalten kann, so wird auch eine 
zu häufige Application von Collyrien den lästigen catarrhalischen Zustand ver¬ 
schleppen, bis der Patient endlich zur Ueberzeugung kommt, dass „Nichts“ gut ist 
für die Augen. — 

Wir lassen daher solche Wässer einmal und dann gewöhnlich Abends vor dem 
Schlafengehen, wo das Auge nicht mehr gebraucht wird, selten mehr als zweimal 
appliciren und sagen dem Patienten, dass bei heftigerem Brennen kalte Umschläge 
gemacht werden müssen; es darf sich der hervorgerufene Reizzustand eben nicht 
verlängern. Im Ganzen ziehen wir die Applicationsweise des directen Auswaschens 
mit Verbandwatte, die mit dem Waschwasser befeuchtet ist, der Methode des 
Eintropfens vor. 

In welcher Lösung sollen nun die medicamentösen Stoffe gegeben werden? 
Es sollen die Lösungen nicht zu stark sein: eine 7»—1- oder 17»procentige Zink¬ 
lösung in einfacher Composition, etwas stärkere Lösungen von Plumb. acet. So 
vortrefflich die Wirkungen des Argent. nitr. in stärkeren Lösungen oder als Stift 
in verschiedener Concentration in der Hand des kunstverständigen Arztes sind, so 
wenig sind wir für seine Application als Collyrium in der Hand des Patienten ein¬ 
genommen. Die zur Beschränkung der Wirkung des Mittels auf einer bestimmten 
Partie der .Schleimhaut nötbige Neutralisation durch Kochsalzlösung wird vom 
Patienten in der Regel nicht gemacht werden, kann man von ihm nicht verlangen 
und so ist die Reizung häufig zu gross. Es wird im Ganzen schlecht vertragen. 


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— Und doch ist, und zwar aus dem einfachen Grunde, dass eine richtige Appli¬ 
cation des Mittels durch den Arzt selbst, hier und zwar auch bei acuten Catarrhen 
glänzende Erfolge erzielt, das Argentum nitricum als Collyrium noch sehr häufig 
iq Gebrauch. Jedenfalls bedarf es einer genauen, verständigen Ueberwachung. 

Da in neuester Zeit der Sublimat als Desinficiens in hohem Ansehen steht, 
konnte es nicht ausbleiben, dass das Hydrarg. muriaticum corrosivum auch in der 
Form von Collyrien wieder sehr in Aufschwung kam. Ich sage absichtlich wieder; 
es ist nämlich der Sublimat schon ein altes, geschätztes Mittel gegen Augencatarrh 
und bildet den wirksamen Bestandtheil der Aqua Conradi, die gegen chronische 
Catarrhe früher in grossem Rufe stand. 

Wir haben den Sublimat schon längere Zeit in einer Lösung von 1 auf 5000 
auch bei chronischen Catarrhen angewendet, dann allerdings in etwas häufigen 
Applicationen, so dass der Patient angewiesen wird, die Augen 3—4 Mal täglich 
damit zu waschen. In dieser Weise scheint auch dieses Mittel empfehlenswerth. 
Es gibt ja häufig Fälle, wo man mit dem einen Mittel nicht recht vorwärts kommt 
und wo man froh ist, noch ein anderes Medicament versuchen zu können. 

Niemals versäume man bei lange andauerndem Catarrh mit lästigem Fliessen 
der Augen auch die Thränenwege einer genauen Untersuchung zu unterziehen. 
Bei ältern Patienten muss auch bei anfangs ganz einfachen Catarrhen die Horn¬ 
haut, deren Epithel in dieser Lebensperiode wenig mehr aushält, genau inspicirt 
werden, wenn man nicht plötzlich durch ausgebreitete, wenn auch oberflächliche 
Infiltration und Ulceration überrascht werden soll, die dann sogleich einer andern 
Therapie rufen. — 

Bei schwereren Conjunctivalaffectionen, dem phlyetänulüsen Process in seinem 
vielgestaltigen Auftreten, dem Croup der Bindehaut, der Blennorrhoe fällt die Ap¬ 
plication von Collyrien überhaupt ausser Frage. — 


Vereinsberiohte. 


Gesellschaft der Aerzte in Zürich. 

Soraraersitzung den 9. Juli 1887 im Operationssaale der chirurgischen Klinik 

im Cantonsspital. ! ) 

Präsident: Dr. Seite (in Stellvertretung). — Actuar: Dr. W. SchiiUhess . 

I. Prof. Krönlein stellt eine Reihe operirter Patienten und durch Operation ge¬ 
wonnener Präparate vor. 

Da diese Fälle meistens anderweitig literarisch verwerthet worden, verzichtet Vor¬ 
tragender auf ein Referat an dieser Stelle. 

II. Geschäftliche Mittheilungen des Präsidiums. 

Herr Dr. Heusser hat sich zur Aufnahme in die Gesellschaft gemeldet. 

Es liegt ferner eine Einladung vor zur Theilnahme am Alcoholcongress. Nach kurzer 
Discussion wird von einer officiellen Betheiligung abstrahirt, dieselbe aber den Mitgliedern 
empfohlen. Endlich wird die Frage betr. Beitritt zum Verbände des rothen Kreuzes dem 
Vorstand zur Berathung überwiesen. 


*) Erhalten den 20. Februar 1888. Red. 


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1. Wintersitzung den 5. November 1887. 

Präsident: Dr. II. v. Wyss. — Actuar: Dr. W. Schulthcss, 

I. Prof. Forel spricht über „einige hypnotische Fälle“. 

ln früherer Zeit war der Hypnotismus fast nur durch die Vorstellungen der 
sog. Magnetiseure bekannt, welche sowohl durch die Art und Weise der Erklärung als 
durch die Ausnutzung seiner Erscheinungen es dazu brachten, dass man den Hypnotis¬ 
mus allgemein als Schwindel betrachtete. Mesmm' behauptete, dass alle Erscheinungen 
durch ein magnetisches Fluidum entstünden und durch die Magnetisirkraft des Magneti¬ 
seurs hervorgerufen würden. 

Später kam James JBraid und bewies klar, dass die genannten Erscheinungen nur 
vom Nervensystem des Hypnotisirten herrührten. Er leugnete das Vorhandensein eines 
Fluidums und gab den Namen „Hypnotismus*. 

Liebeault (1866) fand theoretisch und practisch das, was wir heute als das Richtige 
anerkennen müssen. Er behauptete. dass der hypnotische Zustand nichts sei, als ein 
künstlich producirter Schlaf, der in sofern modificirt werde, als es dabei dem Einschläfern¬ 
den möglich sei, die Träume künstlich zu leiten. Die Hauptsache sei dabei die Eingebung 
(Suggestion) der Ideen, welche auch zum Theil im Wachen gelingen kann; in erster 
Linie die Eingebung des Schlafgedankens durch Hervorrufung der Erscheinungen, die boira 
Menschen das Einschlafen gewöhnlich begleiten. 

Charcot'B Erklärung ist jedenfalls nicht zutreffend. Er wollte eine Reihe von Er¬ 
scheinungen auf directem physikalischem Leitungswege entstanden wissen; z. B. die 
Lähmung einer Seite des Körpers durch Streichen der entgegengesetzten Kopfhälfte. Er 
hat zu seinen Versuchen ausschliesslich hysterische Personen benützt, die förmlich in der 
Hypnose eingeschult wurden, wobei Gewohnheitssuggestion (Autosuggestion) ohne Worte 
schwer auszuschliessen ist. 

Nach der Ansicht des Vortragenden besteht das Hypnotisiren in einer einfachen 
wirklichen Einschläferung, wobei nur die Fähigkeit, leicht cinzuschlafen, und der Willen 
dazu gehören. 

Das Verschwinden nervöser Erscheinungen durch Hypnotisiren isfc gewiss in ähnlicher 
Weise zu erklären wie das Verschwinden irgend eines Schmerzes (z. B. Zahnschmerz, 
ischiadische Schmerzen) in Folge von grossem Schreck (Feuersbrunst etc.) durch cerebrale 
Hemmungsvorgänge, hervorgerufen durch intensive Träume. Ist der Krankheitsreiz sehr 
eingewurzelt, so gelingt es im Allgemeinen nicht, denselben durch Hypnotisiren zu ent¬ 
fernen. 

Vortragender demonstrirt hierauf einige Personen, normale und kranke, welche 
hypnotisirt werden. 

I. Fall. Mädchen, 13 Jahre alt. Das Kind leidet an larvirter Epilepsie. 

Hier hat die Erfolglosigkeit des Hypnotisirens gerade die obige Diagnose bekräftigt. 
Der Schlaf, in den die Patientin versetzt wird, ist nur leicht; sie erinnert sich deutlich 
an alles nachher, obwohl sie unfähig ist, die Augen aufzuthun, den gehobenen Arm zu 
senken , die zum Drehen gebrachten Hände zum Stillstand zu bringen etc. Sie mass 
jedem Commando des Vortragenden gehorchen, wacht auch auf Commando auf. Man nennt 
diesen Zustand „Hypotaxie“. 

II. Fall. Gesunde Wärterin. Wird hypnotisirt. Der Schlaf ist tiefer als bei Fall I. 
Obgleich während des Schlafs der Vortragende versuchte, eine vollständige Amnesie zu 
suggeriren, erinnert sich die Person nach dem Erwachen doch noch an Einzelnes. Es 
besteht demnach nur partielle Amnesie, die Suggestion hat unvollständig gewirkt. Die 
Wärterin war vorher erst zweimal hypnotisirt worden. 

ni. Fall. Knabe, 16 Jahre, war früher ganz intelligent. Vor einiger Zeit fing er 
an zu Zeiten sich ganz eigenthümlich zu benehmen und zwar während mehrerer Tage, 
auf ein MaL war er aber wieder vollständig normal und erinnerte sich an die unsinnige 
Aufführung absolut nicht mehr. Die ganze Krankheitszeit bildete eine völlige Lücke in 
dem Bewusstsein seines Lebens. In die Anstalt verbracht, zeigte Patient einen ähnlichen, 


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8 Tage dauernden Anfall. Es handelt sich wohl um epileptisches Irresein und zwar um 
sog. epileptisches Aequivaleut. Dieser Patient verfallt sofort, sogar beim Stehen, in hypno¬ 
tischen Schlaf. Es genügt, dass Vortragender ihm die Hand vor die Augen hält und 
sagt „Schlaf“. Der Schlaf ist aber so tief, dass die Suggestion nicht wirkt. Patient muss 
sehr laut angerufen werden, damit er wieder erwacht. Das Hypnotisiren hat bei ihm 
therapeutisch keinen wesentlichen Erfolg gehabt. 

IV. Fall. Gesunde Wärterin, hat an einer hartnäckigen Neuralgie gelitten, nach¬ 
dem sie einige Zeit auf der Station der Unruhigen postirt war. Hier wurde die Neu¬ 
ralgie durch Hypnotismus geheilt, und blieb geheilt, obwohl die Wärterin stets den 
gleichen schwierigen Posten zu besorgen hat. Sie schläft sehr tief, gehorcht allen Com- 
mandos des Vortragenden, trinkt ein nicht vorhandenes Glas Milch, das ihr suggerirt 
wird, und dergleichen mehr, wacht auf das stärkste Klatschen nahe beim Ohr nicht auf, 
sofort dagegen, als Vortragender halblaut ihr das Erwachen befiehlt. Nach dem Er¬ 
wachen hat sie Alles vollständig vergessen (totale Amnesie). 

V. Fall. Potator. Hier wurde durch Hypnotisiren und Suggestion von Abscheu 
gegen Wein eine merkliche Besserung erzielt. Patient verfällt beim Hypnotisiren in 
ziemlich tiefen Schlaf, er setzt in sehr komischer Weise die Bewegung der Lippen beim 
Pfeifenrauchen während des Schlafes fort. Er gehorcht ausserordentlich prompt allen 
Befehlen des Vortragenden, macht Schluckbewegungen, kratzt sich, wenn ihm das Vor¬ 
handensein einer Laus an irgend einer Körperstelle suggerirt wird. Endlich führt er 
nach dem Erwachen einige Befehle, die ihm Vortragender während des Schlafes beige¬ 
bracht hatte, aus (posthypnot. Suggestion) mit Ausnahme eines einzigen. Er trägt 
unter Anderem eine Katze einem der Anwesenden zu. Befragt, warum er das thue, sagt 
er, „die Katze sei ihm im Weg gewesen“. Er hat gar keine Erinnerung und kein Be¬ 
wusstsein davon, dass diese Handlungen ihm im Schlaf dictirt worden waren. Er glaubt 
aus freiem Willen zu handeln. 

Zum Schlüsse erwähnt Vortragender, dass ihm gelungen ist, unter 72 Versuchsper¬ 
sonen 52 mehr oder weniger tief zu hypnotisiren. Dabei hat er nie die geringste schädliche 
Folge der Hypnose beobachtet, während er vor einigen Jahren, bei einer hysterischen 
Wärterin, die er mit der alten schlechten Methode des Fixirens eines glänzenden Knopfes 
hypnotisirt hatte, einen bedenklichen hysterischen Anfall mit Verwirrtheit hervorgerufen 
hatte, der nur dem Inductiousstrom wich. — Dies beweist, im Einklang mit den neuern 
Beobachtungen in Nancy , dass es auf die Methode ankomrat, die man anwendet, sowie 
auf etwas Uebung und Sachverständniss. 

D i s c u s s i o n. Prof. Haab frägt an , wie sich Vortragender zu den Berichten 
stellt, denen zufolge durch Suggestion die Wirkung eines Blasenpflasters, Diarrhoe, 
Schweiss, Hautröthung erzielt worden sei. 

Prof. Ford replicirt, dass er die Versuche Bemheim' s als unbedingt zuverlässig 
hält. Diesem Forscher ist es gelungen, Hautrötho zu suggeriren. Solche Personen, die 
eine derartige Empfindlichkeit besitzen, werden aber sehr selten gefunden. Dass Diarrhoe 
und Schweiss durch Suggestion entstehen , ist sehr wohl möglich, da diese beiden Er¬ 
scheinungen im alltäglichen Leben auch unter psychischem Einfluss entstehen können. 
Hautröthe und Urticaria sehen wir ebenso auf psychische resp. Nerveneinflüsse hin ent¬ 
stehen. Blasenbildung ist nur äusserst selten beobachtet. Bemheim sah sie nur bei 
einer Somnambule. 

Prof. Krönlein frägt den Vortragenden an, ob er geneigt sei, bei einer altern Pa¬ 
tientin mit heftiger Trigeminus-Neuralgie mit oft viertelstündlich sich wiederholenden An¬ 
fällen den Hypnotismus zu versuchen. 

Vortragender erklärt sich hiezu bereit, erklärt aber zum Vornherein, dass es nach 
den bisherigen Erfahrungen nicht den Anschein hat, als ob irgendwie tieferliegende Leiden 
dadurch geheilt, ja nur auch gebessert werden könnten. So hat er auch bei einem perio¬ 
dischen Maniakus ohne allen Erfolg von Hypnotismus Gebrauch gemacht, obwohl die 
Hypnose gut gelang. 


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Dr. v. Monakow hat zwei Patientinnen mit Hypnotismus behandelt. Die eine litt an 
einer Brachialisneuralgie, wurde mehrmals hypnotisirt und scheinbar geheilt. Bald nachher 
trat bei ihr eine Trigeminusneuralgie auf, welche auf dieselbe Art beseitigt wurde. Nach 
einem schmerzfreien Intervall trat aber wieder die Brachialisneuralgie auf, wich wieder 
derselben Behandlung, recidivirte aber nach einigen Wochen wieder. 

Die andere Patientin litt an Hallucinationen. Auch bei dieser wirkte die Suggestion, 
aber nur für 14 Tage. 

Präsident dankt dem Vortragenden dafür, dass er das vielbesprochene Thema in 
dieser Versammlung zur Sprache gebracht und in so lichtvoller Weise erläutert hat. 

II. Es folgt die Abstimmung über die Aufnahme des Hrn. Dr. Heusser. Die Auf¬ 
nahme erfolgt einstimmig. Das Präsidium theilt mit, dass die Herren Dr. Fick und 
Pfister sich zur Aufnahme angemeldet haben. 


Referate und Kritiken. 

Lehrbuch der Fracturen und Luxationen, 

für Aerzte und Studirende bearbeitet von Dr. Albert Hoffa. Erste Lieferung. Würsburg, 

(Stahel) 1888. 240 Seiten. 

Ein sehr empfehlenswertes Buch, zum Studium wie zum Nachschlagen gleich ange¬ 
nehm und für die knappe Form vollständig mit allseitiger Berücksichtigung der Special- 
Arbeiten, besonders der betreffenden Lieferungen der „Deutschen Chirurgie“. 

Einen grossen Vorzug bilden die durchweg passend gewählten und ebenso instruktiv 
gehaltenen zahlreichen Abbildungen. Es gilt dies zumal für die Holzschnitte und die 
Farbenbilder. Leider wirken einzelne Zinkographien recht störend ; sie sind meist der 
Arbeit von Bardenheuer in der „Deutschen Chirurgie“ entnommen und theilen den Vorwurf, 
dass sie zu klein gehalten und daher die charakteristischen Formverhältnisse nur sehr 
undeutlich wiedergeben, mit den Originalien. Eine Abbildung der topographischen Ver¬ 
hältnisse der motorischen Centren der Hirnrinde wäre bei der Besprechung der Hirn- 
contusion wünschenswert!!. 

Recht auffallend ist es, wie kure und undeutlich die Kocher 1 sehe Repositions-Methode 
für Schulter-Luxationen beschrieben ist. Als beste und sicherste Methode ist sie doch 
jetzt allgemein anerkannt. 

Die vorliegende erste Lieferung enthält die Frakturen und Luxationen der 8chädel- 
und Qesicbtsknocben, der Wirbel, Rippen und obern Extremität bis zum Ellenbogen. 

Kaufmann, 


Atlas der Microscopie am Krankenbette. 

Von Dr. Alex . Peyer . II. Auflage. Verlag von Ferdinand Enke. Stuttgart, 1887. 

Vor Kurzem ist eine vollständig umgearbeitete und stark vermehrte Auflage des 
kleinen hübschen Buches erschienen, das schon bei seinem ersten Erscheinen in den medi- 
cinischen Kreisen sich so viele Freunde erworben hat. — Der zu einem stattlichen Werke 
angewachsene Atlas enthält 100 Tafeln mit 187 Bildern in chromolithographischer Aus¬ 
führung und umfasst in 12 Abtheilungen : 

I. Die microscopische Untersuchung des Blutes (3 Tafeln), II. der Milch (1 Tafel), 
1IL des Urins (66 Tafeln), ferner IV. Urethritis (7 Tafeln), V. Spermatorrhoe (8 Tafeln), 
VI. die microscopische Untersuchung des Inhalts der Nasen-, Mund- and Rachenhöhle 
(3), VII, des Auswurfs (12), VIII, des Darminhaltes (4), IX. des Mageninhaltes (1), X. 
die microscopische Diagnose verschiedener Unterleibsgeschwülste (2), XI. die Micro¬ 
scopie des Secretes der weiblichen Geschlechtsorgane (1), XU. in gedrängter Uebersicht 
verschiedene pflanzliche Parasiten des Menschen (2). 

Die Bilder, mit wenigen Ausnahmen Originalzeichnungen des Verfassers, sind in vor¬ 
züglichem Farbendrucke wahrhaft luxuriös ausgeführt; sie bilden selbstverständlich den 
Kern des Werkes und sind mit der grössten Sorgfalt und naturgetreu gezeichnet Ihre 
Ansführung ist durchschnittlich eine sehr schöne. Der begleitende Text, welcher auf der 
8eite der Bilder angebracht ist und so das zeitraubende und lästige Nachschlagen erspart 


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berücksichtigt io kurzer, gedrängter Fassung nur dasjenige, was dem Practiker unbe¬ 
dingt gegenwärtig sein muss. Ueber die Entstehungsweise des Buches gibt der Ver¬ 
fasser in der Vorrede selbst Aufschluss. Beim Selbststudium und bei der zur Liebhaberei 
gewordenen Gewohnheit, microscopiscbe Befunde zu zeichnen, kam der Autor allmälig 
nach verschiedenen Jahren in den Besitz von ungefähr 400 microecopischen Bildern, deren 
wichtigste in dem jetzigen Werke niedergelegt sind» 

Fast ohne Absicht, allerdings mit bewunderungswürdigem FleisBe , ist so allmälig 
das vorliegende Buch entstanden und gerade wegen seiner Entstehungsweise ist es ganz 
besonders geeignet, den Bedürfnissen und Anforderungen der practischen Aerzte zu ent¬ 
sprechen. Der weniger Geübte wird an der Hand dieses Buches sich rasch zureohtfinden, 
aber auch der Geübte wird sich immer wieder gerne des Buches bedienen , um die Er¬ 
innerung aufzufrischen.— Vor dem Erscheinen von Peyer 's Atlas existirte kein Werk, welches 
mit gleicher Vollständigkeit alle diese diagnostischen Hülfsmittel behandelte. Das Buch 
entspricht einem dringenden BedÜrfniss, was schon durch die Thatsache illustrirt wird, 
dass es bald nach dem Erscheinen in die englische, französische und russische Sprache 
übersetzt wurde. 

Meinungsverschiedenheiten, welche man mit Bezug auf den Text mit dem Verfasser 
haben könnte, schmälern den Werth des Werkes nicht, das ja in erster Linie ein Atlas 
ist. Wir vermissen Bilder über die parasitären Hautkrankheiten und etwas stiefmütter¬ 
lich ist das Capitel Uber die Microorganismen behandelt. Trotz diesen kleinen Mängeln, 
welche dem Werke anbaften, halten wir dasselbe für eine ganz vorzügliche Arbeit so¬ 
wohl in Bezug auf die Reichhaltigkeit, als auch auf die naturgetreue Ausführung der 
Bilder, und wir empfehlen allen unsern Collegen, welche das so wichtige diagnostische 
Hülfsmittel nicht entbehren wollen, den Psyer’schen Atlas aufs Wärmste. 

Herrn. Müller . 


Deutsche Chirurgie. 

Herausgegeben von Bittrolh ty Lücke . Lieferung 50 b - Prof. Dr. Th. Kocher: Die Krankheiten 
der männlichen Geschlechtsorgane. Verlag von F. Enke, Stuttgart. 

Der vor uns liegende stattliche Band behandelt die Krankheiten des Hodens und 
seiner Adnexa und der Samenblasen mit wirklich erschöpfender Gründlichkeit und Aus¬ 
führlichkeit Zu einer Vergleichung mit der ersten Auflage des Werkes werden wir um 
so mehr aufgefordert, als in der neuen Auflage vielfach auf die frühere hingewiesen wird. 
Während letztere 469 Seiten mit 89 Illustrationen aufweist, ist das Werk in seiner neuen 
Gestalt auf nicht weniger als 640 8eiten angewacbsen, und ist mit 174 Holzschnitten 
illustrirt. Trotzdem betrachtet der Autor in der Vorrede es „als einen Vortheil der neuen 
Auflage, dass er sich diesmal Zeit genommen habe, sich etwas kürzer zu fassen/ 

Worin liegt nun die Beschränkung, und woher kommt es , dass die neue Auflage 
trotzdem diese Ausdehnung erreicht hat? Da fällt uns zuvörderst auf, dass die Casuistik 
wesentlich eingeschränkt und vielfach durch Hinweis auf die erste Auflage ersetzt ist. 
Hat dadurch das Werk an dramatischer Lebendigkeit elngebüsst, so bat es anderseits an 
Uebersichtlichkeit gewonnen. Immerhin müssen wir gestehen, dass in einem Sammel¬ 
werk, in welchem der Practiker sich Rath holen will, gerade casuistisches Material ihm 
für die Beurtheilung der in der Praxis vorkommenden Fälle besonders werthvoll sein 
muss. Weitaus der grösste Theil der Vermehrung des Inhaltes kommt auf Rechnung 
der pathologisch - anatomischen Darstellungen, die der Feder von Prof. Langhans in Bern 
entstammen und als solche besonders bezeichnet sind. 

Indem wir im Folgenden eine Uebersicht über den Inhalt des werthvollen Buches 
gebeo, werden wir dabei Gelegenheit haben, diejenigen Capitel namhaft zu machen, bei 
denen eine wesentliche Erweiterung und Bereicherung stattgefunden hat. Jedenfalls hat 
das ganze Werk eine gründliche Umarbeitung erfahren, so dass kaum ein Capitel auf¬ 
zufinden wäre, das nicht die bessernde und feilende Hand des Autors erkennen Hesse. 

Die erste Abtheilung behandelt die Krankheiten des Scrotums, unter denen die Ele¬ 
phantiasis sowohl in ätiologischer als in therapeutischer Hinsicht eine dem heutigen Stande 
der Kenntniss und der Technik angemessene Umarbeitung erfahren hat. 

Was die in der zweiten Abtheilung besprochenen Affectionen der Scheidenhäute an¬ 
betrifft , so finden wir bei diesen den diagnostischen Scharfsinn in so exquisiter W r eise 


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auf die Probe etelleoden Krankheiten vor Allem eine übersichtlichere Anordnung des 
Stoffes, welche ein leichteres Zurecht finden ermöglicht. Die seröse und die hämorrhagische 
Periorchitis, von welchen namentlich die letztere Gegenstand vielfacher Controversen und 
eingehender Untersuchungen war, sind in ihrem pathologisch - anatomischen Theil von 
Prof. Langham bearbeitet. Was speciell die Therapie der Hydrocele aßbetrifft, so freuen 
wir uns, dass Kocher gegenüber der Schnittoperation die Beit langem geübte Punction 
und Jodinjection zu ihrem Rechte kommen lässt, nicht ohne eingebende practische Winke 
über die richtige Ausführung des Verfahrens zu geben. Hätte dasselbe nicht das Unglück 
gehabt, lange ior der Schnittoperation bekannt gewesen zu sein, wäre es erst nach dieser 
erfunden worden, so wäre es wohl als ein entschiedener Fortschritt gepriesen worden. 

An dieses Capitel reiht sich naturgemäss die Besprechung der Varicocele an. 

Am ausführlichsten ist die dritte Abtheilung, welche die Krankheiten des Neben¬ 
hodens und des Hodens selbst zum Gegenstand hat, gehalten. Unter den acuten Krank¬ 
heiten sind neu * und von besonderem Interesse die Beobachtungen von Orchitis typhosa 
und variolosa. Tuberculose und Syphilis des Hodens sind pathologisch-anatomisch, erstere 
namentlich auch in ätiologischer und bacteriologischer Hinsicht besonders ausführlich be¬ 
handelt. Unter den Geschwülsten haben Kystom, Carcinom und Sarcom, immer noch 
Gegenstand zahlreicher Controversen, eine wesentliche Bereicherung erfahren. Namentlich 
auf Reohnung dieser Capitel kommt die bedeutende Vermehrung des Umfanges des vor¬ 
liegenden Werkes. 

Nachdem in einer vierten Abtheilung die Anomalien der Geschlechtsdrüse sowohl 
was Bildung und Lage, als auch ihre Funktionen anbetrifft, besprochen sind, bilden den 
8chluss die Krankheiten der Samenblasen. Eine Reihe neuer Beobachtungen dieser sel¬ 
tenen Erkrankungen sind in dieser fünften Abtheilnng enthalten. 

Dass die operative Therapie durchwegs voll und ganz auf der Höhe der modernsten 
Technik steht, ist bei einem Meister in der Antisepsis wie Kocher , der unermüdlich an 
deren Ausbildung arbeitet, nicht anders zu erwarten. 

So reiht sich deon der neu erschienene Band in würdiger Weise den bereits vor¬ 
handenen Bänden des grossen Sammelwerkes an, und wohl in keinem Falle wird der 
Practiker vergeblich darin nach Aufklärung und Rath suchen. Wiesmann , Herisau. 

Cursus der normalen Anatomie des menschlichen Körpers. 

Von G . Brcesicke. I. Hälfte. Knochen-, Bänder- und Muskellehre. Berlin, 1887. 

Fischers medicinische Buchhandlung (H. Kornfeld). VH. 229 Seiten. 

12 zum Theil farbige Holzschnitte. 

Das hier zu besprechende Buch gesellt sich den anatomischen Handbüchern zu, 
welche, unter Voraussetzung der gleichzeitigen Benützung des HeitzmanrC sehen oder Henle - 
sehen Atlas den Schwerpunkt in der compendiösen , leicht zu memorirenden Darstellung 
suchen. Es will nicht mehr sein, als ein Leitfaden zu den für ältere Studirende berech¬ 
neten Cursen des Verfassers, welcher selbst ausdrücklich davor warnt, auf ein gedanken¬ 
loses Auswendiglernen desselben ohne Studium am Präparat die Hoffnung eines erfolg¬ 
reichen Eintrittes in die wissenschaftliche Anatomie zu gründen. Die Anordnung des 
Buches ist, entsprechend seiner Bestimmung als Hülfsmittel zur Repetition für ältere 
Studirende und Aerzte keine rein systematische; in dem vorliegenden Theil wechseln die 
Capitel der Knochen-, Muskel- und Gelenklehre in der Reihenfolge der Körpertheile; 
es sind topographische und chirurgische Bemerkungen, die über das für den Anfänger 
Nöthige hinausgehen, dem vorgesehenen Leserkreis des Buches dagegen gute Dienste 
thun können, eingestreut. Einige schematische Figuren illustriren den Text. 

Die Beurtheilung des Buches kann, so lange sie die von dem Ver¬ 
fasser bezeichnete Tendenz im Auge hält, nur eine günstige sein; es wird 
bei Benützung im Sinne des Autors seinen Zweck erfüllen; bei 
dieser Art des Gebrauches werden kleine Lücken der Darstellung — beispielsweise die 
jedenfalls zu kurze Behandlung der allgemeinen Betrachtung des Beckens — nicht stören; 
bezüglich der Abbildungen kann Ref. sich nicht mit dem auch für ein 8chema zu weit 
gehenden Abweichen von den natürlichen Grössenverhältnissen (Fig. llj befreunden. In 
Fig. 1 vermisst er den, auch practisch in Hinblick auf die Existenz von Geschmacksfasern 
in der Chorda dorsalis in Betracht kommenden Verbinduogszweig zwischen dem Ganglion 


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geniculi A. facialis und der Jacobson *sehen Aoastomose. — Eine andere Frage ist es, ob 
für ein derartiges Buch, das nach dem Willen des Autors selbst ein Handbuch nicht sein 
will, die in Frankreich vielfach geübte Form der autographischen Wiedergabe nicht den 
Vorzug verdient; es kann ja leider nicht in Abrede gestellt werden, dass das von dem 
Verfasser verlangte selbstständige Studium an Präparaten gerade Seitens der vor dem 
Examen stehenden ältern Studirendeo, die am meisten das Buch gebrauchen werden, oft 
höchstens im Sinne eines „Einpaukens“, aber nicht im Sinne eines wirklichen Studiums 
durchgeführt wird. Die Ausstattung des Buches ist eine vorzügliche. Flesch . 

Die Lungenschwindsucht mit besonderer Rücksicht auf die Behandlung derselben. 

Von Dr. Aufrecht (Magdeburg). — Pathologische Mittbeilungen IV. Heft. 

Faber, Magdeburg, 1887. 

Die 1. Hälfte des Buches (57 pag.) ist der Pathogenese und Aetiologie der Phthise 
gewidmet; er sucht darin zu beweisen, dass bei der Lungenschwindsucht eine schon 
kranke Lunge vorausgesetzt werden muss, welche dem Festhaften und der Vermehrung 
des Tuberkelbacillus dann erst den geeigneten Nährboden liefert. Damit stellt er sich 
auf einen Standpunkt, der sich gewiss immer mehr als der richtige erweist. Dass vom 
Autor unter den Gelegenheitsursachen gesteigerte Ansprüche an die Lungenthätigkeit io 
erster Lioie erwähnt werden, wird eher umstritten sein. Auch die Rokitansky-Br eämer’sche 
Definition des phthisischen Habitus vermissen wir ungern. 

Aufrecht hehandelt die Phthise von Anfang an mit Morphium und Eisen. Sehr be- 
herzigenswerth ist das, was er sagt gegen die von vielen Aerzten gepflegte Mode, die 
Lungenkranken auch im Winter im ungeheizten Zimmer bei offenem Fenster schlafen zu 
lassen. Hohes remittirendes Fieber behandelt er selten und dann lieber mit Chinin als 
mit Antipyrin. Der Leberthran wird sonderbarer Weise aus dem Arzneischatz des 
Phthisikers verbannt. Mit Grund gestattet er nur kleinere Bpaziergäuge. Das gering¬ 
schätzige , übrigens auf keine eigenen Erfahrungen basirte Urtheil über Davos ist ent¬ 
schieden ungerecht. Siebenmann, 

Ueber das Verhältnis der Tuberculose zu den Geisteskrankheiten. 

Von Th. Buri . Basler Inauguraldissertation, 1886. 

Auf dieses Thema, welches den Engländern und Franzosen geläufiger ist als unB, 
hat in neuester Zeit Brehmer wieder die allgemeine Aufmerksamkeit der Psychiater bin- 
gelenkt. Veranlasst durch Prof. Wille hat Verfasser hier die ic den letzten 10 Jahren 
im Basler Irrenhaus zur Beobachtung gekommenen einschlägigen Fälle besprochen und 
seine Resultate sorgfältig verglichen mit denjenigen anderer (und Über grösseres Material 
verfügender) Autoren. In der Basler Irrenanstalt ist Tuberculose relativ selten, indem 
nur 15,6°/« sämmtlicher Todesfälle darauf gegründet oder wenigstens damit complicirt 
waren. In der Mehrzahl dieser Fälle muss die Tuberculose (der Lungen , nicht selten 
auch der Meningen) als Hauptursache der Psychose angesehen werden. In vielen Fällen 
ist Tuberculose und Psychose als Ausdruck derselben Constitutionsschwäche anzu¬ 
sehen. Was über die Gruppirung und die specifischen Formen der mit Phthisis compli- 
cirten Psychosen gesagt wird, muss in dem umfangreichen (140 3.) Original nachgelesen 
werden. Siebenmann . 


Cantonale Correspondeuzen. 

Basel. Eis eonplieirter Fall von puerperaler Pyaemie Bit 80 SckitteHHteten; 
Heilung. Im Archiv für Gynscologie, Band IX, pag. 826, wird Uber einen Fall Ahtfeltfs 
referirt, wobei eine Wöchnerin 57 Schüttelfröste gehabt hatte und geheilt wurde. Da 
sich durch genaue Untersuchungen keine anatomischen Störungen nachweisen Hessen, so 
nahm Ahtfeld an, es habe sich bei seiner Patientin, die 69 Tage lang stark fieberte, um 
eine Thrombose im Beckenraume oder um einen Eiterherd gehandelt, der sich nach innen 
geöffnet habe. 

Im Laufe des Jahres 1887 nun habe ich eine Patientin behandelt, die sich ebenfalls 
durch eine enorm hohe Zahl von Schüttelfrösten auszeichnete und sonstige Complicationen 


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darbot, bo dass ich den Fall wohl der Veröffentlichung werth erachte, dies um so mehr, 
als Herr Prof. Fehling , welcher aIb Consiliarius bei demselben augezogen worden war, 
mich dazu ermunterte. Ala consultirte und behandelnde Aerste haben auch die Herren 
Dr. Courvoisier und Dr. Buri die Patientin gesehen. 

Der Fall ist in Kürze folgender: 

Frau W., eine junge Frau in der Mitte der 20er Jahre, klein, vollkommen gesund, 
nicht hereditär belastet, hat ein platt rachitisches Becken ersten Grades. Die erste Ge¬ 
burt fand Endo Mai 1886 statt. Dieselbe dauerte 3 Tage und wurde am Ende des 
3. Tages durch mich mit der Zange beendigt. Da die Eröffnungszeit sehr langsam vor 
sich ging und der Kopf bei dem etwas verengten Becken hoch stehen blieb , sprengte 
die gewissenlose Hebamme am 3. Tage bei noch kleinem Muttermunde die Blase. Bald 
schwollen die Muttermundslippen durch den Andrängenden Kopf stark an, es trat Fieber 
von 39,5° auf, das Kind starb unter der Geburt ab und ich sah mich im Interesse des 
Lebens der Mutter genöthigt, die Zange anzulegen, sobald der Kopf im Beckeneingang 
feetstand und sich der Muttermund hinreichend zurückgezogen hatte. Die Zangenopera- 
tion liess sich verhältnissmäBsig leicht ausführen , so dass ich von der Perforation, die 
ich bei abgestorbener Frucht und Beckenverengerung eventuell io Aussicht genommen 
hatte, Umgang nehmen konnte. Das Fieber, das sich während der Geburt gezeigt hatte 
und jedenfalls nur auf die Entzündung des untersten Uterusabschnittes zurückzuführen 
war, verschwand schon nach wenigen Stunden vollständig. Im Puerperium entwickelte 
sich eine gutartige Thrombose der linken Vena femoralis mit Schwellung der ganzen 
Extremität, welche unter fieberfreiem Verlaufe innert 4 Wochen wieder verschwand. 
Durch einen Landaufenthalt erholte sich Patientin vollkommen. 

Die zweite Geburt trat Ende Mai 1887, also blos ein Jahr nach der ersten, ein. Das 
Fruchtwasser floss schon vor dem Wehenbeginn theilweise ab, wie es bei Becken¬ 
verengerung und dünnen Eihäuten sehr häufig ist. Die Lage des Kindes war normal, 
erste Hinterhauptslage. Die Eröffnung des Muttermundes erfolgte langsam. Als die 
Geburt schon 36 Stunden gedauert hatte, die Frau recht schmerzhafte Wehen bekam 
und für das Leben des Kindes zu fürchten war, legte ich bei wohl vorbereiteten Ver¬ 
hältnissen im Beckeneingang in der NarcoBe die Zange an und entwickelte mit einigen 
Tractionen ein mittelgrosses, lebendes Kind. In der Nachgeburtszeit trat eine ziemlich 
starke Blutung ein wegen Atonie des Uterus, die durch kräftiges Reiben und Expression 
der Placenta gestillt wurde. Immerhin musste der Uterus noch 2 Stunden sorgfältig 
überwacht werden. 

Die Wöchnerin befand sich nun ausser der durch die lange Geburt mit Operation 
und die ßlutarmuth bedingten Schwäche wohl. Verletzungen am Damm oder an den 
Genitalien waren keine vorhanden. Es sei nebenbei hier bemerkt, dass natürlich alle 
Vorsichtsmaassregeln in Bezug auf Desinfection ergriffen wurden. Die ersten 7 Tage 
des Wochenbettes verliefen vollkommen normal. 

Es war kein Fieber vorhanden, keine Schmerzempfindung, der Ausfluss nicht übel¬ 
riechend, der Uterus involvirte sich recht gut. Am 8. Tage dagegen zeigte sich ein 
Oedem der grossen und kleinen Labien, namentlich auf der rechten Seite; zugleich ergab 
eine Inspection der Genitalien ein Ulcus mit gelblichem Belag auf der rechten Seite des 
Scbeideneingange, von der Grösse eines 10 Cts.-Stückes. An diesem Tage trat auch der 
erste Schüttelfrost ein mit einer Temperatur von 40°. Von nun an wiederholten sich die 
Schüttelfröste täglich ein-, zwei- und seltener auch dreimal während 6 Wochen, so dass 
im Ganzen 60 starke Fröste beobachtet wurden, wobei ein blos leichtes Frösteln nie 
mitgesählt wurde, wodurch sonst eine noch höhere Zahl herausgekommen wäre. 

Die Fröste zeigten sich meistens Nachmittags oder Abends, seltener Morgens, und 
waren stets von einer Temperatursteigerung von 39—41° gefolgt. Doch auch in der 
Zwischenzeit ging die Temperatur nie spontan auf die Norm zurück. In der 8. Woche 
hörten die Fröste auf, dagegen hielt das Fieber noch weitere 9 Wochen mit morgend¬ 
lichen Remissionen an, so dass die Patientin 17 Wochen lang fieberte. 

Die Schwellung der äusseren Genitalien verschwand schon nach 3 Tagen und das 
Geschwür am Scheideneingang heilte auch innert 8 Tagen aus. Dagegen schwoll vom 
10. Tage an die rechte untere Extremität stark an und blieb mehr oder weniger während 
4 Monaten geschwollen ; namentlich war die Schwellung am Fusse sehr hartnäckig. Es 


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Hess eich auch im Verlaufe der Vena femoralis dextra eine Thromboairuog nachweisen, 
welche noch nach mehreren Wochen gefühlt werden konnte. 

In der 4. Woche der Krankheit flog Patientin an zu husten. Der Husten verliess 
sie erst nach 11 Wochen. Bald gesellte sich sum Husten ein dunkelfarbiger, überaus 
stark übelriechender Auswurf. Die physicalische Untersuchung ergab auf der linken 
Seite ein kleines pleuritisches Exsudat, rechts und links auf der Lunge Rasselgeräusche 
und circumscripte Dämpfungen, stellenweise bronchiales Athmen. 

Von Zeit zu Zeit trat auch plötzlich nach einem Froste heftiger Schmerz in der 
linken oder rechten Schulter ein, ohne dass eine Schwellung der Gelenke wahrzunehmen 
war oder eine erhebliche FunctionsBtörung dadurch bedingt wurde. Auch schwollen die 
Arme und Hände nie an. 

Schon während der Schwangerschaft litt die Patientin an einem Blasencatarrh , der 
während der Krankheit etwas zunahm, doch nach Ablauf derselben mit den übrigen 
Störungen vollkommen ausheilte. Der Urin enthielt nie Eiweiss. 

Im Wochenbett trat auch , fast über den ganzen Körper eich erstreckend, ein 
bläschenförmiges Eczem auf, das langsam eintrocknete und unter Abschuppung heilte. 

Eine mehrmals vorgenommeue innere Untersuchung Hess keine erheblichen Störungen 
constatiren ; nur eine kleine parametritische Narbe war zu fühlen. Der Uterus bildete 
sich sehr schön zurück und war nie schmerzhaft. 

Der Ausfluss war etwa 12 Tage lang etwas blutig gefärbt, doch nie übelriechend. 
Das Peritonäum war nie empfindlich, die Darmfunctionen etwas träge. 

Am Herzen liess sich nie eine Störung nachweisen. 

Der Gang des ganzen Processes war also jedenfalls der, dass am Ende der ersten 
Woche des Wochenbettes von einem vorhandenen Puerperalgeschwür am Scheideneingang 
aus, das wahrscheinlich traumatisch bei der Zangeneztraction entstanden war und an¬ 
fänglich gar keine Erscheinungen hervorgerufen hatte, ein Oedem der äusseren Genitalien 
entstand, dass von hier und vom Ulcus aus eine Fortpflanzung der Infectionsstoffe 
durch die Lymphbahnen zur Vena femoralis dextra mit Thrombosirung dieser letzteren 
stattfand und hier der Ausgangspunkt zu den mannigfaltigen Embolien gebildet wurde. 
Die Emboli setzten sich meistens in den Aesten der Arteria pulmonalis fest und erzeug¬ 
ten dort die Infarcte mit folgenden lobulären Pneumonien. Da die Emboli unzweifelhaft 
septischer Natur waren, so riefen sie in den Lungen jauchige Entzündungen nach Art 
der Lungengangrän hervor , die glücklich durch starke Expectoration und narbige 
Schrumpfung, respective Cirrhosirung ausheilten. Einige wahrscheinlich ganz kleine Em¬ 
boli passirten den Lungenkreislauf und gelangten durch die Aeste der Art. subclavise in 
die Schultergegenden, ohne hier ausser der vorübergehenden starken Schmerzempflndung 
weitere Störungen zu verursachen. Die Pleuritiden waren jedenfalls secundär entstanden, 
indem bei sehr peripherisch in den Lungen gelagerten entzündlichen Infarcten der Pleura¬ 
überzug in Mitleidenschaft gezogen wurde. Wenigstens Hessen sich die lobulären Pneu- 
monieen zuerst nachweisen und die Erscheinungen von Seiten der Pleuren traten nachher 
dazu. Der begleitende Blasencatarrh und das Eczem sind nebensächlicher Natur und 
hatten auf den ganzen Verlauf des Wochenbetts keinen wesentlichen Einfluss. 

Nur nebenbei sei noch erwähnt, dass die Behandlung ausser in gehöriger Desinfec- 
tion bei der Geburt in kräftiger Diät mit Cognac, Malaga , Bordeaux , Hühnersuppen, 
Schleim und Milch bestand, dass Eis und kalte Waschungen angewandt wurden und dass 
raedic&mentÖB-symptomatisch verfahren wurde. Es wurde Natr. salicylic., Chinin, Thallin, 
Antipyrin und Antifebrin verabreicht, wobei sich das letztere als das wirksamste und 
beste erwies. Gegen den furchtbaren Husten hatte Morph, mit Liq. ammon. anis. in 
Mixtur den besten Erfolg. Die geschwollene Extremität mit der Thrombose wurde ein¬ 
gebunden und durch Kissen flxirt. Details der Behandlung sind überflüssig, da die anti¬ 
phlogistischen, roborirenden und narcotisirenden Verfahren zu bekannt sind , als dass sie 
hier angeführt werden dürften. 

Zum Schlüsse erlaube ich mir nur noch die Bemerkung, dass ich mir als Motto für 
mein ärztliches Wirken in alle Zukunft tief die Worte in mein Gehirn einschrieb: Nun- 
quam desperare. Dr. C. VögtU, 

Graubündeil« Ein Fall von künstlicher Frühgeburt mit Accouchcment foreä. 
Mitgethoilt der Gesellschaft von Oberengadiner Aerzten in Zuz den 12. Febr. 1888. 




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Die Frage der künstlichen Frühgeburt hat eine Geschichte, die bis sum Jahr 1766 
surückreicht. Sie fand ihre warmen Vertheidiger und ihre hartnäckigen Bpkämpfer und 
die Frage wurde bald eu einer rein medicinischen , bald einer juristischen , bald einer 
theologischen und ethischen gemacht und auch beuto noch eählt sie immer su den 
„klinischen Zeit- und Streitfragen“. 

Unsere gegenwärtige messerlustige Generation will keinen Werthunterschied Ewischeu 
dem Leben der Mutter und demjenigen des Kindes gelten lassen, sondern die künstliche 
Frühgeburt beseitigt und durch die Sectio Csesarea ersetzt wissen. Allerdings hat der 
Kaiserschnitt viel von seinem Schrecken verloren. Antiseptik und moderne chirurgische 
Schulung haben seine frühere Mortalitätsstatistik um das Dreifache vermindert. Wenn 
wir das mütterliche und kindliche Leben in einem Tiegel verschmelzen, so ist das End¬ 
resultat des Kaiserschnittes für das gewonnene Produkt, den Allgemeinbegriff Mensch, 
sogar ein besseres , als das der künstlichen Frühgeburt. Die Humanität lehrt uns aber, 
einen Unterschied zu machen zwischen dem Sein der Mutter und der Frucht. Wie 
edel, wie schön sagt Schröder: „Das Leben der Mutter, von dem der Regel nach das 
Glück und oft genug auch die Existenz eines ganzen Hausstandes sowie das körperliche 
und geistige Wohlergehen einer ganzen Kioderschaar abbängen, hat einen unendlich viel 
höheren Werth, als das Leben eines ungebornen Kindes.“ 

Die künstliche Frühgeburt hat immer noch ihre volle Berechtigung und ist gerade 
tür uns, die wir leider noch durch Berge und mühsame Tagesreisen vom nächsten Spitale 
getrennt sind, eine wichtigere Operationsmethode als der Kaiserschnitt. Die Letztere würde 
auch in der Landpraxis gewiss ungleich mehr als 28*/. resp. 17,6% (speciell bei Becken¬ 
enge) Sterblichkeit, wie sie Credi neuerdings aufgestellt hat, aufweisen. Das Mortalitäts- 
verhältniss für die Mütter bei der künstlichen Frühgeburt ist aber nur 12%. 

Von diesen 12% mag der grosse Tbeil septischer Infection erlegen sein. In letzterer 
liegt die Hauptgefahr bei der künstlichen Unterbrechung der Gravidität, namentlich wegen 
des dabei gewöhnlich so protrahirten Geburtsverlaufes, den vielen Untersuchungen und 
wiederholten manualen und instrumentalen Eingriffen. Eine scrupulöse Anwendung der 
Antiseptik sollte aber auch die längst dauernden Geburten gefahrlos gestalten! Je länger 
sie dauern, desto unverdrossener und pedantischer sollen wir unsere Hände und Instru¬ 
mente sowie die Genitalien der Kreissenden aseptisch halten. Dann wird es uns stets 
gelingen, selbst in hygieinisch schlechten Räumen die Sepsis zu bannen. * Es wird der 
Zukunft Vorbehalten sein, die Resultate der künstlichen Frühgeburt noch günstiger zu 
gestalten. 

Ich bringe Ihnen nun meinen Fall als einen Beitrag zur Discussion : 

Montag den 16. Januar 1888 wurde ich zu Frau B.-Sch. in B. gerufen. 26jährige 
Mehrgebärende von kleiner, ordentlich kräftiger Statur. Sie stammt aus sonst gesunder, 
jedoch etwas neuropathisch veranlagter Familie. Sie selbst hat als Mädchen eine Peri¬ 
tonitis durchgemacht und nachher wiederholt an schwerer Chorea gelitten. Erste Menses 
mit 16 Jahren. Sie hat zweimal geboren, schwer, doch ohne KunsthÜlfe. Nach der 
zweiten Geburt Mastitis, welche zur Atrophie der rechten Brustdrüse führte. Letzte 
Menstruation Ende Mai. Die Frau erwartet ihre Niederkunit in der zweiten Woche März. 
In der Schwangerschaft wurde sie mehrmals von hysteroepileptischeo Anfällen heim- 
gesucht Sonntag den 16. Januar bekam sie heftige, wehenartige Schmerzen. Dieselben 
dauerten fast unaufhörlich fort und wurden nachgerade unerträglich. Meine Untersuchung 
(Montag Nachts) ergibt: Fundus uteri steht gut drei Querfinger breit über dem Nabel. Frucht 
in Kopflage, zweiter Stellung. Herztöne handbreit unter dem Nabel in der Linea alba 
zu hören. Der Uterus neigt stark nach der rechten Seite. Abdomen sehr empfindlich. 
— Scheide aufgelockert. Straffer Strang rechts. Die Vaginalportion bängt als ca. 1% cm. 
langer, weicher Wulst in die Scheide hinein. Oreficium externum für einen Finger ge¬ 
öffnet; innerer Muttermund geschlossen. Uterus ziemlich retrovertirt. Digitalexploration 
äusserst schmerzhaft. Dreiste Morphiumdosen und wiederholte Anwendung von Chloro¬ 
form verschaffen der Frau nur momentane Ruhe. Eine zweite Untersuchung zeigt grosse 
Spannung der Ligamenta rotunda, namentlich des rechten. Unterhalb des Nabels zeigt 
eich deutlich der Contractionsring. Der quere Einsohnitt fällt selbst der Hebamme auf. 
Eine Verwechslung mit der Harnblase bleibt ausgeschlossen. Diese war kurz vorher 
mittelst des Catheters entleert worden. Ich hatte also allen Gruad, eine Uterusruptur zu 


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befurchten uod entschloss mich daher zur Einleitung der künstlichen Frühgeburt. Nach 
Dilatation des Cervix führe ich, da ich gerade kein Bougie sur Hand hatte, einen Catbeter 
ein. (Dienstag Vormittags 10 Uhr.) Damit keine Luft eintrete, füllte ich denselben mit 
Sublimatwasser und verschloss dann das Ende mit einem Salicylwattetampon. Bald nach 
Application des Catheters ändert sich der Zustand der Frau, die Krämpfe hören allmälig 
auf und machen geordneten Wehen Platz. Uro 3 Uhr Nachmittags desselben Tages 
wechselte ich den Catheter. Beim Versuche , den neuen zwischen Uterus und Eihäuten 
gehörig in die Höhe zu schieben , perforirte er die Blase und ich lasse durch ihn das 
Fruchtwasser, zumal ich durch den für einen Finger durchgängigen Muttermund die Nabel¬ 
schnur vorliegend fühle, nur ganz langsam abfliessen. Die Nabelschnur zieht sich zurück und 
es liegt jetzt der Kopf vor. Die Wehen dauern fort, aber die Geburt will keine rechten Fort¬ 
schritte machen. Die folgenden drei Tage legeich, mittlerweile in den Besitz von ßougies ge¬ 
langt, successive stärkere ßougies ein. Dounerstag Nachmittags zeigt sich der Cervix fast 
ganz verstrichen. Der noch etwas wulstige Muttermund ist für zwei Finger durchgängig. Bo 
bleibt es trotz Wehenthätigkeit bis Freitag den 20. Januar früh. Da die Herztöne der 
Frucht schlechter geworden sind und auch die Frau sehr heruntergekommen ist, forcire 
ich die Geburt. Morgens fünf Uhr wird der Muttermund mittelst einer langen gebogenen 
Scheere an drei Orten seicht eingeschnitten. Morgens 6 3 / 4 Uhr hat sich der Muttermund 
so weit erweitert, dass sich die Löffel der Zange durchbringen lassen. Circa V 4 
Stunde später gelingt die Extraction. Das Kind, ein Knabe von 42^ cm. Länge und 
1610 gr. Gewicht lebt. Kopfumfang 29 cm. Die Haut ist faltig , voll Kunzein. Die 
Fingernägel stehen noch weit zurück. Das Scrotum ist leer. Das Kind macht einen 
elenden, greisenhaften Eindruck. Nach der Geburt erhält die Frau einige 8ecalepulver 
& 0,4 gr. — Lösung der Placenta mit dem Crede’schen Handgriff 8'/ 4 Uhr. Nachher kleine 
intrauterine Sublimatinjection 1,0 : 2000. 

Die Mutter machte ein durchaus afebriles und gutes Wochenbett durch und besorgt 
jetzt wieder ihre Hausgeschäfte. 

Das Kind erkrankte an Icterus , war aber relativ immer merkwürdig lebhaft und 
saugt ganz kräftig. Für gehörige Warmhaltung wurde natürlich zweckmässigst gesorgt. 
Dem stets in warme Tücher eingehüllten kleinen Wesen spendet ein grosser Engadiner 
Kachelofeo fortwährend strahlende Wärme. Nach 10 Tagen wog das Kind 1860 gr. ; 
es hat also täglich 24 gr. zugenommen. Seither habe ich es nicht mehr gesehen; es soll 
ihm aber gut gehen. 

Nach den von Ahlfeld aufgestellten Durchschnittszahlen (Schröder: Lehrbuch der Ge- 
burtshülfe, 7. Auflage, pag. 55) würde das Kind bei der Geburt der 80. Woche ent¬ 
sprochen habeu. Nehmen wir die letzte Menstruation als Ausgangspunkt für die Berech¬ 
nung des Alters, so erhalten wir die 31.—32. Woche. 

Was uns hauptsächlich interessirt, ist das sehr geringe Gewicht. Nach einer mir 
vorliegenden statistischen Arbeit von Fritz Hnbler (Berner Inaugural-Diefeertation 1885), 
welche über 71 Fälle von künstlicher Frühgeburt verfügt, wog das leichteste gedeihende 
Kind 1970 gr.; also doch bedeutend mehr als das unsrige. Es gehört vielleicht unser 
Fall zu den Seltenheiten. 

8amaden. 0. Bernhard . 


W oohentoeiriolit. 

Schweiz. 

Coacordat mit Engjaad. Die waadtländiscbe medicinische Gesellschaft hat an das 
Departement des Innern eine diesbezügliche Eingabe gemacht, worin die Abweisung der 
Vorschläge Englands empfohlen wird. Die hiefür aufgezählten Gründe sind im Allgemei¬ 
nen denen von der schweizer. Aerztecommission geltend gemachten conform. 

Eidg. Hedieftnal-PrAfangen« Jahresbericht 1887. Herr Sanitätsrath Dr. 
L. Meyer , Präsident des leitenden Ausschusses, stellt uns in dankenswerther Weise den 
an das eidg. Departement des Innern erstatteten Jahresbericht zur Verfügung. Wir ent¬ 
nehmen demselben folgendes: 

„... Im Jahr 1887 hat sich der leitende Ausschuss zu vier Sitzungen vereinigt und 
zwar je am 14. April, Ö., 6., 7. Mai, 19., 20., 21. Mai, 1. und 2. December, sämmtliche 


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Sitzungen im ßundesrathhause in Bern. In den beiden Maisitzungen hat eich die Behörde 
ausschliesslich mit der Revision des Reglements beschäftigt. 

„ . . , Hieran hat sich die Aufstellung eines besondern Reglements für die Prüfungen 
der Zahnärzte geschlossen , welche io Folge der im December 1886 durch die gesetz¬ 
gebenden Räthe erfolgten Annahme eines Oeseteesentwurfs betreffend Ausdehnung des 
Bundesgesetzes über Freizügigkeit des Medicinal-Personals d. 19. December 1877 auf 
die Zahnärzte nothwendig geworden ist. Die Aufstellung dieser Bestimmungen hat statt- 
gafunden in der Sitzung einer Special-Commission am 28. und 24. Juni in Bern, an welcher 
Theil genommen haben die vom h. Departement des Innern hiezu aufgerufenen Herren 
Prof. BiUeter von Zürich, Dr. Debonneville von Lausanne, Prof Redard von Genf, A. Rilimann , 
Zahnarzt von Basel, G . Scherb, Zahnarzt von Bern, J. Weliauer , Zahnarzt von Frauenfeld, 
unter dem Präsidium des Präsidenten des leitenden Ausschusses, 2.. Meyer, Sanitätsrath 
von Zürich. Es ist Meinung und Absicht gewesen, das Revisionsgeschäft, einschliesslich 
der Einreihung der die zahnärztlichen Prüfungen betreffenden Bestimmungen vor Ende 
1887 zu Ende zu bringen, und die sämmtlichen neuen Einrichtungen vom 1. Januar 1888 
ins Leben treten zu lassen. Leider ist es oicht möglich gewesen,, dieses Resultat zu er¬ 
reichen, indem die Redaction der Beschlüsse in Folge des Ausbleibens der Protocolle, 
das durch fortwährende Indisposition des seither verstorbenen Actuars veranlasst worden 
war, gänzlich verzögert worden ist. Es hat daher dieses Geschäft auf das Jahr 1888 
übergetragen werden müssen. 

Im Berichtsjahr ist dem leitenden Ausschuss vom h. Departement des Innern die 
Begutachtung einer Anregung zugewiesen worden, die vou der britischen Gesandtschaft 
ausgegangen ist und die Aufstellung eineB Reciprocitätsvertrages zwischen England und 
der Schweiz für die Ausübung des ärztlichen Berufes zum Gegenstand gehabt hat. Schon 
im Jahr 1882 ist die nämliche Anregung von Seite Englands an die Schweiz ergangen, 
welche dazumal für einstweilen abgekehnt hat. Im Jahr 1886 ist vom britischen 
Parlament eine Bill als „Medical Act“ angenommen worden, die in der That den aus¬ 
ländischen Aerzten für ihre Berufsausübung in England wesentlich günstigere als die 
früher bestandenen Bedingungen zusichert. In Folge dessen hat die britische Gesandt¬ 
schaft die Frage wieder aufgenommen. Der leitende Ausschuss hat sich von einem seiner 
Mitglieder, Herrn Professor Otivet in Genf, ein ausführliches Memorial über diese Frage 
einreichen lassen und dieses Memorial der in der Conferenz vom 1./2. December Über 
diesen Gegenstand veranlassten Discussion zu Grunde gelegt. In dieser Discussiou hat 
sich die Behörde in eine Mehrheit und eine Minderheit geschieden, zwischen welchen ein 
Compromiss nicht zu Stande gebracht werden konnte. Die Mehrheit räth entschieden vor 
jedem Eintreten in die Frage ab, während die Minderheit in der Annahme eines solchen 
Vertrages Vortheile für die Schweizer Aerzte zu erblicken glaubt. Dem b. Departement 
des Innern ist von beiden Theilen motivirter Bericht und Antrag eingegeben worden. — 

Der leitende Ausschuss hat folgenden principiellen Entscheid gefasst und denselben 
auch in das neurevidirte Reglement binübergetragen : 

„In Fällen, wo nach Art. 34 des Reglements nach dreimaligem Durchfallen im näm¬ 
lichen Examenact die Ausscbliessung von weiterer Zulassung in Perpetuum hat verfügt 
werden müssen, ist an dieser Verfügung festzuhalten auch da, wo der betreffende Aus¬ 
geschlossene das Pensum wieder von vorn angefangen und durchgearbeitet hat. . 

Das medicinische Fachexamen haben mit Erfolg bestanden: Amiet Cesar , Canton 
Solothurn ; BiUeter Carl\ Zürich; Brunner Adolf', Zürich; Fick Dr. Adolf, Preussen ; Guyer Otto, 
Zürich; Hdmmerli Max , Aargau; Kraffl Charles Emil\ Zürich; Morf Jakob , Zürich; Siegrist 
Albert , Basel; Suter Johann, Zürich; Wedekind Armin , Nordamerika; Wichser Jost , Glarus ; 
Wunderli Heinrich , Zürich; LardeUi Corrado , Graubüuden; Arnet Xaver , Luzern ; Machon Fran - 
fois, Neucbätel; Baumgartner OUo, Solothurn; Grandjean Henri, Vaud; Streit Bendicht , Bern; 
Rohr Carl , Bern; Roten Albert, Wallis ; Roth Emil, Bern ; Bayer Anna, Böhmen; de Montmollin 
Jacques, Neuchätel; Jeanrichard Charles Henri, Neucbätel; Lotz Arnold , Basel; Kahnt Moritz , 
Basel: Maser Ernst, 8cbaff hausen; Schdublin Hans, Baselland; Hagenbach Carl , Basel; Diethelm 
Rudolf Schwyz; Gersbach Sebastian, Aargau; Duvoisin Marc , Vaud; Gilbert Valentin, Genöve ; 
Meylan RenS , Vaud; Testaz Auguste , Vaud; Henggeier Adalrich , Zug ; Stockmann Julian , Ob¬ 
walden ; Schwander Emil, Bern; Kupfer Friedrich , Bern; Petitpierre Leon, Neuchätel; Humbert 
Paul , Neuchätel; Plüss Gottfried, Aargau; Caro Moses, Preussen; Calderon Eustorjio , Mittel- 


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Amerika; Heeberlin Hermann , Thurgau ; Hüppi Severin, St. Gallen ; Jud Carl\ St Gallen; Kraft 
Adolf Aargau; Ochsner Rudolf j Zürich ; Schult Hess Hermann, Zürich; Spiller Ferdinand, Glarus; 
Suchaneck Dr. Hermann, Preussen; UUmann Oscar, Thurgau; Wedekind Armin, Nordamerika ; Urich 
Sebastian , Aargau; WelH Emil, Aargau; Lerch Hermann, Bern ; Malles Henri , Vaud; von Salis 
Adolf Graubünden; Gäder Ernst, Bern; Jaunin Pierre, Vaud; Rummel Hans, Bern; Alpiger 
Max, Zürich; Bernhard Paul, Graubünden; Brauchli Ulrich, Zürich; Ettinger Leon, Rumänien; 
Eugsler August, Appenzell A.-Rb.; Krige Stephen, Capland; Melcher Adolf Graubünden; Notda 
Dr. August, Preussen; Roth Wilhelm , Zürich; Scherzinger Adolf Thurgau; Schiller Heinrich, 
Zürich; Zimmermann Ernst, Aargau; Rumpf Carl Alfred, Basel; Fuchs Joseph, Schwyz; Meier 
Emil , Aargäu; Hdgler Carl, Basel; Märet Dr. Moritz, Vaud; Landolt Alhard, Bern; Elmiger 
Franz, Luzern; Jenny Franz, Luzern; Enz Alois, Obwalden; Pradella Carl, Graubünden; 
Geinoz Simon, Fribourg; Hansen Carl Christian, Preussen; Droz Louis , Neuch&tel; Mörder Ed - 
mond, Vaud; Mayor Alois, Vaud; BStrix Albert, Vaud. 

89 Candidaten erhielten 1887 das eidg. Diplom als praot. Arzt; 8 fernere Candi- 
daten wurden als ungenügend befunden . u 

Wir ersehen ferner aus dem Bericht, dass ausser dem in den Sitzungen behandelten 
Material noch 308 weitere Vorkommnisse dieser Behörde zur Entscheidung Vorlagen, die 
meist durch Circularscbreiben oder längere Correspondenzen erledigt werden mussten. 

Angesichts dieses ganz beträchtlichen Verhandlungsmateriales, das so prompt und 
glatt erledigt wurde, drücken wir unsere Freude über diese anerkennenswerthen Lei¬ 
stungen aus. 

Ausland. 

BeriehtigOihg. Wir vernehmen, dass in Jena nicht Prof. Rosenbach (wie wir gemeldet 
haben), sondern Dr. Riedel, Oberarzt am 8pital zu Aachen, gewählt wurde. 


Stand der Infeetftons-Krankhetten. 


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2 — — 


6 — — 


Basel 20 . II.-10. III. 65 — 14 2 3 22 13 2 11 — — 

In.Basel zeigt der Scharlach wieder eine kleine Zunahme, wobei insbesondere 
Kleinbasel betheiligt ist, auf welches 29 der angezeigten Fälle treffen; 17 der 05 Er¬ 
krankten sind Erwachsene. Bei Diphtherie und Croup sind 10 der Erkrankten in 
Kleinbasel; auch die 2 P e r tu s s i s Anzeigen und die Mehrzahl der Varicellen fälle 
betreffen Kleinbassl. 


In eigener Sache. 

Bezüglich des Wechsels der Redaction hoffen wir unsern Lesern in nächster Nummer eine glückliche 
Lösung mittheilen zu können. _ 

Briefkasten. 

Alle Correspondenzen erbitten wir nns von nnn sn nnter der Adresse: 
„Redsetion des Correspondenz-Blattes Basel“. 

, Dr. Bonus, Zürich: Danke für die Berichtigung. 

Aerztetag Lausanne. Wir bitten, die Antworten der ärztl. Vereine auf die Anfrage betreff. Be¬ 
theiligung an Herrn Dr. E. Hafter, Präsident des ärztlichen Centralvereins, in Frauenfeld gelangen 
zu lassen. 

Druckfehler. In Siebenmann's Correspondenz aus München pag. 157, Zeile 8 und 9 von 
oben soll es heissen: zum Vergleich herbeigezogenen andern Präparaten mit andern pathologischen 
Processen, welche aber-sie verursachen können. 

Dr. Hürlimann bittet uns zu notlren, dass in seiner in der letzten Nummer publioirten Arbeit 
über Schulhygieine der Name des verdienten Cantonsbaumeisters Gobi irrtümlicherweise in „Kohl“ 
verdreht wurde. 

Schwelghauserische Buchdruckerel. — B. Schwabe, Verlagsbuchhandlung in Basel. 


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Erscheint am 1. und 15. fxu* 

jedes Monats. Ol 9 A J 

Inserate bCIl W 61Z6r A.QYZWt 

35 Cts. die gesp. Petitzeile. 

— Herausgegeben von 


Preis des Jahrgangs 
Fr. 12. — für die Schweiz, 
Fr. 14.50 für das Ausland. 
Alle Postbureaux nehmen 
Bestellungen entgegen. 


Dr. C. Garrö, 

Dooent in Basel. 

W, 7. XVIII. Jahrg. 1888. 1. April. 


lahalt: 1) Originalarbeitan: Prof. B. Kogenbach-Burckkardt: Ueber Ernährung und Dyspepsie im Siuglingsalter. — 
Dr. K. Perregaux: Monoplegia bracbialis mit Sensibilit&tutöruDgen. — 2) Vereinsberiehte: Medicinisch-pbarmaceutischer 
Besirktverein von Bern. — 8) Referate and Kritiken: Bunge: Lehrbach der physiologischen and pathologischen Chemie. 

— Prof. Dr. med. R, V. Krönlein: Ueber Gymnasial- and Universitätebildung and deren Bedeutung für den Medidner. — Dr. 
A. Stimmiger: Die Printipien der Epilepsie-Behandlung. — Orüoff: Gerichtlich-medidnische Fälle and Abhandlungen. 1. Kind 
oder Foetus? — Dr. P. Glatt: Etudee teehniques et pratiques sur THydrotherapie. — Dr. K. Pflüger: Kurzsichtigkeit and Er¬ 
ziehung. — Dr. J. Grünfeld: Compendiam der Augenheilkunde. — Dr. Otto Lange: Topographische Anatomie des menschlichen 
Orbitalinhalts. — Dr. Martin Neukomm: Bad Heustrich am Niesen (Berner Oberland). Seine Heilmittel und Indicationen. — 
4) Cantonale Correspondensen: Acten der schweizerischen Aerstecoromission. — Luzern: Zur Revision des Art. 69 der 
Bundesverfassung. — Solothurn; Eine Instrumenten- und Verbandtasche. — 6) W och en bericht; Hülfskosse für Schweizer 
Aerate. — Acid. c&rbol. camphor. — Proff. Liebermeieter und Erb. — Ueber Litholyse. — Creolin , ein neues Antisepticum. 

— 6) Infeetionskrankheiten in Zürich, Bern und Basel. — 7) In eigener Sache. — 8) Bri efkasten. — 
9) Bibliographisches. 


Original-Arbeiten, 

Ueber Ernährung und Dyspepsie im Säuglingsalter. 

Vortrag, gehalten in der medicinischen Gesellschaft zu Basel den 1. März 1888 
von Prof. E. Hagenbach-Burckhardt. 

Wenn wir uns die Schwankungen vergegenwärtigen, welche die Anschauungen 
über die künstliche Ernährung der Säuglinge in den letzten Jahrzehnten durch- 
gemacht haben, so erscheint es mir am natürlichsten, drei Perioden aufzustellen. 
Die meisten unter uns haben diese drei Perioden mit diirchgemacht; manche als 
Aerzte, die jüngeren unter uns freilich die erste Periode mehr als Säuglinge, waren 
also mehr Object, als Subject. Diesen wird deshalb weniger als uns älteren bei 
dieser Gelegenheit wieder einmal klar werden an diesem Theil der practischen 
Medicin, dass man puncto Wechsel der Anschauungen Allerlei erleben kann, wenn 
man ein gewisses, nicht einmal hohes Alter erreicht. 

Ich gehe mit Besprechung der letzten 20—30 Jahre nicht auf die Zeit zurück, 
wo die natürliche Ernährung des Säuglings, wenigstens an vielen Orten, recht 
vernachlässigt worden ist; diese Periode liegt zum Glück noch weiter zurück und 
vielleicht haben wir heute nur dadurch noch darunter zu leiden, dass die Frauen 
durch Mangel an Uebung im Stillen für spätere Generationen das Stillen erschwert 
oder unmöglich gemacht haben. 

Die erste der drei Perioden, welche ich die chemische nennen möchte, 
zeichnet sich dadurch aus, dass man vor Allem den Unterschied in der chemischen 
Zusammensetzung zwischen Frauenmilch und Kuhmilch hervorgehoben hat und, 
darauf basirt, bestrebt war, die Kuhmilch durch Verdünnung und durch Zusätze 
der Frauenmilch ähnlicher und so verdaulicher zu machen. Die Kuhmilch enthält 

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mehr Casein als die Frauenmilch, also muss sie verdünnt werden, sie reagirt meist 
sauer, also müssen Alkalien zugesetzt werden, sie enthält weniger Zucker, also 
muss dieser Stoff zugefügt werden. 

Bereits vor mehr als 20 Jahren wurden jedoch Stimmen laut, die sich dabin 
aussprachen, dass die im Ganzen doch nicht so grosse Differenz in dem chemischen 
Verhalten beider Milcharten nicht das Wesentliche sei und dass eine exacte Zu¬ 
bereitung der Kuhmilchnahrung in dieser Richtung doch nicht über alle Schwierig¬ 
keiten hinweghelfe. Ich möchte dies als die zweite oder die physiologische 
Periode bezeichnen, wo man hauptsächlich hervorhob, dass die Verdaulichkeit des 
Kuhcaseins eine andere, für das Kind schwierigere sei, als diejenige des Caseins 
der Frauenmilch. Man hat in Folge dessen der Kuhmilch, die als Nahrung für 
Neugeborene und Säuglinge dienen sollte, Stoffe in bestimmten Verhältnissen bei¬ 
gemischt, die das Kuhcasein zu ähnlicher feinflockiger Gerinnung bringen sollten, 
wie dies bei der Muttermilch der Fall ist. Es sind da hauptsächlich schleimige 
Mittel gebräuchlich geworden ; auch das Lactin gehört hieher. Biedert ist dann 
noch einen Schritt weiter gegangen und hat das Casein, das doch zum grösseren 
Theil unverdaulich ist, möglichst ausgeschlossen, indem er das nach ihm genannte 
Rahmgemenge in die Praxis eingeführt hat. Ich möchte hier beifügen, dass man 
schon in dieser Zeit sich lebhaft beschäftigt hat mit den Milchcuranstalten 
und über deren zweckmässigste Einrichtung. Die Fragen sind von Aerzten viel 
ventilirt worden, ob die Milch von einer Kuh, oder ob gemischte Milch vorzu¬ 
ziehen sei; man hat sich vom ärztlichen Standpunkt lebhaft dafür interessirt, 
welche Fütterung am passendsten sei, ob grünes oder dürres Futter besser sei 
11 . dgl. mehr. Man hat ferner seine Aufmerksamkeit darauf gerichtet, ob die Ställe 
sauber gehalten seien, ob man sich beim Melken sauberer Gefasse bediene; auch 
wir als medicinische Gesellschaft haben wiederholt Anläufe genommen, von der 
Wichtigkeit der ganzen Angelegenheit überzeugt, die Milchcuranstalten von uns 
aus zu überwachen, ja wir wären fast unter die Gründer gegangen; die Sanitäts¬ 
commission hat sich in neuster Zeit der Sache wieder angenommen, hauptsächlich 
im Interesse der Säuglinge. — Auch in der Kinderstube hat man sich dafür 
interessirt, dass die Milch nicht stark sauer reagire, und bei der Darreichung war 
man darauf bedacht, dass die Milch nur gekocht und zwar stark und wiederholt 
gekocht verabreicht werde, und dass auch hier grosse Reinlichkeit in Benützung 
der Gefässe beobachtet werde; so hat man, um nur ein Beispiel zu erwähnen, 
allmälig die schwer reinzuhaltenden ßiberons mit langen Schläuchen entfernt. — 
Wir alle haben in dieser Periode, die ja bis in die heutigen Tage sich hinein 
erstreckt, als Aerzte functionirt und sind wohl mit unseren Resultaten nicht übel 
zufrieden. 

Indem wir in Stall, Küche und Kinderstube besorgt waren, die Milch rein und 
unzersetzt durch Gährungserreger zu erhalten neben der Berücksichtigung einer 
richtigen Mischung und der geeigneten Zusätze zur besseren Gerinnung des Ca¬ 
seins, standen wir schon mit einem Fuss in der dritten Periode, die ich die 
bacteriologische bezeichnen möchte. Ehe wir uns mit dieser etwas näher 
beschäftigen, darf auch bei einer flüchtigen Charakterisirung nicht unerwähnt ge- 


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lassen werden, dass man in der eben skizzirten zweiten Periode immer mehr und 
besonders im zarteren Säuglingsalter die Amylacea fern gehalten hat; man hatte 
physiologische Bedenken dagegen — schon früher wurde ein anderes Prä¬ 
parat, das vielen von Ihnen nur dem Namen nach bekannt ist und das viele be¬ 
geisterte Anhänger hatte — die Liebig’sche Suppe — bei Seite gelegt; es war 
ein wohl ausgedachtes Nahrungsmittel des grossen Chemikers, der die Frauen¬ 
milch besonders dadurch nachahmen und ersetzen wollte, dass die plastischen und 
die wärmcbildenden Stoffe darin in einem zutreffenden Verhältnisse vorhanden 
sind. Die Kuhmilch wurde immer mehr als beste künstliche Nahrung anerkannt, 
aber in der richtigen Quantität und mit Vermeidung von Ueberfütterungen. 

Sehr ausgesprochen ist das heutige Bestreben, in erster Linie darauf aus¬ 
zugehen, die Gährungserreger in der Milch zu zerstören und dabei 
die Mischungsverhältnisse, das Verhalten des Caseins in den verschiedenen Milch¬ 
arten als weniger wesentlich darzustellen. Diese Anschauungen erstrecken sich 
nicht bloß auf die Ernährung bei den Gesunden, auch die ganze heutige Behand¬ 
lung der Dyspepsie im Säuglingsalter wird von derselben beherrscht. Wenn wir 
von diesem heutigen Standpunkt aus unsere früheren Erfahrungen über künstliche 
Ernährung einer Betrachtung unterwerfen, so müssen wir zugeben, dass wir heute 
Manches begreifen lernen, was uns früher unklar geblieben ist und was wir nicht 
erklären konnten, so lange wir blos die Mischungsverhältnisse, die Verdaulichkeit 
des Caseins u. dgl. als das Ausschlaggebende ansahen. Erlauben Sie mir, da an 
einige Puncte zu erinnern, die uns Allen ohne Zweifel schon aufgefallen sind und 
die uns zeigen mussten, dass noch andere Einflüsse von Bedeutung sein müssen. 

Wenn wir auch in hunderten von Fällen uns überzeugen konnten, dass die 
exacte Innehaltung der Vorschriften in Bezug auf Mischung und Zusätze der Milch 
am sichersten das Gedeihen des künstlich ernährten Kindes förderte, und ein Ab-- 
weichen von den bekannten Regeln bestraft wurde durch Störungen in der Ver¬ 
dauung, so gaben uns doch wieder andere Fälle viel zu denken, wo schon in den 
ersten Monaten z. B. unverdünnte Kuhmilch gut ertragen wurde, wo trotz den 
verpönten dicken Suppen und Breien die erwartete Dyspepsie ausblieb. Solche 
Thatsacben mit einer besonderen Resistenz gewisser Kindermagen zu erklären, war 
recht unbefriedigend und eben eine Erklärung, wie wir sie in der Medicin gar oft 
za Hülfe nehmen müssen, bis eine bessere sich darbietet im Laufe der Zeit mit 
der Zunahme der Erkenntniss. Wem ist nicht auf gefallen, wie auf dem Lande 
und namentlich im Gebirge Säuglinge mit Erfolg künstlich aufgefüttert wurden 
mit Nahrungsmitteln, die in der Stadt zweifellos schwere, oft lethal endende Dys¬ 
pepsien herbeigeführt hätten ? Ich konnte wiederholt die Beobachtung machen, wie 
zwei, drei Monate alte Kinder z. B. aus dem Eisass mit Klumpfüssen, Gefäss- 
geschwülsten oder anderen chirurgischen Affectionen uns ins Kinderspital gebracht 
wurden, strotzend von Gesundheit, obschon täglich vollgepfropft mit Zwieback¬ 
suppen und Mehlbreien. Im Kinderspital wurde bei diesen Kindern eine rationelle 
Ernährung eingefübrt und nicht selten zeigte sich gar bald eine Abnahme an 
Körpergewicht, ein Blasswerden und das Auftreten von Diarrhoe und Brechen. 
Wir suchten immer bei solchen Kleinen möglichst den Spitalaufenthalt abzukürzen? 


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machten überhaupt uns zur Regel, dieselben so viel als möglich poliklinisch zu 
behandeln. Es war keine ganz seltene Erfahrung und andere Kinderspitalärzte 
haben mir dieselbe bestätigt, dass Kinder, die längere Zeit im Spital verweilt 
hatten, mit dem Austritt, aus demselben wieder Zunahmen unter Nachlass der dys¬ 
peptischen Erscheinungen. — Verglichen mit unseren Resultaten in der Privat¬ 
praxis, namentlich in den höheren Ständen, mussten diejenigen im Spital als un¬ 
befriedigende bezeichnet werden. 

Ich habe ferner Jahr für Jahr bei meinen Aufenthalten im Gebirge, in den 
verschiedensten Bergeantonen der Schweiz mich jedesmal auch für die Ernährung 
der Säuglinge interessirt und mich oft contre cceur überzeugen müssen, dass un¬ 
verdünnte Milch, Suppen, diverse Breie schon dem Neugeborenen eingestrichen 
wurden, ohne dass dieselben anders reagirten, als mit Zunahme des Körpergewichtes 
und sichtlichem allgemeinem Gedeihen. Wie oft habe ich den sich für diese Frage 
interessirenden Müttern und auch Aerzten keine andere Antwort geben können, als 
die, dass wir in der Stadt dies nicht ungestraft versuchen dürften und im Spital 
noch weniger, so wenig, als wir ungestraft eine mangelhafte antiseptische Behand¬ 
lung riskiren dürften, die auf dem Lande und im Gebirge noch zu einem günstigen 
Ausgang führen kann. 

Freilich habe ich auch wieder im Gebirge sowohl dyspeptische Säuglinge als 
schlecht aussehende Wunden beobachten können. 

Es ist klar, dass solche Beobachtungen einem die Idee aufzwangen, dass neben 
der richtigen Zusammensetzung der Nahrung noch andere Dinge von Einfluss sind 
und natürlich lag es auch für unsere Frage am nächsten, an die Verunreinigung 
der Luft, der Nahrung mit Microben zu denken. Die relative oder absolute Rein¬ 
heit von Microorganismen im Gebirge im Gegensatz zu deren Anhäufung in den 
Städten und ganz besonders in Spitälern, Findelhäusern — zum Theil gehören 
auch die Krippen hieher — machen die eben mitgetheilten Differenzen zwischen 
Gebirge und Ebene, Land und Stadt, Aufenthalt ausserhalb und innerhalb eines 
Spitals erklärlich. Der Einfluss dieser Microorganismen kann durch die rationellste 
Ernährung, was Mischung und Zusätze zur Milch betrifft, nicht aufgehoben werden; 
es sind da andere Mittel zur Bekämpfung nothwendig. Dass die Luft im Gebirge 
reiner ist, als in der Ebene, das wissen wir in exacter Weise durch die Beobach¬ 
tungen von Miquel und Freudenreich , nach denen sich in einer Höhe von 2000 Meter 
ein vollständiges Fehlen von Microben herausstellte; schon in einer Höhe von 
560 Metern ist die Luft relativ rein, und über die Anhäufung von Microben in 
den Spitälern, pathogenen und anderen, fehlt es ja auch nicht an Beobachtungen. 
Also auch für den zarten Säugling wären von diesem Standpunkt aus die Höhen- 
curorte zu empfehlen. 

Ich möchte hier noch eine weitere Beobachtung anführen, die mir schon vor 
vielen Jahren deutlich zeigte, dass mit der scrupulösesten Milchdarreichung und 
der rationellsten Mischung nicht Alles gethan ist. So habe ich Fälle beobachtet, 
wo ich die Ueberzeugung hatte, dass nichts versäumt wurde, was Auswahl der 
Kuh, was Fütterung derselben, was Reinlichkeit in Geschirren, was Exactheit im 
Kochen betrifft — letztere Maassnahmen freilich nur reinlich und exact nach da- 


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maligen Begriffen — und doch wollte das ursprünglich kräftige und gesunde Kind 
nicht gedeihen. Dass solche Kinder rasch vorankommen in den meisten Fällen, 
wenn sie eine Amme erhalten, ist früher und heute noch eine anerkannte That- 
sache; dass aber dyspoptische Kinder, nachdem sie an das Euter einer Ziege 
direct gelegt wurden, ebenfalls sogleich gediehen, hat man wiederholt beobachten 
können und doch hätte man solchen Kindern die unverdünnte Ziegenmilch, die 
doch wesentlich abweicht von der Zusammensetzung der Muttermilch — auch in 
Beziehung auf die Case'ingerinnung — nicht in gewöhnlicher Art der Darreichung 
geben können, ohne dass Nachtheile entstanden wären. Das Kind unseres Schlacht¬ 
hausverwalters, Herrn Siegmund , heute ein 9jäbriger Junge, war für mich ein frap¬ 
pantes Beispiel. Einerseits war in diesem Fall die Möglichkeit gegeben, dass in 
der Auswahl der richtigen Kuhmilch und sonst in nichts gefehlt werde und doch 
anderseits kein Gedeihen bei dem ursprünglich gesunden Kind. Dafür trat sofor¬ 
tige Besserung aller Verdauungsstörungen ein, sowie das Kind die Ziegenmilch 
sich direct aus dem Euter bezog. Ziegenmilch aus der Flasche ertrug der Knabe 
nicht. Auch hier musste schon damals angenommen werden, dass auf dem directen 
Weg der Darreichung dem schädlichen Einfluss gewisser Stoffe auf die Milch aus¬ 
gewichen wurde, wie man ja überhaupt heute annimmt, dass die natürliche Er¬ 
nährung des Kindes an der Mutterbrust durch die Art und Weise der Aufnahme 
der Nahrung im Gegensatz zu der Auffütterung durch die Flasche die günstigen 
Resultate mit bedinge. Es ergibt sich auch aus der landwirthschaftlichen Erfah¬ 
rung, dass Kälber, welche mit Milch der Mutterkuh oder mit Mischmilch aus dem 
Kübel getränkt werden, in den ersten Lebenswochen häufig Diarrhoeen ausgesetzt 
sind; gegen diese gibt es kein besseres Mittel, als das Kalb direct an der Kuh 
saufen zu lassen. So kommt am Ende in einer vierten Periode der künstlichen 
Ernährung, wenn da noch von einer solchen kann gesprochen werden, die in 
Daudet’s Nabab als der grösste Pariser Schwindel persiflirte chövre nour- 
r i c i & r e wieder zu Ehren. 

Doch bleiben wir einstweilen in der dritten Periode stehen und sehen wir zu, 
wie heutzutage zum Nutzen der Säuglinge an der Saugflasche die Ernährung ge¬ 
leitet und wie die Ernährungsstörungen beseitigt werden müssen. Beginnen wir 
mit der Bezugsquelle der künstlichen Nahrung, mit den Kuhställen, so haben 
sich mit den heutigen Anschauungen auch die Anforderungen in dieser Richtung 
etwas geändert. Von grosser Wichtigkeit zur Erreichung einer guten Kindermilch 
erschien die Realisirung gewisser bereits berührter Desiderate, die Race der Kühe, 
die Art der Fütterung u. s. w. betreffend; es wurde, wie gesagt, immer mehr 
darauf gehalten, dass die Stallverhältnisse günstige seien und in vielen deutschen 
Städten sind besondere Milchcuranstalten entstanden, mit hohen hygieinischen An¬ 
forderungen an Stalleinrichtung und eine richtige Behandlung der Milch vom Augen¬ 
blick des Melkens bis zur Uebergabe an die Abnehmer. 

Wie stellt sich die heutige Medicin dieser practisch wichtigen Frage gegen¬ 
über? 

„An und für sich, sagt Soxlefh , ist es gleichgültig, was man füttert, unter den 
üblichen Verhältnissen der Milcbgewinnung findet eine Verunreinigung der Milch 


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mit Futterbestandtheilen, Kuhexcrementen und anderen Stoffen statt, welche Träger 
von Gährungserregern sind. Letztere können gutartiger oder bösartiger Natur sein 
und von der Natur und Menge dieser Gährungserreger wird es abbängen, ob eine 
Milch gedeihlich oder schädlich ist. Doch spricht sich auch Soxleth von seinem 
Standpunkt aus an einer anderen Stelle für Trockenfütterung aus. Trotz der ge¬ 
übten Reinlichkeit in den eigentlichen Milchcuranstalten kann aber von einer wirk¬ 
lichen Sterilisirung der Milch kaum die Rede sein, wie viel weniger können wir 
eine keimfreie Milch da erwarten, wo das Abc einer richtigen Stallhygieine und 
Milcbgewinnung noch nicht gelernt ist. Die Unschädlichmachung der Keime in 
der Milch wird also einstweilen nicht in der Stallung vor sich gehen können, was 
für das benützende Publicum allerdings das bequemste wäre; bis auf weiteres ist 
man darauf angewiesen, die Sterilisirung zu Hause vorzunehmen. Reinlichkeit 
in der Stallung, Art der Fütterung etc. wird dieselbe immerhin unterstützen. Zu 
diesem Zwecke sind im Laufe der Jahre verschiedene Apparate ersonnen worden, 
von denen ich Ihnen blos drei zeigen möchte, den Soltmann' sehen Apparat, 
wohl allgemein bekannt und in Basel viel in Gebrauch, den Soxleth 'sehen und 
die Modification von E gli-Sinclair. Alle diese Apparate gehen darauf 
aus, die Milch gehörig zu kochen und dadurch die Gährungserreger zu zerstören 
und die beiden letztgenannten sorgen zugleich für gründliches Auskochen der dabei 
verwendeten Gefässe und Utensilien. Wir wenden schon seit Jahren den Solt - 
mann 1 sehen Apparat an und haben allen Grund, damitzufrieden zu sein. 
Es ist natürlich sehr schwer zu sagen, inwieweit die Abnahme in der Säuglings¬ 
sterblichkeit, die wir in den letzten Jahren im Kinderspital beobachten, damit zu¬ 
sammenhängt; jedenfalls sind die Besserungen, die wir seit Einführung dieses Ap¬ 
parates erzielen, auffallende, während wir früher trotz aller Sorgfalt in Zusammen¬ 
setzung der Nahrung u. s. w. oft weit zurückblieben hinter den Erfolgen einer gut 
geleiteten künstlichen Ernährung in der Privatpraxis. Wir haben diese wenig 
erfreulichen Resultate wohl mit Recht mit der Spitalluft in Zusammenhang ge¬ 
bracht. Viel mehr erreicht Soxleth mit seinem Sterilisirungsapparat, der durch 
Tödtung oder genügende Abschwächung der schädlichen Organismen die Unähn¬ 
lichkeit der natürlichen mit der künstlichen Ernährung, wenn auch nicht ganz, so 
doch der Hauptsache nach auf heben will. „Da eine vollständige Sterilisirung der 
Milch, sagt Soxleth , schwierig durchzuführen und mit Umständlichkeiten verknüpft 
ist, so wird man im Interesse der Anwendbarkeit und Einbürgerung eines dahin 
abzielenden Verfahrens, sich damit begnügen können, wenn das der Sterilisirung 
bekanntlich sehr hartnäckig widerstehende Milchsäureferment so weit abgeschwächt 
wird, dass sich die Milch bei mittlerer Zimmertemperatur 3—4 Wochen ohne zu 
säuren erhält. Dieser Sterilisirungsgrad wird erreicht, wenn man die Milch in 
verschlossenen Flaschen 35—40 Minuten bei der Siedetemperatur des Wassers 
erhitzt.“ Es ist begreiflich, dass der Soxleth'sche Apparat wegen seines hoben 
Preises und seiner Complicirtheit nicht recht in die Praxis einzudringen vermag; 
Egli-Sinclair hat sich deshalb einen ähnlich wirkenden Apparat construirt, der in 
der That neben grösserer Einfachheit auch Verbesserungen bringt puncto Grösse 
der Flaschen und Anwendung der Saugspitzen. Diesen letzteren Apparat wenden 


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wir seit letztem Sommer viel an im Kinderspital und sind im Ganzen mit der Ein¬ 
richtung und mit den erzielten Resultaten recht zufrieden. Nur möchte ich Ihnen 
ratben, bei Bestellung des Apparates auch eine gehörige Anzahl Reserveflaschen 
mitkommen zu lassen, da bei dem langen Kochen das Zerspringen derselben etwas 
sehr Gewöhnliches ist. Wenn ich auch das Bedenken äussern muss, ob nicht auch 
dieser einfacher construirte Sterilisirungsapparat immer noch zu complicirt und zu 
theuer ist für die ärmere Bevölkerung, die doch das Hauptcontingent der Ernäh¬ 
rungsstörungen liefert, so stehe ich nicht an, denselben auf Grund vielfacher Er¬ 
fahrung zu empfehlen und als einen bedeutenden Fortschritt in diesem wichtigen 
Capitel der künstlichen Ernährung zu begrüssen. 

Wenn auch die eben mitgetheilten Anschauungen aus den letzten Jahren über 
die richtige künstliche Ernährung sehr Vieles für sich haben, so werden Sie doch 
zur Erkenntniss gekommen sein, wenn Sie diese Frage in der Litteratur der letzten 
Zeit und namentlich in den Verhandlungen der Section für Kinderheil¬ 
kunde auf der letzten Naturforscherversammlung in Wiesbaden 
im Jahre 1887 sich angesehen haben, dass auch heute noch die Ansichten ziem¬ 
lich weit auseinander gehen. Vergleichen wir aber die Verhandlungen in Wiesbaden 
mit denjenigen in Salzburg im Jahre 1881 über denselben Gegenstand, so zeigt 
sich deutlich, wie die Ansichten sich in den letzten 6 Jahren verändert haben und 
wie die Infectionstheorie in den Vordergrund getreten ist, von der in 
Salzburg nur mehr beiläufig gesprochen wurde. — Auch mich werden Sie einer 
auffallenden Sinnesänderung zeihen, wenn Sie meine heutigen Mittheilungen ver¬ 
gleichen mit einem Rüsumü, das ich vor wenigen Jahren über denselben Gegen¬ 
stand an derselben Stelle zu geben die Ehre hatte; aber tempora mutantur etc. —- 

Die beiden Referenten in Wiesbaden repräsentiren die differirenden Anschau¬ 
ungen. Während Biedert im Wesentlichen daran festhält, dass die Schwerverdau¬ 
lichkeit und abnorme Zersetzung des Caseins die Hauptgefahr bringe für den 
künstlich ernährten Säugling, hebt Escherich hervor, dass der wesentliche Unter¬ 
schied zwischen der natürlichen und der künstlichen Ernährung weder liegt in der 
Verschiedenheit der Verdaulichkeit der Eiweisskörper, noch den ebemiseb-physi- 
calischen Verschiedenheiten der beiden Milcharten überhaupt, so sehr auch diese 
Verhältnisse selbstverständlich für lebensschwache oder reconvalescente Kinder in 
Betracht kommen; derselbe liege vielmehr in der habituellen Ueberfütterung der 
künstlich genährten Säuglinge und in der unvermeidlichen Infection der 
Kuhmilch mit Spaltpilzen, die durch Vermengung ihrer Stoffwechsel- 
producte mit der Milch oder indem sie mit derselben in den Darmcanal eingeführt, 
dort ihre schädliche Wirkung entfalten, als Erreger der überwiegenden Zahl der 
acuten Verdauungsstörungen, insbesondere der die Säuglingssterblichkeit beherr¬ 
schenden Sommerdiarrbceen angesehen werden darf. 

Auf die Gründe, weshalb der Säuglingsdarm diese Invasion von Bacterien 
nicht bemeistern kann, will ich nicht näher eintreten; nach E. Pfeiffer wäre gerade 
die Alcalescenz des Darms daran Schuld. (Vergl. übrigens Bunge , physiologische 
Chemie pag. 152 über die antiseptische Wirkung der Salzsäure und E. Pfeiffer , Referat 
über die Verdauung im Säuglingsalter bei krankhaften Zuständen, Wiesbaden, 1887.) 


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Bei einer solchen Divergenz der Meinungen war es begreiflich, dass das Für 
und Wider in einer sehr lebhaften Discussion zum Ausdruck kam; doch zu einer 
endgültigen Entscheidung, welche Ansicht die richtige sei, konnte es nicht kommen. 
Beide Parteien konnten für ihre Ansichten ihre günstigen practischen Resultate 
Vorbringen. Und wenn ich Ihnen kurz meine Ansicht rein vom practischen Er- 
fahrungsstandpunct mittheilen soll, so muss ich gestehen, dass, so sehr ich von 
der Richtigkeit der Ansicht durchdrungen bin, dass eine richtige Zusammensetzung 
der Kuhmilch und eine richtige Vermischung mit schleimigen Mitteln nach den 
Vorschlägen Biedert s, Jacobt s u. s. w. von der wohltätigsten Wirkung sei für den 
zu ernährenden Säugling und dies mit zahlreichen Beispielen belegen könnte, so 
habe ich mich doch auch überzeugen müssen, welch grosse Vorzüge die sterili- 
sirte Milch zeigt gegenüber der bacterienhaltigen, und dass die erstere z. B. auch 
bei einer weniger starken Verdünnung, als wir bis dahin anzunehmen gewohnt 
waren, noch gut ertragen wird. Es lohnt sich also wohl der Mühe, die neuen 
Anschauungen einer genaueren Prüfung zu unterwerfen und möchte ich sehr dazu 
aufmuntern, nicht bei den exacten Vorschriften über Milch Vermischung und Zu¬ 
sätzen stehen zu bleiben, sondern auch für Sterilisirung derselben besorgt zu sein. 

Stellen wir uns einmal auf diesen Standpunct, so ist es klar, dass wir die 
Dyspepsie des künstlich ernährten Säuglings, die Sommerdiarrhceen, 
die Cholera infantum, zum grossen Theil als Folge von Zufuhr gährung s- 
fähigen Ernährungsmaterials ansehen müssen. 

Die Behandlung d e r K i n d er d y spe p s ie wird also heute eine 
wesentlich a n t i ba ct e r i e 11 e sein müssen und da möchte ich nur ganz 
in Kürze auch diese practisch wichtige Frage berühren. 

Bei der heutigen Behandlung der Dyspepsie der Säuglinge treffen zwei moderne 
Behandlungsweisen zusammen, die bereits angedeutete antibacterielle und die locale. 
Die Behandlungsmethoden der Säuglings-Darmkrankheiten gehen auf eine Un¬ 
schädlichmachung der Microorganismen im Darme hinaus; mit der Darreichung 
der Nahrung, mit den Magenspülungen von Ebstein , mit den Darmspülungen, mit 
dor Anwendung von Medicamenten wird man bedacht sein, dieser Indication zu 
genügen. Wenn man darauf ausgeht, durch mechanische Behandlung der Dys¬ 
pepsie auf den Leib zu rücken, so wird man wohl dem Magen einerseits und dem 
Dickdarm andrerseits direct beikommen, den functionell und klinisch wichtigsten 
Theil des ganzen Darmrohres,* den Dünndarm, wird man auf diesem Wege nicht 
erreichen. 

Erlauben Sie mir, dass ich Ihnen kurz mittheile, wie Escherich , der Haupt¬ 
vertreter der antiseptischen oder antibacteriellen Heilmethoden, sich da die rich¬ 
tige Ernährung vorstellt. Es muss nach ihm dieselbe so eingerichtet werden, 
dass an diesem sonst unnahbaren Darmabschnitt keine Gährung entstehe. Nun 
weiss man, dass es gerade die Kohlenhydrate sind, vor Allem der Zucker, der, 
so lange er nicht der Resorption verfallen ist, der Angriffspunct ist einer auf 
Bacterien beruhenden Zersetzung. Gestützt darauf sucht Escherich , um dem Auf¬ 
treten und den Producten dieser abnormen Gährung entgegen zu treten, in der 
Durchführung der Eiweissdiät das wichtigste Hülfsmittel zur Sistirung dieser Gäh- 


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rang and der dadurch hervorgerufenen Symptome. E, empfiehlt deshalb das Ei¬ 
weisswasser, das Kemmerich 'sehe Pepton, also Zufuhr eines ohne weitere Umwand¬ 
lung resorbirbaren oder im Darmsaft löslichen Eiweisskörpers, um den Ablauf der 
sauren Gährung und die weitere Vermehrung der dieselbe bewirkenden Bacterien 
im ganzen Bereich des Darmcanals zu sistiren. Ich füge hier gleich an, dass E . 
auch auf den Dickdarm einzuwirken sucht durch eine entsprechende Diät und hier 
kommt die von Garre auf der letzten Versammlung der Schweizer Aerzte hier in 
Basel ausgesprochene Idee über die Antagonisten unter den Bacterien 
zur practischen Verwerthung. Es schlägt nämlich E. vor, um die alcalische Gäh¬ 
rung im Dickdarm zu bekämpfen, da gerade Zucker als Heilmittel zu geben, damit 
eine saure Gährung angeregt werde; in solchen Fällen wären also gerade Zucker, 
stärkemehlhaltige Substanzen, Kindermehle und schleimige Mittel anzuwenden. Bei 
der Nahrungsauswahl für Kinder mit Darmstörungen komme es also sehr auf die 
Reaction der Darmcontenta an; wo saure Reaction stattfindet, da wäre Eiweiss¬ 
nahrung, wo alcalische Reaction, da wären Kindermehle u. dgl. am Platze. Ueber 
diese theoretischen Erörterungen möchte ich mir einstweilen kein Urtheil erlauben; 
es sind da ausgiebige practische Erfahrungen am Krankenbette und in der Kinder¬ 
stube zunächst abzuwarten. 

Dagegen nur noch einige Worte über die E bst ei n*sehen Magenspülun¬ 
gen und über die heute in den Vordergrund getretenen medicamentösen Mittel 
zur Bekämpfung der Kinderdiarrbceen. 

Die Magenspülungen wurden von Ebstein , dem Director des Findelhauses in 
Prag in die Therapie der Verdauungsstörungen im Säuglingsalter eingeführt, zum 
Zweck, den Magen zu entlasten von unverdauten und unverdaulichen Speisemassen 
und giftig wirkende Zersetzungsproducte zu entfernen ; nach den heutigen An¬ 
schauungen würde es sich wesentlich bandeln um ein antibacterielles Mittel. Die 
Ausspülungen sind in allen Fällen indicirt, wo die Erkrankung an Stellen localisirt 
ist, die dieser Methode zugänglich sind und wo dieselbe auf abnorme Gährungs- 
processe zurückzuführen ist. Als Spülflüssigkeit kann reines Wasser genommen 
werden, aber auch desinficirende Flüssigkeit, wie 3% Natronbenzoicumlösung wird 
gebraucht. Zur Spülung bedient man sich des bekannten Trichterapparats, natür¬ 
lich Alles in kindlichen Dimensionen, die Menge der einzufuhrenden Flüssigkeit 
kann schwanken zwischen 50 und 200 grm. Die Spülungen müssen täglich vor¬ 
genommen werden, bis die Dyspepsie verschwunden ist. Wir bedienen uns seit 
einiger Zeit häufig dieses Mittels und können nur in das Lob, das demselben auf 
der Naturforscherversammlung in Wiesbaden von vielen Seiten, ich nenne u. a. 
Demme, Biedert , Lopey , Ranke — gezollt wurde, aus eigener Erfahrung einstimmen. 
Bei Kindern, die unzweckmässig ernährt sind, wo das Brechen das Hauptsymptom 
ist, da konnten wir eine Sistirung der Dyspepsie schon nach den ersten Spülungen 
wahrnehmen. Also auch die Anwendung dieses Mittels, das in der Ausführung 
einfach ist und auch weniger peinlich erscheint als bei vielen Erwachsenen, möchte 
ich Ihnen angelegentlich empfehlen* 

Wenn wir die Richtigkeit der eben angeführten Ideen prüfen an den in solchen 
Verdauungsstörungen angewandten Medicamenten, also einen Schluss machen ex 


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juvantibus, so werden Sie mir zugeben, dass die Anschauung, es handle 6ich in 
der Kinderdyspepsie und vor Allem bei der Cholera infantum, bei den Sommer- 
diarrboeen wesentlich um eine bacterielle Störung, auch dadurch an Wahrschein¬ 
lichkeit gewinnt. So lange ich mich mit der Behandlung dieser Erkrankung be¬ 
schäftige, habe ich das Calo me 1 unter den vielen Heilmitteln, die mit den ver¬ 
schiedensten Indicationen verabreicht worden sind , als das werthvollste schätzen 
gelernt und in neuerer Zeit hat sich, wie mir scheint, an Zuverlässigkeit demselben 
angeschlossen das Bismuthum salicylicum, dessen Wirkung gewiss eben¬ 
falls als eine antibacterielle anzusehen ist. So sind neben einer richtigen diäteti¬ 
schen Behandlung, die auch heute noch obenan zu stellen ist, und die hauptsäch¬ 
lich in Beschränkung der Nahrung und namentlich der Milchnahrung besteht, die 
Spülungen des Magens und des Dickdarms, das Calomel und Bismuth. salicylicum 
— mit Naphthalin habe ich weniger günstige Erfahrungen gemacht — bei uns im 
Kinderspital zu einer hauptsächlichen Anwendung in der Behandlung der Magen- 
und Darmstörungen im ersten Kindesalter gekommen. 


Monoplegia brachialis mit Sensibilitätsstörungen. 

Von Dr. E. Perregaux in Montreux. 

A. B., Landarbeiter, 70 Jahre alt, Franzose (Chaufaux, Schweizergrenze), kam Ende 
November 1887 in meine Sprechstunde mit der Angabe, er könne seit vergangener Nacht 
den rechten Arm nicht mehr ordentlich gebrauchen. Anamnese ergibt, dass Patient das 
jOngste Kind einer sehr zahlreichen Familie ist, deren andere Mitglieder alle schon gestorben 
sind. Ueber etwaige Krankheiten seiner Eltern und Geschwistern weise er nichts anzu¬ 
geben. Mit Ausnahme einer Pockenerkrankuog will B. als Kind immer gesund gewesen 
sein. In seinem 50. Jahre soll er eines Abends unwohl nach Hause gekommen sein und 
bis in den späten Morgen geschlafen haben. Beim Erwachen konute er nur mit Muhe 
sprechen, auch hätten ihn die Nachbarn auf die schiefe Stellung seines Mundes aufmerksam 
gemacht. Diese Symptome verschwanden nach einigen Tagen, 

Was die jetzige Erkrankung betrifft, so habe Patient heute beim Ankleiden bemerkt, 
dass der rechte Arm viel schwächer wie der linke wäre, und dass er ihn nur mit Mühe 
und sehr ungeschickt brauchen könne. Status lautet: 

B. ist ein magerer , > kräftig gebauter Mann, dem sein Alter wohl anzusehen ist. — 
Die Untersuchung der inneren Organe ergibt normale Resultate : Herztöne normal, aber 
schwach (keine Geräusche). Leicht atheromatöse Entartung der Radialis und Temporalis 
superficialis. 

Der Kranke hält den rechten Arm in leichter Ellbogcnfiexion in Mittellage zwischen 
Pro- und Supination an den Körper herangezogen. Handgelenk und Finger ebenfalls leicht 
flectirt. Wie ich nun den Mann seine ßlouse und Weste Ausziehen lasse, will das Auf¬ 
knöpfen gar nicht gelingen, die dazu nöthigen Bewegungen (rechts) werden ungeschickt 
ausgeführt, es existirt kein Maass zwischen diesen ausgiebigen Bewegungen und der zu 
liefernden Arbeit. Noch mehr ist aber dies beim Aufknöpfen des Hemdes der Fall. 
Die groben Bewegungen selbst beim Ausziehen gehen viel besser vor sich. Das 
Schultergelenk des rechten Arms ist frei, wird aber Patient aufgefordert, den Arm 
über die Schulter hinaus zu heben (Serratus ant. ?), so geschieht dies etwas langsam. 
Im Ellbogengelenk lässt sich der Vorderarm activ und passiv leicht beugen und 
strecken , pro- und supiniren; dagegen wird das Handgelenk schwer flectirt (activ), 
noch mehr ist dies bei den Fingern der Fall, Beugung, Streckung gehen hier schwer 
vor sich, am meisten haben die Daumenbewegungen gelitten; es macht den Eindruck, 
als wäre die rechte Hand lange dem Einfluss der Kälte ausgesetzt gewesen. — Häude- 
druck ist rechts schwächer als links , die grobe Kraft des rechten Arms ist, wie es 
scheint, erhalten. 


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Die nun zu schildernden Anomalien beziehen sich nur auf den rechten Vorderarm 
uud swar gelten sie wohl ffir dessen dorsale als volare Seite und die rechte Hand; es 
existirt kein Unterschied zwischen den verschiedenen Nervengebieten in dieser De« 
Ziehung. 

Die Haut ist auf Druck und Berührung fast unempfindlich, Kopf und Spitze einer 
Nadel werden überall nur schwer von einander unterschieden, Patient lässt sich mehrmals 
berühren, ehe er sich ausspreche» kann. Die Algesie ist ebenfalls herabgesetzt, und erst 
tiefes, energisches Stechen ruft eine Empfindung hervor (dieselbe ist aber weder ver¬ 
langsamt noch pervers). Die Analgesie erstreckt sich auch auf die tiefer liegenden Ge¬ 
webe, so kommt es denn, dass Faradisation der Vorderarmmusculatur, die io dieser In¬ 
tensität für einen Gesunden unerträglich wäre, beim Patienten wenig Schmerz hervorruft. 
Eine Störung des Temperatursinnes ist unter diesen Umständen bestimmt zu erwarten 
und zwar ist dieselbe so ausgesprochen, dass es Patienten erst bei Berührung eines mit 
kochendem Wasser gefüllten Reagensgläschens gelingt, eine richtige Angabe zu machen. 
Es wurde vorher schon recht heisses Wasser als kalt bezeichnet. 

Der Mu8kelsinn hat auch sehr gelitten, denn wird die Flexorengruppe des Vorder¬ 
arms durch den electrischen Strom zur Contraction angeregt, so kann sich Patient darüber 
nicht recht klar werden, ob sein Vorderarm gebeugt oder gestreckt wird. Ferner können 
Hand und Fingern die verschiedensten Lagen gegeben werden, ohne dass Patient dazu 
aufgefordert, dieselben Bewegungen mit der linken Hand uachahmen kann. 

Wie steht es schliesslicn mit dem Tastsinn? Auch dieser ist bei weitem nicht normal, 
denn während es dem Patienten keine Mühe kostet, verschiedene Gegenstände (Uhr, 
Messer, Münze), die ihm in die linke Hand gegeben werden, durch Betasten sofort richtig 
zu erkennen, nimmt das gleiche Experiment rechts viel mehr Zeit in Anspruch, um ge¬ 
wöhnlich ein falsches Resultat zu geben. 

Auf der rechten Körper- und Kopfhälfte sind sonst keine Anomalien zu constatiren, 
besonders sind Gehör, Gesicht, Geruch und Geschmack normal. 

Zusammenfassend handelt es sich um die Deutung und Grtfppirung folgender 
Symptome: 

Parese des rechten Vorderarms, besonders aber der Hand und Finger. (Die¬ 
selbe nimmt überhaupt also nach der Peripherie zu) Ungeschicklichkeit, ja fast 
Ataxie bei feineren, complicirteren Bewegungen, während einfache leichter ge¬ 
lingen. Bedeutende Herabsetzung der Haut- und Muskelsensibilität, des Temperatur-, 
Muskel- und Tastsinns. — Erhalten ist im Ganzen die grobe Kraft, nur ist der 
Händedruck rechts schwächer als links. 

Diese Veränderungen sind bei einem bis dahin gesunden Mann (mit Ausnahme 
des vorhin erwähnten leichten Schlaganfalls) plötzlich in einer Nacht aufgetreten. 
Die Vertheilung und Natur der hier vorhandenen Störungen weisen entschieden auf 
einen centralen Ursprung hin , es liegt eine central verursachte Monoplegie oder 
Monoparese vor. Das Auffallende dabei ist das Vorhandensein von Sensibilitäts¬ 
und Motilitätsstörungen, von denen letztere aus ersteren möglicherweise erklärt 
werden können. Es erinnert der eben beschriebene Symptomencomplex an den¬ 
jenigen einer Tabes. Bei dieser Krankheit ist die Ursache der Ataxie in der 
Unterbrechung der sensiblen Bahn und dem in Folge dessen ausgeschalteten 
Reflexbogen zu suchen; bei unwillkürlichen Bewegungen fällt der co- 
ordinirende Moment desselben aus; in unserem Falle aber sind es gerade willkürliche 
Bewegungen, die einen atactischen Charakter haben, es sind also wahrscheinlich 
die „Bewegungsvörstellungen“, wenn ich mich so ausdrücken darf, die gelitten 
haben. 

Munk war der Erste, der durch seine Exstirpationsversucbe, die von Ferrier , 


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Fritsch , Hitzig und Anderen erkannten Rindencentren des Gehirns, nicht nur genauer 
bezeichnen half, sondern das wahre Wesen der von denselben ausgehenden Be- 
wegungsvorstellungen uns kennen lehrte. Hatten doch vor ihm die Meisten (nur 
Schiff machte hier glaube ich eine Ausnahme) behauptet, dass Zerstörungen der 
Rindensubstanz innerhalb dieser Bewegungscentren einen Ausfall von Motilität ohne 
Alteration der Sensibilität notbwendigerweise zur Folge haben müssten, so zeigte 
Aftiitft, dass dem nicht so ist. Hunde, deren „Rindencentra“ zerstört worden, wurden 
von ihm in Bezug auf Sensibilitätsstörungen einer genauen Prüfung unterzogen. 
Je nach der Grösse der Exstirpationen und der Dignität der exstirpirten Theile 
fielen die Versuche verschieden aus. Den Gang dieser Untersuchungen kann ein 
Jeder nachlesen. Ich möchte hier nur ein Beispiel citiren. Es wurde ein Hund 
in dem Centrum für das linke Vorderbein operirt. Nachdem nun die entzündlichen 
Erscheinungen vorüber waren, konnte constatirt werden: Der Hund kann dieses 
linke Vorderbein noch zu Gebbewegungen gebrauchen, dasselbe wird auf Reflex 
bewegt. 

Es sind aber verloren gegangen (im Fall einer ausgedehnten Exstirpation): 
ßerührungs-, Druck-, Lage-, Tastvorstellungen. „Waren“, sagt Munk , „die Exstir¬ 
pationen nur klein, so gingen Tast- und Bewegungsvorstellungen vollständig oder 
nur theilweise verloren, Druck- und Lagevorstellungen waren erhalten. — Nach 
mehreren Tagen glichen sich die Defecte aus, waren die Lassionen nicht zu aus¬ 
gedehnt“ Es sind also „Bewegungsvorstellungen, Erinnerungsbilder von Allem, 
was bei Bewegungen gefühlt wird, von Haut-, Muskel- und Innervationsgefühlen.“ 
Daher nannte Munk dje Gesammtheit dieser Centra Fühlsphäre. Dies war das 
Ergebniss des Thierexperimentes. Lassen nun, fragen wir, pathologische Zustände 
der Gehirnrinde beim Menschen eine ähnliche Erklärung der Bewegungsvorstellungcn 
zu: handelt es sich in solchen Fällen um einen Ausfall von Sensibilität, der die 
Lähmung einigermaassen bedingt? 

Eine genauere Kenntniss der durch Erkrankung der 3 hier in Frage kommen¬ 
den Centra (Bein, Arm und Gesicht) gesetzten Symptome verdanken wir Wernicke . 
In seinem Lehrbuch der Gehirnkrankheiten (1, pag. 324—326) widmet dieser Autor 
der Beschreibung solcher durch Zerstörung der Gehirncentren entstandenen Mono¬ 
plegien einige Seiten und kommt zum Resultat, dass bei diesem Ursprünge dieselben 
immer von Sensibilitätsstörungen begleitet werden. Letztere werden häufig über¬ 
sehen, oder aber können in Folge des Zustandes des Patienten nicht wabrgenommen 
werden. Wernicke beschreibt eine „Monoplegia brachialis, cruralis und faciolinguinalis“ 
und zwar deckt sich seine Beschreibung der M. br. vollkommen mit den bei dem 
Fall, den ich hier mitzutheilen mir erlaube, beobachteten Symptomen. Es handelt 
sich in solchen Fällen mehr um eine Parese des Vorderarms, besonders aber der 
Finger und der Hand und zwar werden complicirte Bewegungen sehr schwer aus¬ 
geführt; dieselben haben dann einen atactischen Charakter. Es sind aber mehr 
oder weniger bedeutend abgestumpft „Druck-, Lage- und Tastvorstellungen“. 
Wernicke gibt zu, dass er leider über keine Sectionsbefunde verfügt. Der Insult 
ist bei den diese Krankheitsform verursachenden Blutungen z. B. sehr klein oder 
null, falls es sich um eine directe Monoplegie bandelt, und die Kranken überleben 


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ihn gewöhnlich. Einige Sectionsbefunde von Monoplegien liegen vor (Andral , 
Bouillaud , Dieulafoy) , es wird aber von den Autoren besonders hervorgehoben, 
dass Sensibilitätsstörungen intra vitam nicht vorhanden gewesen, möglicherweise 
übersehen worden. 

Was den von mir vorhin beschriebenen Fall betrifft, so glaube ich nichts an¬ 
deres annehmen zu können, als eben eine durch Zerstörungen innerhalb des linken 
Armcentrum verursachte Monoplegie. Ob hier nun eine Blutung oder eine acute 
Erweichung die Gehirnsubstanz zerstört hat, ist sehr schwer zu sagen; es handelt 
sich um einen älteren Mann, der schon früher vom Schlage getroffen wurde; ge¬ 
wisse Arterien sind atheromatös, wahrscheinlich sind es die Gehirnarterien auch; 
daneben können aber auch noch miliare Aneurysmen bestehen und Blutungen in 
der Hirnrinde sind so häufig wie Erweichungen. 

Auch ich bin nicht glücklicher als Andere gewesen und habe den Kranken 
nicht weiter verfolgen können. Was aus ihm geworden, weiss ich nicht. 

Der Zufall wollte es, dass letzthin am 10. Februar ein junges Mädchen mir . 
von einem Collegen zugeschickt wurde, das nach einem Falle und zwar einem 
sehr leichten Falle auf den linken Arm, Symptome, die denen der Monoplegia 
brachialis frappant ähnlich waren, darbot. Dieses Mädchen ist zuerst auf die 
Sensibilitätsdefecte aufmerksam geworden und zwar sind dieselben sehr stark aus¬ 
gesprochen. Es sind dabei auch Vorderarm und Hand leicht paretiscb, Finger¬ 
bewegungen atactisch. Die Anamnese ergibt, dass Patientin zwar gesund, aber 
aus hereditär belasteter Familie stammt, Mutter sehr nervös, eine Schwester 
hysterisch. Es handelt sich bei der Patientin wahrscheinlich auch um ein hyste¬ 
risches Leiden; eine gewöhnliche fleckweise auftretende h. Anaesthesie ist es 
nicht. Möglich wäre es, dass hier wiederum Hysterie dieselben Symptome wie 
ein Gehirnherd setzen würde, solche Beispiele lassen sich ja in grosser Zahl 
anführen. 

Die neueren Mittheilungen Charcot's (Legons sur les maladies du syst&me ner- 
veux faites ä la Salpdtri&re re$ues et publikes par Babinsky , Bemard , Ferd , Guinon , 
Marie et Gilles de la Touretle. Tome III, fase. I) beziehen sich zum Theil auf hy¬ 
sterische Lähmungen, geisterhaft wird dort die Differentialdiagnose zwischen 
hysterischen Lähmungen und den Lähmungen aus organischer Grundlage be¬ 
sprochen. Unter Anderem hebt Charcot hervor, dass motorische hysterische und 
die ihnen analogen Suggestionslähmungen immer mit Sensibilitätsdefecten sich 
vergesellschaften, er sieht in ihnen auch nichts anderes als einen Ausfall der Be¬ 
wegungsvorstellungen. Ist nun einmal eine solche Erklärung dieser Lähmungen 
angenommen, so darf es uns auch gar nicht mehr wundern, hie und da bei der 
Hysterie Fällen zu begegnen, deren Symptome sich mit denen einer circumscripten 
Lsesion der Gehirnrinde vollständig decken, und der blosse Zufall wird es mit 
sich bringen, dass bald das Bild einer Monoplegia brachialis, facialis oder cruralis 
bei einer Hysterischen entsteht. 


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Vereinsberich te. 
Medicinisch-pharmaceutischer Bezirksverein von Bern. 

Sechste Sitzung im Wintersemester 1887/88, Dienstag den 24. Januar 1888 . l ) 

Präsident: Dr. Schaerer. — Actuar: Dr. Dumont. 

Anwesend 22 Mitglieder und 1 Gast. 

1. Dr. Dnbois spricht „(Jeher Entartongsreaction“. 

Bekanntlich hat Erb unter dem Namen der Entartungsreaction eine Reihe von Er¬ 
scheinungen zusammengefasst, welche unter pathologischen Verhältnissen am Nerv und 
Muskel nachweisbar sind. Es handelt sich um quantitative und qualitative 
Veränderungen der electrischcn Erregbarkeit, welche, so viel wir 
bis jetzt wissen, mit gewissen, sich in Nerv und Muskel abspielenden Ernährungsstörungen 
(degenerative Atrophie) in innigster Beziehung stehen. 

Nach Erb characterisirt sich diese abnorme electrischo Reaction in der Hauptsache 
durch: Abnahme und Verlust derfaradischen und galvanischen 
Erregbarkeit der Nerven und der faradischen Erregbarkeit 
der Muskeln, während die galvanische Erregbarkeit der Muskeln 
erhalten bleibt, zeitweilig erheblich gesteigert und immer 
in einer ganz bestimmten Art qualitativ verändert wird. 

Diese qualitative Veränderung besteht namentlich in der auffallenden Träg¬ 
heit der Zuckung und in der Umkehr der Zuckungsformel, indem 
die Wirkung der Anode vorwiegt. Die AnSZ ist gleich oder grösser wie die KaSZ. 
Oefters tritt auch die KaOZ ebenso leicht ein wie die AnOZ, oder sogar wie die KaSZ. 

Diese Entartungsreaction hat eine hohe diagnostische Bedeutung. Ihr Nachweis ge¬ 
nügt oft, um den Sitz der Erkrankung zu präcisiren. Sie kommt zunächst vor bei 
peripheren Lähmungen (traumatische, neuritische, rheumatische). Ist in solchen 
Fällen EAR vorhanden , so können wir daraus schliessen , dass die Läsion der Nerven 
eine erhebliche war, dass eine Leitungsunterbrechung stattgefunden hat, dass namentlich 
die Nerven und Muskeln nicht mehr unter dem Einflüsse der trophischen Centren im 
Rückenmark stehen. 

Sie kommt ferner vor bei spinalen Erkrankungen, spinale Rindenlähmung, 
progressive Muskelatrophie und progressive Bulbärparalyse, bei der amyotrophischen Late- 
ralsclerose, und öfters im Verlaufe anderweitiger Rückenmarksaffectionen, sofern dieselben 
auch die grauen Vordersäulen des Rückenmarks in Mitleidenschaft gezogen haben. Sie 
fehlt dagegen bei den cerebralen Lähmungen, bei den spinalen Lähmungen, 
bei welchen die Ganglienzellen der Vorderhörner intact geblieben sind. Sie fehlt eben¬ 
falls bei peripheren Lähmungen leichterer Art, bei hysterischen Lähmungen, bei Myo¬ 
pathien, bei den Atrophien, die in Folge Gelenkleiden oder Inactivität sich einstellen. 

Nach Erb ist die einzig sichere und unanfechtbare Schlussfolgerung, welche das Vor¬ 
handensein der EAR gestattet, folgende: 

1. überall da, wo EAR zu finden ist, müssen erhebliche 
anatomische Veränderungen — nämlich degenerative Atrophie 
— in den Nerven und Muskeln (eventuell in den Muskeln allein) vorhan¬ 
den sein; 

2. bei vorhandener EAR ist überall auf einen neuroti¬ 
schen Ursprung der Störung (Lähmung oder Atrophie) zu schliessen 
und es muss irgendwo, entweder in der peripheren motorischen Leitung 
oder im Centralorgan an den trophischen Centren, speciell also in 
gewissen Abschnitten der vorderen grauen Substanz des Rückenmarkes oder des ver¬ 
längerten Marks eine schwere Störung vorhanden sein. 

l ) Erhalten den 10. Februar 1888. Red. 


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207 


Erb hat die wichtigsten Erscheinungen der EAR in 4 Schemata dargestellt, wovon 
drei den Verlauf der completenEAR (leichter, schwerer und unheilbarer Fall) ver¬ 
anschaulichen, während das vierte Schema der partiellen Entartungsreaction 
entspricht, eine leichtere Form, bei welcher die Erregbarkeit der Nerven und die faradische 
der Muskeln nicht verschwindet, sondern nur sinkt. 

Was die prognostische Bedeutung der EAR anbetrifft, so äussert sich Erb folgender- 
raaassen: Unter sonst gleichen Umstanden, d. h. bei einer und derselben Krankheitsform 
und Ursache ist die Läsion um so schwerer, die Dauer dor Krankheit um so länger, 
die Aussicht auf völlige Wiederherstellung um so geringer, je ausgebildeter und voll¬ 
ständiger cfie EAR ist, in einem je fortgeschritteneren Stadium sie sich befindet. — Die 
partielle EAR ist also günstiger als die completo, die späteren Stadien ungünstiger als 
die früheren. Daraus kann man also die Prognose, die natürlich noch durch specielle 
Erfahrungen gestützt sein muss, bei den einzelnen Krankheitsformen stellen. 

Ich habe mich bei dieser Darstellung genau an Erb gehalten. Derselbe macht selbst 
darauf aufmerksam, dass seine Darstellung nicht den Anspruch machen kann, nach allen 
Richtungen und in allen Details erschöpfend zu sein. Es gibt klinisch allerlei Abwei¬ 
chungen vom typischen Verhalten. Erb hat verschiedene Ausnahmen beobachtet, z. Th. 
versucht, dieselben zu erklären und tagtäglich werden Fälle publicirt, bei welchen die 
electrischen Reactionen nicht in das Erb'&che Schema passen. So interessant diese Ab¬ 
weichungen auch sein mögen, so will ich doch dieselben hier nicht besprechen. 

L’exception confirme la regle, sagt der Franzose. Im Grossen und Ganzen hat das 
Erb'sche Schema seine volle Richtigkeit. Es resümirt in klarer Weise die Haupterschei¬ 
nungen der Entartungsreaction und hat für den Kliniker einen bleibenden Werth. 

Und doch muss ich, an Hand eigener Beobachtungen, einiges bezweifeln, resp. für 
die von mir untersuchten Fälle in Abrede stellen. Andrerseits muss ich gewisse Be¬ 
hauptungen französischer Autoren, die Erb als befremdlich und irrthümlich bezeichnet, 
aufrecht erhalten und bestätigen. 

Betrachten wir successive die verschiedenen Erscheinungen der EAR. 

Wahr ist und bleibt der Satz, dass im Allgemeinen (atypische Fälle ausgenommen) 
bei completer EAR die faradische und galvanische Erregbarkeit der 
N e r v e n zuerst sinkt und dann verschwindet. Dass aber die faradische 
Erregbarkeit der Muskeln ebenfalls verschwindet, kann ich nur 
dann zugeben, wenn man mit dem Namen faradischer Strom nur den schnei 1 - 
unterbrochenen Strom bezeichnet, den Strom, wie ihn Inductionsapparate bei frei 
schwingender Feder des Neef 1 sehen Hammers liefert. 

Nach meinen an verschiedenen Fällen von completer Entartungsreaction angestellten 
Versuchen reagiren meistentheils die Muskeln im Zustande der EAR noch deut¬ 
lich auf die Einzelschläge eines kräftigen Inductionsapparates. (Oeff- 
nungs- und sog. Schliessungsschlag). 

Allerdings ist diese Reaction auf Inductionsschläge eine hochgradig vermin¬ 
derte. Der kranke Muskel reagirt manchmal noch knapp auf den Oeffnungsschlag bei 
einem Rollenabstand = 0 eines unter normalen Verhältnissen noch bei 180 mm. wirk¬ 
samen DwioiVöchen Schlittens. Der kranke Muskel reagirt sehr schwach, aber er reagirt 
ganz sicher auf die Einzelnschläge sogar bei 50, 60, 70 und sogar 100 mm. R.-A. in 
Fällen, wo der stärkste Strom mit schneller Unterbrechung vollkommen wirkungslos bleibt. 
—Der kranke Muskel reagirt auf diese Einzelschläge mit einer unzweifelhaft trägen 
Zuckung im Vergleich zur gesunden Seite, wenn auch die Dauer der Contractiou 
vielleicht etwas geringer ist, als beim galvanischen Strom. Die Trägheit der Zuckung 
lässt sich grosso modo beurtheilen an der Zahl der Schläge, die nothwendig sind, um 
die Zuckung tetanisch zu gestalten. Es fand sich z. B. in einem Falle, dass 5 Schläge 
in der Secunde genügen, um die tetanische Contraction zu geben, während auf die gleiche 
Zahl Unterbrechungen der symmetrisch gesunde Muskel nur in zuckende Bewegung ge- 
rieth. Wenn ich hier von tetanischer Contraction rede, so ist das nur für das Auge. 


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Es ist möglich, dass bei Aufschreiben der Contraction auf den Kynographien die Einzel- 
schlage noch erkennbarer wären. Für das Auge war aber die Contraction des kranken 
Muskels eine tetanische bei einer Unterbrechungszahl, welche bei gesundem Muskel noch 
die einzelnen Zuckungen erkennen Hess. Bisher ist mir kein Fall von EAR vorge¬ 
kommen, bei welchem ich nicht in den Muskeln wenigstens eine Spur Erregbarkeit für die 
Einzelschläge meines Apparates (secundäre Spuhle von 10,000 Windungen eines 0,2 mm. * 
Drahtes) gefunden hatte. Ich hatte doch schwere Fälle, wo nach Ablauf der 30. Woche 
noch keine Spur willkürlicher Motilität vorhanden war. Allerdings habe ich keinen Fall 
gehabt, der als unheilbar hätte bezeichnet werden müssen. Nach meinen Beobachtungen 
reagiren aber meistentheils die Muskeln im Zustande der completen und 
schweren EAR und auf die Einzelschläge eines Inductionsapparates und 
zwar mit deutlich träger Zuckung. Bemerken muss ich noch, dass die Zuckung 
leichter eintritt, wenn die Quecksilberunterbrechungsvorrichtung (Metronom) mit einer Schicht 
von absolutem Alcohol bedeckt ist. 

Ausserdem muss ich die Behauptung von Rom . Vigouroux in Paris bestätigen, dass 
die Anode des faradischen Stromes bei EAR noch wirksam, ja in er¬ 
höhtem Maasse wirksam sei. 

Erb hat bei specieller Nachprüfung absolut nichts davon gesehen. Wahrscheinlich 
hat er nie mit schnellen Unterbrechungen geprüft oder aber mit einem schwächeren In- 
ductionsapparate. 

Arbeitet man aber mit Einzelschlägen eines kräftigen Inductionsapparates (30—60 
Schläge in der Minute) namentlich bei Quecksilbercontact und Alcoholspühlung, so ist 
das Vorwiegen der Anode gegenüber der Kathode unverkennbar, und ebenso 
auffallend wie beim galvanischen Strom. 

Diese Thatsachen können Sie leicht an dem Patienten, den ich Ihnen vorstolle, 
nachweisen. 

Es handelt sich um einen Fall von Lähmung der 3 Hauptarmnerven in Folge einer 
Schulterluxation. Der Muscul. cutaneus blieb allein verschont, während Medianus, UI- 
naris und Radialis hochgradig lädirt wurden. Bei der ersten Untersuchung, 9 Wochen 
nach der Verletzung war die Atrophie schon eine sehr grosse; der Umfang des Vor¬ 
derarms war schon 3 cm. geringer, als auf der gesunden Seite. Nun ist die Atrophie 
noch hochgradiger; der Unterschied beträgt jetzt 5 cm. 

Im Gebiete sämmtlicher gelähmten Nerven besteht Entartungsreaction; nur im Go- 
biete der Flexoren des Vorderarms ist von der 25. Woche an eine Spur spontaner Mo¬ 
tilität nachweisbar. 

In sämmtlichen Nerven ist die Erregbarkeit für jede Stromesart, auch für Einzcl- 
schläge erloschen. 

Sämmtliche gelähmte und atrophische Muskeln reagiren auf die schnellen Unter¬ 
brechungen des maximalen Inductionsstroms in keiner Weise. 

Sämmtliche Muskeln, Deltoideus-, Triceps-, Flexoren- und Extensoren-, Thenar- und 
Hypothenar-Muskeln reagiren noch mit auffallender Trägheit der Zuckung auf galvanische 
Ströme. Die Reaction ist wohl eine dem Stadium der Lähmung entsprechend verminderte, 
doch reagiren sie auf Ströme von 1,2 bis 5 Milliamperes. 

Was die Umkehr der Zuckungsformel anbetrifft, so ist das Verhalten ein verschie¬ 
denes. Im Deltoideus ist KaSZ>AnSZ, ebenso in den Flexoren; in Triceps und Ex- 
tensoren ist AnSZ = KaSZ, dagegen ist im Hypothenar und Thenar AnSZ>KaSZ. 
AnSZ bei 2,5, KaSZ bei 4 Milliamperes für die Thenarmuskeln. Im Hypothenar rea¬ 
giren die Muskeln bei 3,5 Milliamperes effectvoller auf die Anode. Auch tritt KaOZ bei 
gleicher Stromstärke, wie die AnOZ auf. 

Darüber kann kein Zweifel bestehen, dass in sämmtlichen Muskeln EAR besteht 
und zwar am hochgradigsten im Thenar und Hypothenar. 

Da finden wir ganz ausgesprochen: 

1. das Fehlen jeglicher Reaction vom Nerven au9; 


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2. das Fehlen der faradischen Reaction für die schnellen Unterbrechungen; 

3. das Erhaltensein der galvanischen Reaction vom Muskel aus mit Yorwiegen 
der AnSZ; 

4. die Trägheit der Zuckung. 

Ausserdem ist der Fall ein schwerer, da nach 30 Wochen die Thenarmuskeln noch 
vollkommen gelähmt sind. 

Nun, wie verhalten sich diese Thenarmuskeln gegenüber Einzelschlägen des Induc- 
tionsapparates ? Zur Vermeidung störender Zuckungen in nicht gelähmten Bicops lege 
ich die indifferente Electrode auf die hintere Seite des Handgelenks. Sie sehen nun, dass 
die Thenarmuskel auf die Kathode der Inductionsschläge ganz deutlich reagirt bei maxi¬ 
maler Stromstärke. 

Die Reaction ist schwach, aber doch sehr deutlich und bemerkenswerth ist dabei die auf¬ 
fallende Er sc höpfbarkeit des Muskels. Auf die ersten Schläge reagirt er gut, beim 5. 
schon sichtbar weniger, beim 10. noch schwächer und nach etwa 15 Schlägen ist koine 
Zuckung mehr sichtbar. Diese Reaction, die als Reaction der Erschöpfbarkeit oder als 
Reaction der Lücke bezeichnet wird, habe ich in mehreren Fällen von EAR gesehen, 
namentlich in schweren Fällen. Erb legt dieser Erscheinung keine grosse Wichtigkeit 
bei. Ich muss sagen, dass sie mir doch nicht unwichtig vorkommt, erstens, weil ich sie 
sehr häufig fand bei EAR (für Einzelschläge des Inductionsapparates), zweitens weil ihr 
Nachweis uns über etwaige Besserung Rechenschaft gibt. 

Die Thenarmuskeln, die heute 15 Schläge ertragen, erlahmten schon auf 3—5 
Schläge vor einigen Monaten. Schon daran ist die Besserung erkennbar. 

Diese Reaction der Erschöpfbarkeit mag auch zur Erklärung dienen, warum diese 
Muskeln auf die schnellen Unterbrechungen reagiren. Bei freispielender Feder des Neef' sehen 
Hammers finden 40—50 Schläge in der Secunde statt; es ist klar, dass dies den Muskel 
noch rascher erschöpft, als 15 Schläge in einer halben Minute, so dass eine Contraction 
gar nicht sichtbar wird. Doch ist dies jedenfalls nicht der einzige Grund der bessern 
Wirkung einzelner Schläge. Auch die normalen, wenig ermüdbaren Nerven und Muskeln 
reagiren besser auf Einzelnschläge als auf die raschen Unterbrechungen. Der Unterschied 
beträgt ungefähr 1 cm. Rollenabstand. 

Weiter sehen wir, dass die Anode bei Rollenabstand = 0 viel stärkere Zuckungen 
anslöst. Sie tritt sogar bei 65 und 80 mm. Rollenabstand auf. Wahrlich ist dabei an 
dem Yorwiegen der Anodenzuckung nicht zu zweifeln; sie ist ebenso leicht nachzuweisen, 
vielleicht sogar deutlicher, als für den constanten Strom. 

Uebrigens halte ich das Vor wiegen der Anoden Wirkung für eine durchgehende Er¬ 
scheinung in dem Sinne, dass wenn sie für den constanten Strom eintritt, sie auch für 
jede andere Stromesart nachweisbar ist, vorausgesetzt, dass überhaupt diese Stromesart 
wirken könne. Sie fehlt für die schnellen Unterbrechungen des Inductionsapparats, weil 
gewöhnlich bei EAR diese Ströme wirkungslos bleiben. Dagegen tritt sie auch bei den 
Einzelschlägen sehr schön auf und zeigt sich auch bei einer bis jetzt wenig gebrauchten 
Stromesart, nämlich für Condensatorentladungen. In einer in der bernischen natur- 
forschenden Gesellschaft vorgelegten Arbeit habe ich nachgewiesen, dass Muskeln im Zu¬ 
stande der completen und tiefen EAR auch auf die relativ kurz dauernden Entladungen der 
Condensatoren reagiren. Während aber der gesunde Muskel auf ungeheuer kleine Elec- 
tricitätsmengen, nämlich auf ca. 0,470 Microcoulombs reagiren, bedürfen Muskeln in EAR 
einer tausend Mal grösseren Menge, ca. 500 Microcoulombs. Auch bei dieser Stromesart 
ist das Vorwiegen der Anodenwirkung sehr deutlich und in Zahlen ausdrückbar. So trat 
in unserm Falle die Kathodenzuckung bei 70 Volumsspannung, 7 Microfarad und einer Quan¬ 
tität von 490 Microcoulombs ein, während bei gleicher Volumsspannung die Anode schon 
mit 5 Microfarad und 350 Microcoulombs wirkte. Bei andern Versuchen war der Unter¬ 
schied noch grösser KaSZ bei 560, AnSZ bei 350, oder auch KaSZ bei 420 und AnSZ 
bei 280 Microcoulombs. 

Endlich reagiren Muskeln in EAR sehr schön, sogar besser als auf den galvanischen 

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Strom, auf die Ströme eines Telephoninductors (Läutvorrichtung verschiedener Tele- 
phonanlagon). Diese magnetelectrischen Ströme haben keinen Extracourant; es sind alter- 
nirende Ströme von nicht sehr grosser Spannung, aber von erheblicher Dauer, die auch 
kranko Muskeln zu lebhaftem, effectvollem Tetanus zu bringen vermögen. Die Exten¬ 
soren des vorgestellten Patienten, die auf den maximalen Strom des Inductionsapparates 
(bei freischwingender Feder) nicht reagiren, werden durch den Telephoninductor in einen 
heftigen Tetanus versetzt, so dass die Hand bis über die Horizontale in Dorsalflexion 
gebracht wird. 

Im Allgemeinen muss man sagen, dass Muskeln in EAE nur auf Ströme, die ge¬ 
nügende Quantität haben, reagiren, d. h. auf Ströme, die eine gewisse Dauer haben, 
darum wirkt dabei der galvanische Strom am besten, weil er eine sozusagen unbegrenzte, 
nie von der Schliessungszeit abhängige Quantität hat. Immerhin braucht die Dauer keine 
sehr grosse zu sein. Condensatoren allerdings wirken schon bei 70 Volumsspan¬ 
nungen bei einer Dauer von Vioo bis 8 /ioo Secunde. Bei höherer Spannung kann die 
Wirkung noch bei kürzerer Dauer eintreten , darum wirken noch Einzelschläge hoch¬ 
gespannter Inductionsapparate. Endlich sind Muskeln in EAE leicht erschöpfbar und 
reagiren deshalb nicht auf zu schnelle Unterbrechungen. 

Diese Erscheinungen sind an unserem Patienten leicht nachweisbar. Ich habe sie 
in andern Fällen von EAE ebenfalls gefunden. Seitdem ich die Einzelschläge tagtäglich 
an wende, ist mir noch kein Fall von EAE vorgekommen, bei welchem der Indnctionsstrom 
in dieser Form gänzlich unwirksam gewesen wäre. 

Diese Thatsache hat zunächst theoretisches Interesse. Es ist interessant zu wissen, 
dass es nicht auf die Stromesart ankommt, sondern dass nur die Quantität, resp. Dauer 
des Stromes in Betracht kommt, und dass auch Einzelschläge von Inductionsapparaten 
die nöthige Quantität haben können. Es ist ferner wichtig nachzuweisen, dass das Vor¬ 
wiegen der Anoden Wirkung für jede Stromesart gilt, nicht nur für den galvanischen 
Strom. 

Ich muss aber noch die practische Bedeutung der Frage hervorheben. Nach meinen 
Beobachtungen lassen sich sämmtliche Erscheinungen der EAE mit Hülfe eines kräftigen 
Inductionsapparates nachweisen. Wir constatiren somit ohne Anwendung des galvanischen 
Stromes: 

1. das Fehlen jeglicher Eeaction vom Nerven aus; 

2. das Erloschen sein der Erregbarkeit der Muskeln für den schnell unterbrochenen 
faradischen Strom; 

3. das Erhaltenbleiben der Eeaction auf starke Einzelschlägo (Oeffnungs- und sogar 
Schliessungsschlag) mit bedeutendem Vorwiegen der Anodenwirkung; 

4. die träge Zuckung. 

Nicht nachweisbar ist wohl einzig die vorübergehende Steigerung der Erregbarkeit. 
Diese an sich höchst interessante und bis jetzt nicht aufgeklärte Erscheinung kann nur 
für die constanten Ströme nachgewiesen werden. Practisch hat aber dieser Nachweis eine 
geringe Bedeutung, sowohl in diagnostischer als in prognostischer Beziehung. 

Zur Beurtheilung der Prognose eines Falles von traumatischer Lähmung leistet mir 
diese Untersuchung mit Einzelschlägen des Inductionsapparates grössere Dienste, als die 
Prüfung mit dem galvanischen Strom. Im Verlaufe eines Falles, bei dem EAE besteht, sind 
wir manchmal im Zweifel über den momentanen Zustand. Es kann Vorkommen , dass 
z. B. in der 20. Woche die Frage auftaucht: haben wir ,es mit einem schweren aber 
heilbaren Fall zu thun, oder ist keine Aussicht auf Besserung vorhanden. Die Prüfung 
mit dem galvanischen Strom gibt dabei nicht genügenden Aufschluss. Das best gedämpfte 
Galvanometer ist, im Grunde genommen, nicht das beste Mittel, um die Stromstärke zu 
beurtheilen. Es gibt uns nicht die im Augenblicke der Zuckung herrschende Stromstärke 
an, sondern nur nach relativ langer Schliessungszeit. Jeder Arzt, der sorgfältige gal¬ 
vanische Prüfungen vomimmt, weiss, dass es schwierig ist, den gleichen Nerv an ver¬ 
schiedenen Tagen mit gleicher Stromstärke zu reizen. 


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Die Wirkung galvanischer Ströme hängt namentlich von ihrer Stromstärke ab und 
diese ist im umgekehrten Verhältniss zum Widerstand. 

Beim faradischen Strom kommt es mehr auf die Quantität resp. Verlauf an. Der 
Widerstand im Stromkreis kommt weniger in Betracht und mir kommt es leichter vor, 
die Zuckung an verschiedenen Tagen bei gleichem Rollenabstand zu erzielen, als bei 
gleicher Ablenkung eines Galvanometers. Wir können daher eine Besserung im Zustande 
des Patienten mit den Einzelinductionsschlägen besser nachweisen , als mit galvanischen 
Strömen. 

Schon die Abnahme der meiner Ansicht nach häufig vorhandenen Reaction der Erschöpf¬ 
barkeit ist ein günstiges Zeichen. Die Thenarmuskeln unseres Patienten, die vor einigen Mo¬ 
naten kaum 5 Schläge ertrugen, erlahmen erst nach 15 Schlägen obgleich die Elemente keine 
frische Füllung erhalten haben. Das Auftreten der Zuckung bei grösserem Rollenabstand 
ist ebenfalls prognostisch wichtig. In unserem Falle tritt jetzt die Reaction bei 25 mm. 
ein, wo vorher nur bei 0 eine Reaction nachweisbar war. 

Kurz, die Einzelschläge des Inductionsapparates geben mir über die augenblickliche 
Prognose bessere Auskunft, als die oft schwierige Prüfung mit dem galvanischen Strom. 
Ich will letztere in keiner Weise vernachlässigen, halte es aber für nützlich, auf diese 
Vortheile der Prüfung mit Einzelschlägen aufmerksam zu machen. 

Auch therapeutisch lassen sich die langsamen Unterbrechungen (30—60 in der Minute) 
mit Vortheil gebrauchen. Sie sind viel weniger schmerzhaft, ermüden den Muskel weniger. 
Deshalb habe ich es gewagt, Ihre Aufmerksamkeit auf diese Untersuchungsmethode zu 
lenken. 

In der Discussion bemerkt Prof. Dr. Kronecker: 

1. Nach seinen Erfahrungen möchte er die auffallende Verschiedenheit zwischen dem 
Effect von Einzelreizen und schnell folgenden anders erklären als der Herr Vortragende. Nach 
der interessanten Demonstration des Herrn Vortragenden hat dieser Einzelschläge inducirt 
durch Unterbrechung eines Quecksilbercontactes, frequente mittelst des Neefs chen Hammers 
durch Lösung fester Berührungsflächen. Diese werden leicht durch Oxydschichten, welche 
die Funken bilden, verunreinigt, so dass die Widerstände in dem primären Stromkreise 
vergrössert sind. 

2. Nach den Ermüdungsgesetzen muss ein Muskel desto schneller erschöpft werden, 
je häufiger ihn Reize erregen. Wird ihm dann längere Ruhe gegönnt, so erholt er sich 
wieder bis zu einem Energiereste, dessen Grösse abhängt von der absoluten Anzahl der 
Reize, die ihn von Anfang bis dahin getroffen haben. 

3. Sicherlich gibt es Fälle, in welchen nicht die geringe Stromdauer durch erhöhte 
Spannung compensirt werden kann. K . hat die merkwürdige Beobachtung gemacht, dass 
gemäss der Entdeckung von E. Weber zwar der quergestreifte Darm der Schleie Cyprinus 
tinca durch gewöhnliche faradische (Inductions-) Ströme in Tetanus versetzt werden kann, 
meist aber gar nicht die glatte Darmmusculatur anderer Fische, z. B. Cyprinus carpio, 
während E. Weber angibt, dass er durch (magnetelectrische) Inductionsströme der Sex - 
ton 1 sehen Maschine langsame Zusammenziehungen erhielt. 

Kr. gelang das auch zuweilen, aber ebenfalls nicht immer mit Stohrer ’s magnet- 
electrischen Rotationsapparaten (mit Wechsel). Hierbei half Verstärkung der Ströme bis zu 
einer Intensität, dass der ganze Fisch in Starrkrampf verfiel, gar nicht für die Bewegung 
des Darms. Kr. will nicht entscheiden, ob diese Verhältnisse übertragbar seien auf den 
entarteten quergestreiften Muskel. 

Auf die nachträgliche Bemerkung des Herrn Dubois , dass Einzelunterbrechungen 
mit dem Neef'schen Hammer wirksam sein können, während der spielende Hammer keinen 
Tetanus veranlasst, bemerkt 2£r., dass er dies wohl glaube, weil der mit der Hand ge¬ 
setzte Contact inniger sei, als der durch die vibrirende Feder gesetzte. Letzterer löse 
daher, wie Kr. einst nachgewiesen, statt minimaler Tetani klonische Krämpfe aus, während 
die guten Quecksilberspülcontacte constante minimale Tetani entstehen lassen. 

Dr. Dubois antwortet: 


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ad 1. Auf die Reinheit des Contacts kommt sehr viel an, darum gibt die Alcohol- 
spühlung des Quecksilbers * viel stärkere Zuckungen. Dagegen ist dies nicht die Ursache 
des Fehlens der Reaction des kranken Muskels auf schnelle Unterbrechungen. Zunächst 
ist der Unterschied viel grösser als beim gesunden Muskel und auch bei gleicher Art der 
Unterbrechung (mit der Hand geführte Feder des Neef sehen Hammers) bleibt der Einzel¬ 
schlag wirksam, während bei freischwingender Feder keine Reaction eintritt. 

ad 2. Sicherlich wird der Muskel noch rascher ermüden, wenn die Unterbrechungen 
schnell stattfinden. Bei den besprochenen Versuchen war die Zahl der Oeffnungsschläge 
30—60 in der Minute. 

Die Untersuchungen mit Condensatoren haben gezeigt, dass die kurze Dauer der 
Entladung durch höhere Spannung genau compensirt werden könne. Bei gleichem 
Widerstand im Stromkreis reagirt z. B. der gesunde Medianus mit gleich starker (mini¬ 
maler) Zuckung sowohl auf 9,8 Volumsspannungen bei einer Entladungsdauer von 261 
Milliontel Secunde, als auf die Entladung von 70 Volumsspannungen bei einer Dauer von 
70 Milliontel Secunde. Wenn dies bei Condensatoren gilt, so wird es wohl auch für 
Inductionsströme seine Richtigkeit haben. Leider haben wir über die Inductionsströme 
keine genauen Angaben. Die Untersuchungsresultate mit faradischen Strömen werden so 
lange unsicher bleiben, bis wir ihre Spannung in Volts, ihre Quantität in Microcoulombs 
ausdrücken können. Die Electrotechnik arbeitet jetzt mit genau .definirten Grössen. Dio 
Physiologen und Elcctrotherapeuten müssen suchen, in ihren Versuchen mit der gleichen 
Genauigkeit vorzugehen. 

Dr. de Giacomi betrachtet die Trägheit der Zuckung als die Haupterscheinung bei 
der Entartungsreaction und möchte klinisch den Hauptwerth auf den Nachweis dieser 
Trägheit legen. 

Dr. Dubois ist im Ganzen damit einverstanden; jedoch kann dieselbe bei EAR auch 
fehlen, andererseits auch bei normalen, aber durch vorherige electrisclie Reizung ermüdeten 
Muskeln Vorkommen. Er sah dies sehr schön an seinen eigenen Thenarmuskeln. 

2. Dr. Ghristener referirt Namens der Dreiercommission zur Anschaffung eines 
Krankentransportwagens (vgl. Sitzung vom 22. November 1887). Die Commission 
macht dem Verein folgende Vorschläge: 

1. Es sei der Krankentransport wagen, System E. Keller iu Zürich, anzunehmen; 
2. derselbe sei mit der vom Fabrikanten vorgeschlagenen Heiz Vorrichtung zu versehen; 3. 
das Kutscherverdeck sei zu entbehren; 4. der Wagen sei vorläufig nur für einspännigen 
Betrieb, d. h. nur mit Lande zu versehen; 5. derselbe sei statt mit Lack nur mit einem 
guten Oelfarbanstrich zu überziehen; 6. es sei mit dem Fabrikanten betreffs einer bessern 
Federung, vielleicht auch betreffs Suspension der Krankenbahre zu verhandeln. 

Diese Vorschläge riefen einer Discussion, an welcher Prof. Dr. Demme , DDr. Wyt - 
tenbachy Dick, de Giacomi , Oberfeldarzt ZiecjletSchaerer und Ghristener sich betheiligten. 
Das Resultat derselben war, dass der Verein beschloss: 1. Es ist ein Krankentransport¬ 
wagen nach dem System E. Keller anzuschaffen; 2. die Heiz Vorrichtung desselben ist über¬ 
flüssig; 3. ebenso das Kutscherverdeck; 4. die Suspension ist zu entbehren; 5. statt Oel¬ 
farbanstrich ist die Lackirung des Wagens viel besser; 6. dieser Krankentransport wagen 
ist auf Gemeindekosten vom tit. Gemeinderathe anzuschaffen; 7. es soll vom Vereine aus 
eine diesbezügliche Eingabe an die Behörde eingereicht werden. 

3. Dr. JE. Emmert beschenkt den Verein mit einer schönen Wandtafel und Staffelei, 
die mit bestem Danke angenommen werden und allgemeine Anerkennung finden. 

Referate und. Kritiken. 

Lehrbuch der physiologischen und pathologischen Chemie. 

Von Bunge, Verlag von F. C. W. Vogel in Leipzig. 

Unter den Lehrbüchern der physiologischen Chemie gibt es keines, das so anregend 
geschrieben ist, wie das vorliegende. „Es liest sich wie ein Roman 8 , sagte ein eifriger 


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Btudent zu dem Referenten, „man kann davon nicht loslassen. 11 Das bedeutet, dass es 
dem Verfasser gelungen ist, die Thatsachen in einen solchen Zusammenhang zu bringen, 
ihre Bedeutung für den Aufbau unserer wissenschaftlichen Gesammtanschauungen , ihre 
Beziehungen zu Leben und ärztlichem Wirken in ein solches Licht zu setzen, dass sie 
das Interesse jedes denkenden 8tudenten aufs höchste fesseln müssen. Und auch der 
Fachmann, dem Bunge ’s Forschungen und Ansichten aus seinen Abhandlungen in Fach¬ 
zeitschriften schon bekannt sind, wird mit Ueberraschung und Freude die vielen neuen 
8eiten kennen lernen, die Bunge seinen Thesen abgewonnen hat, indem er sie im Zu¬ 
sammenhang mit dem Gesammtstoff der physiologischen Chemie behandelte. Die Vor¬ 
lesungen über die Phosphor- und Eisenverbindungen, über die anorganischen Nahrungs¬ 
mittel sind in dieser Beziehung wahre Meisterstücke. Das Buch ist der Bestimmung für 
den Studenten entsprechend didactisch gehalten, sparsam in der Mittheilung von Daten 
und Analysen, um das Gedächtniss nicht zu überladen, aber so, dass das Mitgetheilte 
als das Resultat einer sehr überlegten Auswahl wirklich das Beste ist; die Auseinander¬ 
setzung ist derart, dass dem 8tudenten klar wird, warum man Manches weiss, und An¬ 
deres nicht, welche Fragen man sich überhaupt stellen müsste und welche Fragen lösbar 
erscheinen. Jeder, dem noch die Qual in Erinneruog ist, die man als Student den Lehr¬ 
büchern gegenüber empfindet, weil man nicht versteht, weshalb eigentlich diese zusammen¬ 
hanglose Masse von Einzeldaten den Inhalt der Wissenschaft bilden, wird nachfühlen, 
dass dies Buch einen grossen didactiscben Fortschritt bedeutet. Aber auch dem Forscher 
und Lehrer wird es wegen seiner Originalität und seines Ideenreichthums unentbehrlich 
sein, wenn es auch die grösseren und detaillirteren Lehrbücher von Gorup , Berauer , Hoppe- 
Segler u. s. w. nicht entbehrlich macht. J. Gaule . 


Ueber Gymnasial- und Universitätsbildung und deren Bedeutung für den Mediciner. 

Rede, gehalten am 29. April 1886, dem 8tiftungstage der Hochschule Zürich, 
von Dr. med. R. U. Krönlein , o. Professor der Chirurgie, d. Z. Rector. 

Zürich, Meyer & Zeller, 1886. 

Von allen Seiten prallt der Angriff gegen die classische Vorbildung des Arztes. Was 
Griechisch, was Latein 1 Französisch, Englisch und Italienisch für die französischen, eng¬ 
lischen und italienischen Kunden, für die fremde Wissenschaft. Antike Göttersagen, 
antikes Leben, antike Kunst — fort mit dem Plunder, versteht die Gegenwart 1 Mathe¬ 
matik, Physik, Chemie, Thier- und Pflanzenkunde durch’s Gymnasium; das Gleiche sammt 
der Menschenkunde durch die Universität — das brauchen wir. Gewiss brauchen wir 
das. Der Unterricht in den Naturwissenschaften soll schon am Gymnasium ganz tüchtig 
betrieben werden. Müssen darum die alten Sprachen weichen? 

Rechne die Weltbahn des Polarsterns aus und durchschaue das gleiche Naturgesetz 
vom Fall des Steines bis zur Bewegung des Gedaukens in der Denkerstirne — dein 
Patient wird doch zuletzt sterben. 

Ein Einzelner magst du*der „berühmteste“ werden vor dem Volke, als hohler medi- 
cinischer Techniker, abgerichteter Werkmacm der Heilkunst. Der Stand der Aerzte wird 
es nie und nimmer ertragen, der „allgemeinen Bildung“ zu entbehren. Wenn ein Beruf 
besteht, dessen 8tirne die „Menschlichkeit“ krönen muss — es ist der ärztliche! Nil 
huroani a me alienum — und der Heilkundige der Zukunft sollte das nicht gründlich 
kennen, was höchste Blütbe der Menschheit gewesen, was Grundlage unserer jetzigen 
Cultur geworden 1 

Als ob der Geist der jetzigen Naturforschung — er, der alles Geschehen als Natur¬ 
erscheinung auffasst — solcher Beschränktheit Pathe stände. Er erkennt nur Entwick- 
lungsreihen, ununterbrochene Ketten: vom 8chrei des Kindes, durch die Wandlungen der 
Ursprache, bis zur höchsten Leistung wissenschaftlicher oder schöngeistiger Rhetorik; 
von der ersten Zelle, die auf der Erde sprosste, bis zur Buntheit aller Lebensformen; 
von der Zuckung des Protoplasmaklümpchens bis zur Aufstellung des Gesetzes von der 
Erhaltung der Kraft und zum Lallen des Paralytikers; von den einfachsten Kritzeleien 
bis zu des Praxiteles Marmorstatuen ; vom schützenden Baumdach bis zur Millionenstadt, 
vom ersten zur Abwehr erhobenen Stein bis zum modernen Völkerkriege, vom Lecken 
der Wunde bis zum Heraussohneiden der Hirngeschwulst. Als Zeddel und Einschlag 
sind die Faden durch einander gewoben; ein Verständnis des Weltgetriebes gewinnt nur 


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der, der einmal den geraden und den queren Faden nacbgegangen. Und der Arzt sollte 
dieser Einsicht entbehren! 

Er mag seine griechischen Vocabeln mit den algebraischen Formeln vergessen 
haben — er ist doch ein Anderer, als derjenige, welcher von diesen Dingen nie gehört. 
Soll der Arzt im Drang seiner Tagesarbeit, soll der Student zwischen der Fülle seiner 
Vorlesungen das nothwendige Wissen vou diesen Dingen — und bis auf einen gewisBeu 
geringen Qrad ist es absolut nothwendig — sich noch aneignen? Es gibt nur eine Zeit, 
wo er die Grundlagen allgemeiner Bildung schaffen kann, die Jugend, das Gymnasium. 
Die jetzt gewonnenen Schätze können tief verstaubt, verschmäht und verachtet liegen. 
Früher oder später kommen doch Zeiten: der Fuss schreitet über des Forums Pflaster, 
griechische Tempel, Nachformungen edelster Bildwerke treten Einem entgegen , eines 
Wortes tieferer Sinn möchte ergründet werden, eines Alten Weltanschauung führte ein 
Suchen oder ein Zufall in die Hände, oder man geht der olassischeu Schilderung eines 
Krankheitsbildes nach — wie glänzt das vergrabene Gold wieder hervor aus seinem 
Grunde; um keinen Reichthum der Welt verschenkte man, was der Fleiss der Jugend¬ 
jahre erworben! 

Also die allgemeine Bildung — naturwissenschaftlich auch für den künftigen Gottes- 
gelehrten, Mann des Rechts und Philosophen — dem Gymnasium, die Fachbildung der 
Hochschule 1 

Solche Forderung zu befriedigen, hat sicherlich grosse Schwierigkeiten. Doch haben 
schon mehrere Gymnasien den Beweis geleistet, dass es möglich ist. Den besten Schul¬ 
plan der Zukunft aufzustellen, bedarf des Zusammenarbeitens der Berufensten aus allen 
Gebieten. Das gibt auch der Rector magnificus Turicensis zu, und er bescheidet sich, von 
derartigen Vorschlägen abzustehen. Aber für die Hebupg des ärztlichen Studiums, nicht 
für seine Erniedrigung, für die Veredelung des Standes, nicht für seine Versumpfung erhebt 
er seine Stimme. Und dasB der Chirurg, der „Handarbeiter a unter den Aerzten, für die 
allgemeine Bildung eintritt, erhöht der Worte Werth und Gewalt. 

Mögen sie gehört werden ! Seitz . 

Die Principien der Epilepsie-Behandlung. 

Von Dr. A . Erlenmeyer. 

Vortrag, gehalten im Verein der Aerzte zu Coblenz. Wiesbaden, 1886. 40 S. (broch.) 

Dans cette courte brochure l’auteur s’dl&ve avec raison contre l’usage trop rdpandu 
parmi les mddecins de traiter les dpileptiquea sans möthode et par simple acquit de con- 
science. Les dpileptiques sont considdrds d’emblde nomine incurables, avant m6me que 
l’on ait posd un diagnostic prdcis, et on leur prescrit le rem&de k la mode „schab- 
lonenmässig“. — L’auteur termine son interessant travail, dont nous recommandons 
la lecture k tous ceux qui s’intdressent au traitement des diverses formes de TEpilepsie 
(dtiologiques) par ces mots de Gerhardt: „Die Frucht der Heilung wächst an dem Baume 
der Erkenntniss. Ohne Diagnostik keine vernünftige Therap^. Erst untersuchen, dann 
urtheilen, dann helfen“ . . . si possible, et sans nul doute plus souveat possible qu’on ne 
le croit a priori. Dr. L. 

Gerichtlich-medicinische Fälle und Abhandlungen. 1. Kind oder Fcetus? 

Von Orttoff . Berlin und Neuwied, Heuser’s Verlag, 1887. 

0. theilt uns folgenden Fall mit: „Eine ausserehelich geschwängerte Frau, deren 
Mann ausgewandert war , setzte sich, als das Fruchtwasser abgeflossen war, angeblich 
zur Hervorbringung von Wehen und zur Erleichterung der Geburt, auf einen mit warmem 
Wasser gefüllten Eimer und gebar das Kind in diesen hinein; danach sei sie ohnmächtig 
geworden , so daBB sie das Kind nicht aus dem Wasser herauszieben konnte und es 
darum todt blieb. Die Nachgeburt warf sie in den Abtritt; das Kind vergrub sie im 
Holzschopf, wo es später ausgegraben wurde. Nach verschiedenen Gutachten und Ober¬ 
gutachten kam der Fall vor Schwurgericht, wo die Frau freigesprochen wurde.“ — Auf 
dieses Urtheil hin findet er, „dass eine Beschränkung der sachlichen Zuständigkeit der 
Schwurgerichte (so besonders der Kindstödtung und Abtreibung), welche im Grunde mehr 
politisches als Rechtsinstitut seien, eine nicht zu umgehende Aufgabe der Strafprocess- 
reform“ zu sein habe. — Anknüpfend an die in den Gutachten vorgekommenen Rechts- 


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fragen bespricht 0. nun zuerst die Grenze zwischen Fcetal- und Menschenleben und ihre 
Beurtheilung nach der Athmung und sagt hier, dass eine „geborene Leibesfrucht, welche 
Luft nicht vollständig geathmet hat, noch kein vollständiges Geschöpf, kein Mensch, kein 
Kind sei; dass an jenen also auch keine Menschen-, bezw. Kindstödtung verübt werden 
könne.* Im weitern kommt er auf die Lebensfähigkeit eines Neugebornen zu sprechen, 
als Voraussetzung der Strafbarkeit des Kindsmords und lässt sich darüber so aus: „Je 
grösser die Wahrscheinlichkeit, dass ein normales , zu Hoffnungen für die Zukunft be¬ 
rechtigendes Menschenleben begonnen war, desto strafwürdiger erscheint dessen Ver¬ 
nichtung, vollends wenn diese Eigenschaft dem Thäter bekannt war.* Im gegentheiligen 
Fall hat eine Strafmilderung einzutreteo. — „Bei der Beurtheilung der Lebensfähigkeit 
eines todtgefundenen Neugebornen steht der Gerichtsarzt nur vor einem Wahrscheinlich- 
keits- resp. Indicienbeweise, gerade wie bei der Frage um did Annahme des Gelebt¬ 
habens der Leibesfrucht vor und in der Geburt,* welches bei obigem Fall ebenfalls in 
Frage kam. — Die rührige Verlagsbuchhandlung wird in weitern Heften andere, ebenso 
interessante gerichtlich-medicinische Fälle von ebenso maassgebender Öeite besprechen 
lassen, wie es bei obigem geschehen ist. Roth (Winterthur). 

Etudes techniques et pratiques sur PHydroth6rapie. 

Par le Docteur P. Glatz (Champel). Paris. Octave Doin , dditeur. 1887. pag. 96, 

Der durch verschiedene Publicationen über Hydrotherapie wohlbekannte ärztliche 
Leiter der Wasserheilanstalt Champel bei Genf, Dr. P. Glatz , bietet uns in vorliegender 
Schrift ein Resultat seiner zwölfjährigen Thätigkeit an genannter Anstalt. 

Nach einer kurzen historischen Uebersicht der Entwicklung des Wasserheilverfahrens 
seit Priessnitz bespricht Verfasser den grossen Unterschied zwischen der französischen und 
der deutschen Art der Anwendung des Wasserheilverfahrens. In Frankreich ist eine 
Wassercur sozusagen gleichbedeutend mit dem Gebrauch kalter und starker 8trahldouchen. 
Alles wird damit behandelt und zuweilen auch geheilt. — In deutschen Anstalten da¬ 
gegen wird die Anwendung der energisch wirkenden, beweglichen, kalten Douchen viel¬ 
fach nur allzu ängstlich vermieden und es werden dafür die mannigfachen andern hydro¬ 
therapeutischen Applicationen bevorzugt, von welchen viele französische Collegen kaum 
eine Ahnung zu haben scheinen. Wenigstens gibt sich der Verfasser grosse und ver- 
dankenswerthe Mühe, seinen welschen Specialcollegen die so ausgezeichnet wirkenden 
Halbbäder und Einwicklungen als beruhigende Mittel par excellence wieder in Erinnerung 
zu rufen und sie vor dem einseitigen Douchenfanatismus zu warnen. 

Diese Differenz bezüglich der Anwendung der kalten Strahldouchen zieht sich ge- 
wissermaassen wie ein rother Faden durch die sonst anregend geschriebene und ange¬ 
nehm zu lesende Broschüre hin. 

Trotzdem der Verfasser, wie es bei seiner französischen Schulung und seiner Stel¬ 
lung kaum anders denkbar ist, sich überwiegend stark zur Douchenmethode hiuneigt, ver¬ 
sucht er doch eine etwas vermittelnde Position einzunehmen und anerkennt gern die guten 
Resultate, welche auch mit andern Applicationen erzielt werden. 

In den folgenden Abschnitten werden die hauptsächlichsten hydrotherapeutischen 
Operationen der Reihe nach beschrieben und ihre physiologischen Wirkungen erklärt. Die 
speciellen Indicationen werden durch zahlreiche Krankengeschichten aus der eigenen 
Praxis erläutert. Es ist dieses Vorgehen sehr zu begrüssen, weil leider in den meisten 
andern Schriften über Hydrotherapie viel zu viel theoretische Abhandlungen und viel zu 
wenig oder gar keine speciellen, auf eigene Beobachtung basirten therapeutischen Anlei¬ 
tungen geboten werden. 

Den Löwenantheil trägt natürlich der den Douchen gewidmete Abschnitt davon. — 
Die kurze, kalte Douche mit starkem Druck ist das Hauptheilmittel bei Anämie, Chlorose, 
der torpiden Form der Neurasthenie, überhaupt überall, wo es sich um Hebung des ge¬ 
sunkenen Tonus handelt. Nur mit Vorsicht und nach allmäliger Gewöhnung ist die kalte 
Douche aozuwenden bei den so häufigon Aoeemien auf neurastheniscber Basis. — Die 
Hydrotherapie der Phthise (p. 31—33), bestehend in der Anwendung von kalten Ab¬ 
reibungen, Priessnitz *sehen Brustumschlägen (Kreuzbinden von Wintemitz) und kalten Douchen 
bezweckt hauptsächlich Steigerung des Appetites und der Assimilation. 

Die stark revulsiv und derivativ wirkende schottische Douche findet in G. einen 


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warmen Verehrer. Ihr Gebiet sind hauptsächlich die entiOndlichen Krankheiten der 
Muskeln, Gelenke, Nerven und Knochen und ihre Residuen, Stasen und Hypermmien aller 
Art, chronische Catarrhe des Unterleibes u. s. w. Sehr zweckmässig werden locale Um¬ 
schläge daneben angewendet. Besondere Vortheile sah G. von der schottischen Douche, 
verbunden mit Milchcur bei der Behandlung der chronischen Nephritis, gestützt darauf, 
dass nach Semmola eine Hauptursache dieser Krankheit in einer mangelhaften Hautthätig- 
keit beruhe. 

Die Herzkrankheiten bieten nach G. keine Contraindication, wie sonst allgemein an¬ 
genommen wird, gegen eine massige Anwendung des kalten Wassers. Im Gegentheil kann 
durch dasselbe (kalte Abreibungen und Douchen) der Compensationsstörung durch 
Hebung des Tonus der Gefäsee bedeutend entgegengewirkt werden. Der Blutdruck im 
kleinen Kreislauf wird herabgesetzt, die venöse Stase vermindert und die Entleerung der 
Ventrikel erleichtert. Arteriosolerose und chronische Myocarditis, besonders aber die 
Angina pectoris erheischen jedoch grösste Vorsicht; kalte Douchen sind hier ganz zu 
unterlassen. 

Die Unterschiede in der Wirkung der verschiedenen Arten von 3itzbädern werden 
einlässlich erörtert und ihre speciellen Indicationen bei der Behandlung der Pollutionen, 
der Spermatorrhoe, der sexuellen 8chwäche etc. besprochen. Hier heisst es vor Allem: 
„Calmer d’abord, tonifier ensuite“, wenn man nicht, wie es so häufig geschieht, eine Ver¬ 
schlimmerung während der Behandlung erleben will. Mit Recht betont dass gerade 

bei diesen Leiden der männlichen Sexualsphäre nur von einer sehr lange fortgesetzten 
Behandlung ein nachhaltiger Erfolg zu erwarten ist, nicht aber von den vom Herrn Haus¬ 
arzt verordneten paar Wochen Wassercur. Hier wie bei zahlreichen andern Krankheiten 
erweist sich ferner die Combination des Wasserverfahrens mit der electrischen Behand¬ 
lung besonders vortheilhaft und wird auch von G, warm empfohlen. 

In den Halbbädern, Abreibungen und Wickeln sieht G . zwar recht nützliche und zu¬ 
weilen nothwendige, im Ganzen aber doch der 8trahldouche inferiore Operationen. Die 
deutschen Collegen dürften kaum diese Ansicht durchweg theilen. Bei Besprechung der 
beruhigend wirkenden Halbbäder kommt der Verfasser auch eingehender auf die Wasser¬ 
behandlung der Tabes zu reden. Er ist natürlich Anhänger des französischen Systems 
der Tahesbehandlung (kalte oder temperirte Strahldouchen) und glaubt, dass in 90% der 
Tabesfälle in den ersten Stadien dadurch guter Erfolg erzielt werde, speciell Besserung 
des Allgemeinbefindens, der Verdauung, des Ganges. 

Doch müssen gerade bei diesen Kranken die Douchen mit besonderer Vorsicht ange¬ 
wendet werden. G. selbst hat diese Behandlung Anfenge nur zaghaft versucht, ist aber 
durch die augenscheinlich guten Erfolge kühner gemacht worden und vermuthet, dass die 
Furcht der deutschen Kliniker und Aerzte vor der Douche bei Tabes eine unbegründet 
grosse sei. 

Es besteht hier ein auffallender Gegensatz. Wir deutschen Wasserärzte bekommen 
kaum je einen Tabeskranken in Behandlung ohne die ausdrückliche Weisung, ja keine 
Douchen zu geben und die CAarco/’sche Schule kennt geradezu keioe andere Art der Wasser¬ 
behandlung bei Tabes als die Strahldouche! G . sucht sich die Sache durch die Annahme 
zu erklären, dass in Frankreich in Folge von Temperament, Lebensweise und Gewöhnung 
die Douche überhaupt besser als anderswo ertragen werde. 

Bei den andern Rückenmarkskrankheiten entscheidet hauptsächlich das Verhalten der 
Reflexerregbarkeit für oder gegen die Anwendung der Douche ; wo erstere erhöht ist, da 
ist die Douche nicht am Platze. — Bei den syphilitischen Erkrankungen der Central¬ 
organe werden neben der Schmiercur die Dampfbäder sehr empfohlen, namentlich behufs 
rascherer Eliminirung des Hg. aus dem Körper. 

Auch bei der Behandlung der Epilepsie spielt neben grossen Dosen von Bromsalzen 
der lange fortgesetzte Gebrauch kalter Douchen die Hauptrolle. G . erwähnt mehrere, 
wirklich überraschende, auf diese Weise erzielte Heilungen schwerer Fälle dieser Neurose. 

ln ähnlicher Weise werden die Hysterie, die Chorea, der Morbus Basedowi besprochen. 
Die kalte Douche spielt auch hier eine Hauptrolle, allerdings in der Regel erst nach vorheriger 
Gewöhnung und Beruhigung durch mildere Proceduren. Die in Frankreich geradezu ver¬ 
pönten Ein Wicklungen finden in den Augen des Verfassers noch Gnade und werden als 
recht vortheilhaftes Verfahren empfohlen, namentlich bei den chronischen Störungen dea 


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8toffwechsels (z. B. Gicht, Diabetes), Krankheiten zwar, welche heutzutage, wie er mit 
Bedauern hervorhebt, leider immer seltener in die Wasserheilanstalten gesandt werden 
im Gegensatz zu frühem Zeiten, obschon sich gerade bei ihnen sehr gute Resultate er¬ 
zielen lassen. Diese Anstalten werden dagegen mehr und mehr die Heilorte für die 
Krankheiten unserer Zeit , die nervöse Erschöpfung und die Anämie. Die Behandlung 
muss sich daher dieser Veränderung des Publikums der Wasserheilanstalten anpassen und 
das Hauptgewicht auf die Wiederherstellung der nervösen Energie legen. Das Haupt¬ 
mittel zu diesem Zwecke ist aber eben die kalte Douche, wenn sie nicht von roher Em¬ 
pirie und brutalem Fanatismus, sondern von der Hand des kundigen ArzteB geleitet wird. 

Trotz aller Verschiedenheiten in den Ansichten Über den grösseren oder geringeren 
Werth der Douche in der Wasserbehandlung werden die vorliegenden Studien unseres 
verehrten Collegen G. vermöge ihrer lebendigen, auf reicher eigener Erfahrung beruhenden 
Darstellung viele Freunde auch unter deutschen Aerzten finden. Ihre Lectüre gewährt 
Genuss und sei hiemit jedem Collegen, der eich mit dem Wasserheilverfahren zu be¬ 
schäftigen hat, bestens empfohlen. Münch . 

Kurzsichtigkeit und Erziehung. 

Academische Festrede zur Feier des Stiftungsfestes der Universität Bern am 20. November 
1886, gehalten vom zeitigen Rector Dr. E . Pflüger . Wiesbaden 1887. 

Die Rede des seit vielen Jahren auf dem Gebiete der Schulhygieine unermüdlich 
thätigen Verfassers gibt uns in kurzen Zügen ein Bild von der historischen Entwicklung 
und dem heutigen Stande der zu behandelnden Frage. Ueber die vielgestaltigen ver¬ 
derblichen Einflüsse der modernen Schule auf die Entwicklung der Jugend, und ganz be¬ 
sonders deren Augen, gehen leider selbst unter den Fachgenossen die Ansichten noch da 
und dort auseinander. Dass in Folge dessen auch bei den machthabenden Instanzen noch 
nicht alle Zweifel über diesen Punkt gehoben sind, ist verständlich. Um so dringender 
erwächst für die einsichtigen Schulhygieiniker die Pflicht, mit unerbittlicher Zähigkeit den 
feststehenden Thatsachen und ihrer Erkenntniss überall Geltung und Würdigung zu ver¬ 
schaffen. Dem Verfasser lagen die Resultate von 100 Untersuchungsreihen vor, die sich 
Uber die Augen von 111,500 Schülern erstreckten; eine zusammenfassende Statistik über 
annähernd die doppelte Anzahl ist nach seiner Mittheilung von anderer Seite zu ge¬ 
wärtigen. Diese Augenuntersuchungen gestalten sich zu einem mächtigen Beweismaterial 
für die grosse Schuld, welche die Schule an der zunehmenden Kurzsichtigkeit der Jüngern 
Generationen trifft. Diese Schädigung der Schüler ist aber keineswegs nothwendig mit 
der Schule verbunden, sondern nur eine Folge mangelhafter Institutionen, die sich mit 
gutem Willeu an allen Punkten verbessern lassen. Zu diesem Zwecke stellt der Ver¬ 
fasser eine Reihe hygieinischer Postulate für die Schule und den Unterricht, wie für die 
häusliche Erziehung auf. Die Schrift sei allen Schulfreunden aufs Wärmste zur Beherzi¬ 
gung empfohlen, Bänziger (Zürich). 

Compendium der Augenheilkunde. 

Nach weiland Dr. Max Fetzer's systematischen Vorträgen. Herausgegeben von Dr. J. Grün¬ 
feld. Verlag von Moritz Perles. Wien, 1887. (520 S.) 

An dem vorliegenden Buch kann leider nichts gelobt werden. Der Herausgeber, der 
schon im Vorwort zur 2. Auflage (1873) bemerkte, dass ihn seine Thätigkeit dem prac- 
tischen Studium der Ophthalmologie entzogen habe, scheint demselben auch seither ziem¬ 
lich fern geblieben zu sein. Das ganze Buch steht, mit Ausnahme einiger eingesfreuten 
Neuigkeiten, im Widerspruch zu dem wissenschaftlichen Aufschwung und Ausbau, den 
seine Disciplin in den letzten Jahrzehnden auch nach dem Tode A. vrGräfe's erlebt hat. Es 
lässt uns durchweg die neuern pathologisch-anatomischen Anschauungen vermissen, zeichnet 
eich aber auch in der Eintheilung des Stoffs und in der Darstellung der klinischen Krank¬ 
heitsbilder durch grosse Unklarheit und Verworrenheit aus, welchen der kümmerliche Stil 
vollkommen entspricht. Eine ßlütbenlese wäre dem Werthe des Raumes nicht ange¬ 
messen. Das Erscheinen dieser neuen Auflage des Buches ist um so weniger zu be¬ 
greifen , als wir in dem ein Jahr früher erschienenen, ebenfalls der Wiener Schule 
entstammenden Grundriss der Augenheilkunde von S . Klein ein sehr gutes Compendium 
besitzen. Bänziger (Zürich). 


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Topographische Anatomie des menschlichen Orbitalinhalts. 

Io Tafeln dargestellt von Dr. Otto Lange , Augenarzt in Braunschweig. Braunschweig, 

Harald Bruhn. 1887. 

Auf 9 Tafeln gibt uns der Verfasser die Darstellung einer Serie von 10 Querschnitten 
durch den gehärteten Orbitalinhalt des Menschen , vom foramen optic. bis zum Bulbus. 
Die Querschnitte wurden mit den Hülfsmittelo der modernen microscopischen Technik 
gewonnen, mittelst einer Laterna magica in fünffacher Vergrösserung direct auf das Papier 
entworfen und hier nachgezeichnet. Die Abbildungen geben die Farbentöne der mit 
Hämatoxylin und Eosin gefärbten Schnitte wieder und zeichnen sich durch ihre saubere 
und exacte Ausführung vortheilhaft aus. 

Die Tafeln sind dazu bestimmt, bei der Diagnose von Orbitalerkrankungen einer 
richtigen Vorstellung der topographischen Verhältnisse zu Hülfe zu kommen und werden 
dieser Aufgabe gewiss in vollem Maasse gerecht werden. Bdnziger (Zürich). 


Bad Heustrich am Niesen (Berner Oberland). Seine Heilmittel und Indicationen. 

Von Dr. Martin Neukomm. — Bern, K. J. Wyss, 1888. — ÖÖ Seiten. 

Das vorliegende 8chriftchen zeichnet sich vortheilhaft aus durch seinen streng wis¬ 
senschaftlichen Charakter, wie man ihn in der Bäderliteratur nicht immer gewahrt findet 
Im Allgemeinen dienen diese Brochüren ja zur Reclame für die betreffenden Etablisse¬ 
ments. Nun liegt es auf der Hand, und das Vorwort sagt es auch ganz offen, dass die 
Schrift Über Heustrich dazu mitwirken soll, die genannte Quelle und die Anstalt im All¬ 
gemeinen hauptsächlich im Auslande bekannter zu machen; es ist deshalb neben der 
deutschen auch eine französische Ausgabe in Vorbereitung. Wer aber die Abhandlung 
durchliest, findet darin keineswegs eine Empfehlung, welche in kritikloser Weise die vor¬ 
handenen Heilfactoren anpreist, sondern eine eingehende Besprechung der Wirkungsweise 
derselben, soweit der gegenwärtige Stand der physiologischen und pharmacodynamischen 
Wissenschaften sie culässt, und auf Grund derselben eino gewissenhafte Sichtung der 
Indicationen. Vergleiche mit andern ähnlich mineralisirten Quellen sind vielfach heran¬ 
gesogen. Auch dem inländischen Collegen mag das neueste Product des Verfassers der 
verdienstlichen Abhandlung Uber Andermatt als Wintercurort (1888) empfohlen sein; es 
liest sich gut und enthält mancherlei Einzelheiten, die nicht nur mit Rücksicht auf seinen 
engern Gegenstand von Werth sind. Trechsel . 


Cantonale Correspondenzen. 


Acten der schweizerischen Aerztecommission. 

Die schweizerische Aerztecommission an das Eidgen. Departement des Innern, zu 
Händen des hohen Bundesrathes der schweizerischen Eidgenossenschaft. 

Hochgeachteter Herr Bundesrath! 

Nachdem unser Bureau die Ehre gehabt, Ihnen den Eingang des Gutachtens zu be¬ 
scheinigen , welches der Eidg. Schulrath Ihnen d. d. 30. März 1887 als Antwort auf 
unsere Petitionen vom 20. April 1886 und vom 27. März 1887 eingereicht, halten wir 
uns für verpflichtet, Ihnen im Namen der seither versammelten Schweiz. Aerztecommission 
Ihre wohlwollenden Bemühungen aufs wärmste zu verdanken, und bitten wir Sie, unsere 
hiemit erfolgende Rückäusserung entgegenzunehmen aus welcher Sie, wie wir hoffen, 
ersehen werden, dass wir Ihre Zeit und Arbeit nicht aus Rechthaberei, sondern im Dienste 
einer principiellen und für das Volkswohl wichtigen Frage in Anspruch nehmen, welche 
schon seit 1873 auf den Tractanden des ärztlichen Centralvereines und der Schweiz. 
Aerztecommission steht, deshalb auch zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Formen 
wiederkehrt; die Frage heisst: 

Soll der Bund für die V o 1 k s g e s u n d h e i t s p f 1 e ge etwas leisten? 

Da der Bund zunächst nur eine einzige Hochschule, das Eidg. Polytechnicum besitzt, 
und bisher für die in der Bundesverfassung von 1874 Art. 27 vorgesehene Unterstützung 


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der cantonalen Universitäten gar nichts gethan hat, glaubten wir uns darauf angewiesen, 
zu bitten, dass wenigstens am Polytechnicum die Hygieine in umfänglicherem Maasse ge¬ 
lehrt werde, als bisher. Wir berufen uns auf unsere beiden Petitionen, um zu beweisen, 
dass wir die ausgezeichnete Leitung und die glänzenden Leistungen dieser Anstalt voll¬ 
ständig anerkennen und dass unsere Wünsche keinerlei Vorwürfe enthalten. 

Indem wir auf die uns übermittelte Antwort des eidg. Schulrathes näher eintreten, 
heben wir zunächst die im Begleitschreiben gegebene Erklärung heraus: „Ein obligato¬ 
risches Colleg, für welches allen Fachschulen zwei Morgenstunden per Woche weggenom¬ 
men würden, dürfte dies (die Hygieine) freilich nie werden.* Das bezeichnet den Kern 
der Frage. Wir sind der Meinung, dass die Hygieine allerdings, aus Gründen der 
Wissenschaft wie der Praxis, dazu angethan sei, ein obligatorisches Lehrfach zu werden, 
und berufen uns dabei auf die Thatsache, dass das an vielen deutschen und französischen 
technischen Hochschulen thatsächlich der Fall ist, sowie auf die Aussprüche Pettenkofer' s 
und anderer unangefochtener Fachmänner. Um kurz zu sein, erinnern wir hier nur an 
die Resolutionen des deutschen Vereines für Gesundheitstechnik von 1885, welche für 
technische Hochschulen verlangen: 

1. Allgemeine Hygieine, von einem Arzte zu lehren. 

2. Specieller Unterricht in einzelnen Disciplinen (wie wir ihn am Polytechnicum 
wirklich haben). 

3. Obligatorium der Hygieine. 

4. Museen und Versuchsanstalten. 

Wir berufen uns ferner auf die bekannte Arbeit Hartmanns „Ueber den hygiei- 
nischen Unterricht an technischen Hochschulen“, 1 ) sowie ganz besonders auf die grund¬ 
sätzliche und berühmte Rode, mit welcher Pettenkofer den hygioinischen Congross zu 
Wien den 26. September 1887 eröffnet hat. 

Die im Gutachten des Professoren-Collegium des Eidgen. Polytechnicum angegebenen 
Gründe , warum Hygieine nicht im ßesondern gelehrt werden müsse, sind genau die¬ 
selben, mit welchen im Laufe unseres Jahrhunderts viele Professoren-Collegien dor Reihe 
nach die Unnöthigkeit bewiesen haben, für Physiologie, pathologische Anatomie und medi- 
cinische Chemie, für Psychiatrie, Ophthalmologie, Gynäkologie u. s. w. besondere Lehr¬ 
stühle und Institute zu errichten, da ja alles, was in diesen Fächern zur Sprache komme, 
von bedeutenden und hochachtbaren Männern in ihren anderweitigen Collegien einlässlich be¬ 
handelt werde. Die Widerlegung ist unterdessen geschichtlich geworden und abgeschlossen, 
und wir haben heute starken Grund zu bezweifeln, dass die Beweisführung gegen die Noth- 
wendigkeit selbstständiger Collegien und Laboratorien für Hygieine, an einem internatio¬ 
nalen Congresse, oder vor einem deutschen Ministerium, oder in der wissenschaftlichen 
Litteratur angetreten würde. 

Wir anerkennen es dankbar, dass ganz entsprechend den Anforderungen unserer 
Zeit, in den Collegien über Bauconstructionslehre, Gebäudelehre, Ingenieurkundo, Tech¬ 
nologie der Baumaterialien, über Botanik und über Geologie, sowie in den Laboratorien für 
Agriculturchemie, für technische Chemie, für Microscopie u. s. w. die wichtigsten Capitel 
der Hygieine mit einer wissenschaftlichen Vertiefung behandelt werden, wie sie bei einem 
einzelnen Collegium gar nicht stattfinden kann, zumal nicht durch schnell wechselnde 
Privatdocenten ohne alle Hülfsapparate und Laboratorien, wie es früher am Polytechnicum 
gebräuchlich gewesen. Der Lehrplan des Polytechnicum sichert einen vollständigen, ja 
glänzenden Unterricht in der Hygieine für Jeden, der die Ingenieurschule, die Bauschule, 
die Schule der Chemiker, die Ackerbauschule u. s. w., kurz das ganze Polytechnicum 
durchmacht. Das Polytechnicum lehrt Hygieine, aber der einzelne Polytechniker bekommt 
joweilen nur ein Stück davon, und darin liegt der Grund, warum die Anstalt für die 
Popularisirung der Hygieine nicht das leisten kann, was unsere Zeit mit Recht verlangt. 
Wir verstehen unter Popularisirung hier nicht das müssige Dilettantenthum für gemischte 

*) Gesundheits-Ingenieur 1885, Nr. 6 und 7. 


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Zuhörerschaft, sondern die Einbürgerung hygieinischer Gesichtspunkte und Kenntnisse 
bei möglichst vielen Studirten , Technikern und Verwaltungsbeamten , welche bei allen 
grossen Fragen der practischen Hygieine weit mehr zu sagen haben, als die Aerzte. 

Während unsere Verhandlungen stattfinden, haben sich in der unmittelbarsten Nähe 
des Polytcchnicum die Verhältnisse wesentlich geändert, und die Universität Zürich hat 
die Aufgaben des theoretischen und practischen Unterrichtes in der Hygieine in einer 
ihrer würdigen und vielversprechenden Weise zur Hand genommen; vortreffliche Lehr¬ 
kräfte und ein hinlänglich grosses, gut eingerichtetes Laboratorium werden alles bieten, 
was wir früher vom Polytochnicum erhofften und es bleibt daher nur noch übrig, für 
Lehramtscandidaten wie für Techniker die Hygieine unter die obligatorischen Fächer 
aufzunehmen, wie es an vielen deutschen Schulen bereits der Fall ist. Es ist nicht leicht 
einzusehen, warum die Hochschule eines demokratischen Freistaates gerade die Volks- 
gcsundheitspfiege grundsätzlich hintansetzen und „ selbstverständlich “ nicht zum obliga¬ 
torischen Fache machen sollte. 

Ferner ist diese Forderung für das Polytechnicum , oder sagen wir besser für die 
Eidgenossenschaft, noch keineswegs gegenstandslos geworden, wenn es sich um Anlage 
einer grossen Modellsammlung, eines hygieinischen Museums handelt. Auch hier ist der 
Anschauungsunterricht der einzige ernstgemeinte Weg zum Fortschritte. Manches gehört 
dem Katheder an, Manches dem Laboratorium, Manches der hygieinischen Klinik, d. h. 
dem Besuche guter und schlechter Etablissements, Manches dem Museum! Das Eidg. 
Polytechnicum selber legt die glänzendsten Beweise ab, wie nöthig solche Sammlungen 
sind und es erscheint unverständlich, wenn wir Schweizer für alle möglichen Zweige der 
Wissenschaft, der Kunst und der Technik Sammlungen mit Bundesunterstützung anlegen, 
und nur mit den Sammlungen für Hygieine eine Ausnahme machen. 

Wenn das Polytechnicum sich mit einem hygieinischen Museum grundsätzlich nicht 
befassen kann, so muss die Aufgabo den Universitäten allein zufallen; sie einfach abzu¬ 
weisen, wäre eine Verläugnung wissenschaftlicher wie socialer Grundsätze. 

Ganz gleich verhält es sich auch mit der Lebensmittelcontrole; diese bildet in den 
meisten auswärtigen Staaten (ausgenommen England, welches mit Wasserversorgung und 
Canalisation begonnen hat), ebenso in vielen Schweizer Cantonen, den Ausgangspunkt für 
die Volksgesundheitspflege überhaupt. Die „freie Concurrenz“ ist zum Wettrennen der 
Fälscher und Ueberthourer, „die freie Wahl“ zur Ausbeutung der Schwachen und Armen 
geworden, das Dogma, dass ein freier Mann sich selber helfen könne, hat zu schweren 
socialen Missständen geführt. Wenn monarchisch regierte Völker den Schutz dos Staates 
auch für diese Lebensbedingung verlangen und erhalten, dürfen die Bürger einer ge¬ 
sunden Republik mit noch mehr Recht erwarten, dass ihre Regierungen sich wenigstens 
der Lebensmittelcontrole ernsthaft annehmen. Dazu sind cantonale Gesetze und Labora¬ 
torien nöthig, wie wir sie vielerorts haben, aber ebenso nöthig ist die Vereinbarung der 
Grundsätze, nach welchen untersucht, gestattet oder verboten wird, wenn nicht die ganze 
gutgemeinte Arbeit in eine Comödie auslaufen soll, in welcher der Betrüger immer hinter 
eine Cantonsgrenze schlüpfen und die sich widersprechenden Gesetze als gute Schutzwehr 
gebrauchen kann. Ein Eidg. Lebensmittelgesetz wird, wie jedes andere Gesetz, nur in¬ 
soweit wirksam sein, als es Leute findet, die es verstehen, und wenn zu diesen Leuten 
zunächst nur die Aerzte gehören sollten, welche man seit langen Jahren über Hygieine 
examinirt, ohne sie jemals practisch unterrichtet zu haben, so ist das wieder ungenüg- 
lich; es braucht ein weitaus grösseres, für die Frage interessirtes und erzogenes Personal, 
und da kommen ebenfalls die zahlreichen , einflussreichen Techniker, Industriellen und 
Verwaltungsbeamten, Richter, Lehrer und Pharmazeuten in Betracht. 

Sammlungen, und zwar recht ausgedehnte, Untersuchungen, und das wissenschaftlich 
einlässliche und genaue, müssen die starke Grundlage der staatlichen Lebensmittelcontrole 
bilden. Diese Aufgaben werden wieder dem Polytechnicum, oder besser: den vom Bunde 
hiefür subventionirten Universitäten zufallen. Wir treffen im Gutachten des Eidg. Poly¬ 
technicum eine Stelle, welche auch für diesen Tb.eil der Arbeit charakteristisch ist; sie 


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lautet: „Wenn die Cantonschemiker nicht schon existirten, so dass ein solches Institut 
(ein Eidg. Hygieine-Laboratorium) statt derselben eintreten könnte , dann wurde die 
Situation von vornherein viel günstiger liegen.“ Diese Ansicht erweckt die Yermuthung 
eines ganz aprioristischen Standpunktes. Im gewöhnlichen Leben sehen wir vielmehr, 
dass weit entfernte Laboratorien für den alltäglichen Bedarf nichts leisten, und dass die 
laufenden Geschäfte durchaus in jedem einzelnen Canton vorgenommeu werden müssen. 
Einem academischen Laboratorium dagegen fallen die grossen grundlegenden Specialunter¬ 
suchungen, z. B. unserer vielen Normalweine, der Mehl- oder Petroleumsorten etc., sowie 
auch die Obergutachten zu. Wir zahlen dem Auslande jährlich viele Millionen für unent¬ 
behrliche Waaren, die Niemand genau controlirt und deren Werthbestimmung und öffent¬ 
liche Schätzung wir den Speculanten überlassen. 

Die academischen eidgenössischen Laboratorien werden sich zu den cantonalen Labo¬ 
ratorien verhalten wie die Universitäten zu den Cantonsschulen; beiderlei Anstalten haben 
ihre besonderen Aufgaben und müssen sich ergänzen. Wir verweisen bei diesem Anlasse 
wieder auf die kleine aber sehr lichtvolle Abhandlung des Eidg. Fabrikinspectors Dr. 
Schüler , vom November 1885. 

Dass der epidemiologische Theil der Yolksgesundheitspflege, besonders die bacterio- 
logische Untersuchung, nicht an ein Polytechnicum, sondern an die medicimschen Facul- 
täten gehört, ist unbestreitbar. Ebenso unbestreitbar aber ist auch der W erth dieser 
Untersuchungen, und wer sie mit vornehmer Skepsis abweisen wollte, der hätte die ganze 
Conserven-Industrie und ebenso die grossartig entwickelte Chirurgie unserer Zeit zu refor- 
miren und einen bedeutenden Theil der modernen Naturwissenschaft zu widerlegen. 
Wir Schweizer dürfen auch an dieser Culturarbeit nicht theilnahmslos vorübergehen, sondern 
müssen derselben näher treten. Unsere schweizerische Mortalitätsziffer ist eine der höchsten 
in Europa, und hinter ihr steht eine entsprechend grosse Krankenziffer. Unter den Todten 
sind auch nicht blos Schwächlinge und Greise, soudern eine grosse Zahl sehr leistungs¬ 
fähiger Menschen; denken wir nur an die in der Schweiz alljährlich angemeldeten 700 
bis 1000 Todesfälle durch Typhus, eine vermeidbare Krankheit. Ferner gehören die den 
verschiedenen Todesursachen Entronnenen gar nicht immer zu den Gesunden und „Be¬ 
währten“, sondern sind erschreckend oft schwach und krank, wie auch unsere Rekruten¬ 
untersuchungen beweisen. 

Wir haben eine Menge die Yolkskraft schwächender Einflüsse, zu deren Wahrnehmung 
und Beseitigung uns die Einsicht und der Wille, d. h. die hygieinische Erziehung fehlt. 
Wir nehmen es ruhig hin, dass sehr viele Gemeinden jährliche Mortalitäten von 3 Procent, 
also beinahe die Sterbeziffer von Spitälern haben. 

„Die Leute können nicht besser gebildet als genährt verden“, sagt J. Stuart Mül, 
und diese ebenso hygieinische wie socialistische Formel löst uns manche bedrängende 
Räthsel. Unser Eidg. Epidemiengesetz reicht uns ein grosses Almosen für den Nothfall; 
aber ein gebildetes Yolk hat Anspruch auf eine bessere sanitäre Geschäftsführung, um 
keines Almosens zu bedürfen. Mit der blossen Medicinkiste ist weder im Kriege noch im 
Frieden geholfen. 

Es gibt kein Lebensgebiet, keine Industrie und kein Gewerbe , keine Wissenschaft 
noch Kunst, ja keinen angesehenen Sport, welchen die Eidgenossenschaft nicht ihre Un¬ 
terstützung gewährte, und es lässt sich nicht verantworten, die Yolksgesundheitspflege, 
und nur diese ! von der Fürsorge und Hülfe des Bundes auszuschliessen, als wäre uns 
die Gesundheitspflege unbekannt und das Yolk gleichgültig. Es ist auch ein Zeichen der 
Zeit, dass die schweizerische naturfoschende Gesellschaft, im August 1887 zu Frauenfeld, 
sich „mit Wärme den Forderungen der schweizerischen Aerztecommission anzuschliessen“ 
erklärte und das dringende Bedürfnis einer besseren Yolksgesundheitspflege constatirte. 

Die schweizerische Aerztecommission hat in der vorliegenden Frage einen sehr be¬ 
quemen Standpunkt, denn sie und alle 77 °/o der schweizerischen Aerzte, welche durch 
sie vertreten werden, verlangen für sich oder ihren Beruf ganz und gar keine 
materielle Förderung. Wenn alle möglichen Gewerbe bei der Bundesversammlung um 


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Unterstützungen einkommen, wird mit Recht betont, dass die Blüthe eines Volkes von dem 
Wohlergehen seiner einzelnen Berufsclassen abhange; wenn aber wir Aerzte um eine 
kräftige und zeitgemässe Förderung der Hygieine bitten, so haben wir die Hebung der 
Volksgesundheit und nicht die Vergrösserung des Krankenstandes im Auge; ebenso liegen 
auch alle Vorschläge zur Ordnung des Medicinalwesens, die Controversen über Freigebung 
der Praxis, Geheimmittel wesen u. s. w. unserer heutigen Frage fern. Darum wagen wir 
auch zu hoffen, dass die Volksgesundheitspflege als eine, Allen gemeinsame und voll¬ 
ständig neutrale Angelegenheit, vor dem Getriebe der politischen Parteien bewahrt bleiben 
und allen Freunden des Volkes am Herzen liegen werde, und kommen wir zu folgenden 
Anträgen, um deren Erwägung und Ausführung wir Sie dringend bitten: 

Der Bund möge, die Volksgesundheitspflcge als hochwichtigen Verwaltungszweig zur 
„ Beförderung der allgemeinen Wohlfahrt a anerkennend, 

I. den theoretischen und practischen Unterricht in der Hygieine, 
insbesondere die Errichtung hygi einisch er Museen und Laboratorien, durch 
Gesetzgebung und ökonomis che Unt erstüt zung begründen und fördern; 

U. insbesondere den Art. 27 der Bundesverfassung, welcher Unter¬ 
stützung der Universitäten in Aussicht stellt, bei diesem Anlasse zur 
That und'Wahrheit werden lassen. 

Unter den gegenwärtig gegebenen Verhältnissen halten wir die Subvention der Uni¬ 
versitäten für die einzig mögliche Lösung der ebenso wichtigen wie dringenden Frage 
einer schweizerischen Volksgesundheitspflege. 

Genehmigen Sie, Herr Bundesrath! die erneuerte Versicherung unserer ausgezeichneten 
Hochachtung und Ergebenheit! 

St. Gallen und Lausanne, den 31. Januar 1888. 

Im Namen der Schweiz. Aerzte-Commission: 

Der Präsident: Dr. Sonderegger . 

Der Schriftführer: Dr. de Cerenville. 

Lnzern. Zar Revision des Art. 69 der Bandesverfassaog. Die Bedeutung der 
Volksgesundheit, dieses grössten und köstlichsten aller Güter, dieses Kapitals, auf dem 
jegliche Arbeit und daher auch jeder wahre Fortschritt vor allem aus beruhen, erringt 
sich immer grössere Anerkennung, und die Sorge um Erhaltung und Förderung derselben 
drängt* sich nach und nach den Regierungen aller unserer Nachbarstaaten gebieterisch auf. 
In jüngster Zeit rückt auch das schwer geprüfte Italien in die Linie derjenigen vor, 
welche da erkannt haben, dass es nicht genügt, allgemeine und besondere Maseregelu 
gegen Volksseuchen hübsch paragraphirt mittelst Druckerschwärze zu Papier zu bringen, 
sondern dass hinter diese Paragraphen auch einsichtige und tatkräftige Fachleute gestellt 
werden müssen, Fachmänner, deren Aufgabe es ist, unablässig darum bemüht zu sein, 
nicht nur hereinbrechende Seuchen rechtzeitig zu erkennen, sondern auch den schleichenden 
Schäden, die an der Gesundheit und Kraft des Volkes zehren, nachzuspüren und dieselben 
aufzudecken, Fachleute, die dann auch jederzeit bereit und gerüstet sind, jeglichem Unheil 
mit allen Waffen der Wissenschaft und Erfahrung entgegen zu treten. 

Der von C r i s p i, damals noch Minister des Innern, vor einiger Zeit eingebrachte 
Entwurf eineB Gesundheitsgesctzes für das geeinigte Königreich sieht einen, unter dem 
Minister des Innern stehenden Generaldirektor des gesamten Gesundheitswesens vor, 
welchem ein technisches Bureau mit den nötigen Laboratorien — behufs Handhabung der 
Lebensmittelkontrole und Vornahme aller ins Gebiet der Hygieine fallenden physikalischen 
und chemischen Untersuchungen — und gleichzeitig auch ein höchster Gesundheitsrat 
beizugeben sind. Dieser Obergesundheitsrat soll nach Crispi’s Entwurf aus 16 Mit¬ 
gliedern bestehen, worunter sechs im Gebiete der Hygieine wohlbewanderte Aerzte, zwei 
Professoren der Chemie, ein Tierarzt und die beiden Generalstabsärzte der Armee und 
der Marine. Für jede Provinz ist ein Provinzialarzt vorgesehen, dem ein Provinzial¬ 
gesundheitsrat konsultativ zur Seite steht. Endlich soll auch für jede Gemeinde aus der 
Zahl der daselbst niedergelassenen Aerzte ein hygieinischer Rathgeber bezeichnet werden. 
Das ist das durch das neue Gesetz vorgesehene Personal, dem in Zukunft der offizielle 
Gesundheitsdienst übertragen werden soll. 


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Io einem 2. Absohnitte bringt der Entwurf die nähern Bestimmungen über die Zu¬ 
lassung zur ärztlichen, tierärztlichen und pharmazeutischen Praxis und regulirt die Auf¬ 
sicht über die Spezerei- und Farbenhandlungen, die Parfümerien, die Fabrikation und 
Anpreisung chemischer und pharmazeutischer Produkte (Giftverkauf und Geheimmittel- 
wesen) etc. 

Der 8. Abschnitt handelt von der Hygieine der Wohnungen. — Es möge mir hier 
anschliessend erlaubt sein, auf die höchst bedeutungsvolle Rede aufmerksam zu machen, 
welche der Abgeordnete Miquel jüngst im deutschen Reichstage über die Notwendig¬ 
keit eines Wohnungsgesetzes gehalten hat. — Der 4. Abschnitt regulirt die Leben smittel- 
polizei, der 5. enthält die Massregeln gegen gemeingefährliche Seuchen und ruft unter 
anderm der Anzeigepflicht der Aerzte; in einem 6. Abschnitte ist von der Kirchhofpolizei, 
der Feuerbestattung etc. die Rede. 

Man wird zugeben müssen, dass das italienische Ministerium deB Innern die be¬ 
treffende Aufgabe mit Ernst und Umsicht erfasst hat. Wann werden auch wir in die 
Linie einrücken ? 

Vor allem aus müssen wir zu der Einsicht gelangen, dass eine Gesundheitspflege 
und Medizinalpolizei, die von 25 verschiedenen Behörden nach ebenso vielen verschiedenen 
Gesetzen und Gesetzchen ausgeübt wird und die nicht ineinander greift, sondern oft in 
ebenso vielen Richtungen auseinander oder sich zuwiderläuft — Baselstadt soll etwas 
davon zu erzählen wissen —, eigentlich keine ist und unter Umständen schlimmer als 
keine. Unser papierenes eidg. Seuchengesetz kann an den bestehenden Uebelständen 
wenig ändern, denn nicht nur sind demselben sehr enge Grenzen gezogen, sondern es 
hat ja auch seinem innern Wesen nach überhaupt erst dann in Wirksamkeit zu treten, 
wenn „die Geländer und die Dämme“ zu brechen anfangen. In gewöhnlichen Zeiten 
schläft es in der Gesetzessammlung den Schlaf des Gerechten, ist doch nicht einmal 
jemand damit beauftragt, dessen allfällig nötig werdende Ausführung in den Einzelheiten 
vorzubereiten. 

Was ist zu tun, unf eine Wandlung zum bessern herbeizuführen ? 

Bekanntlich ist man dem Andrange der sozialistischen Begehren durch Gewährung 
eines „Arbeitersekretärs“ — mit einem Kredite von 10,000 Fr. — entgegengekommen, 
und doch ist dessen Aufgabe vorläufig keine andere, als durch statistische Erhebungen 
und Untersuchungen Über Arbeite-, Lohn-, Unfalls-, Krankheits-, Alters- und Sterbe¬ 
verhältnisse der eigentlichen Lohnarbeiter eine feste Grundlage für eine bezügliche Gesetz¬ 
gebung zu schaffen. Wäre es denn so ungeheuerlich, wenn im Interesse der Volks¬ 
gesundheit , die doch sozusagen auch von sozialer Bedeutung ist, 
ein „Gesundheitssekretär“ als ständiger Beamte ins eidg, Departement des Innern be¬ 
rufen würde? Dessen Arbeitsprogramm dürfte sich kaum weniger umfangreich als das¬ 
jenige des Arbeitersekretärs gestalten, wenn auch unser Sekretär oder Referent sich 
keineswegs mit statistischen Zahlenreihen abzumühen brauchte, da ihm diese fix und 
fertig vom statistischen Bureau geliefert werden können. Eine seiner Hauptaufgaben wäre 
es, die Revision des Art. 69 der Bundesverfassung in dem von mir in Olten angedeu¬ 
teten Sinne anzubahnen — denn: ohne Revision keine einheitliche Sani- 
tätsgesetzgebung! — und gleichzeitig den Entwurf eines gemeinsamen Sanitäts- 
polizeigesetzes auszuarbeiten, eine Aufgabe, die um so schwieriger zu lösen sein dürfte, 
als dabei recht vielen „berechtigten Eigentümlichkeiten“ würde Rechnung getragen werden 
müssen. 

Uebrigens wäre es leicht, dem Sanitätsreferenten schon jetzt auch einen praktischen 
Wirkungskreis anzuweisen, so dass er nicht wie der Arbeitersekretär dazu verurteilt 
wäre, vorläufig bloss die Rolle eines Zukunftsmusikers zu spielen. Es bedürfte dazu nur 
einer kleinen Abänderung der bundesrätlichen Verordnung für die eidg. Medizinalprüfungen, 
wonach dann der eidg. Gesundheitsreferent von Amts wegen Präsident des leitenden 
Ausschusses sein würde. Damit käme derselbe sofort mitten in eine Elite von Professoren 
und Examinatoren zu sitzen, die junge Generation der Aerzte würde ihm gleichsam in 
die Hände wachsen und bezüglich der ältern könnte er sich — in Anlehnung an die 
oberfeldärztliche Kontrole — durch Anlage und sorgfältige Fortführung einer eigenen 
Kontrole über die „Bewegung“ des gesamten in der Schweiz praktizirenden Medizinal- 
personale allzeit die umfassendste Auskunft verschaffen, was im Notfälle eine grosse Be- 


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deutung hätte. Selbstverständlich würde er auch bezüglich des Art. 33 der Bundesverfassung 
die „schärfere Lesart“ zur Geltung zu bringen suchen u. s. w. u. s. w. 

Wie aus obigem leicht ersichtlich, kann ich mich mit der Anstellung eines Sanitäts¬ 
sekretärs ganz gut befreunden, sobald man denselben auf ein Arbeitsprogramm verpflichtet, 
dessen Angelpunkt in der Vereinheitlichung der Sanitätspolizei-Gesetz- 
geb u ng liegt. 

Luzern, März 1888. Dr. Schnyder. 

Solothurn. Eine Instrumenten- and Verbandtnsehe für die chirurgische und 
gynäcologische Praxis, die allen Anforderungen der Antiseptik genügt, ist auf folgende 
einfache und billige Weise zu construiren. Man legt vom besten schwarzen oder grauen 
Unterlagstoff ein Stück von 75 cm. Breite und 60—80 cm. Länge , die schmale 8eite 
gegen sich gekehrt, vor sich hin und schlägt beiderseits ca. 10 cm. nach innen um. 
Vom untern Ende beginnend wird dann auf beiden Seiten dieser Umschlag in 4—5 Falten 
gelegt und dieser Faltenwurf durch eine Agraffe fixirt, wie sie zum Zusammenhalten von 
Briefen etc. verwendet wird. Weiter oben werden innerhalb der Umschlagsfalte in Ab¬ 
ständen von 4—5 cm. kleine Löcher gestochen ; durch Einstecken zweier weiterer Agraffen 
(je nach dem Inhalt der Tasche) in irgend eineB dieser Löcher und Befestigen der ersten 
Falte kann dann die von unten aufgerollte Tasche vor dem seitlichen Aufgehen geschützt 
werden. Das ganze Material besteht somit aus dem Umschlagtuch und 4 Agraffen und 
im fernem aus 1 oder 2 elastischen Schnüren, um die Rolle gelegt; jede unnütze Naht 
ist so vermieden und stets eine gründliche Reinigung der Tasche möglich, die für den 
Transport von Verbandstoffen, chirurgischen und geburtshülflichen Instrumenten eine leicht 
handliche und gefällige schützende Umhüllung bildet, die nie mehr Raum einnimmt, als 
der zu bergende Inhalt. Die Instrumente werden am besten noch auf einem Stücke Tuch 
oder Zwilch fixirt. Für die Landpraxis kann die Rolle nach Art eines Ränzelchens an 
einem Lederriemen über den Rücken getragen werden ; auch lässt sie sich im Nothfall rasch 
völlig entfalten und bei Operationen als Unterlage oder Schürze verwenden. Da sich 
diese einfache Rolle leicht zu jeder Zeit und auf billige Weise (für ca. 3 Fr.) hersteilen 
lässt und vor den landläufigen , oft sehr unpractischen und voluminösen HandkÖfferchen 
und Reisetaschen entschiedene Vorzüge bietet, dürfte sie bei manchem der Herren Collegen 
practiscbe Verwendung finden. M t v. Arx % Olten. 


W ochenberioht. 

Schweiz. 

Hülfskasse für Schweizer Aerzfte. 

„Media vita in morte sumus!“ Als Baader eben seine Jahresrechnung für die Hülfs- 
kasse abgeschlossen und alles bereit gelegt hatte, den alljährlichen Aufruf an seine Collegen 
wieder ergehen zu lassen , da überfiel ihn seine terminale Pneumonie. Der Begründer 
und Verwalter unseres Unternehmens, der Fürsprecher aller Bedrängten, der Collega ira 
besten Sinne des Wortes: er legte seine Feder hin und übergab uns sein Werk, dass 
wir es in seinem Sinne weiter führen. Wir schweizerischen Aerzte nehmen sein Ver- 
mächtniss an, im Gefühle unserer Hinfälligkeit, die ja alles, was,wir sind und haben, in 
Frage stellt; wir nehmen es an mit der klaren Erkenntniss, dass wir auf allen Lebens¬ 
gebieten genau das sind, was wir thun, und mit dem Willen, dem Heimgegangenen jeden 
Frühling ein feierliches Leichengeleite zu geben, indem wir seinem Vorbilde nachfolgen 
und das, was er begonnen, in werkthätiger Freundschaft fortsetzen. 

Wir bitten unsere Herren Collegen , ihre Beiträge an Herrn Physikus Dr. 
Lote-Landercr in Basel einzusenden, welcher die Güte hat, die Verwaltung der 
Hülfskasse wenigstens vorläufig zu übernehmen. 

St. Gallen und Lausanne, den 12. März 1888. 

Im Namen der schweizerischen Aerzte-Commission: 

Der Präsident: Dr. Sonderegger . 

Der Schriftführer: Dr. de CercnviUe. 


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Schwyz. 

£1 1 1 *. 1 1 £ 1 1* - 1 - 1 - I I I 1 r- | | 1 | | 1 | 1 1 

Solothurn. 

SI WW 5M 15 1 II 1 - 1 1 II 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 

Tessin. 

OdM | 00 1 1 £ 1 1 O cn to 1 -4 1 1 1 1 to 1 1 1 1 1 1 | | | 

iThurgau. 

«i i i i i i «i i i i i i i i i i i i i r i i i i i i i 

Unterwalden. 

„i 11111»11 »• 11111111111111 rm 

Uri. 

2ii u isr~s*--*.*.i i i i «i i i i i i i i i 

Waadt. 

J 1 1 1 1 1 » 1 1 CO I 1 1 1 1 II 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 

Wallis. 

21 II O. 1 1 S 1 MO» 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 

Zug. 

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Zürich. 

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Diverse. 

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? ? 

1 Frau Dr.BischofT in St. Fiden. 

* Legat des Herrn Prof. Dr. A. 
Burckhardt-Merian sei. in Basel. 

I Berner Cantonalgesellschaft. 

* Med. Cantonaiverein St. Gallen. 

‘ Zürcher Cantonalgesellschaft. 

‘ Von den Erben des Herrn Prof. 
Dr. Miescher-His sei. zu dessen 
Andenken. 

T Durch Hrn. G. Finsler zum An¬ 
denken u. auf Wunsch von Hrn. 
Dr. C. Meyer-Wcginann sei. 

* Genf, Co mite du congrös inter¬ 
national, Saldo. 

* u. 10 Werthbühlia, Oberthurgau. 

II ’* n Gesellsch. Appenz. Aerzte 
beider Rhoden. 

48 Mcdic. Verein von Baselland, 

11 Aerztl. Verein Sargans-Wer- 
denberg. 

18 Solothurner Cantonalgesellsch. 

17 18 15 Societä mcd. della Sviz- 
zera italiana. 

ae u. ai Aerztl. Gesellschaft des 
Zürcher Oberlandes. 

#l Aarg. Cantonalgesellschaft. 

ai u. 88 Herr Dr. Hess in Cairo. 

ai Jubiläum Würzburg, Saldo. 

ai Herr Prof. His in Leipzig. 

** Herr Dr. H. Wunderlich, Cur- 
anstalt Schöneck am Vierwald¬ 
stättersee. 

,7 Gelegenheitsgabe einiger Basler 
Aerzte. 

18 Rheinthal. Aerzteverein. 

a * Vom Operationswiederholungs- 
curs in Zürich. 

81 Frau Dr. Wcrdinüller in Dom- 
bresson. 

14 Herr Speich-Egger in Glarus 

11 Frau Sch.-S. in Th. 

. - ■ 


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227 


Flafte Rechnung 1 der Hilfskasse flr Schweizer Aerzte. Vom 1. Januar bis 
31. Dccember 1887. 

Einnahmen. 


Fr. Ct. 


Saldo alter Rechnung 
Beiträge: 


Anzahl. 


Aua dem Canton Aargau 



31 

435. 

— 

0 


0 

Appenzell 


*)1 a 100 1 

2 a 50 / 

3 

150. 

— 

n 

0 

0 

Baselstadt 



23 

1075. 

— : 

0 

0 

0 

Baselland 



3 

45. 

— 

0 

0 

0 

Bern 



70 

1135. 

— 

0 

0 

0 

Freiburg 



6 

60. 

— 

0 

0 

0 

St. Gallen 


') 1 a 30 1 
35 a 705 / 

36 

735. 

—- 

9 

0 

0 

Genf 



15 

355. 

— 

9 

0 

0 

Glarus 



7 

110. 

— 

0 

0 

0 

Graubünden 



23 

380. 

— 

9 

0 

0 

Luzern 



20 

270. 

— 

9 

0 

0 

Neuenburg 



8 

120. 

— 

9 

0 

0 

Schaffhauson 



4 

35. 

— 

0 

0 

0 

Schwyz 



4 

80. 

— 

0 

0 

0 

Solothurn 



10 

135. 

— 


0 

0 

Tessin 


')1 ä 100 1 
7 a 53 / 

8 

153. 

— 

» 

0 

0 

Thurgau 



10 

220. 

— 

0 

0 

0 

Unterwalden 



2 

20. 

— 

0 

0 

0* 

Waadt 



18 

350. 

— 

0 

0 

0 

Wallis 



1 

20. 

— 

0 

0 

0 

Zug 



7 

75. 

— 

0 

0 

0 

Zürich 



61 

1225. 

— 


Von 

Diversen: 






Von 

Herrn 

Dr. 

Ed. Hess in Cairo (IV. und 

V. Sp.) 

2 

50. 

— 

0 

den Erben 

des Herrn Prof. 

Dr. Miescher-Hi8 sei. in 





Basel 

zu dessen Andenken 



1 

500. 

— 

Durch Herrn G. 

Finsler zum Andenken und auf Wunsch 





des Herrn 

Dr. C. Meyer-Wogmann sei 

. in Zürich 

1 

500. 

— 

Von Herrn Dr. 

H. Wunderlich, 

Curanstalt 

Schöneck am 





Vierwaldstättersee 



1 

50. 

— 

0 

Frau Sch.-S. aus Th. 



1 

10. 

— 

Vom Operationawiederholungacurs 

in Zürich 


1 

30. 

— 


377 


Capitalzinse 

Capitalrückzahlungon 


Fr. Ct. 
69. 39 


*) 


— 7183. 


— 1140. __ 


1380. 18 
9908. 65 

19681. 22 


*) Sind Beiträge von Vereinen. 

*) Incl. der Spende von Herrn Prof. Dr. Aug. Socin Fr. 500. 


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Fr. Ct. 


Fr. Ct. 

1. Capitalanlagen 16,784. 18 

2. Abschreibung von Agio und Marchzinson auf Neuanlagen 122. 80 

3. Courtage, Comm. und Depositengebühr an die Bank in Basel 33. 85 

4. Porti und Frankaturen 65. 47 

5. Druckkosten und dergleichen 124. 90 

6. Verwaltungskosten (an Herrn Buscr) 182. 75 

7. Unterstützungen an 8 Collegen und Witt wen von solchen in 

60 Spenden 2365. — 

8. Baarsaldo auf neue Rechnung 2. 27 


Die eigentlichen Einnahmen sind: 

Freiwillige Beiträge von Aerzten 
Diverse Beiträge 
Zwei Legate von je Fr. 500 
Zinse, durch die Bank in Basel eingegangen 
,, beim Verwalter eingegangen bei Capitalrückzahlungen 
Rückvergütung • von Agio und Commissionsgebühr 

Die eigentlichen Ausgaben sind: 

Die Posten 2—7 wie vorstehend 

Also Mehreinnahme gleich dem Betrag der Vermögenszunahme 

Status. 

Verzinsliche Rechnung auf der Bank in Basel 
46 bei der Bank in Basel deponirte Schuldtitel 
Baarsaldo 

Status des Vermögens am 31. December 1887 
Am 31. December 1886 betrug dasselbe 
Zunahme im Jahr 1887 


19681. 22 


7183. 


140. 

— 

1000. 

— 

1380. 

18 

14. 

05 

4. 

— 

9721. 

23 

2894. 

77 

6826. 

46 

3549. 

67 

33000. 

— 

2. 

27 

365517 

94 

29725. 

48 

6826. 

46 


Jahr 


1883 

1884 

1885 

1886 
1887 


Einzahlungen 


Unterstützungen 

Bestand der 

Vermögens- 

Zunahme 

Freiwillige 





Kasse Ende 

Beiträge 

Diverse 

Legate 

Betrag 

Spenden 

des Jahres 

v. Aerzten 



Fr.' 


Fr. Ct. 

Fr. Ct. 

Fr. 

Fr. 

Fr. 





7042 

530 

— 

— 

— 

7396 95 

— — 

3607 

100 

— 

— 

— 

11391 91 

3994 96 

7371 

105 

2500 

200 

1 

21387 06 

9995 15 

7242 

25 

2000 

1530 

22 

29725 48 

8338 42 

7183 *) 

140 

1000 

2365 

60 

36551 94 

6826 46 

32445 

900 ~ 

5500 

4095 

83 


29154 99 


38845 (von 1883) 7396 95 

36551 94 

Basel, den 8. Januar 1888. Der Verwalter: A. Baader . 

Den Herren Revisoren und der schweizerischen Aerztecommission wurde diese Rech¬ 
nung, zudem aber eine detaillirtero, wie früher ausgestellte Rechnung vorgelegt. 

A. Baader . 

Herrn Dr. Sonderegger , Präsident der Schweizerischen Aerzte-Commission! 
Hochgeehrter Herr! 

Ihrer Aufforderung entsprechend haben die Unterzeichneten die Revision der fünften 
Jahresrechnung der Hülfskasse für Schweizer Aerzte vorgenommen. Mit Ausnahme der 
*) Darunter eine Gelegenheitsspende von Fr. 500. 


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221 ) 


Beiträge der Herren Aerzte, für welche die Controle in der öffentlichen Verdankung im 
„Correspondenzblatte für Schweizer Aerzte*, der „Revue medieale de la Suissc romandc“ 
und dem „Bolletino medico di Ticino“ liegt, haben wir die gesammte Rechnungsführung, 
die Belege der Einnahmen und Ausgaben, sowie die Titelanlagen geprüft und Alles in 
bester Ordnung gefunden. 

Die genauere Verfolgung der Beiträge zeigt, wie bisher, dass die Theilnahme der 
Aerzte in verschiedenen Cantonen eine sehr verschiedene ist und dass bei stärkerer Be¬ 
theiligung der nachlässigeren Gruppen das Wachsthum der Kasso viel stärker könnte ge¬ 
fördert werden. Die bisherige Entwicklung der Kasse und ihrer Leistungen geht aus den 
nachfolgenden Ziffern hervor. 


1883 

Regelmässige Beiträge 
der Aerzte. 

7042 

Ausserord. Beiträge Ausbezahlte 

und Legate. Unterstützungen. 

530 — 

Bestand der Kasse am 
Ende des Jahres. 
7396. 95 

1884 

3607 

100 — 

11391. 91 

1885 

7371 

2605 

200 

21387. 06 

1886 

7242 

2025 

1530 

29725. 48 

1887 

7183 

1140 

2365 

36551. 94 


Indem wir beantragen , diese fünfte Jahresrechnung zu genehmigen, können wir 
leider nicht beifügen: unter bester Verdankung des unermüdlichen Verwalters. Während 
wir diesen Bericht erstatten, ist Arnold Baader , dessen vielbewährte Tbatkraft vor Allem 
auch der Hülfskasse seit ihrer Gründung zu Gute gekommen ist, uns für immer ent¬ 
rissen worden. 

Wir schlieBsen mit dem Wunsche, es möge in der kräftigen Weiterentwicklung der 
Hülfskasse der Geist ihres ersten Verwalters, seine zielbewusste und hingebende Fürsorge 
fortleben. 

Mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung 

Basel, Ende Februar 1888. 

R. Iselin. Dr. Th . Lote. Dr. Rud. Massini. 


— Add. emrbol. eamphor« Im medicioisch - pharmaceutischen Verein von Bern — 
20. December 1887 — sog die Diecussion über Meotbol auch den Campher in Erwägung 
und liess ihn als Antisepticum fallen. 

E i n Campherpräparat verdient jedooh Beachtung. Bekanntlich verbindet sich gepul¬ 
verter Campher mit crystallisirter Carbolsäure, ohne weitere Zuthat, durch einfaches 
Schütteln in einem Reagenzglas zu einer klaren Flüssigkeit. Ein Theil Carbolsäure nimmt 
auf diese Weise bis drei Theile Campher. auf. 

In dieser Verbindung büsst die Carbolsäure ihre ätzende, nicht die antiseptische 
Wirkung ein. Auf die Zunge gebracht, erzeugt diese Mischung kaum Brennen, sie röthet 
die äussere Haut nicht, greift blanken 8tahl nicht an, schmerzt in 'Wunden weniger als 
Alcohol und verdeckt den Carbolgeruch vollständig. Das Präparat ist elegant, zuverlässig 
uod empfehlenswert!). Dr. Th. Schneider (Basel)* 

Ausland. 

8owohl Prof. Liebermeister von Tübingen , als auch Prof. Erb von Heidelberg haben 
den Ruf auf den klinischen Lehrstuhl in Leipzig abgelehnt. 

Deber Litholyse. (Nach einer Arbeit von Dr. Posner in der Deutschen medic. 
Wochenschr. Nr. 8, 1888.) 

Die Empfehlungen der Brunnen- und Badeorte gegen die Beschwerden der harn¬ 
sauren Diathese oder harnsauren Steinbildung sind Legion — und der Arzt, der hierüber 
einen Rath ertheilen soll, muss eher einer therapeutischen Intuition als einer wissen¬ 
schaftlich begründeten Ueberlegung folgen. Unter diesen Umständen dürfen wir für Ver¬ 
suche, die uns wenigstens klar machen, in welcher Weise die Kräfte unseres Arznci- 
schatzes im Einzelfalle am besten zu verwertben wären, dankbar sein. 

Ebstein zeigte, dass das vielgepriesene Lith. carbon., welches in reiner Lösung eine 
ziemlich erhebliche harnsäurelösende Wirkung besitzt, als Chlorlithium in den Urin über¬ 
geht uod in dieser Form fast unwirksam ist. — 


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230 


Eb war eio glücklicher Griff voo Emil Pfeiffer in WieBbaden, nicht, wie es bis dahin 
geschehen war, die Brunnen oder die Lösungen der Arzneimittel selbst auf ihre thera¬ 
peutische Verwendbarkeit zu prüfeu, sondern den Urin, welcher nach dem Gebrauch 
dieser Mittel entleert wird, in dieser Richtung zu uutersuchen. Pfeiffer hat in seinen 
Mittheilungen auf dom Congress für innere Medicin 1886 sich wesentlich auf Repräsen¬ 
tanten von drei Gruppen von Mineralwässern dabei beschränkt. Er hat vor allen Dingen 
das altbertihmte alcalisch-sulfatische Karlsbader Wasser in dieser Richtung untersucht, 
dann die Kochsulzquelle von Wiesbaden , die practisch wohl weniger für diese Dinge 
verwendet wird, und endlich einen Repräsentanten der rein alcalischen Wässer, die Quelle 
von Fachingen. Die Resultate seiner Untersuchungen waren die, dass die Karlsbader 
Quelle allerdings während ihres Gebrauches dem Urin eine erhebliche, Harnsäure lösende 
Kraft ertheile, die aber unmittelbar nach dem Aussetzen wieder schwand und im Gegen- 
theil dann zu einer vermehrten Abscheidung von Harnsäure führte. Bei Wiesbaden war 
das Gleiche der Fall, nur dass die Harnsäure lösende Eigenschaft, wie das vorauszusetzen 
war, ganz erheblich geringer blieb als bei Karlsbad. Aber auch diese geringe Wirkung 
verschwand ebenso schnell. Anders Fachingen. Nach dem Gebrauche von Fachinger 
Wasser zu einem Kruge pro Tag nahm der Urin schon am zweiten Tage eine ausgeprägte 
Harnsäure lösende Eigenschaft an, und diese Eigenschaft erhielt eich noch ungefähr, wenn 
das Wasser etwa 5 Tage gebraucht worden war, 3—4 Tage deutlich, um ganz allmälig 
zu verschwinden. Diese Untersuchungen haben, beiläufig bemerkt, bereits auch die prac- 
tische Wirkung gehabt, dass das Fachinger Wasser, welches bis dahin ziemlich stief¬ 
mütterlich behandelt war, einen ausserordentlichen Aufschwung im Verbrauch genommen hat. 

Posner und Goldenberg haben hierüber Nachuntersuchungen angestellt. Pfeiffer stellte 
seine Untersuchungen in der Art an, dass er bestimmte Mengen des Urins nach dem 
Genuss bestimmter Mengen des Mineralwassers auf ein Filter gab, auf welches vorher 
abgewogene Mengen chemisch reiner Harnsäure gebracht waren, und den Substanzverlust 
nach dem Filtriren und nach dem nachherigen Trocknen u. s. w. wog. Dass diese Me¬ 
thode berechtigt sei, hat Pfeiffer selbst in einer Reihe von Untersuchungen, die wir auch 
uachprüften, hinreichend bewiesen. Es zeigte sich namentlich, einmal, dass nicht schon 
etwa normaler Urin eine ähnliche, Harnsäure lösende Eigenschaft in dieser Weise ausübt, 
sondern im Gegentheil das Gewicht der Harnsäure nach dem Durchfiltriren vermehrt, 
während Wasser eine Abnahme, die sich in bescheidenen Grenzen hält, hervorbringt. 
Pfeiffer ist der Sache noch näher getreten, durch quantitative Analysen hat er in dem 
Urin vor und nach dem Filtriren den Substanzverlust noch durch Wägung nachweisen 
können. Es war also augenscheinlich gegen die Methode nichts einzuwenden. 

Posner und Goldenberg beschränkten sich bei ihren Untersuchungen auf die rein alca¬ 
lischen Quellen, die ja gegenwärtig im Vordergründe des Interesses stehen. Sie konnten 
besonders die /y'ei/fer’schen Versuche mit reiner Harnsäure bei Gebrauch alcalischer Wässer 
und die Nachwirkungen des Wassers bestätigen, und es gelang ihnen auch, eine Scala 
der Wirksamkeit der verschiedenen Brunnen zu ermitteln, indem sieb zeigte, dass 
die Harnsäure lösende Wirksamkeit der alcalischen Quellen direct von ihrem Gehalt an 
Na a C0 8 abhängt. Den erheblichsten Gehalt daran hatte die in Deutschland erst wenig 
bekannte Quelle von Vals (Dösirdequelle), welche mit über 6 : 1000 Natr. carbon. beinahe 
8% 0 kohlensauren Alcalien , an der Spitze aller dieser Quellen steht. Mit dieser haben 
sie auch diejenigen Resultate erhalten, welche in jeder Hinsicht als die befriedigendsten 
bezeichnet werden können, namentlich bei Berücksichtigung des Verhaltens der harnsauren 
Steine. In 100 grm. des betreffenden Urins wurden ca. 0,1 Harnsäure gelöst, eine Zahl, 
die ziemlich beträchtlich erscheinen wird, wenn man bedenkt, dass nach derselben Me¬ 
thode destiilirtes Wasser bei Körpertemperatur nur ca. 0,04 grm. aufzulösen vermag. 

Vals fast ebenbürtig ist die Quelle Grande Grille von Vichy, dann kam eine, in 
Deutschland ziemlich unbekannte, die Ulricusquelle von Passugg, (ganz in der Nähe von 
Chur), dann Facbingen, dann Wildunger Heleneuquelle, dann Salzbrunner Kronenquelle. 
Diese löste am wenigsten, nur den 5. Theil etwa des Quantums der Quelle von Vals, 
etwa die Hälfte des Betrages, den die Fachinger löste. Dieses Resultat, dass die Harn¬ 
säure lösende Kraft eine Function des Gehalts an Na a C0 8 zu sein schien, veranlasste 
P m und G . auch auf die einfachen Arzneimittel ihre Untersuchungen auszudehnen, in der 
Hoffnung, dass es gelingen könne, wenigstens für den Gebrauch im Hause die Brunnen 


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231 


bei ihren immerhin ine Gewicht fallenden Preisen durch einfachere Mittel eu ersetzen, 
ln der That zeigte sich, dass eine ganze Reihe von einfachen Alcalien in dieser Be¬ 
ziehung , rein quantitativ betrachtet, ziemlich dieselben Resultate zu geben im Stande 
war, wie bei den Brunnen. Zuerst das Natr. bic. Gaben von etwa 4—6 grm. pro Tag, 
die noch leidlich gut vertragen werden, ergeben annähernd dieselben Grössen, wie Fa- 
chiugen, aber.es zeigte sich, dass man diese Gaben nicht so lange reichen kann als die 
Brunnen. In ähnlicher Weise wirken die von Caniani angegebenen bekannten Pulver aus 
Natr. bic., Lithion carb. und Ka. citr., und an diese schloss sich an die ebenfalls in der 
Praxis beliebte Magnesia boro-citrica. Den tiefsten Rang nahm der Borax ein. 

Pfeiffer hatte seine Untersuchungen nach derselben Methode an harnsauren 
Steinen ausgeführt und kam eu dem Schlüsse, dass diese durch den Gebrauch des 
Fachingerwassers sehr rasch aufgelöst wurden. P. und G . sprechen sich etwas scepti- 
scher hierüber aus. Harnsteine in Urin gelegt, der nach Gebrauch von Vals oder Fa¬ 
chingen gelassen, erlitten allerdings einen Gewichtsverlust durch leichte Arrosionen an 
der Oberfläche, aber nur einmal wurde der Stein wirklich gelockert und mürbe, wie Pf. 
aogibt. 

Posner glaubt demnach den Satz vertreten zu können , dass man überall da, wo es 
sich um eine rasche Einwirkung, möglichst schnelles Auflösen eines Harnsäureüberscbusses 
handelt, von welcher Art er auch immer sei, zu den am stärksten wirkenden Mitteln, 
den Quellen von Vals und Vichy, allenfalls auch Facbingen , unter allen Umständen zu 
greifen hat, dass diesen Quellen aber am nächsten stehen nicht etwa die alcali-ärmeren 
Quellen, sondern dass diesen Quellen am nächsten stehen grosse arzneiliche Gaben von 
Natr. bicarbonicum. Aber wo es sich darum handelt, eine länger dauernde Cur durch¬ 
zumachen, möchte P. vor diesen allzu starken alcalischen Brunnen nachdrücklich warnen. 
Es tritt hier das bekannte Factum mit erstaunlicher Schnelligkeit ein, dass der Uriu al- 
calisch wird, und dass die sämmtlicben practischen Vortheile der Harnsäurelösung ver¬ 
loren gehen gegenüber dem Nachtheil einer zu erheblichen Alcali-Niederschlagung; na¬ 
mentlich gilt das für gewisse Steine, bei denen man die Bildung der Phosphatrinde nur 
beschleunigen würde. 

Was die Dosirung der Brunnen betrifft, so kann man darin dem von Pfeiffer ge¬ 
gebenen Rath folgen: bei den stärkeren Alcalien genügt es, und das ist practisch von 
Bedeutung, nicht täglich die Brunnen trinken zu lassen, vielmehr nach 2 —3 Trinktagen 
einen oder zwei Ruhetage eineuschieben. Die Harnsäure lösende Kraft des Urins wird 
durch die Pause in keiner Weise beeinträchtigt. Auf die Grösse des zu trinkenden 
Quantums kommt es für die absolute Wirkung des Urins weniger an als man erwarten 
sollte. Es ist ziemlich gleich für das augenblicklich zur Untersuchung steheude Quantum 
Urin, ob Patient eine halbe oder ganze Flasche Fachinger getrunken hat. 

Aus diesen Versuchen geht mit voller Sicherheit hervor, dass bei irgendwie grossem 
Blasensteinen man von Einwirkung von noch so hoch gegriffenen Dosen von Alcalien 
nichts zu erwarten hat, während harnsaures Gries allerdings einer solchen Behandlung 
noch zugänglich ist. 

Creolln — ein neaes Antiseptieam. Seit der Sublimat sich allgemeiner Zustimmung 
in der chirurgischen Praxis zu erfreuen hat, ist die „Nachfrage“ nach einem neuen Anti- 
septicum nicht gar lebhaft und diesbezügliche Vorschläge und Empfehlungen verhallen 
meist unbeachtet. Obscbon die Wunden nicht reizend, von eminent antiseptischcr Kraft 
muss der Sublimatverbrauch seiner Giftigkeit halber weise beschränkt bleiben — und 
darin liegt es, dass neuerdings verschiedene zuverlässige Stimmen zu Gunsten eines ab¬ 
solut unschädlichen Mittels, eines zuverlässigen und zugleich reizlosen Desinflciens sich 
erheben. Das Bessere ist der Feind des Guten. 

Das Creolin, in England seit einiger Zeit eingeführt und in Deutschland vor 
Kurzem in Gebrauch gezogen , scheint keine chemisch reine und gut defiairte Substanz 
zu sein und muss (da seine Darstellungsweise geheim gehalten wird) den Geheimmitteln 
beigezählt werden. — Es kommt in unverdünntem Zustande als syrupöse, dunkelbraune 
Flüssigkeit in den Handel; es riecht nach Theer und bildet mit Wasser in jeder Con- 
centration eine milchige Emulsion. Gewonnen wird dasselbe aus der Destillation einer 
englischen Steinkohlenart durch genau bestimmte Fractionsmethoden; ausserdem erhält 
es den Zusatz eines Alcali. 


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232 


Dr. Esmarch hat es auf seine antieeptiscben Eigenschaften geprüft und wie ich kure 
erwähnen will, zeigte sich das neue Präparat bei gleicher Concentration wirksamer als 
Carbol, und von besonders günstiger Wirkung in Reinculturen von Eitermicroorganismen. 

Diese Resultate ermunterten dann auch sehr bald einige Forscher zur Anwendung 
des Mittels in der chirurgischen Praxis. Es liegen uns Berichte von Rortüm , Spaeth und 
Neudörfer vor mit übereinstimmend empfehlendem Urtheil. Das Mittel wurde sowohl in 
1 oder 2%*Lösung zum Ausspülen der Wunden, als zur Imprägnation von Verband¬ 
stoffen benützt. Die Wunden blieben reizlos, heilten gut, Eczeme traten keine auf. — 
Vergiftungserscheinungen zeigten sich keine. Hunde und Pferde ertrugen interne ohne 
Nachtheil grosse Dosen — bis zu 60 grm. Neudörfer nennt das Creolin — etwas enthu¬ 
siastisch! — für Land- und Kriegspraxis das verlässlichste, 'bequemste, billigste und 
unschädlichste Antisepticum. — 


Zürich 
u. Anssengea 

Bern 


Stand der Infeetione-Krankheiten« 


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III.-17. III. 


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Basel 11.111.-25.111. 55 — 5 — 2 18 11 1 4 2 — 

In Basel sind von den S ch a r lac h fällen 20 auf dem ÖÜdoetplateau, 17 in Klein¬ 
base), 13 im Birsigthal ; von den Erkrankten besuchen 5 Kleinkinder-, 18 Primär-, 8 
Secundarschulcn; keine Schule 16; erwachsen sind 8. 


In eigener Sache. 

Unsern verehrten Mitarbeitern und Lesern zeigen wir hiemit an, dass es uns gelungen ist, für die 
Redaction unseres Blattes Herrn I)t\ Elias llaffter von Frauenfeld zu gewinnen. 

Wir freuen uns, die Leitung des Correspondenz-Blattes der bewährten Kraft unseres geschätzten 
Coltegen Haffter anvertrauen zu dürfen, der als Präsident des Centralvereins und als Mitglied der schwei¬ 
zerischen Aerztecommisslon eng mit den allgemeinen Interessen unserer Schweiz. Collegen verbunden ist 
und zugleich als practlscher Arzt allseitig beschäftigt, am ehesten deren Bedürfnissen und Wünschen Rech¬ 
nung zu tragen weiss. 

So glauben wir unsern Lesern gerecht geworden zu sein und hoffen, dass unsere geehrten Mit¬ 
arbeiter, für deren stetige und werthvoile Hülfe wir hiemit herzlich danken, dem Blatte auch fernerhin ihr 
geschätztes Wohlwollen erhalten mOgen. 

Der Verleger: Der Redactor: 

Benno Schwabe . Oarrd. 

BtT* Alle Zusendungen für die Redaction sind von nun an gefälligst an Herrn Dr. E. Haffter 
in Frauenfeld, Correcturen, Abonnementsbesteliungen, Inserate und Adressenänderungen dagegen an den 
Verleger, Herrn Benno Schwabe, Buchhändler in Basel, zu richten. 


OfF* Hülfskasse für Schweizer Aerzte. Wie Sie dem In dieser Nummer enthaltenen Berichte zur 
Rechnung der Hülfskasse pro 1887 entnehmen , hat Herr Dr. Th. Lotz-Landerer in Basel die Ver¬ 
waltung derselben übernommen. Alle diesbezüglichen Correspondenzen und Geldsendungen sind daher von 
nun an an Herrn Dr. Th. Lotz-Landerer in Basel direct zu adressiren. 


Zuschriften in Sachen des ärztlichen Centralvereins sind an Herrn Dr. E. Haffter in Frauenfeld 
als derzeitigen Präsidenten zu richten. 


BriefkaMten. 

Dr. M . in L. Ganz recht 1 Der Necrolog Baader stammt aas der Feder unseres geschätzten 
Mitarbeiters Dr; Lotz , Physikus in Basel. 

Schweighaaserische Buchdrackeret. — B. Schwabe, Verlagsbuchhandlung in Basel. 


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Erscheint am 1. und 16. 
jedes Monats. 
Inserate 

36Ct8. die geep. Petitzeile. 


för 

Schweizer Aerzte. 

Herausgegeben von 


Preis des Jahrgangs 
Fr. 12.— für die Schweiz, 
Fr. 14.50 für das Ausland. 
Alle Postbnreanx nehmen 
Bestellungen entgegen. 


H> i% E. Haffter 
in Franenfeld. 

N! 8. XVIII. Jahrg. 1888. 15. April. 


Inhalt: An nniere Leser. — 1) Originalerbeit en: Dr. A. J tünch: Actinomycosis hominis II. — Dr. R. Wagner: Znr 
Begriffsbestimmung und Therapie der Neurasthenie. — 2) Vereinsberichte: Medicinische Gesellschaft in Basel. — Gesell¬ 
schaft der Aerste in Zürich. — 8) Referate und Kritiken: Dr. R. von den Velden: Ueber Hypersecretion und Hyperacidität 
des Magensaftes. — T eit: Ueber die Behandlung der puerperalen Eklampsie. — Ferdy: Die kbnstliche Beschränkung der Kinder¬ 
zahl als sittliche Pflicht etc. — Ludtcig Fick: Phantom des Menschenhirns. — Henry Thompson: Die 8trietnren und Fisteln der 
Harnröhre. — Dr. Carl iMngenbuch: Die Sectio alta subpubica. — Prof. Dr. Isxbisch: Die neueren Arzneimittel in ihrer An¬ 
wendung und Wirkung. — 4)Cantonale Correspondensen: Lusern: Die Transfusion bei Kohlendunstrergiftung. — 
Zürich: Die abschlägige Antwort unseres h. Bundesratbee auf die bekannte Petition der Engadiner Höteliers. — b) Wochen¬ 
bericht: II. schweizerischer Aerstetag. - Eidgenössische Medicinalprüfungen. — Versammlung des deutschen Vereins f&r 
öffentliche Gesundheitspflege in Frankrart a. M. — Preisausschreibung. — Lipsnin, ein Ersatzmittel f&r Leberthran. — Des- 
infection ron Absonderungsspitälern. — Behandlung von Schwielen und Warzen. — 6) Infeetionskrankheiten in Z&ricb, 
Bern und Basel. — 7) Briefkasten. — 8) H&lfskasse f&r Schweizer Aerste. 


An unsere Leser! 


Innert wenig mehr als Jahresfrist hat sich über den beiden vorzüglichen 
Männern, deren Namen seit 1872 die Spitze dieses Blattes schmückten , das Grab 
geschlossen. Unter ihrer Führung ist das Correspondenzblatt das geworden, was 
sie in gemeinschaftlicher, ernster Arbeit anstrebten — das geistige Band, welches 
die schweizerischen Aerzte zusammenhält, und ein Organ, welches in medicinischen 
Kreisen, auch des Auslandes, Achtung und Anerkennung geniesst. Die Namen 
Burckhardt-Merian und Baader bleiben mit unauslöschlichen Lettern in die Geschichte 
unseres Blattes und in die Herzen seiner Leser eingeschrieben. 

Ein Dritter, wie Wenige dazu berufen, die Redaction im Geiste der ver¬ 
blichenen Freunde fortzuführen, wurde durch einen ehrenvollen Ruf in’s Ausland 
uns entrissen, nachdem er kaum ein Jahr lang seine Kräfte und sein warmes In¬ 
teresse unserm Blatte hatte widmen können. Dr. Garte ist mit 1. April als I. As¬ 
sistent der chirurgischen Klinik und Docent für Bacteriologie nach Tübingen über¬ 
gesiedelt. Er wird nach wie vor, zu unsern treuen Mitarbeitern zählen, kann aber 
selbstverständlich die Leitung dieses Blattes nicht beibehalten. Unter heutigem 
Datum übernimmt dieselbe der Unterzeichnete, freilich nach längerem Bedenken 
und mit sehr gemischten Gefühlen; denn er weiss wohl, ein Herz, das warm für 
den schönen und idealen Zweck des Blattes schlägt, der gute Wille, die Gefühle 
der Zusammengehörigkeit der Schweizerärzte zu heben und dafür einzustehen« die 
Begeisterung für unsern herrlichen, aber oft so mühevollen und auch undankbaren 
Beruf, der Wunsch , an den Aufgaben der socialen Medicin mitzuhelfen — sie 
thun’s nicht allein — es braucht mehr, viel mehr, und nur die zahlreichen ausge- 

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zeichneten Mitarbeiter, die in treuer und activer Freundschaft zum Correspondenz- 
blatte halten, ermuthigen ihn zur Uebernahme der Redactionspflichten. 

Es wäre nicht nur pietätlos, sondern auch unklug, den Charakter, den das 
Blatt unter den Händen unserer geschiedenen Freunde so erfolgreich angenommen 
hat, verändern zu wollen; es wird durchaus in bisheriger Weise weiter erscheinen 
und es soll der Redactionswechsel so wenig, als nur immer möglich, fühlbar 
werden. 

Wie bisher wird es vor Allem auf die Bedürfnisse des practiscben Arztes 
Rücksicht nehmen, aber nie vergessen, dass das Streben nach der Lichtseite, nach 
Wissenschaftlichkeit unerlässliches Lebens- und Entwicklungsbedingniss ist; es 
soll die erleuchtenden Strahlen, die von den Brennpunkten wissenschaftlicher For¬ 
schung — den Universitäten und Spitälern — ausgehen bis zum Practicus des 
entlegenen Bergdorfes tragen; es soll aber auch dem practischen Arzte Gelegen¬ 
heit geben, wichtige Beobachtungen, die er machte und welche zu abgerundeter 
Arbeit auszuspinnen er nicht Zeit und Gelegenheit findet, mitzutheilen; so kann 
Jeder sein Scherflein beitragen und manches Goldkorn, das sonst im Sande unter¬ 
ginge, wird auf diese Weise nutzbar gemacht. — Das Correspondenzblatt wird 
auch fernerhin nach besten Kräften im Geiste wahrer Collegialität für unsern 
Stand und seine Ehre einstehen und nicht müde werden, an den vielfachen Auf¬ 
gaben der socialen Medicin, am wirklichen Wohle unseres Volkes zu arbeiten. — 
Dies sind die Ziele, welche seine langjährigen Redactoren dem Blatte setzten; 
diesen Zielen wird auch die neue Redaction nachstreben, gestützt und getragen 
durch die zuversichtliche Hoffnung, dass das Vermächtniss Burckhardt-Merian's und 
Baader'$ bleiben wird, was es bisher war: 

Das Organ der schweizerischen Aerzte. 

Frauenfeld, den 1. April 1888. E . Haffler . 

Original-Arbeiten. 

Actinomycosis hominis li. 

Von Dr. A. Münch (Brestenberg). 

Im Jahrgang 1887 des Correspondenz-Blattes (Nr. 4 und 5) habe ich über 
einen selbst beobachteten Fall von Strahlpilzerkrankung berichtet und weitere 
Mittheilungen über denselben in Aussicht gestellt. Durch besonders günstige Um¬ 
stände ist es mir nun vergönnt, diesem Versprechen nachzukommen und sowohl 
über die ferneren Schicksale des Kranken als über das Resultat der Obduction an 
dieser Stelle Bericht zu erstatten. 

Kurz nach der s. Z. beschriebenen Auskratzung der kranken Stellen an der 
r. Brustseite bildete sich ein neuer, nussgrosser Abscess über dem Sternalende der 
VII. r. Rippe, der ebenfalls incidirt und ausgelöffelt wurde. Er enthielt in röth- 
lichem, gallertigem Granulationsgewebe sehr zahlreiche Pilzdrusen. Diesem Abscess 
folgtän nun leider in kurzer Frist weitere. Trotz relativ gutem Allgemeinbefinden 
nahmen die Abmagerung und das cachectische, fahle Aussehen allmälig zu, der 
Husten wurde stärker und in dem reichlichen, eitrig-schleimigen, stellenweise auch 


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blutig gestreiften Auswurfe waren Anfangs März sehr zahlreiche, aber meist nur 
kleine Pilzkörner zu finden. Ende Marz war Folgendes zu constatiren: Bedeutende 
Ansemie und Abmagerung. Leichtes Oedem am Sacrum. Die Dämpfung und Ein- 
sinkung der r. Brustseite ist nach oben vorgeschritten und auch 1. h. u. zeigt sich 
eine Abschwächung des Schalles und des Athemgeräusches. In der r. Lenden¬ 
gegend, entsprechend der Spitze der XII. Rippe, hat sich ein gänseeigrosser, 
deutlich fluctuirender Abscess gebildet; die Haut darüber ist dunkelviolett ver¬ 
färbt. In der Oegend der IX. r. Rippe in der Axillarlinie ist ein fernerer Abscess 
in der Bildung begriffen. Die s. Z. incidirten Herde sind bis auf feine Fistel- 
öffhungen in den straffen Narben ausgeheilt. Aus den Fisteln entleert sich ab 
und zu ein Tropfen dünnen, zuweilen pilzhaltigen Eiters. Im Urin nichts Ab¬ 
normes. 

Am 6. April wurde der grosse, erhebliche Schmerzen verursachende, zwischen 
Haut und Fascie sitzende Abscess in der Lendengegend breit incidirt und aus¬ 
gekratzt. Es entleerte sich diesmal reichlicher, übel riechender Eiter, welcher so 
massenhafte Pilzkörner enthielt, dass das Ganze einer dicken Griessuppe ähnlich 
sah. Das die Höhle ausklcidende Granulationsgewebe war wie bei dem erst in¬ 
cidirten Abscesse schmutzig gelb, fetzig. Wundbehandlung wie früher. 

Dieses war der letzte Streich, Denn als sich nun wiederum neue Abscesse 
an andern Stellen entwickelten und die Fisteln der gespaltenen Herde nicht zu¬ 
heilen wollten, verlor der Patient das Zutrauen zu chirurgischer Hülfe, was man 
ihm auch gar nicht übel nehmen konnte, und beschloss, der Sache den Lauf zu 
lassen und nicht mehr zu „doctern“. Ich sah ihn von da an nicht mehr und ver¬ 
nahm nur ab und zu, dass es immer schlechter mit ihm gehe und er grosse 
Schmerzen leide. 

Mein College, Bezirksarzt Baur in Sarmenstorf, der den Patienten später zu¬ 
weilen besuchte, constatirte das Auftreten zahlreicher Abscesse an den verschie¬ 
densten Stellen des Körpers, von welchen viele spontan aufbrachen und nach Ent¬ 
leerung von schmutzigem, bluthaltigem Eiter sich bis auf fistulöse Geschwüre 
wieder schlossen. Husten und Auswurf hörten nicht auf, die Oedeme nahmen zu 
und am 18. November, also ungefähr 3 Jahre nach Beginn der Krankheit, erfolgte 
der Tod unter den Symptomen einer acut auftretenden Herzparalyse. 

Die Erlaubniss zu der längst gewünschten Section wurde gerne ertheilt und 
Herr Prof. M. Roth hatte die grosse Güte, dieselbe am 2]. November 1887 selbst 
in der Wohnung des Verstorbenen vorzunehmen. 

Aus dem ausführlichen Sectionsprotocolle ist Folgendes hervorzuheben: 

Gut gebauter, aber sehr abgemagerter Körper mit atrophischer Haut und 
Musculatur. Beine und untere Rückengegend oedematös. 

Ueber den ganzen Körper zerstreut zahlreiche, haselnuss- bis gänseeigrosse 
fluetnirende Anschwellungen unter der Haut. Es finden sich solche an der be¬ 
haarten Kopfschwarte, an beiden Ober- und Vorderarmen, über dem rechten Darm¬ 
beinkamm, am Bauche, an beiden Ober- und Unterschenkeln. Stellenweise ist die 
Haut über diesen Tumoren oberflächlich erodirt oder verdünnt und bläulich ver¬ 
färbt 


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Diese Abscesse sitzen theils nur zwischen Haut und Fascie, theils reichen sie 
tief in die Musculatur hinein oder gehören ausschliesslich der letzteren an. So 
enthält der 1. M. triceps brachii einen hühnereigrossen Abscess mit weichen, fetzi¬ 
gen Wandungen, der 1. M. quadriceps femoris eine fast faustgrosse Höhle, in 
welcher mehr als 50 cc. braunrothen Eiters enthalten sind. In dem Eiter selbst 
sind zahlreiche weissliche Körner zu bemerken, die sich microscopisch als Actino- 
mycesrasen erweisen. 

An Stelle der früheren Incisionen sieht man fistulöse Geschwüre. Neben und 
zwischen den noch geschlossenen Abscessen findet sich noch eine grössere An¬ 
zahl kleinerer und grösserer, flacher, zackiger Ulcerationen der Haut, so besonders 
am Rücken, der seitlichen Brustwand und an den Extremitäten. In den Ulcera¬ 
tionen münden fistulöse Gänge, durch welche die Sonde verschieden weit unter 
die Haut dringt, ohne jedoch irgendwo auf Knochen zu stossen. 

Bei Eröffnung der Bauchhöhle entleeren sich ca. 2 1 /, 1. trübe, molkige Flüssig¬ 
keit, in welcher keinerlei Pilzelemente sichtbar sind. In der Gegend der früheren 
Incisionen an der Brustwand ist die Haut den Rippen fest adhärent, die Muscula¬ 
tur schwielig, atrophisch, von fistulösen Gängen mit schmierigen gelben Wandun¬ 
gen durchsetzt. Unter diesen Stellen zeigt sich die Leber ausgedehnt fest mit 
dem Zwerchfell verwachsen. 

Das Herz ist gross und wiegt 714 grm. Der Herzbeutel ist völlig obliterirt 
und mit den Lungen durch derbe Schwielen verwachsen. Die Oberfläche des 
Herzens ist schwielig. Die Schwielen sind am bedeutendsten an der Herzbasis 
und erreichen hier im Sulcus circularis 2—3 cm, Dicke. In denselben sieht man 
zahlreiche gelbröthliche, weiche Einlagerungen. 

In der Nähe der Art pulmon. sitzt auf dem r. Ventrikel ein bohnengrosser, 
flacher, gelblicher Knoten, daneben ein kleinerer erbsengrosser. Aus beiden ent¬ 
leert sich beim Einschneiden gelbe, dicke Flüssigkeit. Bei der Eröffnung des r. 
Ventrikels zeigt sich der obliterirte Herzbeutel 1 cm. dick, grauweiss, cedematös. 
Aus mehreren Stellen seiner Schnittfläche entleert sich eitrige Flüssigkeit, nach 
deren Entfernung schmutzig-gelbe, erweichte Herde zum Vorschein kommen. Der 
r. Ventrikel ist erweitert, hypertrophisch, die Pulmonalklappen sind gut erhalten. 
Dicht zwischen v. und 1. Klappe sitzt unter dem Endocard ein gelapptes, erbsen¬ 
grosses, weiches Knötchen und am Septum weiter unten ein ähnliches. Die Innen¬ 
wand des r. Ventrikels zeigt einen 5 Frankenstück grossen Sehnenfleck, mit zahl¬ 
reichen gelblichen Erhöhungen besetzt, welche sich beim Einschneiden als abscess- 
artige, das Herzfleisch durchsetzende Erweichungsherde darstellen. In den eitrigen 
Massen finden sich zahlreiche, feine, etwas consistente, weissgelbe Pilzkörner. 
Zwischen den Trabekeln des r. Herzens sitzen einige gelbliche, hanfkorngrosse 
Knötchen, die mit Knoten des Herzfleisches in Verbindung stehen. Die Knötchen 
sind weicb und entieferen Eiter, Körnchenzellen und Actinomycesräsen. 

Aus dem Ostium der Coronarvene ragt in den r. Vorhof eine über erbsen¬ 
grosse graurothe, weiche, beim Einschneiden eiterartig zerfliessende Masse. Unter¬ 
halb von diesem Thrombus sitzt ein erbsengrosser, höckeriger, gelblicher Knoten, 
der mit einem grossen Herd in den Herzbeutelschwielen zusammenhängt. Er ist 


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weich und entleert auf leichten Druck weissliche Flüssigkeit, in welcher Eiter¬ 
körperchen und Pilzrasen sich finden. Im weiteren Verlauf des Sinus coronar. 
finden sich noch 1 und in der V. magna cordis coron. noch 2 erbsengrosse Ge¬ 
schwulstthromben. Unter dem Endocard des r. Ventrikels sitzt ferner ein gelb¬ 
licher Punkt, welcher sich als ein ganz isolirter Actinomycesrasen von ca. 0,2 mm. 
Durchmesser zu erkennen gibt; in der Umgebung keine Spur von Reaction. Dieser 
Rasen ist wohl erst vor Kurzem auf embolischem Wege hierher gelangt. 

Der 1. Ventrikel ist ebenfalls erweitert und hypertrophisch. In den Schwarten 
des Pericard bis zur Herzspitze hinab und zum Theil in der Herzmusculatur selbst 
sitzen zahlreiche bis erbsengrosse Abscesse und gelbe, etwas consistentere Herde. 
Die. Aorten- und Mitralklappen sind intact. Auf der vorderen Wand des engen, 
schwieligen 1. Herzohres sitzt ein kleines, gelbes Knötchen, auf der hinteren Wand 
eine bohnengrosse, graugelbe, höckerige Geschwulstmasse. 

Die aus den Herz- und Herzbeutelabscessen gewonnenen Pilzrasen besitzen 
zuweilen eine auffallende Grösse; es fand sich beispielsweise ein solcher von ca. 
1:2 mm. Durchmesser. Auch zeigen manche Rasen ein sehr schönes, parallel- 
faseriges Mycelium. 

Beide Lungen sind überall adhärent und mit dem Herzbeutel durch derbe 
Schwarten verbunden. Besonders fest ist die r. Lunge von der V. Rippe an ab¬ 
wärts mit der Brustwand verwachsen. Die Schwielen erreichen hier bis 3 cm. 
Dicke und sind in der Höhe der VI.—VIII. Rippe von gelben, verästelten Streifen 
durchsetzt, die mit ähnlichen in den schwielig entarteten Intercostalmuskeln Zu¬ 
sammenhängen. 

Oberhalb des hilus der 1. Lunge zeigen sich 2 hanfkorngrosse eiterartige 
Stellen. Der obere Lappen der 1. Lunge ist lufthaltig, graurotb, stark oedematös 
und zeigt zerstreute, spärliche, hanfkorn- bis erbsengrosse Aggregate von grauen 
Knötchen, in deren Centrum hie und da eine opake, gelbliche Stelle bemerkbar 
ist. Der untere Lappen ist wenig lufthaltig, dunkelroth , cedematös und weist 
ähnliche über hirsekorngrosse Knötchen auf. 

Beim Abtrennen des r. untern Lungenlappens von den Wirbeln 
entleert sich hie und da Eiter. Das Zellgewebe über den seitlichen Tbeilen 
des VII.—XI. Brustwirbels ist höckerig, stellenweise fluctuirend, gelblich, von 
unregelmässigen Abscesshöhlen durchsetzt. Einzelne Stellen an den Wirbeln 
sind rauh. 

Die r. L n n g e ist klein, der untere und mittlere Lappen sind geschrumpft 
und von schwieligen, gelben Massen dick umgeben. In dem wenig lufthaltigen, 
oedematösen oberen Lappen finden sich dieselben hirsekorn- bis erbsengrossen 
grauen Knötchen mit gelben Centren wie links. Aehnliche sitzen auch in dem 
luftleeren, carneficirten unteren und mittleren Lappen. 

Im Secret der Bronchien des r. Unterlappens fanden sich verhältnissmässig 
zahlreiche, gelbweisse Körner. Dies gab Veranlassung, die Bronchien nach der 
Peripherie zu verfolgen. Dabei fand sich ein schwielig ausgeglätteter, 2,5 cm. 
langer Fistelgang, welcher einen dicht am unteren äusseren Umfang der Lunge 
gelegenen Bronchus mit einem bohnengrossen Abscess der pleuritischen Schwielen 


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verband. Die Wandungen des Absccsses, welcher mit den Eitergängen der schwie¬ 
ligen Umgebung communicirte, zeigten sich weich, zottig, schwefelgelb. 

Die in den Lungen zerstreuten Knötchen ergeben sich bei der micro- 
scopischen Untersuchung als peribronchitische Herde. Die kleinen Bronchien 
sind hier verengt, die Wand zeigt sich durch Einlagerung von Spindel- und 
Rundzellen in ihren äusseren Schichten verdickt. Auf einzelnen Schnitten ist 
die Bronchialwand gegen das verengte Lumen durch eine kleinzellige, in Fett¬ 
degeneration befindliche und zerklüftete Wucherung eingenommen. An solchen 
Stellen liegen ein oder mehrere Pilzrasen. Die benachbarten Alveolarwandungen 
sind durch Rund- und Spindelzellen aufgetrieben, die Alveolen abgeplattet Im 
weiteren Umkreis enthalten die Alveolen öfter Haufen von Schleim- und Eiter¬ 
körperchen. 

Die Organe der Mundhöhle, der Rachen, die Tonsillen, Larynx, Trachea und 
der Oesophagus zeigen durchaus nichts Abnormes. 

Der Aortenbogen ist durch ein Conglomerat graurother, zum Theil schiefriger 
Drüsen in die Höhe gedrängt. Von Eiter ist in den Drüsen nichts zu finden. 

Die Milz ist vergrössert, von zäher Consistenz. Die Trabekel sind hyper¬ 
trophisch. Nirgends zeigen sich Einlagerungen oder Abscesse. 

Die Nieren zeigen glatte Oberfläche. Sie sind schmutzig grauroth, cede- 
matös, blass und ohne alle Neubildungen. Die r. Niere steht tief und ist durch 
derbes, schwieliges Gewebe völlig unverschiebbar mit ihrer Unterlage verwachsen. 
Der r. Ileopsoas ist schwielig, oedematös, von zahlreichen, gelblichen Fistelgängen 
durchsetzt* 

Der r. Hoden zeigt auf dem hinteren Umfang seines Durchschnittes einen 
wallnussgrossen und einen zweiten erbsengrossen Herd von gelblicher Farbe und 
zerfliessend weicher Consistenz. Im Eiter finden sich zahlreiche, feine Körner. 
Der 1. Hoden ist normal. Blase, Prostata und vesiculae semin. sind ohne beson¬ 
dere Veränderung. 

Die Nebennieren sind atrophisch. Die Leber ist normal gross, derb, 
zähe, die Acini sind klein, undeutlich, die Farbe schmutzig grauroth. Nirgends 
zeigen sich Neubildungen. Die portalen, mesenterialen und retroperitonealen 
Drüsen sind durchweg etwas vergrössert, grau, aber ohne allen Eiter oder Ein¬ 
lagerungen. 

Magen und unterer Theil des Darmcanales bieten nichts besonders Bemerkens- 
werthes. Im mittleren Theil des Jejunum dagegen, auf einer Länge von ca. 
50 cm. finden sich etwa 40 zerstreute, hanfkorngrosse, geschlossene, meist bläulich 
durchscheinende Knötchen. Sie sitzen in der Basis der Falten und stellen sich 
beim Einschneiden als Abscesse der Submucosa dar. Sie enthalten grauweisse 
Flüssigkeit und öfters ein gelbliches, consistentes Korn. Von Ulceration ist nichts 
zu bemerken, die Mucosa ist an diesen Stellen ganz unverändert. 

Das Zellgewebe vor und seitlich von der Wirbelsäule, namentlich rechterseits, 
von den unteren Brustwirbeln an bis ins kleine Becken hinab ist überall schwielig, 
höckerig, von zahllosen gelben Streifen durchsetzt. Diese Schwielen setzen sich 
auch durch die Foramina intervertebralia auf die Rückseite der Wirbelkörper fort. 


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Das lig. longit post, und der vordere Umfang der dura mater spinal, sind jedoch 
unverändert. 

Der Durchschnitt der herausgesägten Wirbelkörper zeigt röthliches Mark. Im 
Körper des Ii. und III. Lendenwirbels zeigen sich querverlaufende, von gelben 
Massen ausgekleidete Gänge. Mehrfach sind die Wirbelkörper auch äusserlich 
stellenweise rauh, wie angefressen. 

Die Organe der Schädelhöhle zeigen ausser leichtem Oedem der Hirnsubstanz 
nichts Abnormes. 

Die anatomische Diagnose lautete demnach: 

Rechtsseitige actin omycotische Pleuritis und Para¬ 
pleuritis, c o m m u n i c i r e n d mit einem Bronchus; Actino- 
mycose der Intercostalmuskeln und der benachbarten Haut, 
des p r a e v e r t e b r a 1 en Zellgewebes, der Wirbelsäule, des 
H e r z b e u t e 1 s u n d des Myocards mit Wucherung in die Herz¬ 
höhlen und in die V. corona r. cordis. Actinomycotischc 
Herde in den Lungen, den Muskeln, im r. Hoden und in der 
Submucosa des Jejunum. Interstitielle chronische He¬ 
patitis. 

Aus dem mitgetheilten Obductionsbefunde ergibt sich, dass der tödtliche Aus¬ 
gang als directe Folge der Pilzinvasion aufzufassen ist. Wir haben keinerlei von 
der Mycose unabhängige Veränderungen gefunden, welche als Ursache des Todes 
anzuschuldigen wären. Die vorhandene interstitielle Hepatitis war noch wenig 
vorgeschritten, eine Verkleinerung der Leber noch nicht eingetreten. * 

Ueberblicken wir den tiesammtverlauf dieses Falles, so sehen wir unsere 
früher schon ausgesprochene Ansicht, dass es sich um einen Fall von primärer 
Lungenactinomycose handle, durchaus bestätigt. Die sämmtlichen im Körper Vor¬ 
gefundenen Veränderungen lassen sich ungezwungen als Folgezustände eines primär 
im unteren Lappen der r. Lunge entstandenen Pilzherdes erklären. Wir haben 
durchaus keine Anhaltspunkte für die Annahme einer Infection auf einem der an¬ 
deren bekannten Wege nachzuweisen vermocht, speciell fanden sich die Organe 
der Mund- und Rachenhöhle und die Speiseröhre, sonst im Allgemeinen die häu¬ 
figsten Eingangspforten des Pilzes, in diesem Falle ganz frei von mycotischen 
Wucherungen. Die relativ spärlichen, sehr kleinen und noch ganz geschlossenen 
Herde in der Submucosa des Darmes sind jedenfalls erst in der letzten Zeit der 
Krankheit entstanden. 

Von dem primären Lungenherde aus, welcher wahrscheinlich der Peripherie 
der Lunge sehr nahe lag, hat sich der Process vermittelst des im Sectionsbefund 
erwähnten 2,5 cm. langen, schwielig ausgekleideten Fistelganges gegen die Pleura 
zu fortgesetzt und diese in Entzündung versetzt. Das Resultat waren ausgedehnte 
pleuritische Verwachsungen zwischen r. unterem Lungenlappen , Diaphragma und 
Brustwand und ein flüssiges, seröses Exsudat im freigebliebenen Brustfellraume, 
welches durch Aspiration 8. Z. entfernt wurde. In den pleuritischen Adhäsionen 
schritt die Neubildung weiter und führte zur Bildung der ausgedehnten actino- 
mycotischen Parapleuritis, um von hier aus im weiteren Verlauf einerseits auf die 


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Musculatur und die Haut der Brustwand, anderseits auf das prmvertebrale Zell¬ 
gewebe und die Wirbelkörper und längs derselben auf das retroperitoneale Gewebe 
bis in die Bauch- und Beckenböhle hinab weiterzukriechen, überall auf ihrem Wege 
eitrige Erweichung, an den Knochen sogar oberflächliche und tiefere Arrosionen 
hinterlassend. Merkwürdigerweise wiesen die Lymphdrüsen der ergriffenen Ge¬ 
genden nirgends Zeichen von Pilzinfection auf. 

Die verbreiteten Abscessbildungen und Wucherungen in den peripherischen 
Muskeln und in der Haut, sowie die Herde im r. Hoden und die kleinen Abscesse 
der Submucosa des Jejunum sind ohne Zweifel auf embolischem Wege entstanden. 
Die Quelle der Emboli haben wir im Herzen zu suchen, welches unter allen Or¬ 
ganen die ausgedehntesten und wichtigsten Veränderungen aufwies. In das Herz 
selbst sind die Pilze wahrscheinlich nicht durch den Blutstrom von der Lunge her 
gelangt. Aus dem anatomischen Befunde, welcher die Herzbasis als weitaus am 
schwersten erkrankt und durch sehr derbe Schwarten mit dem r. unteren Lungen¬ 
lappen verwachsen zeigt, sowie aus dem Umstande, dass viele der inneren Knoten 
mit äusseren, in den Schwarten, in directer Verbindung stehen, ist wohl eher der 
Schluss zu ziehen, dass die Neubildung sich auf directem Wege durch die Adhä¬ 
sionen und Schwielen hindurch vom Mediastinum posticum aus zum Herzbeutel 
und von da in die Herzmusculatur und in die Herzvenen fortgepflanzt hat. 

Auffällig ist, dass die grossen Unterleibsdrüsen, mit Ausnahme des r. Hodens, 
und das Gehirn von den actinomycotischen Embolis verschont geblieben sind. 
Auch das Fehlen der sonst so häufig beobachteten amyloiden Degeneration der 
Leber, Nieren, Milz etc. ist bei der so ausserordentlich langen Dauer der Krank¬ 
heit, wenigstens 3 Jahre, als ungewöhnlich zu bezeichnen. 

Im übrigen bieten der Verlauf und der anatomische Befund in unserem Falle 
nichts Abweichendes von den durch J. Israel und durch Ponfick mitgetheilten 
Fällen der thoracalen Form der Actinomycose. Die Abbildung, welche Ponfick 
von der Erkrankung des Herzens in einem seiner Fälle gibt, zeigt grosse Aehn- 
lichkeit mit dem Befunde in unserem Falle. 

Die Frage nach der Herkunft der todtbringenden Pilze ist leider auch durch 
die Obduction nicht beantwortet worden. Wir sind nicht so glücklich gewesen, 
wie J. hrail , welcher in einem actinomycotischen Abscess der Lunge ein Stück 
eines abgebrochenen Backzahnes fand, oder wie Sollmann , welcher in einem von 
der Speiseröhre ausgehenden Abscess neben der Wirbelsäule eine früher ver¬ 
schluckte Aehre der Mäusegerste entdeckte. Wir bleiben also auf die Vermuthung 
einer Infection durch Einathmung von pilz- oder sporenhaltigem Material an¬ 
gewiesen. 

Der Zufall spielte mir im verflossenen Jahre noch einen weiteren Fall von 
Actinomycose in die Hände, welchen ich als Anhang noch beifügen will. 

Im Juni 1887 consultirte mich eine Frau B. von M., 42 Jahre alt. Früher noch 
nie krank gewesen, bekam sie im Laufe der letzten 4 Wochen ohne bekannte Ursache 
am unteren Rande des horizontalen Unterkieferastes l ungefähr in der Mitte zwischen 
Kinn und Kieferwinkel eine dem Knochen unverschieblich aufsitzende, harte Anschwellung, 
welche sie, weil kaum schmerzhaft, anfangs nicht gross beachtete. Die sämmtlichen 


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Backzähne der betr. Kiefereeite hatte sie sich vor langer Zeit schon nach und nach 
wegen Zahnschmerzen extrahiren lassen. ZahogeechwÜre oder Abscesse sollen früher 
nie vorhanden gewesen sein. Trotzdem Pat. nicht fieberte und wenig Beschwerden spürte, 
magerte sie ziemlich rapid ab , bekam ein schlechtes Aussehen und die vorher regel¬ 
mässigen Menses blieben aus. Die für eine Kieferperiostitis gehaltene und mit Ungt. 
einer., Jod etc. behandelte Anschwellung nahm allmälig an Grösse zu und behinderte 
schliesslich das Oeffnen des Mundes erheblich* Das Zahnfleisch und der Alveolarrand 
waren ganz intact, überhaupt im Innern des Mundes nichts Abnormes zu bemerken; 
Drüsenanschwellungen fehlten. Ende Juli zeigte sich in der etwa 5 Markstück grossen, 
wenig erhabenen, leicht höckerigen, von dunkel pigmentirter Haut bedeckten, auf Druck 
etwas schmerzhaften, harten Geschwulst eine kleine fluotuirende Stelle. 

Bei der Incision entleerten sich wenige Tropfen dünnen Eiters, in welchem zu meiner 
Ueberraschung eine ziemliche Anzahl der mir wohlbekannten gelblichweissen, rundlichen 
Körner zu bemerken waren. Das Microscop Hess sofort Actinomycesrasen von theilweise 
beträchtlicher Grösse und sehr schön entwickeltem strahligem Bau erkennen, umgeben von 
grossentheils stark fettig degenerirten Rundzellen. 

Die daraufhin vorgenomroene Auskratzung der vielfach auBgebuchtete